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Eistoi. Wissensciiaften, gg^
8
1
Zeitsehrift
des
Vereins für hessische Geschichte
und Landeskunde.
-^f-^
Der ganzen Reihe 40. Band
Neue Folge 30. Band.
--^-^mm^^-^ —
Kassel.
Im Kommissionsverlage von Georg Dufayel.
1907.
DL
V 'f =^
(/,Ho
EX FUNDA.TIONE
Druck von L. Doli in Kassel.
Inhalt.
A.
Aufsätze. Seite
I. Anna von Braunschweig, Landgräfin zu Hessen. Von
L. Armbrust 1—71
II. Der Briefwechsel zwischen dem Landgrafen Wilhelm VIII.
von Hessen und seinem Generaladjutanten General-
major Freiherr v. Fürstenberg in den Jahren 1756/57.
Von G. Eisentraut 72—138
III. Deutsche Kaiser und Könige in Hessen. Von Karl
Wenck 139-157
IV. Kleinere Mitteilungen:
1. Ein unbekannter Brief von Euricius Cordus. Von
F. Küch 158—161
2. Zum Briefwechsel des Landgrafen Philipp mit
Luther und Melanchthon. Von F. Küch . . . 161—165
3. Ein englischer Paß von 1599. Von L. Armbrust 166—171
V. Das Restitutionsedikt in Hessen. Von Wilhelm Dersch 195 — 213
VI. Beiträge zur Geschichte des Landgrafen Hermann II.
von Hessen. V. Zur Geschichte des Kriegs mit Mainz,
Braunschweig und Thüringen i. J. 1387. Von Friedrich
Küch 214—273
VII. Beiträge zur Genealogie des hessischen Fürstenhauses
bis auf PhiUpp den Großmütigen von Carl Knetsch . 274—309
VIII. Zur Baugeschichte des alten Casseler Landgrafen-
schlosses. Von Carl Knetsch 310—342
B.
Literatur 172—193
343-381
Albert, P. P., Würdtwein und s. Verdienste um
die deutsche Geschichtsforschung (Wenck) 377. —
Apell, F. V., Der Versuch z. Entsätze Landaus
und die Schlacht am Speyerbach (Losch) 369). —
Beiträge z. Hess. Kirchengesch. redig. von W.
Diehl und W. Köhler, Bd. 1—3, 2 (Wenck) 346. —
Bennecke, W., Hoftheater in Kassel (Schröder)
IV
187. — Bericht über die Fortschritte der Rö-
misch-German. Forschung im Jahre 1905 (Wenck)
378. — Bildnisse, Die — Phihpps des Groß-
mütigen, bearb. von A. v. Drach und G. Koennecke
(P.Weber) 362. -- Birt, Th. siehe Universitäts-
matrikel. — Blätter, Hessische -- f. Volkskunde,
V, 2/3 (Wenck) 377. — Börkel siehe: Hessen im
Munde. — Chuquet, Arthur, un prince Jacobin.
Charles de Hesse ou le g^n^ral Marat (Wenck) 370.
— D i e h 1 , W. siehe Beiträge. — D i e m a r , Land-
graf Ludwig I. und Ludwig II. von Hessen (Wenck)
191. — Drach, A. v. siehe: Bildnisse. — Eubel,
Kölnische Minoriten-Ordensprovinz (Huyskens) 176.
— Festgabe zum Bonifatius - Jubiläum 1905
(Wenck) 343. — Fischer, Frz., Die Reformations-
versuche des Bischofs Franz von Waldeck im
Fürstentum Münster (Wenck) 368. — Foltz, M.
siehe: Urkundenbuch der Stadt Friedberg. —
Friedrich, Jul., Die Entstehung der Reformatio
ecclesiar. Hassiae von 1526 (Dersch) 366. — Ge-
schichtsblätter, Fuldaer — Jahrg. 1 — 5
(Wenck) 343. — Geschichtsblätter für Waldeck
und Pyrmont Bd. 1—6 (Wenck) 347. — H a p p e 1 , Ro-
manische Bauwerke in Niederhessen (Dersch) 175.
— Hartwig, 0., Aus dem Leben eines deutschen
Bibliothekars (Schröder) 372. — Herrmann,
Fr., Tilemann Schnabel (Wenck) 191. — Hessen
im Munde der Dichter, ges. u. hera. von Alfr.
Börkel und Phil. See (Schröder) 349. — Hessen-
Kunst, Kalender für 1906 und 1907 hera. von
Chstn. Rauch (Wenck) 376. — Hessenland
1906 (Wenck) 377. — H e ß 1 e r , C. siehe : Landes-
und Volkskunde. — Heymann, E., Parochial-
änderung und Katholizitäts-Prinzip nach kurhes-
sischem Kirchenrecht (Müsebeck) 374. — Hitzig,
Etta, D. Ernst Const. Ranke (Wenck) 372. —
Hoffmann, F. und B.Zölfifel, Beiträge z. Glocken-
kunde d. Hessenlandes (J. Bauer) 357. — Hotten-
roth, Frdr., Die Nassauischen Volkstrachten (K.
Heldmann) 350. — Hufschmidt, Fr., Ge-
schichte des oberen Warmetales insbes. der Stadt
Zierenberg (Wenck) 359. — Huyskens, Alb.,
Handelskrisis 1542/3 (Wenck) 192. — Just i, Ferd.,
Hessisches Trachtenbuch (K. Heldmann) 350. —
Kalender, Hessischer — für 1907 hera. von H.
Meyer-Cassel (Wenck) 376. — Keck, Oberappel-
lationsgericht zu Kassel (Wenck) 193. — Köhler,
W., Die Entstehung der Reformatio ecclesiar. Has-
siae von 1526 (Dersch) 366. — Köhler, W. siehe:
Beiträge. — Koennecke, G. siehe: Bildnisse. —
Landes- und Volkskunde, Hessische — ,
hera. von C. Heßler Bd. 2 (K. Heldmann) 350. —
L e j e u n e , Münzen der Burg Friedberg (Schröder)
180. — Levison, W., siehe: Vitae Bonifatii. —
Losch, Phil., Der erste Lippische Erbfolgekrieg
(Wenck) 381. — Ludwigs, Nekrolog auf Cornelius
Will (Wenck) 378. — Meyer-Cassel, H. siehe:
Kalender. — Mirbt, K., Kathol.-theolog. Fakultät
zu Marburg (Wenck) 189. — Mitteilungen des
Geschichtsvereins der Stadt Alsfeld (Wenck) 191.
— Mitteilungen des Oberhessischen Ge-
schichtsvereins Bd. 14 (Wenck) 376. — Monu-
menta German. histor. Karolingerurkunden I,
Constitutiones III und IV (Wenck) 378. — Nau-
mann, Hnr., Vom Heimatacker (Wenck) 375. —
N o 1 1 , Otto der Schütz in der Literatur (Schröder)
184. — Peßler, Willi, Das altsächs. Bauernhaus
(Wissemann) 358. — Quartalblätter des histor.
Vereins des Großherzogt. Hessen (Wenck) 190. —
Quellen und Abhandlungen zur Geschichte
der Abtei und der Diözese Fulda hera. von Greg.
Richter, 1. 2 (Wenck) 343. ~ R a u c h , Chstn. siehe :
Hessen-Kunst. — Richter, Greg, siehe: Quellen
und Abhandlungen. — Richter, Greg., Zur Ge-
schichte des Bauernkriegs im Höchst. Fulda (Wenck)
192. — Ropp, G. Frhr. von der — siehe: Ur-
kundenbuch der Stadt Friedberg. — Rubel, Die
Franken (Wenck) 191. — Schlager, Kölnische
Franziskaner - Ordensprovinz (Huyskens) 176. —
See, Phil, siehe : Hessen im Munde. — Studien
aus Kunst und Geschichte Friedrich Schneider ge-
widmet (Wenck) 379. — Universitätsmatrikel,
Marburger — für die Jahre 1700—1720 hera. von
Th. Birt (Wenck) 380. — Urkundenbuch der
Stadt Friedberg. Hera, von G. Frhr. von der Ropp.
Bd. 1, bearb. von M. Foltz (Wiese) 360. — Ver-
öffentlichung 1. bis 5. des Fuldaer Geschichts-
vereins (Wenck) 343. — Vitae Bonifatii recogn.
VI
W. Levison (Wenck) 172. — Voltz, L., Zur Kapi-
tulation von Ziegenhain (Wenck) 192. — Wagner,
Was man aus alten Kastenrechnungen lernen kann
(Wenck) 380. — Zölffel, B. siehe: Hoflfmann, F.
— Zschau, W. V., Quellen und Vorbilderinden
„Lehrreichen Schriften" J. B. Schupps (Lühmann)
368. ~
Ferner zur Besprechung eingegangene Bücher :
190 und 376.
C. Seite
Verzeichnis neuer hessischer Litei:atur. Von
Adolph Fey 382-402
Zusätze und Berichtigungen 403
Anna von Braanschweig, Landgräfin zu Hessen.
Von
Ij. Armbrust.
Einleitung.
Zwei Fürstinnen, beide Anna geheißen, haben im
zweiten Jahrzehnte des sechzehnten Jahrhunderts die Land-
grafschaft Hessen geraume Zeit in Aufregung erhalten:
Anna von Mecklenburg, Philipps des Großmütigen Mutter,
und deren Schwägerin, die fünfundzwanzig Jahre ältere
Anna von Braunschweig, Gattin Wilhelms L des Älteren
von Niederhessen. Der letzteren sollen die folgenden
Seiten gewidmet werden.
Ihren Lebensweg verdüsterten getäuschte Hoffnungen
und stete Streitigkeiten. Und nirgends ein freudiges Em-
porsteigen wie bei Anna von Mecklenburg, die in späteren
Jahren auf eine kurze Glanzzeit, auf Siege und Erfolge
zurückbHcken konnte. Das Leben Annas von Braun-
schweig, der „alten Landgräfin", verlief in ununterbrochener
Ebene, und doch tausenderlei Hindernisse! Sie gehörte
zu den Unglücklichen, bei deren letztem Atemzuge man
erleichtert ruft: Gottlob, ausgekämpft! Ihr Unglück war
nicht ganz unverschuldet. In vieler Hinsicht führte sie
einen Kampf ums Recht, aber durch falsche Ratgeber
mißleitet, spannte sie vom Anbeginn ab ihre Ansprüche
höher als Billigkeit, Kraft und Macht erlaubten, und in
ihrer Erbitterung kam ihr jeder als Bundesgenosse recht.
Dennoch muß man sie mehr bedauern als anklagen: zu
früh begannen ihre Enttäuschungen, zu viel wurde sie
zurückgesetzt, hintergangen, mißbraucht. Wen das Schicksal
und die Mitmenschen allzu oft stoßen und schlagen, der
geht nie ohne Wehr und Waffen aus und braucht sie auch
N. F. BD. XXX. 1
— 2 —
da, wo friedliche Unterredung natürlicher und ersprieß-
licher wäre.
Schon vom rein menschlichen Standpunkte verlohnt
es sich der Mühe, ein solches Leben näher zu betrachten. ^)
I. Bis zum Tode ihres Schwagers, Wilhelms II.
des Mittleren von Hessen 1460— 1509.
a. Annas Jugend, Eheschließung, Aussteuer und Kinder.
Anna von Braunschweig 2) wurde etwa 1460 zu Har-
degsen, einem Landstädtchen zwischen Göttingen und Ein-
beck, geboren. Ihre Eltern waren Herzog Wilhelm der
Jüngere von Braunschweig und Elisabeth, geborene Gräfin
von Stolberg und Wernigerode^), ihre Brüder Heinrich der
Ältere (1463-1514) und Erich I. (1470-1540).
Wenn Anna auf ihre Mutter artete, so mußte sie voll
Güte und Nachgiebigkeit sein. Denn Herzogin Elisabeth
galt als gottesfürchtige Frau, als Gönnerin der Kirchen
und Kirchendiener, der Armut Trost, der Witwen Er-
quickung. So soll wenigstens ein Geistlicher bei ihrem
Begräbnisse gerühmt haben. In Anna dagegen, wie in
deren Brüdern, schlief ein Fünklein von dem streitbaren
Großvater, und die Jahre wetzten den Stahl, der den
Funken ans Licht rief.
Nach der Überlieferung ward Anna schon als kleines
Kind (1467) mit Jobst Grafen von Hoya verlobt. Die Ver-
lobung löste sich nach langjährigem Bestände gerade, als
die junge Fürstentochter das rechte heiratsfähige Alter
erreicht hatte. Auf den Gemütszustand eines Mädchens
pflegt langer Brautstand und endliche Trennung einen un-
günstigen Einfluß auszuüben.
^) Aus Beiträgen zu Annas Lebensgeschichte ist das folgende
Bild erwachsen. Von handschriftlichen Quellen sind besonders solche
des Staatsarchivs und des preußisch-hessischen Samtarchivs zu Mar-
burg benutzt.
*) Sie selbst schrieb sich Anne. — Aus Mangel an urkundlichen
Nachrichten beruhen die wenigen Zeilen über Annas Jugend auf Reht-
meiers braunschweig-lüneburgischer Chronik S. 770; auf P. Zimmer-
mann, Grabstätten der Weifen, im Braunschweig. Magazin 1900: 6, 113;
auf Jak. Hoffmeister, historisch-genealogisches Handbuch von Hessen
S. 24. 25. Ed. Jacobs, Elis. v. Brschw. in d. Allgm. Dtsch. Biogr. 6, 16-18 usw.
*) Franz Lübeck im ersten Bande seiner braunschweig.-lüne-
burgischen Chronik (Cod. MS. Götting. 3 I., Universitäts - Bibliothek,
Göttingen) setzt die Hochzeit beider ins Jahr 1472 (statt 1454). in der
Göttinger Chronik (Blatt 150b) ins Jahr 1474. Die letztere Angabe
streicht er aber selbst wieder.
— 3 -
Hier aber war schon ein neuer Bewerber in Sicht
von größerem Ansehen, freilich ein halbes Dutzend Jahre
jünger als die Braut: Landgraf Wilhelm I. der Ältere von
Hessen, geboren am 4. Juli 1466. Ein erhebliches Ehe-
hindernis bestand in der Verwandtschaft der Verlobten.
Päpstlicher Machtspruch half darüber hinweg (29. Februar
1480). Irrtümlicher Weise hatte die römische Kanzlei Ver-
wandtschaft vierten Grades angenommen, während Land-
graf Wilhelm im vierten, Anna dagegen im dritten
Grade von demselben Stamme entsprossen war. Damit
kein Mangel bestehn bliebe, mußte Papst Clemens VI.
noch einmal bemüht werden.^)
Landgraf Wilhelm I. stand unter der Vormundschaft
seines Oheims Heinrich. Die Verbindung mit Anna von
Braunschweig leitete aber Wilhelms Mutter, Mechthild von
Württemberg, ein. Im Grenzdorfe Spiekershäusen verab-
redete sie mit Herzog Wilhelm eine Mitgift von 15 000 Gulden,
wofür Schloß und Gericht Sichelstein samt dem braun-
schweigischen Teile des Kaufunger Waldes und dem
Flecken Hedemünden an der unteren Werra als Pfand
diente. Annas zukünftiger Gatte hatte eine gleichwertige
Gegengabe zu bieten, die man erst auf die hessischen
Städte Melsungen und Sontra anwies, dann auf Greben-
stein, Immenhausen und die Hälfte des Reinhardswaldes ^).
Der Brautstand dehnte sich wieder über mehrere Jahre
aus. In dieser Zeit mußte Anna ansehen, wie ihr Bräutigam
als mündiger Fürst sich einen Landesteil nach dem andern
durch seinen jüngeren Bruder, Wilhelm den Mittleren, ab-
dringen ließ. Ein Trost, daß er einstweilen noch die
Hauptstadt Kassel und die größere Macht behielt. Die
Hochzeit fand am 17. Februar 1488 auf dem Schlosse zu
Münden statt. ^) Sechs Tage lang dauerten die Festlich-
*) Notar.-Instrum. vom 19. Sept. 1480 im Landeshauptarchiv zu
Wolfenbüttel. Graf Wilhelm von Wertheim, Propst zu S. Alban, er-
klärte im Namen des dazu beauftragten Erzbischofs Diether von Mainz
die Ehe für erlaubt.
') 1482 Dz. 10. Preußisch-hessisches Samtarchiv No. 54 Schieb-
lade 83. — 1483 Dz. 9. Kopialbuch der Ldgr. Ludwig II. und Wilhelm IL
Blatt 132 a.
8) G. Schmidt, Urkundenbuch der Stadt Göttingen 2, 346 Anra. *^
— Konrad Bothes Clironik: Leibnitz, Scriptor. Brunsvic. 3, 422. —
Rehtmeier, Braunschw.-Lüneburg. Chronik S. 770. — Franz Lübeck,
Chronik und Annalen der Stadt Göttingen, Blatt 174a (Hdschr. in der
Univ.-Bibl. Göttingen 4). Lübeck stützt sich seit 1444 auf die Auf-
zeichnungen des Joh. Rivesolt, Küsters zu S. Jacobi in Göttingen, f 1504.
Nach ihm war die Hochzeit in den dorlen dagen = 18. und 19. Februar.
— 4 —
keiten, an denen auch Vertreter braunschweigischer Städte,
Göttinger Ratsherren und Trabanten teilnahmen. „Und
damit ist damals zwischen den beiden Häusern Braun-
schweig und Hessen große Freundschaft und Einigkeit
gestiftet", meint ein späterer Chronist. Die Behauptung
läßt sich schwerlich beweisen. Für Anna bedeutete die
Verehelichung durchaus nicht den Anfang von eitel Glück
und Sonnenschein. Es ist meist ein gewagtes Stück, wenn
ein reifes, vielleicht überreifes Weib einen angehenden
Jüngling zum Gatten wählt. Nun wird Wilhelm zwar von
einem Zeitgenossen, der ihn durch persönlichen Umgang
kannte, als ein gerader und starker junger Mann ge-
schildert, der redliche Vernunft und gutes Verständnis be-
sitze^); aber diese schönen Gaben hielten nicht lange vor,
und seine Willensstärke kann nie bedeutend gewesen sein.
Während der Flitterwochen hatte sich Anna noch nicht
zu beklagen. Ihr Gemahl schenkte ihr als Morgengabe
das dem Sichelstein gegenüber liegende Schloß Sensen-
stein 2) und verbriefte ihr die Anwartschaft auf Hermann
Luglins Lehengüter, sobald dieser stürbe, und nochmals
auf ihr früher ausbedungenes Witwengut. Wilhelm der
Mittlere stimmte der Verabredung ausdrücklich bei und
versprach sie zu halten.^) Die Zustimmung ihres Schwagers
wurde später von ungeahnter Wichtigkeit für die braun-
schweigische Fürstentochter.
Des älteren Landgrafen Schwiegervater, Herzog
Wilhelm, war nicht in der Lage, Gleiches mit Gleichem
zu vergelten. Annas Aussteuer genügte fürstlichen An-
sprüchen nicht. Sie bekam nur fünftausend Gulden mit,
den dritten Teil der versprochenen Summe, über den Kest
vertröstete man ihren Gatten auf später.* Dadurch konnte
sich die Stellung der jungen Fürstin am hessischen Hofe
leicht verschlechtern; denn bares Geld war damals ein
seltener Gast bei den Landgrafen, und es anzuschaffen
ihre stete Sorge. Wilhelm der Ältere drängte auf Zahlung,
aber die Sache ging langsam. Die braunschweigischen
Landstände, die den Brautschatz bis zum folgenden Herbste
^) Johannes Nuhn bei Senckenberg, Selecta jur. et historiarum 5,
474. 475. .463.
') Über beide Burgen vergl. C. Neuber im „Hessenland" 1904
No. 7. 8. 10.
*) 1488 April 22. Preußisch-hessisches Samtarchiv No. 66 Schieb-
lade 83. No. 83 Schieblade 84. — Kopialbuch der Ldgr. Ludwig IL
und Wilhelm IL Blatt 135b. — Hessische Beiträge 2, 623.
aufzubringen beschlossen hatten, machten allerhand Schwie-
rigkeiten. Erst mußte der Herzog ihnen eine förmliche
Bescheinigung ausfertigen, daß er das in Aussicht gestellte
Geld zu keinem andern Zwecke verwenden wolle, und
dann fragte die Stadt Münden, die unmittelbar vom Land-
grafen gemahnt war, erst bei Göttingen an, was zu ant-
w^orten sei. *) Auf den 9. September 1489 berief der Herzog
abermals einen Landtag nach Marienstein und erlangte
wieder die bestimmte Zusage, daß man die nötige Summe
in Göttingen zusammenbringen wolle. Den Worten folgten
keine Taten. Der Landgraf ersuchte noch einmal den Rat
zu Münden, ernstlichen Fleiß an die Erledigung der Sache
zu wenden. ^) Trotzdem hielten die Landstände ihre ge-
ringen Mittel fest.
Darauf kamen Schwiegervater und Eidam in Lutter-
berg zusammen und verabredeten, daß achttausend Gulden
in vier Wochen entrichtet werden sollten, das Übrige in
zwei Jahren. Geschehe das nicht, so dürfe die braun-
schweigische Feste Sichelstein nebst dem zugehörigen
Gerichte von Hessen eingenommen werden. Friedrich
von Linsingen, Amtmann zum Sichelstein, wurde ange-
wiesen zu beschwören, daß er nach Ablauf der zwei Jahre
dem Landgrafen untertänig sein wolle. ^) Das schienen
ernstere Abmachungen zu sein, als man bisher beliebt
hatte; dessenungeachtet wurde kein Pfennig abgezahlt,
auch dann nicht, als Heinrich der Ältere, Annas Bruder,
(wie man schon an seinem Äußern sah*)), in seinem und
Herzog Erichs Namen seine Zustimmung zum Vertrage
über die Mitgift seiner Schwester gab.^)
Landgraf Wilhelm verließ seine junge Frau und trat
(im April 1491) eine Reise ins heilige Land an, von der
er erst im folgenden Jahre heimkehrte, nicht frisch und
gesund, sondern „krank im Haupt, daß er phantasierte**^),
ein harter Schlag für seine Gemahlin. Den Kampf um die
*) Ein Landtag zu Marienstein bei Nörten fand angeblich am
7. April 14^ statt (Montages in den h. österlichen Feyertagen : Joachim
Meier, Origines et Antiquitates Plessenses. Lpz. 1713, S. 306). Ein
zweiter höchst wahrscheinhch im Herbste. — 1488 Sept. 28., Okt. 12.,
Dez. 20. Göttinger Urkb. 2, 346. 347. 348.
') 1489 Sept. 2. Münden ; Okt. 17. Kassel. Staatsarchiv Hannover :
Cal. ßr. Arch. Des. 22, XXXV No. 4.
») 1490 Jan. 25. Kopb. der Ldgr. Ludw. II. u. Wilh. II. Blatt 136 a.
*) Senckenberg 5, 659 (1511).
») 1490 Mai 2. Samtarchiv No. 77 Schiebl. 84.
•) Job. Nuhn bei Senckenberg 5, 474.
— 6 —
Mitgift setzte er dennoch fort. In Landwehrhagen (zwischen
Kassel und Münden) traf er noch einmal mit seinem
Schwiegervater zusammen und gewährte ihm wiederum
vier Wochen Frist. Nach deren Ablauf traten endlich
Herzog Wilhelm und seine Gattin Else den Sichelstein,
Hedemünden und den braunschweigischen Teil des Kau-
funger Waldes an den Landgrafen ab, an Stelle von zehn-
tausend Gulden der rückständigen zwei Drittel des Braut-
schatzes. ^) Die beiden Söhne des Herzogs, durch den Ver-
trag vom 2. Mai 1490 gebunden, konnten keinen Wider-
spruch erheben; Heinrich verpflichtete sich in einer be-
sonderen Urkunde, Silbergeschirr und anderes, was an der
Aussteuer seiner Schwester fehle, dem Landgrafen zu
„vergnügen". 2) —
Beruhigter konnte sich Anna ihrer Familie widmen,
wie es schien. Ihrer Ehe mit dem Landgrafen entsprossen
fünf Töchter.^) Mechthild, geboren etwa 1489, starb wohl
bald nach der Geburt. Das zweite, kaum ein Jahr jüngere
Kind, wiederum nach der Großmutter Mechthild genannt,
wurde Nonne zu Weißenstein (jetzt Wilhelmshöhe), trat
aber nach Jahrzehnten wieder aus und heiratete den Grafen
Konrad von Tecklenburg (1527). *) Sie starb am 6. März
1557. Die dritte Tochter, Anna, erblickte um 1491 das
Licht der Welt, deren Freuden ihr ebenfalls verschlossen
blieben. Im Kloster Ahnaberg bei Kassel lebte sie noch
im Sommer 1513^), vor dem Herbst 1516 wird ihr Tod
erwähnt.^) Katharina, 1493 geboren"^), gestorben 1525,
und die zehn Jahre jüngere Elisabeth, aus dem Leben ge-
schieden am 4. Januar 1563, werden unten mehr genannt
werden.
b. £ntmündigrangr ihres Gemahls, Annas Heimkehr nnd
Heimatlosigrkeit.
Die Freude über die endlich erlangte Mitgift machte
Wilhelm I. nicht wieder gesund. Jetzt war die Zeit Wilhelms
1) 1493 Jan. 9. u. Febr. 5. Kopb. der Ldgr. Ludw. IL u. Wilh. IL
BL 137 b. 138a.
2) 1493 Febr. 5. „am dinstage (vor) Dorothee virginis"; „vor"
hat der Urkundenschreiber ausgelassen. Samtarch. No. 82 Schieb!. 84.
3) Herrn. Diemar, Geschlechtsreihe d. Landgr.: Z. H. G. 37, 30.31.
*) Eheberedung vom 5. Dez. 1526. Polit. Archiv des Landgr.
Phil. I. Ldgrfl. Personalien.
s) Glagau, Hess. Landtagsakten (H. L.) 1, 569 No. 60b § 15.
®) Akten betr. die Landgräfm Anna, Ldgr. Wilh. I. Gemahlin. DiUch
(Hess. Chron. Kassel 1608, S. 274) behauptet, Anna sei zu Marburg gestorben.
^) 1515 Febr. 23. (Samtarch. No. 105 Schieb!. 85) war sie noch
nicht 25 jährig.
— 7 —
des Mittleren gekommen. Dieser überredete seinen Bruder,
der Herrschaft zu entsagen und ihm sein ganzes Fürstentum
Niederhessen zu übergeben, ein überaus folgenschwerer
Schlag für Anna, deren Vater übrigens seinem Bruder
Friedrich ähnlich mitgespielt hatte. In dem Vertrage^)
fand Wilhelms desÄlteren Krankheit gar keine Erwähnung.
Um das Fürstentum Hessen durch die fortwährenden
Teilungen nicht mehr zu schwächen — so hieß es in der
Urkunde — und um die Einwohner desto besser gegen
fremde Anfechtung zu verteidigen, und aus anderen Ur-
sachen überließ Wilhelm I. seinem Bruder die Landgraf-
schaft nebst Sichelstein und Hedemünden, letztere als
braunschweigisches Pfand für 10000 Gulden. Er behielt
sich nur Schloß, Stadt und Gericht Spangenberg vor,
sowie eine jährliche Zahlung von 2000 und eine
einmalige Abfindung von 12000 Gulden. Seine Ab-
tretung erklärte er für unwiderruflich, aber auch ihm
müßten alle Zusagen gehalten werden. Obwohl er seine
Gemahlin bei seinen Lebzeiten nicht mit einem Witwen-
gute zu versehen brauchte, sondern nur mit einem jähr-
lichen geziemenden Einkommen, so beauftragte er doch,
aus sonderlicher Neigung zu ihr, seinen Bruder, ihr im
Hessenlande eine gleichwertige Leibzucht wie Grebenstein
und Immenhausen zu verleihen, wo sie aber friedlicher
wohnen könne als in diesen beiden Städten. Wilhelm der
Mittlere war damit einverstanden und verhieß seiner
Schwägerin eine entsprechende Verschreibung und aus
seinen eigenen Gütern Ersatz für dasjenige, was etwa aus
ihrer Leibzucht verpfändet wäre. Wie selbstverständlich,
übernahm er die Verpflichtungen gegen Kaiser und Reich
und die landgräflichen Schulden. Wilhelms des Älteren
Erbrecht erkannte er für den Fall, daß er selbst oder der
Marburger Vetter, Wilhelm III. der Jüngere, stürbe, ohne
Einschränkung an. ^) Der Kaiser bestätigte die Übergabe
der Landgrafschaft. ^)
Ein undatierter Entwurf*) beschäftigt sich mit Annas
Tode. Sollte dieser Fall vor dem nächsten Michaelistage
eintreten, so wollte Wilhelm der Mittlere seinem Bruder,
außer der dann fälligen Abzahlung von 5000 Gulden,
2000 Gulden entrichten.
']
) 1493 Juni 3. Samtarch. No. 44 Schiebl. 76. Vgl. Hess. Beitr. 2, 630.
^ Samtarch. No. 48 Schiebl. 76.
Innsbruck 1493 Sept. 23. Samtarch. No. 36 Schiebl. 15.
') Samtarch. No. 52 Schiebl. 77.
— 8 -
Anna, die vermutlich im Sommer 1493 ihre zweit-
jüngste Tochter Katharina gebar, blieb am Leben. Des-
halb ist seitdem nur die Rede von einer Abfindung von
10000 (statt 12000) Gulden, und zwar galt diese für den
rückständigen Teil von Annas Mitgift. Der regierende
Landgraf, Wilhelm der Mittlere, wurde nun Gläubiger
der braunschweigischen Herzöge und rechtmäßiger Pfand-
besitzer von Sichelstein und Hedemünden. Denn mit der
Bezahlung zögerte er nicht. Schon nach wenigen Wochen
bescheinigte sein älterer Bruder den Empfang des halben
Schuldbetrages, nach vier Monaten des Restes bis auf
200 Gulden. ^) Die ersten beiden Jahre erfüllte Wilhelm IL
auch alle übrigen Verpflichtungen. ^)
Man gewinnt den Eindruck, daß der kranke Land-
graf gar nicht so ungern die Herrschaftslast abgeschüttelt
hatte. Er ließ sich noch in demselben Jahre an der Uni-
versität Erfurt in die Studentenliste eintragen und genoß
dann seine Freiheit auf Reisen.
Seine Gemahlin trennte sich von ihm und wurde
nach Kassel gewiesen. Man hielt sie dort keineswegs
fest, sondern sie durfte mit ansehnlichem Gefolge durchs
Land reisen.^) Ihr Einkommen betrug 1700 Gulden
jährlich. So muß es Wunder nehmen, daß sie es vor-
zog, sich nach der hessischen Seite ganz unabhängig
zu machen.
Ihre Mutter Elisabeth und ihr Bruder Heinrich waren
es, die in solchem Sinne auf sie einwirkten. Durch deren
fortgesetzte Bitten ließ sie sich zu ihrem Schaden bewegen,
ihre Leibzucht in Hessen aufzugeben und dafür den Sichel-
stein wieder ans Herzogtum Braunschweig zu bringen.
Man verschrieb ihr von der braunschweigischen Seite zum
Ersatz Schloß und Stadt Uslar und eine Einnahme in
^) 1493 (vigilia visitacionis Marie?) virginis, also Juli 1.? und
Okt. 11. „iii abschlag der 10000, so sein liebe uns von unsers swehers
von Brunswig wegen naich laud brieflicher urkund zu geben ver-
schrieben gehabt." Samtarch. No. 57 und 58 Schiebl. 77.
*) Empfangsbescheinigungen Wilhelms des Älteren vom 6. Aug.
1493, 6. April und 12. Okt. 1494, 12. März und 8. Sept. 1495. Samt-
archiv No. 60 Schiebl. 77.
8) Am 25. und 26. Febr. 1494 hielt sie sich mit zwölf Pferden
in Melsungen, zwischen Kassel und Spangenberg auf. Melsunger
Amtsrechn. 1494.
— 9 —
barem Gelde. Wilhelm der Mittlere widersetzte sich lange
diesen Plänen. Endlich gab er nachj)
Anna sprach ihn, sowie die Städte Grebenstein und
Immenhausen von den ihr geleisteten Gelübden und allen
Verpflichtungen frei, auch die Stadt Kassel, die für die
Vollständigkeit ihrer Leibzucht aufzukommen hatte. Nur
das Schloß Sensenstein, die Morgengabe ihres Gemahls,
wollte sie zeitlebens in Gebrauch behalten. Sie verpflichtete
sich indessen, dort nur einen solchen Amtmann einzusetzen,
der „dem Fürstentume zu Hessen verwandt*' sei. Ihr Vater,
Herzog Wilhelm, und ihre Brüder Heinrich und Erich er-
klärten sich gern mit dem Vertrage einverstanden. 2)
Anna war nun auf die Versprechungen ihrer Ver-
wandten angewiesen. Das mochte gehn, so lange ihr
Vater am Ruder blieb. Dieser verzichtete aber sehr bald
(2. Mai 1495) auf die Herrschaft, die er unter seine beiden
Söhne teilte. Erich hatte auf Grund dieser Erbteilung für
die Leibzucht seiner Schwester zu sorgen und die drei-
hundert Gulden, die ihr früher von der Harzburg ver-
schrieben waren, aus seinem Landesteile zu entrichten.^)
Er betrachtete Annas Unterhaltung als eine unangenehme
Last. Sie fühlte das um so mehr, da sie jetzt im braun-
schweigischen Lande wohnte. Jahr um Jahr wartete sie
vergeblich auf die Erfüllung der Verheißungen, auf die
Übergabe Uslars, auf die Auszahlung des Geldes; Erich
suchte sie mit wohlklingenden Worten hinzuhalten und
abzufertigen.
Anna hoffte auf die Hülfe der braunschweigischen
Landstände. Einem Landtage zu Marienstein, der ihret-
wegen am 22. Dezember 1496 abgehalten werden sollte,
gedachte sie ihre Not zu klagen; denn sie bat Heise
von Kerstlingerode dringend, er möge aus Treue zu ihr
der geborenen Fürstin des Landes, die Versammlung nicht
versäumen.*) Die Landstände erwiesen sich nicht für-
*) Briefwechsel mit Braunschweig-Kalenberg 1499—1501.
«) 1494 Okt. 11. Samtarch. No. 83 Schiebl. 84. — Beim..Ver-
tragsschlusse waren nur drei Fürsten vertreten: Heinrich der Ältere
von Braunschweig durch Dietrich von Schachten, Hans Diede und
Nikolaus Zimmermann; Landgraf Wilhelm I. durch Rabe von Herda;
Wilhelm II. durch Konrad von Mansbach, Friedrich Trott, Hans Kumpan
(Kompenhans) und Johannes Westerburg.
*) 0. V. Heinemann, Gesch. v. Braunschweig u. Hannover 2, 217. 231.
*) Münden 1496 Dez. 5. Staatsarch. Hannover: Kerstlingerode
30. — Joachim Meier (Origines et Antiquitates Plessenses S. 307), der
sich häufig im Datum irrt, setzt diesen Landtag auf den Montag nach
Nicolai (Dez. 12.) und Agnes (f 1471) für Anna.
— 14 —
Landgrafenhaus zurückfallen. Einen wichtigen Punkt im
Vertrage scheint sich Anna nicht klar gemacht zu haben.
Sie erhielt Melsungen nicht schlechthin, sondern nur die
Einkünfte daraus, soweit sie in einem beigefügten Re-
gister standen. Wenn sich nun der Ertrag durch Miß-
ernte, Krieg oder schlechte Verwaltung minderte, so hielt
es schwer, den Landgrafen zum Ersätze heranzuziehen.
Obendrein legte man einen möglichst hohen Jahressatz
der Einnahmen zu Grunde und bürdete der Landgräfin
die Kosten der Verwaltung und Eintreibung auf. Von
der Jagd standen ihr nur Hasen und Rehe zu ; der Land-
graf wollte ihr indessen jährlich zwanzig Stück (Hirsch-)
Wild liefern. In Wirklichkeit konnte sie froh sein, wenn
sie ein halbes Dutzend bekam. Aus dem herrschaftlichen
Forste durfte sie Brenn- und Bauholz entnehmen, soweit
es zu notwendigen Bauten am Schlosse gebraucht wurde.
Dies bildete für Wilhelm II. eine Handhabe, seine Schwä-
der Stadt Einbeck hinterlegt waren, sechzig zu leicht und übergab
darum seinen Empfangsschein dem genannten Stadtrate zur Aufbe-
wahrung. (1512 Juli 14 Kassel. Or. Heinrich von Bodenhausen und
Jost von Baumbach an ihre Mitregenten zu Marburg. Briefw. m.
Brschw.-Kalenb.) Der Sichelstein fiel noch immer nicht an die Land-
grafschaft zurück. Anna von Mecklenburg machte deshalb den hessi-
schen Regenten Vorwürfe ([1514 Januar 9.] H. L. 1, 179). Ihr als Regentin ge-
lang es dann, Schloß und Gericht für Hessen zurückzugewinnen,
ohne daß sie daran dachte, Boyneburg zu entschädigen. Vielmehr
wie in regelrechten Fehden wurden die beim Sichelsteine weidenden
Schafe geraubt und nach Melsungen getrieben (Mlsr. Amtsrechn. 1514).
Die Einwohner verweigerten anfangs die Huldigung (1514 September
14 Kassel. Or. Kraft von Bodenhausen, Statthalter zu Kassel, an
Anna von Mecklenburg. Briefw. mit Brschw.-Kalenb.). Die Landgräfin
befahl dem Statthalter, eine Anzahl Bewaffneter mitzunehmen und
die Sichelsteiner zur Huldigung zu nötigen, aber keine Gewalttat
mehr zu begehn. Es werde genügen, das Schloß mit einem oder
zwei Knechten zu besetzen. (1514 Sept. 15. Veckerhagen. Entwurf.
Anna von Mecklenburg an Kraft von Bodenhausen, Statth. z. Kassel.
Ebenda.) Später wurde das Braunschweiger Land vom Sichelsteine
aus durch Reiter beschädigt (1516 Nov. 16. Münden. Or. Herzogin
Katharina an Kraft von Bodenhausen, Statthalter z. Kassel. Ebenda).
Da Ludwig von Boyneburg zu dem Gelde, das er für die Einlösung
aufgewandt hatte, nicht anders gelangen konnte, klagte er mit seinem
Bruder Hermann zusammen im April 1523 beim Reichskammergericht
auf Herausgabe des Schlosses und Amtes (Histor. Vr. des Großhzts. H.,
Philipp S. 125 Anm. 119). Seine Aussöhnung mit dem Landgrafen (1527)
wird auch seine Ansprüche auf den Sichelstein beseitigt haben. PhiUpp
gab mehrere Jahre später gegen entsprechende Entschädigung die
Burg und ihr Gebiet endgültig an Braunschweig zurück und ließ in
Gemeinschaft mit Herzog Erich die dortige Grenze festlegen (1536
Januar 10. Kassel. Verträge mit Braunschweig und Hannover.)
— 15 —
gerin mit der Erhaltung des alten morschen Melsunger
Schlosses zu belasten. Bis zu seinem Tode rührte er
keine Hand mehr, um etwas daran zu bessern; was ge-
schah, ließ Anna selbst bauen und bezahlen.
c. Buhigrere Jahre in Meisungpen.
Das sei nun, wie es wolle, jedenfalls besaß die alte
Landgräfin wieder eine feste Heimat und ein sicheres
Einkommen. Von den Nachteilen wurde sie zunächst nicht
viel gewahr, mit ihrem Schwager blieb sie auf gutem
Fuße. Sie bediente sich seiner Hülfe, wenn sie von ihrem
Bruder die Berichtigung dieser oder jener Schuld forderte.
Ihre Voreltern hatten mit Zehnten zu Landwehrhagen
und Lutterberg ein geistliches Lehen in Münden ausge-
stattet. Da jene Dörfer augenblicklich Anna zustanden,
bat Herzog Erich seine Schwester, die Zinsen dem Be-
sitzer des Lehns zu reichen. Sie gab nicht gleich eine
hinlängliche Antwort, und die Bitte mußte wiederholt
werden. Anna stellte Gegenforderungen wegen Beglei-
chung alter Schulden, händigte auch ihre Gegenurkunde
über den Sichelstein (vom 30. Mai 1500) ihrem Bruder
noch immer nicht aus. Der Landgraf stand ihr zur Seite
und ließ es dem Herzoge gegenüber nicht an Bitten und
ernsten Worten fehlen. Man kam überein, auf einem
Tage zu Spiekershausen, an dem auch die Landgräfin und
Heinrich der Ältere und der Jüngere von Wolfenbüttel
teilnehmen sollten, einen Vergleich zu stiften.^)
Das freundschaftliche Verhältnis zwischen Anna und
Wilhelm II. zeigte sich auch darin, daß er sie mehrmals
in Melsungen besuchte und ihr wieder eine Zusammen-
kunft mit ihrem Gatten gestattete. Infolgedessen wurde
ihr jüngstes Kind, Elisabeth, geboren. Die Taufe fand
vielleicht am 11. August 1503 statt; denn damals kam
der Landgraf mit großem Gefolge und mit dem Herzoge
Albrecht von Mecklenburg nach Melsungen und ging
von da zu seinem kranken Bruder nach Spangenberg.
In den folgenden Tagen weilte die alte Landgräfin mit
Wilhelm dem Mittleren in Rotenburg, wo er württem-
bergische Räte und Lothringer bei sich sah. 2)
») 1502 Jan. 16. Münden; Nov. 22. Nienover; 1503 Febr. 18. Kassel;
19. Kassel; 20. Münden; April 24. Spiekershausen; undat.
•) 1502 Aug. 10. Melsungen. Briefw. m. Braunschw.-Kalenb. —
1503 Aug. 10.— 12. Melsungen, 12.— 15. Spangenberg, 15.-24 Roten-
burg. Melsunger Ausgabenrechn. 1503.
— 16 —
Als im November 1504 dem regierenden Landgrafen
von seiner zweiten Gemahlin, Anna von Mecklenburg,
ein Thronerbe geboren wurde, da verwehrte man Anna
von Braunschweig wieder den Zutritt zu ihrem Gatten.
Denn hätte sie auch noch einem Sohne das Leben ge-
geben, welche schweren Verwickelungen und Schädigun-
gen des jungen Philipp wären daraus entsprungen! —
Die alte Landgräfin sah mit der Zeit ein, wie schlecht
sie mit ihren Einnahmen aus Melsungen fuhr. Sie ver-
größerte das Uebel durch eigene Schuld, ihrer Verwaltung
fehlte es an Sorgsamkeit und weitem Blicke. Als sie in
Geldverlegenheit geriet, suchte sie zunächst an Bauten
zu sparen. Die Folgen traten bald zu Tage. Das Schloß
verfiel und konnte nicht mehr als anständige Fürstenwoh-
nung gelten, kaum bot es Schutz gegen Wind und Wetter.
Die Mühlen wurden baufällig und standen ganz still, oder
ihr Zins mußte ermäßigt werden. Stadt und Amt seufz-
ten unter wirtschaftlicher Not. Die Bauern ließen die-
jenigen Rodeländer, die wenig Ertrag brachten, wüste
liegen, um die Abgaben zu sparen; vom städtischen Wein-
schank kam wenig Ungeld ein, weil die Besuche von
Fürstlichkeiten, Vornehmen und Räten sich verminderten,
und die Bürger sich notgedrungen einschränkten.^)
Anna suchte dem regierenden Landgrafen klar
zu machen, wie ihr eigenes Einkommen unter ihren Hän-
den schwand, und wie seit der Entmündigung ihres Gatten
dessen jährliches Ruhegehalt nicht mehr ausgezahlt war. ^)
Wilhelm IL, der seiner Schwägerin in der letzten Zeit
jährlich hundert Gulden bewilligt hatte, damit sie sich
stattlicher erhalten könne, lag schwerkrank darnieder, die
Regierung ruhte in fremden Händen, die Bitten der Land-
gräfin verhallten ungehört. Ein Landtag, den sie in Wil-
helms Todesjahre nach dem mainzischen Fritzlar berief,
half ihr nicht.
2. Bis zum Tode ihres Gatten (1509— 151 5).
a* Annas Kampf nm die Erbfolgre und nm die Haldigrnngr*
Wilhelm der Mittlere wurde am 11. Juli 1509 von
seinen Leiden erlöst. Eine Zeit der Unruhe und der
*) Melsunger Amtsrechn. v. 1513 u. 1514. Undat. Beschwerde Annas
V. 1509—1510 in den Akten betr. die alte Landgräfin, die von hier
ab neben den hessischen Landtagsakten (H. L.) die Hauptquellen sind.
*) Job. Nuhn bei Senckenberg, Sei. jur. 5, 504.
— 17 —
Unsicherheit begann für Hessen. In seinem ersten Testa-
mente von 1506^) hatte der Landgraf Friedrich Trott,
Ludwig von Boyneburg und andere Mitglieder der Rit-
terschaft bis zu dem Zeitpunkte, in dem sein Sohn Philipp
mündig würde, zu Verwesern des Landes, sowie zu Vor-
mündern über seine Gemahlin, seinen Sohn, seinen geistes-
kranken Bruder und dessen Gattin eingesetzt. Dies än-
derte er zwei Jahre danach zu Gunsten seiner Frau Anna
von Mecklenburg, der er nun, neben dem bald darauf ver-
storbenen Kölner Erzbischofe und vier Getreuen, die Voll-
streckung seines letzten Willens und die oberste Vor-
mundschaft anvertraute, auch die über seinen Bruder,
während er Anna von Braunschweig stillschweigend von
der Bevormundung befreite.
Die hessischen Landstände erkannten das zweite
Testament nicht an, und Ludwig von Boyneburg und
Genossen bemächtigten sich der Regentschaft. Um solch
eine Stellung zu »erringen und zu behaupten, bedurften sie
natürlich der Bundesgenossen. Auch Anna von Braun-
schweig konnte von Nutzen sein. Sie kam ihnen auf
halbem Wege entgegen. Gleich nach Wilhelms IL Tode
erschien Boyneburg mit Friedrich Trott, von ihr einge-
laden, auf dem Sensensteine, wo sie gerade weilte, und
gelobte ihr in die Hand, er w^olle ihr aufs beste dienen.
Sie besuchte dann den ersten Landtag auf dem Spieße;
ein Amtmann, der sie unterwegs mit Gewalt aufhalten
wollte, wurde von den Ständen sofort abgesetzt.
Um Anna von Mecklenburg ganz kalt zu stellen,
verbreitete man das Märchen, Wilhelm der Ältere
sei nicht geisteskrank. Vor dem zweiten Landtage, der
über Vormundschaft und Verweserschaft in Hessen ent-
scheiden sollte, diktierten Trott und Dr. Schrindeisen
dem willenlosen Landgrafen einen Brief in die Feder, der
den Landständen vorgelesen und gezeigt wurde. Sehet,
ist das ein Narre? fragte Boyneburg triumphierend. Er
sprach laut davon, daß Wilhelm dem Älteren Gerechtig-
keit widerfahren und seine Gattin eine gewaltige Fürstin
im Lande werden müsse ; denn jedermann liebe sie, wäh-
rend Anna von Mecklenburg viele Gegner besitze. So
schmeichelte er der weiblichen Eitelkeit. Er fand bei der
alten Landgräfin um so lieber Gehör, je weniger sie bis-
her Gelegenheit gehabt hatte, sich an derartigen Reden
^) Schenk zu Schweinsberg, Das letzte Testament des Ldgr. Wil-
helm II. von Hessen. Gotha 1876.
N. F. BD. XXX. 2
— 18 —
zu berauschen. Und wie vermochte sie Mißtrauen zu
fassen, da Worte und Taten im Einklänge standen? Die
neue Regierung prägte Münzen in beider Landgrafen
Namen, Wilhelms wie Philipps, und gewährte Anna so-
fort freien Zutritt zu ihrem Gemahle, der noch immer auf
Spangenberg saß. Im Auftrage des Ständeausschusses
geleitete Friedrich Trott sie in ehrenvoller Weise zu ihm.^)
Johann von Löwenstein und Johann von Falkenberg wur-
den als Hofherren abgeordnet, um dem Landgrafenpaare
ein fürstlicheres Auftreten zu ermöglichen. Zum Landhof-
meister gewählt, stellte sich Ludwig von Boyneburg in
Spangenberg vor. Auf Annas Bitte, für ihren Gatten,
ihre Kinder und sie selbst fernerhin nach Kräften zu sorgen,
erwiderte er mit Nachdruck:
Gnädige Frau, meint Ihr, daß ich mich bewegen
lasse, wie das Rohr auf dem Wasser? Betrüge ich Euer
Gnaden, so traut keinem frommen Manne mehr!
Ueberall blickte der Gedanke durch, den man später
offen aussprach: Anna von Braunschweig könnte noch
einen Sohn gebären; und der würde die jüngere Land-
gräfin mit ihrem Philipp aus dem Vordergrunde verdrängt
haben. Zu großartigen Hoffnungen fehlte aber der An-
laß, die Gemahlin Wilhelms I. zählte etwa fünfzig Jahre,
war also, wie man sich damals ausdrückte mit einem red-
lichen Alter beladen. Ein sächsischer Rat, der in Span-
genberg vorsprach, berichtete seinem Herrn unumwunden,
von ihr sei kein hessischer Thronfolger mehr zu erwarten.
So verlor sie allmählich an Wichtigkeit für Hessens
Regenten, zumal als diese sich im Besitze der Herrschaft
erst einigermaßen sicher fühlten. Bei einer Taufe im
Hause von der Malsburg traf sie mit Ludwig von Boyne-
burg wiederum zusammen. Da klangen die Reden des
Landhofmeisters weit zurückhaltender als bisher : Wilhelms
des Älteren Sache stünde auf zwei Wegen, ob ihm der
Allmächtige aus seines Geistes Blödigkeit hülfe (an wel-
cher Boyneburg nun nicht mehr zweifelte) oder ihm einen
männlichen Erben bescherte. Auf den Einwurf, daß der
alte Landgraf wegen seines Schwachsinnes doch nicht
aller Rechte beraubt werden könnte,- gab Boyneburg zur
Antwort:
^) Bereits am 28. Juli 1509 beklagte sich Anna von Mecklenburg
über diese Absicht bei den Wettinern, und am 7. Sept. teilte sie ihnen
mit, daß ihre Schwägerin zu dem kranken Landgrafen eingelassen sei.
Glagau, H. L. 1, 36. 87.
— 19 —
Euer Herr hat Rechts genug, wer führt es ihm aber aus ?
Diese Worte mußten auf Anna von Braunschweig
tiefen Eindruck machen. Die Hoffnung, einen Sohn zu
gebären, verlor sie noch nicht ^), aber darauf ließ sich
nicht mit mathematischer Sicherheit rechnen. Daher zielte
sie folgerichtig jetzt nach zwei Punkten, auf die sie von
den Regenten geradezu hingewiesen war: ihren Gatten
für geistig gesund erklären zu lassen und seine Rechte
auf die Landgrafschaft mit allen Mitteln geltend zu machen.
Ganz allmählich spannte sie den Bogen straffer.
Die Zeitläufte, der Hader um die hessische Regent-
schaft, schienen ihrem Vorgehn günstig zu sein.
Die sächsischen Fürsten, die auf Grund der Erbver-
brüderung die Obervormundschaft über die unmündigen
Landgrafen beanspruchten, luden (für Mitte November
1509) die Landgräfin- Witwe und die hessischen Stände
zu einem Schiedstage nach Mühlhausen. Hier überreichte
auch Anna von Braunschweig eine Klageschrift. Sie
erwähnte die Krankheit ihres Gatten, sie beschwerte sich
über die Unzulänglichkeit ihrer Einkünfte, über die Un-
schicklichkeit, mit der ihre Kinder gehalten würden. Die
Wettiner empfahlen Wilhelm und seine Familie der Für-
sorge der Landstände.
Im Anfange des folgenden Jahres fand zu Kassel
ein neuer Schiedstag statt, in dem abermals die Sache der
alten Landgräfin zur Sprache kam. Ihrem Wunsche ge-
mäß war man geneigt zu versuchen, ob nicht verständige
Ärzte Wilhelms Gesundheit bessern könnten. Auf der
Rückreise von Kassel kehrten die sächsischen Gesandten
in Spangenberg ein. In ihrer Gegenwart mußte ein Prie-
ster, der sich aufs Teufelsbannen verstand, in Annas Auf-
trage dem Landgrafen zusetzen. Die Gesandten, aufge-
klärter als die Fürstin, vermochten nicht einzusehen,
daß Wilhelm vom bösen Geiste besessen sei. Da be-
schwor sie die Sachsen nochmals, Leibärzte zu schicken,
damit man erführe, ob dem Kranken zu helfen wäre. Die
Regenten stellten wirklich Ludwig Briginalis von Genua,
der Arznei Doktor, auf ein Jahr an, damit er den Land-
*) Gla^au, H. L. 1, 138, 6: So auch . . . meinem g. herrn dem
eidern manlich erben gegeben wurden, das sein g. und derselben
erben dis alles an iren erbgefellen, landen und leuten und aller ander
gerecbtigkeit unschedlich sei (1510 Dz. 15.) und öfter. — Ibre Tochter
Elisabeth kam übrigens noch mit 58 Jahren nieder.
2*
— 20 —
grafen und dessen Gemahlin in ihrer gegenwärtigen Krank-
heit und Schwachheit behandele. *)
Vom Anfange des Frühlings ab hielten kaiserliche
Gesandte einen Tag zu Marburg, um zwischen Anna von
. Mecklenburg und den hessischen Regenten und Land-
ständen eine Entscheidung zu treffen. Hier langte ein
eigenhändig unterschriebener Brief Wilhelms des Älteren
an, worin er bat, ihn nicht am Fürstentume zu schädigen,
denn er sei wieder regierungsfähig. Der erste scharfe
Vorstoß der alten Landgräfin auf dem Wege, den ihr
Ludwig von Boyneburg selbst gezeigt hatte.
Unzufriedene aus dem ganzen Lande sammelten sich
allmählich in Spangenberg und brachten die Fürstin in
eine immer gereiztere Stimmung. Man schrieb jenen die
ganze Schuld an den folgenden Zwistigkeiten und Un-
ruhen zu. Die Regenten gaben sich Mühe, Anna von
ihrer Umgebung zu befreien. Sie weigerten sich, sie weiter
mit Lebensmitteln zu versehen, wenn sie diesem Wunsche
nicht nachkäme. Dadurch wurde der Riß vertieft und der
Kampf erbitterter.
Ende Juli 1510 verhängten die Regenten und die
sächsischen Räte über Wilhelm L genau dieselbe Ver-
wahrung und Abschließung, wie sie zu Lebzeiten seines
Bruders bestanden hatte. Sie gingen überdies mit der
Absicht um, Anna von ihrem Gatten zu trennen und
wieder nach Melsungen zu verweisen. Allein ehe es dazu
kam, wollte die alte Landgräfin lieber alles aufs Spiel
setzen. Jeder Gulden in der Hand machte sie kühner.^)
Sie glaubte Ende September mit ihren Entschlüssen und
Vorbereitungen so weit gediehen zu sein, daß sie den
Versuch wagte, sich durch einen Staatsstreich die Herr-
schaft im Hessenlande zu verschaffen. Selbst ein Mann
wie Dr. Schrindeisen meinte, man sollte nur einen Land-
tag versammeln und für des alten Landgrafen Gerechtigkeit
anrufen, dann würde mancher sprechen, der jetzt schwiege.
Derselben Ansicht war Anna. Ohne auf die Regenten
die mindeste Rücksicht zu nehmen, berief sie die hessischen
Landstände zum 14. Oktober nach dem Spieße bei Ziegen-
hain. Die Geladenen folgten dem Rufe in großer Zahl.
Anna erschien selbst und brachte nicht nur ihren Gemahl
») 1510 Juni 27. Kopialb. Ei Bl. 21a.
'} Am 10. Sept. 1510 bescheinigte sie den Empfang von fünfzig
Gulden, die ihr, wegen ihrer Leibzucht, alljährlich bei der Frankfurter
Messe auszuzahlen waren. Ldgrf. hess. Ehesachen: Ldgr. Wilhelm I.
— 21 —
mit, sondern auch ihre Schwägerin, die Landgräfin- Witwe,
die keine Gelegenheit versäumte, den Regenten Abbruch
zu tun. Ueber die Rechte ihres Sohnes Philipp konnte die
jüngere Anna beruhigt sein» da es sich zunächst nur um
eine zeitweilige Teilung der Herrschaft handelte, die später,
nach Wilhelms I. Tode, dem jungen Philipp doch unge-
schmälert zufallen mußte.
Wie schlecht es noch mit des alten Landgrafen Ge-
sundheit stand, erkennt man aus dem Umstände, daß nicht
er, sondern seine Gattin dem Landtage Eröffnungen machte.
Sie ließ ein kaiserhches Schreiben verlesen; Maximilian
gebot, Wilhelm den Älteren aus seiner Verwahrung zu
entlassen, wofern er zur Regierung tauglich sei. Anna
knüpfte daran die Aufforderung, den vom verstorbenen
Landgrafen unbrüderlich behandelten alten Herrn wieder
als regierenden Fürsten anzuerkennen und ihm mit
Diensten und Renten aufzuwarten. Wenn man das un-
tunlich fände, sollte man ein neues Regiment aufrichten
und ihre eigenen Räte daran teilnehmen lassen. Die
Landstände antworteten, sie würden die Anträge den von
ihnen eingesetzten Regenten unterbreiten, hinter deren
Rücken aber nichts unternehmen.
Der Mißerfolg entmutigte die alte Landgräfin nicht.
Sie forderte öffentlich auf, den Regenten den Gehorsam
zu kündigen und ihr zu gehorchen und zu zinsen. Als
der Amtmann und Burggraf von Spangenberg sich weigerte,
ihrem Gemahle zu huldigen, nahm sie ihm die Schlüssel
ab. und gab Befehl, die Regenten oder deren Beauftragte
nicht ins Schloß zu lassen.
Das waren starke Herausforderungen der Machthaber.
Diese erstatteten dem Herzoge Georg von Sachsen Bericht,
ehe sie selbst Schritte unternahmen. Am 8. November
1510 kamen Wettinische Räte in Zeitz zusammen und be-
schlossen, der alte Landgraf sei in strenge Verwahrung
zu nehmen, seine Gattin nach ihrem Witwensitze Melsungen
zu verweisen, wie es bei Wilhelms des Mittleren Lebzeiten
üblich gewesen; eine Versammlung auf dem Spieße, der
hessischen Landtagsstätte, dürfe ohne den Willen der
sächsischen Fürsten oder zum mindesten der Regenten
nicht stattfinden.
Ehe diese Beschlüsse zur Tat wurden, beraumte Anna
nach Spangenberg einen zweiten Landtag auf den 14. No-
vember an. Wieder ohne jeden Erfolg für ihr Herrsch-
gelüste. Auf Wilhelms Bitte, ihm Gerechtigkeit wider-
— 22 —
fahren zu lassen, erwiderte Friedrich Trott Mm Namen der
Stände, in ihrer Macht stünde nichts, man möge des Kaisers
Majestät oder die Fürsten zu Sachsen darum ersuchen.
In einem öffentlichen Ausschreiben rechtfertigten die
Regenten ihr Verhalten gegen Wilhelm.
Erbittert über das Fehlschlagen aller ihrer Hoffnungen,
schrieb Anna (am 19. November) eine erregte Entgegnung
an die Stadt Kassel: die Regenten hätten wider Recht
und Billigkeit ihren Gemahl der Herrschaft beraubt und
sich selbst die Regierung angemaßt, nach fürstlicher Würde
und Ehre begehrend, zum Schaden des angestammten
Fürstenhauses, des Landes und der Untertanen ; die
Wettiner wären von ihnen ins Land gerufen. Gegen dieses
Unrecht werde sie ihre Freunde um Hülfe anflehen. Die
Bürger von Kassel forderte sie bei Verlust ihrer Freiheiten
und Rechte auf, keinem andern als ihrem Gatten zu ge-
horchen.
So lange als Boyneburg seine hervorragende Stellung
nicht für gesichert hielt, hatte er die alte Landgräfin und
ihren unglücklichen Gemahl gegen die junge Witwe aus-
gespielt und in jener durch Schmeicheleien ausschweifende
Hoffnungen geweckt. Das ist entschieden zu bedauern.
Eine Wiedereinsetzung Wilhelms des Älteren wäre aber
ein Unheil für das Land geworden. Ein irrsinniger Fürst
taugt nicht zum Herrscher. Und Wilhelm war nicht bei
gesundem Verstände. Hier ein Beweis aus etwas späterer
Zeit. Im hellen Frühlinge (im Monat März 1514) rief er
den in Kassel versammelten Ständen mit grober Stimme zu:
Des Kaisers Majestät wünscht einem jeden von euch
ein seliges neues Jahr!
Es diente der Ruhe und Wohlfahrt des Landes, wenn
Regenten und Landstände (vom 25. bis 29. November 1510)
mit den Wettinern Gegenmaßregeln berieten.^) Sie wollten
gemeinschaftlich Wilhelms des Älteren Geisteszustand
noch einmal prüfen, um alle Zweifel zu heben. Die Ab-
geordneten der Landstände, die vorausritten, fanden in
Spangenberg Einlaß; die übrigen kamen vor verschlossene
Tür und mußten unverrichteter Sache umkehren. Daher
forderten die Wettiner (am 3. Dezember) die Ritter und
Mannschaft zu Spangenberg auf, bei Verlust ihrer Lehen
den Ort ungesäumt zu verlassen. Wahrscheinlich wirkte
^) Diese Landtagsverhandhingen finden sich in den Akten btr.
die alte Landgräfin ausführlicher als bei Glagau, H. L. 1, 128 No. 36.
— 23 —
dieser entschlossene Befehl ; denn am folgenden Tage fand
eine Abordnung, zu der die Regenten Friedrich Trott
und Eitel von Löwenstein gehörten, Aufnahme in Spangen-
berg. Wilhelm und seine Gemahlin wurden nach Kassel
zu einer Unterredung geladen. Anna allein wollte kommen.
Zur Verständigung gelangte man nicht.
Die Wettiner richteten (unter dem 11. Dezember) ein
Ausschreiben an die hessische Ritterschaft. Sie wiesen
darauf hin, daß des alten Landgrafen Parteigänger ver-
sucht hätten, die bestehende Regierung zu stürzen und
ein neues Regiment aufzurichten. Deshalb verboten sie,
gemäß ihren Zeitzer Beschlüssen, an den von Wilhelm an-
beraumten Landtagen und Versammlungen teilzunehmen.
Den Regenten sagten sie nötigenfalls eine Hülfe von
2000 Mann zu Fuß und 200 Reitern zu.
Diese deutliche Sprache verfehlte ihre Wirkung nicht.
Anna gedachte nun durch Verhandlungen einen Teil ihrer
Absichten zu erreichen. Sie bat ihren Bruder Heinrich
den Älteren um seine Vermittlung. Am 13. Dezember
traf der Herzog mit einigen hessischen Regenten und
dem sächsischen Rate Günther von Bünau in Landwehr-
hagen zusammen. An demselben Abend erstattete er in
Melsungen, wohin er das Landgrafenpaar entboten hatte,
seiner Schwester Bericht. Während der nächsten Tage
wurden die Unterhandlungen in Kassel fortgesetzt, und
man einigte sich über mehrere Punkte, besonders über
des Landgrafen jährliche Einkünfte und über die Besse-
rung von Annas Witwengute. Die Wettiner erklärten
sich später (am 13. Januar 1511) bereit, auch die übrigen
Forderungen des Braunschweiger Herzogs zu erfüllen, die
den Ausbau des Melsunger Schlosses, die Ausstattung
der Töchter und den Vorbehalt aller Rechte für einen
etwaigen männlichen Erben Wilhelms betrafen.
Annas weitergehende Forderungen (wie die Austei-
lung aller Lehen durch den alten Landgrafen, die Anwei-
sung eines stattlichen Gebietes, die Bezahlung ihrer Schul-
den, die schon fünftausend Gulden betrugen) hatte nicht
einmal ihr Bruder gutheißen können.
Und daran scheiterte das ganze Vermittelungswerk,
zumal da die alte Landgräfin und ihre Anhänger ^nicht
aufhörten, den Unfrieden in immer weitere Kreise zu
tragen.
Bei ihrem letzten Aufenthalte in Kassel hatten die
Wettiner geboten, daß die Erbhuldigung von den hessi-
— 24: —
sehen Ihitertanen beschworen werden solle. Anna erinnerte
(am 23. Januar 1511) die Stadt Marburg daran, daß Ludwig II.
und Heinrich III. übereingekommen wären, keinem hessi-
schen Landgrafen dürfe vor dem vierzehnten Jahre gehul-
digt werden. Und Philipp zählte erst sechs Jahre! Es
fiel auf die sächsischen Fürsten der Verdacht, sie wollten
durch solche Beschleunigung im Hessenlande festen Fuß
fassen, bevor der Erbfall einträte.^) Diese Stimmung
machte sich die alte Landgräfin mit den Ihren zu nütze.
Wider den Willen und Spruch der Wettiner — denn
vom Rat zur Tat führte in Sachsen ein langer, steiler
Pfad — hielt sie sich noch in Spangenberg auf. Hier
tagte unter ihrem Vorsitze ein großer Kriegsrat. Als
Teilnehmer werden genannt: Dr. Egra, Ritter Hans
Knaut, Johann von Löwenstein, Kaspar Meysenbug, Hans
von Falkenberg, Konrad von Löwenstein genannt Schweins-
berg, Gilbrecht von Radenhausen, der kleine Johann
Schenck zu Schweinsberg und Peter von Treisbach, ein
bewährter Freund der jungen Landgräfin- Witwe. Man
beschloß, die Hälfte von dem niederhessischen Homberg
und vom ganzen Oberhessen, Landesteilen, die seit den
letzten Jahren durch Erbfall mit Niederhessen vereinigt
waren, gewaltsam in Besitz zu nehmen. Wilhelm der
Altere sollte nach Homberg ziehen und auf Grund seines
Erbrechtes (obwohl das nach kaiserlichem Spruche bis
zu seiner Genesung ruhte) ''^) die Huldigung einfordern.
Hans von Falkenberg, dessen Stammburg in der Nähe
lag, hatte den Boden schon vorbereitet. Darauf wollte
man Treysa und Kirchhain einnehmen, womöglich auch
Ziegenhain. Der kleine Schenck erbot sich, den alten
Landgrafen in das Städtchen Schweinsberg einzulassen.
Kurt von Dernbach gedachte als Marburger Burgmann
von Kirchhain nach der oberhessischen Hauptstadt zu
reiten, wo der gemeine Mann Wilhelm dem Älteren die
Tore voraussichtlich öffnen würde. Den Erzbischof von
Mainz und den Grafen Wilhelm von Henneberg um Bei-
stand zu bitten, lag im weiteren Plane, dessen Schlußglied
bildete, daß Anna sich zum Kaiser begäbe und die Sache
rechtlich austrüge.
^) Mit bezeichnender Vorsicht entledigte sich daher die Stadt
Kassel am 5. Dez. 1510 des Huldigungseides. Sie schwur Treue 1) dem
Ldgr. Philipp und seinen Leibeslehenserben, 2) dem Ldgr. Wilhelm
und dessen Leibeserben, 3) wenn keiner von diesen mehr lebte, „als-
dann und nicht eher" den Herren von Sachsen. Glagau, H. L. 1, 130.
«) Vgl. oben S. 10 (1496).
— 25 —
Vor gewaltsamem Umstürze schreckte man nicht
mehr zurück. Unverzüglich schritt man zur Ausführung.
Am 18. Dezember 1510 verlangten sächsische Räte
und vier Regenten in Homberg die Huldigung. Der
Stadtrat gedachte ihnen zu willfahren. Da begehrten
drei Räte Wilhelms des Älteren, Hans von P'alkenberg,
Konrad von Dernbach und Wilhelm von Wehren, Einlaß
und wiegelten das Volk auf. Die Bürger rotteten sich
geharnischt und bewaffnet zusammen, und aus der Huldi-
gung wurde nichts.
Unruhig ging es auch in Marburg her. Den Regen-
ten und sächsischen Räten, die den Treueid forderten,
traten Hans Knaut, Peter von Treisbach, Falkenberg und
Dornbach entgegen und predigten den Aufruhr.^) Da
riß den Regenten die Geduld, sie nahmen die ersteren
beiden gefangen, hielten Knaut, der verwundet war, auf
Gelübde in einer Stube fest und setzten Treisbach wie
einen gemeinen Verbrecher in den Stock. Dadurch
mürbe gemacht, bekannte er den ganzen Anschlag. Beide
büßten mit längerer Haft. Vergeblich baten die alte
Tandgräfin und ihr Gemahl zweimal die Regenten und
hierauf (am 18. Januar 1511) den Herzog Georg von
Sachsen, für die Freilassung ihrer beiden Räte zu sorgen.
Umsonst beklagte sich Anna darüber, daß ihr geschwore-
ner Bote in Ziegenhain überfallen, und ihre Briefe ihm ab-
genommen und besichtigt seien. Als alles nichts half,
erhob sie Beschwerde beim Kaiser. Am 12. Februar
griff Maximilian I. zu gunsten Knauts und 1 reisbachs
ein, aber ohne Erfolg. Ebenso lehnten die Regenten,
unter Berufung auf die Abwesenheit der sächsichen Her-
zöge, die kaiserliche Einladung zu Vergleichsverhandlun-
gen ab, in denen alle Irrungen mit Anna von Braun-
schweig zur Sprache kommen sollten. —
Ende Januar 1511 erschienen die Vertreter der meisten
hessischen Städte in Marburg zur Huldigung, die Anna
noch zweimal brieflich 2) zu hintertreiben versuchte. Sie
stellte den versammelten Bürgern vor, ihr Gemahl wäre
^) Besonders erregten sie das Volk durch die Erzählung, daß
das alte Landgrafenpaar und seine Töchter selbst mit Speise erbärm-
lich gehalten würden.
') 1511 Febr. 27. Or. Ludw. Ort, Rentmeister zu Marburg, an
Landhofmeister und Regenten: Der alte Ldgr. habe an Rat, Zünfte,
Gilden und Gemeinde zu Marburg zwei Briefe geschrieben. Ob das
die im Texte erwähnten Schreiben sind oder ein späterer Aufwiege-
lungsversuch, wissen wir nicht.
— 26 —
wieder regierungsfähig, er würde persönlich in ihre Mitte
treten, wenn er nicht fürchten müßte, es erginge ihm, wie
vor kurzem seinen Räten; die Städte möchten daher Ab-,
geordnete nach Spangenberg senden. Daran schlössen
sich Klagen über die Wettiner und Boyneburg und über
die unwürdige Behandlung ihres Gatten, dem doch nach
dem Tode Wilhelms des Jüngeren und des Erzbischofs
Hermann Oberhessen gehöre; widerrechtlich fordere man
die Huldigung für den unmündigen Philipp.
Die Antwort lautete: Man wisse sich keinem andern
verpflichtet als dem jungen Landgrafen, dem rechten Erben
seines Vaters; erlange der alte Herr aber irgend ein Recht,
so würden sie sich als fromme Leute halten.
Und die Städte leisteten den von den Regenten ge-
forderten Schwur.
Die alte Landgräfin aber gab ihr Spiel noch immer
nicht auf. Ihre Sendlinge arbeiteten und wühlten weiter.
In Kirchhain (ö. Marburg), wo der verlangte Huldi-
gungseid bereits geschworen war, schürte Hermann von
Holzhausen, Knappe des Amtmanns Gilbrecht von Raden-
hausen, den Brand. In maßloser Weise zog er los.
Habt ihr gehuldigt? fragte er die Bürger. Als sie
die Huldigung verlangten, hättet ihr es machen sollen
wie die von Treysa und sie totschlagen gleich räudigen
Hunden.
Ein Bürger entgegnete: Wir haben einen gnädigen
jungen Herrn, dem haben wir gehuldigt.
Holzhausen schrie ihn an : Das will ich dir nach-
sagen, wenn ich gen Spangenberg komme!
Er drohte mit Totstechen und vermaß sich, aus der
Haut seiner Gegner Schwertscheiden zu machen. Ein
Aufruhr brach in der Stadt aus. Bürgermeister und Rat
luden den zornigen Knappen und mehrere Bürger vor.
Schultheiß und Landknecht aber wollten Hermann von
Holzhausen auf dem Rathause gefangen nehmen, ein
UebergrifF gegen die städtische Freiheit, der wiederum
den Stadtrat empörte. Der Marburger Rentmeister Lud-
wig Ort schritt auf Beschwerde unverzüglich ein (am 26.
Februar 1511).
Holzhausen wurde zu Marburg ins Gefängnis ge-
worfen ^) und in den Stock geschlagen. Nach längerer
*) 1511 März 3. Kassel. Abschr. Die Regenten an den Rent-
meister Ludwig Ort zu Marburg.
— 27 —
Haft mußte er sich zur Stellung von Bürgen und zu einer
demütigen Urfehde bequemen, die wenig zu seinen frü-
heren großen Worten paßte. ^)
Das Ende vom Liede war auch in Kirchhain, daß
die alte Landgräfin mit ihren Ansprüchen nicht durchdrang.
Während die Kirchhainer Ereignisse wichtig sind,
weil sie Annas Umgebung kennzeichnen, trat an anderer
Stelle das alte Landgrafenpaar selbst handelnd auf.
In Homberg und in Treysa lehnten die Bürger die
Huldigung hartnäckig ab, unter dem Verwände, das ein-
heimische Fürstenhaus sei noch nicht ausgestorben. ^) Daß .
sich die hessischen Städte und Ritter der Erbhuldigung
schon mehrfach (z. B. 1373, 1431, 1487) anstandslos unter-
zogen 'hatten, war vergessen. Der Widerstand wurde
sehr verstärkt, als am Nachmittage des 12. Februars 1511
Anna von Braunschweig mit ihrem Gemahle und fünfzig
oder sechzig Reisigen einzog. Es lag in ihrer Absicht,
die Einwohnerschaft in Eid und Pflicht zu nehmen und
so die Pläne der Regenten und der Wettiner zu durch-
kreuzen. Die Regenten gingen mit Gewalt gegen die
Stadt vor, deren Tore von Wilhelms Reitern verwahrt
wurden. Ein paar Büchsenschüsse von Mauer und Türmen
trieben aber die aufgebotene Macht in die Flucht, und die
Bürger sangen Spottlieder auf Boyneburgs schnellen Rück-
zug. Sie frohlockten zu früh. Eine Zeit lang blieben sie
zwar unbehelligt, weil die anderen Städte, von deren Stim-
mung und Ergebenheit nicht viel Rühmens zu machen
war, einem Aufgebote gegen Homberg und Treysa nicht
gehorcht hätten. Insgeheim warben daher die Regenten
auswärts Reisige und Fussvolk an und baten die sächsi-
schen Fürsten um Hülfe. Um Mitte Mai — das alte Land-
grafenpaar war längst, ohne die gewünschte Huldigung
erlangt zu haben, aus der Stadt gezogen — sammelte sich
bei Ziegenhain eine stattliche Macht, zwölfhundert Fuß-
soldaten und dreitausend Reiter. Blasses Entsetzen befiel
die Widerspenstigen. Die Rädelsführer entwichen in Nach-
barstädte und -Klöster oder versteckten sich in Bierkellern
und düsteren Winkeln. In demütigem Aufzuge gingen
die Homberger den Machthabern entgegen und flehten
um Gnade. Boyneburg strafte sie mit Worten und Geld-
bußen, zeigte sich aber sonst maßvoll; weniger seine Krie-
1) 1511 Juli 21. Marburg. Kopialb. E, Bl. 91b.
'•*) Wigand Lauze, Leben Philippi Magnanimi, Z. H. G. Suppl. 2,
Seite 5 bis 8. — Glagau, Anna von Hessen S. 80—81.
- 28 —
ger, die unter dem Geflügel übel hausten. Für ihre Helden-
taten in Höfen und Stallungen erfand man den Scherz-
namen Hühnerfehde.
Treysa leistete schon vorher die Huldigung.
Diesen Feldzug hatte Anna von Braunschweig ver-
loren.
b. Das Eingreifen des Kaisers.
Allen Drohungen und Beschlüssen zum Trotz erfreute
sich Wilhelm der Ältere der freiesten Bewegung, und
seine Gemahlin wich nicht von seiner Seite. Daher konnten
beide der Ladung des Kaisers, der sie zur Entscheidung
der Streitigkeiten an seinen Hof rief, ungehindert. folgen.
Die hessischen Regenten sollten auf Maximilians Befehl
die landgräfliche Familie mit Reisezehrung und allem
Nötigen versehen. Allein sie hatten keine Lust, ihren
Gegnern Kampfmittel zu liefern. Annas Räte baten den
Landhofmeister und seine Amtsgenossen um eine Zusammen-
kunft im Kloster Breitenau (zwischen Kassel und Mel-
sungen). Ludwig von Boyneburg schickte einige Ab-
geordnete dorthin, um die Wünsche anzuhören, ließ sich
aber weder auf eine Zusicherung noch auf eine Unter-
stützung ein.
Anna von Braunschweig und ihr Gatte wandten sich
daher an ihre Gönner und guten Freunde im Lande und
nahmen eine Anleihe auf. „Mit leichtem Beutel" machten
sie sich auf den Weg. Es war am 12. März 1511, als sie
mit sechzig Pferden von Spangenberg aufbrachen, Die
erste Nacht lagen sie in Hersfeld. Zu ihrer Freude nahm
das Volk sie ehrerbietig auf und reichte ihnen ein Ge-
schenk.^) Von da gelangten sie auf mainzisches Gebiet
und erhielten freies Geleit zum kaiserHchen Hofe. Nach
vier Tagen befanden sie sich in Frankfurt und verschafften
sich Mittel zur Fortsetzung der Reise, die bis zum
Elsaß ging.
Vom 4. bis 9. April 1511 wurde in Straßburg und
Offenburg vor dem Kaiser über die Ansprüche Wilhelms L
und seiner Gemahlin verhandelt. Dr. Egra vertrat ihre
Sache. Seine nicht gerade bescheidenen Forderungen be-
gannen mit der Aufhebung der Regentschaft und der
sächsischen Vormundschaft. Er verlangte ferner die Hälfte
der Erbschaft Wilhelms des Jüngeren von Oberhessen
^) Joh. Nuhn bei Senckenberg, Sei. jur. 5, 505.
- 29 —
und des Erzbischofs Hermann von Köln (Homberg), ohne
Rücksicht auf die Bestimmungen der Entmündigung. Egra
klagte über die schlechte Pflege des Geisteskranken und
über die Gefangennahme seiner beiden Räte Knaut und
Treisbach. Für Anna von Braunschweig beanspruchte er
volle Gleichstellung im Einkommen mit der Landgräfin-
Witwe und dasselbe Jahrgeld für ihre beiden Töchter, wie
es Wilhelms II. hinterlassener Tochter bewilligt wäre.
Der sächsische Anwalt suchte die Beschwerden zu
widerlegen, er meinte, Wilhelm sei von seiner eigen-
nützigen Umgebung angestiftet. Man verschwieg oder
wußte noch nicht, daß Anna von Braunschweig die Seele
des Kampfes war.
Der Kaiser wies Wilhelms Ansprüche auf die Hälfte
von Hessen und Katzenelnbogen ab und riet dem Land-
grafenpaare nach Hessen zurückzukehren; zu den Ver-
handlungen mit den Regenten wollte er Gesandte abordnen.
Fügten sich Anna und ihr Gatte nicht der Billigkeit, so
würde er sich der Sache nicht weiter annehmen.
Die hessischen Regenten wichen den Verhandlungen
aus, kümmerten sich auch nicht um eine kaiserliche
Mahnung. Von Maximilians Seite geschah einstweilen
weiter nichts. Wilhelm und seine Gemahlin blieben im
Auslande und machten Schulden. Den hessischen Macht-
habern erwuchsen daraus mit der Zeit große Unannehmlich-
keiten und Schwierigkeiten, dem Lande unglaubliche Kosten.
Im Hessenvolke ging die Rede, silberne Boten (Be-
stechungen) stellten sich am kaiserlichen Hofe zwischen
das Landgrafenpaar und sein gutes Recht.
Anna bewies immer mehr, dass sie bei der Wahl
ihrer Bundesgenossen jede Rücksicht bei Seite setzte. Ein
volles Jahr lang wohnte sie mit den Ihrigen zu Oppen-
heim im Hause Hansens von Sickingen, der durch Wil-
helm den Mittleren in der pfälzischen Fehde schwer ge-
schädigt war und also nicht die freundlichsten Gesinnungen
gegen die Hessen hegte. Hier wird sie auch zuerst mit
Franz von Sickingen in Beziehung getreten sein. Uebri-
gens benahm sich das landgräfliche Gefolge nicht muster-
haft im Sickingischen Hause. Es wurde nicht nur viel
verwohnt, sondern manches auch mutwillig zertrümmert.
Noch in anderer Hinsicht zeigte Anna um diese Zeit
ihre Abneigung gegen Hessen. Ihre Tochter Katharina
war ins heiratsfähige Alter getreten. Der Rheingraf und
Herzog Philipp der Ältere von Braunschweig -Gruben-
— 30 —
ha gen hatten sich schon um deren Hand beworben ^). Der
Herzog gefiel den Regenten, sie dachten diesem Freier
eine ansehnliche Mitgift zu. Die alte Landgräfin entschied
sich aber, ohne die hessischen Machthaber und Landstände
auch nur zu fragen, für Adam, Grafen und Herrn zu
Beichlingen. Vor dem 6. Juli 1511 fand bereits die Hoch-
zeit statt.
Der junge Gatte, der sich im vorhergehenden Sommer
zu Marburg der landgrätiichen Familie genähert haben
wird ^), stammte aus einem alten thüringischen Herren-
geschlechte ; gegen seine jetzige Reichsunmittelbarkeit be-
standen aber Zweifel. Die Wettiner waren seit langem
gewöhnt, die Grafen von Beichlingen als ihre Unterge-
benen und Heerespflichtigen zu betrachten. Sie bestritten,
daß Adam wie ein Reichsstand einen Beitrag für. das
Kammergericht zu bezahlen habe, und setzten es schließ-
lich durch, daß die Grafschaft Beichlingen mit ihrer Be-
lastung durch Kursachsen vertreten wurde. ^) Im Jahre
1507 ward Graf Adam zum Beisitzer des höchsten deut-
schen Gerichtshofs ernannt, zwei Jahre danach und später
abermals (vom 9. Juli 1511 bis zum 20. Februar 1512)
versah er das Amt des Vorsitzenden Kammerrichters, in
das er endgültig nach Annas Tode einrückte (1521 — 35).
Diesen unvermögenden Grafen sah sich die alte
Landgräfin also zum Schwiegersohne aus. Natürlich aus
Politik: sie wollte Kammergericht und Kaiser auf diese
Weise für sich gewinnen. Ihre Rechnung bewährte sich
nicht. Auf den Kaiser besaß Beichlingen keinen bedeu-
tenden Einfluß, und bald nach seiner Verheiratung begann
er auch dem Kammergerichte fernzubleiben; erst nach
dem Tode seiner Schwiegermutter nahm er seinen Dienst
wieder auf. Inzwischen hatte er seinen Wohnsitz im
Hessischen, erst in Homberg, dann in Melsungen. In
auffälliger Weise verstand er es, sich den jedesmaligen
Machthabern anzupassen. —
1) Glagau, H. L. 1, 94 (1510 Jan.).
') 1511 Apr. 10. Gengenbach, Kaiser Max bestätigt den Mar-
burger Vertrag vom 24 Juli 1510. Or. im Samtarch. No. 66 Schieb!. 77.
(Vgl. H. L. 1, 149, No. 51.) Schenk z. Schweinsb., Testament S. 67.
*) (Harpprecht), Staatsarch. des Reichskammergerichts 3, 176—
198. Ferner 3, 29. 30. 45. 83. 92. 465. — Graf Adams Beitrae zum
Reichskammergericht betrug 1507 nur 12 Gulden, die ihm von der Be-
soldung abgezogen wurden. Damit stand er auf einer Stufe mit dem
Herrn von Plesse und dem Herzoge von Grubenhagen, während ein
Graf von Stolberg 30 und zwei von Schwarzburg 60 Gulden bezahlten,
''.benda S. 415—419.
— 31 —
Am 26. Juli 1511 hielt sich die alte Landgräfin vor-
übergehend in Marburg auf, wo die Regenten auch ge-
rade weilten. Zum Teil mag ihr Besuch sich auf ihre
Heimkehr und auf die vorausgegangenen Verhandlungen
mit dem Kaiser bezogen oder der P'reilassung ihrer An-
hänger gegolten haben (vgl. oben Seite 25 und 29), zum
größeren Teil aber der Bewilligung einer Aussteuer für
Katharina. Damit hatte sie indessen kein Glück. Die hes-
sischen Stände ließen sich sogar durch die Regenten zu
einer förmlichen Mißbilligung der Heirat bewegen und
lehnten die beantragte Heimsteuer ab.^) Die sächsischen
Fürsten hießen dieses Vorgehen gut und mahnten Anna,
aus der Ablehnung eine Lehre zu ziehen und ihre jüngste
Tochter Elisabeth nicht wieder ohne ihren Rat und ohne
Wissen und Willen der hessischen Machthaber und Land-
stände zu verloben. Adam empfing die Mitgift, die einem
fürstlichen und allgemein anerkannten Eidam ohne erheb-
liche Schwierigkeiten ausgezahlt wäre, erst nach dem
Sturze Boyneburgs und seiner Mitregenten, als Belohnung
für besondere Dienste, die er der Landgräfin- Witwe geleistet
hatte. 2) —
Der Kampf der Parteien dauerte unaufhörlich fort.
Anna und die Ihren suchten neue Unruhen in Hessen
zu stiften. Die Ritterschaft forderten sie auf, von dem
minderjährigen Philipp die Lehen nicht in Empfang zu
nehmen, sondern zu warten, bis Wilhelms Sache zum Aus-
trage gekommen sei. Bei einem Teile der Lehensträger
fanden sie Zustimmung. Auch ließen sie Schmähgedichte
gegen die Regenten und die Wettiner drucken. Das
gab Anlaß zur Veröffentlichung mehrerer Gegenschriften
und Widerklagen.^)
Die sächsischen Fürsten beschwerten sich beim Kaiser
und verlangten Wilhelms und Annas Rückkehr nach Hessen.
Diese beiden hätten den Wunsch gern erfüllt, ihrer Heim-
reise standen aber Hindernisse im Wege. Die Gläubiger
hielten das Landgrafenpaar fest und verpflichteten es
*) Nach Rommel, Gesch. v. Hessen 3, 152 der Anm. schrieben
die Regenten eine Fräuleinsteuer aus; ausgezahlt ist damals aber
höchstens ein geringer Bruchteil.
*) 1514 September 27. Marburg ; 1515 Febr. 23. Kassel. Samt-
arch. No. 103 und 104 Schiebl. 85. Vgl. ebenda No. 105—121.
») Senckenberg, Sei. jur. 5, 652 (1511 Juli 1. Marburg). 5, 639
(1511 Nov. 13. Oppenheim). — 0. Gerland in den Mitteilungen des
Vereins f. H. G. 1884 S. 121 (1513 März 30. [Worms]). — Eine spätere
Flugschrift in den Akten betr. die alte Ldgrfin. (1517 Nov. 3. Worms.)
— 32 —
schließlich, von Oppenheim nach Worms zu kommen und
dort bis zur Bezahlung der Schulden zu bleiben. Die Not
war groß. Um sich bares Geld zu verschaffen, mußte
Anna zwei goldene Ketten verpfänden und obendrein die
üblichen Zinsen versprechen. *) Einen Gläubiger, Wolf-
gang Gotzman vom Thurn, ernannte Wilhelm auf Lebens-
zeit zu seinem Diener und Rate und bat endlich in
seiner „großen Armut" den Kaiser, dieser Ernennung
Geltung und dem treuen Diener Belohnung zu ver-
schaffen. ^)
Maximihan verständigte (im Februar 1512) den Kur-
fürsten von Sachsen über den Sachverhalt und forderte,
daß die Regenten Wilhelms und seiner Gemahlin Schulden
bezahlten. Boyneburg und Genossen taten das nicht,
versäumten (Anfang April) auch den Reichstag zu Trier,
wo der Kaiser die ganzen Irrungen beilegen wollte.
Dieser Ungehorsam mußte Maximilians Stimmung ver-
schlechtern.
Anna hinwiederum suchte mit mehr Eifer als Geschick
und Wahrhaftigkeit den Kaiser in ihr Fahrwasser zu
ziehen. Sie schrieb an ihn, ihr Gemahl sei nicht so krank,
daß er nicht mit dem Rate verständiger Männer regieren
könne: er höre alle Tage mit Andacht die Messe, beichte
und empfange das Sakrament, tue keinem etwas zu leide
und sei redlichen Leuten folgsam; den Regenten freilich,
die möglichst lange Herren im Lande bleiben wollten,
würde er nicht anstehn, und wenn er weiser wäre als
König Salomo.
Wie mag Maximilian über solche Beweise für die
Tauglichkeit eines Herrschers gelächelt haben.
Am 15. September 1512 kam es auf dem Kölner
Reichstage zu einem kaiserlichen Schiedssprüche. Die
seit Wilhelms IL Tode geleisteten Huldigungseide sollten
dem alten Landgrafen, sofern er wieder gesund würde,
und seinen etwaigen männlichen Erben in keiner Weise
an ihren Rechten und Ansprüchen schaden. Landgraf
Philipp dürfte bei seiner Großjährigkeit nicht eher die Re-
gierung übernehmen, als bis er seines Oheims Rechte aus-
^) 1512 März 19. Ldgrfl. hess. Personalien: Anna, Gemahlin
Ldgr. Wilhelms I.
") 1511 März 26. Baden; Juni 9.; Juli 26. Marburg, Anna von
Braunschweig an Gotzman; Nov. 8. Oppenheim; 1512 Dez. 1. Kaiser
Max an den Kammerrichter Siegmund Grafen zum Haag, wegen Gotz-
man. Akt. btr. die alt. Ldgrfm. — Glagau, H. L. 1, 377 (1514 Juli 31.).
— 33 —
drücklich anerkannt hätte. Zu Wilhelms Vormündern
und zu Wächtern des Vertrages ernannte der Kaiser die
Wettiner. Anna und ihrem Gemahle, denen keine Gewalt
widerfcihren, sondern Schutz und fürstlicher Unterhalt zu
teil werden müsse, wiei^ er als Wohnsitz Kassel oder
Marburg oder das jeweinge hessische Hoflager an. Die
Einkünfte und die Verwaltung Spangenbergs und Mel-
sungens, der bisherigen Sitze des alten Landgrafenpaares,
sollten dafür an das hessische Regiment zurückfallen, bis
Melsungen nach Wilhelms Tode Annas Witwensitz würde.
Zu diesem Zwecke müsse das dortige Schloß „in ziemlichem
Bau" gehalten werden. Kaiserliche Kommissare haben
die aufgelaufenen Schulden zu untersuchen, die Bezahlung
liegt den Regenten ob. Den fürstlichen Töchtern steht
eine angemessene Aussteuer zu, auch Katharina von
Beichlingen. Die Gefangenen sind auf Urfehde freizulassen,
aller Widerwille zu begraben. Kaiserliche Kommissare
sollen den Spruch vollziehen.
Die hessischen Landstände bestätigten den Kölner
Entscheid am 11. November 1512. Wilhelm und Anna
nahmen ihn an, die Regenten verhießen, ihm sofort und
ohne Einrede nachzukommen.
» Gerade weil der Kaiser Annas maßlose Ansprüche
verwarf und den Landgrafen während seiner Krankheit
von der Herrschaft ausschloß, ist sein Urteil als billig und
verständig zu bezeichnen.
Wenn trotzdem die erhoffte Einigung ausblieb, wenn
Groll und Zwietracht weiter fraßen, und die Unkosten für
das Hessenland wuchsen, dann war es die Schuld der Re-
genten. Sie hielten ihre Versprechungen nicht. Die Ge-
itangenen gaben sie nicht frei; großherzige Versöhnung
lag ihnen fern, so lange sie sich mächtig fühlten. Am
meisten stießen sie sich an der Höhe der Schulden. 17000
bis 18000 Gulden waren für die damaHge Zeit keine
Kleinigkeit; zwei Drittel der gesamten Jahreseinkünfte
des Hessenlandes reichten eben zur Deckung hin. Allein
die Verzögerung häufte Zinseszins auf Zins und vermehrte
die Höhe beträchtlich. Das Landgrafenpaar erhielt bei
der Unsicherheit der Rückzahlung nur zu Wucherpreisen
Geld, Lebensmittel und Waren. Manchmal mußte es
sich verpflichten, für jeden Gulden anderthalb oder zwei
zurückzuzahlen. Selbst auf diese Weise gelang es den
beiden schwer, sich durch Armut und Elend durchzu-
schlagen. Wer ihnen nahe kam, der mußte borgen, ob
N. P. BD. XXX. 3
— 34 —
Christ oder Jude, ob Bischof oder Domherr oder Kaplan,
ob Kaiser oder Reichsfürst, ob Ritter oder Bürger. ^) Was
sie selbst oder ihr Gefolge an Wertsachen besaßen, war
längst verpfändet. Annas Goldsachen, Ketten und Ringe
befanden sich sämtlich in den Händen von Wormser
und Frankfurter Juden.
Endlich nach nutzlosem Ablaufe kostbarer Monate
erschienen (im Januar 1513) einige Regenten zur Stelle,
um Anna mit ihrem Gatten und ihrer jüngsten Tochter
ins Hessenland zurückzuführen. Die anwesenden kaiser-
lichen Kommissare forderten jene auf, wenigstens die
drückendsten landgräflichen Schulden in Worms, Oppen-
heim und anderswo zu bezahlen ; denn Wilhelm hatte not-
gedrungen vor dem Wormser Stadtrate die Versicherung
abgegeben, vor Befriedigung gewisser Gläubiger die Stadt
nicht zu verlassen. Der Kaiser gebot den Regenten,
nicht eher aus Worms aufzubrechen, bis sie 7000 Gulden
hinterlegten. Nach langem Hin- und Herreden entwichen
sie eines Morgens, als die frommen Christen in der Kirche
Petri Stuhlfeier begingen (22. Februar), heimlich aus der
Stadt, und Anna und die Ihren saßen noch immer hülflos
in der Fremde.
Der Landgraf erließ, wohl auf Veranlassung seiner
Gattin, einen Aufruf an die hessischen Stände*), ihrem
Fürsten, dem es an des Leibes Nahrung und Notdurft
rnangele, in seinem Elend beizustehn und die Regenten
zur Erfüllung ihrer Pflichten zu drängen.
Der Kaiser rügte das Benehmen der hessischen
Machthaber, und durch sein Eingreifen und das der Wet-
tiner wurden in Worms (am 16. April) neue Verhandlun-
gen eröffnet, unter dem Vorsitze des Bischofs Wilhelm
von Straßburg; zu den kaiserlichen Kommissaren gehörte
auch Franz von Sickingen. Die hessischen Regenten
bestritten die Rechtsverbindlichkeit der Schulden, da der
Landgraf entmündigt sei, schließlich gelobten sie aber,
bis Michaelis 6000 Gulden beim Kammerrichter und beim
Rate von Worms zu hinterlegen^)
Mehrere kaiserliche Kommissare wurden dazu auser-
*) Unter anderen streckten Kaiser Maximilian und Franz von
Sickingen je neunhundert Gulden vor.
«) 1518 März 80. Vgl. S. 81 Anm. 8.
3) 1518 Mai 81. Samtarch. Nr. 67 Schiebl. 77. — H. L. 1, 562
No. 60 a. Die Empfangsbescheinigung des Kammerrichters Siegmund
Grafen zum Haag und des Bürgermeisters und Rates von Worms ist
aber erst am 12. Jan. 1514 ausgestellt. Samtarch. No. 13 Schiebl. 74.
— 35 —
sehen, das alte Landgrafenpaar (Freitag den 3. Juni 1513)
nach Hessen zurückzuführen. In Marburg wollten sie den
Schiedsspruch weiter vollziehen. Das geschah.^) Auffäl-
ligerweise drang Anna von Braunschweig nicht weiter da-
rauf, daß ihr Witwengut und ihre Morgengabe geregelt
würden; sie wollte sich später mit einem Gesuche an die
Vormünder wenden. Dasselbe erklärten Adam und Ka-
tharina von Beichlingen inbetreff der Mitgift. Der Ge-
danke liegt nahe, daß sie mit Rücksicht auf die unge-
heure Last der Schuldentilgung weniger dringende An-
sprüche zurückstellten; jedoch ist die Möglichkeit nicht
ausgeschlossen, daß allen dreien von anderer Seite
lockende Versprechungen gemacht wurden, nämlich von
der jungen Landgräfin - Witwe. Treue Anhänger des
Landgrafenpaares erfuhren in Marburg Undank; Knaut
und Treisbach wurden zwar aus der Haft entlassen, aber,
mit Gilbrecht von Radenhausen zusammen, wegen ihrer
Geldforderungen an den Rat zu Worms oder auf den
Rechtsweg verwiesen. Die Regenten setzten es auch
durch, daß der neue Hofstaat der alten Landgräfin und
ihres Gatten bessere Gewähr gegen ein gefährliches Ränke-
spiel bot. Die Verwaltung der Städte und Schlösser
Spangenberg und Melsungen wurde dem Regimente über-
tragen; damit verloren, wenn ein neuer Streit ausbrach,
die Aufrührer die Stützpunkte im Lande selbst. Obwohl
die Regenten solche Vorsicht gebrauchten, standen sie
vor dem allergefährlichsten Aufstande, der sie um ihre
Macht brachte.
€• Anna erst Verbündete, dann Gegnerin der Landgräfln« Witwe.
Am 27. Juli 1513 räumte Annas Amtmann, Heinrich
von Gittelde, der nun zu ihrem Vorschneider ernannt war,
die Stadt Melsungen. Das geschah so schnell, daß die
Regenten nicht einmal sofort einen neuen Schultheißen hin-
schicken konnten. Der Rentschreiber übernahm vorläufig
die ganze Verwaltung. Sein Bericht über die Melsunger
Zustände wirft ein schlechtes Licht auf Annas und ihrer
Leute Tüchtigkeit. Viel war verfallen, verdorben und
verkommen, überall die Anzeichen schlechten Geschäfts-
ganges. Ohne Selbstüberwindung leisteten Bürger und
1) 1513 Juli 10. Samtarch. No. 68 Schieb!. 77. — H. L. 1, 567
No. 60 b.
3*
— 36 —
Bauern den Huldigungseid, den Otto Hund im Namen
des Regiments forderte. ^)
Im übrigen Hessenlande standen die wirtschaftlichen
Verhältnisse zweifellos besser, aber das dankte man den
Machthabern nicht. Allgemeine Mißstimmung herrschte
darüber, daß die Regenten durch ihr Ungeschick und
ihre Zauderei dem Lande so ungeheure Kosten aufgebür-
det hatten, für die man die alte Landgräfin und ihren un-
zurechnungsfähigen Gatten nicht verantwortlich machte.
Erbitterte Feindschaft erfüllte Knaut, Treisbach, Raden-
hausen und andere wegen ihrer Gefangenschaft oder
wegen der Ablehnung ihrer Geldforderungen. Genug
Zündstoff war außerdem vorhanden. ^) Und den machte
sich die klügste und kühnste Gegnerin zu nutze, die Land-
gräfin-Witwe, Anna von Mecklenburg. In die Verschwö-
rung, die sie anstiftete, ließ sich ihre Schwägerin, die
ältere Anna, mit Leichtigkeit hineinziehen. Haß, Verbitte-
rung und Kampfeslust gehörten jetzt zu ihrem Wesen,
und für geschickte Hände war es kein Kunststück, das
Feuer in ihr zu schüren. Als sie einmal mit Anna von
Mecklenburg im fürstlichen Frauengemache zu Kassel
saß, brachte diese die Rede auf den Widerwillen, mit dem
die Regenten ihre Wünsche behandelten; für die sächsi-
schen Fürsten aber schiene ihnen nichts zu viel, und die
wären doch keine geborenen und erkorenen Vormünder,
sondern hätten sich als solche nur aufgedrängt. Die alte
Landgräfin erwiderte zornig:
Das gesegnen ihnen tausend Teufel!
Vom 25. bis 27. Oktober weilte sie mit fünfzehn
Pferden in Melsungen. Auf dieser Reise kann sie Teil-
nehmer der Verschwörung angeworben haben. Anfang
Dezember flüsterte man überall, daß die junge Landgräfin
mit Hülfe ihrer Schwägerin eine Schild erhebung plane.
Sächsische Gesandte, die sich in Kassel aufhielten, berich-
teten darüber nach Hause. Noch vor Weihnachten berief
Anna von Mecklenburg die hessischen Stände (auf den
9. Januar 1514) zu einem Landtage nach Felsberg. Die
alte Landgräfin wollte sich ebenfalls dorthin begeben und
hatte schon ihr Roß bestiegen, da verschlossen ihr Beauf-
tragte der Regenten das Hoftor. In Felsberg kam es
noch nicht zu entscheidenden Beschlüssen, ein zweiter
^) Melsunger Amtsrechn. 1513 und 1514. — Vgl. oben Seite 16.
«) Vgl. darüber H. L. 1, 166 ff.
— 37 —
Landtag versammelte sich in Treysa. Die Wettiner ver-
boten diese Zusammenkunft, und Kassel, Melsungen und
viele andere Städte lehnten jede Beteiligung ab. Die
sächsischen Fürsten riefen Anfang März die Landstände
nach Kassel. Alles half nicht. Ludwig von Boyneburg
und seine Amtsgenossen wurden gestürzt. Dazu trugen
{neben Doktor Egra) Anna von Braunschweig und ihr
Schwiegersohn, Adam von Beichlingen, ein gutes Stück
bei. Ausführlich schilderte der Graf der alten Landgräfin
Beschwerden gegen die Regentschaft. Boyneburg vergalt
nicht Gleiches mit Gleichem, er zog nicht die geheimen
Gespräche, die er mit Anna von Braunschweig geführt,
und die jedenfalls gegen die Landgräfin- Witwe und ihren
Sohn Philipp gerichtet waren, an die Öffentlichkeit. Auch
als ihm und seinen Mitregenten die ganzen Kosten des
Handels mit Wilhelm dem Älteren und seiner Gemahlin
aufgebürdet werden sollten, brach er selbst sein Schweigen
nicht, er schlug aber vor, den Doktor Schrindeisen und
Johann von Falkenberg über seine Unterredungen mit
der alten Fürstin eidlich zu vernehmen. Die kluge Land-
gräfin-Witwe wird aus diesen Andeutungen ihre Schlüsse
gezogen und sich im stillen gelobt haben, ihrer Schwägerin
gegenüber die höchste Vorsicht walten zu lassen. Die Saat
des Mißtrauens, die Boyneburg ausgestreut hatte, ging
überraschend schnell auf.
Die jüngere Anna gewann die Regentschaft von
Hessen. Am 1. April 1514 konnte sie ihrem Bruder, dem
Herzoge Albrecht von Mecklenburg, mitteilen, sie bedürfe
keine Hülfe mehr, das ganze Land sei ihr zugefallen.
Sie versprach Wilhelm dem Älteren und dessen Ge-
mahlin, sie sollten mit ihr selbst und ihrem Sohne Philipp
gemeinsam Hof halten und fürstlich behandelt werden.
Bei dem Zusammenleben zeigte sich aber unmittelbar die
gegenseitige innere Abneigung der beiden Landgräfinnen,
jzumal da die ältere Anteil an der Macht forderte.
Bald erhob sich offener Streit, in dem bezeichnender
Weise Peter von Treisbach, ursprünglich Anhänger der
jüngeren Anna und darauf Unruhestifter bei den Huldigungs-
wirren, als Gegner der alten Landgräfin auftrat. Am
herbsten mochte es für Anna von Braunschweig sein, daß
man ihre persönliche Freiheit beschränkte. Freilich nicht
ohne Grund. wSie hatte eine Reise nach Sachsen gemacht
und dort eine Zusammenkunft mit Feinden der neuen
iessischen Machthaber gehalten. Daß hier nichts Gutes
— 38 —
beraten war, lag klar am Tage. Kurze Zeit nach ihrer
Heimkehr rüstete sie sich abermals zu einem Ausfluge
über die hessische Grenze. Nach ihrer Behauptung handelte
es sich um einen harmlosen Besuch bei ihrer Schwägerin
Katharina, deren Gatte, Herzog Erich, in Friesland im
Felde lag. Anna von Mecklenburg scheute aber die Kosten
der Reise oder argwöhnte neue Ränke, ihre Befehlshaber
in Marburg suchten daher die alte Fürstin von ihren Reise-
plänen abzubringen. Grollend verließ diese nun ihren
Gemahl und ihre Tochter Elisabeth und begab sich vom
Schlosse in die Stadt hinab, „in ein verfallenes, böses
Haus", das sie erworben hatte. Bei Nacht und Nebel er-
schienen mehrere hessische Reisige, die außer Landes
lebten, mit Wagen und Pferden vor Marburg und wollten
Anna mit sich nehmen. Die Befehlshaber in der Stadt
und im Schlosse waren aber auf der Hut und vereitelten
den Plan. Aus Ärger darüber kehrte die alte Landgräfin
nicht ins Schloß zurück, sondern blieb zehn oder elf Wochen
in ihrem Häuschen unten in der Stadt. Es scheint keinen
großen Eindruck auf sie gemacht zu haben, daß ihr Bruder
Erich sein Mißfallen über ihr Benehmen aussprach und ihr
vorhielt, die Mutter gehöre an die Seite ihres Gatten und
ihres Kindes. Sie nahm es dagegen ohne Dank als ihr
gutes Recht an, daß man sie vom Marburger Schlosse
aus speiste.
Mit dem schwachsinnigen alten Landgrafen ging man
nicht glimpflicher um. Er durfte nicht einmal nach Hom-
berg reisen, um einen Sohn seiner Tochter Katharina von
Beichlingen aus der Taufe zu heben. ^) Man führte als
Grund an, daß es mit Wilhelms Schicklichkeit schlecht
stände.
Ein anderer Zwist entbrannte um Annas Dienerschaft,
Sie machte Miene, in ihre und ihres Gatten Umgebung
Leute aufzunehmen, die der Regentin verdächtig oder
feindselig waren. Das ließ sich die letztere, früherer Er-
eignisse eingedenk, nicht bieten. Sie verwehrte derartigen
Dienern den Eintritt in die hessischen Häuser und Festungen.
Dann wieder verlangte die alte Landgräfin für ihre Edel-
knaben Besoldung, während ihnen nach dem Herkommen
nur Essen, Trinken und Kleider bewilligt wurden.
Des Haders war kein Ende.
*) In der zweiten Hälfte des Monats Juni 1514 wohnten Anna
von Mecklenburg und die Räte dieser Taufe bei. Mlsr. Amtsrechn.
— 39 —
Da Anna von Braunschweig selbst an die Scholle
gefesselt war, sandte sie gleich anfangs ihren getreuen
Landsmann Heinrich von Gittelde aus, um Bundesgenossen
zu werben. Der Kaiser traf damals Anstalten zur Schlichtung
der neuen hessischen Wirren; daher ordnete Anna ihren
Boten in Abwesenheit ihres Bruders Erich an dessen Ge-
mahlin, Herzogin Katharina, ab und bat um Rat und
Beistand. Der inzwischen heimgekehrte Herzog erinnerte
sich, daß seine Schwester ihm ehemals gütliche Unter-
handlung verweigert hatte ^), und lehnte ihr Ansinnen ab.
Er ging noch einen Schritt weiter, teilte Anna von Mecklen-
burg und deren Räten auf ihre Anfrage den Sachverhalt
mit und bot ihnen zugleich seine guten Dienste beim Kaiser
an. 2) Ende April kam er nach Kassel, um mit der hessi-
schen Regentin und den Landständen ein Bündnis zu
schließen. Er „griff" seiner Schwester dabei „mit Güte
und Mitleid in die Würfel", aber ein einsichtiger Beob-
achter^) fürchtete, er würde keinen Erfolg haben. Die
alte Landgräfin suchte noch einmal auf Erich durch ihre
Mutter einzuwirken, die ihrem Sohne wirklich Vorwürfe
machte. Der Herzog erwiderte, die Mutter möge lieber
ihrer Tochter raten, sich wieder aufs Marburger Schloß
zu verfügen, denn es gingen mancherlei Reden, die man
nicht gerne höre.^) Er teilte seine Antwort der Land-
gräfin -Witwe mit und versicherte, sie würde ihn in diesen
und allen Sachen als Freund erfinden. Und ich bitte
euch, fügte er eigenhändig hinzu, trauet mir ein wenig
besser. Unter diesen Umständen konnte Anna von Braun-
schweig von ihrem Bruder keinerlei Beistand erwarten.
Um so höher stieg die Zuversicht auf der Gegenseite.
Dem zu Marburg versammelten landständischen Aus-
schusse wurde zwar (am 26. Juli 1514) zuerst die Ver-
söhnung und Güte atmende Frage vorgelegt, was man
anzufangen habe, um mit dem alten Landgrafenpaare in
Frieden und Einigkeit zu leben. Aber diese Einleitung
sollte wohl nur den guten Schein wahren; denn eine
zweite Frage verriet deuthch die unverminderte Kampf-
stimmung. Anna von Mecklenburg wollte die Kosten
') Vgl. Seite 15.
2) 1514 Januar 12. Hardegsen. Briefwechsel mit Braunschweig-
Kalenberg 1512-17.
') 1514 April 29. Homberg. Sittich von Berlepsch an Herzog Georg
von Sachsen. H. L. 1, 344.
*) 1514 Mai 5. Nienover. Briefw. m. Braunschw.-Kalenb. 1512—17.
— 40 —
verringern, die der Unterhalt ihres Schwagers und ihrer
Schwägerin dem Fürstentum verursachte; sie war un-
gehalten, daß deren Gläubiger täglich Bezahlung ver-
langten. Endlich kam es beinahe einem Abbruch aller
Beziehungen gleich, wenn die Regentin vom Ständeaus-
schuß ein Gutachten forderte, ob die alte Landgräfin mit
ihrer Tochter Elisabeth jeder Zeit hin- und herreisen dürfe.
Sie konnte doch unmöglich erwarten, daß die fünfund-
zwanzig Jahre ältere Fürstin sich von ihr gutwillig bevor-
munden ließ, wenn es sich um den Verkehr mit ihrer
leiblichen Tochter handelte!
Der Ständeausschuß empfahl, es zunächst bei Anna
von Braunschweig mit Bitten zu versuchen, im Notfalle
aber selbst zu verhindern, daß das junge Fräulein ohne
Wissen der Regentin und ihrer Räte weggeführt würde.
Mehrere Gläubiger der alten Landgräfin verwies er an
den Rat zu Worms, bei dem ja Geld hinterlegt war.
Andere Schulden zu bezahlen, überließ er der Billigkeit
der Landgräfin -Witwe; und an dieser Stelle war die Freude
am Ausgeben nicht allzu groß. Übrigens lag die Sache
auch insofern schwierig, als die vormaligen Regenten sich
außer Landes begeben und das Verzeichnis der Gläubiger
und alle Register mitgenommen hatten. Wie sollte nun
Anna von Mecklenburg die berechtigten Geldforderungen
von Betrügereien unterscheiden? Sie verlangte, wie das
schon der Landhofmeister Boyneburg angefangen hatte,
von jedem, auch vom Reichsfürsten, daß er sein Guthaben
mit einem Eide bekräftige. Gerade die anständigen Geld-
geber, die der alten Landgräfin auf Treu und Glauben
geborgt hatten, waren empört, und überhäuften die arme
Schuldnerin mit Vorwürfen.
Wie sollte Anna allein aus diesem Irrgarten einen
Ausweg finden? Im Herbste^) wandte sie sich wieder an
den Kaiser und flehte um Hülfe gegen die hessischen
Stände. Ein Pönalmandat möge Maximilian erlassen,
damit sein Schiedsspruch endlich ganz vollstreckt werde.
Alte Beschwerden wiederholte Anna. Dann aber verlangte
sie die Huldigung für ihren Gatten und für sich selbst
Freiheit, mit ihrer Tochter Elisabeth beliebig zu verreisen,
sowie eine ausdrückliche Verpflichtung der neuen Regentin
auf den Kölner Schiedsspruch.
Die junge Landgräfin, die um diese Zeit dem Kaiser
») IbU Okt. 28. H. L. 1, 406-412.
— 41 —
persönlich einen Besuch abstattete, suchte die Klagen ihrer
Schwägerin zu widerlegen. Mit Eifer nahm sie das Recht
in Anspruch, ihre vom Lande ernährte Nichte Elisabeth
unter den Augen zu behalten und deren unzweckmäßige
Verheiratung zu hindern.
Der Kaiser berief die Regentin und ihre Räte an
seinen Hof^), um sie mit Anna von Braunschweig über
die Ausführung des Kölner Schiedsspruches güthch zu
einigen.
Vier Tage vorher war jedoch eine bedeutende Ände-
rung der ganzen Lage eingetreten durch den Tod Wil-
helms des Älteren.
Annas hochstrebende Pläne, ihr Gedanke, mit Hülfe
des Gemahls an der Herrschaft des hessischen Landes einen
Anteil zu bekommen, sanken jetzt endgültig ins Grab.
Der Kampf, den sie unverdrossen weiter führte, hatte nur
noch drei Ziele: persönliche Unabhängigkeit, fürstlichen
Unterhalt und freie Verfügung über ihre jüngste Tochter.
3. Anna als Witwe (15 15— 1520).;;
a. Alma im Kirchenbaun.
Wilhelms I. Erbschaft trat Anna von Mecklenburg
an, sie nahm dessen Pferde, Kleider und Kleinode an sich.
Mindestens die letzteren beiden kamen aber (nach Ansicht
der alten Landgräfin) der Witwe als Erbin zu.
Anna von Braunschweig hatte jetzt ihre Stätte nicht
mehr am Hofe des jungen Landgrafen Philipp und seiner
Mutter, sondern ihr Witwensitz war Melsungen. Von je her
(zuletzt noch in der Beschwerdeschrift an den Kaiser) er-
hob sie Klage darüber, daß das Schloß in schlechtem Zu-
stande sei. Man vertröstete sie jedesmal auf später, da
es mit der Wiederherstellung nicht eile. Nun wollte man
sie nötigen, das baufällige Melsunger Haus zu beziehen.
Dazu fehlte ihr die Neigung. Herzog Erich von Braun-
schweig wurde um seine Vermittlung ersucht. Anna setzte
einen Tag in Kassel an 2), und der Herzog erschien. Die
*) 1515 Febr. 12. Innsbruck. Or.
') 1515 März 11. Kassel. Eigenhändig unterschriebener Brief
der alten Landgräfin an den Hofmeister Konrad von Waidenstein. Sie
erwähnte darin nur, daß sie etliche ihrer Freunde und Räte zu er-
scheinen aufgefordert habe; von ihrem Bruder sagte sie nichts. —
Waidenstein verschob die Zusammenkunft vom 21. auf den 28. März.
Die Regentin hatte dem Hofmeister Waidenstein (1516 Jan. 31. Mar-
— 42 —
Regentin aber befand sich außer Landes, beim Kaiser.
Den Räten trug Anna von Braunschweig ihr Anliegen
vor, daß der Schiedsspruch nicht gehalten, der Witwen-
sitz nicht gebaut, die Schulden nicht bezahlt würden. Die
Räte hörten die Klagen an, besaßen jedoch keine Voll-
macht, etwas zu beschließen oder zu bewilligen. Sie ver-
sprachen, innerhalb zehn Tagen Antw^ort zu geben, die
aber niemals erfolgte.
Wenig später ließ sich Anna völlig überlisten und
ohne erkennbare Gegenleistungen zu schwerwiegenden
Versprechungen bewegen. Herzog Erichs Hofmeister Tyle
Wolff war, zusammen mit dem Grafen Adam von ßeich-
lingen, der Urheber dieses Vergleiches oder Streiches.
Die alte Landgräfin verhieß, binnen fünf Tagen mit ihrer
jüngsten Tochter nach Melsungen zu gehn. Elisabeth
sollte aber nur das nächste Vierteljahr bei ihrer Mutter
bleiben und ohne Bewilligung der Regentin und der Land-
stände weder die hessische Grenze überschreiten noch ver-
heiratet werden. Anna von Braunschweig versprach das
bei ihrer weiblichen Ehre, ihrer fürstlichen Würde und bei
Verlust ihres Witwengutes. Ein Schlußsatz besagte, daß
diese gütliche Abrede keinem Teile an seinen Rechten
schaden solle. ')
So ging Anna nach Melsungen, ohne daß das dortige
Schloß anständig ausgebaut war. Mit guter Hoffnung
auf die Zukunft und auf freigebige Befriedigung ihrer
Wünsche erfüllte sie abei: der Umstand, daß man ihr
Silbergeschirr vom fürstlichen Tische mitgab. Ihre Ein-
samkeit in dem kleinen Fuldastädtchen verringerte ihr
Schwiegersohn mit seiner Gattin, die hier auch ihren
Wohnsitz nahmen.
Wenn sie geglaubt hatte, durch ihr Entgegenkommen
dauernde Dankbarkeit beim hessischen Regimente zu finden,
so war das ein Irrtum. Die alten Schulden wurden nicht
bezahlt. Dadurch traf sie gleich im ersten Jahre ihrer
Witwenschaft ein Schlag, an dem fromme Gemüter dieser
Zeit schwer trugen: sie geriet in den Kirchenbann. Über
bürg) den Auftrag gegeben, mit ihrer Schwägerin zu verhandeln: für
die junge Elisabeth könne man nicht dasselbe Kostgeld beanspruchen
wie für Phihpps Schwester, da jene bloß in des Landgrafen Versehung
stände; das Melsunger Schloß wolle man herrichten, nötigenfalls ein
neues bauen.
*) 1515 Mai 2. Kassel. Mit Annas eigenhändiger Unterschrift
und rotem Wachssiegel und den grünen Siegeln Wolffs und Beich-
lingens. Samtarch. No. 69 Schiebl. 77.
dergleichen setzte sie sich durchaus nicht leicht hinweg,
sie versäumte lieber eine wichtige Gerichtssitzung als den
Gottesdienst*) und betrachtete Wallfahrten als verdienst-
liche Werke.
Schon einmal war sie durch einen Gläubiger beim
geistlichen Gerichte verklagt und nach Mainz vorgeladen,
durch Aufwendung schwerer Kosten hatte sie aber das
Schlimmste abgewandt und die Zurückziehung der Klage
erreicht.
Diesmal war ihr das Glück minder hold. Ein Geist-
licher, ehemaliger Diener und Landsmann schritt in der-
selben Weise gegen sie ein: Berthold Ohm, genannt Spicker,
aus Hardegsen. Als Kaplan des alten Landgrafen hatte
er sich mit diesem (1493) an der Universität Erfurt ein-
schreiben lassen unter dem lateinischen Namen Bertoldus
Avunculi; er stand also der fürstlichen Familie, die ihm
mit Vorliebe den Rufnamen Bernd beilegte, nahe genug.
Um so mehr befremdet sein Vorgehn gegen Anna, nur
eigene Not könnte es erklären.
Die Schuld stammte aus der Zeit der großen An-
leihen. Als die alte Landgräfin mit ihrem Gatten und
ihren Töchtern von Spangenberg mit leichtem Beutel in
die Ferne zog, borgte sie von Ohm, damaligem Vikare
des Bartholomäusstiftes zu Frankfurt, zwanzig Goldgulden.
Wilhelm der Ältere vermehrte diese Schuld erheblich,
trug auch einiges mit guter Hülfe wieder ab. ^) Die übrige
Zahlung unterblieb, man weiß, wie rasch die Schulden
damals wuchsen. Verschiedentlich bat Ohm die alten
Regenten schriftlich und mündlich, ihm zu seinem Rechte
zu verhelfen, empfing aber keine tröstliche Antwort. Nach
Boyneburgs Sturze wandte er sich an Anna von Mecklen-
burg; er wurde mit der Entgegnung abgewiesen, man
wisse nichts von der eingeforderten Schuld, wolle sich in-
dessen bei dem gewesenen Regimente erkundigen.^) Das
war die übliche Redensart, mit der man unbequeme Dinge
begrub. Auf diese Weise ließ sich Ohm, hinter dem als
treibende Kraft der Frankfurter Bürger Johannes Regen-
*) 1516 September 9. sagte ihr Anwalt Brach vor dem Kammer-
gerichte : nun hette sie selbs wollen erscheinen, aber so es ein heilig
zeit und gestern unser frauwen tag gewesen, were sie dorfur in kirchen
gangen.
') Schuldverschreibungen von 1511 März 16., Mai 19., 1512
Juni 3. — Empfangsbescheinigungen Ohms vom Juni 1511 und von 1512.
») 1514 Sept. 26. Marburg.
— 44 —
bogen, Wirt zum Heyner Hof, stand, nicht länger hin-
halten. Er erhob gegen die alte Landgräfin Klage beim
geistlichen Gerichte. Der kirchliche Richter Stephan Frisch,
Scholaster auf unserer lieben Frauen Berg zu Frankfurt,
machte die Kasseler Räte auf die drohende Gefahr auf-
merksam. Sie verwiesen den geistlichen Gläubiger auf
das in Worms hinterlegte Geld und verlangten, nach ge-
wöhnlichem Brauche, Zeit zur Untersuchung der Sache. ^)
Der Hofmeister Konrad von Waidenstein hielt es für
zweckmäßig, in einigen Zeilen gleichfalls zur Geduld zu
mahnen und Ohm das erste geistliche Lehen, das in Hessen
frei würde, in Aussicht zu stellen. Mehrere Monate wartete
der Vikar noch, dann schritt er zum Äußersten. Das un-
glaubliche geschah: um anderthalbhundert Gulden, die sie
einem Priester schuldete, geriet eine deutsche Fürstin in
den Kirchenbann.
Stephan Frisch zeigte dies im Namen des Papstes
Leo X. (am 17. August 1515) der Geistlichkeit an, der
stellvertretende Pfarrer Johannes Kirche verkündete es
am 20. Sonntage nach Trinitatis (21. Oktober) der Ge-
meinde in Annas Witwensitze Melsungen.
Die alte Landgräfin meldete das Ereignis ihrer Schwä-
gerin. Von da kam die kühle Erwiderung ^), ihre Räte
seien augenblicklich nicht zur Hand, Anna möge den
Priester hinhalten, bis man sich erkundigt habe, ob er
schon Bezahlung erhalten, dann solle er befriedigt werden;
im übrigen sei die Regentin zu freundlichen Diensten ge-
neigt. Die Schlußwendung wird der Empfängerin wie
Hohn erschienen sein. Da auch ihre Bemühungen beim
Herzoge Georg von Sachsen erfolglos blieben, reichte sie
bei 31 Adligen, die sich auf Veranlassung Heinrichs von
Baumbach in Frielendorf (zwischen Treysa und Homberg)
zu Beschwerden gegen die Regentin versammelten ^), eine
Klageschrift ein. Dieselben Mitglieder der hessischen
Ritterschaft versuchten in Melsungen, dem Witwensitze
Annas, einen zweiten Tag abzuhalten, die Regentin trat
aber dazwischen. Die alte Landgräfin hatte keinen Nutzen
von ihren Bundesgenossen. Und ihre Schwägerin dachte
jetzt noch weniger als vorher daran. Berthold Ohm zu
bezahlen. Er mußte, mit seinem Frankfurter Geschäfts-
1) 1515 Jan. 20. Kassel.
2) 1515 Oktober 4. Kassel.
8) 1515 Oktober 22. H. L. 1, 474. 486. — H. v. Baumbachs
Gattin stand im Dienste der alten Landgräfin.
— 45 —
genossen zusammen, erst Klage beim Kammergericht ein-
reichen. Endlich gelang es Anna, bei einer mitleidigen
Seele das nötige Geld aufzutreiben; nachdem sie sechs
Wochen lang im Banne gelebt hatte, wurde sie wieder
in die kirchliche Gemeinschaft aufgenommen.
b« Schiedsyersuche des Beichskammergerichtes.
Die kaiserliche Kommission hatte ehemals die über-
großen Forderungen der Gläubiger des alten Landgrafen-
paares bedeutend herabgesetzt, und die Regentin dem
Kaiser in Innsbruck das Versprechen gegeben, sich an
die Entscheidungen von Köln, Worms und Marburg zu
halten. Trotzalledem zögerte das hessische Regiment,
die in Worms niedergelegte Summe zu erhöhen und so
die endliche Abwickelung zu erleichtern. Anna von Braun-
schweig litt darunter. Viele Leute schrieben ihr jetzt die
Schuld zu ; sie hielte ihre verbrieften und besiegelten Ver-
sprechungen nicht, meinten sie und gingen um so schroffer
gegen sie vor. Sie spürte nicht bloß die lieblose Hand
kirchlicher Richter, sondern wurde bald vor dem Hofge-
richte in Rottweil, bald bei der westfälischen Feme verklagt.
Selbst Herzog Erich von Braunschweig mußte seine
Schwester an die Abtragung einer Schuld mahnen ^), die
die Regentin dem wertvollen Bundesgenossen von selbst
hätte entrichten sollen. Man entschloß sich aber nur zur
Zahlung, um den drohendsten gerichtlichen Zwangsmitteln
auszuweichen, und erbitterte den Gläubiger obendrein da-
durch, daß man die Zahlungspflicht des Landgrafen Philipp
und das Recht des alten Landgrafenpaares, Geld aufzu-
nehmen, bestritt, daß man sich alle Rechte wahrte^) und
somit die Zurückforderung des Geldes androhte.
Die alte Landgräfin fühlte eine Demütigung in die-
sem Verfahren, auch darin, daß ihr in ihrem Wittum Mel-
sungen Gebot und Verbot fehle, und sie daher keinen
Gehorsam finde, daß ihre Tochter Elisabeth nicht gekleidet,
geschmückt und unterhalten werde wie das gleichnamige
Kind der jüngeren Anna. Hiergegen ließ sich nach dem
*) 1516 März 20. Newenstatt (wohl Neustadt am Rübenberge).
Abschr.
2) 1516 März 8. Notar.-Instrum. Samtarch. No. 17 Schiebl. 73.
Der Gläubiger war Johann Graf zu Wied und Runkel. — Es fehlte
Anna von Mecklenburg nicht etwa an Geld zur Bezahlung der Schul-
den, denn als sie die Regentschaft niederlegte, versprach sie ihrem
Sohne 70000 Gulden zu übergeben.
— 46 —
Wortlaute des Kölner Schiedsspruches weniger machen
als gegen den Umstand, daß das hessische Regiment nicht
für den Ausbau des Melsunger Schlosses und für die Be-
zahlung der Schulden sorgte.
Der Kaiser, dem die Angelegenheit vorgetragen
wurde, beauftragte den Kammerrichter Siegmund Grafen
zum Haag und dessen Beisitzer, auf Grund der ergange-
nen Entscheidungen die beiden Landgräfinnen in Güte zu
vertragen oder, wenn Güte nicht hülfe, den widerspen-
stigen Teil durch Strafbefehle zu zwingen ^).
Anna von Braunschweig ordnete infolgedessen ihren
Sekretär Johann Dürr mit einem freundlichen Worte an
den Kammerrichter in Worms ab ^) und wählte Doktor
Johann Drach zum Anwalte. Am 3. März 1516 überreichte
Drach dem Reichskammergerichte ihre Klage, den 8. April
und die folgenden Tage kam es zur Verhandlung. Der
Sachwalter der Regentin, Hitzhofer, erhob Einsprache
gegen das ganze widerrechtliche Verfahren vor dem Kam-
mergerichte, er beteuerte, die junge Landgräfin und ihre
Räte würden von selbst tun, was sie von Rechts wegen
schuldig wären. Die Gegenpartei tadelte die Verschlep-
pungspolitik der hessischen Regierung, welche Anna von
Braunschweig ermüden und entrechten sollte.
Donnerstag den 10. April 1516 erschien die alte
Fürstin persönlich vor der Kommission, um ihrer Sache
Nachdruck zu geben. Das Gericht vermochte sich aber
zu keiner Entscheidung aufzuraffen, es entließ Kläger und
Beklagte mit dem Spruche, es werde die Angelegenheit
bedenken. Solch ein Bedenken konnte eine endgültige
Abweisung bedeuten ; die Notwendigkeit erforderte, daß
die Triebräder wieder in Bewegung gesetzt wurden.
Anna von Braunschweig erbat des Kaisers Hülfe.
Maximilian wiederholte dem Kammergerichte seinen Befehl,
den Streit zu entscheiden^) und gab gleichzeitig eine be-
stimmte Richtschnur an: Wenn das beim Wormser Rat
hinterlegte Geld nicht genügte, müßte das hessische Re-
giment veranlaßt werden, noch dreitausend Gulden zur
*) 1516 Januar 26. Worms. Or. Das Kammergericht ladet die
Regentin zum 3. März vor. — 1516 Februar 20. Marburg. Entwurf.
Die Regentin bittet um Aufschub, da sie vom Kaiser zum 25. Februar
nach Augsburg zum Reichstage beschieden sei.
2) 1516 Februar 8.. Weisungen. Abschr.
*) 1516 Juni 29. Überlingen. Wörtlich enthalten in einer Zu-
schrift des Kammerrichters an Anna von Mecklenburg vom 20. Juli 1516.
— 47 —
Bezahlung der Schulden einzusenden; das Fräulein Elisabeth
sollte bis zur Vermählung bei der Mutter bleiben und den
ungeschmälerten Unterhalt einer Landgrafentochter ge-
nießen; den Jungfrauen und Dienern der alten Fürstin
käme die beim Tode eines Fürsten übliche Abferti-
gung zu.
Das Kammergericht setzte auf den 9. September einen
neuen Tag zu Worms an, wohin es die beiden Land-
gräfinnen beschied. Der Bote des höchsten Gerichtshofes
schlug die Ladung in allen bedeutenden hessischen Städten
und in den Wohnsitzen der Ritterschaft an.
Zur Verhandlung erschien Anna von Braunschweig
wieder persönlich neben ihren Beauftragten. Das Bild,
das sie dem Kammer^ erichte von ihrem Unglück ent-
werfen ließ, verdient hier nachgezeichnet zu werden: von
Gläubigern hart bedrängt, während der Krankheit ihres
Gatten dem Mangel ausgesetzt, ihre Kinder, wiewohl von
fürstlichem Stamme entsprossen, im Elend aufgezogen;
so wenige gute und fröhliche Tage sie zu Lebzeiten ihres
Gemahls gesehen, so wenige gab es jetzt. ^)
Mögen die Farben stark aufgetragen erscheinen, mag
mancherlei Unheil durch eigene Schuld vergrößert sein,
es bleibt noch genug übrig, um tiefes Mitleid zu er-
wecken.
Anna hatte jetzt eingesehen, welch ein verhängnis-
voller Fehler es war, die Gewalt über ihre jüngste Tochter
sich durch Vertrag beschränken zu lassen; ihr Bestreben,
mit Hülfe des Kammergerichtes ihre Verschreibung zurück-
zuerlangen, versprach aber von Anfang an keinen Erfolg.
Hitzhofer erklärte im Namen der Regentin alle Ver-
handlungen, die beim Gerichte geführt würden, für un-
verbindlich und schlug gütliche Einigung vor. Dagegen
wies man ihn auf die Mißerfolge der früheren Vermitt-
lungen hin.
Mit einer Klage trat hier auch der Ritter Hans
Knaut auf und forderte endliche Entschädigung für seine
Unkosten und seine mehr als zweijährige Gefangenschaft.
Als lebendiger Zeuge für die Verschleppungskünste der
*) ... in mangel gestanden, was lait und traurigkeit uns be-
gegnet, unser kinder, wiewol die von fürstlichem stam geborn, im
elend als ein frum furstin gezogen und im jamertal ernert, daz wir
auch in zeit gedachts unsers hern und gemahel sei. gedachtnus nit
vil guter oder frolicher zeit gehabt und auch noch nit haben. Si
woUent auch bedrachten, das erheb herkommen und verwantschaft,
so zwischen uns beiden ist u. s. w.
— 48 —
hessischen Regentschaft mußte er auf das Gericht Eindruck
machen, zumal da er nicht als Bundesgenosse der älteren
Anna gelten wollte, sondern fragte, an welche der beiden
Landgräfinnen er sich mit seinen Forderungen zu
halten habe.
Anna von Braunschweig erzielte ein günstiges Urteil.
Sofort meldete Hitzhofer Berufung beim Kaiser an. ^)
Obgleich Anna von Mecklenburg und ihre Räte die
Rechtsnachfolger der früheren Regenten waren, ließen sie
doch einwenden, daß sie bei den kaiserlichen Entscheidungen
zwischen Ludwig von Boyneburg und Genossen und dem
alten Landgrafenpaare in keiner Weise beteiligt seien;
außerdem dürfe die Regentin als Reichsfürstin außer
Landes nicht vor Gericht gezogen werden, dem Kammer-
richter gebühre also in dieser Sache kein Gerichtszwang. ^)
Der Kaiser wies die Berufung als ungerechtfertigt
zurück^), und d^ Kammergericht entschied (am 29. No-
vember): das Mefsunger Schloß sei unverzüglich in guten
Stand zu setzen; die junge Elisabeth solle bis zu ihrer
Verheiratung bei ihrer Mutter bleiben, von der Regentin
aber wie deren eigene Tochter unterhalten werden, ihre
Erziehungskosten seit Wilhelms I. Tode seien der alten
Landgräfin zu vergüten, dem Kloster, worin noch ein
Fräulein lebe, tausend Gulden zu versichern; alle un-
bezahlten Schulden habe nicht Anna von Braunschweig
zu übernehmen, sondern die Regentin, die dazu dreitausend
Gulden nach Worms senden und ihre Schwägerin auch
für die durch die Gläubiger und das Gerichtsverfahren
erwachsenen Unkosten entschädigen müsse; ihren Hof-
dienern komme Aussteuer und Abfertigung zu, wie beim
Tode eines regierenden Landgrafen.
Obwohl der Kammerrichter den Zwist um Leibzucht
und Morgengabe*) unmittelbar an den Kaiser verwies, so
schien die alte l^andgräfin dennoch einen glänzenden Sieg
errungen zu hafcen.
Der Anwalt der Regentin bestritt aber dem Gerichte
nochmals das Recht, gegen sie, die Reichsfürstin, einzu-
1) 1516 Sept. 25. 2 Or. : Hitzhofer an den hessischen Kanzler Jo-
hann Feige und an Anna von Mecklenburg und ihre Räte.
2) 1516 Sept. 24. Marburg u. Sept. 27. Worms. 2 Notar.-Instrum.
Ldgrfl. hess. Ehesachen: Anna, Witwe Ldgr. Wilhelms I.
8) 1516 Oktober 9. Augsburg.
*) Anna von Braunschweig suchte auf Grund ihrer Mitgift ein
größeres Einkommen herauszuschlagen, als die Verträge bestimmten.
— 49 —
schreiten und erhob Berufung an den Kaiser. ^) Maximilian,
der den Landkomtur der Bailei zu Koblenz, Ludwig von
Seinsheim, an Anna von Mecklenburg abgesandt hatte,
war von den hessischen Einwänden schon unterrichtet.
Er wollte die Sache nicht auf die Spitze treiben. Des-
halb befahl er dem Kammergerichte, das Verfahren einst-
weilen einzustellen, und ernannte auf den Wunsch der
Regentin den Erzbischof Albrecht von Mainz und Magde-
burg zum Schiedsrichter. ^)
Anna von Braunschweig kam die Sache bedenklich
vor, und sie begab sich mitten im Winter nach Hagenau
zum Kaiser, der ihr riet, die erzbischöfliche Vermittlung
anzunehmen.
Albrecht berief die Parteien (zum 25. Januar 1517)
nach Mainz und schweren Unwetters halber am Tage
darauf nach Aschaffenburg. Die alte Landgräfin ließ sich
durch die Unbilden der Witterung nicht abhalten, nach
Mainz zu reisen. Von Seiten ihrer Muhme erschien aber
bloß Valentin Ratzenberg ^), der nichts Besseres wußte, als
Vertagung zu beantragen. Die Sitzung in Aschaffenburg
versäumte Anna von Braunschweig. Der Erzbischof sah
die Fruchtlosigkeit seiner Bemühungen ein und setzte den
Kammerrichter davon in Kenntnis.
Das Reichskammergericht nahm die Sache wieder in
die Hand und erkannte^) fast genau dasselbe für recht,
was es schon im November beschlossen hatte. Der Ton
des Spruches war aber noch bestimmter. Die jüngere
Landgräfin und ihre Räte wurden auf den 27. Tag vor-
geladen, um die Ausführung des Urteils zu beweisen,
Widersetzlichkeit für jeden einzelnen Fall mit fünfzig
Gulden Strafe bedroht.
Zur Abwechselung war es wieder der Kaiser, der
den ordentlichen Lauf hemmte. Er gebot auf Antrag der
hessischen Regentin dem Gerichte Stillstand, weil der Erz-
bischof von Mainz in Gemeinschaft mit dem Herzoge Erich
von Braunschweig die Vermittlung zwischen den Land-
gräfinnen übernehmen solle. Beide Fürsten erklärten aber,
sie wollten mit der Sache nichts mehr zu tun haben.
*) 1516 Dez. 7. Abschr.
2) 1516 Dez. 2. Hagenau. 2 Abschr.
«) 1517 Jan. 22. Marburg. Vollmacht für Val. Ratzenberg. —
1517 Jan. 16. Or. Ratschläge Hitzhofers für die Tagung, da er selbst
wegen der Wormser Fehde kein Geleit bekommen konnte.
«) 1517 Febr. 14. u. 21. Worms. Beglaub. Abschr.
N. P. BD. XXX. 4
— 50 —
Anna von Braunschweig bemühte sich umsonst bei
ihrem Bruder Erich, ihrem Neffen Heinrich dem Jüngeren
von Wolfenbüttel und ihrem Ohm, Grafen Botho von
Stolberg. Dagegen war ihr Schwiegersohn, Graf Adam
von Beichlingen , an den sie einen Brief voll schwermütiger
Worte schrieb, bereit, einen Vergleich zu stiften. ^) Sein
guter Wille scheiterte daran, daß seine Schwiegermutter
während der Verhandlungen keinen Stillstand des Ge-
richtsverfahrens zugeben wollte.
Schon vorher hatte sie sich in Mainz an den dort
versammelten Reichstag gewandt, und es gelang ihr, dessen
Aufmerksamkeit und Mitleid zu wecken. Ein Unbeteiligter,
der Frankfurter Gesandte Philipp Fürstenberg, schildert^),
welchen Eindruck sie auf die Stände hervorbrachte. Er
berichtet, daß täglich Bittschriften beim Reichstage einliefen ;
aber unter allen Vorträgen, fährt er fort, ist nichts erbarmens-
würdiger gewesen, als was meine gnädige Frau Land-
gräfin, geborene Herzogin von Braunschweig, heute vor
acht Tagen (am 29. Juli) persönlich vor den Ständen reden
und vorlesen ließ. Viel Armut, Elend und Kümmernis
hat sie darin vorgebracht: daß^) sie wider die Sprüche der
kaiserlichen Majestät, wider Verträge, Zusagen und er-
strittene Urteile keins der ihr gebührenden Rechte von
meiner gnädigen Frau Landgräfin von Hessen und ihren
Räten bekommen kann; sondern sie muß, um Recht zu
erlangen, das Ihre, das sie sonst zu anderm Zwecke wohl
bedürfte, verzehren und verlohnen und in den Ländern
dem Kaiser, dem Kammergericht und anderen Kom-
missaren nachziehen mit einer Magd und wenigen Dienern,
wie arme Zigeuner. Dadurch gerät sie in solche Armut,
daß sie ihr Silber, Kleider, Kleinode, und was sie Gutes
hat, an Juden und Christen versetzen muß. Sie wird auch
Schulden halber bisweilen in den Bann getan. Dazu ist
ihr Wittum Melsungen so zerfallen, daß sie sich im Sommer,
geschweige denn des Winters, dort nicht aufhalten will
oder kann. Alles in allem ist es an dem: wenn ihrer
Muhme, der Landgräfin, und der Regenten langweilige
Umtriebe länger gestattet werden, muß sie betteln gehn.
^) 1517 August 20. Adam von Beichlingen an Anna von Meck-
lenkurg. Eigenhändig.
*) 1517 August 5. Mainz. Philipp Fürstenberg an den Rat der
Stadt Frankfurt. Joh. Janssen, Frankfurter Reichskorrespondenz. 2, 941.
942. Vgl. S. 920 Juli 31.
8) Von hier ab entnimmt Fürstenberg seine Angaben der Klage-
schrift Annas, in der nichts übertrieben ist.
— 51 —
Sie begehrt deshalb von Kurfürsten, Fürsten und anderen
Ständen, als den Beschirmern der Witwen und Waisen,
rein um Gottes und des jüngsten Gerichts willen, ihr bei
der Landgräfin zu verschaffen, was ihr von Rechts wegen
und von Natur gebühre, oder aber, wenn das nicht möglich
sei, am Kammergerichte , Verhandlung ihrer Sache in den
Ferien zu veranlassen, damit sie schleuniger zu Ende
komme. Das wolle sie mit ihrem andächtigen Gebete,
und wie sie sonst könne, gern verdienen und vergelten.
Auf die Eingabe der Reichsstände ^) erwiderte der
Kaiser, er wolle die alte Fürstin bei ihrem Rechte
bleiben lassen.
Anna war selbst in Mainz anwesend, wie sie ja keine
Reisen und Mühen scheute, um ihre Sache zu fördern.
Auch Gefahren setzte sie sich furchtlos aus. Sickingens
Fehde mit der Stadt Worms machte damals die Gegend
unsicher 2). Der streitbare Ritter war ihr Freund, aber
gesetzt auch, daß sie vor seinen eigenen wilden Kriegs-
knechten sicher war, so hatte sie doch seine zahlreichen
Gegner zu fürchten. Auf die Zeitverhältnisse wirft es ein
grelles Licht, daß -mehreren Mitgliedern des Kammer-
gerichtes von Franz von Sickingen „ein verschworen Ge-
leit" erteilt wurde, der alten Landgräfin zu dienen und zu
raten, wo sie zu schaffen habe. ^)
Das Gericht setzte sein Verfahren fort.**) Da aber
die Kriegsnöte mehrere Beisitzer am Erscheinen hinderten,
mußte es sich vertagen. ^) Schließlich lud es die Regentin
und deren Räte auf den 5. September. Über seine Ver-
handlungen, denen die alte Landgräfin wieder persönlich
beiwohnte, ist ein umfangreiches Protokoll erhalten. Hitz-
hofers Versuch, den ganzen Gerichtshof als befangen ab-
zulehnen ^), schlug fehl. Er verstand es aber durch die
wahrhaft endlos ausgesponnene Frage, ob ein Aufschub
angehe, diesen Aufschub wirklich herbeizuführen. Dem-
*) Vom 30. Juli 1517. — Die hessischen Gesandten erwiderten
darauf erst im folgenden Jahre dem Reichstage zu Augsburg.
*) 1517 Aug. 10. Or. Hitzhofer an die Regentin : man mort, raubt
und stumelt die leut uf allen Strassen um Wormbs. Er rät deshalb,
das Gericht um Aufschub zu bitten.
^) 1517 Aug. 25. Or. Hitzhofer an Anna von Mecklenburg und
die Räte.
*) 1517 Juli 11. Worms. Abschr.
«) 1517 Juli 29. Worms. Or.
®) 1517 Oktober 8. — Anna von Mecklenburg und ihre Räte
hatten bei Gott und den Heiligen beschworen, daß ihnen die Richter
verdächtig seien.
4*
— 52 —
selben Zwecke diente es, wenn Margaretha von Treisbach,
Priorin des Klosters Weißenstein, und Johannes von De-
venter, Augustiner-Pater daselbst, sich einmischten. ^) Sie
stellten dem Gerichtshofe vor, Anna von Braunschweig*
klage nicht im Namen und Auftrage des Klosters; das
Kammergericht möge den gegen die Regentin erlassenen
Strafbefehl zurückziehen, sonst mache es den Nonnen aus
einer gnädigen Landesfiirstin eine ungnädige.
Das Gericht kümmerte sich weder um diese Einrede
noch um Hitzhofers Protest und Berufung ^) und ver-
hängte, da Anna von Mecklenburg keine einzige seiner
Forderungen erfüllte, weiter Mandate und Strafen ^), denen
sich der Kaiser anschloß *).
Anna von Braunschweig suchte auch die öffentliche
Meinung für sich zu gewinnen. Sie verkündete ^) in einem
riesengroßen gedruckten Sendbriefe den deutschen Fürsten
und Hessens Amtleuten und Gemeinden, wie es im Reiche
einer fürstlichen Weibsperson ergehe. Ausfürlich (aber
ungenau in der Zeitfolge) schilderte sie die Entwicklung
ihrer Angelegenheit in den letzten Jahren und ihre Be-
schwerden gegen das hessische Regiment.
Zugleich bewarb sie sich um Gunst und Beistand
einzelner Reichsstände, suchte in Heidelberg den Pfalz-
grafen, in Speyer den Bischof auf und unterhandelte mit
Franz von Sickingen. ^)
Augenblicklicher Erfolg und tatkräftiger Beistand
mochten ausbleiben, sie hatte jedoch wenigstens den
Trost, daß die Leute sich lebhaft mit ihrer Person und
ihrem Schicksale beschäftigten und in ihren Gesprächen
für sie Partei ergriffen. In allen Landen war ein Geschrei,
daß der alten Fürstin Unrecht geschähe, berichtete Hitz-
hofer selbst der Regentin.
Allmählich ballten sich drohendere Wolken über deren
Haupte zusammen. Der Kaiser gab dem Kammergerichte
(am 18. Januar 1518) die Macht, nötigenfalls über die
*) 1517 Okt. 8. Abschr. — Zweimal unternahm das Kloster solche
Schritte.
2) 1517 Okt. 29. Or. Hitzhofer an die Regentin und ihre Räte.
») 1517 Nov. 9. u. 19. Worms. Abschr. — Vgl. 1518 Jan. 14
Entwurf.
*) 1517 Nov. 10. Worms. Abschr.
^) 1517 Nov. 3. Worms. Or. Mit abgebröckeltem Siegel. — Nov.
9. Worms. Or. Begleitschreiben Annas an Job. Riedesel, hessischea
Amtmann zu Gernsheim.
®) 1517 Nov. 17. Or. Hitzhofer an Anna von Mecklenburg.
— 53 —
widerspenstige Landgräfin und ihre Räte, die allen Ge-
richtsbeschlüssen den Gehorsam versagten, die Reichsacht
zu verhängen.
Das hessische Regiment machte den Versuch, Phi-
lipps Persönlichkeit vorzuschieben und auf diese Weise
der Sache eine andere Wendung zu geben. Ende Januar
1518 überreichte Hitzhofer dem Gerichte eine Vollmacht,
welche der dreizehnjährige Landgraf Philipp für ihn aus-
gestellt hatte. Der alten Fürstin lag einerseits daran,
ihren Neffen nicht vor den Kopf zu stoßen, anderseits
durfte sie ihre Sache nicht durch Zulassung von Ungesetz-
lichkeiten verschlechtern. Sie freue sich zwar, ließ sie er-
klären, daß der Landgraf solchen Alters und Verstandes
sei, um selbst zu Recht zu stehn und Vollmacht zu er-
teilen, auch glaube sie, der junge Herr würde den bis-
herigen Frevel und das Ungeschick seiner Räte nicht
geduldet haben ; allein er sei noch minderjährig und nicht
im Besitze der Landesverwaltung, darum möge man seine
Vollmacht einstweilen ablehnen. Hitzhofer wandte ein, es
handele sich um Philipps Person, Fürstentum und Güter,
es sei daher billig, seine Vertretung zuzulassen. Das Ge-
richt ging aber nicht darauf ein.
Wenige Tage später gewann Hitzhofer einen Auf-
schub, indem er mitteilte, von seiner Partei sei dem kai-
serlichen Hofe Botschaft gesandt, die Sache stehe also
jetzt in der Entscheidung des Kaisers.
Als (am 25. Februar) die gerichtlichen Verhandlungen
wieder aufgenommen wurden, trat Herzog Albrecht von
Mecklenburg, der Bruder der hessischen Regentin, mit
einem Beglaubigungsschreiben des Landgrafen Philipp
hervor und ließ durch den Anwalt den Antrag stellen,
dem jungen Fürsten zum Prozeß mit Anna von Braun-
schweig einen Kurator zu geben. Das Kammergericht
schlug auch dieses Gesuch ab. Hitzhofer bat nun, eine
neue Sitzung anzuberaumen, zu der Philipp persönlich er-
scheinen könne, weil er in das vierzehnte Jahr ginge und
schnell heranwüchse. ^)
Die Richter ließen sich darauf wieder nicht ein, son-
dern beeilten sich mit ihren Urteilssprüchen und mit der
Erkennung erheblicher Geldbußen. Auch die Reichsacht
kam ernstlich in Betracht. ^)
*) Proximus pubertati, drückte er sich wörtlich aus.
«) 1518 März 6., 8., 20., 22. Worms. Abschr. — 1518 März 11.
Or. Hitzhofer an Anna von Mecklenburg und ihre Räte.
— 54 -
Hitzhofer erklärte zwar alle Urteile für nichtig, weil
die Richter als befangen abgelehnt seien, aber die Lage
war bedenklich, und der Ausgang zweifelhaft.
Kaiser Max mahnte zum letzten Male die Regen-
tin ^), den Urteilen zu gehorchen und die erkannten Strafen
zu erlegen, sonst würde die Reichsacht über sie verhängt
werden.
Diese Mahnung klang um so ernsthafter, als Anna
von Mecklenburg vorher einen besonderen Gesandten an
den Kaiser abgeordnet hatte. Johann Gagenhart — so
hieß ihr Botschafter — fand in Innsbruck lange kein Ge-
hör. Schließlich mußte er sich begnügen, „eine wahrhafte,
kurze Unterrichtung" über den Streit zwischen den Land-
gräfinnen an den kaiserlichen Kanzler zu senden. ^) Seine
Beschwerden richteten sich gegen die Ungesetzlichkeit
des Verfahrens und gegen die Parteilichkeit einzelner Bei-
sitzer; trotz der Berufung an den Kaiser versuche das
Kammergericht seine Urteile zu vollstrecken. Er bat, die
hessische Angelegenheit dem nächsten Reichstage, dem
einzigen statthaften Forum, vorzulegen.
Die Antwort^) forderte die Regentin auf, sich mit
ihrer Schwägerin zu vertragen und geeignete Vermittlung
anzunehmen, dann solle auch dem Gerichtsverfahren Ein-
halt geboten werden.
Da Gagenharts Sendung keinen Erfolg versprach,
kam (am 16. März) ein zweiter hessischer Gesandter in
Innsbruck an ^) und bemühte sich, eine Unterredung mit
Maximilian zu erlangen. Allein er wurde mit leeren
Worten abgespeist und von Tage zu Tage hingehalten.
Endlich verschaffte ihm der Propst Balthasar von Wald-
kirch ^) Zutritt zur Majestät, die mit gnädigen Reden
nicht sparte, aber in einer so wichtigen Sache, in der
schon Strafbefehle ergangen seien, nur nach reiflicher Be-
ratung antworten wollte. Unterdessen schickte die Re-
gentin ihrem Gesandten die Berufung wegen des Straf-
befehls und der Reichsacht, und erst nach der Übergabe
dieses Schriftstückes ging die kaiserliche Entgegnung ein.
1) 1518 März 8. Abschr.
«) 1518 Febr. 20. Entwurf.
*) 1518 März 26. Innsbruck. Abschr.
*) 1518 März 26. Innsbruck. Bericht an die Regentin. Die Jah-
reszahl ist verschrieben: 1517. Dieser zweite Gesandte scheint Bal-
thasar Schrautenbach gewesen zu sein.
*) Als Propst von Wetzlar wird er 1513 unter den kaiserlichen
Schiedsrichtern in Worms genannt.
— 55 —
Maximilian beteuerte seine Zuneigung für den Landgrafen
Philipp (aber nicht mehr für dessen Mutter !), erklärte sich
jedoch gebunden durch die Zusage, die er auf dem jüngst
verflossenen Mainzer Reichstage den Kurfürsten und Für-
sten gegeben habe; vor der bevorstehenden Tagung zu
Augsburg könne er nichts daran ändern, außerdem habe
er den festen Willen, für die Ausführung der Schieds-
sprüche und Verträge zu sorgen. Wenn die Regentin
sich zu einem gütlichen Vergleiche verstände, würde auch
der Kaiser Strafbefehle, Acht und Verfahren aufheben.
Anna von Mecklenburg erhielt keinen Anlaß, sich
mit großartigen Hoffnungen zu schmeicheln.
Ihr Gesandter gehörte zu den redlichen und auf-
rechten Dienern. Er beschönigte nichts, sondern eröffnete
seiner Herrin, daß weder der Kaiser noch ein Mitglied
des Hofes noch überhaupt jemand, wes Standes oder Per-
son er sei, der Regentin im Handel mit Anna von Braun-
schweig Recht gebe; alle seien ihr gänzlich zuwider, sie
möge sich vorsehen, daß dem jungen Landgrafen und
dem Lande kein Schade daraus erwachse, künftige Wei-
terung und Zerrüttung bleibe zu fürchten. Ein Schluß-
satz ist wieder gestrichen: Die jüngere Landgräfin solle
sich mit ihrer Schwägerin versöhnen, darauf in eigener
Person den Kaiser aufsuchen und sich bei ihm entschul-
digen; eine verborgene Gefahr scheine zu drohen.
Der Gesandte erwähnte Philipps Mündigsprechung^)
nicht, von der er doch jedenfalls Kenntnis hatte. Schon
am 16. März wurde die kaiserliche Urkunde vollzogen, in
welcher Maximilian dem jugendlichen Landgrafen die
selbständige Regierungsgewalt verlieh und insbesondere
der bisherigen Regentin befahl, sich dieser Maßregel nicht
zu widersetzen. Auf den Wortlaut der letzteren Rede-
*) Wie es scheint, begegneten sich dabei die Wünsche des Kai-
sers und des Landgrafen. Die hessischen Gesandten schrieben an
Maximilian: Nachdem e. kai. mt. verrückter zeit seiner f. g. uf sein
underthenigs ansuchen und bit erstattung seins alters und ver-
sehung seiner land leuth und gut zu tragen gnediglich verlihen . . .
Dieselben an die Reichsstände zu Augsburg: Des kei. indults halben
ist war, das sein mt. us bewegenden redlichen Ursachen und eigener
bewegnus unsern g. h. landgraf Philipsen gnediglich verlihen und
danach unser g. f. [= gnedigen frauenj und den rethen sich aller
handlung und Verwaltung zu entrüsten bei schweren penen geboten
hat. Akt. btr. den Reichstag z. Augsburg 1518 No. 179. — Später be-
klagte ja Philipp, daß er zu früh selbständig geworden. Vgl. Wig. Lauze
im 2. Suppl. der Z. H. G. Seite 21. — Schenk zu Schweinsberg, Das
letzte Testament Wilhelms IL S. 32.
— 56 —
Wendung ist kein erhebliches Gewicht zu legen ; denn der
Kaiser bewilligte in einer zweiten Urkunde ausdrücklich ^),
daß Philipp nach dem Rate, Wissen und Willen seiner
Mutter und verständiger Männer regierte.
Anna von Mecklenburg legte (am 2. Mai) die ver-
antwortliche Regentschaft nieder.
Dadurch verschoben sich alle Verhältnisse dermaßen,
daß das Verfahren beim Kammergerichte, wenn auch
nicht ganz einschlief, doch sichtbar erlahmte. Sollten
Strafen und Reichsacht gegen den jungen Fürsten voll-
streckt werden, die seiner Mutter angedroht waren?
Die alte Landgräfin erhoffte von dem neuen Herrn
Wohlwollen und Gerechtigkeit, sie vermied es daher zu-
nächst, mit ihm „in ein Gefecht zu gehn". Die Kosten,
die ihr durch das bisherige Verfahren des Kammergerichts
erwachsen waren, berechnete sie auf 1287 rheinische Gul-
den, irgend einen augenfälligen Vorteil hatte sie aber
nicht davon gehabt.
c. Die Entfiihrang der jungen Elisabeth.
Anna von Braunschweig beanspruchte die alleinige
Gewalt über ihr jüngstes Kind Elisabeth und verlangte
volle Freiheit, sie auf ihren Fahrten über die Grenzen des
Fürstentums hinaus mitzunehmen. Da sie aber bei einer
solchen Reise ihre Tochter Katharina in einer Art ver-
heiratet hatte, daß weder das Hessenland noch sein Fürsten-
haus einen Zuwachs an Macht oder sonst einen Nutzen
davon zog, so wollte die hessische Regentin wenigstens
ihre jüngste Nichte angemessener vermählt sehen. Einen
gewissen Einfluß darauf auszuüben, war sie berechtigt;
denn Unterhalt und Mitgift für Wilhelms des Älteren
Tochter forderte man von den Untertanen und der Landes-
herrschaft.
Um ihre Ansprüche rechtlich zu begründen, bewog
Anna von Mecklenburg ihre Schwägerin zu dem feierlichen
Versprechen, Elisabeth ohne Zustimmung der hessischen
Regierung weder aus dem Fürstentume zu führen noch
zu verheiraten (2. Mai 1515).
Anna von Braunschweig wurde durch ihre Händel
in die weite Ferne getrieben und dort festgehalten. In
*) 1518 März 17. Innsbruck. Histor. Ver. f. d. Großhrzt. Hessen,
Philipp S. 92. — Für die Öffentlichkeit scheint diese Urkunde nicht
bestimmt gewesen zu sein.
— 57 —
-hrer Abwesenheit trat der Marschall Philipp Meysenbug
als Sendling der Regentin an Elisabeth heran und suchte
sie zu überreden, das einsame Melsungen zu verlassen und
an den hessischen Fürstenhof zu kommen. Wenn Meysen-
bug mit lebhaften Farben zu malen verstand, so war das
ein Tausch, der eine nach Glück und Glanz dürstende
Mädchenseele leicht verlocken konnte. Allein Elisabeth
war, wie es scheint, anders geartet. Ihre Diener ersparten
ihr diesmal die Entscheidung, sie wiesen den Marschall
ab. Heinrich von Gittelde, der mit Meysenbug verhandelt
hatte, unterrichtete seine Herrin von dem Vorfalle.
Die alte Landgräfin hatte sich die Tochter durch ein
kaiserliches Schreiben ^) bis zur Vermählung zusprechen
lassen. Jetzt erwirkte sie überdies eine Entscheidung des
Reichskammergerichtes, daß das Fräulein der Mutter
nicht abgewendet und an den landgräflichen Hof gezogen
werden dürfe. ^) Ohne Rücksicht hieraufließ die Regentin
bald nachher ihre Nichte zu sich kommen. Das Kammer-
gericht wiederholte seinen Befehl.^) Elisabeth kehrte zu
ihrer Mutter zurück und lebte vereint mit ihr bis zum
Frühjahre 1517. Nun vertraute Anna ihr Kind wieder der
Hofmeisterin und der Dienerschaft in Melsungen an und
zog allein von dannen. Jahr und Tag blieb sie in der
Fremde. Da die Gräfin Katharina von Beichlingen und
ihr Gatte in Melsungen wohnten, wird die Verlassenheit
des jungen Mädchens nicht ganz trostlos gewesen sein.
Zu einer standesmäßigen Heirat freilich war dort nicht
die geringste Gelegenheit. Diesem Mangel wollte der
Kaiser abhelfen.^) Er stellte an Anna von Mecklenburg
und deren Räte das Ansinnen, das verwaiste und um-
strittene Fürstenkind dem kaiserlichen Hofe zu übergeben,
während die Landgrafschaft Hessen wie bisher die Unter-
haltungskosten aufbringen und der alten Landgräfin aus-
zahlen sollte. Zugleich erklärte er das frühere Versprechen,
Elisabeth dauernd im Hessenlande zu belassen, für null
und nichtig. Die hessische Regierung schrieb nicht mit
Unrecht Anna von Braunschweig die Anstiftung zu dem
kaiserlichen Antrage zu, obwohl Maximilian in seinem
Briefe vom geraden Gegenteil ausging. In der Tat hatte
>) 1516 Juni 29. Überlingen.
«) 1516 Oktober 9. Worms. Or.
•) 1516 November 15. Worms. Bglaub. Abschr. Das Gericht
erkannte noch einmal in dieser Sache am 21. Februar 1517.
*j 1518 Februar 1. Augsburg. H. L. 1, 519 ff.
~ 58 —
Anna ihr Kind veranlaßt, den Kaiser zum Herrn und
Vater zu erwählen; auf diese Art gedachte sie ihre Ver-
pflichtungen gegen das hessische Regiment ohne Schaden
zu lösen.
Anna von Mecklenburg und ihre Räte suchten durch
einen Brief den Kaiser hinzuhalten, und Landgraf Philipp
bat den Kurfürsten von Sachsen um Rat. Aber die rasche
Gewalt der Tatsachen kam jeder Antwort zuvor.
Die kaiserlichen Gesandten Georg von Schaumburg
und Hans von Preising (meist Presinger genannt) betrieben
die Angelegenheit mit großem Eifer. Sie begaben sich
nach Melsungen, angeblich, um die abwesende alte Land-
gräfin aufzusuchen, wahrscheinlicher aber, weil sie mit
Elisabeth und ihrem Schwager, dem Grafen Adam, ver-
handeln wollten. Auch machten sie Miene, ohne Erlaubnis
der Landesherrschaft den Ausschuß der hessischen Stände
nach dem mainzischen Fritzlar zu berufen, einzig und allein
in Elisabeths Sache. Der Regierung gingen Waraungen
von befreundeten Fürsten zu, Anna von Braunschweig
trüge sich mit der Absicht, ihre Tochter für immer aus
dem Fürstentume wegzuführen. Ehe es dazu kam, hielten
es Anna von Mecklenburg und ihre Ratgeber für ange-
zeigt, das Landgrafenkind schleunigst in ihre Gewalt zu
bringen. Der ISVejährige Philipp, eben vom Kaiser mündig
gesprochen, führte den Streich aus, und zwar am Mittwoch
nach Ostern (7. April 1518).
Drei Tage vorher hatte Katharina von Beichlingen
ein Söhnlein geboren. Im gräflichen Hause zu Melsungen
fand Kindtaufe statt, zu der Elisabeth als Patin geladen
war. Unerwartet kam Philipp dazu, in seiner Begleitung
Herzog Albrecht von Mecklenburg, Hermann Riedesel,
Wilhelm von Dörnberg, einige andere hessische Räte und
Mitglieder des Ständeausschusses und eine Reiterschar.
Der jugendliche Landgraf, der gewiß von seiner Mutter
aufs genaueste unterwiesen war, führte seine Aufgabe mit
Geschick durch. Bald mit freundlichen, bald mit ernsten
Worten sprach er auf seine Base Elisabeth ein, sie solle
ihm gutwillig nach Marburg folgen und dort bleiben, sonst
dürfe sie, fügte er drohend hinzu, weder Hülfe noch Förde-
rung von ihm erwarten. Eine Einmischung des Grafen
von Beichlingen wies er im Tone des Herrschers zurück.
Gegen Elisabeths Bitten und Einwendungen, daß ihre ab-
wesende Mutter erst um Erlaubnis zu fragen sei, blieb er
taub. Weinend erkundigte sich das Fräulein, ob es sich
— 59 —
nach der Heimkehr der Mutter wieder zu ihr begeben
dürfe. Auch da blieb der fürstUche Knabe fest und der
Lage gewachsen. In diesem Falle, erwiderte er, werde er
wohl wissen, was er zu tun habe. Damit war er jeder
Zusicherung, die später unbequem werden konnte, aus dem
Wege gegangen.
Elisabeth mußte sich ins Unvermeidhche fügen und
mit ihrem Vetter nach Marburg ziehen. Die Regentin
kam ihnen von da eine Meile Weges entgegen und nahm
ihre Nichte in Empfang.
Die Tat erregte natürlich Aufsehen und setzte auf
beiden Seiten Zungen und Federn in Bewegung.
Die alte Landgräfin, die sich in Worms aufhielt, wurde
durch die Entführte selbst von dem Vorfalle in Kenntnis
gesetzt. In rührender Weise flehte Elisabeth ihre Mutter
an, ihr nicht zu zürnen, als ob sie selbst irgend ein Vor-
wurf träfet).
Der Kaiser hatte gerade auf Antrag der jüngeren
Anna den Kurfürsten Ludwig von der Pfalz zum Schieds-
richter zwischen den streitenden Parteien ernannt. In
Worms sollte um die Mitte des Aprilmonats eine Tagung
stattfinden. Die alte Fürstin war aber so empört über die
Entführung ihrer Tochter, daß sie absagte 2).
Der kaiserliche Gesandte Hans Presinger eilte per-
sönlich zu ihr und teilte ihr die näheren Umstände mit.
Sie erhob Klage beim Reichskammergerichte. Ungewöhn-
hch schnell forderte dieses die Regentin, ihren Bruder, die
Räte und den Ausschuß der Landschaft auf, Elisabeth,
die durch gerichtliches Urteil ihrer Mutter zugesprochen
sei, binnen sechs Tagen nach Melsungen zurückzuschicken,
und zwar bei Strafe der Reichsacht ^).
Die Gegenpartei war ebenso tätig. Herzog Albrecht
und Landgraf Philipp wandten sich in einem gemeinsamen
Briefe an die Schwestern Elisabeth und Katharina und an
den Grafen von Beichlingen, bestritten eine mutwillige und
gewaltsame Entführung und bemühten sich bei ihnen um
ein schriftliches Zeugnis des Wohlverhaltens. Anna von
Braunschweig hatte ihren Bruder Erich und ihren Neffen
Heinrich den Jüngeren von Wolfenbüttel über den Vor-
*) Zwei Briefe Elisabeths an ihre Mutter und die ganze Entfüh-
rungsgeschichte habe ich veröffenthcht in der Z. H. G. 1904: 38, 14 ff.
«) 1518 April 15. Or. Die Räte des Pfalzgrafen und Kurfürsten
zu Heidelberg an den Herzog Albrecht von Mecklenburg.
») 1518 April 18. Worms. Bglaub. Abschr.
— 60 -
gang unterrichtet; Albrecht von Mecklenburg schrieb an
beide Fürsten ^) und ersuchte sie, bei der alten Landgräfin
ein gutes Wort für ihn einzulegen.
Trotzdem klagte Anna beim Kammergerichte gegen
ihn. Herzog Albrecht erhob Einsprache, da er als Reichs-
fürst allein nach der Reichsordnung zur Verantwortung
gezogen werden könne.
Die bisherige Regentin von Hessen nahm ihren Bun-
desgenossen, Herzog Georg von Sachsen, in Anspruch,
damit er ihre Sache beim Kaiser vertrete. Zu dem selben
Zwecke gewann sie den Propst Balthasar von Waldkirch.
Beiden legte sie ans Herz, alle Mühe zur Beilegung der
Sache aufzuwenden, damit ihr Sohn nicht beschwert werde.
Beim Reichskammergerichte verzögerte man die An-
gelegenheit. Christoph Hitzhofer gebrauchte sein bewährtes
Mittel, die Richter zu ermüden, Einsprache zu erheben und
Bedenkzeit zu fordern. In diesem Falle hatte ihm das Ge-
richt — wenn auch naturgemäß — die Sache dadurch er-
leichtert, daß es in seinem Befehle den Haupttäter, den
jugendlichen Landgrafen, gar nicht erwähnte. Die Aus-
einandersetzungen des Anwalts gipfelten in dem Satze:
das kaiserliche Privileg hat Philipp für mündig erklärt,
folglich waren weder seine Mutter, noch deren Bruder Al-
brecht, noch die Räte im Stande, ihn an der Abholung
seiner Base zu hindern;- außerdem gehört die Angelegen-
heit nicht in den Gerichtszwang des Kammergerichts, da
sich dessen Erlaß auf keine kaiserliche Kommission gründet.
Er ist also zurückzunehmen, die Klage der alten Land-
gräfin abzuweisen, und ihr immerwährendes Schweigen zu
gebieten.
Hitzhofer machte keinen Eindruck auf das Gericht.
Dieses ging im Gegenteil auf seine früheren Erkenntnisse
zurück und erließ gegen den Landgrafen Philipp ein Exe-
kutorial-Mandat bei Strafe der Reichsacht wegen Bezah-
lung der Schulden, Abfindung des Klosters Weißenstein
und Entrichtung fälliger Bußen 2). Dann verhandelte es
auch wieder über die Entführung, ließ sich aber durch den
verschlagenen Anwalt des hessischen Regiments, wie ge-
wöhnlich, hinhalten. Hitzhofer erhob dann Berufung an
den Kaiser und an die in Augsburg versammelten Reichs-
stände. Er fand Gehör. Der Kammerrichter und seine
1) 1518 Mai 25. Entwurf.
«) 1518 Mai 7. und 23. Zwei Or. Hitzhofer an den Ldgr.
— 61 —
Beisitzer wurden zum Reichstage geladen. Die Verhand-
lungen vor dem Kammergerichte endeten daher im Monat
Juni.
Der Kaiser hatte sich persönlich in die Frage ge-
mischt, wo die junge Elisabeth ihren Aufenthalt nehmen
sollte ; es war also von hoher Wichtigkeit, welche Stellung
er zu der Entführungsgeschichte einnehmen würde. Maxi-
milian gehörte aber zu den Herrschern, denen es mehr
an eigener Kraft als an gutem Willen fehlte^), er ließ
sich beschwichtigen, sobald in geeigneter Weise auf ihn
eingewirkt wurde. Hierbei erwies sich der Propst von
Waldkirch als erfolgreicher Beistand des Landgrafen. Er
meldete (am 30. Mai), er habe in Philipps Sinne über die
Tochter der alten Landgräfin mit dem Kanzler geredet
und dem Kaiser selbst Vortrag gehalten. Maximilian wolle
Elisabeths Angelegenheit ruhen lassen und sich ihrer nicht
weiter annehmen; wegen der übrigen Irrungen habe er
sämtliche Mitglieder des Kammergerichts zu sich entboten.
Wenn das auch keine endgültige Entscheidung war, so
ließ sich doch eine günstige Wendung für den Landgrafen
nicht ableugnen : von einer Strafe für die Entführung ver-
lautete nichts, auch hatte der Kaiser die Absicht aufge-
geben, Elisabeth an seinen Hof zu ziehen.
Maximilian glaubte, die streitenden Parteien seien
jetzt in solcher Stimmung, daß er sie völlig einigen könnte.
Der Reichstag zu Augsburg schien eine passende Ge-
legenheit. 2) Der Kaiser verlangte, daß der Landgraf
persönlich teilnehme. Das war aber mit Rücksicht aut
Philipps Jugend nicht wünschenswert. Gesandte vertraten
daher den Landgrafen. Sie trafen am 30. Juni in Augs-
burg ein (wo sich die alte Landgräfin schon am vorher-
gehenden Tage eingestellt hatte). Ihrem Auftrage gemäß
wandten sie sich zunächst an den Herzog Georg von
Sachsen und ersuchten ihn um Fürsprache beim Kaiser.
*) H. Ulmann, Kaiser Maximilian I. 2, 580.
*) 1518 Juli 7. Der Kaiser an die in Augsburg versammelten
Reichsstände: Item in den nachgeschriben Sachen, so alle auff den
reichsdag geschoben sein, muß durch keys. maj. und die stende sa-
mentlich gehandelt und zu baiden thailen treffenliche rethe dartzu
verordent werden: Item die irrung zwuschen dem landtgraffen zu
Hessen und der witwe zu Hessen, hertzogin zu Braunschweig. Joh.
Janssen, Frankfurter Reichskorrespondenz 2, 965. — Von hier ab kom-
men außer den Akten btr. die alte Landgräfin die des Reichstages zu
Augsburg 1518, Nr. 177 und 179 in Betracht. Vgl. Friedr. Küch, Polit.
Archiv des Landgrafen Philipp S. 121 ff.
— 62 —
Georg bewährte sich als ein zuverlässiger Freund der
hessischen Regierung.
Die öffentliche Meinung dagegen verunglimpfte den
jungen Landgrafen und seine Mutter und nahm entschieden
Partei für Anna von Braunschweig, die als die Gekränkte,
Verfolgte, Unterdrückte galt. Ihr Auftreten unterstützte
diese Ansicht. Die bejahrte Fürstin langte mittellos wie
eine Bettlerin in Augsburg an, sie mußte erst den Kaiser
bitten, ihr bis zur Entscheidung des Rechtsstreites Unterhalt
zu verschaffen. Der gutherzige Maximilian sandte ihr
sofort zwei Faß Wein und hundert Gulden Zehrgeld zu,
sorgte auch später dafür, daß ihr von hessischer Seite ein
Vorschuß auf ihr Wittum ausgezahlt wurde; denn während
des Reichstages war es in Augsburg „mordlich teuer".
Für den Augenblick machte es auf den Kaiser tiefen
Eindruck, als Anna, zur Audienz befohlen, ihre bedrückte
Lage in leidenschaftlicher Rede darstellte: die Tochter
gewaltsam geraubt, Witwengut und Morgengabe vorent-
halten^), und auf Erden nichts mehr, was ihr gehörte!
Auch die Gegenpartei mußte zu Worte kommen.
Schon am folgenden Tage wurden die hessischen Gesandten
von Maximilian empfangen und fanden wider Erwarten
die gnädigste Aufnahme. Sie sahen darin den Einfluß
des Herzogs Georg von Sachsen, obwohl dieser nach eigener
Angabe wenig vorgearbeitet hatte. Er verfehlte nicht,
den Kaiser bei guter Laune zu erhalten. Maximilian er-
klärte sich bereit, die ganze hessische Sache noch einmal
durch besondere Beauftragte verhören und womöglich in
Güte beilegen zu lassen.
Anna von Braunschweig bat den Kaiser in einer
schriftlichen Eingabe, ihr die Tochter wieder zuzuführen.
Den versammelten Reichsständen legte sie ein Schrift-
stück vor, das alle ihre Beschwerden umfaßte. Die hessischen
Gesandten entwickelten dem Reichstage gegenüber in ganz
ausführlicher Weise ihren Standpunkt.
Die weitere Behandlung der Sache lag der kaiserlichen
Kommission ob, deren vornehmstes Mitglied Herzog Georg
wurde. Neben ihm standen die Bischöfe von Bamberg
und Eichstedt, der Deutschordens-Marschall Georg von Eltz
und Dr. Georg Lampert.^) Dem Schiedsgerichte ward
^) Diese Behauptung bestritten die hessischen Gesandten.
2) Diese nennt Anna von Braunschweig in ihrer Eingabe an die
Reichsstände. Undat. Abschr. [1518 August 25.— 31.] — An anderer
Stelle werden als Schiedsrichter angeführt : Herzog Georg, die Bischöfe
— 63 —
nur gütliche Vermittlung gestattet, beiden Parteien blieb
es vorbehalten, seinen Spruch anzunehmen oder abzulehnen.
Das wirkliche Gerichtsverfahren wählte man also nicht
wieder. Landgraf Philipp erteilte seinen Reichstags-
gesandten Vollmacht, ihn beim Schiedsgericht zu vertreten. ^)
Die erste Sitzung endete mit Vertagung, dann aber kam
es zu ernsthaften Verhandlungen. Anna von Braunschweig
trug den kaiserlichen Kommissaren ihre Klagen vor. Die
hessischen Gesandten betonten in ihrer Erwiderung, daß
von einer gewaltsamen Entführung Elisabeths keine Rede
sein könne, und suchten die Ansprüche der alten Land-
gräfin zu widerlegen. Hitzhofer und andere Anwälte be-
handelten und verurteilten in einer besonderen Ausarbeitung
das Verfahren beim Kammergerichte.
Der Kaiser griff mit eigenen Vermittlungsvorschlägen
ein. ^) Dadurch zog sich die Sache nur in die Länge. Die
Gesandten waren zur Annahme nicht befugt, und des
Landgrafen Antwort und Entscheidung verzögerte sich.
Anna klagte, man kenne ihre Mittellosigkeit und wolle
durch Zaudern sie mürbe machen. Ihr Stern war zusehends
im Erblassen. Schon früher sprachen die Gesandten die
Hoffnung aus, daß die alte Landgräfin nicht mehr so viel
Recht und Gehör bei jedermann finden werde wie zuvor;
insonderheit äußere der Kaiser für Anna immer un-
günstigere Ansichten. Hieran trug Maximilians unselb-
ständige, fi^emden Einflüssen zugängliche Natur nicht die
einzige Schuld, die Landgräfin selbst kühlte das Wohl-
wollen ihrer Gönner ab, indem sie eigensinnig auf jedem
Tüpfel ihres Rechtes bestand.
Die hessischen Gesandten lehnten ebenfalls die meisten
Vermittlungsvorschläge der fürstlichen Schiedsrichter rund-
weg ab. Nirgends begegnete man freudiger Hoffnung
auf die Zukunft.^)
von Bamberg und Augsburg, Johann von Eltz, Komtur im Elsaß, und
der Domdechant von Salzburg. Wer konnte, entzog sich dem unan-
genehmen Geschäfte.
*) 1518 Juli 14. Frankfurt. Or. in den Akten btr. die alte Land-
gräfm: Vollmacht für den Ritter Konrad von Mansbach, Amtmann zu
Vach, den Hofrichter Peter von Treisbach, den Kanzler Johann Feige
und diejenigen, welche bei ihnen wären.
*j 1518 September 6. Donauwörth. Or. Herzog Georg an die
hessischen Gesandten.
*) 1518 September 4. Augsburg. Philipp Fürstenberg und Bla-
sius von Holtzhausen an den Rat der Stadt Frankfurt: Es wirt itzun-
der zwischen der lantgraffm von Hessen der alten und irem gegen-
theyl, derglichen zwischen dem bischoff von Worms seiner phaffheyt
— 64 —
Herzog Georg von Sachsen entfernte sich, wie die
Mehrzahl der Reichsstände, aus der Stadt Augsburg und
überließ es dem Kaiser, ob er die Vorschläge der Kom-
mission veröffentlichen wolle. Maximilian mußte beken-
nen, daß die Vermittlung bis jetzt keinen Erfolg erzielt
hatte. *) Nun bat ihn die alte Landgräfin, ihr zu dem
gerichtlich anerkannten Rechte zu verhelfen, anderseits
lagen von der hessischen Seite die heftigen Angriffe
gegen das Kammergericht vor, mit dem viele Reichs-
stände unzufrieden waren. Deshalb verfügte der Kaiser,
seine Hofräte sollten die Verhandlungen und Urteile des
höchsten Gerichtes noch einmal gründlich untersuchen.
Von den Gesandten befand sich nur noch Peter von
Treisbach in der Stadt ^), und dieser erklärte, ohne beson-
dern Befehl seines Herrn dürfe er sich auf neue Verhand-
lungen nicht einlassen^). —
Franz von Sickingen, der Freund der alten Land-
gräfin, brach mit Heeresmacht in Hessen ein. Seine Ge-
walttat drängte die Augsburger Vermittlungsversuche in
den Hintergrund und störte die Geneigtheit zu freund-
lichem Ausgleiche. —
Alle übrigen Streitfragen verharrten in der Schwebe,
ein dauerndes Ergebnis hatte jedoch die Tagung: Elisa-
beth blieb am hessischen Hofe.
Weil Anna einmal ihre Gewalt über ihre Tochter
durch schriftlichen Vertrag aufgegeben hatte, so hielt es
der Kaiser für gut *), daß das Fräulein sich die nächsten
anderthalb Jahre ihres Vetters Obhut anvertraute; sie
stünde dort in größerem Ansehen, würde stattlicher mit
Kleidern und Kleinoden versorgt und fände darum auch
leichter einen fürstlichen Gatten. Der Mutter war der
Zutritt zu ihr nicht verwehrt. Käme es in den anderthalb
Jahren nicht zu einer Verheiratung, so könnte die alte
Landgräfin ihre mütterlichen Rechte wieder geltend
an eynem und der stat Worms anthertheyls gehandelt werden. Der
almechtig ewig got verlyhe sein genade darzu, dan wo es darmit, wie
in andern Sachen, nit vertragen wirt, ist nichts guts zu verhoffen.
Joh. Janssen, Frkf. Reichskorr. 2, 983.
^) 1518 September 18. Augsburg. Or. Wörtlich wiederholt auf
einem Beiblatte vom 18. Oktober 1518. Or.
*) Mansbach war mit dem Bischof von Würzburg weggeritten,
und der Kanzler Johann Feige verhandelte mit dem Herzoge von
Württemberg wegen eines Bündnisses gegen Sickingen. 1518 Septem-
ber 22. Stuttgart. Or. Joh. Feige an den Ldgr. No. 177.
ä) [1518 September 21. J Eigenhändiger Entwurf Treisbachs. No. 179.
*) [1518 Oktober 14—18.] Abschr.
— 65 —
machen und die Tochter vom Hofe abholen, die ihren
ständigen Wohnsitz aber im Fürstentum Hessen behielt.
Bei der Auswahl eines Schwiegersohnes sollte Anna von
Braunschweig mit dem Landgrafen Philipp und der hes-
sischen Landschaft Hand in Hand gehn, auch den Kaiser
zu Rate ziehen.
Mit der letzteren Bestimmung war Philipp nicht ein-
verstanden, er erklärte aufs bestimmteste, er werde seine
Base in fürstlicher Weise unterhalten, aber auch vermäh-
len, das solle niemand anders tun. ^)
Von den übrigen Einzelheiten des Augsburger Ver-
gleiches machte er sich nur den Satz zu nutze, daß der
Kammerrichter und der Rat der Stadt Worms ihm ein
Verzeichnis der befriedigten Gläubiger schicken sollten.
Um alles, was den Forderungen der alten Landgräfin und
den Urteilen des Kammergerichtes entsprach, kümmerte
er sich nicht.
Anna blieb dauernd in Worms. Hier scheint sie
aber keine hervorragende Rolle gespielt zu haben. 2)
d. Ausgang.
Sickingen, der sich jeder gekränkten Unschuld an-
nahm, gedachte im , Darmstädter Vertrage auch der alten
Landgräfin. ^) Sie hatte von seinem Einfalle in Hessen
nichts gewußt, bezeigte aber dem Sieger ihr Wohlgefallen
an dem, was er für sie getan und ausbedungen.*) Auf
Grund hiervon bat sie ihren Neffen Philipp um endliche
Erfüllung ihrer Forderungen % die sie noch einmal in um-
ständlicher Weise darlegte. Ihren Brief begann sie, wie
*) So ist es in Wirklichkeit geschehen. Elisabeths erster Gatte
wurde (1525) der Pfalzgraf Ludwig zu Zweibrücken, der ihr nach sieben-
jähriger Ehe durch den Tod entrissen ward. Später reichte sie dem
Pfalzgrafen Georg zu Simmern die Hand.
*) Im dritten Bande der von Boos herausgegebenen Wormser
Geschichtsquellen wird ihr Name nicht genannt.
') Zum andern so sol Hessen der alten witwen von Hessen, itzo
zu Augspurgk, ire vertrege und spruch halten, umb den kosten sol
kei. mt. darin mechtiglich zu sprechen haben. Akt. btr. Reichstag z.
Augsb. 1518, No. 178. — Lünig, Teutsches Reichsarchiv partis spec.
contin. 3: Reichsrittrsch. am Rhein No. 61 § 1 S. 87. — H. Ulmann,
Frz. v. Sickingen S. 114.
*) Histor. Vr. des Großhrzt. H., Philipp S. 121. — Wig. Lauze
behauptet dagegen in seinem Leben PhiHpps des Großmütigen (2. Suppl.
der Z. H. G. Seite 28), Sickingen habe sich auf Annas Betreiben ihrer
Forderungen angenommen.
*) 1518 ohne Tag. Worms. Or.
N. F. BD. XXX. 5
— 66 —
es damals unter Freunden üblich war, mit den Worten:
Was wir Liebes und Gutes vermögen, zuvor. Die Ant-
wort ^) wurde mit einer ähnlichen Wendung eingeleitet:
Was wir Ehren und Gutes vermögen, zuvor. Dann aber
ging man mit der Fürstin ins Gericht, daß weder Ehre
noch Gutes übrig blieb: Sickingen sei kein kaiserlicher
Kommissar, wider Reichsordnung, Recht und Billigkeit
habe er den Landgrafen überfallen, der von Anna die
Unterstützung solcher Untaten nicht erwartet habe. Sie
sei mitschuldig an dem Landfriedensbruche und müsse in
Acht und Aberacht kommen. In Franzens Vorschläge
willige Philipp nicht
Die erste schlimme Niederlage seines Lebens hatte
den jungen Fürsten bis ins Innerste getroffen, und es war
ungeschickt, wenn die alte Landgräfin so schnell auf die
unverheilte Wunde hinwies, und nicht geschickter, wenn
sie den Ritter verteidigte 2), der nur aus Barmherzigkeit
und aus Mitleid mit ihrer Armut gehandelt habe ; für sei-
nen Kriegszug trage sie aber eine Verantwortung, fürchte^
deswegen auch den strengsten Gerichtshof nicht.
Philipp beruhigte sich noch nicht: Anna hätte sich,
entgegnete er ^), seiner Liebe würdig zeigen sollen ; statt
dessen verdankten er und sein Land ihr nur Kosten,
Schaden und Not, und sein Vater hätte ihr doch Ehre
und Freundschaft erwiesen. Stelle sie Forderungen auf
Grund des Sickingischen Vertrages, so setze sie sich dem
Verdacht aus, daß sie den Landfrieden gebrochen und
alle Ansprüche verwirkt habe.
Der Briefwechsel war nicht geeignet, Frieden und
Ausgleich zu befördern; ebenso wenig Philipps Weisung
an Hitzhofer, keine Verhandlung vor dem Kammerge-
richte mehr zuzulassen, und sein Verlangen, daß der
Kammerrichter und der Wormser Stadtrat über die Ver-
wendung der sechstausend Gulden Rechenschaft ablegten.*)
Auf diese Weise wären hessische Untertanen, die
das alte Landgrafenpaar heimlich mit Geld unterstützt hatten,
bloßgestellt. Anna warf sich daher ins Mittel, und dem
jungen Fürsten wurde anfangs die Rechnungslegung ver-
*) 1518 Dezember 9. Marburg. Entwurf.
«) 1518 Dezember 26. Worms. Or.
') 1519 Januar H. Marburg. Entwurf.
*) 1518 Dezember 9. Marburg. Entwurf. Anscheinend im Ärger
geschrieben, an demselben Tage wie der erste Brief an Anna von
Braunschweig. Vgl. A. 1.
— 67 —
weigert ^), später aber doch zugestanden. Allmählich ge-
wannen nämlich mildere Regungen auf beiden Seiten die
Oberhand, je mehr Anna von Mecklenburg zurücktrat.
Der Landgraf sandte Hans Meyde an die alte Fürstin,
um für eine gütliche Beilegung des Streites Stimmung zu
machen. Meyde empfing von ihr die freundliche Antwort:
wenn ihr Vetter sich mit ihr vertragen wolle, so werde
sie nichts lieber sehen. ^) Philipp beeilte sich, „seiner lieben
Muhmen'* und ihren Dienern und Begleitern einen Geleits-
brief auszustellen, nach Hessen hinein und wieder heraus,
und Marx Lesch von Mühlheim, sowie Hans Meyde ge-
nauere Aufträge zu erteilen^): gern wolle er sich gütlich
einigen und den Grafen Adam von Beichlingen zum Ver-
mittler, vier hessische Ritterbürtige zu Schiedsrichtern an-
nehmen; er sicherte der Landgräfin jegliche Förderung
zu, wenn sie sich wieder in Hessen niederlasse.
Anna dankte dem Landgrafen für sein Entgegen-
kommen*), lehnte den Beistand ihres Schwiegersohnes ab,
ernannte aber, um ihren guten Willen zu beweisen, fünf
hessische Adlige zur Unterhandlung. Sie zog es noch vor,
daß der Markgraf Kasimir von Brandenburg das Schieds-
richteramt übernähme, sobald er in sein Land heimkehrte.
Sommer und Herbst vergingen, ehe der letzte Vor-
schlag zur Ausführung gelangte. Aus leisen Andeutungen
läßt sich vermuten, daß die Zwischenzeit das Einvernehmen
nicht getrübt hatte, und Anna sich im ungeschmälerten
Geousse ihres Witwengutes befand.^)
Endlich zeigte Markgraf Kasimir seinen Entschluß
an, das Wagestück des Ausgleichs zu beginnen. Die
Landgräfin schrieb erfreut darüber an ihren Neffen ^) und
bat ihn, persönlich zu kommen, dann sei die Verständi-
gung leichter. Philipp begnügte sich, einige Räte abzu-
schicken.
Die Tagung fand zu Hammelburg in Unterfranken
^) 1519 April 4 Or.
2) 1519 Juli 10, Worms. Or.
*) 1519 Juli 15. Grünberg. Or. mit Philipps eigenhändiger Unter-
schrift und rotem Siegel. — 1519 JuU 16. Grünberg. Or.
*) 1519 Juli 20. Worms. Or. — Als Verhandlungsorte schlug sie
Worms, Oppenheim oder Mainz vor, wenn es hier nicht zu sehr stäube.
Vielleicht deutet die letztere Bemerkung darauf hin, daß Annas Ge-
sundheit erschüttert war.
*) 1519 November 15. und 21. Kassel. Kopialbuch Hi Blatt 51
und 55.
•) 1519 Dezember 30. Worms.
— 68 —
statt. Wenn von hessischer Seite eine gütliche Einigung
ernstlich beabsichtigt war, so erregt es Befremden, daß
man kein größeres Entgegenkommen zeigte. Alle die
bekannten und gerichtlich anerkannten Forderungen Annas
verwarf man. Für die vielen Irrungen und Schulden
schob man ihr allein die Verantwortung zu, denn sie habe
den alten Landgrafen, der auf kaiserlichen Befehl in der
Verwahrung Wilhelms des Mittleren und seiner Beauf-
tragten gestanden, außer Landes geführt.
Unter solchen Voraussetzungen konnte es nur ge-
rechtem Mißtrauen begegnen, wenn man versprach, die
Landgräfin sollte, wenn sie wieder nach Hessen käme,
durch eine Geldsumme abgefunden, oder die Schiedssprüche
von Köln und Worms ausgeführt werden.
Die brandenburgischen Vorschläge betrafen die Her-
stellung des Witwensitzes, den beliebigen Besuch der
Landgräfin bei ihrer Tochter Elisabeth und eine Abfin-
dung von fünftausend rheinischen Gulden, wofür Anna
die ausstehenden Schulden übernehmen und auf alle son-
stigen Ansprüche verzichten sollte.
Es kam zu keiner Einigung. Die markgräflichen
Räte sprachen aber die Hoffnung aus, daß die strei-
tenden Fürstlichkeiten anders dächten als ihre Abgeord-
neten und Kasimir später benachrichtigen würden, was
sie zu dem vorgeschlagenen Ausgleiche meinten. ^)
Anna von Braunschweig verzweifelte an der Möglich-
keit einer friedlichen Einigung und erwog angeblich wie-
der, ob sie die Urteile des Kammergerichts zur Ausfuh-
rung bringen lasse, Hitzhofer, den der Landgraf um seine
Ansicht fragte, meinte 2), das Gerichtsverfahren sei durch
das Eingreifen des verstorbenen Kaisers Maximilian zum
Stillstande gekommen, und der neue Herrscher, von dem
allein eine abermalige Kommission abhänge, augenblick-
lich nicht im Lande, da habe es gute Weile mit Annas
Plänen. Sollte die alte Landgräfin gar an landesfeind-
liche Unternehmungen denken, so müsse Philipp den
Pfalzgrafen, den Stellvertreter des Kaisers, um ein pein-
liches Mandat ersuchen. Man bemerke schon kriegerische
Bewegungen am Mittelrheine, und die Leute erzählten, die
Rüstungen richteten sich gegen den Landgrafen.
Gerade als die Menschen von Kampf und Streit fa-
^) 1520 Januar 23. Hammelburg. Or.
2) 1520 April 5. Or.
— 69 —
belten, stand der Friede vor der Tür, und ein großer Herr-
scher, mächtiger als Landgraf und Kaiser, ließ ihn ein —
der Tod.
Anna starb zu Worms am 16. Mai 1520.^)
Ihr Begängnis war einer Fürstin nicht ganz unwürdig,
wenn auch eine Vertretung des Kaisers und fast aller
Reichsstände fehlte. Philipp wußte aber, was er seiner
Muhme schuldig war. Donnerstag, den 24. Mai, fuhren
seine Gesandten von Gernsheim zu Schifte nach Worms:
Graf Georg von Königstein, Bath (Bartholomäus) Horneck
von Hornberg, Philipp von Frankenstein, Helwig von
Rückershausen, Johann Riedesel, Amtmann zu Gernsheim,
nebst vierzehn Begleitern. Alle Priester der fünf Wormser
Stifte und die vier Klosterorden erschienen in dem Hofe,
wo die Leiche lag. Sämtliche Glocken der Stadt läuteten.
Vier Diener der Verstorbenen und vier von den hessischen
Gesandten trugen den Sarg in das Andreasstift, der kaiser-
liche Kammerrichter, Bürgermeister und Rat folgten in
feierlichem Zuge, die Geistlichen sangen. Vor dem Kreuz-
altare in der Kirche senkte man den Leichnam ein. Der
Schulmeister und sechs Knaben stimmten dabei den Psal-
ter an.
Am Freitagmorgen mußten so viele Priester, wie man
bekommen konnte, im Andreasstifte Vigilie singen und
ein Seelenamt verrichten. 162 Personen mit brennenden
Kerzen gingen zum Opfer. Auf dem Grabe, an dem vier
Knaben mit Fackeln standen, und auf dem Altare strahlten
Lichter. Grab, Gestühl und Altar waren mit schwarzem
Zeuge bekleidet, das man durch weiße Tuchkreuze ver-
ziert hatte.
Unter die Armen wurde Brot verteilt. Der feierliche
Leichenschmaus fand im Kaufhause statt, Kammerrichter,
Stadtrat und die landgräflichen Gesandten wohnten ihm bei.
Ein Maler brachte acht Wappen am Grabe an, man
nahm aber sofort in Aussicht, einen würdigen Leichenstein
mit dem hessischen und dem braunschweigischen Wappen
*) Annas Mutter Elisabeth, die „Herzogin von der Staufenburg",
die, geschäftstüchtiger als ihre Tochter, die Hütten und Eisengruben
bei Gittelde und Grund am Westharze wieder in lebhaften Betrieb
brachte, lebte noch im Jahre 1521. Aus ihrem Kreise mögen Heinrich
von Gittelde und Annas letztes Hoffräulein, Gertrud von Yberg, her-
vorgegangen sein. Der von alten Eisengruben durchzogene Iberg liegt
dicht Dei Grund, der Staufenburg gegenüber.
— 70 —
zu errichten, welche beiden Anna, ihrer Abstammung und
Verehelichung gemäß, in ihrem Siegel führte^).
Das Elend, in dem die alte Fürstin gelebt hatte und
gestorben war, entrollte sich den Augen noch einmal nach
ihrem Begräbnisse. Ihre Hofmeisterin Anna von der Mals-
burg richtete mit dem ganzen Hofstaate an den Land-
grafen eine dringende Bitte ^) : nach der Bestattungsfeier
mangele es an Speise und Wein, ja an trockenem Brot
im Hause; dem Grafen von Königstein, den man um Ab-
fertigung gebeten, habe der Auftrag dazu gefehlt. Sie
flehten Philipp an, ihnen so lange Unterhalt zu verschaffen,
bis es ihm gefiele, das dargeliehene Geld zu erstatten und
sie abzulöhnen.
Ebenfalls von der Armut, aber auch von der recht-
lichen Gesinnung der Verstorbenen zeugte das Verzeich-
nis der Gläubiger, das sie wenige Wochen vor ihrem Tode
aufstellte. Bei ihren verpfändeten Schmucksachen erwähnte
sie auch die Fehler (z. B. bei einer goldenen Spange eine
herausgefallene Perle), damit der Gläubiger bei der Ein-
lösung nicht in den Verdacht der Unterschlagung geriet.
Von allen versetzten Kleinoden nannte sie zuerst eine
goldene Kette, die Dietrich Spät gehörte, sie bat, diese
vom Pfandbesitzer einzulösen und dem Eigentümer zurück-
zugeben. Sie vergaß auch nicht, sich als Schuldnerin der-
jenigen Diener zu bekennen, welche (wie z. B. Heinrich
von Gittelde, nunmehr braunschweigischer Amtmann zu
Münden ^)) bei guter Zeit das sinkende Schiff verlassen
hatten.*)
Hofmeisterin und Räte der Verstorbenen schickten
eine Abschrift ihres Testamentes an den Landgrafen und
sprachen die Erwartung aus, daß er sich fürstlich gegen
jedermann erweisen werde. Zu Erbinnen hatte sie ihre
?
Vgl. das diesem Aufsatz beigefügte Siegelbild.
1520 Mai 26. Worms. Or.
^) 1519 September 9. Münden. Or. Herzogin Katharina, Erichs I.
Gemahlin, bittet den Ldgr. Philipp nicht zu zürnen, daß Heinrich von
Gittelde, Amtmann zu Münden, einen Priester vor der Stadt Kassel
gefangen genommen habe, ßriefw. m. Brnschw.-Kalnb. 0. W. S. 518.
— 1519 Febr. 14. Dietrich der Ältere, Herr zu Plesse, belehnt Heinrich
von Gittelde mit Gütern zu Gittelde usw. Ztschr. des histor. Vereins
für Niedersachsen 1857 S. 372. (Vgl. daselbst auch 1498 April 22.;
ferner Rieh. Doebner, Urkb. der Stadt Hildesheim 8, 124 Nr. 113 A. 2:
1485 April 13. Fehdebrief Heinrichs v. Gittelde an Hildesheim.)
*) Ihrer ehemaligen Hofmeisterin Anna Diede, die schon 1494 in
ihrem Dienste stand (Reichenbacher Renteirechn., 1. Juni 1494), schul-
dete sie auch noch 50 Gulden.
— 71 —
Töchter Katharina und Elisabeth eingesetzt. Die Gräfin
von Beichlingen verzichtete förmlich, auf Grund des müt-
terlichen letzten Willens Forderungen gegen Hessen zu
erheben. ^) —
Annas Grabstein trug, wie man sofort beschlossen
hatte, das hessische und das braunschweigische Wappen
und die Inschrift:
An.dni.MDXX des XVI tags may ist die durch-
leuchtige hochgeb. fürstin und frau Anna hochgeb. ^}
hertzogin zu Braunschweig und Lüneburg, landtgräfi&n zu
Hessen witwe, in gott geschieden. D . G . B . S . A ^).
Die letzten fünf Buchstaben können bedeuten: dei
gratia beatificet suam animam d. h. Gottes Gnade mache
ihre Seele selig. Wer deutsche Worte vorzieht, mag mit
uns lesen : Der Gott barmherzig sei, amen.
Zwei Jahrhunderte hat das Denkmal überdauert. *)
Im Jahre 1802 wurde die Andreaskirche in ein Magazin
verwandelt und die Grabsteine zerstreut, auch der der
alten Landgräfin ist spurlos verschwunden, ^)
Kein Schatzgräber wird den Frieden der armen
Fürstin stören. Von hartnäckigen und aufregenden
Kämpfen ruht sie aus. Gestritten hat sie für die Rechte
ihrer Töchter und das vermeintliche Recht ihres Gatten,
um ihre eigene Würde und ihr eigenes Einkommen. Je
weniger Siege sie errang, desto ausschließlicher füllten
diese Streitfragen ihren Geist, so daß für höhere staats-
männische oder gemeinnützige Gedanken kein Raum blieb.
Als sie vom Schauplatze abtrat, wurde sie rasch vergessen ;
denn Spuren in der Welt hinterläßt nur derjenige, welcher
der Allgemeinheit dient oder durch hervorragende Bega-
bung und übermächtigen Willen die Allgemeinheit in
seinen Dienst zwingt.
*) 1521 September 4. Kassel. Or. Samtarch. No. 30. Schiebl. 85.
*) Man erwartet: geborene.
^) H. E. Scriba, Grabdenkmäler aus dem literarischen Nachlaß
des Vikars Georg Helwich, im Archiv für hess. Gesch. 8, 292.
*) Schannat hat es 1734 noch gesehen. Joh. Friedr. Schannat,
Historia episcopatus Wormatiensis. Frkf. 1734. S. 128. WahrscheinUch
hat das Denkmal bis 1802 ganz unberührt gestanden. Vgl. A. 3.
*) P. Zimmermann, Grabstätten der Weifen, im Braunschwei-
gischen Magazin 1900; 6, 114.
Der Briefweehsel zwisehen dem Landgrafen
Wilhelm YIII. von Hessen und seinem General-
acfjntanten Generalmajor Freiherr \. Ffirsten-
berg in den Jahren 1756/57.
Von
G. Eisentraut.
Im April 1756 marschierten acht hessische Infanterie-
Regimenter von der Landeshauptstadt Kassel nach der
untern Elbe. Bei Stade bestiegen sie die dort bereit
liegenden Transportschiffe, und unter dem Schutze eng-
lischer Kriegskorvetten fuhren sie nach England, wo sie
am 15. Mai eintrafen und fast ein ganzes Jahr verblieben.
Über diese Heeresfahrt, mit der für Hessen der
siebenjährige Krieg begann, ist bis jetzt wenig be-
kannt geworden, vermutlich aus dem Grunde, weil sie im
Sande verlief, weil die Franzosen keinen Versuch machten,
eine Landung in England zu wagen, zu deren Abwehr
die hessischen Regimenter — und ausser ihnen auch
hannoversche Truppen — dorthin gebracht waren.
Die Fahrt der Hessen nach England war eine Folge
des schon im Juni 1755 zwischen England und Hessen-
Kassel geschlossenen Subsidien -Vertrages, durch welchen
sich der Landgraf Wilhelm VIII. verpflichtet hatte,
an König Georg II. von England gegen ange-
messene Geldentschädigung 8000 Mann Infanterie zu über-
lassen, die in Deutschland, in den Niederlanden, in Groß-
britannien und überall dort gegen Frankreich verwendet
werden durften, wo ihre Gegenwart erforderlich wäre.
Frankreich und England waren schon längst im Streit
wegen der Grenzen der ihnen im Frieden von Utrecht
— 73 —
in Nordamerika zugeteilten Gebiete. In den Jahren 1754
und 1755 kam es in Nordamerika zwischen beiden Mächten
zu Tätlichkeiten, denen im Frühjahr 1756, wenige Tage
nach der Ankunft der Hessen auf englischem Boden, die
beiderseitige Kriegserklärung folgte.
Die in den Seehäfen Frankreichs stattfindenden großen
Rüstungen hatten in England die Befürchtung erweckt,
daß die Franzosen beabsichtigten, Truppen in England zu
landen. Auf Grund des geschlossenen Vertrages wurde
daher der Landgraf von Hessen ersucht, schleunigst acht
Regimenter Infanterie mit der nötigen Regiments- Artillerie
— im ganzen 6500 Mann — nach England zu schicken. —
Von seinen zwölf Infanterie-Regimentern (Bataillonen) be-
stimmte Wilhelm VIII. hierzu die Regimenter: Garde,
Grenadiere, Leib-Regiment, Prinz Carl, Erbprinz, Prinz
Isenburg, Fürstenberg und Canitz. ^) Jedem dieser ungefähr
800 Mann starken Regimenter waren zwei dreipfündige
Kanonen beigegeben. Mit der Führung des hessischen
Hilfs-Korps wurde der Generalleutnant Graf Christian
Ludwig V. Isenburg betraut, unter dem die beiden
Generalmajore Prinz Casimir v. Isenburg^) und
Freiherr v. Fürstenberg standen. Als diplomatischen
Berater des Höchst-Kommandierenden ließ der Landgraf
den Generalleutnant v. Diede zu Fürstenstein mit
nach England gehen, der gemeinschaftlich mit dem hes-
sischen Geschäftsträger in London, dem Geh. Legation s-
Rat Alt den schon erwähnten Subsidien-Vertrag mit dem
englischen Minister Holderneß im Jahr zuvor abge-
schlossen hatte.
Wenn auch dieser Zug nach England für die Hessen
ohne jedes kriegerische Ereignis verlief, so war er doch
infolge der vielfachen Anstrengungen, Entbehrungen
und Leiden, denen die Regimenter während der Seefahrt
und während ihres Aufenthaltes in England ausgesetzt
waren, eine vortreffliche Vorschule für die harten An-
forderungen, die während der nachfolgenden Jahre des
siebenjährigen Krieges an sie gestellt wurden.
In keinem Lande wird der Soldat so gering geachtet,
*) In Hessen verblieben die Infanterie-Regimenter : Prinz Anhalt,
Mansbach, Haudring und Hanau.
') Prinz Casimir von Isenburg, der jüngere Bruder des eben
genannten Grafen Christian Ludwig v. I., ist bekannt durch die helden-
mütige Führung. der Hessen bei Sandershausen und durch seinen bei
Bergen am 13. April 1759 erlittenen Heldentod.
— 74 —
wie in England, und das galt auch damals schon. Die
Hessen hatten sehr viel von der Geringschätzung und
Rücksichtslosigkeit der Engländer zu leiden.
Nach der Ausschiffung wurden die Truppen zunächst
in die größeren Städte im südöstlichen Teil Englands
zwischen Southampton und London einquartiert. Da
aber nach dem englischen Gesetz nur solche Häuser zur
Aufnahme militärischer Einquartierung verpflichtet waren,
in denen Schänkwirtschaft betrieben wurde, so war die
Unterbringung der Offiziere und Mannschaften sehr eng
und schlecht und auf die Dauer um so unerträglicher, ab
die allerdings sehr überlasteten Wirte sich in ihrem Ge-
werbe beeinträchtigt sahen, ihre Einquartierung auf jede
Weise los zu werden suchten und schließlich die Hergabe
der Quartiere und die Lieferung der Naturalverpflegung
verweigerten.
Die von den Hessen hierbei bewiesene Langmut und
Selbstbeherrschung verdient hervorgehoben zu werden.
Ihre vortreffliche Manneszucht bewahrte sie vor Ausschrei-
tungen und nötigte selbst die Engländer zur Anerkennung
und Bewunderung.
Die Regimenter waren froh, als sie endlich im Juli
die elenden Kantonnements-Quartiere mit dem Feldlager
vertauschen konnten, das in unmittelbarer Nähe der Stadt
Winchester aufgeschlagen wurde. Ausreichende Ver-
pflegung und die warme Jahreszeit machten den Aufent-
halt unter den Zelten ganz erträglich. Die täglichen Exer-
zier- und Gefechtsübungen hielten die Truppen in Arbeit
und Zucht. Oft gab es auch im Lager, das viele Zuschauer
anzog, Musik und Tanz, und nach dem Bericht des Grafen
V. Isenburg glich es oft mehr einem Lustlager denn einem
Kriegslager.
Als aber der Herbst mit seinem Nebel und mit Tau
und Reifsich einstellte, sehnte sich mancher Lagerbewohner
nach dem warmen Ofen der Heimat. — Die Wahrschein-
lichkeit der Landung einer französischen Flotte an der
Küste Englands war damals schon fast ganz geschwunden.
Das weitere Verbleiben der hessischen Truppen im Lande
erschien unnötig. Das war auch die Ansicht der eng-
lischen Regierung und es lag somit nahe, dass sie die
Rückfahrt dieser Truppen nach Deutschland rechtzeitig in
die Wege leitete. Ehe sie aber hierüber zum Entschluß kam,
war die winterliche Jahreszeit herangekommen, die die
Rückfahrt der Regimenter über die See schwierig und
— 75 —
gefährlich machte. Die Hessen mußten daher bis zum
Frühjahr in England bleiben und zu diesem Zwek in
Winterquartiere gelegt werden. Bei den damals in Eng-
land herrschenden Verhältnissen hatte aber das Ministerium
aus Furcht vor der mit Einquartierung bedrohten Bevöl-
kerung zu lange mit den Vorbereitungen für die Unter-
bringung der hessischen Truppen in Winterquartieren ge-
zögert. Der Winter trat in diesem Jahre sehr frühzeitig
und mit einer für England ungewöhnlichen Kälte ein und
Offiziere und Mannschaften litten im Feldlager bei Win-
chester in unerhörter Weise unter der rauhen Jahreszeit.
Es bedurfte der eindringlichsten Vorstellungen der hessi-
schen Regierung, um das englische Ministerium zu veran-
lassen, endlich das Lager aufzuheben. Der Abmarsch der
Truppen in die Winterquartiere verzögerte sich dennoch
bis in die letzte Woche des Dezember. In diesen Quar-
tieren war allerdings für die Hessen besser gesorgt, als
früher. Da aber die Leute jetzt mehr einzeln lagen und daher
vielfach ohne genügende Aufsicht waren, so kam es auch
öfters zu Zank und Streit zwischen Soldaten und Wirten.
Vermehrter Dienst und die Einrichtung besonderer Wacht-
Kommandos in den Gegenden, in denen die Aufsicht in
den Quartieren fehlte, half zur Verbesserung dieses Kriegs-
zustandes.
Die Versammlung einer starken französischen Armee
am Niederrhein im Februar des folgenden Jahres, durch
welche die hannoverschen Lande, in denen der König
von England Kurfürst und Erbherr war, bedroht
wurden, beschleunigte den Ausmarch der hessischen Truppen
aus den Winterquartieren nach der Gegend von Chatham,
von wo aus schließlich die Rükfahrt nach Deutschland
am 28. April ihren Anfang nahm. Am 13. Mai waren
alle Regimenter bei Stade wieder auf deutschem Boden,
auf dem nun eine ernstere Tätigkeit in einem langjährigen
Kriege sie erwartete.
Dies ist der geschichtliche Hintergrund für den nach-
stehend veröffentlichten Briefwechsel zwischen dem Land-
grafen von Hessen und seinem Generaladjutanten
V. Fürstenberg.
Wilhelm Vm. von Hessen, seit 1751 Landgraf*),
*) Für seinen Bruder, Friedrich L, der gleichzeitig König von
Schweden war, hatte er seit 1730 die Regentschaft in Hessen geführt.
— 76 —
stand in Fühlung mit den bedeutendsten Fürsten seiner
Zeit und hat deshalb in der damaligen Politik eine nicht
unwichtige Rolle gespielt. Mit Friedrich dem Großen
und mit Kaiser Karl VII. war er eng befreundet und mit
dem englischen Hofe verwandtschaftlich verbunden durch
die Heirat seines einzigen Sohnes, des Erbprinzen Frie-
drich, mit Maria, der Tochter Georgs II. Der im
Jahre 1749 in aller Heimlichkeit erfolgte und erst fünf
Jahre später öffentlich bekannt gewordene Übertritt
dieses Sohnes zur römisch-katholischen Kirche hatte dem
strenggläubigen Protestanten Wilhelm VIII. unsäglichen
Kummer bereitet, die landgräfliche Familie vollständig
auseinander gerissen und dem Vater die letzten Lebens-
jahre verbittert. Die Politik des greisen Landgrafen war
seit jener Zeit nur darauf gerichtet, den Gefahren zu be-
gegnen, die seinem Lande durch diesen Religionswechsel
jetzt und besonders nach seinem Tode erwachsen konnten,
und den Erbprinzen den Einflüssen der katholischen Höfe
zu entziehen.
Wilhelm VIII. war ein gerechter, einsichtsvoller
Fürst, von seltener Standhaftigkeit, streng in Gewissens-
sachen, dabei freundlich und leutselig, einfach und haus-
hälterisch. Während seines früheren langjährigen Aufent-
halts in Holland hatte er sich ein besonderes Verständ-
nis für die bildende Kunst angeeignet und seinen Ge-
schmack geläutert. Das beweisen seine heimischen
Schöpfungen : er ist der Erbauer des idyllischen Schlosses
Wilhelsthal und der Gründer der herrlichen Gemälde-
gallerie zu Kassel. Der Landgraf stand 1756 bereits
im 74. Lebensjahre und war damals schon von schweren
körperlichen Leiden oft heimgesucht.
Wilhelm Burkhardt, Freiherr von Fürsten-
berg war 1751 aus kurpfälzischen Diensten in landgräf-
lich hessische gekommen und wurde hier in den Listen
als Generalmajor bei der Kavallerie geführt. Bald nach
seinem Übertritt in die hessische Armee war er General-
adjutant des Landgrafen und im Jahre 1753 Chef des ehe-
maligen Prinz Maximilian Regiments Infanterie geworden,
das nun den Namen Regiment v. Fürstenberg er-
halten liatte. Diese schnell aufeinander folgenden Aus-
zeichnungen lassen erkennen, daß Fürstenberg bei
dem Landgrafen in hohem Ansehen stand. — Seine Briefe
und Berichte zeigen uns den General als einen Offizier
von seltener Begabung und hoher vielseitiger Bildung,
— 77 —
von reicher Erfahrung und weltmännischen, gewandten
Formen. Überall treten in den Briefen Fürstenbergs
dessen künstlerische Neigungen und sein ausgeprägtes
Verständnis für Malerei, Baukunst und Gartenkunst hervor.
Diese Eigenschaften hatten jedenfalls den General dem
geistesverwandten Landgrafen nahe gebracht und das
freundschaftliche Verhältnis geschaffen, das beide Männer
verband und aus ihrem Briefwechsel uns entgegen tritt.
Nach den bestehenden Vorschriften war während der
Heeresfahrt der hessischen Truppen nur der Höchst-Kom-
mandierende, Grafv. Isenburg, verpflichtet, über alles,
was das Korps betraf oft und eingehend an den Landes-
herrn zu berichten. Seine „Rapporte" bilden mit ihren
zahlreichen Anlagen die ersten beiden Bände der auf Be-
fehl des Landgrafen Friedrich IL v. Hessen^) später
in mehr als zwanzig umfangreiche Folianten vereinigten
hessischen Kriegsakten: „Journal und Relationes
von der Alliierten Armee im 7jährigen Kriege
in Deutschland". 2) Jedenfalls war General v. Fürsten-
berg so wenig wie die andern Unterführer zur Erstattung
laufender dienstlicher Berichte verpflichtet. Vermutlich
aber hatte Landgraf Wilhelm seinem Generaladjutanten
nahe gelegt, ihm aus England über Land und Leute, über
seine persönlichen Erlebnisse, besonders aber auch über
seine Beobachtungen auf dem Gebiete der Schloss- und
Parkanlagen zu berichten.
Wil heims thal, der Lieblingsaufenthalt des Land-
grafen, war damals noch im Entstehen ^) und sein Erbauer
suchte eifrig noch nach Motiven zu Verbesserungen und
Neuerungen, die er bei seiner Vorliebe für den enghschen
Geschmack in der Gartenkunst am ehesten aus England
erwarten konnte.*)
^) Sohn und Nachfolger Wilhelm VIII. ; regierte von 1760—1785.
*) Jetzt im Königlichen Staatsarchiv zu Marburg.
^) Der Grundstein war am 28. Mai 1753 gelegt worden.
*) Während die unter Ludwig XIV. durch Le Notre geschaffene
französische Gartenkunst mit ihren breiten, sternförmig durchquerten
Avenuen ihre Glanzperiode feierte, waren in England bereits Anzeichen
einer bevorstehenden Umwälzung derselben aufgetreten. Der schon
früher durch Lord Franz Bacon, Milton, Addison und Pope gegebenen
Anregungen waren Kent und Repton gefolgt und hatten der neuen
auf eingehendes Studium der Natur begründeten Richtung der Garten-
kunst Eingang verschafft, die das feuchte Klima Englands ganz be-
sonders begünstigte. Kaum in England ausgebildet, fand sie ihren
Wee sehr bald auch auf das Festland. Wilhelm VIII. hat die eng-
lische Gartenkunst jedenfalls in Holland kennen gelernt.
— 78 —
Hierdurch erklärt es sich, daß Fürstenberg häufig
Berichte aus England an den Landgrafen sandte und daß
er in diesen besonders über seine Besuche in den erreich-
baren Schlössern und Gärten und Parkanlagen spricht
und dabei Bezug nimmt auf das „Paradies" seines
Herrn. ^)
Ohne Zweifel sind diese Berichte von kulturhisto-
rischem Werte. Wie hoch man sie schon früher
schätzte, geht daraus hervor, daß man sie in die Sammlung
der Kriegsakten aufgenommen hat. (Tom. II, P. II.) Sie
bilden gewissermaßen eine feuilletonistische Ergänzung der
offiziellen Berichte des Grafen v. Isenburg, ein Tage-
buch über die Heeresfahrt nach England in Briefform.
Wenn Isenburg ernst und gewissenhaft seine
Klagen über die schlechten Quartiere, über die Ver-
läumdungen der Engländer, über mangelhafte Verpflegung
und über die Vernachlässigung seines Korps seitens der
englischen Regierung vorbringt, so sucht Fürstenberg
das Gute, Angenehme hervorzuheben, das sich den Hessen
in England darbot. Er geht den Ursachen der oft uner-
hörten Behandlung der hessischen Truppen durch die eng-
lische Regierung nach und findet sie in den inner-politischen
Zuständen, in den Hof-Intriguen und in der Unbeständig-
keit der Ministerien. Er beschönigt und stellt alles gern
in rosigem Lichte dar. Besondern Reiz erhalten die Briefe
Fürstenbergs durch die Mitteilung persönlicher Erleb-
nisse.
Die hohe Stellung des Generals im Verein mit seiner
vornehmen äußeren Erscheinung und mit seinen welt-
männischen Eigenschaften öffneten ihm, dem Junggesellen,
auch in England schnell Türen und Herzen. Eine be-
sondere Vorliebe zeigt Fürstenberg für schöne Frauen,
und seine Geständnisse hierüber haben sichtlich den Zweck,
seinen Fürsten angenehm zu unterhalten und aufzuheitern.
In liebenswürdiger und zurückhaltender Weise, meist mit
feinem Humor, geht der Landgraf auf Fürstenbergs
pikante Anspielungen ein. Im allgemeinen aber klingt
aus den Antworten des greisen Fürsten eine wohl begreif-
liche Entsagung.
*) Daß Wilhelm VlII. bei der Schaffung der Anlagen bei Wilhelms-
thal durchaus selbständig vorging und daß er nach eigenen Ideen
arbeitete, lassen seine Erwiderungen auf Fürstenbergs Mitteilungen
über Neuerungen in englischen Parkanlagen erkennen. Dem Land-
grafen waren manche englische Garteneinrichtungen noch nicht na-
türlich genug. (S. Brief No. 15, 19 u. 25.)
— 79 —
Die Briefe des Generals sind in französischer
Sprache und in schöner Handschrift geschrieben. Die
Autworten des Landgrafen, ebenfalls französisch, befinden
sich in den Kriegsakten nur im Entwurf, vom Geheim-
sekretär Robert meist in flüchtiger, schwer leserlicher
Schrift aufgesetzt.
Die Briefe folgen in Nachstehendem in deutscher
Übersetzung, meist mit Fortlassurfg der Eingangs-
und Schlussformeln, sowie derjenigen Stellen, die Un-
wichtiges und Wiederholungen enthalten. Entsprechend
der Anordnung in den Akten haben die Antworten des
Landgrafen ihren Platz unmittelbar hinter den entsprechen-
den Briefen Fürstenbergs erhalten.
No. 1. Fttrstenberg an den Landgrafen.
Reihen a. Aller i), 20. IV. 56.
In aufrichtiger und dankbarer Gesinnung, die mich
stets erfüllen wird, bitte ich Eurer Hochfürstlichen Durch-
laucht mich zu Füßen legen zu dürfen. Es ist nicht meine
Absicht, die Berichte des Grafen v. Isenburg und des
Herrn v. Die de zu ergänzen; auch will ich mich nicht
bei den kleinen Leiden aufhalten, die jeder Marsch mit
sich bringt, der auf schlechten Wegen durch fremdes
Gebiet führt. Ich begnüge mich, E. H. D. untertänigst
zu melden, daß die Regimenter meiner Kolonne 2) von
gutem Geist beseelt, lustig und guter Dinge sind. Sie
marschieren vortrefflich, ohne Nachzügler, und sie haben
bis jetzt noch nicht die geringste Veranlassung zu Klagen
gegeben. Im Gegenteil rühmen die uns begleitenden
Marschkommissare, wie ruhig es bisher in den Quartieren
zugegangen sei. — Allerdings sind in der Division, die
ich zu fiihren die Ehre habe, schon beim Durchmarsch
durch die Grafschaft Lippe zwei Mann vom Leibregiment
desertiert und wahrscheinlich nach Hessen zurückgekehrt.
Sie hatten vermutlich Sehnsucht nach ihren Mädchen, denn
die Leute waren zu klein und zu unansehnlich, als daß
man vermuten könnte, daß die Preußen ^) dahinter steckten.
*) Auf dem Marsch von Gassei nach Stade. — Reihen liegt
zwischen Verden und Gelle.
') Fürstenberg führte auf dem Marsche nach Stade unter dem
Generalleutnant v. Diede, dem Führer der II. Kolonne, die 2. Division,
zu der die Regimenter Leibregiment und v. Fürstenberg gehörten.
•) Preußische Werber, in Uniform und in Verkleidung, versuchten
während des Marsches wiederholt die hessischen Soldaten, namenthch
— so-
lch werde die Kriegs-Kommission in Cassel benachrichtigen,
damit die Kerls festgenommen werden, wenn sie sich dort
blicken lassen. Meine beiden Regimenter haben zusammen
höchstens zehn und nur Leicht-Kranke. Da nun die
Witterung wärmer wird, die Wege und Märsche besser
werden, auch die Einwohner des Landes uns mit einer
gewissen Herzlichkeit begegnen und den hessischen Fremd-
ling sehr gut aufnehmen, so hoffe ich alle meine Leute
gesund und felddienstfähig nach Stade zu bringen, von
wo ich E. H. D. über den letzten Teil unserer Märsche
weiter berichten und gleichzeitig einen kleinen Plan über-
senden werde, der alle Einzelheiten der Gegend unserer
Einschiffung enthalten soll. — Vorgestern habe ich in
Nienburg auf einer sehr guten steinernen Brücke die
Weser überschritten, und da Herr v. Die de erst weiter
unten bei H oy a über den Fluß geht, werde ich S. Excellenz
erst an der Elbe wieder sehen. — In den letzten Tagen
sprach man viel von einer Landung der Franzosen auf
Minorka und in England. Mir scheint das nicht recht
glaublich.
Da man auch davon spricht, daß wir bei Stade in
ein Lager kämen, so machen sich schon jetzt die Soldaten
Zeltpflöcke.
Ich lasse keinen Tag vorübergehen, ohne tausend
und aber tausend innige Wünsche für E. H. D. Wohl-
ergehen zum Himmel zu senden. Nichts bekümmert mich
mehr auf unserem Zuge, als das Ausbleiben der Nachrichten
über Höchstdero Befinden. Möge der gütige Gott meine
Wünsche erfüllen! Sie sind aufrichtig und sie werden
von allen guten Menschen geteilt. In tiefster Ergebenheit
habe ich die Ehre zu sein E. H. D. untertänigster Diener
Fürstenberg.
No. 2. Fttrstenberg an den Landgrafen.
Stade, 27. IV. 56.
Meine Division ist sehr frisch und in guter Haltung
hier angekommen. Es hat weder Tote, noch weitere
Deserteure, weder Beschwerden noch Unordnung gegeben.
Beide. Regimenter liegen eine halbe Meile von hier im
Quartier. Das Leib-Regiment, mit dem ich marschierte, sollte
schon heute morgen eingeschifft werden; aber der heftige
die stattlichen Grenadiere, zum Übertritt in preußische Kriegsdienste
zu verleiten.
— 81 —
Wind ließ es nicht zu; und so ist das Regiment in die
Quartiere eingerückt. Es soll nun morgen, zusammen
mit meinem Regiment, eingeschifft werden, am 29. ,die
Regimenter Garde und Prinz Isenburg. Doch darüber
werden Graf Isenburg und Herr v. Diede schon be-
richtet haben. Ich bin erst eine Stunde hier. Man ver-
sichert, daß die Einschiffung schnell und gefahrlos vor-
übergehen wird.
No. 3. FUrstenberg an den Landgrafen.
Stade, 30. IV. 56.
Das Wetter war bisher sehr schlecht. Schnee und
Sturm haben viele Verzögerungen verursacht, die man
durch vermehrten Eifer wieder gut zu machen hofft, wenn
sich der Wind gelegt haben wird. Die hannoversche
Regierung, besonders Herr v. ßerlepsch^), hat mit
großem Geschick die Vorbereitungen zur Einschiffung ge-
troffen und sucht alle Hindernisse zu überwinden, die der
Sturm verursacht. Auch Graf v. Isenburg ist äußerst
tätig und umsichtig. Ich hoffe, daß nun bald die beiden
letzten Regimenter, Garde und Prinz Isenburg, mit dem
Gepäck und Train eingeschifft sein werden. Heute Nach-
mittag um 4 Uhr will ich selbst an Bord gehen, um den
Truppen Gesellschaft zu leisten, nachzusehen, was zu ihrem
Wohlbefinden noch angeordnet werden könnte und ihnen
Hoffnung machen, daß wir aus der Elbe bald heraus-
kommen. Hoffentlich haben wir eine glatte und gute
Überfahrt. Und wie nichts in der Welt beständig ist,
wird ja auch dies böse Wetter einmal aufhören!
Die Einschiffung der Leute und Pferde habe ich
weniger schwierig gefunden, als ich angenommen hatte.
Es war aber auch alles vortrefflich vorbereitet. — Nach-
dem die Regimenter die Stadt im Parademarsch passiert
hatten, führte man sie zum Tor hinaus an den Kanal, die
Salzschwinge. Dort stiegen sie kompagnie weise auf be-
sonders hergerichteten schmalen Brücken in die Mann-
schaftsbote, die, in verschiedener Größe aber alle mit
*) Johann Wilhelm Ludwig v. Berlepsch war hannoverscher
Regierungsrat in Stade. Bei der ihm übertragenen Leitung der Unter-
bringung und Einschiffung — später auch der Ausschiffung — der hessi-
schen Truppen, seiner Landsleute, entwickelte er so viel Umsicht und
Liebenswürdigkeit, daß er auf Grund der Berichte des Grafen v. Isen-
burgs durch wiederholte Dankschreiben Wilhelm VIII. ausgezeichnet
wurde.
N. F. BD. XXX. 6
— 82 —
Segeln versehen, die Leute nach den eine Meile von hier
in der Elbe liegenden englischen Schiffen brachten. Die
Pferde aber wurden nach einer eine viertel Stunde außer-
halb der Stadt befindlichen Ladestelle gebracht, die an
demselben Kanal liegt, und wo die zur Aufnahme von je
10 Pferden eingerichteten Bote dicht an das Land heran
kommen konnten. Mittelst neuer und fester Rampen mit
Geländern wurden die Pferde in die Bote geführt und
dann nach den Pferdetransportschiffen gebracht, wo die
Einschiffung in gewöhnlicher Weise und um so leichter
vor sich ging, als, wie ich beobachtet habe, die Pferde
sofort ganz ruhig wurden, sobald sie sich auf dem Wasser
befanden. (Der Brief ist kurz vor dem An - Bord - gehen
Fürstenberg^s abgesandt.)
No. 4 Fürstenberg an den Landgrafen.
An Bord der Fregatte „Schwalbe", Freitag, 7. V. 56.
(Geschrieben beim Ausfahren aus der Elbe in die
Nordsee. Die Flotte Avar am 3. Mai von Stade abgefahren,
aber durch widrigen Wind bis zum 7. bei Ritzebüttel
(Cuxhaven) festgehalten. Der Brief ist durch einen der
nach Stade zurückkehrenden Lotsen zur Post gebracht.)
Ich hoffe immer noch, daß unsere Überfahrt glücklich von
statten gehen wird und daß wir noch vor den Hannove-
ranern, deren Artillerie jetzt verladen wird, in England
ankommen w^erden. So viel ich mich überzeugen konnte,
geht es unsern Truppen bis jetzt ganz gut. Das Schiff,
auf dem ich mich mit Excellenz v. Diede befinde, der
sich E. H. D. mit mir zu Füßen legt, bildet die Nachhut
No. 5. Ftirstenberg an den Landgrafen.
SouthamptoRi), 16. V. 56.
Die ersten Schiffe mit den Truppen E. H. D. sind
gestern abend hier eingetroffen und heute schon beginnt
die Ausschiffung. Unsere Fahrt war ganz günstig. Am
7. sind wir in die Nordsee eingefahren, am 12. sahen wir
die Küste Englands, und je näher wir kamen, umso
anmutiger erschien das Land. Und als wir hier eintrafen,
haben uns die Einwohner freudig begrüßt. — Unterwegs
haben sich die Soldaten mit der Schiffsbemannung gut
angefreundet und die Engländer haben sich der von der
^) Bekannter Seehafen, an der Südküste Englands.
— 83 —
Seekrankheit befallenen Leute in bester Weise angenommen.
Heute ist der Gesundheitszustand bei uns besser wie bei
der Einschiffung. Nun ist alles gespannt auf die Quartiere,
in die wir auf einige Wochen gelegt werden sollen, ehe
wir dcis Lager beziehen. Oberst Amhorst^) gibt sich
die größte Mühe, für uns alles auf das beste zu besorgen.
Die Regimenter werden dagegen alles aufbieten, um sich
die Zuneigung ihrer Wirte zu erwerben.
Das lange Zusammensein mit den ungeschliffenen
Matrosen mag schuld daran sein, daß ich jetzt hier alles
in rosigem Lichte sehe. Doch täusche ich mich gewiß
nicht, wenn ich sage, daß die Frauen und Mädchen in
England einen schönen Eindruck machen. Gern möchte
ich es ihnen selbst sagen. Aber ich verstehe ja noch nicht
so viel Englisch, daß ich um ein Stückchen Brot bitten
könnte. E. H. D. wollen mir allergnädigst verzeihen, daß
ich mich unterstehe, solchen Unsinn zu schreiben. Aber
der kleine Dienst und das Schaukeln des Schiffes scheinen
mir den Kopf verdreht zu haben.
No. 6. Der Landgraf an Fttrstenberg«
Wilhelmsthal, 31. V. 56.
Sie schweigen darüber, wie Ihnen die Überfahrt be-
kommen ist. Da Sie aber schon so sehr in das schöne
Geschlecht des Landes verliebt sind, darf ich wohl annehmen,
daß Sie nicht zu den Schwerkranken gehört haben, oder
wenigstens, daß sie sehr schnell wieder gesund geworden
sind. Dieser gute Anfang läßt Sie in eine glückliche
Zukunft schauen, die um so schneller herankommen wird,
je eher Sie die englische Sprache beherrschen lernen. Wie
würde ich Sie um alles, was sich Ihnen dort eröffnen
wird, beneiden, wenn ich noch jung wäre. -- Aber bei
meinem Alter beneide ich niemand mehr. Sehen Sie nur,
wie Sie Ihren Aufenthalt in England am besten ausnutzen
können.
No. 7. Fürstenbergr an den Landgrafen.
Southampton, 20. V. 56.
Bis jetzt sind hier die Regimenter Grenadiere, Canitz
und Prinz Carl ausgeschifft und in ihre Quartiere abgerückt.
Das Regiment Erbprinz und das meinige sind in der Nähe
*) Der den hessischen Truppen beigegebene englische General-
<}uartiermeister.
6*
— 84 —
der ihnen als Kantonnements angewiesenen Ortschaften
Chichester und Lymington*) an's Land gegangen.
Heute soll das Gepäck des Leibregiments und ein Teil
der Artillerie an*s Land kommen, so daß in vier bis fünf
Tagen die Ausschiffung gänzlich beendet sein dürfte. Sie
wird besonders dadurch verzögert, daß die Ebbe hier gegen
Mittag eintritt und dann bis 7 Uhr eine mehrere hundert
Schritt bi:eite Fläche mit meist schlammigem Boden fast
gänzlich vom Wasser entblößt wird, die man genau kennen
muß, um zu wissen, an welchen Stellen die Bote heran
kommen können, um die Pferde zu landen. Und wenn
die Flut wieder eintritt, kommt sie meist mit heftigem
Wind, der ebenfalls die Ausschiffung erschwert. Bis jetzt
ist aber alles ohne Unfall und in bester Ordnung vor sich
gegangen und ich denke, es wird alles gut endigen. Wenn
unvermutet hier und da Schwierigkeiten eintreten, so muß
man sich sagen, daß sie unvermeidlich sind. Graf v.
Isenburg und Herr v. Diede gehen nach Winchester.
Prinz Isenburg bleibt hier und ich komme nach
Salisbury.2)
Die Landeseinwohner scheinen uns gern zu haben
und wir bemühen uns, unsern Leuten klar zu machen, daß
sie am besten tun, wenn sie allen Mißverständnissen aus
dem Weg zu gehen suchen, die aus der Unkenntniß der
englischen Sprache entstehen können. Die Meldungen
von den bereits einquartierten Regimentern sind erst zum
Teil eingetroffen. Oberst v. Logau^) meldet mir, daß
er mit den Quartieren ganz zufrieden sein könnte und
erzählt dabei: Ein Gutspächter begegnet auf der Land-
straße unsern Fourieren und fragt den Führer, ob das
Hessen wären. Und als dieser bejaht, ist der Pächter
unbändig erfreut, umarmt den Mann und bittet ihn, zwei
Schillinge von ihm anzunehmen. — Nicht nur die Ein-
wohner dieser Stadt sehen in Menge unserer Ausschiffung
zu. Man versichert mich, daß in diesen drei Tagen mehr
denn viertausend Menschen aus der Umgegend herein
gekommen wären, um unsere Truppen zu sehen, die sich
sehr gut halten und viel weniger angegriffen und unsauber
aussehen, als ich fürchtete. Täglich kommen wir mit der
^) Chichester östlich von Southampton ; Lymington südwestlich,
der Insel Wight gegenüber.
*) Winchester nördlich, SaUsbury nordwestlich von Southampton.
*) Oberst v. Logau war Kommandeur des Regiments v. Fürsten-
berg.
— 85 —
besten Gesellschaft der Stadt zusammen und erhalten Ein-
ladungen. Hier und da hört man französisch sprechen und
jemehr man bekannt wird, um so mehr entdeckt man
hübsche Gesichter. Man liebt Musik und Tanz und unsere
Hoboisten sind sehr begehrt.
Gestern abend wurde hier bekannt, daß die Kriegs-
erklärung Frankreichs in London eingetroffen sei. Das
Volk scheint mit dem Kriege sehr einverstanden zu sein
und wenn die französische Flotte im Mittelmeer eine
Schlappe erlitte, würde die Lust am Kriege noch mehr
wachsen.
No. 8. FUrstenberg au den Landgrafen.
Salisbury, 30. V. 56.
Am 23., am Tage vor der Ausschiffung des Regiments
Prinz Isenburg, habe ich Southampton verlassen. In Salis-
bury fand ich das Regiment Prinz CarP) gut unter-
gebracht und am 25. traf auch die Artillerie hier ein. Da
die Quartiere meines Regiments sich bis nach Fording-
bridge ^) erstrecken, so untersteht es gleichfalls meiner Auf-
sicht. Wir können mit sämtlichen Quartieren zufrieden
sein und haben nur wenige und nur Leicht-Kranke.
Salisbury ist ziemlich groß und gut gebaut. Getreide-
handel, Wollfabriken und Lohgerbereien bringen Leben
in die Stadt. Zwei kleine Flüsse versorgen alle Straßen
mit gutem Wasser; sie laufen in 6 Fuß breiten und 3 Fuß
tiefen gemauerten, aber offenen Kanälen durch die Stadt.
Die mächtige Kathedrale ist ein edles Meisterwerk gotischer
Baukunst. Der Bischof, der hier ein altertümliches Schloß
besitzt, hält sich ebenso wie die Domherren nur selten hier
auf. Sie versammeln sich hier nur zum Empfang ihrer
Pfründen, die sich für den Bischof jährlich auf 4000 Pfund
Sterling belaufen sollen. — Die Umgegend ist prachtvoll.
Unter den Landhäusern, die hier und dort sichtbar sind,
ist besonders Schloß Wilton zu nennen, das Mylord Pem-
brock gehört und sich durch herrliche Porträts und
Marmorfiguren auszeichnet. Dort ist ein Gemälde von
Van Dyck^), die Familie Pembrock darstellend. Ich nähme
es gern mit mir, wenn ich könnte. — In Salisbury lernte
*) Kommandeur dieses Regiments war Oberst v. Gilsa.
*) 16 km südlich Salisbury.
') Nach dem Verzeichnis von John Smith befand sich dieses
Bild 1831 noch in der berühmten Sammlung zu Wilton, wo es auch
heute noch sein wird.
— se-
ich einen reichen Privatmann Namens Harris kennen,
einen Mann von gutem Geschmack, der in Italien viele
schöne Bilder gesammelt hat, die stets meinen Neid erregen.
Aber er ist sehr reich! — Die Engländer kommen den
Offizieren sehr freundlich und höflich entgegen. Von weit
her kommt man heran, die Hessen zu sehen. Alles erregt
die Neugierde der Einwohner: Unsere Wachtparade, unser
Gottesdienst, sogar unsere Eßnäpfe. Ich lebe mit den
Einwohnern auf gut englisch, mache meine Besuche, finde
aber nur wenige, mit denen ich französisch sprechen kann.
Da muß der Dolmetscher helfen. Ein wenig englisch
verstehe ich schon ; wenn es aber an's Sprechen geht,
dann merkt man, wie unbeholfen man in einer Sprache
ist, die man erst lernen soll. — Auf alle Weise bemühe
ich mich, das gute Einvernehmen zwischen Einwohnern
und Soldaten aufrecht zu halten und ich verbiete streng
alle Neckereien. Da es in den Ortschaften meines Be-
zirkes weder Mauern, noch Wälle, noch Tore gibt, habe
ich zur Erhöhung der Sicherheit und Manneszucht kleine
Wachen eingerichtet, deren Dienst meine Offiziere und
Leute munter erhält ohne sie zu ermüden oder das Exer-
zieren zu stören. — Hier sind auch einige in Amerika
gefangen genommene französische Offiziere. Ich ver-
meide aber ihre Gesellschaft, da das Volk es nicht gern
hat, wenn man sich mit ihnen abgibt. — Nur selten hört
man hier etwas von den Händeln dieser Welt. Um so
mehr war ich erfreut, aus E. H. D. gnädigem Schreiben
vom 12. Mai Höchstderen erfreulichen Gesundheitszustand
zu ersehen. (Ein Brief vom 12. V. ist nicht bei den Akten.)
No. 9. Der Landgraf an FUrstenberg.
Kassel, 14. VI. 56.
Ihre Berichte begrüße ich stets mit großer Freude!
Wenn ich auch die gute Meinung, die Sie von dem dor-
tigen schönen Geschlecht und von den übrigen Einwohnern
hegen, auf Rechnung Ihres guten Willens setzen muß ^),
so läßt mich doch das Lob, das Sie den Quartieren spenden,
hoffen, daß sich Meine Truppen dort in dem Maße gut
einleben werden, als sie sich an die Lebens- und Denk-
weise der Engländer gewöhnen. Gute Manneszucht wird
dazu beitragen, die gute Gesinnung der Bevölkerung zu
*) Graf V. Isenburg hatte ungünstiger über die Quartiere be-
richtet.
— 87 —
erhalten, und das kann für uns nur von Vorteil sein.
Hoffentlich aber haben Sie bei den strengen Vorschriften,
die Sie nach Ihrem Briefe Ihren Regimentern gegeben
haben, nichts von dem Neid durchblicken lassen, der Sie,
wie man zu sagen pflegt, geplagt hat bei dem Anblick
der vielen Kostbarkeiten, die Sie dort zu sehen bekommen.
Das Beispiel des Generals könnte doch vielleicht böse
Folgen haben, denn ich glaube nicht, daß sich unter Ihren
Untergebenen viele befinden, die so wie Sie der Ver-
suchung zu widerstehen wissen. — Meine Gesundheit ist
leider durchaus nicht so gut, wie Sie annehmen. Es ist
nicht Fisch noch Fleisch, alle Tage anders! Ich erhoffe
Besserung von der wärmeren Jahreszeit; bis jetzt aller-
dings verspüre ich ihre Wirkung noch nicht. Und oben-
drein sind nun auch bis auf den kleinen Tölpel, den
Schröder, alle meine Kammerdiener krank und gar
bettlägerig geworden. Sie können sich denken, wie un-
angenehm das ist und wie es mich verhindert, aufs Land ^)
zu gehen. Denn wer soll mich dort bedienen? Hoffentlich
bleiben Sie immer hübsch gesund und geben mir häufig
gute Nachricht.
No. 10. Fürstenberg an den Landgrafen.
Salisbury, 18. VI. 56.
Seit Ende der vorigen Woche habe ich mit diesem
Briefe gewartet, weil ich hoffte, daß wir das Lager be-
ziehen würden und ich hätte so gern davon Meldung ge-
macht! Aber immer wird es verschoben. Vorgestern
besuchte mich der General Mordaunt, der mit einem
englischen Korps von 6 Infanterie- und 2 Dragoner-
Regimentern hier in der Nähe ein Lager beziehen soll.
Er wußte nichts über unser Einrücken in das Lager. Erst
muß die Holzfrage gelöst werden, ehe wir unter das Zelt-
dach kommen.
Inzwischen exerziert unsere Infanterie und auch die
Artillerie fleißig. Die Infanterie hat zunächst in Zügen
und Kompagnien geübt, morgen soll das Batailloqs-Exer-
zieren beginnen. Mit den Quartieren, in denen ich die
Leute oft besichtige, herrscht noch allgemeine Zufriedenheit,
auch mit dem Brot, das jetzt gut, jedenfalls besser aus-
gebacken ist, als im Anfang. — Das gute Einvernehmen
mit den Bewohnern von Salisbury hätte neulich beinahe
durch einige einheimische Taugenichtse eine Störung er-
») Nach Wühelmsthal !
— 88 —
litten. Ich bin aber gegen die dabei beteiligt gewesenen
Soldaten, die gezecht hatten, gleich scharf vorgegangen
und habe selbst an Ort und Stelle Ruhe geschaffen. Die
Einwohner sind dann später zu mir gekommen, um ein
gutes Wort für die verhafteten Soldaten einzulegen und
ich habe mich ihnen dann für ihre gute Gesinnung gegen
unsere Hessen gern erkenntlich gezeigt. — Da man mich
auf die schlimmen Einwirkungen aufmerksam gemacht
hat, die der häufige Wechsel der Witterung und der
Temperatur hier namentlich auf Nicht-Einheimische ausübt,
so habe ich angeordnet, daß die Soldaten stets angezogen
und zugeknöpft ausgehen. In meinem Bezirk sind bisher
nur leichte Erkrankungen aufgetreten.
Es ist mir gelungen, einen Katalog der Statuen,
Büsten und Bilder des Mylord Pembrock, wie auch
einen Stich seines herrlichen Van Dyck aufzutreiben.
Ich möchte aber diesen Brief nicht damit beschweren,
sondern eine günstigere Gelegenheit abwarten, sie E. H. D.
zu unterbreiten.^)
Nicht weit von hier liegt das Schloß des Mylord
Volston, in dem sich Gemälde berühmter italienischer
Meister befinden. Mylord wird in einigen Tagen von
London hierher kommen; ich werde ihn dann besuchen.
Er soll nicht viel von Gemälden verstehen.
Nahe bei seinem Schloß liegt ein reizendes Haus,
und darin wohnt eine Fee, Madame Young. Sie war
mit ihrem Gatten in Italien, in Frankreich und Deutsch-
land; sie spricht französisch, ist jung und wunderschön,
und ihr Gatte, der, nach den zahlreichen mathematischen
Instrumenten und Büchern zu urteilen, ein großer Gelehrter
sein muß, befindet sich seit achtzehn Monaten in Antigoa^)
auf seinen Besitzungen. Madame Young erinnert in ihrem
Wesen sehr an die Gräfin La Ley. Sie hat uns sehr
liebenswürdig empfangen. Ihr Haus ist entzückend; in-
wendig alles, sogar die Treppen, von Mahagony. Auf
seinen Reisen hat Herr Young einige recht gute Bilder
erworben. Mir gefällt besonders eine schlafende
Venus von Tizian.^) Was gäbe ich darum, könnte ich
die Venus und die Herrin des Hauses entführen. Das
Bild ist 4 Fuß hoch bei 7 Fuß Breite. —
') S. Brief No. 30.
*) Antigoa oder Antigua, Insel in den kleinen Antillen.
^) Tizian hat den Vorwurf der schlafenden Venus öfters behan-
delt, jedoch ist keins der Originale nach England gekommen. Was
Fürstenberg im Hause des Mr. Young sah, war jedenfalls eine Kopie.
— 89 —
Etwa zwei Meilen von Salisbury hat Lord
Feversham ein Haus mit schönem englischen Park.
Da meine Gedanken oft in Wilhelmsthal weilen, denke
ich immer daran, hier etwas neues zu finden, das sich für
die dortige Eremitage^) verwerten ließe. Ich lasse alles
abzeichnen und werde die Skizzen meinem nächsten Briefe
beilegen. Darf ich hierbei bemerken, daß die Engländer
ihre Absicht, die breiten Buschpartien ihrer Parks lieblicher
zu gestalten, dadurch zu erreichen suchen, daß sie möglichst
viel Abwechselung hinein bringen? So pflanzen sie hier
oft Lorbeerkirschen und andere Sorten von Sträuchern,
besonders solche aus dem westlichen Amerika, von denen
Herr Alt*^) oft sprach. Man sieht auch immergrüne
Eichen, Cedern und Lärchen. Der Taxus wird hier nicht
mehr in Pyramiden gezogen; man trifft ihn häufig, aber
immer in Baumform. — Im allgemeinen sind die Fuß-
wege hier etwas breiter als im Garten S. H. D. des Erb-
prinzen ^) und zuweilen mit kurz geschnittenem Rasen be-
deckt. — Ich will hier nicht auf die E. H. D. wohlbekannte
Schönheit des englischen Rasens eingehen, sondern be-
gnüge mich, eine kleine Zeichnung und die Gebrauchs-
anweisung der Werkzeuge beizulegen, mit denen man hier
zu Lande den Rasen scheert. Die Handhabung ist leicht;
es geht sehr schnell damit und der Rasen wird mehr ge-
schont als bei Anwendung der Walzen, die in E. H. D.
Gärten verwandt werden. Die Engländer mähen auch
zunächst das Gras kurz ab, ehe sie den Rasen scheeren.
Ich bedauere, daß auch dieser Brief so viele Kleinig-
keiten bringt. Aber leider stehe ich den Weltereignissen
zu fern. Die englischen Zeitungen lese ich hauptsächlich
wegen des Studiums der Sprache. In ihnen, wie in den
Gesichtern der Einwohner lese ich, daß man mit den über-
seeischen Nachrichten nicht einverstanden ist. Das wird
sich hoffentlich bald ändern. Wenn die neue französische
Marine erst einen ordentlichen Schlag erhalten hat, werden
sich auch nicht mehr so viele Kaperschiffe in dem Kanal
sehen lassen und eine französische Landung in England
immer unwahrscheinlicher werden.
*) Wo diese Eremitage lag, läßt sich nicht feststellen. Sie scheint
bald wieder eingegangen zu sein, wenigstens erwähnt sie Schmincke
(1767) in seiner Beschreibung von Wilhelmsthal nicht.
*) Der schon erwähnte Geh. Legationsrat Alt, hessischer Ge-
schäftsträger in London.
•) Dieser Garten bedeckte die Gegend der jetzigen Bildergalerie
zu Rassel und zog sich von dort den Berg hinab nach der Aue.
— 90 —
No. 11. Der Landgraf an Fürstenberg.
Wilhelmsthal, 5. VII. 56.
Ich werde die neue Art, den Rasen zu scheeren, hier
versuchen lassen und sehe der Übersendung des Kataloges
und des Kupferstiches gern entgegen.
Die Schilderung der Fee, die Sie in der Nachbarschaft
entdeckt haben und des zauberischen Ortes, in dem sie
wohnt, läßt mich immer mehr erkennen, wie angenehm
Sie in dieser Zeit der Ruhe Ihre Mußestunden auszufüllen
wissen, und ich muß Sie loben, daß Sie dem hessischen
Namen so viel Ehre machen. Nur eins macht mir Sorge,
das ist die Lust am Entführen, die schon wieder über Sie
gekommen ist. Ich hoffe bestimmt, Sie werden ihrer Herr
werden, und während Sie mit größter Milde auf der Bahn
Ihrer Eroberungen fortschreiten, sehe ich dem Bericht
von Ihren Erfolgen mit um so größerem Vergnügen ent-
gegen, als mein Alter und mein Befinden den Neid früherer
Jahre völlig ausschließen. — Seit 14 Tagen bin ich in
Wilhelmsthal, wo ich diesmal die Zimmer im Haupt-
gebäude^) bewohne, die mir sehr gefallen. Wie gern
hätte ich Sie hier bei mir, um mit Ihnen die Vorschläge
zu besprechen, die Sie für einige Stellen des Parkes gemacht
haben. — Bitte, berichten Sie bald weiter über Ihre Ent-
deckungen.
No. 12. Fürstenbergr au den Landgrafen.
Sahsbury, 30. VI. 56.
Den zu meiner Division gehörigen Truppen E. H. D.
geht es gut. Mit Strenge habe ich auf ein gutes Ein-
vernehmen zwischen Soldaten und Bevölkerung gehalten.
Unsere täglichen Exerzier Übungen tragen gute Früchte.
Bei den Gefechtsübungen unserer Artillerie und Infanterie
haben wir stets tausende von Zuschauern, die ich möglichst
zuvorkommend behandle. Ich habe mein in vier Ort-
schaften zerstreut liegendes Regiment besichtigt und auf
einem ebenen Felde zusammen gezogen, wo es einen
ganzen Tag tüchtig im Feuer exerzieren mußte und wo
ebenfalls viele Neugierige zuschauten, bis der Abend ein
Ende machte. Ich werde diese Übungen öfters wiederholen.
^) Sowohl die beiden Flügel, als auch die untersten und obersten
Zimmer des Hauptgebäudes hat Wilhelm VIII. ausgebaut. Das erste
Stockwerk des Schlosses aber ist erst 1767 unter Friedrich II. fertig
geworden.
— 91 —
Gott sei Dank, die Kranken mehren sich nicht und es
bleibt bei Leicht- Kranken. Das Brot ist gut, die meisten
Soldaten haben Betten. Die Schankwirte, die in diesem
Lande allein verpflichtet sind, Soldaten in*s Quartier zu
nehmen, leiden zwar sehr unter der Länge und Stärke
der Einquartierung, zumal sie Feuer, Dünnbier, Salz und
Essig liefern müssen. Noch immer ist die Zeit, wann wir
in's La:ger rücken, nicht fest gesetzt. Inzwischen setzen
wir Bekleidung und Ausrüstung in Stand, daß wir uns
im Lager sehen lassen können. Wenn der Winter vor-
über, werden auch die Anzüge gänzlich hinüber sein. Ich
nehme an, daß Graf v. Isenburg bereits über unsere neuen
Gewehre rapportiert hat, die vom Meister Pistor so
mangelhaft geliefert sind.^) Ich möchte vorschlagen, alles
auf das beste ersetzen und ausbessern zu lassen, damit die
Truppen jederzeit ihre Pflicht tun und sich brav schlagen
können. Ich halte darauf, daß die Kompagnien ihre
Handwerker-Rechnungen sofort bezahlen. Das ist durch-
aus notwendig, wenn auch die Vorschüsse, die die Kapitäns
leisten müssen, ihnen sehr lästig fallen.
Ich gestehe, ich hätte ein wenig vorsichtiger sein
und den mit mir im Quartier liegenden Offizieren nichts
sagen sollen von meinen Plänen, aus dem Hause des
Herrn Young das Tizianische Bild und Madame zu ent-
führen. E. H. D. haben in dem gnädigen Briefe vom
14. d. M. vorausgesagt, daß das Beispiel ansteckend
wirkte. Jetzt sind wirklich diese Herren ebenso auf Bilder
versessen wie ich, und wenn ich der Dame einen Besuch
abstatten will, gleich wollen mich alle begleiten!
Seit meinem letzten untertänigen Bericht bin ich ein-
mal in Winchester, dann auch in den Gärten und Park-
anlagen des Mylords Feversham, des Lords Folk-
stone und des Herzogs v. Quinsborough gewesen.
Ich gestatte mir heute die Zeichnung eines chinesischen
Häuschens vorzulegen, das ich im Park des Herzogs sah.
Die Zeichnung läßt erkennen, wie wenig hübsch es im
*) An vielen der den Regimentern beim Ausrücken aus den
hessischen Garnisonen übergebenen neuen Gewehren hatten sich in
England geflickte Kolben und Schäfte, auch mangelhafte Schlösser und
Ladestöcke gezeigt. Auf Grund eines vom Generalleutnant v. Diede
eingeforderten Gutachtens ließ der Landgraf den Gewehr-Fabrikanten
Pistor in Cassel sofort auf das Möllertor bringen. Es zeigte sich aber
in der Folge, daß seine Schuld nicht so groß war, als anfangs ange-
nommen werden mußte.
— 92 —
Vergleich zu denen ist, die sich in Wilhelmsthal ^) befinden.
Die Häuschen stehen auf einer kleinen Anhöhe unweit
eines Baches, der den Park von Quinsborough durchfließt
und über den in einiger Entfernung eine hölzerne Brücke
führt, deren Zeichnung ich ebenfalls beilege. Der chine-
sische Geschmack soll heute in England vorherrschen.
Am Ende des Parks von Mylord Feversham sah
ich in einem Winkel einen Abort, ein Häuschen, dessen
Zeichnung gleichfalls beiliegt. Diese Häuschen sind ganz
einfach gehalten und könnten solche in Wilhelmsthal
vielleicht unweit des Schlosses Aufstellung finden. — Ich
überreiche ferner die Skizze von ein paar Vasen oder
steinernen Urnen, die in dem genannten Park hier und
dort aufgestellt sind und mir sehr gefallen haben.
Zuweilen sieht man in den hiesigen Parks und auf
deren freien Plätzen Statuen von Blei, die mit weißer
Farbe gestrichen sind und vollständig wie Steinfiguren
aussehen. Sie werden in London hergestellt und sollen
von großer Haltbarkeit sein. Ich sah Gruppen von drei
und vier Figuren von mehr als natürlicher Größe und
nach florentinischen Mustern, auch solche in Lebensgröße,
die Gärtnerinnen, Landleute, die Jahreszeiten u. s. w. dar-
stellten, alles in vorzüglicher Ausführung.
Ferner bemerkte ich in den Häusern Decken Ver-
zierungen, die man für Stuck hält, während sie in Wirk-
lichkeit von gepreßtem Papier hergestellt sind. Die Muster
sind leicht und gefällig. Man bekommt sie in London in
allen Größen, je nach der Ausdehnung der Zimmer, in
denen man sie anbringen will. Sie sollen sehr dauerhaft
sein und man kann jedes gewünschte Muster bekommen.
Ich sah einen Salon mit kuppeiförmiger Decke, dessen
Wände wunderbar hellblau gemalt und mit weißen Ver-
zierungen aus solchem Papierstoff versehen waren, was
mir sehr gefallen hat.
No. 13. Der Landgraf au Fürstenberg.
Wilhelmsthal, 21. VII. 56.
Ihren Bericht vom 30. Juni habe ich erst am Montag,
d. 18. d. M. erhalten. Mit Befriedigung vernahm ich, dgiß
in Ihren Quartieren alles ruhig gewesen und ich schreibe
^) Nach Schmincke's Beschreibung von Wilhelmsthal befanden
sich zwei chinesische Häuschen neben einem Teich hinter der" Grotte.
Sie waren überaus künstlich und kostbar gebaut.
— 93 —
dieses Ihrer Sorgfalt zu. Es ist begreiflich, daß die Schank-
wirte anfangen, der vielen Lasten müde zu werden, die
ihnen die lange Einquartierung bringt und besonders aus
diesem Grunde freue ich mich, daß die Regimenter nun
endlich anfangen, das Lager zu beziehen. *) Die Unzuträg-
lichkeiten sind dadurch für jetzt gehoben. Wie aber wird
es später in den Winterquartieren werden, wenn das Korps
in England bleiben muß? Das wird uns noch viele Sorge
bereiten !
Die Zeichnungen, die Ihrem Briefe beilagen, haben
mir sehr gefallen und ich danke Ihnen für die Aufmerk-
samkeit, die Sie allem entgegen tragen, was meinem Ge-
schmack entspricht. Dem Plane wegen des chinesischen
Häuschen bin ich noch nicht näher getreten. Da ich aber
in einigen abgelegenen Ecken noch solche geheimen Ört-
chen errichten muß, werde ich in den Zeichnungen das-
jenige aussuchen, was mir am besten gefällt. Das Häus-
chen in dem Park des Herzogs v. Quinsborou^'h
muß nach meiner Meinung ganz gut aussehen. — Mit den
weiß angestrichenen Blei-Statuen, von denen Sie schreiben,
möchte ich wohl einmal einen Versuch machen. Suchen
Sie mir doch ein paar Kinderfiguren zu verschaffen, und
wenn sie, wie ich annehme, in London gefertigt werden,,
so schreiben Sie an den Geh. Rat Alt, daß er mir welche
kauft und an mich abschickt. ^) Mit den Decken Verzierungen
aus Papierstoff kann ich mich noch nicht einverstanden
erklären ; allerdings muß man so etwas erst selbst gesehen
haben, ehe man darüber urteilen kann.
No. 14. Ffirstenberg an den Landgrafen.
Winchester, 22. VII. 56.
Am 13. Juli habe ich Sulisbury verlassen und bin
mit meiner Division hierher in's Lager marschiert. Wir
sind vollzählig und in guter Verfassung hier angekommen,.
abgesehen von einigen teils krepierten, teils lahmen Ar-
tilleriepferden. Unsere sämtlichen Pferde leiden immer
noch schwer an den Folgen der Seefahrt. — Es gibt hier
viel zu tun. Schon um vier oder fünf Uhr bin ich zu
Pferde, aber ich bin noch nicht aus dem Lager herausge-
*) Die Meldung von dem Einrücken der hessischen Truppen in
das Sommerlager war dem Landgrafen durch den Grafen von Isen-
burg zugegangen.
.«) S. Brief No. 30.
- 94 —
kommen. Die Zahl der Kranken des ganzen Korps ist
nicht groß, man sorgt für sie auf's beste, ebenso für die
Beschaffung der Lebensmittel für das Korps. Ich selbst
kann ja dabei nur wenig tun und sage mir: cedo majori.
Die Truppen E. H. D. exerzieren täglich. — Das Lager
ist gut ausgesucht und bequem und die Regimenter liegen
sehr geräumig. — Nun werde ich daran gehen, etwas
weitere Ritte zu machen, um die Wege kennen zu lernen.
Es wäre das noch nicht so notwendig, weil man ra. W.
noch keinen Verteidigungsplan aufgestellt hat. Und das
scheint dafür zu sprechen, daß wir noch nicht daran zu
denken brauchen, die Franzosen hier zu sehen. — Man
spricht hier viel von der Einnahme des Fort St. Philipp
auf der Insel Minorka und von der Untätigkeit der eng-
lischen Flotte, von der Verwendung der französischen
Armee und der seiner Verbündeten, besonders auch von
den Bewegungen der Armee des Königs v. Preußen.
Man spricht von diesen Dingen, wie man im Lager zu
reden pflegt: mit viel Behagen, aber mit wenig Verstand. —
Die Umgebung von Winchester ist nicht so anmutig
als die von Salisbury. Mich däucht, dort war alles von
der lieblichen Fee verzaubert, die ganze Umgegend durch
ihre Anwesenheit verschönt. Sie hat mir feierlich gelobt,
unser Lager zu besuchen. Könnte sie sich doch ent-
schließen, hierher zu ziehen ! Denn mit den Gesellschaften
dieser Stadt, in die mich Graf Isenburg sehr liebenswürdig
eingeführt hat, kann ich mich noch nicht befreunden.
Mit der gütigen Erlaubnis E. H. D. gestatte ich mir,
in dem Bericht über die Örtlichkeiten, die ich hier zu
sehen bekomme, fortzufahren. Hundertmal täglich bin ich
in Gedanken in Wilhelmsthal und sehe, wie E. H. D.
sich erfreuen an dem mit so viel Sorgfalt und Geschmack
geschaffenen Paradies. Gern möchte ich beitragen zu
der weitern Ausgestaltung der dortigen Herrlichkeiten.
In allen gärtnerischen Anlagen, die ich in diesem
Lande gesehen habe, ist mir das Bestreben aufgefallen,
reiche Abwechselung zu schaffen und die Ränder der
großen Buschpartien, durch welche die Fußwege hindurch-
führen, recht dicht zu machen. Da sieht man die ver-
schiedensten Arten von niedrigen Bäumen : Lorbeerkirschen,
Taxus, Knieholz, wilden Jasmin, Rosen, Geisblatt, niedrige
Lärchen, sogar Dornbüsche, kurz alles, was man nur finden
konnte. Auf die Wege hat man Gras gesät. Man mäht
das Gras häufig und dicht am Boden und walzt es dann;
— 95 —
das gibt den feinsten Rasen. Auch jätet man das Un-
kraut häufig heraus. Doch ist man davon abgekommen,
die Schafe dort weiden zu lassen. — Ich nehme mir die
Freiheit, eine kleine Zeichnung ^) von einem Teil des Parks
von Mylord Folckston beizulegen (No. L). Das Ge-
lände ist hier uneben und seine Gestaltung eine ganz
andere wie bei der Eremitage von Wilhelmsthal.
Aber dennoch könnte man einiges von hier nach dort
übertragen. Hier gibt es schmale Fußwege, die sich
durch solches dichtes und gemischtes Gebüsch, wie eben
beschrieben, hindurchwinden. Daneben aber auch breite
Wege, die am Gatter entlang führen und teilweise fest
genug sind, um darauf fahren zu können. Auch diese
Fahrwege sind mit kurzem Rasen bewachsen. Zu beiden
Seiten, ungefähr noch 2 Schritt von dem Buschwerk ent-
fernt, stehen einzelne Bäumchen, abwechselnd Buchen,
Tannen und Lärchen, wie es grade kommt. Sie scheinen
von selbst dort gewachsen zu sein und sollen die Pyra-
miden ersetzen. Sie sind fünf bis sechs Fuß hoch, in ihren
Formen durchaus unregelmäßig und natürlich, aber sie
stehen in gleichem Abstände. Das Gatter des Parkes ist
an der Südseite, des Schattens wegen, mit einer Reihe
von großblätterigen, ungefähr zehn bis zwölf Fuß hohen
Ahombäumen besetzt, deren Zweige bis auf die Erde hin-
unter gehen. Ich meine, solche Bäume könnten zweck-
mäßig an dem nach dem Brand-Teich^) gelegenen
Saume der Eremitage gepflanzt werden.
In England sieht man sowohl in den Parks wie auch
auf den Feldern kreisförmige Gruppen von Bäumen, deren
Form Skizze II veranschaulicht. Sie stehen auf größeren
Entfernungen von einander und machen einen wohltuenden
Eindruck. Hier stehen einige dreißig Bäume zusammen,
dort kaum die Hälfte; bald stehen sie auf den Höhen,
dann wieder auf den Abhängen. Man findet unter ihnen
hochstämmige und Hage-Buchen, dann wieder Eichen oder
Tannen, je nach dem Boden. Ehe sie sich entwickelt
haben, umgibt man diese Anlagen mit einem Holzzaun,
der oft, wie die Gartenstühle, weiß angestrichen ist. Diese
Baumgruppen beengen die Triften nicht und schaden auch
dem Graswuchs nichts. Wenn die Bäume erst Schatten
werfen, erfreuen sie das Auge. Vielleicht würde sich auch
der Brand^) bei Wilhelmsthal zur Anpflanzung
solcher Baumgruppen eignen.
Siel
Siehe die Anmerkung zum Briefe No. 17.
"•) Brand-Teich und Brand östlich von Wilhelmsthal.
— 96 —
No. 15. Der Landgraf an Fürstenberg.
Kassel, 9. VIII. 56.
Ich glaube wohl, daß die in gleichen Abständen an
die Parkwege gepflanzten Bäumchen recht gut aussehen,
möchte aber doch auch behaupten, daß sie nicht natürlich
genug erscheinen und besonders für eine Eremitage sich
nicht gut eignen, für die ich mehr das Einfache und
Natürliche in den Anpflanzungen vorziehe. — Die auf
den Feldern und Triften stehenden Baumgruppen mögen
wohl dem Mangel an natürlicher Bewachsung abhelfen,
doch glaube ich, daß sie in der Nachbarschaft dichter
Wälder, wie sie z. B. Wilhelmsthal umgeben, über-
flüssig sind. — Um mich Ihren dortigen Freunden er-
kenntlich zu zeigen, werde ich Ihnen die Zeichnung einer
neuen Einrichtung übersenden, die ich am Rande des
Wasserbeckens anbringen lasse, das den Wasserfall
speist, der dem Hauptgebäude in Wilhelmsthal gegen-
überliegt.*) Die Ränder werden hundert Fuß breit; sie
werden mit rings herumführenden Wegen versehen und
mit Sträuchern bepflanzt. Hoff"entlich gefällt Ihnen dieser
Gedanke ebenso wie den dortigen Gartenkünstlern. — Heute
schreibe ich an den Prinzen v. Nassau-Weilburg,
der mich um die Erlaubnis gebeten hat, sich einige Zeit
bei meinen Truppen im Lager von Winchester aufzuhalten.
Ich darf wohl darauf rechnen, daß Sie mit helfen werden,
dem Prinzen den Aufenthalt dort recht angenehm zu
machen.
No. 16. Fttrstenbergr an den Landgrafen.
Winchester, 10. VIII. 56.
Vergeblich hofften wir bis jetzt, daß der König
oder der Herzog von Cumberland^) zu unserer Be-
sichtigung hierher kommen würde. Inzwischen wird weiter
exerziert. Trotz der vielen Neu-Eingestellten führen die
Regimenter die Bewegungen schon mit großer Sicherheit
') Die Anlagen waren beim Tode Wilhelm VIII. noch nicht zu
Stande gekommen, auch 1767 noch nicht fertig. Sie sind später ver-
worfen worden.
*) Herzog Wilhelm von Cumberland war der zweite Sohn des
Königs Georg II. von England. Im Frühjahr 1757 wurde ihm der
Oberbefehl über die in Westfalen aufgestellte Observations-Armee an-
vertraut. Nach der für ihn unglücklichen Schlacht bei Hastenbeck
(26. VII. 57) zog er sich nach der unteren Elbe zurück und schloß
am 8. IX. die verhängnisvolle Konvention von Kloster-Zeven.
— 97 —
aus; wir werden uns auf sie verlassen können. Hoffent-
lich bewilligt man uns genug Pulver, daß wir wöchent-
lich wenigstens einmal im Feuer exerzieren können, damit
die Leute auch im Laden gewandt werden. Unsere Sol-
daten sind durchweg gutwillig. Ich überzeuge mich häufig
an den Kochlöchern von der Verpflegung. Täglich kommen
fremde Zuschauer in großer Zahl in das Lager, vielfach
auch die früheren Quartierwirte unserer Leute. Trotz des
unebenen Geländes ist das Lager gut ausgerichtet und stets
von der größten Sauberkeit. Der Alarmplatz, die Gewehr-
pyramiden, die Offizierzelte — alles ist reinlich und schmuck
und die Manneszucht ist so gut, daß von den Korn- und
Frucht Vorräten, die sich dicht beim Lager befinden, noch
nicht das Geringste entwendet worden ist. Das gefällt
den Engländern!
Graf V. Isenburg läßt in Winchester wöchentlich ein-
mal zwanzig unserer besten Hoboisten öffentlich Musik
machen. Den Einwohnern scheinen besonders die Jäger-
stückchen zu gefallen. Die Zuhörer mehren sich bei jedem
Konzert und später folgt immer ein Ball. — Unser erlauch-
ter Volontär, der Prinz von Nassau-Weilburg, ver-
steht vom Kriegshandwerk mehr als die meisten Prinzen
seines Alters. Er lebt sehr einfach, ist ernst und liebens-
würdig.
Wie sonderbar fängt doch dieser Krieg an! Wir
erfahren hier recht wenig, aber die Kriegspläne scheinen
mir recht verworren zu sein. Die Engländer beschäftigen sich
fast nur mit ihrem Admiral Byng^) und mit ihren
verschiedenen Parteien. In London wird viel aufgehetzt
gegen den Herzog von Newcastle^) und den Ad-
miral Anson. ^) — Sollten die Truppen E. H. D. den
^) John Byng, englischer Admiral, war 1756 mit einer Flotte ab-
geschickt, die Insel Minorka, auf der die Franzosen mit bedeutender
Macht gelandet waren und das Fort St. Philipp belagerten, zu be-
freien. Da er sich hier aus einem Treffen mit der französischen Flotte
ohne Not zurückzog und den ihm erteilten Auftrag unvollzogen ließ,
wurde er nach seiner Rückkehr vor ein Kriegsgericht gestellt, zum
Tode verurteilt und am 14. März 1757 erschossen. (S. Brief No. Ö7.)
*) Herzog Thomas von Newcastle, erster Schatzlord, suchte nach
dem Tode seines jüngeren Bruders, Henry Pelham, 175i! leitender
Minister zu werden, mußte aber infolge seiner Unfähigkeit und An-
maßung, nach vergebUchen Versuchen, ein haltbares Ministerium zu
bilden, 1756 zurücktreten. — Im folgenden Jahre erhielt er sein Amt
zurück. Neben ihm übernahm Pitt das Auswärtige und die eigent-
liche Leitung des Ministeriums.
•) George Lord Anson von Soberton, englischer Admiral und
erster I^ord der Admiralität.
N. F. BD. XXX. 7
nächsten Winter hier verleben, so müßten sie ohne Zweifel
anders einquartiert werden als vor dem Beziehen dieses
Lagers. Die Gastwirte würden sonst wieder fürchterlich
unter der Einquartierung leiden und das würde schlimme
Folgen für die Einquartierten haben. Wir müssten uns
darauf gefaßt machen, daß unsere Leute und die Wirte
sich gegenseitig tot prügelten. In Salesbury habe ich
hierüber viel mit erfahrenen Engländern gesprochen. Wir
waren der Ansicht: 1) die Einquartierung müßte in die
bisher davon noch nicht berührten Ortschaften gelegt
werden; 2) sie müßte auf eine größere Zahl von Ort-
schaften, als früher geschehen, verteilt werden ; 3) auch die
Schankwirte der von Einquartierung verschont bleibenden,
entfernt gelegenen Gegenden müßten zu den Kosten der
Einquartierung mit herangezogen werden, um diejenigen
zu entlasten, die Quartiere und Natural Verpflegung wirk-
lich hergeben müssen. — Das alles müßte durch Parla-
mentsbeschluß geregelt werden, und ich zweifele nicht,
daß die gesetzgebenden Körperschaften die Notwendigkeit
und Zweckmäßigkeit derartiger Maßregeln einsehen würden.
Die andern Bürger können nicht mit herangezogen werden ;
alles ruht ja hier auf den Schankwirten. Aber wenn alle
in dieser Gegend wohnenden Wirte mit herangezogen
werden, wird es dem einzelnen leichter, die Last zu tragen.
Seitdem ich in Winchester bin, habe ich die lieb-
reizende Fee von Salisbury nicht wieder gesehen. Ich
hatte sie gebeten, sich doch einmal das Lager anzu-
sehen. Aber sie ließ mir sagen, sie würde kommen, wenn
ihr Gatte wieder zurückgekehrt sei, der sich sehr freuen
würde, die hessischen Truppen kennen zu lernen.
Die Umgegend von Winchester enthält nichts Be-
merkenswertes. Wo man in den Feldern und an den Wegen
junge Bäumchen findet, sieht man die Stämme von einem
leichten Geflecht umgeben, meist fünf Fuß hoch bei vier
Fuß Durchmesser. Man will sie dadurch vor Vieh und
Wild schützen. Da die Ruten, aus denen dieses Flecht-
werk besteht, sehr schwach sind und alle Arten dünner
Zweige dazu verwendet werden können, so glaube ich,
daß es sehr nützlich wäre, wenn man die neuen Anpflan-
zungen in der Umgegend von Wilhelms thal und in
dessen Wäldern auch mit solchem Schutz versehen würde.
[Fürstenherg fügt diesem Briefe einige Zeichnungen und Er-
klärungen von Windschirmen mit Ruhesitzen bei, deren
versuchsweise Aufstellung in der Eremitage oder im
— 99 —
Kellerholz ^) von Wilhelmsthal er empfiehlt] Im
Garten des General Mordaunt^), der früher Mylord
Petersborough gehörte, gibt es eine große Zahl von
Statuen, meist von weißem Marmor. Früher ganz wunder-
voll, sind sie jetzt durch den Einfluß der Witterung zer-
stört, weil man ihnen im Winter nichts übergezogen hat
(faute d'y avoir mis des robes de chambre pendant Thiver.)
— Heute morgen habe ich an den Geh. Rat Alt ge-
schrieben, daß er ein paar solcher Figuren zur Übersendung
nach Kassel ankaufe, wie ich sie in meinem neulichen Be-
richt beschrieben habe. Ich lasse ihn in die Kiste ein
Stück Deckenverzierung von gepresstem Papierstoff mit
einlegen. Diese Erfindung erscheint mir doch sehr wich-
tig. Sie gestattet, ein Zimmer schnell fertig zu machen
und die ganze Verzierung in einigen Tagen zu vollenden.
Und dann möchte man darauf schwören, es sei die voU-
endeste Stuckarbeit.
No. 17. Der Laudgraf an Fttrstenberg«
Kassel, 26. VIII. 56.
Ich teile Ihre Befürchtungen wegen der großen Un-
annehmlichkeiten, die entstehen werden, wenn die Winter-
quartiere nicht sehr weitläufig angelegt und die Quartier-
wirte nicht auf jede Weise unterstützt werden. In meine
Anweisungen an General v. Diede und Geh. Le-
gations-Rat Alt zur Lösung verschiedener in London
noch schwebender Fragen habe ich auch die der Winter-
quartiere mit aufnehmen lassen für den Fall, daß meine
Truppen noch länger in England bleiben müssen. — Nun
noch besten Dank für die kleinen Zeichnungen, die Sie
mir wieder geschickt haben und die ich sorgfältig auf-
heben Ictsse, um diejenigen, die mir gefallen, verwenden
zu können.^)
Ich erwarte die beiden Probe-Statuen, die A 1 1 kaufen
soll, und ebenso das Stück Deckenverzierung. — Die von
Ihnen beschriebene Schutzhecke, mit der man dort die
jungen Bäume umgibt, schützt gewiß recht gut gegen
Vieh und Wild. Aber bei der großen Zahl solcher jungen
*) Das Kellerholz (Tiergarten) liegt zwischen Wilhelmsthal und
JFürstenwald.
«) S. Brief No. 10.
•) Diese kleinen Zeichnungen scheinen mit der Zeit verloren
gegangen zu sein. Sie befinden sich — mit Ausnahme einer einzigen
Skizze — nicht bei den Akten, auch nicht in der Schloßbibliothek zu
Wilhelmshöhe, noch in der Landesbibliothek zu Kassel.
7*
— 100 —
Bäume in unseren Wäldern würde es eine nicht zu be-
wältigende Arbeit sein, wollte man diesen Schutz überall
anbringen.
No. 18. Fürstenberg an den Landgrafen«
Winchester, 29. VIII. 56 (Sonntag).
Die Übungen halten mich im Lager fest und nur des
Nachmittags finde ich Gelegenheit zu Pferde die Umgegend
zu durchstreifen, zuweilen in Begleitung des Prinzen
von Nassau, der dabei gern die Gegend mit militärischen
Augen betrachtet, ihre Wegsamkeit prüft und wie man
hier fouragieren oder sich verteidigen könnte.
Man hatte mir von einem Landhause erzählt, das
sechs Meilen von hier liegen und sehr sehenswert sein
sollte. Dorthin begab ich mich und erfuhr, daß das Haus
von Eduard III. erbaut ist und daß Heinrich VII. dort
seine Hochzeit gefeiert hat. Aber das macht das alte
gotische Haus nicht schöner, das von einem halben Dutzend
älterer lediger Damen bewohnt wird. Der Park stand
weit unter dem Durchschnitt gewöhnlicher Gärten. Im
Haus fiel mir nur ein alter Ofenschirm und einige Truhen
mit alter Malerei auf, Erbstücke irgend eines reichen Ahnen.
Ich forschte, ob sich die Dämchen wohl davon trennen
würden : sie wollten sich's überlegen ! — Vor einigen Tagen
war ich bei Mylord Portsmouth, 15 Meilen von hier,
einem der liebenswürdigsten Engländer, die ich kennen
gelernt habe. Ich sah bei ihm vortreffliche Bilder, vor
allem einen herrlichen Lucajordano^): Diana steigt
auf einer Wolke zu dem schlafenden Endymion herab.
Mylord erzählte mir, daß er den Maler Carlo Maratti^
auf seinen Reisen kennen gelernt und daß dieser Maler
ihm geraten habe, das eben genannte Bild zu kaufen,
das sehr groß und figurenreich ist und mir von allen
Werken des Meisters am besten gefallen hat. Mylord
hatte noch mehr Bilder italienischer Meister, aber keins
dieser großen Gemälde könnte mich zum Ankauf reizen.
Doch ein anderes erregte meinen Neid: eine Kreide-
zeichnung von RaphaeP), sechs Fuß hoch und vier Fuß
breit mit fünfzehn Figuren: Die Religion bringt die Ab-
götterei in Verwirrung, indem sie ihr die Wunder des
*) Luca Giordano, gen. Fapresto, italienischer Maler, 1682 — 1705.
*) Carlo Maratti oder Maratta, italienischer Maler, 1625—1713.
^) Diese Kreidezeichnung Raphaels ist in den bekannten Ver-
zeichnissen seiner Werke nicht aufgeführt.
— 101 —
Altars enthüllt^ Haltung und Ausdruck jeder einzelnen
Figur ist wunderbar; man wird nicht müde, das Bild zu
betrachten. Mylord sagte mir beiläufig, einer seiner Lands-
leute habe ihm bereits achthundert Guineen für diese
Zeichnung geboten.
Es regnete an jenem Tage in Strömen, so daß ich
nur einmal durch den Garten hindurchgehen konnte. Den
Besuch des Parkes muß ich auf später verschieben.
Mylord Portsmouth ist ein bejahrter Herr und ziemlich
beleibt. So oft er kann, geht er im Garten spazieren; er
liebt das Obst und überall hat er Spaliere und Obstbäume.
Aber in diesem Jahre sind sie, wie überall in England,
ohne Früchte. Mylord gab uns Melonen, die aber bei
weitem nicht an diejenigen heranreichten, die in E. H. D.
Gärten wachsen. Dagegen hatte er Ananasfrüchte, von
denen einzelne wie Citronen und andere wie Orangen
dufteten und deren Pflanzen er unmittelbar aus Amerika
bezogen hat. — Ich lernte auch Mylord's Schwester kennen,
Milady Herbert, die mit der Frau Prinzessin von
Oranien in Kassel gewesen ist. Den mir von E. H. D.
gnädigst in Aussicht gestellten Plan des großen Wasser-
beckens von Wilhelmsthal werde ich Mylord Ports-
mouth vorlegen, der viel Geschmack zu haben scheint.
Aber erst will ich seinen Park durchforschen, der sechs
Meilen im Umfang hat. — Da uns der Regen an jenem
Tage an das Haus fesselte, so blieben wir meist im
Empfangssaal (Salle de compagnie). Eine Art Gallerie von
ansehnlicher Länge und Breite liegt dieser Raum an der
kühlsten Seite des Hauses. Er ist als Bibliothek möbliert.
An der einen Längsseite befinden sich zwei Kamine,
zwischen den Fenstern stehen einige Marmortische und
hier und dort Marmorbüsten und kleine Bronce-Statuen.
An Stelle der Stühle hat man dort Bänke in der Form
kleiner Sofas, die mit einem zitronengelben englischen
Stoff bekleidet sind, den ich nach seinem Glänze für den
feinsten italienischen Damast hielt, der aber ein einfacher
Möbelstoff aus Seide und Baumwolle, sehr dauerhaft und
preiswert ist. — Der Garten hat den Vorteil, daß ein
zienilich breiter Bach hindurchfließt, der auf 200 Schritt
vom Hause einen Wasserfall speist, der aus Duckstein ^)
*) Fürstenberg wendet hier den auch heute noch hier und dort
gebräuchlichen Ausdruck „Duckstein" für „Tuffstein" an. Unter Duck-
stein oder Duchstein verstand man zu jener Zeit übrigens auch ein
beliebtes Weißbier, das in Königslutter (Braunschweig) gebraut wurde.
— 102 —
aufgebaut ist. Dort fand ich bemerkenswert, daß die
steinerne schräge Bahn, von der das Wasser herabstürzt,
kleine Unebenheiten trägt, eine dicht neben der anderen
und höchstens 2 Zoll hoch, wodurch das Wasser beim
Darüberlaufen bewegter und lebhafter aussieht. Über dem
Wasserfall steigt das Gelände ziemlich hoch hinauf; auf
dem höchsten Punkt hat man einen Triumphbogen, auch
aus Duckstein aufgeführt, durch dessen hohen Bogen man
von unten hindurchsehen kann. Es liegt im Geschmack
der Engländer, solche Bögen mit einer Reiterfigur aus
Stein zu krönen, einem Marc Aurel, o. a.
Ich habe auch Mylord Temple, den Erben des
Herrn Cobham und Besitzer des berühmten Hauses
Stow kennen gelernt, der mich für den Oktober sehr
freundlich dorthin eingeladen hat. Er war acht Tage hier
mit seiner Gattin und mit Milady Barkley, einer jungen
reizenden Witwe, Ehrendame bei der Prinzessin von
Wales; außerdem mit zwei hübschen Damen und einigen
jungen Herrn, lauter Bekannten des Prinzen von Weil-
burg, der es sich angelegen sein ließ, ihnen den Aufent-
halt in Winchester so angenehm als möglich zu machen.
Ebenso wenig ließ es der Graf von Isenburg an Auf-
merksamkeit fehlen, so daß diese Herrschaften schließlich
das hessische Lager sehr befriedigt verlassen haben. Sie
waren vom Morgen bis zum Abend draußen ; die Soldaten
haben Opern und Komödien aufgeführt, einen Angriff
gezeigt und verschiedene lustige Spiele. Die Damen und
Herren haben ihre Suppe gekostet. Die Lustigkeit der
Leute schien ihnen viel Spaß zu machen; überall gab es
Musik und natürlich auch Tanz. —
Mit diesen Gästen des Prinzen von Nassau machte
ich eine Wagenfahrt nach Portsmouth'), wobei wir im
Hafen zwei Kriegsschiffe besuchten und dann eine sechs-
stündige Seefahrt nach Southampton machten. Die ganze
Reise dauerte nur 24 Stunden. Man jagt wie toll bei
solchen englischen Vergnügungsfahrten. — Es war auch
eine Miß Beugst bei der Partie, die, wie ich gestehen
muß, mich beinahe die Fee hätte vergessen lassen. —
Immer noch hoffen wir des Besuchs und der Be-
sichtigung des Herrn Herzogs von Cumberland teil-
haftig zu werden. Aber Herr Alt schreibt nichts von
dessen Kommen. Der gesamte Hof scheint durch die
*) Südöstlich von Southampton.
— 103 —
verschiedenen Parteien und durch die Politik in London
festgehalten zu werden.
In den letzten zwei Wochen war es stets kalt und
regnerisch. Es gab einige glücklicherweise ungefährliche
Fälle von Durchfall. Wir können sehr froh sein, daß es
in diesem Jahr hier kein Obst gibt.
Herr v. D i e d e wird nächsten Mittwoch (1. September),
dem Befehl E. H. D. zufolge, nach London und von dort
nachBath^) reisen. Es geht ihm heute ziemlich gut ; wir
wünschen ihm alle aufrichtig baldige Wiederherstellung.
Um in der Übung zu bleiben, fahre ich heute früh
mit dem Prinzen von Nassau nach Blandford^) in
das englische Lager zum Besuch beim General Mordaunt
und beim Herzog von Richmond. Dienstag Abend
werden wir wieder zurück sein.
No. 19. Der Landgrraf an Fttrsteuberg«
Wühelmsthal, 16. IX. 56.
Ihr letzter Brief, den ich am Freitag (11. IX.) erhielt,
war vom 29. August. Sein Inhalt war so anschaulich,
daß ich mich in das Haus und in den Garten Mylords
Portsmouth versetzt glaubte. Aber die Feen kehren
immer wieder in Ihren Berichten und sie scheinen doch
mehr Eindruck auf Sie wie auf mich zu machen, zumal
Sie als verschwiegener Mann ihr Äußeres immer nur zart
andeuten. Ich bin eifrig mit dem Plan der Anlagen
beschäftigt, mit denen der große Teich umgeben werden
soll, der den Wasserfall hinter dem Schloß in Wilhelms-
thal speisen wird. Sobald ich darüber im Klaren bin,
werde ich Ihnen den Plan schicken. — Ich will noch
länger hier draußen bleiben, um die Arbeiten noch zu
Ende zu führen, mit denen ich tüchtig vorwärts gekommen
bin. Das Wetter war bisher prachtvoll. Aber wie lange
wird es dauern, dann kommt die rauhe Jahreszeit, die mich
nötigt, nach Kassel in meine Zimmer mich zurückzuziehen,
in denen ich mich auf trübe Zeiten gefaßt machen muß. —
Nachschrift. Da ich den Stoff der Sofa -Bezüge gern
kennen lernen möchte, den Sie bei Mylord Ports-
mouth gesehen haben, so bitte ich Sie, mir einige Proben
*) Generalleutnant v. Diede litt schon lange an Gicht und hatte
auch in England mehrere Gichtanfälle, weshalb ihm der Landgraf Ur-
laub zum Gebrauch der Bäder in Bath gewährte. Da sich die diplo-
matische Mission v. Diede's in London aber in die Länge zog, konnte
er nicht nach Bath gehen.
■) Blandford, ca. 60 km südwestlich von Winchester.
— 104 —
von schöner Farbe zu übersenden, oder durch Alt schicken
zu lassen. Vielleicht kann ich den Stoff irgendwo ver-
wenden. — Sie wollen bei dem Wasserfall in dem Garten
Mylords bemerkt haben, daß das Wasser infolge der auf
der Bahn angebrachten Vorstände lebhafter aussah. Das
kann möglich sein. Aber wird das Wasserspiel dadurch
nicht beeinträchtigt? Seine Schönheit liegt ja doch eben
in der Gleichmäßigkeit und Ruhe des Falles und das kann
doch m. E. nicht erreicht werden, wenn die Bahn künstlich
gestört wird!
No. 20. Fürstenberg an den Landgrrafen«
Winchester, 16. IX. 56.
Die vortreffliche Haltung unserer Leute ist fortgesetzt
der Gegenstand des Lobes seitens des Hofes und der
Bevölkerung. Hier und da kommt es allerdings vor, daß
einer wegläuft. Dann sitzt ihm aber gleich das Kriegs-
gericht im Nacken! — Seitdem sich der König von
Preußen in Marsch gesetzt hat '), scheint ein entscheidender
Schlag nicht mehr fern zu sein. Viele Engländer be-
haupten, daß es durchaus nicht in dem Bereich der Un-
möglichkeit liege, daß Frankreich nur auf eine günstige
Gelegenheit warte, um den entscheidenden Schlag in England
selbst zu tun. Die Aushebung von fünfzehn neuen eng-
lischen Bataillonen geschieht, wie man sagt, deshalb, damit
England nicht ohne Verteidiger ist, wenn die Umstände es
erfordern, daß gemäß dem Traktat die Truppen E. H. D.
und die Hannoveraner nach Deutschland zurückgesandt
werden müßten. Die Engländer haben große Schwierig-
keit bei der Aushebung. Sie machen sich darauf gefaßt,
daß es mindestens 6—8 Monate dauern wird, bis sie
5 — 6000 Mann zusammen haben, die dann erst noch aus-
gebildet werden müßten. Man läßt schon jetzt" den Wunsch
durchblicken, daß die Hessen doch hier bleiben möchten.
Ja, einige englische Offiziere meinten, es sollten doch einige
hessische Bataillone mit ihnen nach der Insel Minorka
gehen. Jedenfalls glaubt man hier, daß wir während des
Winters in England bleiben. Aber bei den jetzigen zer-
fahrenen Zuständen wird für unsere Unterbringung in
Winterquartieren, die doch vom Parlament ausgehen müßte,
gewiß nichts vorbereitet werden. Ein Wechsel im Mini-
^) König Friedrich II. von Preußen war im August überraschend
in Sachsen eingefallen. Am 10. September hatte er die Sachsen bei
Pirna eingeschlossen.
— 105 —
sterium scheint ja nun endlich bevorzustehen. — Der König
ist im allgemeinen beliebt beim Volk. Aber das schließt
nicht aus, daß auch das Volk viel redet über die Gegen-
sätze in der königlichen Familie und über die Führung
der Staatsgeschäfte im Inlande und in den Kolonien.
Von der Politik kehre ich in das Lager zurück, das
nun der Prinz von Nassau-Weilburg zu unserm großen
Bedauern wieder verlassen hat. Briefe aus Holland scheinen
seine Abreise beschleunigt zn haben. Auf E. H. D.
gnädigsten Befehl, aber auch aus wahrhaftiger Zuneigung
habe ich viel mit dem Prinzen verkehrt und ihn sehr lieb
gewonnen. In Blandford^) empfing ihn der General Mor-
daunt mit großer Auszeichnung ; er stellte ihm sogar eine
ganze Kompagnie mit der Fahne als Ehrenwache, die der
Prinz jedoch höflich ablehnte. Am nächsten Morgen war
das ganze englische Lager in Bewegung. Die Regimenter
kamen später in zwei Kolonnen aus einem zwei Meilen
vom Lager entfernt gelegenen Dorfe heraus, marschierten
diesseits auf und begannen dann zu feuern. Es wurden
dann Bewegungen in Zügen, in Halb- und in ganzen
Bataillonen gezeigt; schließlich wurde wieder zur Linie
aufmarschiert und im Vorgehen das Feuer eröffnet. Sie
feuern langsam aber ohne Unterbrechung, und was mich
besonders überrascht hat, war, daß die Regimenter vor-
züglich gerichtet blieben und nicht auseinander kamen,
obgleich sie in Linie große Strecken zurücklegten. —
Bei unserer Rückfahrt von Bland ford begleitete uns
der Herzogvon Richmond hierher und lud den Prinzen
und mich ein, mit ihm auf seinen Landsitz Good-Wood
bei Chichester^) zu fahren. Der verstorbene Herzog von
Richmond hat diesen Besitz mit großem Geschmack
angelegt; es ist nur schade, daß die Natur ihm dort das
Wasser vorenhalten hat. Der Garten ist sehr groß und
mit vielen Zwischenmauern durchzogen, um recht viele
Spaliere anbringen zu können. Man merkt sofort, daß
der Herzog oft in Holland und ein großer Freund des
Obstes gewesen ist. Der Park ist ganz nach englischem
Stil angelegt. Ich gestatte mir, eine kleine Zeichnung von
einem chinesischen Zelt beizufügen, das ich dort auf einer
kleinen Anhöhe sah und das einen hübschen Eindruck
machte. Die gebogenen Stäbe, die das Dach tragen, sind
ebenso wie die Ballustrade aus Eisen. —
*) S. Brief No. 18, am Schluß.
■) Chichester liegt ca. 60 km südöstlich von Winchester.
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-X. T _ - ^; -; • Ti. :-- . - L,- ^^^ 1 ."ir* Z^ike siod
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r:. ::■'.:■:-. ^■: . ^t-:- :; . -r >_rj:^ — in Schloß
>.-.:.- '. T : t: ::-:-.: .:^:. >. i-: r.«:'. r.jc; .rr seirer Nähe
.:: /-"-:--^-- -::- >1,.:-t rr*:-.^:. -::i lu^ier irden: Seite,
r:r:-=.. -t: .-►r:-^^.:: rrvir.iH:, r.:r .-rrne. n ier ein nach
r -i ^il^vh-rr --'>-'. iTS-:;-^::-^->.rr '•"- i-^ rl::n Arer sie ist
..^•v=r.-: i::^ i.'-::: ^:..-:-::-r^ .: >, rri::: ^-.-f üe n Wilhelms-
"rliil. Zi.T^r: ^:;i-r:ir'.:^t': S-C-TuriiC bild-rc die großen
ir.'x^rji:'^ rjcrr M-L^j'.h-rL::. iie s:«::: ■.v:e Blumengewinde
■*T. -::*= 'X^J.^r. <Z'iCftr.*i^r. ^ä'^en riehen und fem er die
z.±r,lr':y:hhz '7;H:l(zr. K.T'öIlec. die hier und dort in langen
diir:.-:«rr; S'^rj^rc i.T^i'rcracht sind ':.tA Schill oder Binsen
d^r«äC'.-iIeri ^>ll':r:, D*fr verstorbene Herzog war ein tüch-
tiger iioc;Liniker. Ich glaube, es ist kein Baum in Europa,
'ien man niclit auch in seinem Park findet. Außerdem
hat f'.T in der Xähe einer Eremitage ein großes Gelände-
Mtür.k ftij^ens zur Anpflanzung von Bäumen und Sträuchern
aus Xordamr?rika bestimmt, die in England fortkommen
unrl U\i(tr woU.hft er genau Buch geführt hat. — Die eben
genannte I^Tfjmitagfj besteht aus der Vorderwand einer
M (fO(i(lwo(iH-rnrk li^u^ <«• 7 km nortlöBllich von Chichester.
Die ]{Ikm1(j von SpillinHl IiokI JMl km von (loodwood entfernt!
— 107 —
verfallenen Kirche mit einigen gctfscnen 'I'rzi=-.-rr:ie:i vre
behauenem Stein; die Wand äehu iiis. als :c si-? eizäclrr-rn
wollte. Ein mit Stroh gedecktes Ha-.i5ch.ec ~i -rineci b!L:^r-
nen Türmchen ist an die Wand angelehnt ir.iZ sz'tllz ii-r W:h-
nnng des Einsiedlers dar. Inwenfig fsc fs sehr rinfiih.
rechts sieht man das Knsenlager. lir.ks dzs G^z^zzilz. im
Hintergrund einen Tisch, mir anrik^r BnnzeliZipe uni
dahinter die Küche des heiligen Mazn-es. Diii:: n-rr»r-
dem Gebäude liegen Hanf er. grisä^r S-einr. ^-.-r v:n i-^r
verfallenen Kirche ahgescürzi, und daz'w-ls.ih-rn flhrt ein
Stieg nach einer Krypta mit gewühter Il«r:kr. A'ier ii-rse
Katsäcombe enthält nur Gräber v:n Hunier. u=i Vi^elz.
den einstigen Lieblingen der Schl:i>errir..
Xo. 22. Der LjAdcnf aa Flr^ti^KlKrr.
WilhelsLSthi:. i X :r
Ich höre mit Genugtuung v:n i-rm ^'-trr. Rufr. i-
dem meine Truppen immer ncch bei fer ■ri^lis.ihrr. Nirin
stehen. Übrigens will ich hoffen, cs-i -rs r.ur im Siherz
gemeint ist, wenn man von einer Fihn m-ir.-rr Truppen
nach Minorka spricht.' Das würde cer.n zz'Z'r. üt-rr -iis-rrn
Vertrag hinausgehen, und wenn man mir s: et-Ääs zumuien
sollte, würde ich höflich dafür danken. Ab-rr ^/eithe L'r.-
einigkeit und Unzufiriedenheit ist jetzt ir. zirT en^listhen
Nation und welchen üblen Einflui^- hat dies au: die Führ-ng
der Geschäfte! Alles geht sö langsam uni unentschieden
vorwärts, daß mir angst und bange -Ä-iri. Erle Aufregung
wächst, anstatt sich zu vermindern, -aär^rend d:ch festes
und folgerichtiges Handeln grade jetzt >:> r.ttwendig is:. —
Um den Ankauf des achat-grauen Pferdes beneide
ich Sie sehr, denn längst schon suche ich nach einem
solchen Pferde von guter Rasse. Ich wage nicht. Sie zu
bitten, es mir zu überlassen, da ich weiß, wie schwer es
hält, ein gleiches wieder zu finden. Sollten Sie es aber
Jos werden wollen, so bitte ich. mich zu berücksichtigen.
Sie können fordern, was Sie wollen.
No. 23. Ftrstenbersr an den Land^afeu.
Winchester, 5. X. 56.
Leider bin ich noch nicht nach London gekommen.
Der Besuch eines Engländers hielt mich hier fest. Er
') S. Brief No. ao.
— 106 —
Mein Stall hat sich durch einige gute englische Pferde
vermehrt. Ich handle nicht gern. Will man etwas Gutes
haben, muß man schon ein Paar Guineen mehr anlegen.
Ich habe von einer Witwe zufällig ein schönes achat-
graues (entier gris-agathe) Pferd gekauft, sechsjährig und
16 Fäuste hoch. Das Pferd ist von guter Abkunft; der
Vater „Favori" stammt aus dem Bezirk des Herzogs von
Bolton.
No. 21. Für8ten][)erg an den Landgrrafen«
Winchester, 21. IX. 56.
Die beifolgende Zeichnung soll den Saalbau veran-
schaulichen, den der verstorbene Herzog von Richmond
an einem Ende seines Parks auf einer Anhöhe hat er-
richten lassen, von wo aus man ein herrliches Stück Erde
überschaut und in der Ferne die Schiffe sieht, wie sie bei
Spithead^) ein- und auslaufen. Der eigentliche Saal ist
inwendig al fresco in blau gemalt, die Gesimse und Ver-
kleidungen an den Fenstern und die gewölbte Decke sind
prächtig vergoldet. Die Täfelungen sind mit Vögeln und
chinesischen Figuren in chinesischer Tusche bemalt. Das
daneben liegende kleinere Zimmer ist in weiss mit vergol-
deten Verzierungen gehalten. Da der Saalbau vom Schloß
sehr weit entfernt liegt, so hat man dicht in seiner Nähe
im Gebüsch eine Küche erbaut, und auf der andern Seite,
ebenso im Gebüsch versteckt, eine Grotte, zu der ein nach
englischer Art geschlän gelter Weg führt. Aber sie ist
inwendig nicht annähernd so reich wie die zu Wilhelms-
thal. Einen eigenartigen Schmuck bilden die großen
inwendig roten Muscheln, die sich wie Blumengewinde
um die außen stehenden Säulen ziehen und ferner die
zahlreichen weißen Korallen, die hier und dort in langen
dünnen Stäben angebracht sind und Schilf oder Binsen
darstellen sollen. Der verstorbene Herzog war ein tüch-
tiger Botaniker. Ich glaube, es ist kein Baum in Europa,
den man nicht auch in seinem Park findet. Außerdem
hat er in der Nähe einer Eremitage ein großes Gelände-
stück eigens zur Anpflanzung von Bäumen und Sträuchern
aus Nordamerika bestimmt, die in England fortkommen
und über welche er genau Buch geführt hat. — Die eben
genannte Eremitage besteht aus der Vorderwand einer
') Goodwood-Park liegt ca. 7 km nordöstlich von Chichester.
Die Rhede von Spithead liegt 36 km von Goodwood entfernt!
— 107 —
verfallenen Kirche mit einigen gotischen Ornamenten von
behauenem Stein ; die Wand sieht aus, als ob sie einstürzen
wollte. Ein mit Stroh gedecktes Häuschen mit einem hölzer-
nen Türmchen ist an die Wand angelehnt und stellt die Woh-
nung des Einsiedlers dar. Inwendig ist es sehr einfach,
rechts sieht man das Binsenlager, links das Gebetpult, im
Hintergrund einen Tisch mit antiker Bronzelampe und
dahinter die Küche des heiligen Mannes. Dicht neben
dem Gebäude liegen Haufen grosser Steine, wie von der
verfallenen Kirche abgestürzt, und dazwischen führt ein
Stieg nach einer Krypta mit gewölbter Decke. Aber diese
Katakombe enthält nur Gräber von Hunden und Vögeln,
den einstigen Lieblingen der Schloßherrin.
No. 22. Der Laudgrraf an Fürstenbergr.
Wilhelmsthal, 4. X. 56.
Ich höre mit Genugtuung von dem guten Rufe, in
dem meine Truppen immer noch bei der englischen Nation
stehen. Übrigens will ich hoffen, daß es nur im Scherz
gemeint ist, wenn man von einer Fahrt meiner Truppen
nach Minorka spricht.^) Das würde denn doch über unsern
Vertrag hinausgehen, und wenn man mir so etwas zumuten
sollte, würde ich höflich dafür danken ! Aber welche Un-
einigkeit und Unzufriedenheit ist jetzt in der englischen
Nation und welchen üblen Einfluß hat dies auf die Führung
der Geschäfte! Alles geht so langsam und unentschieden
vorwärts, daß mir angst und bange wird. Die Aufregung
wächst, anstatt sich zu vermindern, während doch festes
und folgerichtiges Handeln grade jetzt so notwendig ist. —
Um den Ankauf des achat-grauen Pferdes beneide
ich Sie sehr, denn längst schon suche ich nach einem
solchen Pferde von guter Rasse. Ich wage nicht, Sie zu
bitten, es mir zu überlassen, da ich weiß, wie schwer es
hält, ein gleiches wieder zu finden. Sollten Sie es aber
los werden wollen, so bitte ich, mich zu berücksichtigen.
Sie können fordern, was Sie wollen.
No. 23. Filrstenbergr an den Landg^rafen«
Winchester, 5. X. 56.
Leider bin ich noch nicht nach London gekommen.
Der Besuch eines Engländers hielt mich hier fest. Er
») S. Brief No. 20.
— 108 —
heißt EUiot und ich kannte ihn schon, als ich noch in
kurpfälzischen Diensten stand. Später ging er als General-
leutnant in holländische Dienste und dann hat er sich in
England verheiratet. Überall hat er seine Verbindungen;
er versteht es, jedem in • die Karten zu sehen (connait
infinement le dessous des cartes). Ich werde seine Be-
kanntschaft weiter pflegen. — Herr v. Die de hat wohl
schon über die Winterquartiere berichtet, in die man uns
legen will? Ich hörte, die Truppen E. H. D. sollten in
demselben Bezirk wieder untergebracht werden, in dem
sie nach der Ausschiffung in Kantonnements lagen. Doch
sollen ihnen für den Winter mehr Ortschaften angewiesen
werden.
Wenn Herr Graf von Isenburg erst erfahren hat,
um welche Ortschaften es sich handelt, wird er sie schon
so verteilen, daß Niemand zu kurz kommt. — Wir hatten
schon die Hoffnung aufgegeben, besichtigt zu werden,
erfahren aber, daß S. K. H. der Herzog von Cumber-
land nun doch im Laufe der nächsten Woche zu uns
kommen wird.^) Er wird gewiß mit den Regimentern
zufrieden sein und ich wünschte nur, daß sie sich jetzt
ihrem gnädigsten Landesfürsten wieder einmal zeigen
dürften. Könnten doch E. H. D. dieses herrliche Land sehen!
Gleich nach der Besichtigung durch den Herzog will
ich nach London reisen. Wie ich hörte, hat Herr Alt die
Absendung der Blei-Statuen wieder aufgeschoben. Ich
werde nun bei dem Einpacken helfen und ein Stück Decken-
verzierung von Papierstoff, einige Proben von Möbel-
Damas^y den Stich des großen Van Dick aus Mylord
Pembrock's Gallerie, den Katalog der Sammlungen in
Schloß Wilton und endlich einige Proben von Papier-
Tapeten beilegen, die hier besser und gefälliger hergestellt
werden als bei uns. Hier gibt es Tapeten mit indischen
und chinesischen Mustern, Nachahmungen von Brokatstoff
und besondere für die Treppenhäuser, die Elle zu 6 — 12
Pence. In besseren Häusern fand ich die Wände mit
Papierstoff bekleidet, der die indischen und italienischen
Überzüge der Betten und Sessel so täuschend nachahmt,
daß man nur durch das Gefühl erkennen kann, daß man
Papier vor sich hat. — Neulich habe ich hier chinesische
Fasanen gesehen, die herrlichsten Vögel, die man sich denken
kann. Herr Elliot sagte mir, daß man sie in London
*) Der Herzog ist nicht in das hessische Lager gekommen.
— 109 —
kaufen könnte, das Paar zu 10 Guineen. Sollten E. H. D.
solche Vögel zu haben wünschen, so könnte man vielleicht
unter den Reisenden, die zwischen England und Hessen
verkehren, einen zuverlässigen auswählen, der sie im Käfig
nach Kassel brächte.
In der Nähe von London soll es auch Leute geben,
die alle Arten von amerikanischen Sträuchern und Bäumen
ziehen und Handel damit treiben. Ich werde mir einen
Katalog besorgen und ihn E. H. D. überreichen. — Mit
aufrichtigem Bedauern sehe ich die Jahreszeit herankommen,
die E. H. D. den Aufenthalt in dem herrlichen Wilhelms-
thal verleidet und daran knüpfen sich so manche Gedanken
über unsere sonderbare und ungewisse politische Lage.
No. 24. Fürstenberg au den Landgrafen.
Winchester, 14. X. 56.
(Mit Skizzen der Kaskaden und anderer Anlagen aus
dem Park von Mylord Portsmouth.) Letzten Sonntag
brachte ein englischer Offizier den Plan unserer Winter-
quartiere. Sie sollen sich über das Gebiet unserer ersten
Kantonnements-Quartiere erstrecken, abgesehen von Chi-
chester, das die Hannoveraner bekommen sollen,
wogegen wir die Insel Wight erhalten. Der Offizier
ist am Montag ganz früh mit Major v. Gohr^) abgereist,
um die Belegungsfähigkeit der einzelnen. Ortschaften fest-
zustellen, damit eine gleichmäßige Unterbringung der
Truppen stattfinden kann. — Die Verpflichtung, bis zur
Beendigung dieser Feststellungen hier im Lager bleiben
zu müssen, bringt für mich eine neue Verzögerung meiner
Reise nach London. — Seit einigen Tagen spricht man
von der Einschiffung englischer Truppen, deren Endziel
sorgfältig geheim gehalten wird. Auch in Portsmonth
sollen einige gemietete Transportschiffe liegen. — Der
Sieg des Königs von Preußen 2), von dem die erste
oberflächliche Nachricht gestern zu uns kam, bildet in
dieser merkwürdigen Zeit ein wichtiges Ereignis. Ge-
wöhnlich bringt ja ein erster Sieg weitere Erfolge. Nun
kommt es darauf an, was Frankreich und Rußland tun
wird. In England denkt man jetzt an weiter nichts als
an den Zusammentritt des Parlaments und darüber wird
^) V. Gohr war hessischer General-Quartiermeister im Stabe des
Grafen v. Isenburg.
*) Bei Lowositz am 1. X. 56.
— 110 —
das Nodwendigste vergessen. [Es folgen hier Erklärungen
der mit diesem Briefe übersandten Zeichnungen A, B, C, D,
als deren Verfertiger der General v. Fürsten berg „Herrn
Lepold" ^) nennt. Unten am Rand des Briefes befindet
sich die im landgräflichen Kabinet später angefügte Be-
merkung: Die kleinen Zeichnungen A, B, C und D liegen
in der Mappe: „Baupläne und Gärten*' in der Weißen-
steiner Bibliothek.]
Als ich das achat-graue Pferd kaufte, dachte ich gleich
daran, daß ich damit vielleicht E. H. D. eine kleine Freude
bereiten könnte. Es ist sehr gängig, durchaus nicht scheu
und sehr verständig. Mit der größten Ruhe geht es durch
die Reihen der Soldaten und zwischen andern Pferden
hindurch. E. H. D. wollen nur befehlen, daß es hinüber
gebracht wird. Natürlich gebe ich es zum Einkaufspreis
ab. Allerdings ist jetzt die Jahreszeit schon ziemlich vor-
gerückt und der Winter ist für die Überfahrt nicht ge-
eignet. Wenn also E. H. D. wünschen, daß das Pferd
bis zum Frühjahr hier bleibt, werde ich es auf meine Ge-
fahr hier verpflegen lassen. Ich würde mich glücklich
schätzen, könnte ich noch mehr gute Pferde für E. H. D.
hier kaufen.
No. 25. Der Landg^raf an Fttrstenberg^.
Kassel, 4. XL 56.
Über die am 5. und 14. October gesandten Zeichnungen
habe ich mich sehr gefreut. Wenn ich auch, offen gestanden,
die Originale niemals in Wilhelmsthal verwenden möchte,
so sind sie mir doch als Proben des englischen Geschmacks
sehr wertvoll und belehrend. Ich würde Ihnen also sehr
dankbar sein, wenn Sie mich auch ferner an Ihren Ent-
deckungen teil nehmen lassen wollten. Als ich gestern
nach Wilhelmsthal kam, war die große Kaskade
beinahe schon bis zum Gesims aufgebaut ; sie wird nächsten
Sommer hoffentlich ganz fertig werden. Wenn Sie wieder
zurückgekehrt sind, werde ich sie Ihnen zeigen; sie wird
Ihnen gefallen, ebenso wie das Haus, dessen Erdgeschoß
nun auch vollständig eingerichtet und bewohnbar ist. Auch
der Garten mit seinen Anlagen wird Ihnen gewiß Freude
machen. — Sehr gern nehme ich das Pferd, das Sie. mir
*) Artillerie-Kapitän Leopold, bekannt als Verfertiger vieler Zeich-
nungen und Pläne aus damaliger Zeit, die sich in den Bibliotheken
zu Kassel und Wilhelmshöhe befinden.
— 111 —
überlassen wollen und da Sie so freundlich sein wollen,
es bis zum Frühjahr dort zu behalten, so können Sie bis
dahin vielleicht noch andere Pferde für mich kaufen, die
dann mit jenem zusammen herüber gebracht werden. Ich
muß aber durchaus darauf bestehen, daß das Pferd nicht
auf Ihr Risiko, sondern auf das meinige dort bleibt und
daß ich Ihnen die Kosten seiner Unterhaltung bis zur
Ablieferung in Kassel erstatte. Auch bitte ich um An-
gabe des Kaufpreises, um das Geld anweisen zu können.
Hoflfenllich findet Sie dies Schreiben schon in den Winter-
quartieren. Ich bin neugierig, was in dieser Hinsicht
General v. Diede in London ausgerichtet hat.
No. 26. Fttrstenberg an den Landgrafen.
Im Lager von Winchester, 7. XL 56.
Die Ungewißheit über den Abbruch des Lagers hat
mich der Möglichkeit beraubt, E. H. D. heute irgend etwas
Neues mitzuteilen . Ich weiß, daß Graf von Isenburg
und General v. Diede untertänigst über unsere zukünf-
tigen Winterquartiere und über unsere Einschiffung be-
richtet haben. Einer meiner Freunde, der in London in
guter Fühlung mit den maßgebenden Kreisen steht, schrieb
mir von dort: „Ich bedauere die Lage Ihrer Truppen.
Unsere Schankwirte behaupten, daß unser Einquartierungs-
gesetz sich nur auf die englischen National-Truppen, nicht
aber auf fremde Truppen bezieht. Das macht die Sache
so schwierig! Die Leute haben ganz Recht, aber man
ist auf diese Auslegung gar nicht gefaßt gewesen und
Niemand weiß, was daraus folgen wird. Vielleicht werden
die Hannoveraner jetzt zurückgeschafft, die Hessen
aber auf keinen Fall!"
Unterdessen suchen wir die Arbeiten an den heiz-
baren Erdhöhlen für die Kompagnien zu beschleunigen.
Bis jetzt ertragen die Leute die Unbilden der Witterung
noch ganz gut, noch sind sie guter Laune und hoffen auf
baldigen Abbruch des Lagers. Es herrscht noch gute
Disziplin, aber wir haben infolge des Auftretens der
Krätze mehr Kranke. Die von dieser Seuche Befallenen
werden in das Lazarett gebracht, da ihre sachgemäße Be-
handlung hier im kalten Lager ausgeschlossen ist. Sollten
wir jetzt noch zurückgeschickt werden, so müssen die
Regimenter dafür sorgen, daß alle Mannschaften gutes
Schuhwerk haben und warm gekleidet sind. —
— 112 —
Seit einiger Zeit bemüht sich die Gegenpartei, das Volk
durch geradezu aufrührerische Schriften aufzureizen: 1) Das
gegenwärtige Ministerium muß gestürzt werden, weil es
die schlimmen Erfolge im Mittelländischen Meere und in
Amerika verschuldet hat ; es muß in Anklagezustand ver-
setzt werden wegen zu großer Schlappheit bei den Staats-
Verträgen, die immer nur auf den Schutz der hannover-
schen Lande hinaus laufen. 2) Es muß eine Miliz von
60000 Mann aufgestellt und die fremden Truppen müssen
aus dem Lande wieder heraus geschafft werden !
Was den ersten Punkt betrifft, so glaube ich bestimmt,
daß es Umwälzungen im Ministerium geben wird, wenn
auch der Herzog von Newcastle jüngst erklärt hat, er
würde schon Mittel finden, seine Partei zu stärken. —
Und so schwierig auch die Aushebung einer starken
Miliz ist, so glaube ich doch, daß das nächste Parlament
einen dahin gehenden Antrag zum Beschluß erheben wird,
weil das ganze Volk dafür ist. Nun, in wenigen Tagen
muß es sich ja entscheiden, ob wir hier bleiben oder jetzt
noch eingeschifft werden. Die Schankwirte haben nicht
so ganz unrecht. Das Gesetz, das sie ganz allein mit
Einquartierung belastet, ist zu einer Zeit entstanden, als
in ganz Groß - Britannien nur 18000 Mann standen und
man noch nicht an so große Armeen dachte, noch weniger
an fremde, geliehene Truppen. Das zukünftige Parlament
muß in seinen Beschlüssen auf die gegenwärtigen Ver-
hältnisse Rücksicht nehmen. Inzwischen aber könnte die
Regierung recht gut die so schwer belasteten Schank-
wirte dadurch willfähriger machen, daß zunächst die Ein-
quartierung mehr verteilt wird. Die Engländer fühlen
recht gut, daß wir doch eine Menge Geld, und nicht nur
unseren Sold, hier ausgeben, und daß dies Geld im Lande
bleibt. — Wenn die Baracken für die Mannschaften fertig
sind, hoffe ich endlich nach London gehen zn können,
vielleicht gegen den 15. oder 16. d. M. Ich muß doch
diese große Stadt und ihre Umgebungen auch einmal
sehen und werde mich glücklich schätzen, wenn ich dort
etwas finde, das der Aufmerksamkeit E. H. D. würdig ist.
Heute kann ich nur die unbedeutende Zeichnung eines
Gitters ^) senden, das mir in Höfen und Gärten in hiesiger
Gegend aufgefallen ist.
*) Dies ist die einzige Zeichnung, die sich in den Akten befindet.
(S. Brief No. 17.)
— 113 —
No. 27. Der Landgraf an Fürstenberg.
Kassel, 25. XL 56.
Ihr letztes Schreiben vom 7. d. M. erhielt ich am
letzten Montag (22. XI.). Sie haben ganz recht, wenn Sie
sagen, daß die Lage Meiner Truppen, die man weder zurück-
zuschicken, noch in Winterquartiere zu legen sich entschließen
kann, besorgniserregend ist. Alt und Die de haben die
gemessensten Befehle, auf schleunige Erledigung dieser
Angelegenheit und wenn möglich auf baldige Rücksendung
des Korps zu dringen. Es entspricht ja allerdings weder
dem Vertrage noch der Billigkeit, die Rücksendung un-
mittelbar nach der offiziellen Bekanntmachung auszu-
führen, noch dazu in solcher ungünstigen Jahreszeit.
Aber die Schwierigkeiten, die seit Absendung Meiner
Truppen nach England sich entwickelt haben und besonders
die jetzt in Deutschland herrschenden Verhältnisse lassen
mich wünschen, Meine Regimenter sobald als möglich
wieder bei mir zu sehen. Ich würde viel ruhiger und
zuversichtlicher sein, wenn ich sie zur Hand hätte und
besonders würde ich mich freuen, Sie, mein lieber Fürsten-
berg, hier wieder begrüßen zu können.
No. 28. Fiirstenberg an den Landgrafen.
London, 7. XII. 56.
Bei meiner Ankunft in London am 19. v. M. wurde
ich durch den Empfang des gnädigsten Schreibens vom
5. XL beglückt und nun traf auch das vom 27. XL hier
ein. Bei der großen Zahl der Sehenswürdigkeiten, die
London und seine Umgebung bietet, und in steter Be-
fürchtung, durch den Abbruch des Lagers bald wieder
von hier abgerufen zu werden, habe ich hier alles im
Fluge gesehen, kann nun aber für die letzten Besich-
tigungen doch einige Tage mehr verwenden, als ich dafür
ursprünglich in Aussicht genommen hatte. Ich bitte über
alles, was ich hier gesehen habe, von Winchester aus be-
richten zu dürfen. Heute möchte ich mir nur einige Be-
merkungen über die Truppen E. H. D. und über die gegen-
wärtige Lage des Hofes gestatten.
Als ich das Lager verließ, waren die Hütten für jede
Kompagnie fertig gestellt und die Soldaten hatten sich
Stroh- und Binsenmatten geflochten, um die Fenster gegen
die Kälte zu dichten. Hier angekommen begab ich mich
gleich zu S. K. H. dem Herzog von Cumberland. Nach-
N. F. BD. XXX. 8
— lu-
dern ich ihm gemeldet, wie unregelmäßig im Lager das
Holz und Stroh geliefert würde, befahl er, daß sofort ein
englischer Offizier mit 100 Mann nach Winchester abgehen
sollte, um die Lieferanten und Fuhrleute zu ihrer Pflicht
anzuhalten, und daß sofort die wollenen Decken (die der
Herzog uns schon lange versprochen hatte) in das Lager
geschafft werden sollten. Es ist nun aber auch bitter kalt
geworden. Ohne auf die Frage der Winterquartiere oder
der Einschiffung der Truppen einzugehen, sprach der
Herzog sein aufrichtiges Bedauern aus, daß unsere Truppen
so viel leiden müßten und daß er ernstlich darauf bedacht
wäre, ihre Lage zu verbessern.
Überall, bei Hofe und in der Stadt, ist man empört
darüber, daß den Hessen solch' schreiendes Unrecht ge-
schieht; aber keine Hand regt sich zur Abhülfe! Und
die Ursache dieser Untätigkeit? Um das bisherige Mini-
sterium zu stürzen und um eine eigene Land-Miliz zur
Verteidigung der Küsten aufzustellen, hat man zu dem
Mittel gegriffen , gegen die Verwendung ausländischer
Truppen in England loszuziehen. Schon seit unserer An-
kunft in England hegten die Minister selbst Zweifel, ob
die Wirte gehalten seien, die ausländischen Truppen ebenso
bei sich aufzunehmen, wie sie es hinsichtlich der ein-
heimischen zu tun verpflichtet sind. Ohne aber die Sache
zum Austrag zu bringen, beschloß man, uns in Kantonne-
ments zu legen. Als nun die Quartiere ausgesucht waren,
bewiesen einige Winkel - Advokaten, daß man zu jener
Zeit, als die Einquartierungs- und Service-Gesetze in Eng-
land aufgestellt wurden, hier nur eine kleine Armee gehabt
und an ausländische Truppen durchaus nicht gedacht hätte.
Die Wirte seien in keiner Weise verpflichtet die ihnen
jetzt zugemuteten großen Lasten, die obendrein von nicht
einheimischen Truppen ausgingen, zu tragen.
Bei dem durch das Benehmen des Grafen Kiel-
mannsegg^) gesteigerten Haß der Bevölkerung gegen
die hannoverschen Truppen kam es zunächst in einzelnen
Ortschaften zur Verweigerung der Quartiere. Und der
Hof, jedenfalls innerlich froh, nun einen Grund gefunden
zu haben, die lieben hannoverschen Truppen recht bald
wieder nach Hause schicken und dabei die ganze Schuld
auf das böswillige Volk und auf das neue, aufgedrungene
Ministerium schieben zu können, musste nun versuchen,
*) Generalleutnant Graf v. Kielmannsegg war Höchst-Komman-
dierender der hannoverschen Truppen in England. (12 Bat. Infanterie.)
— 115 —
uns Hessen hier im Lager festzuhalten und . uns dabei
möglichst gegen die Kälte zu schützen. — E. H. D. werden
aus den Berichten des Herrn v. Die de ohne Zweifel ersehen
haben, wie man 8 Bataillone Hannoveraner jetzt in große
Marine-Schuppen untergebracht hat. Die andern 4 Batail-
lone sind nun in ähnlicher Weise unter Dach gekommen.
Die Herrn Hannoveraner haben alles aufgeboten, um
wieder nach Hause zu kommen. Aber erst am 3. d. M.
ist ihre erste Division eingeschifft worden. Für die zweite
Division sind noch keine Schiffe vorhanden und für den Rück-
transport der dritten ist überhaupt noch nichts angeordnet
worden. Der Grund dieser Verzögerung liegt in der
Schwierigkeit, zu jetziger Jahreszeit die nötige Bemannung
für die Transportschiffe anzuwerben.
Bei meiner Ankunft in London erfuhr ich auch, daß
die Herren v. Diede und Alt alles aufgeboten hatten,
-die früheren Minister zu veranlassen, daß die Truppen
E. H. D. entweder in Quartiere gelegt oder sofort nach
Deutschland zurückgeschafft würden. Aber diese Minister
fühlten sich schon so im Wanken, daß sie sich auf nichts
mehr einlassen wollten. Ärgerlich über die Umwälzung
im Ministerium, forderte der König nun die Rücksendung
der Hannoveraner. Der Herzog von Cumberland,
der alle Schuld an unserem Verbleiben im Feldlager
der Gegenpartei zuschob, tat weiter nichts, als einige Ver-
besserungen für die Unterbringung im Lager anzuordnen.
Ein heilloses Durcheinander hat in der Leitung der Staats-
geschäfte Platz gegriffen. Die neuen Minister kamen
langsam einer nach dem andern in Stellung ^), und so
Iconnten sie — so kurz vor der Eröffnung des Parlaments —
^) Das Unglück, das die Engländer bei ihren ersten Unterneli-
mungen in dem Kriege gegen Frankreich erfahren: der Verlust von
Port Mahon auf Minorka, die ungünstigen Ereignisse in Nordamerika
und der für das Nationalgefühl empfindliche Rückzug des Admiral
Byng — hatte die Gemüter und die Erbitterung der Parteien gewaltig
aufgeregt. Dabei traf der Unwille des Volkes das Ministerium New-
castle, welches in dem Prozesse Byng's und in dessen Verteidigung
«ich in einem sehr nachteihgen Lichte gezeigt hatte. Ohne Zweifel
hatte die Unfähigkeit und die Anmaßung Newcastle's neben den gegen
ihn gerichteten Intriguen des Herzogs von Cumberland jene Untätig-
keit und Schlaffheit verschuldet, die in allen Angelegenheiten herrschten.
Unter solchen Umständen erheischte es das Staatswohl, fähige und
beliebte Männer in das Ministerium eintreten zu lassen; beiden For-
derungen aber entsprachen der ältere Pitt und Legge, welche nun-
mehr, im November 1756, ihre neuen Posten einnahmen. Besonders
förderte Pitt mit kräftiger Hand die Interessen der Nation.
8*
— 116 —
unmöglich schon zu einer Verständigung über die Frage
der Verlegung unserer Truppen in Winterquartiere ge-
kommen sein. Wohl ohne Grund hat man sie deshalb
verdächtigt, Gegner dieses Schrittes zu sein. Inzwischen
haben nun unsere Truppen im Lager aushalten müssen
und sie werden von den Engländern, einschließlich der
Wirte, aufrichtig bedauert. — Bald nach meiner Ankunft
hatte ich eine vertrauliche Unterredung mit Mylord
T em ple \) und später habe ich diesem schriftlich und münd-
lich Vorstellungen gemacht, wie ich nicht begreifen konnte,
daß das neue Ministerium den Vorwurf auf sich laden konnte,
ohne jede Notwendigkeit unsere Truppen noch länger im
Solde Groß-Britanniens stehen zu lassen. Er hat nun mit
Herrn Pitt darüber gesprochen, der am letzten Sonnabend,
(4. XII.) sein Amt angetreten hat. Ebenso habe ich My-
lord Barrington 2) zu bewegen versucht, mit dem
Herzog von Devonshire^) und Mylord Holder-
ness*) über unsere Angelegenheit zu sprechen.
Im öffentlichen Verkehr verfehle ich nicht, auf die
vorzügliche Disziplin und die Geduld unserer Truppen
hinzuweisen und durch die Zeitungen und durch Freunde
das harte Geschick der Regimenter hervorheben zu lassen.
Ich glaube bestimmt, daß jetzt, nachdem die Herrn v. Diede
und Alt auf Befehl E. H. D. jene Denkschrift überreicht
haben, nun bald auch Klarheit in die Sache kommen
wird, da das neue Ministerium nun endlich in Tätigkeit
getreten ist. — In den Sitzungen der beiden Häuser des
Parlaments ist bisher nur über die Rückfahrt der Han-
noveraner verhandelt worden; wir sind bisher noch gar
nicht erwähnt. Und wenn wirklich das Parlament beab-
sichtigen sollte, ein neues Einquartierungsgesetz zu be-
raten, so müßten wir doch noch lange im Lager bleiben,
bis alle Förmlichkeiten erledigt, alle Widersprüche besei-
tigt sind. Ich habe mir Mühe gegeben zu beweisen, wie
gut und vorteilhaft, ja wie durchaus notwendig es für den
Staat sei, ein Lager aufzugeben, das solche beträchtlichen
*) Graf Richard Grenville Temple, der Schwager Pitt's, dem er
sich innig anschloß und mit dem gemeinsam er dem Ministerium des
Herzogs von Devonshire 1756—1757 und dann von 1757—1761 dem des.
Herzogs von Newcastle angehörte.
*) Staats-Sekretär des Krieges.
8) William Cavendish, Herzog von Devonshire, hatte 1756 das
Schatzkanzleramt erhalten, trat aber im folgenden Jahre wieder zurück^
*) Lord Holderness war englischer Staatssekretär des Aus-
wärtigen. (S. Seite 73.)
— 117 —
Kosten verursacht, die man doch besser sparen oder besser
für die Wohlfahrt der Soldaten verwenden könnte. —
Nun müssen sich die Minister die Sache überlegen und
Antwort geben!
Ohne Frage haben die Truppen E. H. D. unter der
Kälte schwer gelitten. Jetzt, wo sie Hütten, wollene
Decken und hinreichend Stroh haben und ihnen täglich
sechs Pfund Holz pro Mann geliefert wird, geht es ihnen
besser. Die Krankenzahl nimmt ab, die Lazarette sind in
bester Ordnung und wenn wir erst unter Dach sind, wird
alle Not vergessen sein. Graf von Isenburg wird be-
richtet haben, wie gutartig und gehorsam unsere Leute
geblieben sind. Und wenn wir in Quartiere kommen, sei
es, um dort zu überwintern oder um von dort aus ein-
geschifft zu werden, so wird das gute Einvernehmen mit
den Einwohnern gewiß nicht gestört werden, wenn auch
einige Minister die Rache unserer Soldaten fürchten.
Wie sehr ich auch wünsche, mich E. H. D. zu Füßen
legen zu dürfen, so darf ich doch nicht verschweigen, daß
Mylord Barrington mich hat durchblicken lassen, daß,
abgesehen von der Schwierigkeit der Schiffahrt, man uns
in diesem Winter aus dem Grunde nicht fortziehen lassen
könnte, weil man englische Truppen nach Amerika senden
müßte, wo die Lage nichts weniger als rosig sei. Ausser-
dem ist noch für nichts gesorgt, weder für Schiffe, noch
für den Einschiffungsort, und wie ich die Engländer kenne,
würden die Vorbereitungen viele Wochen in Anspruch
nehmen. Auch müßte man uns ja vor der Einschiffung
erst in Quartiere legen, denn die Truppen würden un-
fehlbar verloren sein, wenn man sie unmittelbar nach dem
Elend eines solchen Lagers in die Schiffe einpacken wollte.
— Je mehr wir uns dem Winter nähern, um so unwahr-
scheinlicher wird unsere Einschiffung, schon wegen des
Eises, Ein längerer Marsch mit der Aussicht auf die Über-
fahrt würde uns nur Krankheiten und Desertion bringen,
und es wäre doch jammerschade, cüese wohl gefügten
Regimenter auf solche Weise zerschmelzen zu sehen.
Ich komme nun zu den Umwälzungen im Ministerium.
Man mag von den jetzt abgetretenen Ministern denken,
wie man will: die Tatsachen legen jetzt die unbegreifliche
Schwäche bloß, mit der sie die verwickelten Geschifte
geführt haben, um die es sich in England handelt. Der
Prinz und die Prinzessin von Wales stehen dem
Hofe genau noch so gegenüber wie vor einem Jahre.
— 118 —
Damals hat der König während seiner Abwesenheit den
Herzog von Cumberland mit der Regentschaft
betraut, denn dieser hat das Ohr des Königs, und auf
seiner Seite stand der Herzog von Newcastle und
Mr. Fox. ^) Seit jener Zeit nun ist die Gegenpartei stets
im Bunde mit dem Hofstaat des Prinzen von Wales.
Wenn der Herzog von Newcastle gewollt hätte,
würde es ihm vor einem Jahre geglückt sein, die ganze
Partei sich zu verbinden, die ihn jetzt verdrängt hat. Aber
eifersüchtig auf den Einfluß dieser Herren, glaubte er mit
Mr. Fox allein auskommen zu können, der heute einen
Posten anstrebt, der weniger hoch als gewinnbringend ist,
wogegen die neuen Minister nichts einzuwenden haben. —
Die Seele des neuen Ministeriums ist Mr. Pitt. Mit
seinen 43 Jahren sieht er sehr gut aus; er besitzt viel
Geist, Beredsamkeit, Festigkeit und den Ehrgeiz, das Beste
zu leisten. Dabei ist er von seltener Uneigennützigkeit.
Mr. Temple (dessen Schwester Mr. Pitt geheiratet hat),
und dessen Brüder, die Herren Grenville (deren amt-
liche Stellungen E. H. D. jedenfalls bekannt sind), sind
durchweg Leute, die sich sehen lassen können, fleißig, un-
eigennützig und gute Redner. Sie sind bei dem Volk und
den bessern Führern beliebt. Obwohl im Hause der Lords
mancher sitzt, der sie nicht leiden kann, nehmen diese
doch die Rücksicht auf den jungen Hof (Prinz von Wales),
sie zu unterstützen. — Seitdem Mr. Pitt im Amt ist,
spricht der König sehr gnädig mit ihm und vielleicht wird
S. M. noch Geschmack an ihm finden, besonders wenn
das neue Ministerium erst Erfolge aufzuweisen hat.
Ehe ich diesen ermüdend langen Brief schließe, nenne
ich, wie mir gnädigst befohlen ist, den Preis für den ganz
Grauen, der nun E. H. D. gehört und für den ich auf's
beste sorgen werde. Es sind 50 Guineen. Ich kann noch
einen Schweißfuchs von herrlicher Farbe dazu geben,
einen siebenjährigen Wallach, ein wirklich schönes Parade-
pferd, für das ich nur 45 Guineen gezahlt habe. — Ich
habe einen Oberst von den englischen Grenadieren zu
Pferd ausfindig gemacht, einen vorzüglichen und zuver-
lässigen Pferdekenner. Durch ihn könnte ich leicht zu
einer schönen Stute kommen, wenn E. H. D. sie gern haben
möchten. Er kann die Roßhändler nicht leiden und weiß
im Lande guten Bescheid.
*) Henry Fox war Staats-Sekretär.
— 119 —
No. 29. Der Landg^raf an Fttrstenber§r«
Kassel, 23. XII. 56.
Ich habe mich ebenso über die eingehende Dar-
Stellung^ der Verhältnisse am englischem Hof, wie über
V die Bemühungen gefreut, denen Sie, lieber Fürstenberg,.
' äch in engster Fühlung mit von Die de und Alt unter-
zogen haben, um Meine Truppen aus ihrer harten und
traurigen Lage zu ziehen. Mir reißt wirklich die Geduld
über die Art und Weise, wie man dort diese Sache hin-
zieht. Ganz England beklagt die Leiden Meiner Truppen,
weil es die Schmach fühlt, die dabei auf die Nation fällt.
Aber niemand will die Hand zur Abhülfe rühren und bis
zum Abgang der letzten Berichte aus London — 10. d. M. —
war im Parlament noch kein bezüglicher Antrag gestellt.
Ich habe jetzt direkt an den König geschrieben und alles
aufgeboten, ihn zu einem Entschluß zu bringen, der unserm
Vertrag und der Billigkeit entspricht. Mit Ungeduld
erwarte ich seine Antwort und ich hoffe ganz bestimmt,
daß ich nun endlich aus meinem Ärger und Meine Truppen
aus ihrer schmälichen Lage heraus kommen werden.
Daß Sie bei allen diesen Bemühungen doch noch
2Jeit finden würden, die Großstadt und ihre Umgebungen
zu durchstöbern, habe ich nicht bezweifelt und ich bin
sehr gespannt auf die Berichte von Ihren Entdeckungen. —
Dankbar nehme ich mit dem ganz Grauen auch den Schweiß-
fuchs an, den Sie mir überlassen wollen. Die 50 und 45
Guineen sollen Ihnen sofort erstattet werden und ebenso
i^erde ich Ihnen sämtliche Unkosten für die Unterhaltung
der Pferde bis zu deren Transport nach Kassel im nächsten
Frühjahr ersetzen. Sehr verbunden würde ich Ihnen sein,
wenn Sie mir noch 1—2 schöne Stuten verschaffen wollten,
die rein und fehlerfrei sind und sich zur Zucht eignen.
Da sie nicht für mich bestimmt sind, brauchen sie nicht
so teuer zu sein. Sehen Sie aber auf recht schöne Farbe.
Ich verlasse mich dabei gänzlich auf Sie und Ihre P>eunde,
auch hinsichtlich des Preises, und Sie haben weiter nichts
zu tun, als mich vom Abschluß des Geschäftes zu benach-
richtigen, damit ich die Bezahlung und später den Trans-
port anordnen kann.
No. 80. Fürsteiiberg au den Landg^rafen.
Winchester, 16. XII. 56.
Sobald ich erfahren, daß die Einquartierungsfrage noch
in diesem Jahre gelöst werden würde, habe ich London
— 120 —
wieder verlassen und bin ins Lager zurückgekehrt. General-
leutnant V. Die de wird bereits Bericht erstattet haben
und ich darf mich auf ihn beziehen. Ich fand hier alle
Zelte mit Stroh eingedeckt, was im Verein mit den ge-
lieferten wollenen Decken sie einigermaßen warm und
wohnlich macht. Holz wird jetzt reichlich geliefert und
der Dienst wird wie gewöhnlich gehandhabt. Die Leute
sind immer noch gutwillig, nirgends sah ich gedrückte
oder unzufriedene Gesichter. In den Lazaretten sind Leute
mit Schnupfenfieber, aber keine Schwerkranken. Die
meisten leiden an Krätze. Ein höherer Militärarzt in
London hatte ein Mittel gegen dies Übel angegeben und
ich hatte es sofort hierher gesandt. Es hat gute Wirkung
gehabt. — Mit besonderem Geschick hat esGrafvonlsen-
burg verstanden, in dieser schweren Zeit Offiziere und
Mannschaften, besonders auch unsere Kranken aufzurichten
und bei guter Stimmung zu erhalten. Das wird überall
dankbar anerkannt.
Meinem Versprechen gemäß gebe ich nun an, was
ich Herrn Alt zur Übersendung nach Kassel übergeben
und was ich in London gesehen habe.
1) Herr Alt schickt über Bremen: Zwei in Blei ge-
gossene Figuren: Frühling und Sommer. Ich habe sie
in halber Grösse ausgesucht, um diese Probesendung nicht
zu schwer zu machen und damit die Figuren leichter auf-
gestellt werden können. Gern hätte ich Kinderfiguren
genommen, aber es waren keine vorrätig. Es gibt solche
Figuren auch in natürlicher Größe und darüber, einzeln
und in Gruppen, in reicher Auswahl, aus dem Altertum
und aus der Gegenwart, die Jahreszeiten, die Elemente,
Komödie, Landleute und andere Figuren, alle recht gut
dargestellt; auch Vasen u. s. w. Es ist ein Vergnügen,
sie in den Magazinen zu betrachten. Die für E. H. D.
bestimmten Figuren sind wie alle andern weiß gestrichen,
damit sie wie von Stein aussehen. Sie kosten das Stück
9 Pfd. Sterling. Ich sah solche, die schon 50 Jahre in
einem Garten gestanden haben und die noch so fest und
gut aussahen, als wären sie eben erst aufgestellt. Auf
meine Frage, wie man es anfange, diese Figuren gegen
Frost und Feuchtigkeit so unempfindlich zu machen, sagte
mir der Kunsthandwerker Cheer in seinem Atelier, daß
man in England die Gipsmodelle, über welche die Blei-
figuren gegossen werden, in einem Stück herstelle, wo-
durch die Gußstücke eine große Haltbarkeit erhielten.
— 121 —
Dagegen würden in Holland derartige Figuren in einzelnen
Teilen gegossen und dann zusammengesetzt, wodurch
sie weniger haltbar und den Witterungseinflüssen zugäng-
licher würden. ^)
2) Herr Alt schickt über Holland das Muster einer
Deckenverzierung aus Papierstoff; ich fügte noch einige
Ornamentstücke und einige Figuren aus demselben StofiF
hinzu, auch einige kleine Nägel, mit denen man die Stücke
mittelst der feinen Spitzen oben an den Decken befestigt.
Alles wird dann gleichmäßig weiß oder mit anderen zarten
Farben übertüncht ü. s. w.
3) In derselben Kiste liegt ein Paket mit den Proben
und dem Preisverzeichnis des Worsteed-Damast für Möbel.
Ich habe ungefähr 1 yard von dem gelben Damast ge-
nommen, damit man das Muster besser sehen kann.
4) Ferner 2 Rollen Proben von Papier-Tapeten, die
eine mit chinesischer, die andere mit englischer Malerei.
Die Preise sind darauf bemerkt ; Ausländer erhalten hierauf
30*^/0 Rabatt, um die Ausfuhr zu begünstigen. Chinesisches
einfarbiges Papier versteht man in England nicht gut her-
zustellen. Man fertigt hier mehr blaues, hellgelbes u. s. w.
und verwendet es in Zimmern mit Konsolen für Porzellan,
oder, um die an den Wänden hängenden Kupferstiche
sich besser abheben zu lassen. Oft macht man davon
ganze Einfassungen um diese Stiche herum. Ich möchte
einigen gelernten Buchbindern unter unsern Soldaten zeigen
lassen, wie man dazu diese Papiere aufeinander klebt, was
man hier mit erstaunlicher Geschicklichkeit und Schnellig-
keit auszuführen versteht.
[5) und 6) Buch mit chinesischen F'iguren und Mo-
delle von Drehstühlen für Gärten.]
7) Einige Zeichnungen voa Mahagoni-Möbel, die unsern
*) Nach Mitteilung des Herrn Schloßkastellan Engelbrecht be-
findet sich im Kellergeschoß des Schlosses zu Wilhelmsthal eine große
Anzahl von Bleifiguren, die sich früher auf der sog. Muschelgrotte
und in den Parkanlagen aufgestellt befanden und die man wieder auf
die Postamente der Grotte zu setzen beabsichtigt. Unter den Figuren
befinden sich 22 Kinderfiguren, darunter verschiedene Gruppen (zu 2
und 3), 4 stehende männliche, 4 sitzende männliche und 10 weibhche
sitzende Figuren. Unter den letzteren stellen einige die Jahres-
zeiten dar.
Auf einem alten Bilde der „Grotte von Wilhelmsthal", gestochen
von W. C. de Mayr, das sich auch in der Beschreibung Wilhelms-
thals von Schmincke (Cassel 1767) befindet, sieht man alle Postamente
in der Gitterumfassung der Grotte mit Figuren besetzt, die, nach
Schmincke's Beschreibung vergoldete Bleifiguren waren.
— 122 —
Kasseler Handwerkern Anregung geben könnten, danach
in anderm Holz zu arbeiten.
8) Ich benutze diese Gelegenheit, um endlich das
Verzeichnis der Sammlungen Mylord Pembrock's in
Wilton und
9) den Kupferstich des berühmten Gemäldes von
Van Dyck, das sich in demselben Schlosse befindet, zu
übersenden.
Nur ganz beiläufig will ich die vielen Nachbildungen
der Raphael'schen Kartons von Hampton Court er-
wähnen, die man ebenso in den Königlichen Schlössern
wie in den englischen Privathäusern findet und die zahl-
reich sind, wie der Sand am Meer, (comme les terres
entre les mains des ecclesiastiques.)
Alle die amerikanischen Baumarten, mit denen man
hier zu Lande die Gärten ziert, sind am besten in dem
Buche von Miller^) beschrieben, das sich, wie Herr Alt
behauptet, auch in E. H. D. Bibhothek befindet. Von
allen diesen Sträuchern erscheinen jetzt in einzelnen
Lieferungen die Abbildungen in natürlichen Farben. Man
kann diese Stiche auch einzeln kaufen, ohne die Beschreibung.
Wenn das ganze Werk fertig erschienen ist, werde ich
mir erlauben, es für E. H. D. anzuschaffen.
In London gibt es zahlreiche Baumschulen. Einer
der Besitzer will gern die Übersendung junger Bäumchen
von 1 Fuß Höhe nach Kassel übernehmen. Ich werde
eine Preisliste E. H. D. vorlegen und ein Freund von mir
wird jederzeit das Gewünschte besorgen, wenn nicht E. H.D.
vielleicht einen Gärtner hierher senden wollen, der zugleich
auch den englischen Geschmack hier sich aneignen könnte.
Oberst Elliot, der die Tochter Mylord Grantham's
geheiratet hat, würde sehr gern den Gärtner zu sich nehmen
und ihn anlernen lassen. Er hat selbst prachtvolle Gärten
bei London und viel Geschmack. — Auf dem Her- und
^) Auf der Landesbibliothek zu Kassel befindet sich das genannte
Werk : „Das englische Gartenbuch oder Philipp Millers u. s. w. Gartner-
Lexicon. Mit verschiedenen Kupfertafeln geziert, nach der fünften
Ausgabe aus dem Englischen in das Deutsche übersetzt von D. G. L.
Huth. Nürnberg 1750, T. I u. II." Das Buch enthält die Bemerkung:
Aus Ihro Hochf. Durchl. Printz George Landgraf zu Hessen Bibliothek.
Prinz Georg war ein Bruder Landgraf Wilhelm VIII. und starb zu
Kassel 1755. Auch das andere, oben erwähnte Werk befindet sich
auf der Landesbibliothek: „Phil. Millers Abbildungen der Pflanzen,
welche in seinem Gärtner-Lexicon vorkommen, nach den von der
Natur genommenen Zeichnungen in Kupfer gestochen und illuminirt.
Aus dem Englischen übersetzt. Nürnberg 1768."
— 123 —
Rückwege bin ich an vielen Gärten vorbei gekommen.
Dabei sah ich bei einem Mr. Hamilton eine einfache
Wasserhebemaschine. (Folgt eine schwer verständliche
Beschreibung derselben.) Vielleicht kennt Herr Waitz^)
diese Maschine schon, deren Prinzip bereits bei Belidor
zu finden sein soll, und vielleicht auch könnte Herr Waitz
beurteilen, ob man sie verwerten könnte, um das Wasser
aus der Umgegend der kleinen Fohlenkoppel bei Wil-
helmsthal in das große Vorratsbecken für die Kaskade
zu schaffen.
Die innigsten Wünche für das Wohlergehen E. H. D.
und für die glückliche Abwehr alles dessen, was Hoch-
dieselben in dieser schweren Zeit bedroht, werden mich
jeden Tag auch im neuen Jahr beseelen und so lange ich
leben werde. Ich wiederhole sie beim Jahreswechsel und
bitte E. H. D. untertänigst, mir auch ferner Hochderen
Huld zu schenken. —
No. 31. Der Landgraf au Fiirstenberg.
Kassel, 30. XII. 56.
Ich danke Ihnen zunächst, mein lieber P'ürstenberg,
für die guten Wünsche zum Neuen Jahr. Ich weiß, daß
sie aus treuem Herzen kommen. In Dankbarkeit und
unveränderter Freundschaft wünsche ich Ihnen von Herzen
Glück für das kommende und viele andere Jahre.
Die Sorge um Meine Truppen hatte mich in eine
Aufregung versetzt, die ich länger nicht hätte ertragen
können. Für ewige Zeiten hat sich die englische Nation
mit Schmach und Schande bedeckt und sie kann nicht
verlangen, daß man ihnen jemals wieder Truppen zu
solcher Verwendung überläßt. — Ich bin nun sehr gespannt,
was man wegen der Rücksendung Meiner Truppen be-
schlossen hat und es wäre mir höchst unlieb, wenn diese
Fragen wieder in's Stocken kämen.
Aber mit Neugierde sehe ich auch der Ankunft der
^) Jacob Sigismund Waitz, geb. 1698 zu Gotha, war 1728 vom
Landgraf Carl von Hessen als Mathematiker in Dienst genommen,
dann Bergrat, Kammerrat und Obersalzgrebe in Allendorf a. d. Werra
geworden. Unter Wilhelm VIII. wurde er 1754 Kammerdirektor, 1757
Staatsminister, unter Friedrich II. 1764 Kammerpräsident. Kaiser
Franz I. erhob ihn unter dem Namen Waitz P'reilierr v. Eschen in
den Reichsfreiherrnstand. 1773 wurde Waitz Preußischer Staats- und
Kriegsminister und starb 1776.
— 124 —
schönen Dinge entgegen, die Sie in London für mich
erstanden haben. Zwar kenne ich ja alles schon aus
Ihren Briefen, aber man muß die Gegenstände selbst ge-
sehen haben, ehe man sich darüber aussprechen kann.
Zunächst meinen besten Dank für diese neuen Beweise
Ihrer Aufmerksamkeit gegen mich. Ich werde Waitz
die Beschreibung des Wasserrades aus dem Park von
Hamilton zugehen lassen; er kann am besten beurteilen,
ob es praktisch und hier verwendbar ist.
No. 32. Fürstenber§^ au den Laudgrrafen.
Winchester, 9. Januar 1757.
E. H. D. werden aus dem Bericht des Grafen von
Isenburg ersehen haben, daß die ihm anvertrauten Regi-
menter am 23. Dezember mit der Räumung des Lagers
begonnen haben, um in die ihnen angewiesenen Quartiere
zu marschieren. Das Einrücken ist ohne große Schwierig-
keiten vor sich gegangen. Die Einwohner, die ebenso
wie der Hof gefürchtet hatten, daß sich hierbei der Groll
unserer Soldaten Luft machen würde, waren erstaunt, daß
sich alles so ruhig und ordentlich vollzog. Zunächst haben
es die Mannschaften ganz gut. Da der Weizen jetzt teuer
ist, wollen die Regimenter sich sog. Hausbackenbrot, das
mehr Kleie enthält, anschaffen. Dies Brot ist gesund und
hält länger vor. Die Zahl der an der Krätze Leidenden
nimmt schon ab. — Die Offiziere sind schlecht untergebracht.
Die Schankwirte wollen sie zwingen, sich für ihr eigenes
Geld bessere Quartiere zu mieten, wie es die englischen
Offiziere immer tun. Auch die Kost der Offiziere ist sehr
mangelhaft und die Wirte suchen sie auf alle Weise mit
der Heizung zu ärgern, ebenso mit dem Gelaß für deren
Knechte und Pferde und mit der Fourage, die wir selbst be-
zahlen müssen. Ich habe den mir befreundeten Obersten
Watson, der bei dem Wechsel in unserer Unterbringung
in Winchester sich aufhielt, darauf aufmerksam gemacht,
daß, wenn auch nach dem Parlamentsbeschluß unsere
Truppen auf demselben Fuß wie die englischen behandelt
werden sollen, man doch berücksichtigen müsse, daß die
englischen Offiziere hier im Lande noch auf dem Friedensfuß
ständen, keine Pferde, wie die unsrigen, zu halten brauchten,
die Bedienung durch Soldaten umsonst hätten und dabei
in steter Verbindung mit Freunden und Verwandten wären
und mit ihrem God-Dam alles erreichen könnten. Dagegen
— 125 —
be&nden sich unsere Offiziere in mobilem Zustande, dürften
bei Verlust ihrer Stellung keinen Soldaten zur persönlichen
Bedienung verwenden, wären im Lande gary: fremd und
in steter Gefehr, Wucherern in die Hände zu fallen, wo-
egren sie kein Gesetz schützte. Und so habe ich es
[r- Watson nahe gelegt, doch bei Sr. K. H. dem
Herzog von Cumberland dahin vorstellig zu werden,
daß fiir die Quartiere unserer Offiziere irgend welche Auf-
besserungen seitens der Regierung geschähen. Das würde
der Billigkeit und Gerechtigkeit entsprechen ! Ob es Erfolg
haben wird?
Die 8 hannoverschen Bataillone, die noch in England
sind, sollten nun auch eingeschifft werden; aber der
starke Frost hat die Abfahrt verhindert. Über unsern
Rücktransport ist noch gar nichts bestimmt. Die für
Amerika bestimmten Truppen -Nachschübe nehmen alles
in Anspruch und erfordern so viele Schiffe, daß man so-
ar ängstlich nach denen ausschaut, welche die erste
ivision der Hannoveraner nach Cuxhaven gebracht
haben. Das wird unsere Rückfahrt außerordentlich ver-
zögeniy abgesehen davon, daß man das Königreich nicht
gern von allen Truppen entblößen wird.
Da das langweilige Winchester^) gar nichts bietet
und ich leider noch nicht die alten chinesischen Lack-
waren erwerben konnte, die mich so sehr anziehen, so
will ich nur erwähnen, daß es den Pferden E. H. D. gut
geht und daß ich Aussicht habe, ein Paar guter Paß-Pferde
zu bekommen, die von schöner Farbe und für die Zucht
geeignet sind. Im Falle des spätem Transportes müßten
die Pferde — entweder über Helvoet ^) oder über Rotter-
dam — wohl unter Aufsicht guter englischer Stallknechte,
wie man sie für solche Zwecke gewöhnlich mietet, bis
zur Übernahme durch die Hofbedienten nach Wilhelms-
thal gebracht werden.
No. 33. Fürstenberg an den Landgrafen.
Winchester, 13. I. 57.
Schriftlich und mündhch versichern mich meine eng-
lischen Freunde, daß sie sich nicht eher trauten uns in's
Gesicht zu sehen, als bis wir aufs beste untergebracht
*) Fürstenberg hatte sein Quartier in Winchester behalten, ebenso
war das hessische Ober-Kommando dort verbheben.
■) Helvoirt bei Hertogenbosch?
— 128 —
Truppen werden geachtet und angestaunt. — Mit den
Offizieren, die anfangs recht schlecht untergebracht waren
und deren Knechte man gegen Quartierbillets nicht auf-
nehmen wollte, ist es nun auch besser geworden. (Fürsten-
berg wiederholt hier den Vergleich zwischen den englischen
und den hessischen Offizieren. S. Brief No. 32.) Wenn
doch nur Herr Alt der englischen Regierung begreiflich
machen könnte, daß unsere Offiziere in Anbetracht dieser
Schwierigkeiten und Lasten eine besondere Zulage er-
halten müßten. Bekommen doch die englischen Offiziere
auch eine Zulage, wenn sie sich mit der Truppe im Aus-
land befinden!
Die Hannoveraner, die nur auf Tauwetter gewartet
haben, um abfahren zu können, werden wohl jetzt bei der
Einschiffung sein. Von der unsrigen schweigt man gänz-
lich und wir fragen auch nicht mehr danach. Der Trans-
port der 10000 Mann nach Amerika soll jeden Tag beginnen,
es sind auch bereits die englischen Regimenter bezeichnet,
die die irländischen ersetzen sollen, die mit nach Amerika
gehen. Das Gerücht, daß auch wir nach Amerika ver-
schickt werden sollten, ist gänzlich verstummt.
Noch hält das neue Ministerium sich nicht für stark
genug, um Entscheidendes zu unternehmen. Im Übrigen
aber merkt man doch den frischen Zug, der in die
Erledigung der Geschäfte gekommen ist. An dem Zu-
standekommen eines Ausgleichs braucht man wohl
nicht mehr zu zweifeln; es kommt nur darauf an, dem
Volke die zu ergreifenden Maßregeln mundgerecht zu
machen. — Ich habe jetzt ein Paar Pracht-Stuten für E. H.D.
in Aussicht.
No. 36. Der Landgraf an Fttrstenberg.
Kassel, 28. II. 57.
Ich w^ar auf dem besten Wege, diese Winterquartiere
als eine neue Quelle des Ungemachs und der Quälerei
für Meine Truppen anzusehen. Ihr Brief hat mich aber
überzeugt, daß nun alles in die Wege geleitet ist. — Ich
hoffe mit dem nächsten Kurier die endgültigen Beschlüsse
des Parlaments über die Rücksendung der Regimenter
zu erhalten, wodurch ein für alle mal dem Ärger, der mit
ihrem Aufenthalt in England verbunden war, ein Ende
gemacht wird. Und sollte später ein ähnlicher Fall wieder
eintreten, so haben wir nun hinreichend gelernt, wie man
sich bei solcher Gelegenheit vorsehen muß.
— 129 —
Wenn die beiden für mich in Aussicht genommenen
Stuten gekauft werden sollten, so könnten Sie diese
Pferde gleichzeitig mit den andern beiden, die Sie mir
abgetreten haben, beim Rücktransport der Truppen herüber
bringen lassen. — Von den aus London gesandten Sachen
ist noch nichts eingetroffen. Das Eis in den Gewässern
wird wohl ihre Ankunft verzögert haben.
No. 37. Fttrsteiibcr^ au den Landgrafen •
Winchester, 6. III. 67.
Das Dunkel, das über dem Zeitpunkt unserer Rück-
reise lag, beginnt sich endlich aufzuhellen. Major von
Gohr und Oberst Watson sind von London zurück ge-
kommen. Der Herzog von Cumberland möchte jetzt
in Rücksicht auf die in Deutschland eingetretenen Ver-
hältnisse und wohl auch auf besondern Wunsch des Königs
unsem Abmarsch beschleunigen. Unsere Artillerie wird
wohl gestern schon in Chatham^) eingetroffen sein und
die ersten Infanterie-Regimenter werden sich übermorgen
dorthin in Marsch setzen, während die übrigen derart
folgen, daß gegen den 24. März alle in der Gegend von
Chatham vereinigt sind. Die Einschiffung soll sofort
beginnen, nachdem die Schiffe, auf denen die Hannoveraner
hinübergebracht sind, wieder zurückgekommen, gereinigt,
für die Pferde hergerichtet und verproviantiert sind. Der
Herr Herzog rechnet bestimmt darauf, daß diese Schiffe
gleich den ersten Tag nach unserer Ankunft bei Chatham
eintreffen werden und daß dann kein Augenblick verloren
geht, um mit unserer Einschiffung beginnen zu können.
Allerdings sind Gegenbefehle nicht ausgeschlossen, denn
auch der Transport der für Amerika bestimmten Truppen ist
wieder verschoben. Oberst Watson meint, die Quartiere
bei Chatham wären derartig, daß wir es dort recht lange
aushalten könnten. Sobald ich auf dem Marsche in die
Nähe von London und in den Bereich meiner dortigen Be-
kannten gekommen bin, werde ich meinen Bericht fortsetzen.
Alle Welt beschäftigt sich jetzt mit der schon so lange
dauernden Untersuchung gegen Mr. Byng^), nachdem
der Kriegsrat sich nicht aus Gnade, sondern nach Pflicht
und Gewissen, für ihn verwendet hat. Mr. Pitt hat daraus
Veranlassung genommen seine Begnadigung zu beantragen.
*) östlich London, an der Mündung der Themse.
•) S. Brief No. 16.
N. F. BD. XXX. 1)
— 132 —
Die englischen Offiziere, die Oberst Watson jeder
unserer Marschkolonnen beigegeben hat, melden, daß bis-
her unterwegs nicht die geringste Unordnung stattgefunden
hat. Hoffentlich wird es so bis zuletzt bleiben. Wenn
nur nicht wieder ein Aufschieben unserer Einschiffung
stattfindet! Denn dann müßte sofort wieder ein Auseinander-
legen unserer Regimenter bei Chat ha m eintreten. — Nun
habe ich auch die zweite Stute für E. H. D. gekauft.
Übermorgen werde ich mich den letzten 4 Regimentern
auf dem Marsch nach Chatham anschließen.
No. 39. Der Landgraf an Fürstenberg. ^)
Kassel, 27. III. 57.
Schon als ich Ihren vorletzten Brief, vom 6. d. M.,
erhielt, glaubte ich, daß meine Antwort darauf Sie nicht
mehr in England antreffen würde. Ich mußte damit also
warten, bis Sie über das Meer herübergekommen waren.
Und da nun auch Ihr letztes Schreiben vom 13. Ihre
baldige Abfahrt in Aussicht stellt, so sende ich Ihnen die
Antwort auf beide Briefe durch den Offizier, den ich nach
Stade schicke, um dem Korps die Geldsorten zu bringen,
die es gleich nach der Ausschiffung nötig hat. — Es freut
mich, daß das gute Verhältnis zwischen Meinen Truppen
und der englischen Bevölkerung sich bis zuletzt erhalten
hat. Die Achtung, die sich die Hessen drüben er-
worben haben, hätte ja eigentlich den Wunsch zeitigen
müssen, sie noch länger drüben zu behalten. Unter den
jetzigen Verhältnissen bin ich aber mit dieser Lösung ganz
zufrieden und nun will ich nur wünschen, daß Meine Truppen
eine recht gute, glückliche Überfahrt haben. Hoffentlich
erfahre ich bald Ihre Ankunft in Stade. Die acht Re-
gimenter sollen zunächst den Schutz Meiner Grafschaft
Schaumburg übernehmen. 2) Lieb wäre es mir, wenn Sie
sich nach dem Eintreffen in Stade recht bald losmachen
und zu mir nach Kassel kommen könnten. Ich möchte
Ihnen gern mündlich danken für alle Aufmerksamkeiten^
die Sie mir während Ihres Aufenthaltes in London bezeigt
haben, und außerdem, mein lieber Fürstenberg, habe ich
^) Diesen Brief erhielt Fürstenberg erst bei der Ankunft in Stade^
am 5. Mai 1757.
■) Hierin sollte sich Landgraf Wilhelm sehr bald getäuscht sehen.
Die Hessen sammelten sich zunächst bei Hameln, von wo aus sie
später nach Bielefeld marschierten.
— 133 —
Ihnen so viel zu sagen . Herzlichsten Dank auch
für Ihre freundlichen Wünsche zu meinem Geburtstag.
No. 4/d. Fürstenberg an den Landgrafen.
Chatham, 2. IV. 57.
Am 19. März bin ich mit den Regimentern Garde,
Grenadiere, Erbprinz und Prinz Isenburg in die hiesigen
Quartiere gekommen, die sich von Staues über Croydon
und Dettford nach Gravesend erstrecken. Ich habe
besonders den Offizieren, die London zunächst liegen, die
größte Aufmerksamkeit anbefohlen, daß sie straffe Disziplin
halten und verhüten, daß die Soldaten in die Stadt laufen,
wo sie doch nur umher bummeln und dem Auswurf
der Bevölkerung beiderlei Geschlechtes in die Hände fallen
würden. Einen Teil der Quartiere habe ich schon be-
sichtigt und dort alles ruhig gefunden. Oberst Watson
will uns aber noch weiter auseinander legen.
Am 27. März bin ich nach London gereist, habe mich
dort bei Hofe verabschiedet und war am 30. wieder hier.
Der König sagte, er brenne darauf, daß wir eingeschifft
würden. Aus innerster Überzeugung konnte ich S. M.
versichern, daß wir von dem gleichen Wunsch beseelt seien.
Seit dem 15. März haben wir heftigen, widrigen Wind.
S. K. H. der Herzog von Cumberland will so bald
als möglich nach dem Kontinent fahren, um das Kommando
der Observations-Armee zu übernehmen. Jedenfalls will
er früher dort eintreffen, als wir. Er hat immer mehr das
Ohr des Königs gewonnen und begünstigt immer noch
auffallend Mr. Fox, der seinerseits alles aufbietet, dem
jetzigen Ministerium entgegen zu arbeiten.^) Obgleich
dieses es offen ausspricht, daß ihm gar nichts daran liegt,
am Ruder zu bleiben, wird es doch durch die Schwierigkeit
*) Pitt, die Seele des neuen Ministeriums, der die von seinen
Vorgängern geschlossenen Verträge, namentlich die Allianzen mit dem
König von Preußen und den anderen deutschen Fürsten, gemißbilligt,
aber doch erneuert hatte, war durchaus gegen die Aufstellung eines
Heeres von englischen und deutschen Truppen in Westfalen gewesen.
Als nun Pitt im November 1756 als Staatssekretär unter Newcastle
die Geschäfte leitete (die vom König sehr erschwert wurden), weigerte
sich der Herzog von Cumberland, das Kommando der Observations-
Armee zu übernehmen, ehe nicht Pitt von seinem Amte entfernt würde.
Dies, ebenso das Abtreten Legge's geschah im April 1757. Aber be-
reits im Juni desselben Jahres war Pitt wieder im Ministerium, ebenso
Newcastle, Legge und Fox. Letzterer hatte nach dem Abtreten Pitt's
vergebens versucht, ein haltbares Ministerium zusammen zu bringen.
— 134 —
gehalten, jetzt Leute zu finden, die es ersetzen könnten.
Unter solchen Verhältnissen kommt der Staatskarren
natürlich nicht vorwärts. (Es folgen Bemerkungen über
Baumschulen und Mahagoni-Möbel, die Fürstenberg in
London gesehen hat.)
Da der nächste Rapport unzweifelhaft den Zeitpunkt
unserer Einschiffung angeben wird, so bitte ich E. H. D.
alleruntertänigst befehlen zu wollen, daß ich die Hofstall-
knechte dort finde, wo wir ausgeschifft werden (jedenfalls
in Stade) oder wo wir in's Quartier kommen. In letzterem
Falle wäre es mir lieb, wenn ein Sachverständiger meine
eigenen Pferde darauf ansehen wollte, ob sich darunter
etwa eine für Beberbeck ^) brauchbare Stute befindet.
No. 41. Färstenberg an den Landgrafen.
Chatham, 25. IV. 57.
Ich habe nicht gewagt, einen neuen Bericht zu senden,
weil ich seit Wochen nichts hätte melden können, als daß
wir noch immer in den Quartieren steckten, uns dort
munter und wohl befänden, aber mit Ungeduld auf die
Abfahrt warteten. Nun sind endlich die so sehnsüchtig
erwarteten Transportschiffe zurückgekommen und sofort
wieder instand gesetzt worden. Nachdem am 22. mit
der Einschiffung der Artillerie begonnen ist, sollen nun
auch die Regimenter an die Reihe kommen. Am 28.
hoffen wir unter Segel gehen zu können und eine kurze,
glückliche Überfahrt zu haben. Und dann soll es rasch
dorthin gehen, wohin der Dienst E. H. D. uns rufen wird.
Anstatt in Sheerneß sollen sich die Schiffe in
Harwich^) sammeln, wo die Bedeckung uns erwartet.
Auch sollen in Abänderung des früher gegebenen Befehls,
die Pferde erst dann in die Schiffe kommen, wenn alle
Mannschaften eingeschifft sind. Das wird uns 2 — 3 Tage
Zeit kosten. Aber ich hoffe, daß dieser am grünen Tisch
ausgeheckte Befehl wieder zurückgenommen wird. —
Unsere Truppen befinden sich in gutem Zustande
und sie werden sich neben den übrigen Truppen der
Observations- Armee sehen lassen können. Diese Armee
wird übrigens alle diejenigen bekehren, die da meinen.
*) Landgräfliches Gestüt im Reinhard swalde bei Kassel.
*) Sheerneß dicht östUch von Chatham, Harwich ca. 80 km
nordöstlich davon entfernt.
— 135 —
die Kavallerie sei überflüssig. ^) Ich für meinen Teil möchte
wohl, daß wir noch mehr von dieser Waffe hätten, und
daß unsere Infanterie mit der Verwendung der Kavallerie
mehr vertraut wäre und ihr den nötigen Rückhalt zu
geben verstände, wodurch jene besser instand gesetzt wird,
erfolgreich drauf los zu gehen.
Eins ist gewiß: E. H. D. Regimenter nehmen beim
Scheiden aus England die Achtung, ja, ich darf wohl
sagen, die Liebe der ganzen Nation mit sich. Obgleich
die letzten Kantonnements-Quartiere sehr eng belegt waren,
sind doch nur verschwindend wenige Zwistigkeiten vor-
gekommen.
Im Londoner Ministerium ist fortgesetzt große Auf-
regung gewesen. Noch vor der Abreise des Herzogs
von Cumberland hatte man die Entlassung Mylord
Templers und Mr. Pitfs durchgesetzt. Aber die Ver-
änderungen sind damit noch nicht abgeschlossen ; es spielen
viele Hofgeschichten mit, von denen ich wohl später einmal
mündlich und ausführlich berichten, darf. Unzweifelhaft
hat Mr. Fox hierbei eine große Rolle gespielt. — Die
Stadt London sucht bei jeder Gelegenheit ihre Verehrung
für Mr. Pitt zu zeigen und in anderen großen Städten
des Königreichs geschieht dasselbe. Dagegen droht man
öffentlich Mr. Fox. Die Gährung ist groß. Mehrfach
schon ist der Posten eines Staatssekretärs ausgeschlagen
worden, weil die Partei Fox, der auch einige Ministersitze
versprochen sind, ebenso von den Anhängern Mr. Pitt^s,
wie von , der Partei New Castle gehaßt wird. Wenn man
nun die Partei Fox nicht fallen läßt, so ist sehr zu fürchten,
daß einerseits die Unruhe im Volke wächst, andererseits
der Kredit abnimmt. Jetzt schon befinden sich die Staats-
geschäfte wieder in einem Zustande der Versumpfung,
der sich mit der kriegerischen Zeit durchaus nicht ver-
trägt. Um aus dieser unerträglichen Lage herauszukommen,
müßte das Wunder geschehen, daß sich die beiden Parteien:
Pitt undNewcastle vertrügen und ein gemeinschaft-
liches Ministerium bildeten, das sich gegenseitig stützte
und das öffentliche Vertrauen wieder herstellte.
Nachschrift. Der törichte Befehl, die Pferde zuletzt
zu verladen, ist glücklicher Weise wieder zurückgenommen.
Die Einschiffung geht gut vorwärts. Vier Regimenter
*) Die Observations-Armee bestand (nach v. Westphalen) aus
46 Bataillonen und 46 Schwadronen.
— 136 —
mit Fahrzeugen und Gepäck, auch die Artillerie, sind
schon an Bord. Ich komme soeben von den Schiffen. —
Die Pferde E. H. D., die munter und in gutem Zustande
sind, will ich morgen oder übermorgen zusammen mit den
meinigen verladen. Ich mache auf demselben Schiff wie
sie die Rückfahrt.
Diese Rückfahrt der hessischen Regimenter ging
keineswegs so schnell und glücklich von statten, wie Fürsten-
berg in dem vorstehenden Brief es gewünscht hatte. Am
1. Mai war die Transport- Flotte bei Harwich vereinigt und
unter dem Schutz mehrerer englischer Kriegsschiffe ging es
in die Nordsee. Am anderen Morgen lag ein dicker Nebel
auf dem Wasser. Durch irrtümliche Auffassung der von
den Kriegsschiffen hierbei abgegebenen Signalschüsse wurde
eine Trennung der Flotte in zwei Gruppen veranlaßt, von
denen die eine nach Norden, die andere nach Südwest
segelte, so daß von den 45 Transportschiffen am 5. Mai
erst 25 in die Elbe einliefen und es 8 Tage dauerte, bis
auch die übrigen, bei denen sich auch Fürstenberg's Schiff
befand, bei Stade eintrafen. Seit Wochen lagen hier schon
Briefe und Befehle des Landgrafen und des Herzogs
von Cumberland, die auf die Befehlshaber der hes-
sischen Truppen warteten.
Graf von Isenburg, dessen schon in England
eingereichtes Abschiedsgesuch von Wilhelm VIII. ge-
nehmigt war, übergab nach der Ausschiffung der Truppen
das Kommando dem Generalleutnant v. Die de, der es
seinerseits bald in die Hände des Prinzen Casimir von
Isenburg legte, von dem es schließlich nach wenigen
Wochen auf den General - Leutnant v. Wutgin au über-
ging, den der Landgraf zum kommandierenden General
der gesamten hessischen Truppen ernannt hatte.
Zur Übernahme der vom General v. Fürstenberg in
England gekauften Pferde hatte der Landgraf den Hof-
Kurschmied Kersting nach Stade gesandt, der sie in
der ersten Woche des Juni glücklich nach Kassel brachte.
In einem Briefe an Fürstenberg aus Kassel vom 9. VI. 57,
gibt der Landgraf seiner hohen Befriedigung über den
Erwerb dieser schönen Pferde und seinem Dank dafür
Ausdruck. Über die Ankunft der aus London abgesandten
Kisten (Brief No. 30) ist dagegen in den in den Kriegs-
akten enthaltenen Briefen nichts zu finden.
— 137 —
Schwere Zeiten brachen jetzt herein über Hessen und
seinen ehrwürdigen Fürsten. Die Hoffnung, daß die Ob-
servations-Armee bereit und im Stande sein würde, die
vom Niederrhein heranrückende französische Armee von
den Grenzen der hessischen Lande abzuhalten, erwies sich
bald als trügerisch. Am Ende des Monat Juni waren die
Franzosen so nahe herangekommen, daß der Landgraf
sich entschließen mußte, sein von fast allen Truppen ent-
blößtes Land zu verlassen. Am 5. Juli reiste Wilhelm
von Kassel nach Hamburg. Am 15. Juli wurde Kassel
von den Truppen des Marschall Richelieu besetzt, und
damit begannen für Hessen Zeiten unerhörter Bedrückung.
Die Briefe Fürstenberg's an den Landgrafen setzen
sich in den Kriegsakten bis zum September 1757 fort.
Der letzte Brief des Landgrafen an seinen Generaladjutanten
kam aus Hamburg am 15. VIIL 57.
In seinen letzten Briefen wiederholt der Landgraf
stets das Verlangen, seinen Generaladjutanten recht bald
bei sich zu sehen, um ihm zu danken. Aber durch die
nun eintretenden kriegerischen Ereignisse, an denen Fürsten-
berg mit Auszeichnung teil nahm, vereitelten den Wunsch
des Fürsten. Es läßt sich aus den Akten nicht feststellen,
ob Fürstenberg Gelegenheit fand den Landgrafen in
Hamburg aufzusuchen, als nach der Konvention von
Kloster-Zeven^) das hessische Korps, zur Untätigkeit
verurteilt, zuerst bei diesem Ort dann bei Bremervörde^)
lag, und als schlief51ich Herzog Ferdinand von Braun-
schweig, der Nachfolger des Herzogs von Cumber-
land im Oberbefehl, die alliierte Armee bei Buxtehude^)
zu neuen Taten zusammenzog. Die Erbprinzessin Maria
von Hessen, die mit ihrem Schwiegervater den Aufent-
halt in Hamburg teilte, erwähnt in ihren gleichzeitigen
Briefen an ihren in Kopenhagen lebenden Sohn Wilhelm
nichts von einem Besuch Fürstenbergs am Hoflager in
Hamburg.
Nach dieser Zeit aber — während des Jahres 1758 —
hat Fürstenberg infolge seiner dienstlichen Verwendung
und wegen der großen Entfernung der alliierten Armee
von dem Aufenthalte des Landgrafen nicht daran denken
können, seinen Herrn zu besuchen, weder in Hamburg,
*) Kloster Zeven liegt ungefähr 56 km südwestlich von Hamburg.
*) Bremervörde 50 km westlich von Hamburg.
^) Buxtehude 22 km südwestlich Hamburg.
~ 138 —
noch in Kassel, wo Wilhelm VIII. vom 6. Mai bis 19. Juli
sich noch der vorübergehenden Räumung der Stadt durch
die Franzosen wieder aufhalten konnte und das er dann
nicht wieder sehen sollte. ^)
Erst in Bremen, wohin Wilhelm VIII. im Juli 1758
sich zurückgezogen hatte, erschien gegen Ende dieses
Jahres der General v. Fürstenberg um, zum großen Er-
staunen des Landgrafen, „aus Gesundheitsrücksichten"
um seinen Abschied zu bitten.
Ob andere Gründe hier mitgewirkt haben, den Gene-
ral zum Austritt aus den hessischen Diensten zu ver-
anlassen, läßt sich aus den Kriegsakten nicht feststellen.
Fürstenberg hat am 10. Oktober 1758 unter dem hannover-
schen General v. Oberg an dem für die alliierten Waffen
unglücklichen und unrühmlichen Gefecht bei Lutterberg
(bei Kassel) teilgenommen. Auf dem Marsche dorthin
hatten sich hessische Soldaten, darunter auch Leute des
Regiments v. Fürstenberg, in dem Schloß des Münster-
schen Oberstleutnant v. Spiegel in Zeppenhagen grobe Aus-
schreitungen und Plünderungen zu Schulden kommen
lasssen, die in hohem Maße den Unwillen des Herzogs
Ferdinand von Braunschweig und des Land-
grafen von Hessen erregten und deren Untersuchung
sich bis in das Frühjahr 1759 hinzog.
Möglicherweise haben diese unangenehmen Ereig-
nisse dazu beigetragen, dem General v. Fürstenberg
den Aufenthalt im alliierten Heere zu verleiden. — Der
erbetene Abschied wurde ihm im Januar 1759 bewilligt.
So viel steht fest, daß die Gesundheit Fürstenberg's
nicht allzusehr erschüttert war. Er ist sehr bald in
kurpfälzische Dienste zurückgetreten und hier bereits am
20. November 1759 zum General-Inspekteur der Infanterie
ernannt worden. ^)
^) Er starb zu Rinteln am 1. Februar 1760.
*j Dem Herrn Oberst z. D. Staudinger vom Königl. Bayerischen
Kriegsarchiv zu München sei an dieser Stelle besonders gedankt für
die Feststellung dieser Tatsache und für die Mitteilung des Wortlautes
des „General-Inspektoren-Patents" für den Freiherrn v. Fürstenberg.
Dentsehe Kaiser nnd Könige in Hessen.
Von
Karl VTenck.
In unseren Tagen gilt es als unerläßlich zur Stärkung
des Gefühls der Zugehörigkeit zum Reich, daß der Kaiser
bisweilen in den Marken im Osten und Westen, in Posen
und im Elsaß, persönlich erscheint. Dagegen haben von
Kaiserfahrten in die Grenzländer des Reichs so manche
Jahrhunderte des Mittelalters nichts zu* erzählen, so wenig
der deutsche Herrscher damals eine feste Residenz hatte.
Seit den Zeiten der Staufer kam das Reichsoberhaupt in
der Regel nicht über Süd- und Westdeutschland hinaus.
Das war für die Geltung des deutschen Königtums im
Norden und Osten entschieden ungünstig, die Bewohner
jener weiten Gebiete, in denen ohnedies eine stärkere
Territorialgewalt das Königtum in Schatten stellte, ent-
behrten jeder unmittelbaren Fühlung mit dem Träger der
Krone.
Aber man weiß ja, daß im Mittelalter die Umzüge
des Königs im Reich, wie die des Fürsten im Lande,
keineswegs durch das Bedürfnis der Repräsentation ver-
anlaßt wurden. Diese Umzüge füllten bekanntlich das Jahr
aus, sie waren nicht bestimmt, monarchische Gesinnung
zu wecken und zu werben, vielmehr ergaben sie sich aus
praktischen Bedürfnissen, aus den Verhältnissen, welche
die für uns selbstverständliche Ordnung der Dinge, eine
feste Residenz des Herrschers, so lange Zeit nicht auf-
kommen ließen. Der unentwickelte Zustand des Verkehrs,
die Unbeweglichkeit der Masse der Regierten, nötigte die
Zentralgewalt, wenn Personen und Dinge an sie heran-
treten sollten, ihnen selbst nachzugehen.
— 140 —
So hat der König im Umherziehen seines Amtes als
höchster Richter gewaltet, er hat ebenso neben den Auf-
gaben der Rechtssprechung Geschäfte der Verwaltung ge-
führt oder ihre Führung beaufsichtigt. Beispielsweise zog
ihn die Erledigung eines Bischofssitzes, eines Abtsstuhls in
diese oder jene Stadt. Ein Akt der Verwaltung war es
auch, daß er für die Ernährung des wandernden königlichen
Hofstaats in angemessenem häufigen Wechsel die Erzeug-
nisse der verschiedenen königlichen Domänen, ihres land-
wirtschaftlichen Betriebes, aufbrauchen ließ. Die schlechten
Verkehrsverhältnisse zwangen dazu, daß der Konsument
zu den Produkten kam. Heute ist es umgekehrt.
Eine andere Pflicht, die doch wesentlich als ein Ver-
gnügen empfunden wurde und als solches allen anderen
voranstand, die Jagd in den königlichen Forsten, war einer
der wichtigsten Hebel für die Beweglichkeit des Hofes.
Das ist neuerdings durch eine gute Einzeluntersuchung
mit allem Fleiß ausgeführt worden. ^)
Wir sind ja, so lückenhaft unser Material ist, in der
Lage, die Könige auf ihren Umzügen zu begleiten. Ver-
hältnismäßig wenig bieten die chronikalischen Quellen,
das beste verdanken wir der Kanzlei, die mit dem König
wanderte und hier und dort die Urkunden ausstellte, deren
Angaben von Zeit und Ort uns gestatten, den wechselnden
Aufenthalten des Herrschers zu folgen. Ich bin der An-
sicht, daß die Itinerarien, welche die moderne Urkunden-
forschung hergestellt hat, noch nicht genügend für historisch-
geographische Aufgaben ausgenutzt wurden. Man hat
wiederholt in den letzten Jahrzehnten die Reihe der Aufent-
halte deutscher Könige und Kaiser an einzelnen Orten fest-
gestellt, den Kolmarern ^), Straßburgern ^) ist in leicht
*) Heinr. Begiebing, Die Jagd im Leben der salischen Kaiser.
Bonn 1905.
*) Karl Albrecht, Besuche deutscher Könige und Kaiser in
Colmar. Leipzig 1878. Festrede. Derselbe, Deutsche Könige und
Kaiser in Colmar (Friedrich IlL, Maximilian I. und Ferdinand I.) nach
gleichzeitigen Aufzeichnungen im Colmarer Stadtarchiv. Progr. des
Lyceums in Colmar für das Schuljahr 1882—83. Colmar 1883. Colmar
hatte einundfünfzig Mal die Ehre deutsche Könige und Kaiser zu be-
herbergen. Ohne Kenntnis dieser Schriften habe ich im Jahre 1883
aus Anlaß eines erhofften Besuchs Kaiser Wilhelm I. in Halle a. S. die
Besuche deutscher Könige in Halle für einen Vortrag im dortigen
Altertumsverein zusammengestellt.
*) Hermann Ludwig, Deutsche Kaiser und Könige in Straß-
burg, Stra' bürg 1889 228 SS. Folio. Ich zähle sechsunddreißig Könige
und Kaiser als Besucher der Stadt, z. B. war Heinrich IIL acht Mal,
Heinrich IV. sieben Mal da.
— 141 —
erkennbarer Absicht vorgeführt worden, wie oft einst der
Glanz des deutschen Königshofes sich in ihrer Stadt nieder-
ließ, auch für die Reichsstadt Nordhausen ist die gleiche
Arbeit getan worden^), fruchtbarer scheint es mir den
Rahmen solcher Untersuchung auf eine Landschaft aus-
zudehnen, um Anhaltspunkte zu gewinnen, welche Be-
deutung sie nach Zahl und Charakter der in ihre Grenzen
fallenden königlichen Aufenthalte für das ganze des deut-
schen Staatslebens in dieser und jener Periode gehabt hat.
Wenn ich nicht irre, werden sich für die Geschichte des
Reichsgutes einerseits, der Straßenzüge andererseits manche
Anregungen aus solchen Erörterungen ergeben.
Für die Zeit der salischen Kaiser hat Begiebing das
interessante Ergebnis festgestellt, daß Konrad II. und
Heinrich III. ihren Lieblingsaufenthalt im Harz hatten,
während Heinrich IV. und Heinrich V. die Rheinlande
namentlich den Mittelrhein auffällig bevorzugt haben. ^) Na-
türlich hat auf diese Abwendung von Sachsen die feindseHge
Stellung, welche die sächsischen Fürsten im Bunde mit
der Kirche gegen das salische Kaisertum einnahmen, durch
welche sie den Herrschern den Aufenthalt in ihrem Lande
verleideten, großen Einfluß geübt. Noch viel seltener
haben sich dann die staufischen Könige in den Macht-
bereich der weifischen Herzöge begeben, im allgemeinen
nur, wenn zwischen den beiden rivalisierenden Häusern
Krieg herrschte ; sonst verschloß sich die erstarkende Terri-
torialgewalt gegen Eingriffe der Krone, und weiterhin
zog sich das Königtum immer mehr auf das Rheinland
und Süddeutschland zurück. Von dieser Verschiebung
ist die Stellung Hessens^) in den Wanderzügen des Reichs-
^)Karl Meyer, Die alten deutschen Könige und Kaiser in
Nordhausen in des Verfassers Festschrift zur 36. Hauptversammlung
des Harzvereins zu Nordhausen am 15.— 17. Juli 1908. Nordh. 1903
S. 5—20. Vergl. auch Th. v. Liebenau, über d. Reichspfalzen in der
Schweiz in Kathol. Schweizer-Blätter Luz. 1901 S. 132—44 und 323—79.
*) In der Literatur über die Unterhaltspflicht gegenüber den Kö-
nigen (s. weiter unten) ist vielfältig hingewiesen auf die Klagen über
die ganz besondere Bedrückung Sachsens durch beständigen Aufent-
halt des Königs, welche Lambert von Hersfeld 1073 und 1074 den
Sachsen in den Mund legt. Schon H. Delbrück, über die Glaubwür-
digkeit Lamberts von Hersfeld, Bonner Diss. 1873 S. 32—33, hat aus-
geführt, daß sie unglaubwürdig sind, weil mit den tatsächlichen Ver-
hältnissen im Widerspruch, vergl. Meyer von Knonau, Jahrbücher des
Deutschen Reichs unter Heinrich IV. und Heinrich V. Bd. II (1894)
S. 858 f. und 864.
') Ich verstehe unter „Hessen" im allgemeinen das ehemahge
— 142 —
Oberhauptes mehr, als man nach seiner gegen Westen und
Süden vorgeschobenen Lage annehmen sollte, beeinflußt
worden. Dies wird verständlich, wenn wir bedenken, daß
Hessen auch in der Blütezeit des Kaisertums von den
Herrschern stets wesentlich als Durchgangsland aufgesucht
worden ist, als ein zentralgelegenes Land, in dem sich
wie heute noch die Straßenzüge von West nach Ost, von
Süd nach Nord kreuzen. Auf dem Wege vom Mittelrhein
nach Sachsen, von Sachsen nach den Mainlanden und nach
Bayern, vom Mittelrhein nach Thüringen und Meißen
mußten oder konnten die Könige durch das hessische
Land ziehen. Um seiner selbst willen aber richteten die
Könige ihren Weg kaum dahin. Hessen war arm an
Reichsgut. Hierher lockten den König nicht große Reichs-
forste, unerschöpfliche Jagdgründe, hier fehlten die reichen
Bodenfrüchte des Rheinlandes.
Ehe wir nun feststellen, an welchen Orten Hessens
die Könige Quartier nahmen, haben wir daran zu erinnern,
wem überhaupt die Pflicht zufiel für den Unterhalt des
Königs und seines Gefolges zu sorgen? Es war bei den
Deutschen wie bei den Nordgermanen alter Brauch ^), daß
dem König, wenn er das Reich durchzog, Aufnahme und
Kurfürstentum, das Land zwischen Main und Weser, ohne mich ängst-
lich an die politischen Grenzen zu binden.
») Waitz, Deutsche Verfassungsgeschichte 8 (1878) S. 227 f.
G. L. vonMaurer, Geschichte der Fronhöfe 3 (1863) S. 882—90.
H. Brunner, Deutsche Rechtsgeschichte II (1892) S. 228 f. Rieh.
Scholz, Beiträge z. Gesch. der Hoheitsrechte des deutschen Königs
z. Zeit der ersten Staufer (1896) S. 117. Auf Grund umfassender For-
schung gibt eine treffliche Zusammenfassung gegen Ende seiner Ab-
handlung „Die Gastung der germanischen Könige" Karl Lehmann,
Abhandlungen zur german., insbes. nordischen Rechtsgeschichte (1888)
S. 90: „Bei den Nordgermanen, wie bei den Deutschen ist der freie
Untertan als solcher zur Gastung verpflichtet; die Gastung beruht
weder auf Vertrag noch auf Hörigkeit. Sie ist der Entgelt für den
Genuß der Gerichtsbarkeit und der sonstigen Wohltaten, welche das
Staatsoberhaupt und dessen Organe gewähren. Diesen Charakter hat
sich in Deutschland die Gastung bis in die Hohenstaufenzeit bewahrt.
Die veränderten Staatsverhältnisse nahmen ihr seit dieser Zeit nicht
de jure, aber de facto die Eigenschaft einer allgemeinen Untertanen-
pflicht, da es Reichsuntertanen im Sinne der Karolingerzeit nicht gibt.
Nur den Reichskirchen und Reichsstädten gegenüber wahrt sich der
König das Recht auf Gastung. Daneben taucht dann ein Gastungs-
recht des Landesherrn und des Gutsherrn in den Territorien und
Gutsbezirken auf. Alle diese Gastungsrechte haben, nach wie vor,
einen öffentlichrechtlichen Charakter. Nach dem königlichen Ga-
stungsrecht eeformt, beruhen sie auf denselben Grundlagen, wie jenes,
auf der Handhabung der Regierung vor allem der Gerichtsbarkeit."
— 143 —
Unterhalt gewährt wurde. Das war ursprünglich eine
allgemeine Untertanenpflicht, die von den Großen tat-
sächlich geübt, von ihnen teilweise in Form von Natural-
bezügen auf ihre Hintersassen abgewälzt wurde. Sie be-
schränkte sich bald soweit, daß die weltlichen Fürsten eine
Verbindlichkeit zur Gewährung von freien Unterhalt und
Unterkunft für den Hof überhaupt nicht mehr anerkannten,
sie haben sich ja früher als die Pfaffenfiirsten den Pflichten
gegen das Reich zu entziehen gewußt, und sie hatten in
unserm Falle um so leichteren Erfolg, als die geistlichen
Fürsten, einzelne mächtige Äbte und vor allem die Bischöfe,
von jeher die Hauptlast des Unterhalts des Hofs getragen
hatten. Das kam einfach daher, daß es vorzugsweise die
großen Bischofssitze daneben einzelne bedeutende Klöster
waren, in denen die Könige eigene Pfalzen hatten — sie
bestanden von Altersher oder waren nach Errichtung des
Bistums erbaut worden. ^) — Dagegen erfolgten die
Städtegründungen weltlicher Fürsten zu spät, im 12. und
13. Jahrhundert, als die Territorien sich schon gegen die
Zentralgewalt abschlössen; da konnte von Anlage einer
königlichen Pfalz in ihren Mauern nicht mehr die Rede
sein. Dagegen gab es natürlich königliche Pfalzen in den
auf Reichsgut gegründeten königlichen Städten, denken
wir beispielsweise an Frankfurt, Ingelheim, Tribur schon
in älterer Zeit, an H agenau und Gelnhausen als Lieblings-
städte Friedrich I. und anderer Staufer. Es gab ferner
königliche Pfalzen auf solchen königlichen Burgen, an
welche sich nicht, wie so oft, Städte angesetzt haben, ich
meine beispielsweise die Boineburg, das Schloß Friedrichs L
Vorzugsweise zwischen den königlichen Pfalzen dieser
dreifachen Art bewegte sich also der König, anders aus-
gedrückt, sein Aufenthalt wechselte zwischen den Städten
und den Burgen des Reichs und den Städten der Bischöfe
und Äbte. Und zwar verlegne er die großen Tage von
längerer Dauer zumeist in die Bischofsstädte, wo er die
Kosten der königlichen Hofhaltung von sich abwälzen
konnte, während wir ihn noch in staufischer Zeit in
den Städten und Burgen, wo er auf die eigenen Hilfs-
quellen angewiesen war, „durchweg mit wenig zahl-
reicher Umgebung finden, nur selten große Tage dort ge-
*) Waitz, Deutsche Verfassungsgeschichte 8 (1878) S. 228, 6«
(1896) S. 308 f., 422 f. G. Matthäi, Die Klosterpolitik Heinrichs II.
Götting. Diss. 1877 S. 37 f.
— 144 —
halten wurden".^) Für die großen Reichsversammlungen
wurden am meisten die volkreichen Städte im Rhein- und
Maingebiet aufgesucht. Orte, welche keine Königspfalzen
umschlossen, haben die Könige nur selten und vorüber-
gehend beehrt. Die Voraussetzung war, daß sie genügendes
Gelaß für den König und sein Gefolge boten. Am meisten
noch treffen wir ihn in einigen großen Klöstern wie Fulda,
Korvey, Reichenau. Je später, je mehr treten für die
großen Reichsversammlungen die Reichsstädte, namentlich
Nürnberg und Frankfurt, in den Vordergrund. Daneben
taucht der Hof auch bisweilen in den Städten oder auf
den Burgen weltlicher Fürsten auf, doch hat dieser Aufent-
halt mit seltenen Ausnahmen wohl immer den Cha-
rakter einer Zusammenkunft*^) des Königs mit dem fürst-
lichen Stadt- oder Burgherrn, und neben der Ehre wird
auch die Last des Unterhalts empfunden.
Wie überall in deutschen Landen, so galt auch in
Hessen der Brauch: die Städte geisthcher Fürsten, könig-
liche Höfe und königliche Burgen boten dem Könige
Herberge und Unterhalt. ^) Aber die alten reichbegüterten
*) J. Ficker, Über die Entstehungszeit des Schwabenspiegels
(Sitzungsber. der philos. bist. Kl. der Wiener Akad. Bd. 77) 1874 S. 28
(820). V. Maurer, Fronhöfe 3, 890.
'^) Rieh. Scholz, Hoheitsrechte S. 117 verweist auf eine Stelle
bei Otto von Freising, Gesta Friderici I. imperatoris II, 47 zum Jahre
1156: Imperator ad Baioriam rediens (vorher auf der Boineburg) dies
pentecostes in quodam Castro Ottonis palatini comitis p r i v a-
tus erat.
^) Den folgenden Zusammenstellungen liegt zu Grunde die Durch-
sicht der J. Fr. Böhmerschen Regesten für die Karolingerzeit,
für die Zeit der sächsischen Kaiser (1 Heft, nur bis 973), desgl. für
die Zeit von 1198—1273, 1273—91, 1246—1313, 1314—47, 1346—1378,
der Regesten G hm eis für die Zeit 1400—1410, Altmanns f. d. Zt.
1410—37, Ghmels 1440—93. Für den Rest der sächsischen Kaiser-
zeit (973—1024) gebrauchte ich die Ausgabe der Kaiserurkunden in
den Monumenta Germaniae (Diplom ata II und III), für die
Zeit der Salier und ersten Staufer (—1190) Stumpfs Reichs-
kanzler, Bd. II Die Kaiserurkunden (1865—83). Dazu zog
ich natürlich die Jahrbücher der deutschen Geschichte
bezw. Giesebrecht's Kaiserzeit (für Heinrich V. und Friedrich I.)
und Monographien wie: Ernst Müller, Itinerar Kaiser Heinrichs III.
(1901), Kilian, Itinerar Kaiser Heinrichs IV. (1886), ferner die Schriften
von Guba und von Wacker (1884 und 1882) über den deutschen
Reichstag in den Jahren 911 — 1125 und unter den Hohenstaufen. Wo
ich in den Anmerkungen nur die Daten gebe, sind die eben aufge-
führten Regesten bezw. Urkundenwerke Quelle. Trotz dieser Beschrän-
kung sind die Anmerkungen dieses Aufsatzes leider sehr angeschwollen.
Der eigenartige Stoff mag es entschuldigen. Zu bedauern ist, daß in
Böhmers Regesten nicht wie von Stumpf S. 625 — 44 ein Verzeichnis
der Ausstellorte gegeben wird.
— 145 —
Abteien Fulda und Hersfeld hatten nicht mit einem
Bischofssitz wetteifernd um die Gunst des Königs zu
ringen. Ihr Dasein war eins der Hindernisse gewesen,
weshalb die Gründung des Apostels Bonifaz in Büraburg-
Fritzlar nicht gediehen war, sondern nach kurzer Zeit sich
herausgestellt hatte, daß Hessen ohne eigenes Bistum
bleiben sollte.
Und doch spielt Fritzlar, auch ohne Bischofssitz,
in der Reihe der königlichen Aufenthaltsorte vom zehnten
bis zwölften Jahrhundert eine erste Rolle. ^) Das hatte
verschiedene Ursachen. Daß der Mainzer Erzbischof hier
die Pflichten des Hausherrn zu üben hatte, war nicht die
letzte. Eine königliche Pfalz ^) bot größeren Fürstenver-
sammlungen Aufnahme. Besondere .Anziehungskraft aber
übte die Lage des Ortes auf fränkischer Erde und zugleich
in unmittelbarer Nachbarschaft Sachsens und Thüringens.
In Fritzlar erfolgte im Mai 919 die Wahl Heinrich 1.
durch Sachsen und Franken und vielleicht auch nachmals
die seines Sohnes Otto. Hier fanden in den Zeiten Hein-
richs IV. und Heinrichs V. immer wieder Fürstenzu-
sammenkünfte mit und ohne das Reichsoberhaupt statt,
die widerstrebenden sächsischen Fürsten sollten von dem
König hier gewonnen werden ^), sie planten hier im Bunde
mit der Kirche Abfall und Empörung. ^) Hier verfiel der
jugendliche König Heinrich IV. im Mai 1066 einer Krank-
heit, die ihn an den Rand des Grabes brachte, hier traf
ihn viele Jahre später, im Dezember 1104, das herzbrechende
Weh, daß sein Sohn Heinrich V. ihn verräterisch verließ,
hier sprach im Juli 1118 über denselben Heinrich V. der
päpstliche Legat im Kreise deutscher Kirchen fürsten den
Bann aus.
*) Ich verzeichne dreizehn Königsaufenthalte in Fritzlar:
943 I, 18. 958 V (V). 958 I, 12 u. 16. 973 VI, 16. 1032 I, 18. 1040 VII
(vergl. E. Müller, Itinerar Heinrichs 111. S. 28). 1045 XII, 7. 1046 VIII, 2.
1066 V (Meyer von Knonau, Jahrbücher Heinrichs IV. Bd. 1, 524).
1074 III, 22. 1085 Fastenzeit (Meyer von Knonau Jahrb. 4, 13). 1104
XI, 30 und XII (ebenda 5, 203 Anm. 14). 1145 VIII, 31.
*) Eine ausdrückliche Nachricht darüber besitzen wir m. W.
nicht, aber alles spricht dafür, und so läLt auch Dümmler, Otto der
Gr. (1876) S. 217 den Kaiser im Jahre 953 „auf der Pfalz zu Fritzlar"
eine Reichsversammlung halten. Vergl. Falckenheiner, Gesch. hess.
Städte und Stifter 1 (1841) S. 64.
») Im Frühjahr 1078, im Februar und Juni 1079, Meyer v. Kno-
nau, Jahrbücher Heinrich IV. Bd. 3, 124 f. 190 f. 210 f.
*) Im Okt. 1115 und Juli 1118 (Synode), Giesebrecht, Kaiserzeit
3, 862 und 903.
N. F. BD. XXX. * 10
— 146 —
An Zahl königlicher Aufenthalte wird Fritzlar in der
Zeit von Heinrich I. bis zur Mitte des 12. Jahrhunderts, nur
um weniges übertreffen von Hersfeld^), das aber schon
in karolingischer Zeit einige Königsbesuche hatte. Beide
teilen das Geschick, von der Mitte des 12. Jahrhunderts ab
völlig aus dem Itinerar der Könige zu verschwinden.
Eben noch hatte Hersfeld unter Konrad III. eine gewisse
Rolle gespielt, es war im Hochsommer 1139 der Sammel-
punkt gewesen, den der König zur Heerfahrt gegen Hein-
rich den Stolzen nach Sachsen angesetzt hatte, - und wieder
berührte Konrad 1144, wahrscheinlich auch 1146 auf dem
Wege nach Sachsen Hersfeld. 1144 vollzog sich in seiner
Gegenwart die Einweihung der neuen Klosterkirche, 1146
starb hier, wohl vom. König krank zurückgelassen, seine
Gemahlin Gertrud. ^) Unwillkürlich werden wir erinnert
an die hohe Bedeutung, welche Hersfeld zur Zeit des
Aufstandes der Sachsen gegen Heinrich IV. in den
Jahren 1073/74 gehabt hatte. Nach der Gegend von Hers-
feld hat Heinrich damals wiederholt Heeresversammlungen
entboten ^), im Kloster hat ihm wenige Tage nach dem
Gerstunger Frieden seine Gattin Berta, die er unter
dem Schutze Abt Hartwigs zurückgelassen hatte, einen
Knaben geboren*), es ist König Konrad, der nachmals
treubrüchig vom Vater verstoßen wurde.
Wenn die Beziehungen der salischen Könige zu
Sachsen sie häufig nach Hersfeld geführt haben, so tritt
in derselben Zeit hinter Fritzlar und Hersfeld fast ein
Jahrhundert langFulda^) ganz zurück. In karolingischer
1) Königsaufenthalte in Hersfeld. 840 IV, 8. 843 X, 31. 918
VI, 24. 937 VI (?) (Reg. 11, 66 a), 975 VIII (?) (Uhlirz, Jahrbücher
Otto's IL 1, 63 Anm. 12). Vielleicht 1034 gegen Ende (Breßlau, Jahr-
bücher Konrads IL 2, 117 Anm). 1040 Vll (E. Müller, Itinerar Hein-
richs III. S. 27 f.) 1062 VII, 13. 1066 VI, 4 (Meyer von Knonau 1, 525).
1071 VII, 30. 1072 XII, 11 (Meyer von Knonau 2, 173). 1073 VIII
(ebenda 2, 255). 1074 1, 27 (ebenda 2, 315). 1087 XII (ebenda 4, 171).
IUI XI, 9. 1136 IV (Bernhardi, Jahrbücher Lothars S. 595). 1139
VII-VIII. 1144 X, 15—17 (Bernhardi, Jahrbücher Konrads IlL 1, 385.
Wahrscheinlich 1146 vor Ostern (ebenda 2, 471).
2) Bernhardi, Jahrbücher Konrads III. Bd. 2, 471 und 488.
^) Meyer von Knonau 2, 255 und 257.
*) Ebenda 2, 327.
ö) Königsaufenthalte in Fulda: 874 IV (Ostern). 880 VII, 23
und 24. 889 VII, 21. 897 gegen Ende des Jahres, zum Gebet. 912 IV, .
12. 920 IV, 3. 922 Frühj., zum Gebet. 975 V, 27. 977 V, 21 (Uhhrz,
Jahrbücher Otto's IL 1, 90). 1020 V, 1 und 3 (Hirsch-Breßlau, Jahr-
bücher Heinrichs IL 3, 163 f., auch Benedikt Vlll war gleichzeitig da).
1025 III, 29. 1114 VIII, 30. (1120 Fürstenversammlung gegen Heinr. V.,
— 147 —
und sächsischer Zeit häufig besucht, verschwindet es in
den Jahren 1025 — 1114 völlig aus dem Königsitinerar,
während im weiteren Verlauf des 12. Jahrhunderts die
Königsaufenthalte in Fulda sehr zahlreich sind, ich kenne
in den Jahren 1123 — 90 fünfzehn, und so manches Mal
hat jetzt hier der König die sächsischen Fürsten um sich
versammelt. Noch immer fühlte sich auch der Träger der
Krone geneigt, ein hohes Fest am Grabe des Apostels
Bonifaz zu feiern. Durch das ganze 13. Jahrhundert hat
dann Fulda hie und da den König in seinen Mauern ge-
sehen, Adolf von Nassau in einem Jahre (1295) drei Mal
dank seiner Absichten auf Erwerbung Thüringens; Al-
brecht I. hielt mehrere Hoftage in Fulda ab, zuletzt kann
ich 1324 Ludwig den Bayer dort nachweisen.
Eine kurze Zeit übte das Kloster Kaufungen ')
eine erhebliche Anziehungskraft auf den König aus.
Heinrich II. hat die Stiftung seiner Gattin Kunigunde in
den Jahren 1011—1020 fünf Mal besucht — weiterhin sind
nur noch drei Aufenthalte Heinrichs III. zu verzeichnen,
Heinrich IV. verschenkte 1086 die Abtei an die Speierer
Kirche.
Wenden wir uns zu den Königshöfen und königlichen
Pfalzen, so tritt uns auch hier eine nach Jahrhunderten
von Adelbert von Mainz berufen, besonders von Sachsen besucht,
Oiesebrecht, Kaiserzeit 3, 928, 1221). 1123 IX, 1. 1132 V, 29 (Pfingsten)
(Bernhardi, Lothar S. 433). 1134 X, 26 ebenda 555 f. 1143 VI (Bern-
hardi, Konrad lll. 1, 331). 1145 VllI (ebenda 1, 428). 1146 VIII, 2.
1147 I, 30. 1150 IV, 3 (Bernhardi 2, 802). 1157 III, 24 (Giesebrecht 5,
103). 1165 III, 29 (Osterfeier?). 1170 VI, 8. 1173 V, 29 (Pfingstfeier?).
1174 s. d. 1184 V (Giesebrecht 6, 62). 1190 VII, 11 und 14. 1217 VIII, 15.
1218 XII. 1231 VII, 17 u. 18 (Heinrich VII). 1295 I, 21. 1295 VI, 12
<N. Archiv 10, 400). 1295 VIII, 7. 1299 VII, 23 und 31, VIII, 4. 1306
VII, 3 u. 6 (vergl. auch Reichss. p. 424 z. VII, 9). 1324 IV, 20.
») Königsaufenthalte in Kaufungen: 101 J VIII, 10 und 20,
1015 V, 11. 1017. 1019 I, 9. 1020 V, 22. 1042 VIII, 8 (E. Müller,
Itinerar Heinrichs III. S. 38). 1044 I, 18. 1051 VII, 17 und 18 (E.
Müller, Itinerar Heinrichs III. S. 91). Zur Vergabung an Speier : Meyer
von Knonau, Jahrb. 4, 112. Im Februar 1081 fand in Kaufungen eine
Versammlung vieler geistlicher und weltlicher Fürsten in Vertretung
Heinrichs IV. und der Sachsen statt, s. Meyer v. Kn. 3, 346—49. Hierbei
sei erinnert an eine Versammlung zahlreicher Fürsten Sachsens im
Gegensatz zu Heinrich IV., die wohl im Jahre 1099 im Kloster Lip-
poldsberg stattgefunden hat. Meyer von Knonau hat die Urkunde
mit ihrer interessanten langen Subskriptionenreihe übersehen. Sie ist
gedruckt bei Schrader, die älteren Dynastenstämme zwischen Leine,
Weser und Diemel (1832) S. 227—30, vergl. Giseke, die Hirschauer
während des Investiturstreites 1883 S. 114 und Dobenecker, Reg.
Thuring. I nr 997 und II p. 449 (Nachtr.)
— 148 —
wechselnde Vorliebe der Herrscher entgegen. Im Jahre 920
hielt Heinrich I. eine Fürstenversammlung in Seelheim ^)
bei Marburg ab, wo wahrscheinlich schon in merovingischer
Zeit ein Königshof bestand, in den Jahren 913 und 940
treffen wir Konrad I. und Otto I. im Königshof Kassel^),
im 11. Jahrhundert nimmt der Königshof Eschwege,
ehe er von Heinrich IV. im Jahre 1075 an das Bistum
Speier verschenkt wird, im Itinerar der Könige eine nicht
unbedeutende Stellung ein. Zwischen den Jahren 997 und
1075 treffen wir sie dort nicht weniger als sechs Mal. ^)
Von den hessischen Historikern bisher unbeachtet
blieb, daß um dieselbe Zeit Ebsdorf bei Marburg nicht
weniger als drei Mal im Königsitinerar erscheint. Im
April 1054 verweilte hier Heinrich III. auf dem Wege
von Mainz nach Quedlinburg, ebenso Anfang November 1057
seine Witwe und der junge König Heinrich IV, auf dem
Wege von Speier nach Thüringen, endlich Heinrich IV.
im Herbst 1066 auf dem Wege aus dem Rheinland nach
Thüringen.^) Ebsdorf in fruchtbarer Gegend gelegen ist
ein sehr altes Kirchdorf, die Kirche hat romanisches Mauer-
werk und zwei jetzt vermauerte romanische Pforten. ^) Hers-
feld und Fulda erhielten in Ebsdorf früh durch fromme
Schenkungen Besitz^), um die Mitte des 13. Jahrhunderts
») Urkunde von 920 XI, 30. Vergl. G. Frh. Schenk zu Schweins-
berg, der Königshof zu Seelheim und das Reichsgut im Oberlahngau,
Archiv für hessische Geschichte 13 (1874) S. 423.
») Königsaufenthalte in Kassel: 913 II, 18. 940 II, 12, viel-
leicht auch 945, siehe Böhmer-Ottenthal, Reg. 127 c.
8) Königsaufenthalte in Eschwege: 997 VII, 15 und 17. 1040
VII, 27 und 28. 1057 XI, 18. 1060 VI, 11 (Meyer von Knonau, Jahr-
bücher Heinrichs IV. Bd. 1, 184). 1073 VIII, 2 (ebenda 2, 254 f). 1075
VII (ebenda 512 vergl. 486 Anm.). Eschwege ist der einzige hessische Ort
im Verzeichnis der königlichen Pfalzservitien, das aus den Jahren 1064/5
stammt, Monum. Germaniae, Constitutiones I, 647, vergl. Matthäi, Die
Klosterpolitik Heinrichs II. S. 96 f. Matthäi S. 98 Anm. 4 bemerkt mit
Recht, daß Stumpf (nr. 2783, ebenso auch Meyer von Knonau 2, 484)
fälschlich ein Gut zu Eschwege an Speier geschenkt sein lassen, es
heiße in der Urkunde praedium seil. Eschwege, die darauf befindliche
Reichsabtei werde sogar mitgeschenkt. Vergl. auch Jul. Schmincke,.
Gesch. des Cyriacus stifte s zu Eschwege, Z. f. Hess. Gesch. 6 (1854) S. 223.
*) Königsaufenthalte in E b s d o r f : 1054 IV, 14. 1057 XI, 4 (vergl.
Meyer von Knonau, Jahrbücher Heinrichs IV. Bd.l, 51). 1066 s. d.
(vergl. Kilian, Itinerar Heinrichs IV. S. 39).
^) Dehio, Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler Bd. 1 Mittel-
deutschland (1905) S. 76.
®) Breviarium LuUi in Zeitschr. f. hess. Gesch. 10, 189 (vergl.
E. Schröder in den Mitteil, des Instit. für österr. Gesch. 20 (1899) S. 361 f.).
Dronke, Traditiones Fuldenses p. 34—5, nr. 9, 11, 16 und 25, vielleicht
auch p. 41 nr. 149 vergl. Wenck, Hess. Landesgesch. 2, 435.
— 149 —
und weiterhin erscheint urkundlich dort als Inhaber von
Gut und Einkommen das St. Stephanstift zu Mainz — von
ihm tragen die Landgrafen von Hessen Ebsdorf großen-
teils zu Lehen. Man kann annehmen, daß es zwischen
der Mitte des 11. und der Mitte des 13. Jahrhunderts durch
Schenkung des Königs an das Mainzer Stephanstift kam
und seine Eigenschaft als Königsgut den Saliern Anlaß
bot, dort wiederholt zu verweilen. Aber es ist auch nicht
ausgeschlossen, daß es schon zu Zeiten Heinrichs IIL und
Heinrichs IV. dem Mainzer Stifte gehörte. So finden
wir die gleichen Könige wiederholt in Berstadt^) in der
Wetterau, das schon im 9. Jahrhunderte Besitz der Abtei
Fulda war. ^) Hier, zwischen Friedberg und Hungen,
haben die Könige auf dem Wege zwischen Sachsen und
dem Mittelrhein in den Jahren 1056 — 74 viermal verweilt.
Unzweifelhaft zum Reichsgut gehören die Boine-
b u r g und Gelnhausen, die zur Zeit Kaiser Friedrichs L
als Aufenthaltsorte des königlichen Hofes auftauchen. Das
Kaiserschloß Boineburg hat Friedrich I. drei Mal, in den
Jahren 1156, 1166 und 1188 beherbergt*), und jedes Mal
umgab ihn dort eine stattliche, ja glänzende Reihe von
Fürsten.^) Günstig gelegen auf dem Wege zwischen
*) Urkunde der Landgräfin Sophie vom April 1249 bei Würdtwein,
dioecesis Moguntina 3 (1777) p. 301, dort vorher und nachher p. 299—305
ältere und spätere Ebsdorf betreffende Urkunden, spätere bei Wenck,
Hess. Landesgesch. 3^, 178 und 196, vergl. auch Küch, die ältesten
Saalbücher des Amtes Marburg im letzten Bande dieser Zeitschr.
S. 240 die Inhaltsübersicht unter dem Worte „Ebsdorf.
2) Königsaufenthalte in Berstadt: 1056 VII, 10 und 11. 1068
VIII, 12. 1070 VI, 7. 1070 s. d. (März? Meyer von Knonau, Jahr-
bücher 2, 335 Anm. 37).
**) Urkunde des Abtes Hatto von 852, Schannat, Dioecesis Fuldensis
p. 338. G. Landau, Beschreibung der Wetterau S. 16. Im 13. und
14. Jahrhundert war Berstadt ziegenhainisch, vergl. L. Bauer, Hessi-
sche Urkunden Bd. 1 (1860).
*) Königsaufenthalte auf der Boineburg: 1156 V, 10. 1166
VIII, 20. 1188 VI, 13, vergl. Giesebrecht, Kaiserzeit 6, 457 und 680.
^) Das nähere hat Jul. Schmincke, Schloß Boineburg in der
Ztschr. f. hess. Gesch. N. F. 8 (1880) S. 306 f. recht ^ut ausgeführt.
Einen Aufenthalt Heinrichs VI. auf der Boineburg im Jahre 1193
durfte er (S. 309) aus der Urkunde 375 bei Wenck, Hess. Landesgesch.
1, 292 nicht schliessen. Vergl. auch E. Happel, die Burgen in Nieder-
hessen und dem Werragebiet (1903) S. 139—45. Sehr hübsch erzählt
0. Hartwig, aus dem Leben eines deutschen Bibliothekars (1906) S. 3,
wie sein Vater, Pfarrer zu Sontra ihn, „als ich noch nicht recht laufen
konnte, an Sonntagnachmittagen . . auf seinem Rücken eine Stunde weit
auf die Boineburg getragen hat. Dort wurde mir der Harz, der
Thüringer Wald und der Meißner gezeigt und nach der Wartburg
— 150 —
Süddeutschland und Niedersachsen ist die Boineburg in
der Zeit Friedrichs I., nachdem sie bei dem Aussterben
der Grafen von Nordheim im Jahre 1144 an das Reich
zurück gefallen war, an die Stelle getreten, die früher
Hersfeld und Fritzlar, daneben auch zeitweilig Eschwege,
einnahmen.
In ähnlicher Weise wie Hersfeld und Fritzlar vor
dem Kaiserschloß Boineburg zurücktraten, wurde im letzten
Jahrzehnt Friedrichs I. Fulda, das in den vorausgehenden
fünfzig Jahren recht oft das Reichsoberhaupt und mit ihm
bedeutungsvolle Fürstenversammlungen gesehen hatte, in
den Hintergrund gedrängt durch Gelnhausen^), wo
nun Friedrich I., Heinrich VI., Friedrich II. sich häufig
aufhielten, wo Reichstage von hoher Wichtigkeit, wie die
von 1180, 1186 und 1195 stattfanden. Allerdings nicht
völlig verschwindet Fulda aus dem Königsitinerar, schon
oben wurde bemerkt, daß es bis ins 14. Jahrhundert hinein
manchmal den König und die Fürsten in seinen Mauern
sah. Die neue größere Bedeutung Gelnhausens beruht
aber ebenso sehr auf seiner Lage, wie auf seiner Eigen-
schaft als königlicher Stadt.
Verallgemeinernd dürfen wir sagen, das Königtum,
das bis zur Mitte des 12. Jahrhunderts häufig nach Nieder-
hessen, besonders nach Fritzlar und Hersfeld gekommen
ist, zog sich seit den letzten Zeiten des 12. Jahrhunderts
auf die dem Rhein und Main benachbarten Landschaften
zurück. Nachdem einige Jahrzehnte Gelnhausen fast allein
den Hof angezogen hatte, traten seit dem Jahre 1218
hinübergeschaut. Später hörte ich hier zuerst vom Kaiser Rotbart,
der auf dem „Königsstuhle*' zu Gericht gesessen hatte, erzählen, und
vor meinen jungen Augen wurden die zahlreichen Sagen lebendig,
die sich an diese denkwürdige Burgruine knüpfen und von den
Brüdern Grimm in den „deutschen Sagen" [2. A. 1865 Bd. 1 nr. 10
S. 11 f. ; 1905 erschien eine 4. Aufl.] teilweise aufgezeichnet sind. Von
ihr trotzen noch die drei hohen Seiten eines sechseckigen Turmes
den Stürmen und bilden ein Wahrzeichen für die ganze Gegend. Jetzt
soll eine Schutzhütte für die Wanderer dort oben erbaut sein.
^) Königsaufenthalte in Gelnhausen: 1170 VII, 25. 1180 IV,
1—13. 1182 II, 27 III, 3. 1184 VI, 20. 1186X1,28. 1188 IV, 17 (Giese-
brecht, Kaiserzeit VI, 680). 1192 V, 30 VI, 1. 1192 VII, 26—7. 1193
V, 13 (Stumpf p. 499 nr. 4812 a). 1193 V, 25. 1193 XII, 4-10. 1193
XII, 20. 1195 X, 24-28. 1196 III, 6. 1207 I. 31, II, 2 und 9. 1215 I,
13. 1216 I. 1217 VII. 1218 VI. 1227 VIII, 3. 1229 XI, 6. 1230 IV, 1.
1231 VI, 9. 1231 VII, 5 (?) 15. 1231 VII, 23. 1233 1,9. 1239 VIII. 1250
VIII ante Geylenhusen. 1255111,18-20. 1274111,20—23. 1289X11,9.
1296 VI, 14. 1317 X, 22. 1324 IV, 5. 1346 VIII, 17. 1400 X, 25.
— 151 —
bezw. 1228 das schnell emporblühende Friedberg*) und
in zweiter Linie Wetzlar 2), beides königliche Städte, in
einen gewissen Wettbewerb.
Natürlich dürfen wir nun nicht meinen, die Reihe der
königlichen Aufenthalte an diesem oder jenem Orte mit
erschöpfender Vollständigkeit dargeboten zu haben. Dazu
reicht unser Quellenmaterial nicht aus. Bisweilen wird
uns eine Ergänzung sehr nahegelegt. Wenn Heinrich IIL
am 17. und 18. Juli 1051 in Kaufungen urkundete und
dann zunächst wieder am 31. Juli in Nürnberg, dort aber
für die Abtei Hersfeld, so müssen wir annehmen^), daß er
auf dem Wege von Kaufungen nach Nürnberg Hersfeld
berührte, ebenso wenn Heinrich V. am 26. August 1114
in Erfurt urkundete und am 30. August in Fulda dem
Abt von Hersfeld ein Privileg gewährte. Umgekehrt,
wenn Heinrich V. nach einem Aufenthalt in Mainz vom
22. Oktober am 9. November zu Hersfeld dem Kloster
Fulda seine Privilegien bestätigt, werden wir vermuten,
daß er auf seinem Wege Fulda berührte.
Von solchen kleinen Lücken unserer Forschungs-
ergebnisse abgesehen, könnte es auffallen, daß Hessen, ob-
wohl man es kaum umgehen zu können scheint, in dem
königlichen Itinerar als Durchgangsland seit dem 12. Jahr-
hundert gar keine Rolle mehr spielt, wenn wir nicht
wüßten, daß, wie nach Niedersachsen, auch nach dem nach-
barlichen Thüringen das Königtum dann nur noch selten
seinen Fuß setzte, wenn wir ferner nicht in der Lage
wären, nachzuweisen, daß die Könige bei ihren seltenen
Besuchen Thüringens in der Regel vom Süden her kamen
und dahin wieder abzogen.*)
') Königsaufenthalte in Friedberg: 1218 VI, 20. 1228 V, 1.
1230 IV, 28. 1252 IX, 17. 1255 III, 20. 1282 VII, 13. 1285, VII, 10.
1293 VI, 20—29. 1301 II, 9. 1307 VII, 8. 1349 III, 29. 1357 V, 20.
1400 X 29.
2) Königsaufenthalte in Wetzlar: 1228 IV, 22. 1255 III, 21.
1285 VII, 7 (vor Wetzlar). 1294 VI, 20-25. 1301 11,5—8. 132411,22.
") So schon E. MüJler, Das Itinerar Heinrichs III. S. 91.
*) So Friedrich II. im Sommer 1219 — von Nürnberg nach Erfurt
und am Ende von Erfurt nach Nürnberg: Böhmer, Reg. imp. V p.
236—9, so Ludwig der Bayer, der in den Jahren 1323, 1335, 1337 nach
Thüringen kam, jedesmal aus Franken, wohin er auch zurückkehrte.
Die Feldzüge Adolfs von Nassau und Albrechts von Österreich nach
Thüringen, über deren Marschrichtung, soweit sie zwischen Fulda
(Aug. 1295) bezw. Friedberg (Juli 1307) und dem westlichen Thüringen,
zwischen Vacha und Frankfurt (Juni 1296) verlief, wir nur Vermutungen
hegen können, bleiben hier zur Seite. Über einen Besuch Kassels
durch Karl IV. von Eisenach her siehe unten S. 153. Wilhelm von
— 152 —
So sind wir am Ende unserer Übersicht über die
Aufenthalte deutscher Kaiser und Könige in Hessen
wenigstens insoweit sie durch die Bedürfnisse der Zentral-
regierung veranlaßt wurden. Dabei ist es für die Wirk-
samkeit dieser Zentralregierung ohne Zweifel in hohem
Grade bezeichnend, daß sie in drei Jahrhunderten des
Mittelalters ein so zentral gelegnes Land fast nur an seinen
Außenposten berührt hat.
Allerdings haben wir jetzt noch vier Aufenthalte
deutscher Kaiser und Könige in Marburg im 13., 14. und
15. Jahrhundert und einen in Kassel im 14. Jahrhundert
zu erwähnen. Aber in diese erste und zweite Stadt der
Landgrafschaft Hessen kamen die Herrscher, von denen
ich da zu sprechen habe, nicht in erster Linie als Reichs-
oberhaupt, sondern als fromme Pilger oder als Reichsfürsten
in dynastischem Interesse, zum Abschluß von Verträgen,
die sie selbst eingehen oder vermitteln wollten.
Nicht bloß kirchliche Frömmigkeit hat Kaiser Fried-
rich n. im Frühjahr 1236 nach Marburg an das Grab der
heiligen Elisabeth geführt. ^) Inmitten eines glänzenden
Kreises von Fürsten und unzähligen Volkes verherrlichte
er durch seine Teilnahme den in den Annalen Marburgs
unvergleichlichen Tag (den ersten Mai), welcher der
Ehrung, der Erhebung der Gebeine der fürstlichen Dia-
konissin gewidmet war. Durch seine Mitwirkung be-
kundete der kluge Staufer vor aller Welt sein Einvernehmen
mit dem Papst, der im Jahr vorher Elisabeth heilig ge-
sprochen hatte, und schuf damit ein eindrucksvolles Bild
seiner frommen Ergebenheit, das ihm in dem unvermeidlich
bevorstehenden neuen Zerwürfnis mit dem Papsttum in
der öffentlichen Meinung ein erhebliches moralisches Plus
verbürgen mußte und verbürgt hat. Durch seine Teil-
nahme an der Ehrung Elisabeths zeigte sich weiterhin der
Kaiser als Freund des thüringischen Landgrafen hauses
und als Freund des mächtigen Deutschherrenordens, der
Holland war am 27. November 1252 in Mainz, am 11. Dezember in
Lengsfeld, etwa zehn Kilometer südöstlich von Vacha, dem großen
Straßenknoten, am 13. Dezember in Eisenach. Da Wilhelm in Lengs-
feld für Hersfeld, in Eisenach für Fulda urkundete, mag er beide Ab-
teien berührt haben. Ober die Straßenzüge zwischen Hessen und
Thüringen vergl. Fr. Regel, Thüringen, ein geogr. Handbuch H (1896),
277 und 332 f., P. Höfer in Ztschr. f. thür. G. 25 (1906) S. 40f. und die Auf-
sätze G. Landau's in der Ztschr. f. deutsche Kulturgeschichte Jahrg. 1856.
*) Böhmer-Ficker, Regesta imperii V, 1 (1881—2) nr. 2152 a auch
Böhmer-Will, Regesta archiepiscopor. Maguntinensium II p. 242.
— 153 —
die Pflege von Elisabeths Spital und den Kult ihres An-
denkens übernommen hatte.
Gröbere Formen als die des großen Zweiflers Fried-
richs II. zeigte die kirchliche Frömmigkeit Kaiser Karls IV.,
der im Mai 1357 mit seiner Gemahlin und vor allem mit
der Königin-Mutter von Ungarn Elisabeth nach Marburg,
Köln und Aachen wallfahrtete. ^) Von seiner längst ge-
storbenen Mutter Elisabeth, einer sehr frommen Frau, hatte
Karl eine ganz außerordentliche Vorliebe für Reliquien
ererbt, der Wunsch, den Glanz des von ihm gestifteten
Erzbistum Prag zu erhöhen, kam hinzu: so wurde Karl
zum Reliquienjäger, der die Stätten der Verehrung be-
rühmter Heiliger selten mit leeren Händen verließ.^) Die
ungarische Königin, die ihn nach Marburg begleitete, hatte
durch ihren Taufnamen und ihre Herkunft zum Besuche
von Elisabeths Grab vielfachen Anlaß, sie machte ihren
Pilgerzug mit siebenhundert Rossen. Karl trug mit den
versammelten Fürsten und Herren den Sarkophag Elisa-
beths in großer Prozession durch die Stadt und erwies dem
Prior des deutschen Hauses und dem Hospital der Elisa-
beth vielfältige Ehren.
Acht Jahre früher, im Januar 1349 ist Karl IV. einen
Tag in Kassel gewesen, sicher in politischer Absicht, die
Freundschaft Landgraf Heinrichs des Eisernen zu erlangen.
Im Augenblick bereitete sich dank den Bemühungen der
Witteisbacher das Gegen königtum Günthers von Schwarz-
burg vor, Karl warb dagegen überall Verbündete. Er
hatte solche soeben zu Dresden in den nächsten Verwandten
der Witteisbacher, den Wettinern, und in den Neffen des
Schwarzburgers gefunden, in Eisenach hatte er sich vom
13. bis 20. Januar aufgehalten, wohl um aus Thüringen
und Franken Verbündete an sich zu ziehen und die Be-
wegungen seines dann verspätet am 30. Januar gewählten
Widersachers zu beobachten. Am 21. verweilte er in
Kassel, am 22. in Korbach, am 26. war er in Bonn.^)
*) Böhmer-Huber, Regesta imperii VIII p. 216, p. 619 und 725,
ferner Mitteilung aus Cronica episcoporum Treberorum, Handschrift
der Hamburger Stadtbibliothek, von A. Wyss in Quartalblättern des
histor. Vereins für das Großherzogtum Hessen Jahrg. 1879 S. 41.
^) Adalb. Horcicka, die Kunsttätigkeit in Prag zur Zeit Karls IV.
2. Abhandlung (12. Jahresbericht über das Deutsche Staatsgymnasium
in Prag-Altstadt, Prag 1884) S. 9 f.
*) über das Itinerar Karls IV. im Januar 1349 siehe Böhmer-
Huber, Reg. imp. VIII p. 68 f., 606 f., 629, 695. In Kassel urkundete
Karl am 21. Jan. für die Stadt Hersfeld, ebenda p. 629 nr. 6293. Eine
— 154 —
Auf einer Reichsversammlung zu Speier am 1. April 1349
hat Karl sein Bündnis mit Landgraf Heinrich urkundlich
befestigt. Es wird Heinrich nicht schwer geworden sein,
für Karl Partei zu ergreifen — er stand so im selben
Lager, wie die Grafen von Waldeck und Ziegenhain, die
sonst so oft sich auf die Seite seiner Gegner stellten, er
nahm Widerpart gegen den tatsächlichen Inhaber des
Mainzer Erzstifts Heinrich von Virneburg, den Wähler
Günthers, den er bald darauf (im Jahre 1350) bei Gudens-
berg entscheidend besiegte. ^)
Seiner günstigen Lage auf halbem Wege zwischen
dem Mittelrhein und Thüringen, zwischen dem Mittelrhein
und Niedersachsen, hatte es endlich Marburg um die
Wende des 14. und 15. Jahrhunderts zu verdanken, daß
es wiederholt zum Sitz politischer Fürstenversammlungen
mit und ohne Beteiligung des Reichsoberhauptes gewählt
wurde. ^) Die räumliche Nähe der Pfalz und des Erz-
sehr erwünschte Ergänzung des Itinerars zwischen 21. und 26. Jan.
(Bonn), welche uns Karls Wegrichtung anzeigt, bieten uns zwei noch
ungedruckte Originalurkunden Karls IV. im Archiv der Herren von
Baumbach zu Nentershausen, deren hihalt mir durch gütige Mitteilung
meines Freundes und Kollegen G. Frh. von der Ropp bekannt wurde.
Beide sind am 22. Januar 1849 zu Korbach ausgestellt. In der einen
weist Karl IV. Ludwig von Baumbach hundert Mark auf die Juden in
Frankfurt an und erlaubt ihm, sich für den Fall der Nichtzahlung an
den Bürgern von Frankfurt schadlos (!) zu halten, bis Frankfurt „zu
unserm Gehorsam" gekommen ; in der andern befiehlt Karl den Juden
von Frankfurt hundert Mark an Ludwig von Baumbach zu zahlen.
Mit diesem Gelde wurde er unzweifelhaft gegen Günther von Schwarz-
burg geworben, wie ähnhch bald nachher die Grafen von Waldeck und
von Ziegenhain und Landgraf Heinrich. Zur politischen Geschichte vergL
E. Werunsky, Geschichte Kaiser Karl IV. und seiner Zeit 2 (1882)
S. 155 f.
1) Limburger Chronik hera. v. A. Wyß (1888) S. 88.
2) Vielleicht hat im Juni 1188 Kaiser Friedrich I. den Landgrafen
Ludwig III., seinen Schwestersohn, auf der Feste Marburg besucht,
ehe er mit ihm und Ludwigs Bruder Hermann auf der Boineburg weilte.
Quelle ist ein nicht unbedingt zuverlässig überliefertes Regest einer
Urkunde in dem vielleicht statt Marburg: Merseburg zu lesen ist,
Dobenecker, Regesta Thuringiae II nr. 787. Ist es mit Marburg richtig,
so handelt es sich um einen privaten Besuch des Kaisers von derselben
Art, wie er ihn seinem Schwager Landgraf Ludwig II. im Januar 1172
auf der Neuenburg an der Unstrut abstattete, Dobenecker II nr. 438
und Holder-Egger im Neuen Arch. f alt. Dtsch. Gesch. 21, 714, vergl.
auch oben Anm. 2 zu S. 144. — Daß König Adolf von Nassau im
Jahre 1296 die Ziegenhainische Festung Staufenberg zwischen Marburg
und Gießen belagert hat — im Erbfolgekrieg zwischen Landgraf Heinrich I.
und seinem Sohn Otto, fällt nicht in den Kreis unserer Erörterungen^
dem Kriegszüge fern hegen. — Von einer Fürstenversammlung zu
Marburg im Jahre 1247, nach dem Tode von König Heinrich Raspe
— 155 —
Stiftes Mainz, der beiden Hauptfaktoren im Gegensatz zu
dem Königtum Wenzels von Böhmen, das endlich im
Jahre 1400 dem lange drohenden Untergang verfiel, war
da bedeutungsvoll.
Erzbischof Johann hatte am 11. Mai 1398 in Marburg
ein Bündnis mit Landgraf Hermann von Hessen geschlossen,
das seine Spitze gegen Landgraf Balthasar von Thüringen
richtete.^) Da der ränkevolle Mainzer Prälat die Seele
der auf den Sturz Wenzels gesponnenen Pläne war, so
hat er im März 1399 den hessischen Landgrafen weiter
zur Einschwenkung auf die Seite der rheinischen Fürsten-
opposition bewogen — unter Verzicht auf einen erheblichen
Teil einer ihm zukommenden Schuldsumme. Die neue
Stellungnahme des Landgrafen gegen Wenzel wird nun
dadurch bezeichnet, daß der Kurfürstentag vom 2. Juni
1399, auf welchem die Kurfürsten von Mainz, Köln und
Pfalz den Kurfürsten von Sachsen in ihr gegen Wenzel
gerichtetes Bündnis aufnahmen, in Marburg, der Stadt des
Landgrafen, zusammentrat. Die Freundschaft zwischen
dem Erzbischof von Mainz und dem Landgrafen ruhte
aber auf trügerischem Grunde, der Gegensatz ihrer Inter-
essen war viel zu groß, und bald erkannte der Landgraf
es als ein Gaukelspiel, daß der Erzbischof ihm selbst
Hoffnung auf die Königskrone erweckt, mindestens ihn
unter die Zahl der Kandidaten aufgenommen hatte. So
wandte sich der Landgraf ab von der Fürstenverschwörung,
die Aussicht auf einen neuen Mainzisch-Hessischen Krieg
zog drohend herauf, und als nun das Haus Braunschweig
durch die vielbesprochene Ermordung des Herzogs Friedrich
bei Kleinenglis in der Gegend von Fritzlar (am 5. Juni
1400) in die feindseligste Stimmung gegen Johann von
Mainz, den angeblichen Urheber der Tat (in Wahrheit
von Thüringen, auf der sich Graf Hermann I. von Henneberg zur
Königswahl empfohlen hat, berichtet eine etwas trübe Quelle, ein
schwäbischer Fortsetzer der Kaiserchronik, aber, da die Kandidatur
des Hennebergers durch anderes Quellenmaterial gesichert erscheint
und manches für eine solche Zusammenkunft im Mai 1247 spricht,
so wird man sie als leidlich verbürgt ansehen dürfen. Vergl. die ein-
gehenden Erörterungen von W. Füsslein, Hermann I. Graf von Henneberg
in Ztschr. für thüringische Geschichte 19 (1899) S. 202 f.
*) Das folgende bis zum Jahre 1405 beruht auf dem Aufsatz
von Fr. Küch, Beiträge zur Geschichte des Landgrafen Hermann II.
von Hessen. IV. der Krieg mit Mainz 1401—5 in Zeitschr. des Ver. f.
hess. Gesch. N. F. 19 (1894) S. 60 f. bes. 66 f. 87 f. Da Küch die
„Reichstagsakten" benutzte und anführte, verweise ich auch dafür auf
seine Abhandlung.
Kleinere Mitteilungen.
1. Ein unbekannter Brief von Euricius Cordus.
Von F. Küch.
Im folgenden teile ich ein eigenhändiges deutsches
Schreiben des Euricius Cordus mit ^), das über eine bisher
dunkle Periode seines Lebens Licht zu verbreiten geeignet
ist. Es ist gerichtet an den hessischen Landhofmeister
Ludwig V. Boyneburg. Die Identität des Schreibers Ritze
Simtshusen mit unserem Dichter ergibt sich aus der Hand-
schrift. Ritze ist eine Koseform zu Heinrich und Ricius
nannte sich der Dichter, bis Mutian den Namen i. J. 1515
in Euricius umwandelte.^) Der Zuname Simtshausen ist
dem Geburtsort des Dichters entnommen, ein in jener Zeit
häufig geübter Gebrauch: so nannte sich Adam Kraft meist
Adam Fulda, der Kasseler Geistliche Kaspar Fleischer
(Lanio) regelmäßig Kaspar Kaufungen.
Der Wortlaut des Schreibens ist folgender:
„Gestreng ernvester her lanthofmeister. Mein schul-
diger und gehorsamer dienst sie eure gstrengkeit mit
imderthenigem willen allezeit zufur. Wiewal eure ernveste
gestrengkeit mit sorghaftigem anligen in widderstreb
schwerlich überladen umb enthaltung und hanthabe ik-
glichem zu seinem rechten sunder abeloeß bishar gemudiget
ist, zweival ich dach nicht, es sie in gedechtnis verbliben,
wie eure gestrengkeit, durch sunderlich mitleiden mit mir
und eigen ingeborn gutikeit bewegt, mir ein gnedige
zusage gethan hoit, die schule zu Cassel uf der altenstait,
^) Staatsarchiv Marburg, Verwaltungsakten des Statthalters an
der Lahn. In der Sitzung des Marburger Zweigvereins vom 13. Jan.
1906 habe ich über den Brief berichtet.
*J Krause, Briefwechsel des Mutianus Rufus. Ztschr. N. F. IX.
Suppl. S. 511 Anm. 4.
— 159 —
der ich vorm jar sunder willen des merenteils ußem rade
und burgern unverschult an ursach entsatzt wart, do zur
zeit ufF nehest kommend Michaelistag widerumb an mich
uf mein begerde zu langen, hoit dach das irrende glucke
in mitler zeit mein sache dermaße geschickt, das ich in
itzt vergangen jarfrist darzu nit habe kunt kommen, dweil
ich durch noitturft gezwungen umb ufhalt meins armuts
in ampt zu Velspurg als vor ein rentschreiber m(einer)
g(nedigen) f(rau) verphlichtet was. So ich aber solchs
meins ampts mit gnaden, wie ich gert, itzt verlassen und
obgemelter schule begerig sein, ist mein underthenige
fleissige bit, euer gestrengkeit wolls itzt do gethaner zu-
sage, als ich hoff, gedechtig sein und mich gegen den
ersam und weißen burgermeister und rait zu Cassel ver-
schreibende mit vorbede ein behulflichen furtschab mir
gnediglich erschießen lassen, will ich als ein dankbarer,
soweit mein Vermögens sich ußstreckt, solchs allezeit zu
verdeinen geneiget erfunden werden. Biten des ein
gnedig antwort.
E. e. g. g.
Ritze Simtßhusen
etwan Schulmeister zu Cassel ofF der aldenstait."
Versuchen wir zunächst der Abfassungszeit des unda-
tierten Schriftstücks etwas näher zu kommen, so werden
die weitesten Grenzen durch die Amtsdauer des Adressaten
gesteckt. Ludwig von Boyneburg wurde Landhofmeister
im Oktober 1509 und verlor seine Stellung im März 1514. ^)
Da nun Cordus in seinem Briefe sagt, Boyneburg habe
ihm die Wiedererlangung seiner Kasseler Schulstelle auf
nächsten Michaelistag, 29. September, zugesagt, so wird
das erste Gesuch des Dichters nicht allzulange vor diesem
Termin, jedenfalls aber erst im Jahre 1510, erfolgt sein.
Cordus hat aber ein Jahr lang von dieser Vertröstung
keinen Gebrauch gemacht, weil er inzwischen eine Stelle
als Rentschreiber der Landgräfin Anna in Felsberg ange-
nommen hatte, also kann das Schreiben erst im Jahre 1511
abgefaßt sein. Noch weiter wird der Anfangstermin hinaus-
geschoben, wenn wir Folgendes in Erwägung ziehen. Fels-
berg gehörte zum Wittum der Landgräfin Anna. ^) Über das
Wittum herrschten Streitigkeiten zwischen der Fürstin und
*) Glagau, Anna von Hessen S. 40—42 u. S. 133.
*) Glagau, Hessische Landtagsakten I S. 76 Anm.
— 160 —
den Regenten, und im Abschied von Gengenbach vom
10. April 1511 bestimmte der Kaiser, daß die Landgräfin
die Unterpfänder für das Wittum, Gießen und Grünberg,
bis zum 29. Mai gegen das Wittum selbst, Rotenburg und
Felsberg, abtreten solle. *) Die Auswechselung scheint
aber erst um den 6. August 1511 erfolgt zu sein. 2) Da
nun die Landgräfin vor der Einnahme von Felsberg dort
keinen Rentschreiber angestellt haben kann, so kommen
wir auf den August 1512 als frühesten Termin für die
Abfassungszeit des Briefes. Damit dürften wir aber auch
die Abfassungszeit selbst annähernd bestimmt haben, denn
bereits im Frühjahr 1513 taucht Cordus im Gesichtskreise
Mutians in Erfurt auf, und da unser Brief etwa ein Jahr
nach jenem ersten Gesuch an Boyneburg abgefaßt ist,
dieses aber der Jahreszeit noch vor Michaelis an den Land-
hofmeister gerichtet wurde, so dürfen wir mit größter
Wahrscheinlichkeit das Schreiben auf August bis Sep-
tember 1512 datieren.
Für die Biographie des Dichters gewinnen wir also
die folgenden Ergebnisse. Die Kasseler Schule, an der,
wie wir auch aus den Mitteilungen Lauzes^) wußten,
Euricius Cordus tätig war, ist nicht eine landesherrliche
Anstalt gewesen^), sondern eine städtische, die Schule der
Altstadt. Auch die bisher^) gänzlich unsichere Zeit seiner
Wirksamkeit in Kassel läßt sich nun, wenigstens nach
ihrem Endpunkt, bestimmen. Cordus wurde, wie er angibt
gegen die Majorität im Stadtrat, um die Mitte des Jahres
1511 seiner Stellung enthoben. Ganz kurz kann seine
Tätigkeit dort nicht gewesen sein. Lauze, der sein Schüler
war — er nennt ihn seinen lieben Praeceptor, Zucht- und
Lehrmeister — , hebt sein Wirken hervor, und als 1521
Kassel von einem Brandunglück heimgesucht wurde, das
306 Häuser vernichtete, schrieb Eoban an Sturz ^), er möge
die Nachricht dem Cordus mitteilen: „dolebit scio casu
urbis tam ab ipso adamatae^'. Der unfreiwillige Verlust
des Kasseler Rektorats mußte den damals höchst wahr-
») Glagau, ebenda S. 150.
2) Glagau, ebenda S. 150 Anm.
®) Zeitschr. Suppl. II, 1 S. 282 „Hat zu Cassel und volgends zu
Erfurt schuel regiert". Vgl. Krause, Euricius Cordus eine biographische
Skizze aus der Reformationszeit S. 43.
*) So Krause a. a. 0.
^) Krause a. a. 0. verlegte die Kasseler Zeit ursprüngUch
1515—17, später (Mutians Briefwechsel S. 348) in das Jahr 1513.
*) Epistolae familiarium S. 82.
— 161 —
scheinlich schon verheirateten ^) Dichter in die größte Ver-
legenheit bringen, und so wandte er sich an den zur Zeit
mächtigsten Mann in Hessen, den Landhofmeister Ludwig
von Boyneburg, um seine Stelle wieder zu gewinnen. Aber
gleichzeitig bot sich ihm ein anderer, nach der materiellen
Seite hin zweifellos besserer Ausweg. Die Landgräfin-
Witwe Anna kam gerade in den Besitz ihres Wittums
und hatte infolge dessen einige Verwaltungsstellen zu
vergeben. Wie wir aus des Dichters Werken wissen ^), hatte
Cordus ziemlich nahe Beziehungen zum Hofe Wilhelms II.
gehabt und g^roße Hoffnungen hierauf gegründet. Bei
der Witwe Wilhelms suchte er jetzt mit Erfolg die ihm ge-
machten Versprechungen für sich nutzbar zu machen: er
wurde Rentschreiber in Felsberg. Nun verstehen wir die
Worte des Epigramms aus dem Jahre 1517 an Feige I 202^):
Miraris quod, qui dominae servivimus Annae,
Tam miseri plures non habeamus opes.
Daß dem Dichter der neue, für ihn ganz ungeeignete
Beruf auf die Dauer nicht zusagen konnte, ist natürlich.
Nach kaum einem Jahre gab er freiwillig die Rentschreiber-
stelle in Felsberg auf und bewarb sich abermals um das
Rektorat der Kasseler Schule. Über den Erfolg wissen
wir nichts. Aber es ist unwahrscheinlich, daß Cordus
nochmals in Kassel im Amte gewesen ist. Bereits im
Frühjahr des nächsten Jahres war er in Erfurt und erst
die Gründung der Marburger Hochschule führte ihn wieder
in die Heimat zurück.
2. Zum Briefwechsel des Landgrafen Philipp mit
Luther und Melanchthon.
Von F. Küch.
In einem Briefe des Landgrafen Philipp an die beiden
Reformatoren, der wichtige Punkte der neuen Lehre und
*) Im Februar 1515 wurde ihm der dritte Sohn Valerius geboren.
Krause, Euricius Cordus S. 42. Hessenland 1892 S. 3.
2) Krause a. a. 0. S. 14 ff.
') Krause a. a. 0. S. 43 A. 2 bezieht es irrig auf seine Tätig-
keit an der Kasseler Schule. — Über die vor der Kasseler Schulzeit
liegenden Jahre und über den mutmaßlichen Familiennamen des
Dichters hat C. Krause in Jahrgang 1891 Nr. 23 und 24, 1892 Nr. 1
der Zeitschrift Hessenland „Neue Untersuchungen" veröffenthcht.
N. F. BD. XXX. 11
— 1«4 —
d^m f5n<erf 4es Landj^afen zuerst von dem Plane und
•^iwj Fürsprache war vorfaerge^angec- - -
E# Weibt also Heinrich Hesse nbng. Wir kennen
^Hnen Empfe^lungÄbrief Melanchtho^is für diesen ^^ der nur
da* Tajfeidatum, den 2^^ April, trägt, und den Varrentrapp
mit Recht dem Jahre 1527 zugewiesen hat. Wir erfahren
aui^ diesem Schreiben, daß Heinrich Hesse damals bereits
die Unterstützung des Landgrafen genoß T^ntelligo autem
ali eum liberalitate vestrae celsitudinis"^ und nun von
Melanchth^/n zur weiteren Verwendung, mit deutlicher An-
spielung auf den Hochschulplan, empfohlen wurde. Es
ist also an sich nicht unwahrscheinlich, daß H. Hesse die
Unterstützung durch den Landgrafen einer früheren Em-
pfehlung Melanchthons zu verdanken hatte. Hesse wurde
im Wintf.'Tsemester 1526; 27 in Wittenberg immatrikuliert 3)
und unterhielt von dort aus brieflichen Verkehr mit der
Heimat,*; Die zweite Empfehlung Melanchtons hat dann
offenbar zur Eolge gehabt, daß er zum Lehrer am Mar-
burger Paedagogium ausersehen wurde. ^) Später aber
wurde der offenbar hochbegabte Mann hauptsächlich mit
wichtigen diplomatischen Missionen betraut. Im Früh-
jahr 1528 reiste er in Gesellschaft des hessischen Rates
iJr, Fischer gen. Walter in Philipps Auftrage zum Könige
von Frankreich^), und Anfang Dezember 1529 wurde er
nach Italien gesandt, offenbar um für die von italienischen
(ielehrt(;n zu erlangenden Rechtsgutachten über die nassau-
ischo Streitfrage tätig zu sein. ') Als im Beginne des
Jahre» 15;}1 auf Grund der Beschlüsse des Schmalkalder
Mundestags die Erklärung der Bundesstände auf dem
Augsburger Abschied den verschiedenen Mächten mit-
geteilt werden sollte, wurde Heinz Hesse dazu ausersehen,
nach Frankreich und England zu reisen ^), schließlich wurde
ihm aber nur die Botschaft nach England übertragen.
Auf dieser Reise fand er einen frühzeitigen Tod in den
*) Dum Schroihon Eobans an Johann Meckbach, worin er die
FürHpracho F(MgcH bei Philipp erbittet, gehört nicht ins Jahr 1526,
gondorti Um (op. fam. S. 57).
•) Varrentrapp in den Forschungen z. d. Geschichte XVI S. 4
■) Varrentrapp in den Forschungen XVI S. 5.
*) Vgl. den Firief an Schrautenbach vom 27. Jan. 1526 bei Varren-
trapp, Landgraf Philipp von Hessen und die Universität Marburg S. 39
Anm. m,
^) Varrentrapp a. a. 0.
•) Varrentrapp in den Forschungen XVI S. 5 ff.
') Hochnung Vogehnanns im Marb. Staatsarchive und Rech nungs-
bolege im Kammorarchiv ebenda.
*) Polit Archiv d. L. Philipp (Marburg) Abt. Sachsen ernest. Linie.
— 165 -
Wellen des Rheins. Ich schließe hier seines Begleiters,
des landgräflichen „einspännigen Dieners" Niclas Weilburg,
kurzen Bericht an, der als Rechnungsbeleg sich zwar nur
auf die Äußerlichkeiten der Fahrt bezieht, aber doch als
einzige Nachricht über den Verlauf der Gesandtschaft einiges
Interesse verdient. Den Tod Hesses im Rhein erwähnt
auch die von Decius Agricola verfaßte Grabschrift. ^)
„Anno etc. dreissig eins umb Mitfasten (März 19)
ungeverlich hat mein gnediger fürst und her Heinrichen
Hessen seligen und mich Niclasen Weilburg abgefertig,
nach dem kenig von Engeland in etzlichen seiner f. g.
gescheften zu verreiten. Bin ich alhier aus nach Straß-
burg verriten und darselbst 13 tag stilgelegen und auf
Heinzen Hessen gewartet. Darauf entpfangen 4 gülden,
dieselbigen vier verzert auf dem wege. Und als Heinz
zu mir gein Straspurg kommen, seind wir 2 tage darselbst
verplieben, hat Heinz auf den uberigen gülden den wirt
darselbst bezalt. Als nuhe Heinrich seliger im Rhein
ertrunken, ist sein pferd ubergeschwommen und in ein
dorf meinem gnedigsten hern von Trier zustendig durch
die menner begriffen, die satteldeschen geoffent und die
briefe sampt dem gelde zu sich genommen. Haben die
bauren mir auf burgschaft des burggrafen zu Catzeneln-
pogen, Bartheis, die teschen, brief und gelt zugestalt, hat
Barthel das gelt gezalt, ist ungeverlich 60 gülden gewesen,
des ich mich auf den burggrafen ziehe. Bin ich von Rhein-
felsch nach m. g. h. geriten bis gein Salzungen mit den
briefen und die zerung von den 60 gülden getain. Dar-
nach bin ich von Friedwald wider geriten noch dem kenig
und hab zu Antorf ein curirer und posten gewonnen, der
[mit] mir geriten ist, dem hab ich geben müssen 8 golt-
gulden, hat Quickelberger verthediget. Zu Brück hab ich
mein pferd lassen stehen und salbander postirt bis gein
Londen. Zu Londen bin ich salbander gelegen 14 tag.
Von Londen hab ich wider gein Brück postirt, hab ich
dem post 9 goltgulden geben müssen und hat mein pferd
6 gülden mitler zeit verzert. Als ich nuhe gein Antorf
widerkommen, hab ich die 60 gülden ausgelegt, hat mir
derQuickelbergerl2 gülden geluhen. Des ist mir überlaufen
ein cron und ein gülden."^)
^) Veröffentlicht im Anhang zu der Expositio decalogi von Anto-
nius Corvinus ; vgl. Varrentrapp, L. Philipp und die Universität M. S. 40.
*) Der Bericht befindet sich in Nachträgen zum hessischen Kammer-
archive im Staatsarchiv Marburg.
— 166 —
3. Ein englischer Pass von 1599.
Von L. Armbrust.
Die Wanderlust liegt dem Deutschen im Blute. Mit
jedem Frühling erwacht sie, wie die Dichter so schön
schildern, zu neuer Kraft und treibt den Volksgenossen
bald nord- bald südwärts.
Auch frühere Jahrhunderte kannten und liebten das
Reisen, obwohl es damals weit größere Schwierigkeiten
bereitete, mehr Zeit raubte und bei der Unsicherheit der
Straßen mit Gefahren für Leib und Leben verknüpft war.
Jeder Stand hatte dabei einen eigenen Beweggrund. Der
Kaufmann^) unternahm weite Land- und Seefahrten, um
neue Handelsgegenstände, Geschäftsverbindungen und Ab-
satzgebiete zu suchen. Seit dem ausgehenden Mittelalter
wollte der Handwerksgeselle — gleich dem Künstler und
dem Gelehrten — in der Fremde bessere Ausbildung in
seinem Fache erwerben, nebenbei auch wohl einen Sonnen-
strahl des Glückes erhaschen. Der Pilger, ob Bürger oder
Bauer, zog hinaus zu frommen Zwecken; und wenn Geld-
beutel und Kräfte nicht zu einer Palästina- oder Romreise
langten, so unternahm er wenigstens eine Akenfahrt, eine
Wallfahrt nach Aachen oder auch nach anderen geweihten
Stätten. In vielen Fällen trieb dieselbe Frömmigkeit den
fahrenden Ritter von Haus und Herd. Das Ziel seiner
Sehnsucht war das heilige Land, „wo der himmlische König
der Christen gelehrt und gelitten hatte*', als höchste Ehre
galt ihm, zum Ritter , des heiligen Grabes geschlagen zu
werden. Nicht minder lockte ihn die Tatenlust in die
Ferne. Wenn daheim die Waffen ruhten, dann ritt er
durchs Land und durch die Länder und stellte die Kraft
seines Armes und seinen Wagemut in fremde Dienste.
Als aber Pulver und Blei das Rittertum aus seiner maß-
gebenden Stellung im Kriegswesen immer mehr hinaus-
drängten, da zogen die jungen Knappen doch noch weit
umher, ihre Geschicklichkeit durch Teilnahme an den
Turnieren zu üben und an den verschiedenen Fürsten-
höfen und in den Schlössern größerer Herren feine Sitte
zu lernen. Mit dem allmählichen Absterben der Ritter-
spiele überwog der letztere Zweck. Bei manchen Ober-
^) Von hier ab bis zur nächsten Anmerkung ist benutzt: Georj^
Steinhausen, Beiträge zur Geschichte des Reisens („Ausland'' 189ä
No. 13-16).
— 167 —
flächlichen trat schließlich die ernste Absicht ganz in den
Hintergrund, sie wanderten nicht mehr ins Ausland, um sich
zu bilden, sondern nur um sich zu vergnügen und zu zer-
streuen, oder weil ihre Väter und die Bekannten und
Gleichgestellten es ebenso gemacht hatten. Wo es lustig
herging, wo es Kapaune, Pasteten und roten Wein gab,
da verweilte man mit * besonderem Behagen. Oftmals
wurden nun durch die Reisen Geld und Gesundheit sinn-
los vergeudet, ausländischer Unsitte Tür und Tor geöffnet,
und die Muttersprache mißachtet und verwelscht. Als
Entschuldigung konnten diese unnützen Reisenden an-
führen, daß Deutschland damals in staatlicher, zum Teil
auch in geistiger Beziehung hinter Frankreich und Eng-
land zurückstand^), und daß vieler Orten engherzige
Splitterrichter eine heitere Freude am menschlichen Leben
nicht mehr aufkommen ließen.
Gegen die oberflächlichen Zerstreuungsfahrten, die
ihren Zweck verfehlten und den Aufenthalt in der Fremde
in übelen Ruf brachten, eiferten ernsthafte Männer, die
nicht müde wurden, die Vorteile des Reisens zu rühmen,
wenn es mit der gehörigen Einsicht geschähe. Ein be-
währter Europafahrer ^) schrieb: Die Wanderungen ins Aus-
land dürfen nicht verworfen werden, weil einige Menschen
voreilig und urteilslos zu auswärtigen Völkern gehn, fremde
Sitten annehmen, statt der Tugenden Laster sich an-
eignen, durch übergroße Märsche, schwere Anstrengungen
und maßlosen Aufwand Unheil anrichten ; unsere Vorfahren
verabscheuten das alles. — Und ein niedersächsischer Edel-
mann ermahnte seine Söhne, ehe er sie nach Frankreich
und Italien schickte^): Fliehet Müßiggang und Nichtstun.
Bedenket, wie kurz das Leben ist, und daß ihr keine Zeit
zu verlieren habt, wenn ihr die Eigenschaften und Voll-
kommenheiten des Leibes und des Geistes erwerben wollt,
die euch in der Welt Geltung verschaffen. — —
Angehörige des hessischen Adels machten von je
her die Sitte des Reisens mit. Einzelne legten darüber
genauere Rechenschaft ab. Dietrich von Schachten hat
^) Siehe Seite 166 Anmerkung 1.
*) Paul Hentzner, Itinerarium Germaniae, Galliae, Angliae, Italiae.
Nürnberg 1612. Vorwort.
^) Des Kammerpräsidenten Otto Grote, Reichsfreiherrn zu Schauen,
Verhaltungsregeln für seine Söhne, als sie 1690 nach Italien und Frank-
reich auf Reisen gingen. (Archiv des historischen Vereins für Nieder-
sachsen 1849 S. 875 § 25).
— 168 -
uns die Beschreibung der Palästinafahrt hinterlassen, die
er im Gefolge des Landgrafen Wilhelm I. des Älteren im
Jahre 1491 unternahm. Ein Jahrhundert danach besuchten,
wie das unten folgende Schriftstück beweist, Georg Riedesel
und Rudolf Schenck zu ihrer Ausbildung England und
Frankreich.
Georg Riedesel zu Eisenbach, Konrads Sohn,
wurde zu Ludwigseck am 1. November 1580 geboren ^)
und studierte schon seit 1593 auf der Universität Mar-
burg. 2) In demselben Jahre belehnte Landgraf Moritz die
Riedesel, unter anderen den Erbmarschall Johann als Vor-
mund Volprechts, Hermanns, Georges und Johanns, der
vier Söhne des verstorbenen Konrad. ^) Georg brachte es
bis zum Hessen-Darmstädtischen Hofmarschall und Ge-
heimen Rate und bekleidete eine Zeit lang das Amt eines
Statthalters von Oberhessen. Er heiratete zweimal, zuerst
im Jahre 1604 Hedwig Riedesel zu Eisenbach, dann nach
deren Tode Sabine von Witzleben (1624). Als Stamm-
vater des Altenburger Zweiges nimmt er im Riedeselschen
Geschlechte eine hervorragende Stellung ein. Am 28. März
1631 starb er zu Marburg.^)
Über Johann Rudolf Schenck zu Schweinsberg
vermögen wir nicht so viel zu berichten. Im Jahre 1588
besuchte er das Pädagogium zu Marburg.^) Landgraf
Moritz belehnte fünf Jahre später, wie dies in gleicher
Weise schon sein Vater Wilhelm IV. getan hatte, Kaspar
Magnus Schenck zu Schweinsberg, Rudolf Wilhelm Rau
zu Holzhausen und Alexander Döring als Vormünder
Johann Rudolfs und Reinhards, der Söhne des verstorbenen
Reinhard Schenck zu Schweinsberg. ^) Johann Rudolf
Schenck soll in Alexandrien verstorben sein.^) Danach
hätte er also seine Reisen sehr weit ausgedehnt.^)
Den englischen Paß der beiden hessischen Edelleute
^) Rud. von Buttlar, Stammbuch der althessischen Ritterschaft.
^) Wilh. Falckenheiner, Personen- und Orts-Register zur Matrikel
der Universität Marburg S. 132. 142.
^) 1593 August 23. Kassel. Lehnbuch des Ldgr. Moritz.
*) 1593 September 27. Kassel. Lehnbuch des Ldgr. Moritz.
^) Unter den Schencken zu Schweinsberg gab es damals noch
einen, der die Reise nach England und Frankreich allenfalls unter-
nommen haben könnte, nämlich Georg Rudolf, Sohn des 1578 ver-
storbenen Kaspar (Genealogie der Freiherren Schenck zu Schweinsberg,
Tafel 2). Er war ebenfalls Schüler des Pädagogiums zu Marburg (1578),
verheiratete sich später mit Gutta Rotsmann (nach Buttlar; nach der
Schenckschen Genealogie mit N. N.) und wohnte auf dem Schmitthof.
Schon im Jahre 1600 starb er.
— 169 —
hat Robert Cecil unterschrieben. Dieser widmete als
Staatsmann der Königin Elisabeth von England seine
Dienste. Er war der Sohn jenes Burleigh, den die Deut-
schen aus Schillers Maria Stuart kennen. König Jakob
von Schottland, dem Robert Cecil nach Elisabeths Tode
den englischen Thron verschaflFte, erhob ihn (1605) zum
Grafen von Salisbury.
Soviel über die Personen, die in dem Passe ge-
nannt werden.
Der große Wert eines solchen Ausweises und Em-
pfehlungsbriefes in der Fremde leuchtet von selbst ein.
Der deutsche Reisende Paul Hentzner war im Jahre 1598,
also kurze Zeit früher als die beiden Hessen, als Hofmeister
eines jungen Schlesiers in England; er erzählt'):
Sobald wir aus dem Schiffe stiegen, mußten wir dem
Notar des Ortes unsere Namen angeben. Vorher fragte
man uns erst, was für Geschäfte wir im Königreiche
hätten. Als wir antworteten, wir wären nur gekommen,
die Insel zu durchwandern, wurden wir in die Herberge
geführt und nach Landessitte gut und ansehnlich gehalten.
Der Abschied vom englischen Boden verlief etwas
anders. Hentzner berichtet darüber 2):
Bevor wir [in Dover] die Anker lichteten, wurde
jeder genötigt, seinen Namen anzugeben und Rechenschaft
abzulegen, weswegen er in England gewesen sei, und
wohin er abreisen wolle. Hierauf erhielten wir zwar Er-
laubnis zur Abfahrt, unsere Koffer wurden aber von den
dazu verordneten Beamten geöffnet und nach englischem
Gelde aufs sorgfältigste durchsucht. Denn über zehn Pfund
darf keiner aus dem Lande mitnehmen; was darüber ist,
zieht man zu Gunsten der königlichen Kasse ein.
Den meisten dieser Belästigungen werden Riedesel
und Schenck durch Vorzeigung ihres Passes entgangen
sein. Die wörtliche Übersetzung des Schriftstückes lautet:
Da die Inhaber dieses, Georg Riedesel und Rudolf
Schenck, Edelleute und Untertanen des Landgrafen von
Hessen, bewogen von dem ernsten Wunsche, der Königin
Majestät und dieses Reich zu sehen, vor einem Monate
hier angekommen sind und nun dringend wünschen, zu
ihrer weiteren Ausbildung nach Frankreich zu reisen zu
gleichem Ziel und Zweck, so wollen und verlangen sie
*) Itinerarium S. IIB.
«) A. a. 0. S. 362.
— 170 —
von euch allen und von jedem einzelnen unter euch, den
es betreflfen mag, nicht nur zu erlauben und zu dulden,
daß sie mit ihren drei Dienern, ihren Mantelsäcken und
anderm notwendigen Gepäck ruhig an euch vorübergehn
ohne irgend eine Hinderung oder Belästigung von euerer
Seite, sondern auch daß sie, wenn ihre Bedürfnisse das
erfordern, mit genügenden und geeigneten Postpferden
nach den Seeküsten versehen werden zu gebräuchlichen
und gewöhnlichen Preisen; und ferner daß ihr ihnen alle
Fügsamkeit und Höflichkeit beweist, die sie billiger und
menschenmöglicher Weise in eueren Landschaften ver-
langen können. Hierin versäumt nichts, da ihr für das
Gegenteil verantwortlich sein werdet.
Savoy^), am 1. September 1599.
Dieser Paß gilt für 20 Tage.
Ro. Cecyll.
An alle Bürgermeister, Friedensrichter, Seekapitäne,
Zollbeamte, Untersucher und Aufseher und alle anderen
Beamten und getreuen Untertanen ihrer Majestät, die es
angehn mag, und an jeden einzelnen von ihnen. — —
Der Übersetzung folge der ursprüngliche englische
Wortlaut.
Whereas the bearers hereof George Rydesell and
Rodolphe Shinke gent and subjects^) unto the lantgrave
of Hesse (moved with earnest desire to see the queenes
majestie and this realme) arrived beere a moneth sithence
and are nowe verie desirous (for there more experience)
to travaile into Frannce, to like ende and purpose: theise
are to will and require you and everie of you, whome it
maie concearne, not onelie to permitte and sufFre them
with theire three servants cloakebaggs and other necessarie
cariage quietlie to passe by you without any your lette
and molestacion: but allso (yf their occasions shall so
^) Schloß außerhalb der Altstadt London „in vico vocato le
Straund". Es hat seinen Namen von Peter von Savoyen, Grafen von
Richmond, dem es im Jahre 1246 verliehen wurde. Leslie Stephen,
Dictionary of National Biography 45, 59.
*) Aus subiects ist zu leichterem Verständnisse subjects ge-
macht; wo u in konsonantischem Werte stand, wie bei lantgraue, moued,
euerie, habe ich immer v geschrieben, auch die Abkürzungen aufgelöst,
sonst aber die Eigenheiten der Vorlage beibehalten. — Das Original
des Passes fand ich unter Urkundenabschriften, die ums Jahr 1800
angefertigt sind. Dem Herrn Besitzer danke ich auch an dieser Stelle
für die Erlaubnis zur Veröffentlichung.
— 171 —
require) to see them provided of sufficiant and able post-
horse to the sea costs at prizes usuall and accustomed,
and further to yeilde them all content and courtesie, that
they maie in reason and humanitie require at your landes.
Hereof falle ye not, as you will annswere to the contrary.
From the Savoye this firste of September 1599.^)
This pasport to serve for XX™ dais.^)
Ro. Cecyll.3)
To all maiors, justices of peace, capitaines at seas,
customers, searchers and conntrollers and all other her
majesties officers and lovinge subjects, to whome it may
appertaine, and to every of them.**)
^) Ort und Datum mit anderer Tinte.
') Dieser Satz ist von anderer Hand geschrieben ; die Bedeutung
der drei Striche hinter XX unsicher. Man könnte an eine 3 oder an
die Endung des Wortes twenty (ie) denken.
*) Eigenhändig.
*) Die Adresse wieder von der ersten Hand, die den Brief selbst
geschrieben hat.
Literatur.')
Vitae Sancti Bonifatii archiepiscopi Mogunti. Re-
cognovit Wilhelmus Levison (Scriptores rerum Germa-
nicarum in usum scholarum ex Monumentis Germaniae
historicis separatim editi). Hannoverae et Lipsiae, Hahn
1905. LXXXVI, 241 p. M. 5.
Die überaus dankenswerte Vermehrung der Oktav-
ausgaben unserer großen nationalen Quellensammlung
gereicht nicht zum wenigsten der landesgeschichtlichen
Forschung zum Vorteil. Vielleicht wird das von denjenigen,
die sich ihr widmen, noch nicht genug durch Benutzung
dieser billigen und bequemen Ausgaben anerkannt, obwohl
sie dem letzten Stande der Forschung viel mehr als die
älteren Ausgaben in der Folioreihe entsprechen. Für
Hessen reiht sich der Ausgabe der Annales Fuldenses
(ed. F. Kurze 1891) und der Werke Lamperts von Hers-
feld (ed. Holder-Egger 1894) die Ausgabe der Biographien
des Apostels Bonifaz an. Da so manche der mitgeteilten
sieben Schriften bisher nur in Bruchstücken veröffentlicht
^) Für diesen neuen Teil unserer Zeitschrift, zu dessen Vorbe-
reitung mir nur wenige Herbstwochen zur Verfügung standen, erbitte
ich das Interesse der Verleger, welche durch Zustellung der bei ihnen
erscheinenden in das Arbeitsgebiet des Vereins, fallenden Bücher, der
Geschichts vereine und Forscher, welche durch Übersendung ihrer Zeit-
schriften und durch Sonderabzüge die Reichhaltigkeit unserer Lite-
raturübersicht in dankenswerter Weise fördern können. Die Notizen
ohne Namensunterschrift stammen von dem Unterzeichneten. Ich er-
bitte nicht am wenigsten die Mitwirkung sachverständiger Mitarbeiter,
dabei muß das Ziel in erster Linie Berichterstattung, nicht Richtig-
stellung von Einzelheiten sein. Der Druck aller Besprechungen und
Notizen erfolgt künftig in Petit. Das Honorar ist nach Bogen bezw.
Seite dasselbe wie für die andern Teile der Zeitschrift.
Marburg a/L. Prof. Karl VVenck.
Bismarckstr. 32.
— 173 —
waren, so ist hier auch zuerst die Unterlage geboten, die
mittelalterUche Historiographie über eine so bedeutende
Persönlichkeit, wie es Bonifaz war, durch die Jahrhunderte
vergleichend zu verfolgen. Wie verschieden sind doch
der erste und der letzte der Biographen, deren Schriften
hier wiedergegeben sind, der Angelsachse ^) Willibald und
der Baier Otloh, der Priester, der bald nach dem Tode
des Bonifaz auf Bitten der Bischöfe LuUus und Megingoz
und nach ihren und anderer mündlichen Mitteilungen eine
Biographie schrieb, die, so wertvoll sie uns ist, in manchen
Teilen das erbauliche doch viel zu breit werden läßt, und
auf der andern Seite der Benediktinermönch des 11. Jahr-
hunderts, der auf Wunsch der Fulder Brüder, bei denen
er sich aufhielt, den biographischen Stoff nicht nur in einem
viel lesbareren Gewände wiedergab, sondern zugleich ihn
aus der Briefsammlung des Bonifaz wesenthch erweiterte
und damit überhaupt (wie A. Hauck, Kirchen geschichte
Deutschlands III ^ (1906) S. 946 sagt) „die erste haupt-
sächlich auf urkundlichem Material beruhende Biographie
geschaffen hat, die es gibt". Ich muß es mir versagen,
den Vergleich zwischen diesen beiden Biographen hier
weiter auszuspinnen. Der erstere hat uns ja für die
historische Erkenntnis seines Helden unendlich viel mehr
geboten als Otloh, da dessen Quellenmaterial uns auch
anderweitig überliefert ist, aber die nock in anderen Schriften
ausgeprägte schriftstellerische Persönlichkeit Otloh's ist
unzweifelhaft von großem Interesse.
Von Otloh's Buch, welches die Hälfte des vorliegenden
Bandes füllt, waren bisher nur die Vorrede und einige Aus-
züge gedruckt. Willibald's Biographie ist zum ersten Mal
auf Grund systematischer Benutzung der Handschriften
(ich zähle 41) wiedergegeben, und zum ersten Male ist der
ältesten (Freisinger) Handschrift des 9. Jahrhunderts, welche
allen anderen isoliert mit dem Anspruch größerer Zuver-
lässigkeit gegenübersteht, ohne doch die Besserung aus
jenen entbehren zu können, die ihr gebührende Stelle für
die Herstellung des Textes eingeräumt worden.^)
Recht merkwürdig für die Denkungsweise eines
braven Bischofs in der Zeit des Verfalls von Kirche und
^) Seine angelsächsische Nationalität ist dem Herausgeber durch
Ed. Schröder unter Hinweis auf die treue Erhaltung der angel-
sächsischen Namensformen nachgewiesen worden.
*) Eine deutsche Übersetzung von Willibalds Biographie findet
sich in den „Geschichtsschreibern der deutschen Vorzeit 8. Jahrhundert
Bd. 2" von Wilh. Arndt Berlin 1863. 2. A. Leipz. 1888.
— 174 —
Reich ist die kurze Biographie von Radbod, Bischof von
Utrecht (899 — 917). Sehr hübsch vergleicht er einmal das
Leben der rings von Wasser umgebenen Friesen mit dem
der Fische. Begreiflicher Weise prägt sich in einer (der 4.)
Biographie der erzbischöflich-mainzische Standpunkt aus,
wie in der Otloh's der Fuldische, jener im Gegensatz
zum Papst, dieser im Gegensatz zu den Bischöfen.
Nur in der Vorrede besprochen ist die sogenannte
Legenda patroni Germaniae sancti Bonifacii, ein spätes
thüringisches Machwerk, das doch nach manchen Be-
ziehungen von großem Interesse ist. Der Herausgeber
hat nicht klar gesehen. Schon der Eisenacher Stadt-
schreiber Johann Rothe hat in die ältere noch ungedruckte
Rezension seiner Chronik, die um das Jahr 1419 verfaßt
sein wird, eine wohl von ihm selbst besorgte deutsche Be-
arbeitung der Legende aufgenommen, wie die Gothaer
Hs. B. Nr. 180 vom Jahre '1487 fol. 182-190 bezeugt.
Levison und die von ihm angezogenen Gewährsmänner
haben die bezüglichen Bemerkungen von F. Bech und
A. Witzschel in ihren Aufsätzen über Joh. Rothe (Ger-
mania, Vierteljahrsschrift 6 [1861] S. 259 und 17 [1872]
S. 167) nicht berücksichtigt. Das Alter der lateinischen
Legenda, die also nicht erst dem 16. Jahrhundert, sondern
vielleicht schon dem 14. angehört, bleibt festzustellen, und
zweifellos lohnt es über die Entstehung und die weitere
Geschichte des Schriftchens, das in großen Teilen den
Charakter einer Beschreibung Thüringens, seiner Grenzen
und Rechtsverhältnisse trägt, Aufklärung zu schaffen.
Aber im Rahmen dieses Bändchens durften wir es nicht
erwarten.
Die sachlichen Anmerkungen des Herausgebers ver-
dienen alles Lob. Der hessische Geschichtsforscher wird
mit Befriedigung mehrere Beiträge aus hessischen Zeit-
schriften bezw. von hessischen Gelehrten, welche in den
letzten Jahren erschienen, benutzt finden. Ich führe sie
zum Schluß hier an: Walther Köhler, Dettic und
Deorulf [die pseudochristlichen Häupter von Amöneburg]
in den „Mitteil, des oberhess. Gesch.- Vereins" N. F. 10
(1901) S. 120—4. Walther Köhler, Bonifatius in
Hessen und das hessische Bistum Buraburg in „Zeitschrift
für Kirchengeschichte" 25 (1904) S. 198—223, endlich:
Michael Tangl, Das Todesjahr des Bonifatius, in unserer
Zeitschr. N. F. 27 (1903) S. 223—50.
Marburg, Karl Wenck.
— 175 —
Romanische Bauwerke in Niederhessen. Mit 24
Zeichnungen von Ernst Happel, Ingenieur. Kassel,
C. Vietor, 1906. 110 SS: 8^ M. 1,50.
Die vorliegende Schrift des durch seine Forschungen
über die Burgen und mittelalterlichen Befestigungsbauten
in Nieder- und Oberhessen bekannten Verfassers beruht
in ihren kunstgeschichtlichen Abschnitten vorwiegend, oft
unter wörtlicher Anlehnung, auf den von Dehn-Rothfelser
und Lotz bearbeiteten Baudenkmälern im Regierungsbezirk
Kassel, während die rein geschichtlichen Angaben meist
Landaus Beschreibung des Kurfürstentums Hessen ent-
nommen sind. Gleichwohl sind diese nicht immer richtig,
vielfach zu knapp oder auch zu breit geraten. Wertvoll
bleiben die auf grund eigener Anschauung durch Zeich-
nungen erläuterten Beschreibungen, die unsere Kenntnis
erweitern. Allerdings sind die Zeichnungen teilweise recht
ungleichartig (Kugelburg und Germerode!) und dürftig,
so daß man sich Wiedergaben nach guten Photographien
wünschte. Zur Festlegung bautechnischer und besonders
charakteristischer Einzelheiten bliebe dem Zeichenstift immer
noch genug vorbehalten.
In der Einleitung behandelt der Verfasser die Aus-
breitung des romanischen Baustiles in Deutschland bis
etwa zum Jahre 1250 (S. 9 — 15) und gibt nach den „Bau-
denkmälern" eine Beschreibung der 822 geweihten Michaels-
kirche in Fulda (S. 16—18). Beachtung verdient die Kloster-
kirche in Breitenau (S. 21 — 31), an der die Einwirkung
der Hirsauer Bauschule deutlich zu erkennen ist. Den
Hinweis auf Hirsau vermißt man jedoch bei der Lippolds-
berger Kirche (S. 49—53). Von dem Kloster Burghasungen,
wo gleichfalls Hirsauer Mönche tätig waren, hat sich nur
ein Rest des Kirchturms erhalten. Weitere romanische
Kirchtürme stehen noch in Ehlen und Niederelsungen
(S. 39—41), während die Kugelburg bei Volkmarsen (S. 42
und 43) das einzige erhaltene Profanbauwerk romanischen
Ursprungs ist. Einzig ihrer Art bleibt die der Grabes-
kirche in Jerusalem täuschend ähnliche Kirche auf der
Krukenburg bei Heimarshausen (S. 45—48). Die alte
Klosterkirche in Wilhelmshausen (Walshausen) ist wieder-
hergestellt; ein im Bauschutt aufgefundener Taufstein hat
in der nördlichen Seitenapsis einen Platz gefunden (S. 54—59).
Die herrliche Stiftskirche S. Petri in Fritzlar findet ent-
sprechend ihrer Bedeutung eingehende Würdigung (S.
60 — 77), doch vermißt man eine Gesamt-Choransicht —
— 176 —
ähnlich der dem Führer durch Fritzlar von Christian Rauch
beigegebenen schönen Bickellschen Aufnahme — , einen
Hinweis auf ähnliche Formen an Wormser Kirchen und
die prächtigen romanischen Stücke des Kirchenschatzes.
Doch scheint der Verfasser diese Kunsterzeugnisse in
seinem Buche grundsätzlich auszuschließen, da er auch
den Lippoldsberger Taufstein nicht erwähnt.
Im folgenden beschreibt der Verfasser (S. 78 — 91):
die Liebfrauenkirche in Hofgeismar (die beiden im Tym-
panon des Westportals angebrachten Buchstaben sind
doch wohl als A und ß, nicht A A zu deuten), den Turm
der Stadtkirche S. Nicolai in Melsungen, die Reste der
Klosterkirche Eppenberg, die Friedhofskapelle in Felsberg,
die Kirche in Mörshausen, die Klosterkirche in Oberwerba,
romanische Teile der Klosterkirche in Haina, die Kirche
in Viermünden, den Kirchturm in Ronshausen, den Wohn-
turm der Gil&ischen Burg in Ropperhausen, den Rest einer
Kapelle auf Niedenstein (in den „Baudenkmälern" fehlend),
die Klosterkirche in Merxhausen und den Kirchturm in
Frommershausen.
Mit einer ausführlichen Schilderung der Kirche in
Germerode und des verwahrlosten Klostergebäudes (S.
92—98), der später dem Deutschen Orden gehörigen Kloster-
kirche in Reichenbach (S. 99) und der Kirche samt der
Kapelle des Klosters Oberkaufungen (S. 100 — 105) endigen
die Einzelbeschreibungen, denen sich noch ein Rückblick
über die aufgezählten Kirchenanlagen und die darin vor-
kommenden Pflanzen- und Figurendarstellungen anschließt.
Wenn auch das Buch uns viel Neues nicht bringt,
so wird es doch als Führer, der Bekanntes zusammenfaßt
und ergänzt, seinen Zweck nicht verfehlen. Möge es recht
viele anregen und begleiten auf ihren Burgen- und Kloster-
fahrten in Niederhessen.
Marburg, Wilh. Dersch.
Schlager, P«, 0. F. M., Beiträge zur Geschichte der köl-
nischen Franziskaner-Ordensprovinz im Mittelalter.
Köln, J. P. Bachern. 1904:. X, 304 S. M. 3,60, geb. 4,80.
EubeL K.9 0. F. M., Geschichte der kölnischen Minor iten-
Ordensprovinz (Veröffentlichungen des Hist. Ver. für den Nieder-
rhein I), Köln, J. u. W. Boisser^e's Buchh. 1906, IV, 332 S. M. 7.—.
Beide Verfasser sind Franziskaner, E. ist Generaldefinitor der
Minoritenkonventualen in Rom, Schlager deutscher Observant. In
ihnen sind also die beiden Richtungen vertreten, in die sich beim
Ausgange des Mittelalters die Stiftung des hl. Franz von Assisi ge-
— 177 —
spalten hat. Gegenüber den Milderungen der alten Ordensregel, wie
sie mit päpstlicher Erlaubnis und durch laxe Handhabung sich ein-
geschlichen hatten, erhob sich innerhalb und außerhalb des Ordens
eine Bewegung, die auf strengere, mehr buchstäbliche Beobachtung
der alten Regel drang. Die Mehrzahl der Konvente nahm diese sog.
„Observanz" an und nannte sich danach Observanten, eine kleine
Minderheit, die indessen im Laufe der Zeit wieder erstarkte, blieb als
Minoritenkonventualen bestehen. Schi, hat nun als Observant vorzugs-
weise die Geschichte derjenigen Klöster behandelt, die zu den Obser-
vanten übergegangen sind. In Hessen sind das alle mit Ausnahme
von Fritzlar, das deshalb das einzige Kloster ist, das auch bei E., der
nur mit den ,.Konventualen" sich beschäftigt, eine sorgfältigere Dar-
stellung gefunden hat. E. geht bis zur Neuzeit, Schi, dagegen nur
bis zum Ende des Mittelalters (1517), weitere „Beiträge" sind von ihm
zu erwarten. Eine gehaltreiche Besprechung Schl.'s durch Eubel
brachte das Hist. Jahrb. XXV, 861, ich beschränke mich im folgenden
bei beiden Arbeiten auf das, was sie für Hessen enthalten. Beide
bringen namentlich aus bisher unbekannten Archivalien ihrer Orden
eine Fülle neuen Materials auch für Hessen, sodaß niemand, der über
hess. Kirchengeschichte schreibt, daran vorübergehen kann. Dagegen
ist die vorhandene Litteratur nicht von E., wohl aber von Schi, fast
vollständig unbenutzt geblieben, wie ihm selbst nicht ganz unbewußt
zu sein scheint (IV). Es ergibt sich daher für den Ref. die Notwendig-
keit, auf diese Lücken hier im Interesse hessischer Geschichtsforschung
nachdrücklich im einzelnen hinzuweisen. Auch die hessischen Archive
sind wohl bei E., dagegen nicht bei Schi, herangezogen.
Im lahre 1219 hatte der hl. Franz von Assisi zuerst seine Brüder
vergebens nach Deutschland gesandt, 1221 zogen sie mit mehr Glück
abermals dahin, an ihrer Spitze der erste Provinzial von Deutschland
Cäsarius von Speyer, in Worms, Mainz, Speyer und Köln ließen sie
sich nieder. Bald hatte sich die Stiftung des hl. Franz in Deutschland
schon so ausgedehnt, daß schon 1230 zur Teilung der deutschen Pro-
vinz in eine rheinische mit den Kustodien Schwaben, Elsaß und Köln
und eine sächsische Provinz geschritten wurde.
In diese Zeit fallen auch die ersten Gründungen der „Barfüßer"
in Hessen. Die erste Niederlassung scheint Marburg gewesen zu
sein. Die hl. Elisabeth fand 1228, als sie nach Marburg kam, dort
eine kleine Kirche und „convent, dar worin dry adder vire barfufen
brudere inne". So erzählt es uns Gerstenberg.*) Ich hätte wichtige
Gründe für die Wahrheit dieser Nachricht anzuführen, wenn nicht
der Raum es verbieten würde ; was dagegen gesagt wird, halte ich
nicht für stichhaltig. Die Darstellung bei Schi, freilich ist unklar, er
verwechselt mit Hueber den Klosterbau zu Eisenach mit Marburg, den
alten Konvent, wie er heute noch größtenteils steht und wie ihn der
verew. Bickell 1883 (S. 33 ff.) in so klassischer Form beschrieben hat,
mit der von der hl. Elisabeth selbst erbauten Hospitalskapelle S. Fran-
cisci und endHch mit dem später nach Überweisung des Franziskus-
hospitals an den deutschen Orden erbauten Kloster am Barfüßertor,
das auch jetzt noch teilweise erhalten ist und von dem wir noch
hübsche alte Abbildungen von Dilichs Meisterhand besitzen. Dank-
1) Prof. Wenck macht mich darauf aufmerksam, daß Diemar in
seiner noch nicht veröffentHchten Ausgabe von G.'s Landeschronik in
dieser Erzählung im Gegensatz zu K. Heldmann (Zeitschr. N. F. 30, 14)
eine Marburger Nachricht vermutet.
N. F. BD. XXX. 12
— 178 —
bar zu begrüßen wäre es, wenn Schi, den für die Erbauung dieses
Hauses gewährten, bisher unbekannten Mainzer Ablaßbrief mitteilen
wollte. Die gehaltvollen Aufsätze von Bücking zur Geschichte dieses
Klosters (insbesondere dessen „Geschieh tl. Bilder aus Marburgs Ver-
gangenheit", Marburg 1901, S. 57 ff.), das später in interessante dog-
matische Streitigkeiten mit den Dominikanern verwickelt wurde, hat
Schi, leider nicht benutzt.
Im Jahre 1229 sollen die Häuser zu Fritzlar, Hersfeld und Hof-
geismar gegründet worden sein. In Fritzlar sind die Minoriten auch
schon 1236 urkundlich nachzuweisen. Schi, muß für Fritzlar ganz
hinter E. zurückstehen, zumal ihm die Literatur, Avie Falkenheiner,
Gesch. hess. Städte u. Stifter 1841/42, unbekannt blieb. E. dagegen
hat unsere Kenntnis von der Niederlassung in Fritzlar aus Archivalien
des Petersstifts, der Stadt, des Wiener und Würzburger Archivs und
aus Urkunden und Akten dieses Klosters selbst, die sich jetzt z. T.
beim Petersstift, z. T. im Franziskanerkloster zu Fulda befinden, ganz
erheblich gefördert.
Recht wenig wissen wir auch jetzt immer noch von dem
Minoritenkloster in Hersfeld, das doch schon 1229 gegründet sein
soll, aber immerhin soviel, daß wir nun die oberflächlichen Be-
merkungen von Piderit entbehren können. 1301 wird das dortige
Kloster zuerst urkundlich erwähnt.
Das angeblich zur selben Zeit gegründete Kloster zu Hof-
geismar .(Geismar) wurde, wie urkundhch erwiesen ist, 1238 ein-
geweiht. Über Hofgeismar war indessen Falkenheiner, den Schi, nicht
kennt, schon besser unterrichtet als dieser. Zeithch folgen jetzt die
Gründungen zu Fulda und Göttingen.
Das Kloster zu Fulda wurde nach einer von Schannat (Dioec.
et hier. Fuld. prob. nr. 54 p. 274) veröffentlichten Urkunde 1238 ge-
gründet. Schi, scheint diese Urkunde nur aus dem wertlosen Aufsatze
von Schmitt zu kennen, da er dessen unbewiesene Behauptung über-
nimmt, die Minoriten seien von Marburg her nach Fulda gekommen.
Göttingen erhielt nach franziskanischer Tradition 1246 die
ersten Minoriten, 1307 sind sie dort urkundlich bezeugt. Später
scheint die Niederlassung zu Grünberg entstanden zu sein, 1285
wird sie zuerst erwähnt. Schi, kennt auch hier die Literatur (Wagner,
Geistl. Stifte i. Großh. Hessen I, 1873) nicht, kommt aber diesmal doch
darüber hinaus. Über die von Kuchenbecker (lllibata Hassorum
religio. S. 34) allein behauptete Existenz eines Minoritenkonvents zu
Grebenstein um 1455 findet sich auch bei Schi, nichts, man tut
gut, vorläufig der Nachricht Kuchenbeckers gegenüber sich recht
skeptisch zu verhalten.
Die Klöster Fritzlar, Fulda, Gottingen, Hersfeld, Hofgeismar und
Marburg, deren Vorsteher Guardiane genannt wurden, bildeten zu-
sammen innerhalb der rheinischen Provinz die Kustodie Hessen.
Als custos fratrum minorum per terram Hassye wird zuerst 1289 fr.
Heydenricus genannt, der anscheinend dem Marburger Konvente an-
gehörte, doch besaß darin kein Konvent ein Vorrecht. Zwei Provinzial-
kapitel wurden auf hessischem Boden abgehalten, eines 1315 zu Fulda
(Schi. 151), ein anderes ca. 1405 in Marburg (E. 5). Unter den
rheinischen Provinzialen scheint nur ein Hesse zu sein: Hermann
von Mardorf. Das erste Ideal vollkommener Armut, wie es der Stifter
des Ordens aufgestellt hatte, mußte unter den Verhältnissen des prak-
tischen Lebens immer mehr von seiner Strenge verlieren. Papst und
Orden sahen sich genötigt, wenigstens Kaufen, Verkaufen und Tauschen
— 179 —
der notwendigen Dinge zu gestatten, doch wurde für diese Funk-
tionen das Institut der Laien -Prokuratoren geschaffen. Schi, ist in
der Lage, das Ernennungsdekret für die Marburger Prokuratoren mit-
teilen zu können. Der „Konservator" der Minonten, Bischof Eberhard
von Münster bestellte dazu 1282 auf Weisung des „Kardinalprotektors"
der Minonten Matteo Rosso Orsini die Bürger Ludwig und Heinrich
von Fronhausen (Ludwig wird als Schöffe und Bürgermeister dort
fenannt), Konrad Wurstebendel (Schöffe daselbst) und Cuniperus (?)
lecker (Pistor). Bei Schi, sind diese Namen gänzlich entstellt. Für
das Verständnis der Bettelorden gehört ferner die Kenntnis des
Terminierens zum Wichtigsten. Ihre Brüder durchzogen predigend
und Almosen sammelnd das Land. Allmählich bildeten sich bestimmt
abgegrenzte Bettelbezirke heraus, deren Mittelpunkt gewöhnlich eine
j.Terminei", ein Haus war, in dem der Terminierer wohnen und das
uesammelte aufbewahren konnte. Eine solche Barfüßerterminei war
ohne Frage in Kassel, von einem Kloster daselbst kann keine Rede
sein, sodaß die an die Urkunde von 1829 (gedr. v. Lennep, Cod. prob.
1768, nr. 224) geknüpften Bemerkungen hinfällig sind. Die Marburger
Barfüßer besaßen eineTerminei zu Frankenberg, ihr Bruder predigte
dort nach Gerstenberg in der Fastenzeit jeden Donnerstag. Terminieren
und Predigen sind auch sonst untrennbar mit einander verbunden.
Dieser Terminiertätigkeit hätte in den besprochenen Werken mehr
Aufmerksamkeit gewidmet werden sollen, wenn sich auch von den
meisten Termineien jede Nachricht verloren hat. Denn in der Predigt
.und den übrigen Zweigen der Seelsorge liegt ja die Bedeutung der
Bettelorden für das Mittelalter. Wirtschaftlich bedeuten sie infolge
ihrer Armut nichts, deswegen sind auch ihre Archive so unbedeutend.
Ihre Bibliotheken, von denen wir die Marburger noch zum größten
Teil besitzen (s. Zedier, Gesch. der Univ.-Bibliothek zu Marburg (1896)
S. 4, 7, 22), bestehen dagegen vorzugsweise aus Predigtbüchern und
anderen theologischen Werken.
Eine besondere Einrichtung des Franziskanerordens sind die
Tertiarier, Laien, die in der Welt nach einer gewissen gemilderten
Ordensregel leben. Es gab indessen auch klösterliche Konvente nach
dieser Regel, sogen, regulierte Tertiarier. In Hessen bestanden solche
Tertiarierkonvente zu Meiderdorf bei Frankenberg seit 1494 (Gersten-
berg), zu Grünberg seit 1444 (Wagner I, 244) und Marburg (vor 1442
Bücking, Wegweiser d. Marburg 1891, S. 58), Tertiarierinnen seit 1467
in Fulda (Schannat, dioec. et hier. Fuld. 229), Marburg (Bücking S. 46)
und nach Würdtwein (abbatia Ilbenstadt, Mainz 1766 S. 3) auch in
Kassel. Dagegen beruht die Nachricht bei Rommel (G. v. Hessen III
Anm. 281) von Tertiarierinnen in Grünberg auf einer Verwechslung
mit den Augustin er innen bei St. Paul (Wagner I, 82). Die Franszis-
kanerinnen zu Marburg waren das letzte Kloster, das ein Privileg von
Landgraf Philipp erhielt. Schi, kennt keinen dieser Tertiarierkonvente.
Als am Ausgang des Mittelalters die oben gekennzeichnete Be-
wegung der „Observanz" ihren Zug durch Deutschland nahm,
stellte sich besonders auch Landgraf Wilhelm d. J. in den Dienst dieser
Bestrebungen. Mit welcher Schärfe dabei diese Politik, mit der auch
der allgewaltige Hofmeister Hans von Dörnberg eng verknüpft war,
sich rücksichtslos durchsetzte und wieviel Sympathien der städtischen
Bevölkerung dabei noch auf Seiten der verdrängten Konventualen
standen, erfahren wir aus einer Reihe ungemein interessanter Akten-
stücke, den Konvent zu Marburg betreffend, die Schi, hier zum ersten
Mal veröffenthcht hat. Sie würden indessen erst ins rechte Licht
12*
— 180 —
gesetzt, wenn dazu auch das sonstige Material, vor allem die Stücke
benutzt worden wären, die in den Deduktionsschriften Hessen contra
Deutscher Orden abgedruckt sind. Voraussichthch wird die von der
Hist. Kommission f. H. u. W. angekündigte Arbeit von Wilh. Dersch
sich damit beschäftigen. Alle hessischen Klöster mit Ausnahme von
Fritzlar gingen an die Observanten über, Fritzlar wohl nur deshalb
nicht, weil Mainz weniger scharf drückte wie Hessen und die Bürger-
schaft den Konventualen wohlgesinnt war (Schi. 304). Von den Obser-
vanten wurde damals unter Mitwirkung der Grafen von Waldeck das
Kloster C o r b a c h neu gegründet. Schi, kennt auch hier die Literatur
nur ungenau — V. Schultze, Waldeckische Reformationsgesch. Leip-
zig 1903 hat er nicht berücksichtigt, vgl. auch Leiß, Geschichtsbl. f.
Wald. u. Pyrm. III, 34 — , dagegen scheint ihm hier wie auch für
Marburg wichtiges ungedrucktes Material, wie Memorienbücher, vor-
gelegen zu haben; zu bedauern bleibt nur, daß der Aufbewahrungs-
ort oft nicht mitgeteilt wird. Bekannt ist die vielfach betätigte wohl-
wollende Gesinnung der Landgräfm Anna (v. Mecklenburg) gegen die
Observanten, die 1523 die von Langensalza verdrängten Barfüßer in
Rotenburg aufnehmen wollte (G. Schenk z. Schweinsberg in d.
Festschr. d. hist. Ver. f. d. Großh. Hessen 1904, S. 106). Auch politisch
spielte damals nach dem Chronisten Nuhn ein Observant Hermann eine
Rolle (Glagau Anna v. H. 1899, S. 11).
Die Vorgänge bei der Säkularisierung der Klöster haben bei
Schi, noch keine Stelle gefunden, da er mit 1517 abschließt. Ich ver-
weise hierzu für Marburg insbesondere noch auf die Schrift von L.
Schmitt (Freiburg in B. 1896) über den letzten Vorkämpfer des Katho-
lizismus in Hessen Nikolaus Ferber von Herborn und einige Notizen,
die Ref. in Bd. XXVIII, 341 ff. dies. Zeitschr. gebracht hat. Das weitere
Fortleben der Franziskaner in P r i t z 1 a r entbehrt größerer Bedeutung ;
bei ihnen fanden die katholischen Landgrafen von Rotenburg ihre
letzte Ruhe. Der Konvent fristete ein trauriges Dasein, da ihm das
Terminieren naturgemäß sehr schwer war. Die Versuche der Obser-
vanten und Minoriten, auf Grund des Restitutionsedikts von den alten
Häusern wieder Besitz zu ergreifen, kann ich füglich übergehen, da
ein Aufsatz von Wilh. Dersch in diesem Jahrgange der Zeitschr. sich
damit beschäftigen wird. Die nicht zur rheinischen Ordensprovinz
gehörigen Niederlassungen zu Friedberg, Gelnhausen, Butzbach und
Berbach blieben hier selbstverständlich unberücksichtigt.
In beiden Büchern finden sich endlich noch viele interessante
Beiträge zur Geschichte des Erzbischofs Landgraf Hermann von Köln,
des Kölner Weihbischofs und Marburger Bürgersohns Johann Spender,
zum Auftreten des Kardinallegaten Raimund Peraudi und zum religiösen
und wissenschaftlichen Leben im Franziskanerorden. Alles in allem
bieten Schi, wie E. eine Fundgrube wichtiger neuer Nachrichten,
hoffentlich zeigen die folgenden Beiträge von Schi, aber auch mehr
Beherrschung der Literatur wie diese.
Marburg. Albert Huyskens.
Crnst Lejeune, Die Münzen der reichsunmittelbaren Burg
Friedberg in der Wetterau. Mit zwei Lichtdrucktafeln.
Berlin, Verlag der „Berliner Münzblättter" 1905. 52 SS.
gr. 8^ M. 4.
Herr Ernst Lejeune in Frankfurt a. M. besitzt — neben
vielen anderen schönen Münzserien — seit einiger Zeit
— 181 —
auch eine Sammlung von Friedberger Geprägen, wie sie
schwerlich anderwärts im Privatbesitz existiert. Er hat
seine Kenntnis durch Umschau und Umfrage bei einer
Reihe von Münzkabinetten und Sammlern erweitert, auch
gedruckte und ungedruckte Akten herangezogen, und ist
so in der Lage, ein weit vollständigeres und zuverlässigeres
Verzeichnis zu liefern, als es 1862 Leitzmann in der Numis-
matischen Zeitung und neuerdings unser Landsmann Paul
Weinmeister in Leipzig in den Blättern für Münzfreunde
(1903) zu bieten vermochte. Daß es noch immer der
Ergänzung fähig und bedürftig ist, weiß der Verfasser
sehr wohl: insbesondere ist solche aus Darmstadt zu er-
warten, wenn erst das reiche Münzkabinett des Groß-
herzoglichen Museums nach Abschluß der Neuordnung
zugängUch gemacht sein wird. Der gesicherten Typen
sind es einstweilen annähernd 90 — die Zahl 101, auf
welche die Nachträge gelangen, ist dadurch irreführend,
daß hier auch die später aufgefundenen Varianten bekannter
Typen eine eigene Nummer erhalten haben.
Das Münzprivileg der Burggrafschaft rührt aus
dem Jahre 1541 her und ist 1660 und abermals 1707 vom
Kaiser bestätigt worden. Man hat aber erst im Jahre
1569, zunächst zur Ausprägung* von Schüsselpfennigen,
davon Gebrauch gemacht — die letzte Friedberger Münze
ist ein Taler mit der Jahreszahl 1804. Münzstätte der
Burggrafen ist Friedberg im 16. und 17. Jahrhundert ge-
wesen, die Gepräge des 18. und 19. Jahrhunderts (im ganzen
freilich nur 6 und ein Probestück) sind in Clausthal, Nürn-
berg und Frankfurt a. M. hergestellt. Als Münzherren
kommen die folgenden Burggrafen in Betracht, denen ich
die Jahreszahlen ihrer datierten oder datierbaren Münzen
in runden resp. eckigen Klammern beifüge.
1. Johann Brendel von Homburg [1569].
2. Johann Oyger Brendel von Homburg (1570.
1573—1576).
3. Johann Eberhard von Cronenberg (1590—1595).
4. Ccmrad Low von Steinfurt (1618—1623).
5. Wolfgang Adolf von Garben (1657—1658).
6. Hans Eitel Diede zum Fürstenstein I (1679—1680.
1682—1684).
7. Philipp Adolph Rau von Holzhausen (1685—1686.
1688. 1690).
S. Hans Eitel Diede zum Fürstenstein II (1747).
9. Franz Heinrich von Dalberg (1766).
— 182 —
10. Johann Maria Rudolf Graf Waldbott von Bässen-
heim (1804).
Zwischen 7 und 8 fallen fünt Burggrafen als völlig
münzlos aus, zwischen 8 und 9 einer.
Es sind neben wenigen Goldgulden und einem ver-
einzelten Schaustück in Gold lauter Silbermünzen. Vom
Schüsselheller hinauf bis zum Doppeltaler sind zahlreiche
Münzgattungen vertreten: Kreuzer und Halbbatzen
oder Albus, Dreikreuzer oder Groschen, Sechskreuzer oder
Doppelgroschen, Zwölfkreuzer oder Dreibätzner, Vier-
teltaler und Testons, Zwanzigkreuzer , Halbgulden und
Halbtaler, Gulden, Taler und — als besondere Rarität in
Kasseler Privatbesitz — eine Anderthalbtaler-Klippe. Die
Einordnung der Gußmedaille Nr. 53 auf Caspar Lerch
unter die Friedberger Münzen scheint mir nicht motiviert.
Das Münzbild ist ziemlich mannigfaltig: den Revers
freilich beherrscht der doppelköpfige Reichsadler, aber im
Avers treffen wir neben dem zweiteiligen und vierfeldigen
Wappen der Burg, das vorwiegt, auf den größeren Stücken
den heiligen Georg als Drachentöter, zu Fuß und zu
Roß, auf kleineren gelegentlich das Porträt des Burg-
grafen (Philipp Adolph Rau zu Holzhausen auf Doppel-
groschen von 1688) sowie den an Bamberg erinnernden
Löwen mit dem Querbalken der Freigrafschaft Kaichen
(Albus von 1657. 1658). Den geharnischten Reiter des
Talers von 1688 (Nr. 74) möchte ich nicht ohne weiteres
als den Burggrafen ansprechen, sondern eher auf ein
Mißverständnis des Stempelschneiders zurückführen, der
dann auf dem Taler von 1690 (Nr. 75) den berittenen
S. Georg besser zur Darstellung brachte. Eine Eigentüm-
lichkeit der größeren Friedberger Münzen bildet, abgesehen
von dem mit dem Friedberger bald vereinigten, bald kon-
kurrierenden Wappen von Kaichen, die Anbringung des
Schildchens der Frau Burggräfin gegenüber dem des
Gatten: so bringt ein Halbgulden und der Gulden von
1674 das Wappen einer geborenen v. Buttlar, die Taler
von 1688 und 1690 geben das Wappen einer Hertings-
hausen, Gulden und Taler von 1747 das einer Freiin von
Degenfeld, alle drei Münzen von 1766 das gräflich Elt-
zische, schließlich der Taler von 1804 das gräflich Nessel-
rodische Wappen.
Einzelne Friedberger Münzen sind im Handel stets
billig zu haben, so besonders die in zahlreichen Varianten
vorliegenden Halbbätzner des 16. und die ebenso massen-
— 183 —
haft ausgeprägten Gulden des 17. Jahrhunderts. Auch
die Stücke von 1747, 1766 und 1804 sind für den mäßig
begüterten Liebhaber noch immer erschwinglich. Andere
Sachen freilich, insbesondere die Goldmünzen und die
kleinen und großen Klippen gehören zu den teueren Ra-
ritäten. Den technisch wohlgelungenen Lichtdrucktafeln
muß ich den Vorwurf machen, daß sie sich in der
Hauptsache auf die Seltenheiten beschränken und viele z. T.
charakteristische z. T. schöne Stücke bei Seite lassen: Zu
den letzteren rechne ich besonders die von Oexlein ge-
schnittenen und in Nürnberg geprägten Münzen von 1766.
Wenn Herr Lejeune durch den Erfolg dieses tüchtigen
Vorläufers ermutigt, Friedberg die Treue hält und uns
später einmal ein vollständiges Münzwerk beschert, dann
dürfen wir wohl auf Abbildung sämtlicher typischen Re-
präsentanten rechnen.
In dem beschreibenden Verzeichnis der Münzen hat L.
viele alte Irrtümer beseitigt und unsichere oder unwahr-
scheinliche Angaben der älteren Litteratur als solche mar-
kiert. Die Unterscheidung der Varianten ist nach dem
bewährten Vorbild und Schema Grotes auf die Legenden
und ihre Interpunktion basiert und hat mir, wo immer
ich aus meinem eigenen kleinen Bestände nachprüfen
konnte , den Eindruck großer Sorgfalt und Sauberkeit
gemacht. Von dem Gulden von 1675 (Nr. 59 und Nr 98)
besitze ich eine Variante, die sich in der Hs. mit i k 1 n
zu decken scheint, auf der Rs. aber D. G (ohne Schluß-
punkt) und SA • (ohne Trennungspunkt) aufweist.
Nicht ganz so zuverlässig und sachkundig sind die
Beschreibungen der Münzbilder: bei Nr. 74 stehen die
Buchstaben C— B nicht auf den ^letzten Schwanzfedern des
Adlers', sondern auf den letzten Flügelfedern; das vier-
feldige Diedische Wappen auf den Gulden von 1674 — 1676
zeigt nicht, wie S. 46 unten behauptet wird, *zwei Zweige
(oder Lilien) einander gegenübergestellt', sondern diese
Schildviertel 2. 3, die weißen (silbernen), sind einfach
damasciert! Bei den Halbbatzen des Cronenbergers ist die
auffallende Form des Burgwappens, die ich auf den mir
durch die Hände gegangenen Exemplaren von 1591 ge-
funden habe: zwei Zinnentürme gegenüber sonst drei
meist gedeckten Türmen, nicht erwähnt.
Das Verzeichnis der Friedberger Gepräge wird ein-
geleitet und unterbrochen durch verschiedene Parerga und
Prolegomena. Dankenswert und interessant sind die Aus-
— 184 —
Züge aus Probations- und Prozeßakten, überflüssig und
zudem erst aus zweiter Hand geschöpft ist einmal das
Verzeichnis der unserer burggräflichen Münzgeschichte
vorausliegenden älteren Friedberger Burggrafen (S. 6 f.),
das sich schon jetzt aus dem ersten Bande des (1904 er-
schienenen!) Urkundenbuches der Stadt Friedberg mehr-
fach berichtigen ließe — und dann die Vorführung der
3 — 4 aus Friedberg stammenden wetterauischen Denare
kaiserlichen Schlags. Herr Lejeune weiß natürlich so gut
wie ich, daß sie mit der vierthalb Jahrhundert später be-
ginnenden Münzgeschichte der Burg Friedberg nichts zu
tun haben — also wozu durch ihre Voranstellung das
einheitliche Bild stören !
Oöitingen. Edward Schröder,
Gustav NoU, Otto der Schütz in der Literatur (Tübinger
philosophische Inaugural-Dissertation). Strassburg, K.
J. Trübner 1906. 143 SS. 8°. M. 3.50.
Die Anregung zu der vorliegenden Monographie habe
vor Jahren ich selbst in Marburg gegeben, und meine
Bücherei konnte dem Verfasser die eine und die andere
literarische Seltenheit darbieten. Vielleicht hab ich auch
die ersten Schritte des Suchenden geleitet — an der Fort-
führung und Ausgestaltung der Arbeit aber gebührt mir
keinerlei Anteil, und so darf ich ihr getrost vor der Öffent-
lichkeit Lob und Tadel erteilen: ich füge alsbald hinzu,
daß der Tadel sich nur auf einzelne Schnitzer, Ungenauig-
keiten und Schiefheiten des 1. Teils : *Die Sage von Otto dem
Schützen bei den hessischen Chronisten und am hessischen
Hofe' (S. 1 — 28) beziehen kann, während der viermal so um-
fangreiche Hauptteil II *Die Sage von Otto dem Schützen
in der neuern Literatur' (S. 29 — 138) sich entschieden über
das Niveau von Anfängerarbeiten erhebt und ausgezeich-
net ist durch gründliche Aufspürung eines z. T. recht ver-
steckten Literaturmaterials, scharfsinnige Aufdeckung der
Quellen und Zusammenhänge und geschmackvolles Urteil
in ästhetischen und kunsttechnischen Fragen. Es ist wirk-
lich eine Freude, in einer Dissertation Charakteristiken zu
lesen, wie sie Noll von der hervorragendsten dramatischen
Gestaltung unserer heimischen Sage durch Arnim und
der wirksamsten lyrisch-epischen durch Gottfried Kinkel gibt.
Meine Landsleute, von denen die meisten den Namen
Arnim in diesem Zusammenhang zum ersten Male hören
— 185 —
und nicht wenige ihre ganze Kenntnis der Sage Kinkel
verdanken, werden gewiß erstaunt sein über die Fülle
poetischer Bearbeitungen, welche die schlichte Schützen-
sage in der Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts her-
ausgefordert hat. Es sind im ganzen 24 : 5 Dramen und
dazu 6 Operntexte (darunter ein polnischer), 5 freie Er-
zählungen in Prosa (darunter eine französische) und 8 in
episch-lyrischer Form. Vier davon gehören dem 18. Jahr-
hundert an, der Rest dem 19., mehr als die Hälfte von
diesen wieder, 11, sind in dem Jahrzehnt von 1837 — 1847
ans Licht getreten.
Unter den Dramen marschieren die drei ältesten, das
•Singspiel' des hessen-darmstädtischen Regierungsadvokaten
Schneider (1779), das *Heldenspier seines Plagiators von
Schlicht (1782) und das Vaterländische Schauspiel' des
Schauspielers F. G. Hagemann (1792) — der als Mitglied
der Truppen von Großmann und Haßloch auch in Kassel
recht beliebt war — , im Gefolge von Goethes *Götz von
Berlichingen' ; im weitern Sinne gehört diesem auch der
zweibändige Ritterroman von G. H. Heinse (1792) an.
Völlig losgelöst von dieser früh versumpften Tradition und
hoch darüber erhaben steht Arnims krause und grausige,
aber an poetischen Schönheiten fast überreiche ^Geschichte
in vier Handlungen^ *Der Auerhahn^ da (^Schaubühne'
Band I, 1813). N. hat die biographischen und literarischen
Fäden aufgedeckt, die von ihr zu den Otto-Dichtungen
der Johanna Mockel und ihres Bräutigams Gottfried
Kinkel hinüberführen, und er weist in des letztern Epos
(das es auf über 80 Auflagen gebracht hat!) neben dem
Anempfundenen auch unleugbar Erlebtes nach.
Die übrigen Dichtungen von Otto dem Schützen
haben in ihrer Mehrzahl geringen poetischen Wert und
wecken für sich nur mäßiges Interesse, aber interessant
sind fast durchweg, nicht nur für den Literarhistoriker,
die Kanäle, die von der einen zur andern führen. Mit
sicherm Takt weiß der Verfasser Plagiat und quellen-
mässige Benutzung, Entlehnung und fruchtbare Anregung
zu scheiden. Wie der 1837 erschienene Romanzenkranz
des liebenswürdigen Philisters Gustav Schwab durch Alexan-
dre Dumas pere in breiter prosaischer Paraphrase wiederge-
geben wird, wie dann dieser französische *Otlion TArcher' von
1840 einerseits dem braunschweigischen Opernsänger
Schmezer die Quelle für sein Libretto (1853) liefert, ander-
seits unleugbar auch bei Kinkel und Karl Egon Ebert
— 186 —
(beide 1843) in Einzelheiten nachgewirkt hat, das ist ebenso
lehrreich wie ergötzlich zu lesen.
Diese ganze literarhistorische Quellenstudie ist um-
sichtig vorbereitet, solide fundamentiert und in geschickter
Anordnung sauber durchgeführt. Auch der Druck ist
korrekt. Fehler wie S. 35 Z. 2 v. u., wo es bei Aloys
Wilh. Schreiber heißen muß *(1763— 1841)', oder S. 88 Z.
9 V. o., wo sinnstörend ^angenehme' statt ^unangenehme'
steht, sind mir sonst nicht weiter aufgestoßen. Zu dem
S. 49 erwähnten Preisausschreiben eines Freiherrn von
Riedesel (1777) für die beste Dramatisierung einer Ried-
eselschen *Familienanekdote' — *Herr Hofrat Lessing'
sollte Preisrichter sein und die Belohnung von 20 Dukaten
zusprechen — möcht ich hier auf eine eigentümliche Tat-
sache hinweisen. Während wir von einem unmittelbaren
Erfolg jenes Ausschreibens nichts wissen, ist im J. 1786
[wahrscheinlich zu Göttingen] eine dramatische Behandlung
des 1777 empfohlenen Stoffes erschienen : 'Hermann Ried-
esel von der Branckenburg (!) oder Eigensinn schadet
den Ehen. Ein Schauspiel in drei Aufzügen^ ^) ; merk-
würdigerweise gibt sich der anonyme Verfasser dieser
höchst stümperhaften Arbeit den Anschein, als sei er ganz
von selbst bei der Lektüre der 'Geschichte von Hessen'
auf diesen Stoff verfallen, der allenfalls zu einer Ballade
im Genre Bürgers, aber niemals zu einem Drama aus-
reichen konnte. —
Den Schicksalen der Sage von Otto dem Schützen
in der neuern Dichtung, auf die allein der Titel seiner
Schrift hinweist, hat N. vorangestellt seine Ermittelungen
über ihr erstes literarisches Hervortreten in der hessischen
Chronistik (sie taucht bei Nuhn auf, während sie bei dem
gleichzeitigen Gerstenberg fehlt) und über ihre weitere
Rolle in der heimischen Geschichtsschreibung und am
hessischen Hofe bis zu dem Zeitpunkt, wo Joh. Herm.
Schminckes hinterlassene 'Historische Untersuchung' die
Unmöglichkeit ihrer Angaben und Voraussetzungen un-
widerleglich dartut (1746). Auch was hier geboten wird,
genügt jedenfalls für den Hauptzweck der Arbeit, eine
Untersuchung über den Ursprung der Sage will N. nicht
bieten und braucht er nicht zu bieten. Offenbar ist er
mit den historischen Quellen und der Methode ihrer Be-
*) In Goedekes Grundriß zur Geschichte der deutschen Dich-
tung, 2 Aufl. Bd. V S. 379 ist unter Nr. 7 ein ganz fehlerhafter Titel
angegeben. (Ich besitze selbst ein Exemplar des Werkchens.)
— 187 —
handlung weniger vertraut als mit den poetischen. So
hätten schon die gesicherten Daten für Leben und Ehe
des Landgrafen Otto reicher ausfallen dürfen. Richtig ist
die Behauptung, daß die offizielle Anerkennung der roman-
tischen Geschichte und ihre erste literarische Fixierung in die
Regierungszeit des Landgrafen Wilhelm II. fällt — über
Ort und Zeit ihres ersten Aufkommens und die Umstände,
denen sie ihre Entstehung verdankt, ist damit nichts ge-
sagt. Ich hoffe recht bald einmal in unserer Zeitschrift
über diese und andere sagenhafte Beimischungen der
älteren hessischen Geschichte zu handeln und will diesmal
nur darauf hinweisen, daß die Angaben NolFs über Reli-
quien des landgräflichen Schützen auf dem Spangenberger
Schloß und im Kasseler Museum (S. 2) allerlei Irrtümer
enthalten: die sog. Jagdflasche Ottos zum Beispiel ist ein
Pulverhorn mit dem lothringischen Wappen, also jedenfalls
aus dem Besitze Wilhelms II.
Oöitingen. Eduard Schröder.
Wilhelm Bennecke, Das Hoftheater in Kassel von 1814
bis zur Gegenwart. Beiträge zur Bühnengeschichte.
Kassel, Victor, 1906. 208 SS. 8«. M. 2,50.
Ein Buch, in dem die Kasseler Theaterfreunde —
und Kassel ist doch noch immer eine theaterfrohe und
schauspielerliebe Stadt — gewiß gern blättern werden, und
um so lieber, je weiter ihre eigenen Erinnerungen zurück-
reichen und die des Verfassers kontrolieren und ergänzen
können. Es ist kein Zweifel, daß Wilhelm Bennecke,
dessen letzte literarische Gabe diese Schrift darstellt, mit
der neueren Bühnengeschichte Kassels und den tausend
Personalien, die sie einschließt, besser vertraut war als
irgend jemand anders, aber ich muß auch gleich hinzu-
fügen, daß sich mit dem Material, das ihm bequemer als
andern zur Verfügung stand, ohne sonderliche Mühe ein
Buch hätte schreiben lassen, das für den Leser, der den
Dingen nahe steht, amüsanter und zugleich für den ferner-
stehenden Benutzer ertragreicher gewesen wäre.
^Beiträge zur Bühnengeschichte' verspricht der Neben-
titel — aber gerade die Erwartung, welche dieser Zusatz
weckt, wird am wenigsten erfüllt. Wir haben eine lockere,
doch immerhin in fortlaufender Darstellung gehaltene
'Chronik' unseres Hoftheaters vor uns, in die der Verf.
hineingestopft hat, was er von Personalien und Anekdoten
— 188 —
€ben zur Hand hatte — keineswegs aber alles, worüber
er verfügte, ß. hat wohl selbst empfunden, daß neben
solcher Behandlung wohlrubrizierte Übersichten über
Repertoire, Personal und Gastspiele notwendig seien, und
Ansätze dazu liegen mehrfach vor — aber irgend ein fester
Plan ist nicht vorhanden: so werden die *Gastspiele hervor-
ragender »Künstler* von 1853 ab in den Anhängen ver-
zeichnet (S. 128 f. S. 193 f.), während sie vorher *zum
größten Teil im Text enthalten' waren. Dieselbe Sorg-
losigkeit in der Wiedergabe, Anordnung und Verwertung
des Stoffes herrscht nun auch im einzelnen: berühmte wie
unberühmte Schauspieler erscheinen nicht selten ohne Vor-
namen, bald erfahren wir ein Geburtsdatum, bald ein Todes-
datum, über die Zeit des Engagements und besonders des
Abgangs von der Kasseler Bühne bleiben wir bei nicht
wenigen Künstlern im Unklaren. Und das gilt sowohl
für die älteren wie für die jüngsten Partien: in den *Bio-
graphischen Mitteilungen' aus dem Jahre 1905, die dem
Verf. zum Teil von den Mitgliedern des Hoftheaters selbst
zur Verfügung gestellt sind, wird uns bei 5 (von 12)
Herren und bei 6 (von 7!) Damen das Geburtsjahr vor-
enthalten! Das sind doch ^Beiträge zur Bühnengeschichte',
deren Wert recht zweifelhaft scheint.
Dieselbe Ungleichmäßigkeit — ja man muß sagen
UnZuverlässigkeit — ist auch vielfach innerhalb der Dar-
stellung zu tadeln. Es ist ein starkes Stück, wenn gleich
auf S 1 das Auftreten der englischen Komödianten am
Hofe des Landgrafen Moritz *um 1620^ angesetzt wird,
wo wir doch durch Albert Duncker über diese Verhältnisse
so vortrefflich unterrichtet sind: die Wirksamkeit der
Engländer am hessischen Hofe beginnt mit 1594 und hat
lange vor 1620 ihr Ende gefunden! B., der gelegentlich
die Kasseler Erinnerungen Gabillons so gut zu zerpflücken
versteht, hat das, *was er selbst seit Jahren zusammen-
getragen hat', nicht mehr kritisch überprüfen mögen oder
können. Er betont selbst, daß er*keine aktenmäßige Dar-
legung' geben wolle, und der anspruchslose Ton, der das
ganze durchzieht, scheint die Kritik zumal gegenüber dem
Toten zu entwaffnen. Immerhin können wir unser Be-
dauern nicht unterdrücken, daß bei soviel Liebe zur Sache,
bei so reicher Personenkenntnis und bei so guten litera-
rischen, handschriftlichen und mündlichen Quellen nicht
etwas lebensvolleres zu stände gekommen ist. Wie das
Buch jetzt vor uns lieg^, lassen sich die Wandlungen und
— 189 —
der feste Bestand des Repertoires, der Geschmack des
Publikums und der Einfluß der Verwaltung wie der
künstlerischen Leitung, die Bedeutung des Einzelnen neben
dem Ensemble u. s. w. nur hier und da und meist nur
in unsichern Linien erkennen.
Die historische Gliederung ergab sich leicht und ist
in der Hauptsache einwandfrei. Auf eine Einleitung, die
nach der oben gegebenen Probe wenig zuverlässig ist^
folgen im ersten Kapitel (S. 6 — 25) die Anfänge des stehenden
Hoftheaters unter Kurfürst Wilhelm L (1814—1821), dann
*Die Glanzperiode unter Kurfürst Wilhelm IL' (1821—1832):
der Beginn und die Blütezeit der Spohr'schen Opern-
direktion, die Zeit der Ludwig Löwe, Seydelmann und
Gerstäcker, zugleich die beste Partie des Buches (S. 26—70).
Ein drittes Kapitel (S. 71 — 99) hellt die wenig bekannte
Episode der Bethmann'schen Truppe (Sommer 1833) auf und
führt die Geschichte des neubegründeten Hoftheaters vom
November 1833 über das Ausscheiden Spohr's bis zum Rück-
tritt Feige's, der als Generaldirektor 1849 seinen Abschied
nahm ; es ist ein wesentlicher Mangel des Buches, daß hier
brauchbare Lebensnachrichten und eine zusammenfassende
Charakteristik dieser für das Kasseler Kunstinstitut so
bedeutsamen Persönlichkeit fehlen. Die drei letzten Ka-
pitel erhalten ihre gegebenen Überschriften von dem Ge-
neralintendanten von Heeringen und den Intendanten von
Carlshausen und Frhr. von Gilsa.
Unter den Quellen tritt eine als besonders wertvoll
hervor: die handschriftlichen Erinnerungen der 1881 ver-
storbenen Hofschauspielerin Henriette Schmidt, die der
Kasseler Bühne fast 60 Jahre angehört hat und deren
Abschiedsvorstellung (29. Aug. 1872) wohl noch manchen
Kasselanern im Gedächtnis ist. Ihre Aufzeichnungen
reichen von der napoleonischen Zeit bis zum Jahre 1826^
sie sind im zweiten Kapitel teilweise nach ihrem Wort-
laut verwertet, und ich möchte die Frage aufwerfen, ob
sie nicht als ganzes in einer verständigen Redaktion mit-
geteilt zu werden verdienten — vielleicht in unserer
Zeitschrift.
Qöttingen. Edward Schröder.
Carl Mirbt, Die katholisch-theologische Fakultät zu
Marburg. Ein Beitrag zur Geschichte der katholischen Kirche in
Kurhessen und Nassau. Marburg, Elwert 1905, XII und 261 SS. 8«.
5 M.
Dies Buch ist ein hochinteressanter Beitrag zur Geschichte der
Beziehungen von Staat und Kirche im 19. Jahrhundert, ein Kapitel
— 190 —
der Vorgeschichte des Ultramontanismus, zugleich aber ist es wichtig
zur Beurteilung des Verhaltens der hessischen Regierung und des
hessischen Landtags in der ersten Hälfte der 30iger Jahre. In scharf-
geschliffener Sprache und in einer Darstellung, der es nicht an dra-
matischer Spannung fehlt, führt es uns auf Grund eines reichen Akten-
materials, das zum Teil in den Beilagen und Anmerkungen wieder-
gegeben ist, den Versuch der hessischen Regierung vor, gemeinsam
mit Nassau an der Marburger Universität eine katholisch-theologische
Fakultät zur Ausbildung des kathohschen Klerus zu begründen. Eine
solche Fakultät hat in Marburg von Rechtswegen vom 19. Mai 1831
bis zum 31. Juli 1833, in Gießen von 1830—1857 auch tatsächlich be-
standen. In Marburg war sie eröffnet worden ohne aktive Mitarbeit
der Landesbischöfe von Fulda und Limburg, die kurhessische Re-
gierung hatte ohne Vorbedacht zum Teil aus Sparsamkeitsrücksichten
eine Ernennung vorgenommen — des Professor Multer — welche in
Fulda als Symptom der kirchenfeindlichen Gesinnung der neuen
Fakultät galt. Dieser Mißgriff und die feste Haltung des Bischofs und
Domkapitels von Fulda, welche auch auf den Bischof von Limburg
drückten, haben aber allein nicht die vollständige Niederlage der Re-
gierung und den schnellen Untergang der Fakultät bewirkt, ausschlag-
gebend war die unklare Neigung der Regierung, durch Nachgiebigkeit
und Entgegenkommen das schwierige Verhältnis des modernen Staats
zur katholischen Kirche zu erleichtern. M. hält offenbar eine per-
sönliche Einwirkung des Kurprinzen auf den schließlichen Verzicht
der Regierung für wahrscheinlich. Recht übel berührt das Bestreben
Hassenpflugs, vor der Welt die Verantwortung für die Aufhebung der
Fakultät der Nassau'schen Regierung aufzubürden : sie habe den betr.
Vertrag widerrufen, als ernste Schritte zu seiner Ausführung geschehen
seien. Tatsächlich hatte man hessischerseits, weil die Regierung zu
schwach war, ihren staatlichen Willen durchzusetzen, hartnäckig und
endlich mit Erfolg dahin gewirkt, Nassau in die Zwangslage zu versetzen,
seinerseits den Vertrag zu kündigen. — Von grossem Interesse sind
auch die Ausführungen M.'s über die Stellung des katholischen Klerus
zur Verfassung vom 5. Januar 1831, über seine anfängliche Eides-
verweigerung und den Ausgleich unter Nachgiebigkeit der Regierung,
welche auch in dieser Frage den Vorwurf der Unklarheit und Halb-
heit auf sich geladen hat.
Marburg. K. Wenck.
Es gingen ferner zur Besprechung ein: Veröffentlichungen des
Fuldaer Geschichtsvereins 1 — 5. Fulda, Aktiendruckerei
1899 — 1905. — Quellen und Abhandlungen zur Geschichte der Abtei
und der Diözese Fulda 1. 2. Fulda, Aktien-Druckerei 1904—05. —
Festgabe zum Bonifatius-Jubiläum 1905. 4^ Ebenda 1905. — Fr.
Hufschmidt, Versuch einer Geschichte des oberen Warmetales
insbes. der Stadt Zierenberg, der Dörfer Dörnberg u. s. w. Wolfhagen,
Borner 1905. — Jul. Friedrich, Die Entstehung der Reformatio
ecclesiarum Hassiae von 1526. Gießen, Töpelmann 1905. — Ernst
Baumann, Der Beruf der niederhessischen Mission und die Lehre
des Metropolitan Vilmar vom Fürstentum von Gottes Gnaden. Kassel,
Freyschmidt 1906. — F. Hoffmann und B. Zölffel, Beiträge zur
Glockenkunde des Hessenlandes. Kassel 1906.
Die Quartalblätter des historischen Vereins für
das Großherzogtum Hessen haben in ihren letzten Heften
manches uns näher angehende gebracht, so Bd. III nr. 19/20 (Jahrgang
— 191 —
1905) S. 591—608 die Denkschrift von J. R. Dieterjch „eine
historische Kom mission für das Großherzogtum Hes-
sen". Jeder hessische Geschichtsforscher wird den Plänen und Ab-
sichten, die da zum Ausdruck kommen, das lebhafteste Interesse ent-
gegenbringen, und in Bd. IV nr. 1/2 (1906) S. 14 mit Befriedigung
lesen, daß der erste Schritt zur Verwirklichung des großen Arbeits-
programms geschah, indem „der Zusammenschluss sämtlicher histori-
scher Vereine des Landes" zu einem „Verband der Geschichts- und
Altertumsvereine im Großherzogtum Hessen" nun erfolgt ist. — Bd. III
nr. 17/18 S. 571 — 4; findet sich eine sehr beachtenswerte Be-
sprechung von Armbrust's Geschichte der Stadt Mel-
sungen aus der Feder von G. Frh. Schenk zu Schweinsberg.
Außerdem verweisen wir auf die Skizze eines Vortrags von Ed.
Anthes über den gegenwärtigen Stand der Ringwall-
forschung (Bd. IV, nr. 1/2 S. 6 — 8) in dem auch die von Böhlau
begonnenen Ringwalluntersuchungen in der Gegend von Kassel ge-
streift werden, und auf das Verzeichnis der Schriften des
histor. Vereins für das Großherzogtum Hessen (ebenda
S. 12—14), endlich auf die Neue hessische Literatur aus
1906 (ebenda S. 31—6) „Vorarbeit für eine künftige Bibliographie zur
Landeskunde unserer Heimat" von Ludwig Voltz.
Wenn es der Raum, welche diese Zeitschrift dem Literatur-
bericht gewähren kann, erlauben würde in das Jahr 1904 zurückzu-
greifen, so wäre eine eingehende Besprechung des Buches von Karl
Rubel, die Franken, ihr Eroberungs- und Siedlungssystem.
Biefeld u. Leipzig, Velhagen u. Klasing 1904, XVIH u. 561 SS. (12 M.)
um so mehr am Platze, als es sich vielfältig und unzweifelhaft in sehr
anregender Weise mit hessischen Dingen beschäftigt. Der Zweck
dieser flüchtigen Erwähnung ist, unsere Geschichtsfreunde, welche die
Ergebnisse der Rübeischen Forschung viel zu sehr als bare Münze
auf den Markt bringen — ich denke an Karl Heßler, Hess. Landes-
und Volkskunde I, 1 (1906) S. 284 f. und an die Aufsätze von Wilh.
Lange in der Sonntagsbeilage der Kasseler Allgemeinen Zeitung 1905
nr. 7—10 — darauf hinzuweisen, daß von wirtschaftshistorischer wie
rechtshistorischer Seite die schwersten Bedenken gegen das Rübel-
sche Buch erhoben worden sind, von G. Caro in der Westdeutschen
Zeitschrift Bd. 24 (1905) S. 60—71 und von Ulrich Stutz in der
Zeitschrift der Savignystiftung für Rechtsgeschichte, Germanist. Abt.
26 (1905) S. 349-63.
In Bd. 19 (1884) der Allgemeinen deutschen Biographie waren
Landgraf Ludwig L und Ludwig IL von Hessen übergangen
worden, namentlich der erstere mit Unrecht, da er unter den Gründern
des hessischen Landesstaats in erster Linie genannt zu werden ver-
dient. Nun hat soeben Hermann Diemar diesen beiden Landgrafen
des 15. Jahrhunderts unter den Nachträgen im 52. Band *der Allge-
meinen deutschen Biographie Lief. 256 S. 115—20 aus trefflicher
Kenntnis in anziehender Darstellung eine verhältnismäßig eingehende
Würdigung zu Teil werden lassen.
Fritz Herrmann, der Verfasser von „Das Interim in Hessen"
und des trefflichen „Hessischen Reformationsbüchlein" (Marburg Elwert
1904. 2. A. 91 SS. 50 Pfg.), das in unserm Hessen lange nicht die Ver-
breitung gefunden hat, die es verdient, hat mit dem Schriftchen
„D. Tilemann Schnabel, der Reformator der Stadt Als-
feld" (Alsfeld 1905, in Kommission der Buchh. J. Cellarius Wwe.
— 192 —
50 SS. 1 M.) ein prächtiges Beispiel volkstümlicher Geschichtsschreibung
und zugleich einen wissenschaftlich wertvollen Beitrag zur hessischen
Reformationsgeschichte geliefert. Ein paar Nachträge dazu aus hand-
schriftlichen Quellen hat der Verfasser und Pfarrer Dr. E. Becker in
den „Mitteilungen des Geschichts- und Altertumsver-
eins der Stadt Alsfeld" Nr. 8 (1906) S. 5—7 geboten, deren
einer (S. 6, ein Brief aus dem Jahre 1547) auch für das Marburger
Stipendienwesen der ersten Zeit von Interesse ist. — Diese Alsfelder
Mitteilungen, anspruchslose Blätter von 8—12 Oktavseiten, von denen
seit 1902 neun Nummern erschienen sind (zu je 10 Pfg.) sind ein
nachahmenswertes Musterbeispiel für die Pflege historischen Sinnes
in weiteren Kreisen mit bester historischer Kost, die so manches
Mal auch dem Manne der Wissenschaft dankenswerte Beiträge aus
den Quellen zuführt. Ich verweise bes. auf die Aufsätze von F. Herr-
mann, eine Bücherschenkung an die Pfarrkirche aus
dem Jahre 1371 [zu freier Benützung! in Nr. 5 S. 1—5 und die
Schulden der Stadt Alsfeld im Jahre 1523 (ebenda S. 6— 11),
auf die Mitteilungen von Dr. E. Becker aus der Chronik des
Pfarrers Erasmus Antonius Susenbeth im Kirchenbuch der Pfarrei
Brauerschwend bei Alsfeld zu den Jahren 1647 48 in Nr. 9
S. 1—6 mit allerlei kriegsgeschichtlichen Einzelheiten, auf den aus
urkundlichen Quellen geschöpften Aufsatz dess. Verf. „Das Wein haus
zu Alsfeld" [im 16. bis 18. Jahrh.]. Andere Beiträge, wie die zur
Geschichte der Walpurgis Kirche (in Nr. 3, 7, 8) und der Burg in Alsfeld
(in Nr. 4) sind doch auch nicht bloß lokalgeschichtlichen Interesses.
In einem Aufsatze „zur Geschichte des Bauernkriegs
im Hoch Stift Fulda" in den Fuldaer Geschichtsblättern
Jahrg. 5 Nr. 8 S. 113 — 22 erkennt Gr. Richter die Förderung unserer
Kenntnis durch die bezügliche Abhandlung von 0. Merx (in unserer
Zeitschr. 28, 259—333) an, verteidigt aber die Haltung des Fuldaer
Kapitels bei der Erhebung des nur allzu jugendlichen Koadjutors und
gegenüber dem Vertrag des Landgrafen mit dem Koadjutor vom 5.
Mai 1525 mit Gründen, welche zumeist billige Berücksichtigung ver-
dienen.
In einem Aufsatz der Annalen des histor. Vereins für den
Niederrhein Heft 81 (1906) S. 46— 70 „Die Krisis des deutschen
Handels während des geldrischen Erbfolgekrieges
1542/43" berichtet Albert Huyskens auf Grund von sieben Schreiben
des Marburger Staatsarchivs und des Augsburger Stadtarchivs über
einen Versuch der Stadt Augsburg, während der betr. Kriegswirren
den Handelszug von Antwerpen statt auf der Rheinstraße über Ham-
burg und die sogenannte Nürnberger Straße zu lenken und durch
Fürsprache des Kurfürsten Johann Friedrich von Sachsen und des
Landgrafen Philipp von Hessen den Schutz des dänischen Königs auf
dem Wege zwischen Antwerpen und Hamburg zu gewinnen. Für uns
ist das interessante, daß Landgraf Philipp trotz seiner freundlichen
Beziehungen zu Augsburg bei König Christian von Dänemark dem
Vorhaben der Augsburger vielmehr entgegenarbeitete, weil er mit
seinem Interesse an die Rheinstraße gebunden war und eine Schädigung
seiner Zolleinnahmen durch Veränderung des Handels wegs fürchtete.
Sein Einspruch hatte Erfolg.
Ein von Ludwig Voltz im Archiv für hess. Gesch. N. F. IV,
2 (1906) S. 351—4 mitgeteiltes und erläutertes Schreiben der Stadt-
halter und Räte zu Kassel an Heinz von Lüder vom Anfang Sept. 1547
— 193 —
bietet interessante Einzelheiten „zur Kapitulation von Ziegen-
hain" (vergl. den Aufsatz von F. v. Apell in unserer Ztschr. N. F. 25
S. 207 f.) und erhärtet insbesondere, daß Heinz' von Lüders Verhalten
gegenüber den Kaiserlichen „zu keiner Zeit der Darstellung der Legende
entsprochen hat, sondern stets durch die von Kassel an den Komman-
danten von Ziegenhain erlassenen Weisungen bestimmt worden ist".
Vergl. auch die Notiz über einen Vortrag von Voltz betr. die Vor-
gänge bei der Schleifung der hessischen Festungen in
den Jahren 1547/48 in Quartalblätter IV, nr. 1/2 S. 6.
Eine Marburger juristische Dissertation von Hermann Keck,
Die Entwickelung des Oberappellationsgerichts zu
Kassel (Kassel, Druck von Gebr. Schönhoven. XV und 107 SS.)
hat in fleißiger umsichtiger Weise das Thema erörtert. Das Haupt-
gewicht fällt natürlich auf die Geschichte des Oberappellationsgerichts
von 1730—1866 (S. 52—104), vorangehen vier Kapitel: 1. Ältere hes-
sische Gerichtsverfassung (S. 1 — 27), 2. Die Kanzleien zu Kassel und
Marburg (S. 28—45), 3. Das Samtrevisionsgericht zu Marburg und das
Oberappellationsgericht zu Kassel von J 656 (S. 46— 51). Der Verfasser
durfte aus den Generalakten des Oberappellationsgerichts schöpfen,
er hat auch die gedruckte Literatur (Verzeichnis S. V— XII) fleißig zu-
sammengetragen. Da er S. 1 bis auf den Hessengau zurückging, wäre
es wünschenswert gewesen, daß er sich vor den falschen Bezeich-
nungen „sächsischer" bezw. „fränkischer" Hessengau durch meinen
bezüglichen Aufsatz in dieser Ztschr. N. F. 26 (227—76) hätte warnen
lassen und den Landvogt an der Loyne (S. 5) möchte man durch den
Landvogt a. d. Lahn ersetzt wissen. Das Schriftchen ist doch ein
nützlicher Beitrag zur hessischen Rechtsgeschichte.
> ■» • ^' >
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keit, gilt nicht; das Reformationsrecht (ius reformandi)
steht in gleicher Weise den protestantischen wie den ka-
tholischen Reichsständen in ihren Territorien zu. Der
Augsburger Religionsfriede gilt nur für die Katholiken
und die Anhänger der unveränderten Augsburgischen
Konfession des Jahres 1530, alle, übrigen Religionsgemein-
schaften einschließlich der Kalvinisten sind ausgeschlossen.
Zur Ausführung des Edikts wurden sofort besondere
Kommissare bestimmt ^), die den protestantischen Inhabern
geistlicher Güter die Frage vorzulegen hatten, ob sie vor
oder nach 1552 in den Besitz des betreffenden Gutes ge-
kommen seien. Für die erste dieser beiden Möglichkeiten
hatte der Besitzer unverzüglich den Beweis zu erbringen.
Die Tätigkeit der Kommissare hatte nicht überall den
gleichen Erfolg. Während Kurbrandenburg und Kur-
sachsen vollständig von ihnen verschont blieben, in Nieder-
sachsen ^), am Oberrhein und in Franken zum Teil große
Erfolge bei geringem Widerstand erreicht wurden, mußte
Württemberg am härtesten die Folgen des Edikts er-
tragen. ^) Wiederholt und hartnäckig versuchten auch in
Hessen die für die beiden rheinischen Kreise ernannten
Kommissare, der Kurfürst von Mainz, der Abt von Fulda
und der Graf Karl von Manderscheid durch Subdelegierte
die Stifter und Klöster in Besitz zu nehmen. Oberhessen
war seit den Tagen Philipps des Großmütigen der luthe-
rischen Kirche treu geblieben, aber Niederhessen hatte
sich seit der Einführung der Verbesserungspunkte durch
den Landgrafen Moritz dem Kalvinismus angeschlossen. ^)
Hier traten die Mönche am kühnsten mit ihren Forde-
rungen hervor und bewirkten in den meisten Fällen zu-
nächst ein eifriges Suchen nach Beweismaterial in den
hessischen Archiven. Hatte man dann bewiesen, daß das
Kloster längst vor dem Passauer Vertrag in landesherr-
^) Fr. V. Hurter, Geschichte Kaiser Ferdinands IL, Schaffhausen
1861, X, 52.
*) Über die Besetzung von Möllenbeck, Obernkirchen und Rin-
teln in der Grafschaft Schaumburg vffl. Tupetz S. 559 und Heldmann,
Das Kloster Möllenbeck (Rinteln 1896) S. 46. Über das Restitutions-
edikt im nordwestlichen Deutschland vgl. Onno Klopp und Havemann
in den Forschungen zur Deutschen Geschichte I S. 77 ff. und S. 397 ff.
') Vgl. Heinrich Günter, Das Restitutionsedikt von 1629 und die
katholische Restauration Altwirtembergs, Stuttgart 1901.
*) Landgraf Georg glaubte als Lutheraner nichts befürchten zu
müssen und riet seinem Vetter Wilhelm von Hessen-Kassel, die Augs-
burger Konfession anzunehmen. Tupetz 392 Anm. 2. Rommel VIII,
72, 73.
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liehen Besitz übergegangen war, bestritten zwar die Ka-
tholischen die Giltigkeit des Passauer Vertrags für die
Anhänger der reformierten Kirche, gaben sich aber damit
meist zufrieden. Nachdem Hersfeld, das einzige reichs-
unmittelbare Stift, das in näheren Beziehungen zu Hessen
stand, bereits im Jahre 1628 für den Erzherzog Leopold
Wilhelm besetzt worden war^), begann wenige Wochen
nach dem Erlaß des Edikts der Angriff gegen die land-
sässigen Klöster Niederhessens.
Spießkappel, Schmalkalden, Eschwege,
Höckelheim. •
Am 30. April erschienen drei Mönche in Spieß-
kappel, besichtigten das Kloster und verlangten von
dem Opfermann des Pfarrers die Schlüssel zur Kirche.
Als sich der Pfarrer Johannes Molitor weigerte die Kirche
zu öffnen, gingen die drei, große Drohungen ausstoßend,
nach dem alten Kirchhof im Kloster. Dort und in dem
kleinen Kapellchen vor dem Kloster fielen sie nieder und
beteten. Darauf fragten sie einige Leute nach dem Kloster
aus und sagten, sie würden bald wieder kommen und der
Pfarrkinder Lehrer sein.
Bereits am 10. Mai kamen zwei Barfüßermönche in
Begleitung eines Jesuiten, die angaben aus Köln zu sein,
damals sich aber bei den kaiserlichen Truppen in Fritzlar
und Homberg aufhielten, und begehrten wiederum, nach-
dem sie sich etwa zwei Stunden im Kloster aufgehalten
hatten, vom Pfarrer, daß er ihnen die Kirche öffne. Als
auch ihnen der Pfarrer diese Bitte abschlug, zogen sie ab
und drohten ihm, er würde nicht mehr lange seine Stelle
innehaben. In großer Besorgnis berichtete Molitor über
diese Vorgänge am 15. Mai an den Superintendenten Paul
Stein in Kassel und bat um Verhaltungsmaßregeln. Seine
Zuversicht war so gering, daß er sogar anfragte, ob es
ratsam sei, bei der drohenden Gefahr die Aussaat und
Bestellung der Pfarrländereien vorzunehmen.*)
Wenige Wochen nach diesen Versuchen tauchten
einige Augustiner in Schmalkalden auf und über-
reichten dem Rat der Stadt eine Bittschrift, in der sie im
Auftrage ihres Generalvikars das ehemalige Augustiner-
>) Vgl. Rommei VIII, 68. 69. Tupetz 548.
') Schreiben Molitors an Stein 1629 Mai 15., Ausfertigung im
Kgl. Staatsarchiv zu Marburg unter Religionssachen 1629—1630 (Nr. 4\,
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kloster als Eigentum zurückverlangten.^) Sofort schrieb
der Amtmann Hermann v. Wersabe an die Regierung in
Kassel und fragte nach Archivalien, die geeignet wären
die Unrechtmäßigkeit der Ansprüche der Augustiner zu
beweisen. Die Regierung antwortete, die Stadt solle die
Mönche an den Landgrafen Georg als Inhaber von Stadt
und Amt Schmalkalden verweisen % der nun seinerseits
urkundliches Beweismaterial von Kassel einforderte und
die Ausarbeitung eines umfassenden Berichts über die
Reformation der hessischen Klöster seinem Vetter Wilhelm V.
vorschlug. Unterdessen blieben die Mönche ohne Be-
scheid, und einer von ihnen, Michael Meht, der bei dem
in Schmalkalden einquartierten Kriegsvolk die Stelle eines
Regimentskaplans versah, fragte auf dem Amtshaus wieder
an, ob aus Darmstadt noch keine fürstliche Entscheidung
eingegangen sei. Zur Bekräftigung seiner Forderung
legte er eine gedruckte lateinische Vollmacht vor, die von
dem Ordensgeneral der Augustiner-Eremiten für den Vice-
general Heinrich Wolte ausgestellt war, und in der dieser
den Michael Meht mit der Wiederbesetzung der Klöster
Schmalkalden, Eschwege und Einbeck beauftragt. Eine
Antwort des Landgrafen Georg war damals noch nicht
eingetroffen und ist wahrscheinlich erst erfolgt, nachdem
Wilhelm ihm am 13. Juli Abschriften von Urkunden über
das Augustinerkloster Schmalkalden zugestellt hatte. Mit
der Entscheidung Georgs, die ihrem Wortlaut nach nicht
bekannt ist, aber offenbar unter Hinweis auf die längst
vor dem Passauer Vertrag erfolgte Einziehung des Klosters
eine Zurückweisung der Ansprüche der Augustiner ent-
hielt, gaben sich die Mönche zunächst zufrieden. Dessen-
ungeachtet wiederholte der Generalvikar der Augustiner
in Thüringen und Sachsen Walther Heinrich Stralendorf
am 29. August die Ansprüche bei dem Oberrentmeister
Dr. Philipp Krebs in Schmalkalden. Krebs gab hiervon
dem Landgrafen Georg, dieser hinwiederum Wilhelm V.
Nachricht. Im übrigen ist von diesem Besetzungsversuch
nichts weiter bekannt, als daß der in Schmalkalden ein-
quartierte Kapitänleutnant dem dortigen Oberforstmeister
1) Religionssachen 1629. 1630. Nr. 2. Rommel VIII, 70. Nach
Geisthirts Historia Schmalcaldica (Zs. des Vereins für hennebergische
Geschichte, Supplement I S. 159) stammten die zwei Augustiner aus
Wien und wurden vom Abt iA Fulda, der am 15. Juni nach Schmal-
kalden gekommen sein soll, kräftig unterstützt.
«) Wilhelm V. hatte 1627 September 24 a. St. die Herrschaft
Schmalkalden für 100000 fl. an Georg verpfändet.
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zu verstehen gegeben hatte, daß der Bischof von Würz-
burg und der Abt von Fulda mit der Ausfuhrung der
Restitution beauftragt worden seien. ^)
Landgraf Wilhelm riet seinem Vetter am 2. Oktober,
dem Generalvikar zu antworten, daß das Kloster vor dem
Passauer Vertrag eingezogen worden sei, und ein beson-
derer Befehl der Restitution für den Generalvikar nicht
vorliege. Georg erklärte sich mit Wilhelms Ratschlag
einverstanden (Oktober 14).
Dieselben Mönche, die im Juni ohne Erfolg in Schmal-
kalden die Einräumung des Augustinerklosters betrieben,
kamen am 11. Juli mit einigen Offizieren der in Eschwege
und Wanfried liegenden Kompagnien auf das Rathaus in
Eschwege, überreichten ein Schreiben des Oberstwacht-
meisters aus Wanfried und verlangten im Auftrage ihres
Generalvikars das Augustinerkloster zurück. ^) Darauf
wurden sie bedeutet, daß man über diese Angelegenheit
erst bei ihrem Landesherrn, dem Landgrafen Hermann,
sich Rats holen müsse. Der Rentmeister wurde benach-
richtigt, daß die Mönche das Kloster besichtigen wollten.
Dann gingen diese durch den Kreuzgang und den Garten,
wo der Pater mit dem Rentmeister sprach und ihm seine
Wünsche vortrug : er und seine Ordensbrüder wollten das
Kloster wieder in Besitz nehmen, die alten Weiber aus
dem Hospital hinausjagen, sie begehrten nicht mehr als
ihr altes Besitztum. Da lachte der Rentmeister und wies
darauf hin, daß das Kloster seinem Landesherren gehöre.
Der Augustiner schickte nochmals auf das Rathaus und
begehrte eine Erklärung seitens der Stadt, man bedeutete
ihn aber, daß man ihm nichts weiter zu sagen habe. ^)
Bereits am folgenden Tage (Juli 12) erhielt die Stadt von
der Regierung des Landgrafen in Rotenburg Bescheid,
daß sie das Ansinnen der Mönche zurückweisen solle, da
die hessischen Klöster dem Restitutionsedikt nicht unter-
worfen seien.
Bald darauf wurde durch einen Fourierschützen das
Gerücht verbreitet, Tilly habe dem Oberstwachtmeister
Befehl gegeben, den Augustiner demnächst in das Kloster
*) Tupetz S. 549 hat über Schmalkalden nur die Angabe, daß
die Auslieferung des Klosters von einem Mönche vor dem 3. September
verlangt worden sei.
2) Nr. 1 der Akten.
•) Bericht der Stadt an Landgraf Hermann 1629 Juli 11, von
diesem 1629 Juli 12 an Wilhelm weiter geschickt.
— 200 —
zurückzuführen.^) Wiederum wandte sich Landgraf Her-
mann an seinen Vetter, den er um Rat und Hilfe und um
Mitteilung urkundlicher Beweise anging. Die Kasseler
Regierung antwortete ^\ dieselben Mönche, die in Eschwege
seien, hätten auch in Schmalkalden auf das Augustiner-
kloster Ansprüche erhoben, wo man ihnen mit der Er-
klärung, daß das Kloster lange vor dem Passauer Vertrag
in landesherrlichen Besitz übergegangen sei, entgegen-
getreten sei, worauf sie sich beruhigt hätten. Ähnlich
seien die Eschweger Augustiner bereits im Jahre 1527
abgefunden worden, berechtigte Ansprüche lägen jetzt
nicht vor. Daß Tilly einen besonderen Auftrag habe, sei
unwahrscheinlich^), da doch kaiserliche Kommissare*) für
die Ausführung des Restitutionsedikts bestimmt worden
seien ; sollte aber Tilly eingreifen, dann sei ihm oder seinen
Abgesandten die Vollmacht abzuverlangen und auf das
Vorhandensein urkundlicher Beweise für den rechtmäßigen
Besitz des Klosters hinzuweisen. ^)
Ein anderes Besitztum des Rotenburger Landgrafen,,
das ehemalige Kloster Höckelheim war im September
desselben Jahres gefährdet. ^) Der Amtsschreiber der
Herrschaft Plesse, Eckhard Geisse, hatte auf grund der
durch einige Jesuiten und eichsfeldische Bauern am 19. Sep-
tember geglückten Wiederbesetzung des Klosters Gerode
und der den Klöstern Northeim und Göttingen drohenden
Gefahr nach Höckelheim melden lassen, daß man sich
nicht vertreiben lassen solle. In Kassel suchte man in-
zwischen nach Archivalien und verständigte die Land-
grafen Wilhelm und Georg.
Lippoldsberg.
Am 8. Januar 1630 verlangte der Abt von Marien-
münster Hermann Meyer vom lippischen Drosten Levin
*) Bericht Heinrich Pfeffers in Eschwege an Landgraf Hermann
1629 Juli .18.
*) 1629 Juli 20.
«) Allerdings hatten Tilly und Wallenstein Vollmacht (1629 März 24),
im Notfall die kaiserlichen Kommissare auf deren Bitte zu unterstützen.
Vgl. Günter a. a. 0. S. 52.
*) Für die von Hochhuth (Statistik der evangelischen Kirche im
Regierungsbezirk Cassel S. 293) behauptete Mitwirkung der Jesuiten
in Eschwege fehlt jeder Beweis.
^) Vgl. J. L. Ch. Schmincke, Geschichte der Stadt Eschwege
S. 189 u. 190.
») Nr. 3 der Akten.
— 201 —
von Donop, in dessen Besitz das ehemalige Kloster Lippolds-
berg damals war, die Einräumung des Hauses. ^) Die Re-
gierung, welche von Donop sofort in Kenntnis gesetzt
war, bestimmte, daß das Kloster gut verwahrt werden
müsse und unter keinen Umständen ausgeliefert werden
dürfe. Der Landgraf verständigte zugleich seine Vettern
in Darmstadt, Butzbach und Homburg und die sächsischen
erbverbrüderten Fürsten, indem er die Unrechtmäßigkeit
der Ansprüche des Benediktinerordens nachwies.^) Als
Donop einige Monate später nach Kassel das Gerücht
meldete, daß ein Kölner Benediktiner und ein Notar aus
Paderborn unterwegs seien, um Lippoldsberg zu besetzen,
beauftragte die Regierung den Oberst Kurt Heinrich von
Uffeln, einen Gefreiten mit zwölf Soldaten nach Lippolds-
berg zu schicken, um gemeinsam mit dem Oberstleutnant
und Amtmann der Zapfenburg Johann von Uffeln jeden
Besetzungsversuch zu vereiteln. ^) Johann von Uffeln und
der Kanzleiregistrator Johann Konrad Cellarius erhielten
außerdem den besonderen Befehl, Erkundigungen einzu-
ziehen, ob die Mönche mit Tilly in Beziehungen stünden,
sollten dabei aber nicht den Verdacht erregen, als ob
man hessischerseits gewaltsame Gegenmaßregeln träfe.
Bald darauf kam ein Wagentroß mit Reisigen und
Musketieren in Begleitung von vier Mönchen nach Lip-
poldsberg und begehrte — angeblich auf der Durchreise
nach Münden und Regensburg — für kurze Zeit Rast im
Kloster. Die dort untergebrachten hessischen Soldaten
erklärten aber, das Kloster stünde dem Landgrafen zu,
sie dürften niemand einlassen. So mußten die Hungrigen
vor verschlossenen Türen kehrt machen und im Dorf sich
einquartieren. Nach dem Bericht Johanns von Uffeln
(Mai 22) ist der Bischof von Osnabrück Franz Wilhelm
Graf von Wartenberg selbst dabei gewesen, die Kasseler
Regierung meinte jedoch, es seien die kurkölnischen Exe-
kutoren gewesen.*)
») Tupetz S. 549. Nr. 9 der Akten. Rommel VIII, 69.
2) 1680 Februar 5.
*) Schreiben Donops an den Kanzler 1630 Mai, Instruktion für
Uffeln und Cellarius Mai 13.
*) Nach frdl. Mitteilung des Staatsarchivs in Osnabrück ließ sich
ein Aufenthalt Franz Wilhelms in Lippoldsberg für Mai nicht fest-
stellen. Der Bischof war Ende April in reine, bis Mitte Mai in Verden,
am 18. in Loccum und am 21. Mai in Minden. Es ist nicht ausge-
schlossen, daß er auf der Weiterreise Lippoldsberg berührt hat. Nach
Forst, Politische Correspondenz des Grafen Franz Wilhelm von Waxt<Är
— 202 —
Hofgeismar.
Während alle bis jetzt erwähnten Restitutionsversuche
gescheitert sind, ist es in Hofgeismar einigen Mönchen
dank der militärischen Unterstützung gelungen, wenigstens
vorübergehend ehemaliges Klostergut zu besetzen und
Monate lang die hessische Regierung zu beunruhigen. ^)
Im August waren wiederholt zwei Minoriten in der
Stadt erschienen und hatten auf dem Rathaus angezeigt,
daß sie im Auftrag kaiserlicher Kommissare das seit der
Reformationszeit in ein Hospital umgewandelte ehemalige
Minoritenkloster wieder beziehen wollten. ^) Als man ihnen
antwortete, das Kloster sei Eigentum des Landgrafen,
reisten sie nach Kassel — wie sie angaben — ab. ^) Am
30. Januar des folgenden Jahres kamen wieder zwei Mi-
noriten nach Hofgeismar*) und verschafften sich den No-
tar Jost Schlicker aus Warburg, um rechtmäßig von dem
Hospital Besitz zu ergreifen.
Auf diese Nachricht hin erteilte die Kasseler Re-
gierung sofort dem Rentmeister Herbold v. Haxthausen
und dem Bürgermeister Johann Kannengießer den Auf-
trag, von den Mönchen die Vollmacht einzuziehen und
nach Kassel zu schicken; vor allem sollten sie versuchen,
die in der Stadt liegenden Offiziere auf ihre Seite oder
zur neutralen Haltung zu bringen und durch Güte unter
Hinweis auf die Nachgiebigkeit der Mönche in Schmal-
kalden die Besetzung des Klosters zu verhindern; nur im
äußersten Falle solle man zum Mittel des Widerspruchs
und der Verwahrung greifen.^) An demselben Tage, an
berg, Bischofs von Osnabrück S. 424 (Publikationen aus den k.
Preußischen Staatsarchiven Band 68) war er am 16. Juni in Vahren-
bach und am 17. Juli in Regensburg (S. 428).
^) Die folgende Darstellung beruht auf Nr. 5 der Akten. Tupetz
(S. 418, 419 und 549) kennt nur die Besetzung vom 2. Februar 1680
und die darauf erfolgte Entfernung der Mönche, verlegt auch auf der
beigegebenen Karte den Ort irrtümlich nach Geismar bei Fritzlar.
Falckenheiner, Geschichte hessischer Städte und Stifter II, 500. Rommel,
III Anm. S. 282 und VIII, 69.
*) Bereits am 29. Januar 1629 hatte der Provinzial der kölnischen
Minoriten-Ordensprovinz P. Georg Schmalenberg gelegentlich einer
Visitation in Fritzlar die Patres Johann Gülicher, Bartholomaeus Macker
von Meschede und Reiner Arnoldi mit dem Laienbruder Christoph nach
Hofgeismar geschickt, um das Kloster in Besitz zu nehmen. Vgl. Eubel,
Geschichte der kölnischen Minoriten-Ordensprovinz S. 16.
*) Schreiben sämtlicher Prediger in Hofgeismar an den Super-
intendenten Stein 1629 Aug. 28. Ausf.
*) Es ist nicht festzustellen, ob es dieselben waren, die im August
die ersten Versuche gemacht hatten.
*) Instruktion vom 1. Februar.
— 203 —
dem diese Instruktion ausgefertigt worden war, benutzten
die Mönche die Betstunde, um in das Hospital einzudringen
und durch den Notar in aller Form von dem Kloster Be-
sitz ergreifen zu lassen.
Der Pfarrer Heinrich Füllhuhn und der Bürgermeister
Kannengießer trafen kurz darauf einen der Mönche und
den Notar am Kirchhof und stellten beide zur Rede. Da-
rauf erklärten diese, sie hätten das Kloster besetzt und
wollten ihre Vollmacht bald vorlegen. Nach Ablauf einer
viertel Stunde brachte der Mönch seine Vollmacht, die
sich aber nur auf die Franziskanerklöster in Sachsen be-
zog. Als man ihm dies vorhielt, meinte er, die hessischen
Klöster gehörten auch dazu, er habe außerdem noch münd-
liche Weisungen von Dr. Wiedenbruck, dem kölnischen
Kommissar in Höxter, erhalten. Demgegenüber legten
die beiden Hessen Verwahrung ein und erklärten, daß das
Kloster schon vor dem Passauer Vertrag in den Besitz
des Landgrafen gekommen sei ; der Mönch aber erwiderte,
der Passauer Vertrag gelte nur für die alten Anhänger
der unveränderten Augsburgischen Konfession, nicht aber
für die Kalvinisten. Er gab zu, daß die kölnischen Kom-
missare vor Anfang März nicht erscheinen würden und
erklärte sein frühzeitiges Eintreffen unumwunden damit,
daß der Kölner und der Mainzer Erzbischof wegen der
Besetzung der Klöster in Niederhessen uneins seien und
andere Ordenspersonen ihm zuvorkommen könnten; er
hätte schon vor einem J'ahre Vollmacht gehabt, das Hos-
pital in Hofgeismar zu besetzen. Der Notar versprach,
den förmlichen Einspruch der hessischen Beamten der Ur-
kunde über die Besitzergreifung einzufügen. Inzwischen
versperrte der im Hospital zurückgebliebene Mönch mit
Hilfe einiger Soldaten den Bewohnern des Hospitals ihre
Stuben, wies sie hinaus, nahm den Schlüssel zum Keller in
Verwahrung und ließ den landgräflichen Fruchtboden
öffnen. Einige Wände wurden sofort ausgeschlagen, um
eine Kapelle bis zur Wiederherstellung der Kirche ein-
zurichten. Auf Verwendung des Pfarrers Füllhuhn gab
der Kapitänleutnant den Armen einige Tage Frist, bis
man die Regierung von dem Vorfall verständigt und wei-
tere Befehle erhalten hätte.
Am 8. Februar schickte die Regierung den Oberst-
leutnant und Amtmann der Zapfenburg Johann v. Uffeln
und den Kasseler Schultheißen Burkard Vigelius nach
Hofgeismar mit dem Auftrag, die Mönche aus dem Hos-
— 204 ~
pital zu entfernen und gegen die durch die Soldaten des
Kapitänleutnants geleistete Hilfe Verwahrung einzulegen.
Am Abend des 9. Februars kamen Uffeln und Vigelius
in Hofgeismar an und gingen am folgenden Morgen zu
Adergaß, den sie krank im Bette fanden. Sie machten
ihm Vorhalt wegen seiner Begünstigung der Mönche und
baten, diese auszuweisen; Adergaß aber lehnte jede Ver-
antwortung ab, die Mönche hätten ihn um Schutz ange-
gangen, er könne und wolle sie nicht hinausweisen und
behauptete, keinen Befehl gegeben zu haben. Als die
Abgesandten sich verabschieden wollten, traten die zwei
Mönche in die Stube und wurden von den Gesandten
wegen ihrer unrechtmäßigen Handlungsweise zur Rede
gestellt, worauf sie erwiderten, sie handelten gehorsam
nach dem ihnen gegebenen Auftrag und würden die an-
deren Kirchen in aller Kürze auch besetzen. Eine Voll-
macht konnten sie nicht vorweisen, versicherten aber, daß
ein anderer Ordensbruder eine solche bei sich habe, und
daß sie von ihrem Ordensgeneral ausgestellt sei. Daraut
geleiteten der Pfarrer, Rentmeister und Bürgermeister ge-
meinsam mit den Hospitalsvorstehern die verjagten In-
sassen wieder in das Hospital, nachdem einer durch eine
Öffnung eingestiegen und von innen die Tür geöffnet
hatte. Schon am folgenden Tage waren wieder zwei
Soldaten im Hospital und versperrten den Armen den
Brunnen. Als sich hierüber die Regierung beim Kapitän-
leutnant beschwerte, erklärte dieser, ein Soldat habe auf
besonderen Wunsch des einen Mönchs, während dieser in
Grebenstein einen Krankenbesuch machte, dessen Zimmer
bewacht, der andere Soldat sei ohne Wissen der Offiziere
mitgegangen.
Reinhard Scheffer, der Amtmann in Wolfhagen und
Zierenberg, wurde beauftragt, mit dem Oberstwachtmeister
V. Oppen wegen Ausweisung der Mönche zu unterhandeln.
Da alle schriftlichen Anordnungen nichts fruchteten, wurde
am 13. Februar nochmals Burkard Vigelius abgeschickt.
Er ging sofort zu Adergaß, der erregt aus dem Bett
sprang, keine Gewalttat gegen die Mönche dulden lassen
wollte und mit seinen Soldaten drohte. Vigelius, in dessen
Begleitung wieder der Rentmeister, der Bürgermeister
und ein Notar namens Heinrich Stubenrauch waren, hielt
dem Kapitän ernstlich vor, welches gefährliche Spiel er
gegen einen Fürsten des Reichs beginne, ohne höheren
Befehl, nur den verlaufenen Mönchen zu liebe und gab
— 205 —
ihm zu verstehen, daß er seinen Auftrag ausführen werde
und eine deutliche Erklärung fordern müsse. Da bat Ader-
gaß um Frist bis zum andern Morgen, bis er bei seinem
Vorgesetzten sich Rats geholt habe. Die Armen wurden
an demselben Abend noch durch die hessischen Beamten
in ihre Stuben wieder eingeführt. In der Nacht ritt ein
Bote des Kapitänleutnants nach Wolfhagen zum Oberst-
wachtmeister V. Oppen und kehrte am folgenden Morgen
(15. Februar) um 10 Uhr zurück. Sofort schickte Vigelius
seinen Notar in Adergassens Haus, um die Erklärung zu
holen, Adergaß aber antwortete, er ändere seinen Ent-
schluß keineswegs, er könne den Mönchen keine Gewalt
antun und sie nicht ausweisen.
Diese Verhandlungen mußten sehr bald den in der
Stadt liegenden Soldaten bekannt geworden sein, denn es
machte sich eine allgemeine Aufregung und Angst be-
merkbar. Adergaß blieb unerschütterlich, nachdem ihm
Vigelius nochmals den Ernst der Lage vor Augen gestellt
hatte und gab schließlich seine Einwilligung, daß ein
Feldwebel mit zehn Soldaten den hessischen Beamten mit-
gegeben würden, um Zeugen zu sein, wenn die Mönche
ohne Anwendung jeglicher Gewalt aus dem Hospital ent-
fernt würden. Das Hospital war fest verschlossen. Notar
und Zeugen mußten von dieser Tatsache Kenntnis nehmen.
Dann wurden die Tore geöffnet, und die drei Mönche,
einer nach dem andern, durch zwei starke Kerls oben
und unten gepackt und ,sanft und mit ziemlicher Be-
scheidenheit und guten Worten' durch den Kreuzgang
hinaus getragen. ^)
Damit war zunächst das Hospital wieder in hessischem
Besitz, der Landgraf verfehlte aber nicht, am nächsten
Tag (16. Februar) in ausführlicher Darlegung des Sach-
verhaltes und aller Vorgänge beim Kaiser Klage zu er-
heben über die Anmaßung der Mönche. ^)
' Indes die beiden Franziskaner ließen nicht nach. Um
die Mittagszeit während der Betstunde erschienen sie hoch
zu Roß am 4. März wiederum in Begleitung zahlreicher
Soldaten vor dem Hospital. Die Tür mußte Axtschlägen
*) Bericht des Vigelius vom 15. Februar.
*) Der Herzog Johann Ernst von Sachsen-Eisenach hatte ihm
dazu geraten. — Eine unmittelbare Folge der Hofgeismarer Vorgänge
war der Briefwechsel Wilhelms V. mit seinem Vetter Georg IL, der
sich schließlich zu langatmigen theologischen Auseinandersetzungen
auswuchs. Vgl. Rorarael VIII, 73 Anm. 89 und Saligs Vollständige
Historie der Augspurgischen Confession etc. (Halle 17H0) S. 756 iL
— 208 —
Im Innern ermahnte der Schultheiß die Mönche, gutwillig
den Platz zu räumen. Diese weigerten sich aber. Kurz
entschlossen packte der Schultheiß die beiden — es waren
starke Kerle, wie er selbst sagt — an den Armen und
führte sie aus dem Spital durch die Stadt vor das Tor.
Das Spital wurde sofort den armen Leuten wieder ein-
geräumt und mit zehn bewaffneten Bürgern besetzt. Die
Mönche verlangten sogar Pferde und Wagen zur Weg-
führung ihrer Habseligkeiten. -) Dies schlug man ihnen
zwar ab, verwahrte aber alles gut und gab den Soldaten,
die um Unterkunft und Kost baten, ein Viertel Wein zum
Abschied.
Es war noch keine Woche vergangen, als am 14. Juli
zwischen vier und fünf Uhr die Mönche schon wieder mit
Trommelschlag und etwa fünfzig Soldaten das Spital be-
setzten und auf dem Rathaus ihre zurückgelassene Habe
verlangten. Die Regierung in Kassel antwortete aufs
neue mit einer Protestschrift, die aber erst am 10. Sep-
tember durch den Oberamtmann Friedrich v. Weiters den
Mönchen eröffnet wurde. Inzwischen hatte Graf Gottfried
Heinrich von Pappenheim vom Landgrafen die Ausliefe-
rung des Schultheißen Vigelius und seiner Helfer wegen
der Gewalttaten am 6. Juli verlangt^) In einer eigen-
händigen Nachschrift erinnerte der Graf daran, wie leicht
Weiterungen und Gefahr entstehen könnten. Der Land-
graf aber berief sich auf die Aussagen einwandsfreier
Zeugen, die jede dem Schultheißen vorgeworfene Gewalt-
tat zurückwiesen, und verweigerte die Auslieferung. Da-
rauf gab sich Pappenheim zufrieden und mischte sich
weiter nicht mehr ein. ^)
Es scheint, daß die Mönche sich noch lange im Hospi-
tal gehalten haben. Noch im Januar des folgenden Jahres
hielt der Minoriten-Ordensprovinzial Otto Guthoff (de Bo-
^) Asmus von Baumbach in Spangenberg hatte erfahren, daß
die Mönche in Regensburg Klage erhoben hätten wegen der ihnen zu
teü gewordenen Behandlung. Bericht Baumbachs an die Regierung
vom 19. Juli.
2) Schreiben Pappenheims an Wilhelm V. Juli 11 aus Lügde,
dessen Antwort Juli 24. Diese Forderung war offenbar durch die
Mönche veranlaßt. In Sachen des Restitutionsedikts hatte Pappen-
heim nur für die Stifter Magdeburg und Halberstadt das Amt eines
Exekutors.
') Schreiben Pappenheims aus Wiesbaden vom 17. August. Die
Ereignisse im Norden des Reichs führten ihn bald dahin, im Oktober
brach er nach Lauenburg auf.
— 209 —
naviUa) eine Klostervisitation in Hofgeismar ab. *) Die
Fortschritte des Schwedenkönigs, der seit dem 30. Juli
1630 auf deutschem Boden weilte und Wilhelms V. Be-
ziehungen zu ihm, ließen wohl auch den Minoriten in
Hofgeismar ein längeres Verweilen untunlich erscheinen.
Leider fehlen jegliche Nachrichten über ihren endgiltigen
Abschied aus dem Spital.
Nirgends war es den Ordensabgesandten gelungen,
so lange festen Fuß zu fassen wie in Hofgeismar. Aller-
dings hatte die Regierung von vornherein beim ersten
Auftauchen der Mönche in Hofgeismar Vorsichtsmaßregeln
getroffen. Am 11. Februar 1630 war an die Rentmeister
in Gudensberg und Hofgeismar der Befehl ausgegangen,
in Anbetracht der den geistlichen Gütern drohenden Ge-
fahr ein besonders wachsames Auge zu haben. Darauf-
hin machte der Gudensberger Rentmeister Johann Bischof
sich auf zu einer Rundreise nach Weißenstein, Burg-
hasungen, Breitenau, Karthause, Felsberg, Melsungen,
Spangenberg, Lichtenau, Allendorf a. d. W., Friedewald,
Vacha, Homberg, Borken, Frielendorf, Jesberg, Neukirchen,
Schwarzenborn, Treysa und Ziegenhain, konnte aber an
keinem Orte Gefahr bemerken. ^) Nur für Breitenau und
Burghasungen trug man im Sommer Sorge.
Breitenau, Burghasungen, Merxhausen.
Anfang Juli kam der Abt von Gerode nach Spangen-
berg und zeigte dem dort liegenden Leutnant Patente,
auf Grund deren er mit anderen Kommissaren ermächtigt
sei, die Klöster Breitenau und Burghasungen zu besetzen.
Die Regierung schrieb daraufhin an die Vögte zu Brei-
tenau und Burghasungen, sie sollten die Kommissare kurzer
Hand ab- und an sie verweisen.^) Die beunruhigenden
Gerüchte wollten nicht verstummen. In Hasungen *) er-
zählte man sich von einem Abkommen, das die Pfaffen
und Mönche in Fritzlar getroffen haben sollten, daß zuerst
Hasungen, weil es die meisten Einkünfte hätte ^), und
») Vgl. Eubel a. a. 0. S. 16.
*) Bericht an die Regierung vom 25. Februar.
*) Bericht des Asmus v. Baumbach in Spangenberg an die Re-
gierung 1630 Juli 19.
*) Bericht des dortigen Vogts Christoph Kroschel Juli 29, Ver-
fügung der Regierung August 3.
*) Sie waren nach einer 1629 oder 1630 aufgeschriebenen Zu-
sammenstellung der Klostergefälle im Niederfürstentum auf 3450 ö..
— 210 —
dann Breitenau, Eppenberg und Merxhausen eingezogen
werden sollten. Der Vogt in Hasungen war besonders
in Sorge, da die Bauern wegen der Erntearbeiten sich
weigerten, die nötigen Sicherheitswachen zu stellen, bis
schließlich die Regierung bereit war Soldaten nach Ha-
sungen zu legen, wenn die Bauern für deren Wohnung
und Unterhalt sorgten.
Für Merxhausen war Johannes Minberg, Propst
des Klosters Heiningen und Pfarrer in Volkmarsen, vom
Generalprior der Augustiner Wilhelm Heckenroy aus-
ersehen, das Kloster dem Orden zurückzugewinnen. Der
Landgraf war von beiden über diesen Plan benachrichtigt ^)
und die Regierung befahl dem Vogt in Merxhausen, die
Tore zu schließen. Fremde nicht einzulassen und Nachtwachen
aufzustellen ; die Kommissare sollten nach Kassel an die
Regierung verwiesen werden. Landgraf Georg, den Wil-
helm V. um Rat gefragt hatte, erinnerte an die Äuße
rungen des Gesandten Karls V. in Haina, daß sie nie Ur-
sache geben wollten, die armen Leute aus dem Spital zu
verjagen. Man schaffte Rechnungen aus Haina und ein
altes Kopialbuch herbei, um sich über die Rechtsgültig-
keit der hessischen Ansprüche zu vergewissern. ^)
Cornberg, Immichenhain, Rotenburg.
Johann Bernhard Schenk zu Schweinsberg, der Abt
von Fulda und einer der für den oberrheinischen Kreis
bestimmten kaiserlichen Kommissare, war ganz besonders
eifrig bemüht, seine Mission zur Zufriedenheit seines Auf-
traggebers zu erfüllen. Abgesehen von seiner Tätigkeit
als Administrator des Stifts Hersfeld und in seinem eignen
Lande griff er wiederholt auf hessische Klöster über. ^)
Die Landgräfin Juliane bat am 21. Februar 1630 die
Kasseler Regierung um Archivalien über das alte Kloster
berechnet. Von den übrigen Klöstern betrugen die Einkünfte in Ahna-
berg 3100, Breitenau 3410, Karthause (Eppenberg) 730, Eschwege
(Augustinerkloster) 1500, Frauensee 600, Germerode 1800, Heimars-
hausen 1700, Haydau 1820, Herrenbreitungen 1930, Cornberg 1500,
Lippoldsberg 1230, Vacha 250, Weißenstein 1590, Witzenhausen 4öO,
Spießkappel 2710 ^ind im Hainer Hof (Fritzlar) 1590.
^) Schreiben Minbergs an den Landgrafen 1630 Juli 23.
') Nr. 7 der Akten. Vgl. Tupetz §. 549. Auch Kaufungen und
Weißenstein sollen von dem für die sächsischen Kreise ernannten
Kommissare, dem Reichshofrat Johann von Hye, verlangt, aber irr-
tümlich nach Braunschweig versetzt worden sein.
*) Schreiben an die Regierung 1630 April 17.
— 211 —
Cornberg, da der Abt von Fulda sich am kaiserlichen
Hofe wegen dieses Klosters bemühen sollte.
Hans Diede zum Fürstenstein inlmmichenhain^),
der im Besitz alter vom Landgrafen Philipp aus geist-
lichem Besitz — wohl des Klosters Immichenhain — be-
gabter Lehen war, richtete an die Regierung die vertrau-
liche Anfrage, wie er sich verhalten solle, wenn man
gewaltsam den Besitz der früheren Kirchengüter zurück-
fordern sollte. Im Januar des folgenden Jahres besetzten
fünf Mönche unter dem Schutze von zwanzig Musketieren
auf Veranlassung des Abts von Fulda das Kloster Im-
michenhain. 2) Am 1. Oktober 1630 schrieb Landgraf
Hermann an Wilhelm V. über ein Gerücht, daß der Kaiser
das Stift Rotenburg dem Fulder Abt geschenkt habe.
Als Subdelegierten des Abts von Fulda begegnen
wir Johann Adolf von Hauneck und Andreas Koch, die
zusammen mit den kurmain zischen Bevollmächtigten dem
Domherrn Hugo von der Eltz, dem Propst von S. Michael
von Karpen und dem Protonotar Dr. Neuses, der zugleich
vom Grafen Karl von Manderscheid beauftragt war, am
25. August 1630 in Fritzlar zusammengekommen waren,
um von dort aus das Restitutionswerk in Hessen und
Waldeck zu betreiben.^) Der Propst Johannes Minberg,
dem auiäer Merxhausen auch das waldeckische Kloster
Volkhardinghausen zur Restitution übertragen war, war
gleichfalls in Fritzlar anwesend und hatte in Arolsen ohne
Scheu verlauten lassen, man werde die hessischen Klöster
ohne weiteres besetzen. *)
Am 25. August fuhren die Kommissare in einer
Kutsche nach der Fraumünsterkirche und verlangten von
der Frau des Opfermanns die Schlüssel zur Kirche. Diese
erklärte, daß sie die Schlüssel nicht habe, und wies die
Kommissare an den Opfermann in ObermöUrich, erhielt
aber den Auftrag, dem Pfarrer von ObermöUrich zu sagen
*) Vgl. über ihn Komp, Fürstabt Johann Bernhard Schenk zu
Schweinsberg, der zweite Restaurator des Katholizismus im Hochstifte
Fulda. Fulda 1878.
*) Schreiben des Pfarrers Johann Hanstein in Ziegenhain an den
Superintendenten Stein 1631 Februar 3.
^) Auf der Durchreise hatten sie in der Nacht vom 13. zum 14.
August zu Marburg im ,weißen Roß* (wo heute das Landratsgebäude
steht) gewohnt und in der Frühe des 14. voll Lobes die Ehsabeth-
kirche besichtigt. Brief des H. Scharff in Marburg vom 24. August.
*) Dr. Eitel Gerhard an den Sekretär Johann Möller in Kassel.
Aug. 15.
N. P. BD. XXX. W
— 212 —
daß er am andern Morgen um 10 Uhr die Kirehe zu
öffnen habe. Sobald die Regierung durch den Schult-
heißen in Gudensberg, Eckhard Briede, von der Anmaßung
der Kommissare erfahren hatte, schärfte sie umgehend
dem Schultheißen und dem Pfarrer Franz Engelhard in
ObermöUrich ein, die Schlüssel nicht herauszugeben und
die Kommissare an den Landgrafen, dem die Kirche ge-
höre, zu verweisen. ^)
Wesentlich anders als in Niederhessen lagen die Ver-
hältnisse in Oberhessen, wo Landgraf Georg IL von Hessen-
Darmstadt seit dem 24. September 1627 a. St. das Erbe
Ludwigs V. angetreten hatte. Er, ,der hauptsächliche
Vertreter des reichstreuen Luthertums* ^), glaubte am we-
nigsten die Folgen des Restitutionsedikts fürchten zu
müssen, nahm aber an dem Schicksal der niederhessischen
Klöster Anteil und war für die Aufklärung der grund-
losen Ansprüche der Katholiken tätig. Dem durch das
Edikt am schwersten betroffenen Herzog von Württem-
berg gegenüber spielte er eine wenig rühmliche Rolle,
indem er durch Unentschiedenheit und Verzögerung eine
unfruchtbare Friedenspolitik trieb, die ihm den Titel eines
,Reichsfriedensmeisters* eintrug. ^) Nur einmal glaubte
die Marburger Regierung gegen verdächtige Mönche
vorgehen zu müssen, die sich in Wetter aufhalten sollten.
Nachdem in Wetter alle Wirtshäuser und vier Bürgers-
häuser, in denen man Verdacht schöpfte, durchgesucht
waren, war nirgends ein Verdächtiger zu finden. Gleich-
wohl ließ man die Tore sorgfältig bewachen, und die Re-
gierung erließ an die Beamten zu Alsfeld, Grünberg,
Nidda, Frankenberg, Wetter und Grebenau ein Rund-
schreiben: Die Kirchen und ehemaligen Klostergebäude
^) Berichte des Schultheißen an die Regierung vom 29. August,
des Pfarrers an den Superintendenten Stein von demselben Tage und
Antwort der Regierung vom 30. August. Bereits im Jahre 1627 hatte
Kurmainz die Ausübung des Patronatrechtes an der Fraumünster-
kirche von Hessen wieder beansprucht. Vgl. Hochhuth, Statistik
S. 138. Über die im Jahre 1628 unter dem Widerspruch der Franzis-
kaner-Observanten bewirkte Besitzergreifung des Minoritenklosters zu
Fritzlar durch den Minoritenorden vgl. Eubel, Geschichte der Köl--
nischen Minoriten-Ordensprovinz S. 260—262 und Falckenheiner II.
34 u. 35.
*) Klopp III, 1 Seite 556. Ober die Übergriffe des Amöneburger
Dechanten in Rauisch Holzhausen vgl. Rieß in Justis Hessischen
Denkwürdigkeiten 4. Teil S. 107 ff.
») Vgl. Günter a. a. 0. S. 54. 63. 138. 226. Klopp HI, 1 S. 555.
Tupeiz ^11. 478.
— 213 —
sollten gut verschlossen, verdächtige Personen, die sich
etwa einschleichen wollten, nach ihrem Auftrag ausgefragt
und ausgewiesen werden. Sollten sie aber den geringsten
Widerstand versuchen, seien sie gefangen zu setzen.^)
Ähnlich hatte bereits im Vorjahre Wilhelm V. seinen
Amtmann in Reichenberg angewiesen, gewalttätigem Vor-
gehen der Kommissare auch mit Gewalt zu begegnen. ^)
Veranlassung hierzu gab wohl das Auftreten des Priors
vom Kloster Arnstein. ^) Jedoch konnten die hessischen
Beamten nicht hindern, da ihnen eine nachdrückliche
militärische Unterstützung fehlte, daß in Ems, Kirdorf,
Singhofen, Ober- und Unter-Tiefenbach und Werlau die
Gegenformation Eingang fand.*) Die alte Stiftskirche zu
St. Goar war in den Händen spanischer Soldaten zum
Schauplatz gröbster Ausschreitungen geworden % und das
Kloster Berbach wurde von mehreren Mönchen zurück-
verlangt. ^)
Bei Schilderung der Ereignisse, die sich in Hofgeis-
mar abgespielt haben, ist bereits darauf hingewiesen wor-
den, daß die Landung Gustav Adolfs in Pommern, dessen
Vorrücken und die Annäherung des Landgrafen Wilhelm
an ihn den Mönchen in Hofgeismar den Boden heiß ge-
macht haben. Dies gilt wohl allgemein nicht nur für die
im Lande sich etwa aufhaltenden Ordenspersonen, sondern
auch für die kaiserlichen Exekutionskommissare, falls sie
noch weitere Restitutionen planten. Wachsamen Auges
hat die Regierung alle Anschläge auf ehemaliges Kloster-
gut sofort erkannt, und nicht zum wenigsten ist es das
Verdienst ihrer treuen und tatkräftigen Beamten, die evan-
gelische Kirche Hessens, ähnlich wie in den Tagen des
Interims'), vor großen Verlusten bewahrt zu haben.
*) Ausschreiben der Regierung 1630 April 24 und 25; Bericht
Ludwig Orths aus Wetter April 24.
*) Nach Tupetz 412 und 413 Anm. 2.
8) Ebenda 414 Anm. 1.
*) Ebenda 550.
») Rommel VII, 656. Tupetz 549.
®) Tupetz S. 549 nennt das Kloster Brauerbach (Braubach?).- In
Braubach war aber im Mittelalter nur eine Beginenniederlassung.
^) Vgl. F. Herrmann, Das Interim in Hessen S. 163.
W*
Beiträge znr Gesehiehte des Landgrafen
Hermann IL von Hessen.
Von
Friedrieh Küch.
V. Zur Geschichte des Kriegs mit Mainz^ Braunschweig
und Thüringen i. J. 1387.
Vorbemerkung. Kriegerische Absichten des Erzbischofs Adolf. Gegen-
maßregeln. L. Hermann am Rhein. L. Hermann und Markgraf Bal-
thasar. Die Appellation. Aufhebung des Westfäl. Landfriedens und
Eschweger Bündnis. Gegenmaßregeln gegen die Aufhebung des Land-
friedens. Einungswesen. L. Hermann und seine Städte. iJmliche
Zustände im Stift Fulda ; landständische Einungen dort. Würzburgisch-
fuldisches Städtebündnis. Bestrebungen des Landgrafen, seine Städte
in dieses Bündnis zu bringen. Die Einung von Fulda. L. Hermann
und König Wenzel. Maßregeln für den Krieg. Itinerar. Quellen zur
Geschichte des Feldzugs. Kritik Johann Nuhns (Landgräfin Margarethe,
Engelbrecht v. Grifte, Henne v. Wehren). Burg Falkenstein. Graf
Gottfried von Ziegenhain. — Beilage.
Im 17. und 19. Bande (N. F.) dieser Zeitschrift habe
ich Auszüge aus hessischen Amtsrechnungen der Jahre
1371 — 1405 veröffentlicht, die für die Geschichte des Land-
grafen Hermann II. von besonderer Wichtigkeit sind. Erst
nachträghch ist mir ein damals vermißtes Marburger Aus-
gaberegister des Rentmeisters Heinrich von Schönstadt
aus dem Jahre 1387 zugänglich geworden. ^) Landau hat
es bereits gekannt und einige wenige Notizen daraus im
2. Bande der Zeitschrift ^) abgedruckt. Aber die Deutung,
die er jenen Notizen gegeben hat, fordert zu einer noch-
*) Aus den Beständen des ehemaligen Archivs der Finanzkammer,
jetzt im Marburger Staatsarchiv.
2) S. 286 f.
— 215 —
maligen Untersuchung heraus; und dann finden sich in
der Rechnung noch zahlreiche andere Stellen, die zur Ge-
schichte des ereignisvollen Jahres 1387 nicht unerhebliche
Beiträge liefern, selbst nachdem Friedensburg ihm eine
eingehende Untersuchung gewidmet hat. *) Im Anhange
sind daher alle Ausgabeposten jenes Registers in wört-
lichem Abdrucke wiedergegeben, die von irgendwelchem
Interesse für die politische Geschichte sein können. Außer-
dem aber gewährt die Rechnung ein anschauliches Bild
der mittelalterlichen Hofhaltung, da Landgraf Hermann
und seine Gemahlin Margarethe von Nürnberg zusammen
oder allein einen beträchtlichen Teil des Jahres in Marburg
zugebracht haben. Es sind deshalb, wenigstens für die
erste Hälfte des Jahres, auch die hierauf bezüglichen Aus-
gabeposten, die zudem für die Preisverhältnisse der Zeit
von Wert sind, und die Einträge über Lieferung von Vic-
tualien aus dem Renthofe in die Hofküche mit aufgenom-
men. Das Botenregister am Schlüsse, das fast ein Ge-
schäftsjournal darstellt, ist unverkürzt wiedergegeben.
Nachdem Landgraf Hermann im Jahre 1385 dem ge-
meinschaftlichen Anstürme dreier Gegner unterlegen war
und im Frieden von Immenhausen vom 22. Juli demüti-
gende Bedingungen hatte eingehen müssen, waren die
Absichten der Verbündeten, die noch bei Lebzeiten des
kinderlosen Landgrafen das hessische Erbe unter sich auf-
zuteilen dachten, noch nicht erfüllt. Wenn der mächtigste
von ihnen, Erzbischof Adolf von Mainz, nicht schon im
Jahre 1386 losschlug und wenn er sogar seinem Verbün-
deten, dem Landgrafen von Thüringen und Markgrafen
von Meißen Balthasar 2), am 24. Juni 1386 einen Waffen-
stillstand mit Hermann bis zum 14. April 1387 vermittelte,
so waren es nur Gründe der Klugheit, vielleicht Rück-
sichten auf die Reichspolitik % die ihn dazu veranlassten.
Aber der Vertrag der beiden Fürsten war eben nur
ein Waffenstillstand, und andere Handlungen ließen die
wahren Absichten des kampflustigen Prälaten nicht un-
deutlich erkennen. In den Abkommen, die der Erzbischof
am 17. März und 21. JuH 1386 mit dem Ritter Friedrich
») Zeitschr. N. F. XI S. 137 ff.
*) Er wird weiterhin zur leichteren Unterscheidung von Land-
graf Hermann von Hessen in Übereinstimmung mit den zeitgenössischen
Quellen stets als Markgraf bezeichnet.
') Friedensburg a. a. 0. S. 144.
— 216 —
V. Hertingshausen und dem Grafen Heinrich von Waldeck
traf, ist der künftige Krieg mit dem Landgrafen bereits
ins Auge gefaßt. ^) Auch der Vertrag vom 14. Dezember
1386 mit den drei Pfalzgrafen Ruprecht wird mit Rück-
sicht auf die bevorstehende hessische Fehde abgeschlossen
sein. ^) Und endlich zeigt auch die Art, wie Adolf seine
geistlichen Machtmittel gegen den Landgrafen gebrauchte,
daß der Ausbruch des Kriegs nahe bevorstand. In einem
Konflikte Hermanns mit dem Provisor des Klosters Heida
Gerlach v. Lymesfelde war es nicht lange vor dem 19. No-
vember 1386 geschehen, daß eine dem Kloster gehörige
Herde Schafe von Werner v. Hanstein, dem Pfandinhaber
der Stadt Lichtenau, weggenommen wurde. ^) Erzbischot
Adolf benutzte diesen Anlaß, um, wahrscheinlich gegen
Ende des Jahres 1386 oder Anfang Januar 1387 ^), den
Landgrafen, Werner v. Hanstein und eine Reihe anderer
exkommunizieren zu lassen und das Land Hessen mit dem
Interdikt zu belegen.
Wie suchte nun Landgraf Hermann diesem Unwetter,,
das er von weitem gegen sich heranziehen sah, zu be-
gegnen, welche Maßregeln unternahm er, um die Über-
macht seiner Feinde, die seit dem Immenhäuser Vertrag
noch größer geworden war, zu zerteilen und abzu-
schwächen? Die Chroniken berichten nichts darüber und
auch die urkundlichen Quellen sind recht spröde, aber
unser Ausgaberegister überliefert eine Reihe von Tat-
sachen, die uns willkommene und interessante Aufschlüsse
über die Absichten des Landgrafen gewähren.
Wir finden zu Beginn des Jahres 1387 den Land-
grafen am Rhein. ^) Mit wem er dort zusammengekom-
men ist, wird nicht erwähnt. Aber wenn man berück-
sichtigt, daß am 9. Januar, kurz vor der Rückkehr des
Landgrafen nach Marburg, dort Briefe des Pfalzgrafen
Ruprecht an die Land- und Markgrafen Balthasar und
Wilhelm von Thüringen-Meißen eintreffen, die durch hes-
sische Boten und auf hessische Kosten an ihre Bestim-
mungsorte Gotha und Dresden weiterbefördert werden ^j,
so wird man mit der Annahme nicht fehlgehen, daß diese
*) Das Nähere s. bei Friedensburg a. a. 0. S. 147.
2) Friedensburg S. 154.
8) Vgl. Zeitschr. N. F. XIX. S. 32.
*) Der Erzbischof hatte Kommissare ernannt, die die Angelegen-
heit zunächst untersuchen sollten. Vgl. Friedensburg a. a. 0. S. 155.
ö) Beil. Nr. 11.
*; Beil Nr. 191, 192.
— 217 —
in Heidelberg verfaßten Briefe auf Veranlassung des Land-
grafen und in seinem Interesse geschrieben sind, ja man
wird voraussetzen dürfen, daß der Landgraf selbst in Hei-
delberg gewesen ist. Und auch den Zweck dieser Reise
und jener Briefe können wir erraten. Seit dem Waffen-
stillstand vom 24. Juni 1386 war Landgraf Hermann aufs
eifrigste bemüht, seine Beziehungen zu dem Markgrafen
Balthasar zu befestigen und diesen womöglich ganz von
dem mainzisch-braunschweigischen Bunde zu lösen. Daß
Balthasars Verhältnis zu den beiden anderen Anwärtern
auf das hessische Erbe nicht gerade das engste und nicht
frei von Argwohn war *), konnte dem Landgrafen nicht
verborgen bleiben. Den Waffenstillstand zu einem dauern-
den Frieden auszubauen, schien ihm daher ein um so
leichter erreichbares Ziel zu sein, als er mit Balthasars
Bruder Wilhelm die besten Beziehungen unterhielt. Dieser
scheint denn auch in ausgedehntem Maße eine vermit-
telnde Tätigkeit entfaltet zu haben. ^) Nach einem Tage
zu Mühlhausen am 17. Juli 1386, den der Landgraf per-
sönlich besuchte, fand ein weiterer zu Niederhohne im
Oktober desselben Jahres statt, dem ein Besuch des Mark-
grafen Wilhelm in Kassel folgte. Daran schloß sich ein
lebhafter Briefwechsel zwischen den beiden Fürsten % den
wir bis in den Januar 1387 hinein verfolgen können, und
am 20. Januar finden wir den Sekretär Wilhelms am land-
gräflichen Hofe in Marburg.*) Der Besuch Landgraf Her-
manns in Heidelberg hatte also offenbar den Zweck, den
Pfalzgrafen Ruprecht, seinen Verbündeten gegen Mainz
vom Jahre 1380^), zum Vermittler bei dem Markgrafen
Balthasar zu gewinnen. Diese eifrige diplomatische Tätig-
keit war das Vorspiel der auf den Fürstentagen in Würz-
burg (bezw. Forchheim) im Mai und Juni desselben Jahres
unternommenen Versuche, endgiltig einen Schiedsvertrag
zu Stande zu bringen.
Ob mit der Reise des Landgrafen in die Rheingegend
auch ein Versuch verbunden war, den Erzbischof umzu-
stimmen, darüber geben uns unsere Quellen keine An-
deutung. Ausgeschlossen erscheint dies nicht, hatte doch
wenige Jahre vorher, 1383, Pfalzgraf Ruprecht an den
*) Friedensburg a. a. 0. S. 143.
») Näheres s. Zeitschr. N. F. XIX. S. 80.
3) Ebenda S. 59 Nr. 87, 88, 98, S. 60 Nr. 98. — Beil. Nr. 193.
*) Beil. Nr. 20.
*) Friedensburg a. a. 0. S. 40.
— 218 —
Sühneverhandlungen in Oberwesel mitgewirkt. ^) Jeden-
falls hat sich Landgraf Hermann, wenn er schon eine
solche Absicht mit seiner Reise verfolgte, alsbald von der
Zwecklosigkeit des Versuches überzeugt; und sofort nach
seiner Rückkehr in die Heimat wurden Maßregeln er-
griffen, um den vom Erzbischof verhängten kirchlichen
Strafen entgegenzuwirken. Am 19. Januar wurde in Kassel
eine Appellation verfaßt, die der Notar und landgräfliche
Procurator Heinrich Blume von Grünberg nach einem
vergeblichen Versuch, sie vor dem Fritzlarer Offizial zu
verlesen, an eine Türe der Peterskirche in Fritzlar anhef-
tete. 2) Unterdessen war die Landgräfin Margarethe von
Kassel ebenfalls nach Marburg gekommen ^), und von hier
aus wurden am 6. Februar abermals zwei Bevollmächtigte,
der Stadtschreiber von Marburg Johann, Pfarrer zu Wen-
derode, und Siegfried Wilde, Altarist in Goßfelden, mit
einer Appellation nach Fritzlar geschickt, über die noch
verhandelt wurde, nachdem das lahdgräfliche Paar wieder
nach Kassel abgereist war. *)
Während der Landgraif den weiten Weg beschritt,
beim römischen Stuhl die Aufhebung von Exkommuni-
kation und Interdikt durchzusetzen ^), trat ein Ereignis ein,
welches dem Erzbischof die Durchführung seiner kriege-
rischen Pläne gegen Hessen wesentlich erleichterte: am
10. März 1387 auf einem königlichen Fürstentag in Würz-
burg schaffte König Wenzel den westfälischen Landfrieden
vom 25. November 1371 wieder ab. ^) Es ist hier nicht
der Ort, auf die allgemeine Bedeutung dieser Maßregel
und auf ihre Ursachen einzugehen. ') Für den Landgrafen
und für die Beziehungen zu seinen Gegnern war sie von
der allergrößten Wichtigkeit. Beide Parteien hatten im
Laufe der Zeit den Landfrieden, der weit über seinen ur-
») Friedensburg a. a. 0. S. 61 ff.
2) Friedensburg S. 153 Anm. Die Urkunde, eine gleichzeitige
Abschrift (scriptum per copiam) im Staatsarch. Marburg Gen. Rep.
Fritzlar 1387 Jan. 20.
») Jan. 18, Beil. Nr. 18.
*) Beil. Nr. 37, 201. Die undatierte Appellation an den Papst
ist abgedruckt von Friedensburg a. a. 0. S. 264. Sie wird wohl eben-
falls in dieser Zeit abgesandt worden sein. — Die Abreise erfolgte am
7. Februar; vgl. Beil. Nr. 38.
^) Die Aufhebung wurde erst im Jahre 1388 nach dem Spruche
des Bischofs von Praeneste vom 7. Juni 1388 perfekt. Vgl. Friedens-
burg a. a. 0. S. 155 f.
8) D. Reichstagsakten I S. 538 Nr. 298.
^) Vgl. Lindner, Geschichte d. deutschen Reiches I S. 304 ff.
— 219 —
sprünglichen Bezirk hinausgewachsen war, angenommen,
und der Landgraf hatte seine Position noch dadurch we-
sentlich gestärkt, daß es ihm im März 1385 gelungen
war, vom König die Belehnung mit drei innerhalb Hes-
sens gelegenen Freistühlen zu erhalten. ^) Für die kriege-
rischen Absichten der zu dem Landfrieden gehörigen
Fürsten gegen einander bildete dieses ein nicht zu unter-
schätzendes Hindernis. Wie die Ereignisse des Jahres
1385 ^) zum Nachteile des Landgrafen gezeigt hatten, war
dies Hindernis zwar nicht unüberwindlich, aber es bedurfte
doch dazu recht umständlicher Vorbereitungen, und außer-
dem war die Kriegführung dadurch erschwert, daß die
zum Schutze des Bauern und des Kaufmanns getroffenen
Maßregeln auch für den Kriegsfall in Giltigkeit blieben. ^)
Jedenfalls zeigt die Schnelligkeit, mit der Erzbischof Adolf
die neue Lage gegen den Landgrafen ausnutzte, wie will-
kommen ihm die Änderung war. Am 28. und 30. März
1387, also nur wenig Wochen nach der Aufhebung des
Westfälischen Landfriedens, schloß er in Eschwege mit
Otto von Braunschweig und Balthasar von Thüringen
jene Verträge ab, die im Grunde nichts anderes, als die
gänzliche Vernichtung des Landgrafen bezweckten.*)
Während für die genannten Fürsten die Aufhebung
des Westfälischen Landfriedens geradezu das Signal zur
Ausführung ihrer Kriegsabsichten war, suchten andere
an dem Landfrieden beteiligte Stände die schädlichen Wir-
kungen dieser Maßregel durch Gegenmaßregeln auszu-
gleichen, welche für uns deshalb von Interesse sind, weil
sich ihnen auch Landgraf Hermann anschloß, um mit ihrer
Hilfe sein Land vor der drohenden Invasion so viel als
möglich zu schützen; und diese Bestrebungen sind um so
interessanter, als sie aufs engste mit den inneren Verhält-
nissen der Territorien zusammenhängen.
Es war so recht eine Zeit der Einungen, der Bünd-
nisse zur Wahrung von Sonderinteressen, zur Erreichung
von Zwecken, für die die Kräfte der Einzelnen nicht aus-
reichten. Rittergesellschaften, Städtebünde, Fürstenbünde,
Landfriedenseinungen treten uns in raschem Wechsel, in
>) Lindner S. 331.
2) Über den Vertrag vom 13. März 1385 vgl. Lindner S. 332,
Friedensburg S. 107 f.
») Vgl. Lindner S. 304, 331.
*) Das Bündnis sollte Giltigkeit haben, „dicwile der egenant
lantgrave Herman lebit". Vgl. Friedensburg S. 157.
— 220 —
bunter Mannigfaltigkeit entgegen. Gleichzeitig tauchen
aber auch innerhalb der Territorien solche Bündnisbestre-
bungen auf, sei es der Territorialstädte unter einander oder
mit der landsässigen Ritterschaft. Nominell haben diese
landständischen Einungen die Erhaltung des Friedens und
gegenseitigen Schutz zum Zwecke, in Wirklichkeit aber
richten sie ihre Spitze mehr oder weniger gegen den Lan-
desherrn, von dem sie ihre Sonderrechte bedroht glauben.
Hier und dort haben es nun die Fürsten verstanden oder
doch wenigstens versucht, das Interesse der Landstädte
an der Herbeiführung gesicherter Zustände und ihre Nei-
gung zum Zusammenschluss für sich nutzbar zu machen,
indem sie Einungen zwischen den Städten verschiedener
Territorien zum Zwecke gegenseitiger Hilfeleistung her-
beiführten, oder doch mit ihrer ausdrücklichen Zustimmung
sich vollziehen ließen.^) Hierdurch konnte ein gewisser
Ersatz geschaffen werden, wenn sich Bündnisse zwischen
den Fürsten selbst aus irgend einem Grunde als untunlich
erwiesen. Die Städte waren die stärksten Festungen der
Herren; gegen sie pflegten sich vornehmlich feindliche An-
griffe zu wenden. Gelang es durch die Verpflichtung zu
gegenseitiger Hilfeleistung die Städte der verschiedenen
Territorien aneinanderzuketten, so war dadurch schon ein
wesentlicher Vorteil errungen.
Aus diesen Erwägungen gingen offenbar die eifrigen
Verhandlungen hervor, die Landgraf Hermann von Ende
März bis Mitte Juli 1387 mit seinen Städten und mit denen
benachbarter Territorien führte. Um sie zu verstehen, ist
es nötig, sich das Verhältnis zu vergegenwärtigen, welches
sich zwischen dem Landgrafen und seinen Städten im bis-
herigen Verlaufe seiner Regierung herausgebildet hatte. ^)
^) Die erste derartige Einung ist, soviel ich sehe, der sächsisclie
Städtebund vom 10. Juli 1384, der sich gegen den Mißbrauch des
Landfriedens richtete (Lindner a. a. 0. S. 326) und wohl vorbildhch
für die hier zu besprechenden Einungen gewesen ist. Beteiligt waren
die Städte Goslar, Hildesheim, Einbeck, Braunschweig, Halberstadt,
Quedlinburg und Aschersleben. Als Teilnehmer an den Beschlüssen
werden auch die Bischöfe von Halberstadt und Hildesheim aufgeführt,
„aber" sagt Lindner, „ob sie wirklich Teilnehmer des Bundes waren,
erscheint doch sehr zweifelhaft", er glaubt, sie hätten nur im allge-
meinen ihre Zustimmung zu der Einung gegeben. — Auf das Verhältnis
der Landesherren zu den interterritorialen Städtebünden werfen ge-
rade die hier zu besprechenden Einungen ein helles Licht.
*) Eine eingehende Schilderung dieser Zustände hat Nebelthau
im dritten Bande dieser Zeitschrift (N. F.) gegeben. Vgl. außerdem
„Das Kurfürstentum Hessen in malerischen Originalansichten" (1860)
S. 8 ff. und Friedensburg a. a. 0. S. 86 ff.
— 221 —
Es ist bekannt, daß Landgraf Hermann gegen Ende
des Jahres 1375 in Oberhessen zur Beseitigung seiner finan-
ziellen Schwierigkeiten („zu sture unsir schult unde unsirs
landis not") eine indirekte Steuer, ein Ungeld ausgeschrie-
ben hatte. ^) Während sich die Städte in diesem von Land-
graf Hermann damals offenbar selbständig^) verwalteten
Landesteil die Einführung der drückenden Steuerlast schon
Ende Oktober 1375 tatsächlich gefallen ließen^), wider-
standen die niederhessischen Städte mit Entschiedenheit dem
Zureden beider Fürsten, des alten Landgrafen Heinrich und
Hermanns. Ihre Vertreter kamen im Januar 1376 auf dem
Rathause in Kassel zusammen, beschlossen das Ungeld nicht
zu zahlen und verpflichteten sich, in dieser Angelegenheit nur
gemeinsam vorzugehen, unrechte Gewalt durch Bitten und
Mahnen bei beiden Landgrafen abzuwehren und Kosten
und Schaden gemeinsam zu tragen, jedoch mit dem Zu-
sätze, „doch sollen wir unde wollen unser herren allewege
gehorsame bürgere sien zu bescheidinheit, also wir bilche
unde von rechte thun sollen".
Ob es den Städten durch diesen Zusammenschluß
tatsächlich gelungen ist, sich von der Zahlung des Un-
geldes zu befreien, ist nicht bekannt. Jedenfalls aber ge-
staltete sich nach dem Tode des alten Heinrich IL ihr
Verhältnis zu Landgraf Hermann immer ungünstiger, und
der Vertrag, den am 1. Januar 1378 die Städte, Burg-
mannen und andere Ritterbürtige Niederhessens mit ein-
ander schlössen, bedeutet einen weiteren Fortschritt der
ständischen Einungsbewegung. Zwar hatte er formell nur
die Beilegung von Zwistigkeiten unter einander zum
Zwecke, und Äußerungen der Loyalität gegenüber dem
Landgrafen fehlten hier so wenig wie in dem Vertrage
von 1376, tatsächlich aber war er ein Bündnis gegen den
Landgrafen, das sogar bald nach dem Abschluß zu einer
gewaltsamen Erhebung, zu einer vorübergehenden Be-
*) Das Exemplar für Marburg im Staatsarch. Marburg, Gen. Rep.
Marburg. Den Text für Grünberg s. bei Wenck ÜB. II S. 449 Anm. 1.
*) Als Mitregent ist L. Hermann seit 6. Mai 1867 nachweisbar
(Zeitschr. N. F. XVII S. 415) ; auch 1374 erscheinen Landgraf Heinrich
und Hermann noch als gemeinsam in dem Marburger Salbuch (Zeit-
schrift N. F. XIX S. 186), aber die Urkunden betr. das Ungeld für
Marburg und Grünberg sind allein von L. Hermann ausgestellt.
*) Das Ungeld wurde von Marburg später mit 8000 Gulden wieder
abgelöst. Daß mit dem Ungeld die finanziellen Anforderungen an die
Städte keineswegs abgetan waren, zeigt das Beispiel Marburgs, das in
kurzer Zeit weitere 4000 und nochmals 1600 Gulden zahlen mußte
(Zeitschr. N. F. XXIX S. 149).
— 222 —
Setzung der Burg zu Kassel durch die aufständischen
Bürger führte. Indirekt war dieser Konflikt auch der An-
laß der Feindschaft zwischen Landgraf Hermann und Bal-
thasar von Thüringen, der als erbeinungsverwandter Fürst
am 12. Mai 1378 einen Vergleich zwischen beiden Parteien
vermittelte. ^) Wir entnehmen der hierüber aufgenommenen
Urkunde die Tatsache, daß sich Landgraf Hermann schrift-
lich zur Anerkennung jener Einung vom 1. Januar hatte
bequemen müssen^); und wenn auch die Stände nach
dem Spruche Balthasars nunmehr auf die Einung verzich-
teten und dem Landgrafen die Anerkennungsurkunde zu-
rückstellen mußten, so empfand dieser doch die Einmischung
des Markgrafen und die durch ihn vermittelten sonstigen
Vertragsbedingungen als eine solche Demütigung, daß er
alles daran setzte, auch die Urkunde vom 12. Mai wieder
ungültig erklären zu lassen. Dies gelang ihm im Jahre
1384. Die Städte und wohl auch ein Teil der Ritterschaft
wurden gezwungen, dem Markgrafen jenen Vermittlungs-
vertrag aufzukündigen. ^)
Aber bald zeigten sich die nachteiligen Folgen dieser
Gewaltpolitik. Nicht nur wurde Balthasar in das Lager
der Gegner des Landgrafen gedrängt, auch die hessischen
Städte oder vielmehr die nach Selbständigkeit strebenden
Parteien in den Städten *) brachte sein rücksichtsloses und
ohne Zweifel auch vertragswidriges Verfahren zum Äußer-
sten, nämlich zum Anschluß an die gegen den Landes-
herrn verbündeten Fürsten, vor allem an Balthasar, in dem
man ja auch den zukünftigen Erben der Landgrafschaft
sehen mochte. Sicherlich hatte dieser im Jahre 1385 den
^) Ausf. im Staatsarch. Marburg, Abt. Verträge mit Sachsen.
*) Es heißt in der Urkunde: „Wir haben ouch ane gesen dy
besegilte uzschrifft der eynunge, dy unsers vorgen. omen und bruders
des lantgraven borgmanne, manne und stete undir eynandir geton
haben und haben erkant mit unserme gesworen rate, daz sii mit eren
und guten fugen dy wole abe getun mögen und heyschin auch myt
namen, daz sii dy ane wederrede abe tun sollen und sy sal vorbaz
me keyne kraft noch macht han und dy seibin burgman manne und
stete sollen doruff unsme omen und bruder deme landgraven synen
briff, den her en obir dyselbin eynunge hat gegeben, ane hinderniße
und ane allen inval wedir gebin."
8) Vgl. Friedensburg S. 94 ff.
*) Der Landgraf hat es offenbar verstanden, die Streitigkeiten
in den Städten für seine Zwecke auszunutzen und den ihm wohlge-
sinnten Parteien zur Herrschaft zu verhelfen. In Marburg dagegen
benutzte er einen Konflikt zwischen Schöffen und der Gemeinde, um
eine Geldsumme von der Stadt zu erheben, „daz he sin Unwillen
abetet" (Zeitschr. N. F. XXIX S. 149).
— 223 —
raschen Erfolg seines Feldzuges in der Werragegend nur
der Unterstützung der ihm geneigten Parteien in den
Städten zu verdanken. ^) Um so mehr mußte der Land-
graf darauf bedacht sein, die ihm nach jenem unglück-
lichen Kriege noch gebliebenen Städte an sich zu ziehen
und ihre Widerstandskraft im Falle eines neuen Kriegs
zu verstärken.
Ähnlich wie in Hessen hatten sich im Stifte Fulda
die Beziehungen zwischen Landesherrn und Städten ge-
staltet. ^) Auch hier hatten, am 19. November 1380, die
Stiftsstädte Fulda, Hammelburg und Vacha mit dem land-
sässigen Adel des Stiftes^) eine Einigung geschlossen,
welche zunächst die Verhütung und Beilegung gegensei-
tiger Streitigkeiten, dann aber auch die gemeinsame Ab-
wehr von drohenden Rechtsverletzungen und die Erhal-
tung überkommener Rechte zum Zwecke hatte. Jede Ein-
mischung in auswärtige Kriege des Stiftes sollte vermie-
den werden. *) Wenn dann aber am Schlüsse dieses Bünd-
nisses gesagt ist, „daz alle vorgeschribene rede, eynunge
und fruntschaft unser keynen hindern sal oder bindin gein
unserm gnedigin herrin von fluide und sinem stifte an
dem daz wir yn phlichtig sin zu tun", so ist doch anderer-
seits klar ersichtlich, daß das eigentliche Ziel des Bundes
die Interessenvertretung gegenüber dem Abte Konrad
war, gegen den man die Appellation an das Reich ins
Auge faßte, wenn bei ihm kein Recht zu finden sei. Die
Ursache war wohl, ähnlich wie in Hessen, die Frage der
Heranziehung der Städte zur Schuldentilgung des Stiftes,
dann aber, und im Zusammenhange damit, die EingriiFe des
Abtes und seiner Beamten in das Besitzrecht der Bürger. ^)
1) Friedensburg S. 121 f.
*) Bei der geringen Beachtung, die diese Verhältnisse im Stift
Fulda bisher in der Literatur gefunden haben, ersclieint es nötig, an
der Hand der Urkunden den Gang der Ereignisse in seinen Haupt-
phasen anzudeuten. Auch hier erhält . das Bündnis der Städte mit
den würzburgischen und schheßhch auch den hessischen erst seine
rechte Beleuchtung, wenn man das Verhältnis zum Abte und die
Einungsversuche der Stände im Innern berücksichtigt.
8) Die Urkunde (Ausf. Abt. Fulda, Stadt Fulda) beginnt: „Wir
die gesiechte geborn und beseßin bie dem erwerdigen stiffte zu Fulde
und ouch, die hernach zu disem briffe und eynunge ire insigele ane-
hengende werden, und wir die stete Fulde, Hamelnburg und Vache
bekennen" etc.
*) In § 10 heißt es: „wan dise eynunge und fruntschaft nicht
ruren sal dann notdorft und nutz des erbern stiftes und lant und
lute und keine ußwertige zweiunge oder krige."
*) Dies ergibt sich aus dem gleich zu erwähnenden Ausgleichs-
vertrag.
— 224 —
Im Juni des folgenden Jahres einigten sich die drei
Städte mit Abt Konrad zur Schlichtung der schwebenden
Streitigkeiten über die Wahl von Schiedsrichtern, die am
13. August ihren Spruch fällten. *) Die Städte sollten da-
nach den Abt um Verzeihung bitten, falls sie wider ihn
gehandelt oder ihn erzürnt hätten, während jener ver-
sprechen mußte, sie bei Recht und guten Gewohnheiten
lassen zu wollen. Wegen der Aneignung bürgerlichen
Besitzes durch den Abt sollte den Erb- und Besitzberech-
tigten die Berufung an die gewöhnlichen Gerichte zu-
stehen ^) und die Schulden des Abtes an die Städte sollten
getilgt werden. Der Schluß beschäftigt sich wie bei dem
drei Jahre früher durch Markgraf Balthasar vermittelten
hessischen Vergleich mit der Abschaffung der Einung.
Es heißt darüber von den drei Städten, „daz sie sollen
vorsuchin mit den die in sollicher eynunge sin, ab sie die
in gutlichin dingin mugin abegenemen, und daz sal gesehen
hie zuschin und unser frauwin tage als sie geborn wart,
der nest kumet (Sept. 8.)" u. s. w. Diese letzte Bedingung
muß erfüllt worden sein, da die Urkunde nachher im
Besitze des Stiftes sich befand, wohin sie durch die Stadt
Fulda ausgeliefert worden sein wird. ^)
Im folgenden Jahre (1382) zwangen die Umstände,
vor allem wohl die Finanznot, den Abt Konrad, die Lan-
desverwaltung an eine Pflegschaft abzutreten, an deren
Spitze Graf Johann von Ysenburg stand. *) Dieser neue
Zustand brachte am 25. Januar 1382 abermals eine stän-
dische Einung hervor % die sich aber von der des Jahres
1380 in wesentlichen Punkten unterschied. Zunächst be-
gegnen wir hier einer vollen ständischen Vertretung des
Landes. Das Bündnis wurde geschlossen durch den Stifts-
^) Urkunden in der Abt. Fulda des Marburger Staatsarchivs,
Stiftsarchiv.
*) Es heißt in der Urkunde : „Wo sich unser herre oder anders
ymand von sinen wegin gute oder erbis underczogin habin, da rechte
erbin sin und die recht darzu habin, die erbin mugin daz vordem
mit gerichte und mit rechte an den stetin, da sich daz zu rechte hine
geheischet."
*) Diesem Umstände wird es zuzuschreiben sein, daß die Stadt
Fulda und eine Anzahl Ritter die Urkunde offenbar niemals besiegelt
haben, da nur die Pergamentstreifen zum Anhängen der Siegel mit
den Namen der betreffenden Teilnehmer des Bündnisses anhängen.
Hammelburg, Vacha und mehrere Ritter haben besiegelt.
*) Urk. vom 17. Jan. 1382. Schannat, Hist. Fuld. cod. prob.
S. 276.
ß) Ausf. Abt. Fulda, Stift Fulda.
— 225 —
dechanten Martin, der zugleich Propst auf St. Johannes-
berg war, und durch die Pröpste und Convente von St.
Michael, von Neuenberg, Frauenberg, Höchst, Johannis-
berg und Petersberg, ferner durch die ländsässige Ritter-
schaft („die rittere und knechte geborn und beseßin bie
dem stifte zu Fulde"), die Städte Fulda, Hammelburg, Vacha
und Geisa, sowie durch die anderen Städte und Unter-
sassen des Stifts, die ihren Beitritt durch Besiegelung der
Urkunde künftig erklären würden.^) Der Zweck der
Einung ist gegenseitige Eintracht und Erhaltung des Stifts
bei Land und Leuten, Ehren, Würden, Freiheiten, Recht
und guten Gewohnheiten. Das Mittel aber ist — und
darin geht der Vertrag über die erste Einung hinaus —
die gegenseitige militärische Unterstützung bei Angriffen.
Zwar wird auch jetzt bestimmt, daß der Vertrag nicht an
auswärtige Zweiung oder Kriege rühren soll, aber ande-
rerseits ist in einem besonderen Paragraphen festgesetzt,
daß, wenn iemand den Stiftsherren nach Leib und Gut
stehen, oder den Rittern und Knechten nach ihren Schlös-
sern, Leib, Gütern, Freiheiten u. s. w. trachten, oder die
Städte in ihren Gewohnheiten beeinträchtigen wolle, als-
dann jede Partei die andere mit Warnung, Rat, Leib und
Gut auf Kosten des Stiftes unterstützen solle.
Von langer Dauer ist auch diese Einung nicht ge-
wesen, da die Vertragsurkunde an den Abt Friedrich,
dessen Wahl im Jahre 1383 der Pflegschaft ein Ende
machte, abgegeben werden mußte. Sie ist indessen von
Wichtigkeit, da sie ihrem Inhalte nach den Übergang
bildet zu dem vierjährigen Vertrage, den unmittelbar nach
der Aufhebung des Westfälischen Landfriedens und offen-
bar aus diesem Anlasse heraus am 12. März 1387 die Stadt
Fulda, und wer sonst noch in die Einung kommen würde,
mit den Städten des Bischofs Gerhard von Würzburg
schloß. 2) Dem Wortlaut der Urkunde nach gab der ge-
*) In § 7 der Einung wurde bestimmt, daß Stifte, Pröbste,
Klöster, Convente, Pfaffen, Dörfer, Hofleute und üntersassen, die zu
dem Stifte geboren seien, auf ihren Wunsch aufgenommen werden
sollten. — Die Urkunde war nach der Anzahl der vorhandenen Siegel
und Siegeleinschnitte zunächst auf 30 Teilnehmer berechnet gewesen.
Aber auch hier war die Besiegelung noch nicht von allen Teilnehmern
vollzogen, als die Urkunde dem Abte ausgeliefert wurde.
*) In anderer Beziehung war dies Bündnis durch einen Vertrag
vorbereitet, den der Landvogt des Bischofs Gerhard von Würzburg,
Graf Günther von Schwarzburg, am 26. Juni 1383 mit den Pflegern
des Stifts Fulda zur Sicherung der Straße geschlossen hatte. (Ausf.
Stiftsarchiv Fulda, gedr. Schannat, Dioeces. Fuld. S. ^Vl >>
— 226 —
nannte Bischof, dessen Beziehungen zu seinen Stiftsstädten,
insbesondere zu Würzburg, nicht günstiger waren, als in
Hessen und im Fuldischen *), seine Zustimmung dazu, daß
sich seine Städte Würzburg, Karlstadt, Iphofen u. s. w.
mit dem Abte Friedrich von Fulda, mit seinem Kapitel
und Stifte und mit der Stadt Fulda einigten, um Mord,
Brand, ungerechtes Widersagen und widerrechtliche An-
griffe zu verhüten. Sowohl der Bischof als der Abt treten
in den näheren Bestimmungen der Einung zwar als Mit-
kontrahenten neben den Städten auf, aber aus der Fas-
sung der Urkunde und dem Inhalte der einzelnen Para-
graphen ist zu entnehmen, daß die Initiative von den
Städten ausgegangen war und daß nur die oben schon
angedeuteten politischen Erwägungen die Landesherren
veranlasst hatten, dem Bunde ihre Zustimmung zu geben.
Der ständische Charakter der Einung geht noch deutlicher
aus einem besonderen Vertrage hervor, den einige Tage
später, am 16. März, Abt Friedrich und die Stiftsherren
mit der Stadt Fulda schlössen. ^) Damals wurde eine mi-
litärische Organisation zur Sicherheit des Landes verab-
redet und in einem besonderen Schlußparagraphen auch
auf die eben geschlossene Einung mit den fränkischen
Städten Bezug genommen: der Abt suchte sich darin
seinen Einfluß bei der Ausführung der dort festgesetzten
Bestimmungen zu wahren und die Stadt mußte sich aus-
drücklich verpflichten, sich der Einung nicht wider ihren
Abt bedienen zu wollen.
Der Zweck der fuldisch-fränkischen Einung war die
Aufrechterhaltung des Landfriedens und gegenseitiger
Schutz vor feindlichen Angriffen. Wird einem der Kontra-
henten von irgend einer Seite Fehde angesagt, so sollen die
übrigen zunächst versuchen, die Sache gütlich beizulegen.
Schlägt der Friedensstörer die Verhandlung aus, so sollen
alle Mitglieder der Einung ihm Fehde ansagen und dem
Angegriffenen Hilfe leisten. Im einzelnen wird dann be-
stimmt, wie die Aufmahnung der Einungsverwandten und
die gegenseitige Hilfeleistung zu erfolgen haben und wie
etwaige Zwistigkeiten zwischen fsänkischen und fuldischen
Städten beigelegt werden sollen.
So hatte sich aus den gegen die Übergriffe der Ter-
ritorialherren gerichteten ständischen Einungsbestrebungen
•) Vgl. Wegele, Fürstbischof Gerhard und der Städtekrieg im
Hochstift Würzburg (1861) S. 9 ff.
2) Ausf. Abt. Fulda, Stiftsarchiv.
— 227 —
innerhalb eines Territoriums ein Schutzbündnis der Städte
zweier Territorien herausgebildet, das mit Zustimmung
und unter Teilnahme der Herren zur Abwehr feindlicher
Angriffe von außen her bestimmt war. Der Paragraph,
daß die Einung nicht zu auswärtigen Kriegen dienen
solle, war fallen gelassen worden, und dieses Fehlen cha-
rakterisiert die Bedeutung der neuen Einung sehr we-
sentlich.
Es war begreiflich, daß Landgraf Hermann von
Hessen dieser politischen Neubildung sein ganz besonderes
Interesse zuwandte, und dies nicht allein wegen des schon
angedeuteten Verhältnisses zu seinen eigenen Städten.
Die Nachbarschaft der beiden Stifter Fulda und Hersfeld
hatte er in dem letzten Fehdejahre aufs unangenehmste
empfunden, denn es war dem Erzbischof Adolf gelungen,
sich am 10. Februar 1383 und am 5. Juni 1385 zum Ver-
weser der beiden Stifter wählen zu lassen ^), in der aus-
gesprochenen Absicht, auf diese Weise im Kriege mit
Hessen wichtige militärische Stützpunkte zu gewinnen.
Wenn es dem Landgrafen glückte, seine Landstädte und
die ihm befreundete Stadt Hersfeld ^) in die fränkisch-
fuldische Einung zu bringen, so wurden die Bündnisse des
Erzbischofs mit den beiden Stiftern zum guten Teile un-
wirksam gemacht und die Interessen seiner Städte an das
seinige geknüpft. Er begann alsbald mit den Verhand-
lungen, zunächst mit den Städten seines eigenen Landes.
Ein Tag in Spangenberg, am 24. März, scheint nicht den
gewünschten Erfolg gehabt zu haben, denn bereits am
14. April fand wieder ein Städtetag in Homberg statt ^),
auf dem der Landgraf die Zustimmung seiner Städte ge-
funden haben wird. Auf dem Fürstentag in Würzburg
im Mai, den Hermann persönlich besuchte *), wird er dann
mit dem Bischof Gerhard in Verhandlungen getreten sein %
und die Reise nach Alsfeld vom 18. — 20. Mai ^) möchte
ich ebenfalls mit diesen Bestrebungen in Zusammenhang
bringen; vielleicht haben dort Verhandlungen mit Fulda
*) Friedensburg a. a. 0. S. 102.
•) Er hatte am 8. Juli 1888 mit ihr ein dreijähriges Bündnis
geschlossen. Vgl. Friedensburg S. 108.
3) Beil. Nr. 69.
*) Abreise von Marburg am 3., Rückkehr um den 14 Mai, Beil.
Nr. 82, 89.
*) Vgl. auch Beil. Nr. 215, Ausgabe für einen am 1. Mai nach
Würzburg geschickten Brief.
«) Beil. Nr. 93, 95.
N. F. BD. XXX. Vö
— 228 —
stattgefunden, über die der Land^af am 24. Mai nach
Würzburg berichtet haben mag. ^ Unmittelbar darauf
finden wir ihn in Hersfeld ^), wo er sich des Anschlusses
dieser Stadt versichert haben wird. Wenige Wochen
später fand abermals ein Tag in Hersfeld statt; damals
suchte er auch das Stift Hersfeld dauernd an sich zu fes-
seln, indem angesichts der bevorstehenden Neubesetzung
des Abtstuhles der Abt Dietrich von Breitungen sich am
23. Juni für den Fall, daß er die Abtei Hersfeld erlangen
würde, verpflichtete, sich und das Stift mit dem Land-
grafen, dessen Lande und mit der Stadt Hersfeld zu ver-
binden. Die damals in Hersfeld tagenden Räte sollten
die näheren Bestimmungen ausarbeiten. ^) Ob auch eine
Reise, die der Landgraf um den 13. Juni nach Alsfeld
unternommen hatte*), mit diesen Verhandlungen im Zu-
sammenhange steht, läßt sich nicht mehr feststellen. Den
Abschluß fand die bemerkenswerte politische Aktion Her-
manns auf einem Städtetage in Fulda am 19. Juli^), an
dem sich wohl nicht nur die Vertreter der hessischen und
der fuldischen State Fulda und Brückenau % sondern auch
solche der würzburgischen Städte beteiligt haben.
Der Vertrag, dessen Inhalt damals festgestellt wurde '^),
ist nach verschiedener Richtung bemerkenswert. Im all-
gemeinen wurde der Text der fränkisch-fuldischen Einung
vom 12. März zu Grunde gelegt, der aber doch in ein-
zelnen Punkten wesentlich umgearbeitet worden ist. Land-
graf Hermann vergönnte nach dem einleitenden Satze
seinen Städten — genannt sind Kassel, Zierenberg, Span-
genberg, Rotenburg, Melsungen, Gudensberg, Felsberg,
Niedenstein, Marburg, Frankenberg, Grünberg, Alsfeld,
Homberg (a. Ohm), Gießen und Kirchhain — , sich mit
den (namentlich aufgezählten) Städten des Bischofs Ger-
hard von Würzburg und des Abts von Fulda (genannt
sind Fulda und Brückenau) zur Abwehr von Mord, Brand
und ungerechtem Angriff zu vereinigen. Von der Stadt
Hersfeld ist gesagt, daß sie sich mit Zustimmung des Land-
grafen und seiner Städte in die Einung begeben habe,
») Beil. Nr. 219.
«) Beil. Nr. 100.
') Urkunde im Samtarchive Schubl. 58 Nr. 3. Abt Dietrich ge-
hörte dem Geschlecht von der Kere an.
*) Beil. Nr. 114
^) Der Landgraf ritt am 16. Juli dorthin ab. Beil. Nr. 124.
•) Diese sind in dem gleich zu erwähnenden Vertrage genannt.
') Staatsarchiv Marburg, Gen. Rep. Kassel.
— 229 —
deren Dauer ebenfalls wie die vom 12. März auf vier
Jahre festgesetzt wurde. Die Art, wie die Aufmahnung
erfolgen sollte, wurde wesentlich vereinfacht, was zum
Teil wohl durch die größere Ausdehnung des in der
Einung begriffenen Bezirks bedingt war. Wenn die hes-
sischen Städte von den fränkischen und fuldischen Hilfe
begehrten, so sollten diese der Aufforderung nach Alsfeld
P'olge leisten. Auch die Zahl der Hilfstruppen wurde auf
eine bestimmte Glevenzahl normiert: die fränkisch-fuldischen
Städte sollten hundert Mann mit Gleven stellen, die hes-
sischen achzig.
Der bedeutsamste Unterschied der neuen Einung von
der früheren ist aber darin zu erblicken, daß der Land-
graf als mitwirkender Faktor ganz zurücksteht. Während
in dem Vertrag vom 12. März die beiden geistlichen Ter-
ritorialherren als Mitkontrahenten fungieren und u. a. auch
das Recht hatten, die andere Partei zur Hilfeleistung auf-
zubieten, steht in dem von dem Landgrafen so eifrig ge-
förderten neuen Bündnisse diesem das Recht der Auf-
mahnung nicht zu, nur seine Städte können die vertrags-
mäßige Hilfe fordern. Daß man Bedenken trug, den Land-
grafen selbst in die Einung aufzunehmen, erklärt sich zur
Genüge aus dem Verhältnis, in welchem die Stifter Fulda
und Hersfeld zum Erzbischof Adolf standen. Man scheute
sich offenbar, in eine Verpflichtung zur Kriegshilfe gegen
den mächtigen Praelaten einzugehen, den man wenige
Jahre vorher zum Verweser der Abteien gemacht hatte. ^)
Auch ist bemerkenswert, daß die Stadt Hersfeld in der
Einung ausdrücklich die Markgrafen Balthasar und Wil-
helm ausnahm, gegen die sie zur Zeit in keinem Bünd-
nisse sein wollte.
Über die tatsächliche Wirksamkeit dieses als verfas-
sungsrechtliche Erscheinung interessanten Bündnisses ist
uns nichts bekannt. Wir wissen nicht, ob in dem kurz
d?^rauf ausbrechenden Kriege der Versuch gemacht worden
ist, die Vertragsstädte zur Hilfe gegen die Fürsten von
Mainz, Thüringen und Braunschweig aufzubieten. Freilich
vollzog sich der Überzug auch so schnell, daß jede Hilfe
zu spät gekommen wäre. Es muß auch hervorgehoben
werden, daß die Form, in der die Einungsurkunde über-
liefert ist, überhaupt keine unbedingte Gewähr dafür gibt,
daß der Vertrag wirklich rechtsgültig geworden ist. Wir
besitzen nämlich nur das Konzept der vom Landgrafen
^) S. o. S. 227.
— 230 —
ausgestellten Urkunde, worin er seine Zustimmung zu der
von seinen Städten zu schließenden Einung gibt. Das
ausgefertigte Exemplar dieser Urkunde, das etwa in den
Besitz der Stadt Kassel gelangt sein müßte, oder die
Einungsurkunde selbst, die in mindestens drei Exemplaren
für jede der beteiligten Parteien ausgefertigt sein würde,
hat sich nicht erhalten. ^).
Während die bisher unbekannten und deshalb hier
ausführlicher besprochenen Städteeinungen und die damit
im Zusammenhange stehenden Verhandlungen des Land-
grafen mit seinen Städten und mit denen benachbarter
Territorien hauptsächlich durch die Aufhebung des West-
fälischen Landfriedens veranlaßt waren und den Zweck
verfolgten, die nachteiligen Wirkungen dieser Maßregel im
Kriegsfalle auszugleichen, war Landgraf Hermann inzwi-
schen noch .auf andere Weise bemüht, der aggressiven
mainzischen Politik und dem Eschweger Abkommen vom
27. und 30. März des Jahres entgegenzuarbeiten.^) Ob
und in welcher Weise er den Versuch gemacht hat, auf
den Fürsten tagen zu Würzburg und Forchheim, die er
persönlich besuchte^), die Hilfe des Reiches gegen den
Erzbischof und seine Verbündeten anzurufen, ist unbe-
kannt. Erwähnt muß aber werden, daß er in diesen Mo-
naten, die dem Kriege vorhergingen, auch mit König
Wenzel in Verhandlungen stand. Wir erfahren, daß sein
Rat Dietleib v. Einbeck bei dem König war, von dem er
Anfang Juni eine Antwort zurückbrachte'*), und wir finden
am 17. August einen Boten des Königs bei dem Land-
grafen in Marburg. ^) Die letztere Botschaft wird wohl
mit dem Auftrage zusammenhängen, den am 22. Juli König
Wenzel dem Landgrafen erteilt hatte, nämlich die Hul-
digung der Stadt Göttingen wegen des ihr erteilten Reichs-
*) Andererseits spricht das feste Datum der überlieferten Ur-
kunde (Juli 19) dafür, daß wir keinen bloßen Entwurf, sondern ein
für die Ausfertigung bestimmtes Konzept vor uns haben.
*) Ich verweise hier im allgemeinen auf die Ausführungen Friedens-
burgs im elften Bande (N. F.) der Zeitschrift S. 167 ff.
*) Er ritt am 3. Mai von Marburg ab und kehrte um den 18.
von Würzburg zurück (Beil. Nr. 83, 89); zum Forchheimer Tag, der
ursprünglich ebenfalls in Würzburg abgehalten werden sollte, scheint
er um den 13. Juni in Begleitung seines Rates Dietleib von Einbeck
über Alsfeld geritten zu sem (Beil. Nr. 114). Am 30. Juni finden wir
ihn in Würzburg (Nr. 226) und am 4. Juli kehrte er nach Marburg
zurück (Nr. 123).
*) Beil. Nr. 223.
») Beil. Nr. 129.
— 231 —
lehens zu Grone in Stellvertretung des Königs entgegen-
zunehmen. ^) Immerhin ist auch dieser Auftrag kennzeich-
nend fär die damaligen Beziehungen zwischen beiden, wie
auch für die Stellung des Königs in dem erbitterten
Kampfe des Herzogs Otto mit der Stadt Göttingen.
Aber weder die Gunst des Königs noch .die vermit-
telnde Tätigkeit einiger dem Landgrafen wohlgesinnter
Reichsfürsten haben ihn vor dem Angriff seiner Gegner
bewahrt. Die Verhandlungen auf den Fürstentagen in
Würzburg und in Forchheim mußten erfolglos bleiben
nicht allein wegen des für Balthasar ungünstigen Spruches
der Schiedsrichter 2), sondern vor allem weil dieser sich
an das Eschweger Abkommen vom 28. und 30. März ge-
bunden hielt. Daß der Erzbischof so lange mit seinem
Angriff zögerte und daß Markgraf Balthasar sich über-
haupt in weitschweifige Verhandlungen einließ, war wohl
hauptsächlich durch die eben erwähnte Fehde veranlaßt,
die der dritte Verbündete, Herzog Otto von Braunschweig,
damals gegen seine Stadt Göttingen ausfocht und an der
auch der Erzbischof wie Markgraf Balthasar als Verbün-
dete des Herzogs beteiligt waren. ^) Nach dem Friedens-
schluss vom 8. August *) säumte er indessen nicht länger,
den Landgrafen mit erdrückender Übermacht anzugreifen.
Unterm 18. August sandte er von Eltville aus seinen
Fehdebrief und am 25. desselben Monats marschierte er
in Hessen ein.
Auf die Geschichte dieses kurzen, aber für den Land-
grafen verhängnisvollen Feldzugs, der schon am 10. Sep-
tember in den an diesem Tage geschlossenen Waffenstill-
standsverträgen ^) sein Ende fand, wirft auch die Mar-
burger Rentmeisterrechnung einige Streiflichter, die eine
nochmalige kurze Besprechung rechtfertigen.^)
Zunächst ist es wichtig, sich das Itinerar des Land-
grafen und seiner Gemahlin Margarethe zu vergegenwär-
tigen. Seitdem das landgräfliche Paar am 7. Februar von
Marburg nach Niederhessen abgereist war '), blieb Mar-
^) Sudendorf, Urkundenbuch Bd. VI S. 201. — Fast gleichzeitig
war auch ein Göttinger Bote beim Landgrafen (Beil. Nr. 232).
«) Bei Friedensburg a. a. 0. S. 167 ff. das Nähere.
8) Friedensburg a. a. 0. S. 166.
*) Sclimidt, Göttinger Urkundenbuch I Nr. 828 S. 855.
*) Mit Mainz und braunschweig einer-, mit Thüringen anderer-
seits. Friedensburg a. a. 0. S. 272 Nr. 17 und S. 276 Nr. 18.
*) Vgl. die Untersuchung von Friedensburg a. a. 0. S. 177.
») Beil. Nr. 88.
— 232 —
garethe dauernd dort, meist wohl in Kassel, wo ihr Auf-
enthalt am 24. März bezeugt ist. ^) Auch der Landgraf war
im nächsten halben Jahre immer nur auf kurze Zeit, haupt-
sächlich bei Gelegenheit seiner Reisen nach Franken, in
Marburg anwesend. ^) Am 10. August traf er über Hom-
berg abermals dort ein und er blieb nun in Oberhessen
bis zum Ende der Fehde und noch einige Zeit nach dem
Abschlüsse des Waffenstillstandes.
Es ist nicht anzunehmen, daß dem Landgrafen die
Absichten seines Feindes lange verborgen geblieben seien
und daß er sich von dem Angriffe habe überraschen lassen,
und so dürfen wir auch den weiteren Schluß ziehen, daß
seine Entfernung von dem voraussichtlichen Kriegsschau-
platze auf einen wohlüberlegten Plan zurückging. Den
Hauptgrund werden wir wohl in dem geringen Ver-
trauen suchen dürfen, das er in die Treue der niederhes-
sischen Städte, vor allem der Kasseler Bürger setzte. Die
Erfahrungen des Jahres 1385, namentlich das von Esch-
wege gegebene Beispiel^) werden ihn argwöhnisch ge-
macht haben, und die Zukunft lehrte, daß sein Mißtrauen
nicht ungerechtfertigt war, daß vielmehr eine einflußreiche
Partei in Kassel nicht davor zurückschreckte, die Stadt in
die Hände Balthasars von Thüringen zu spielen. So be-
gab er sich also nach Oberhessen, wo die Stimmung für
ihn wesentlich günstiger war*), und wartete dort die Er-
eignisse ab. Am 18. August ritt er von Marburg nach
Gießen ^), vielleicht um dort die nötigen Vorbereitungen
für einen von Süden her drohenden mainzischen Angriff
zu treffen und am 19. erhielt er die Nachricht nicht nur
von der Kriegserklärung des Erzbischofs, sondern auch,
daß der Angriff sich gegen Kassel richten werde. ®) Be-
reits am nächsten Tage (20." August) ritt er von Gießen
^) Beil. Nr. 204; vgl. Nr. 49 Anm.
^) Sein Itinerar ist folgendes : März 24 Spangenberg (Beil. Nr. 49),
März 30 Kassel (Nr. 205), Apr. 14 Homberg (Nr. 69), Apr. 29 bis Mai 3-
Marburg (Nr. 74, 82), Mai 3—14 Reise nach Würzburg, Mai 14—18
Marburg (Nr. 89, 93), Mai 18—20 Alsfeld, Mai 20—24 Marburg (Nr. 95,
99), Mai 24 Reise über Hersfeld nach Kassel (Nr. 99), Juni 6, 7 Kassel
(Nr. 223, 224), Juni 13 Alsfeld (Nr. 114), Juni 30 Würzburg (Nr. 226),
Juli 1—2 Forchheim, Juli 4-16 Marburg (Nr. 123, 124), Juli 16-19
Reise nach Fulda, Juli 21 Kassel (Nr. 228), Aug. 10 Homberg (Nr. 126).
*) Friedensburg S. 121 f.
Dies geht aus der Stellung der oberhessischen Städte zum
Ungeld 1375 hervor. Vgl. o. S. 221.
») Beil. Nr. 130.
•) Beil. Nr. 236.
— 233 —
nördlich nach Kirchhain und entließ von dort am 21. August
die ihm zur Verfügung stehenden Truppen nach Nieder-
hessen ^), während er selbst nach Gießen zurückkehrte und
von dort am 23. wieder in Marburg eintraf, ^j
Wir haben Kenntnis von einigen weiteren Maßregeln
die er von hier aus zur Verstärkung der niederhessischen
Besatzungstruppen vornahm. Bereits am 17. August hatte
er Fritz v. Felsberg und Heinrich Ruwenthal nach Kassel
abgesandt. ^) Am 27. August versuchte er zwei andere
Anhänger Dietrich Milchling und Ludwig Baldemar nach
Rotenburg zu schicken^), aber zu spät, denn tags vorher
war die Stadt in die Hände seiner Gegner gefallen. Auch
sonst war er tätig, Helfer gegen seine Feinde zu gewin-:
nen. Am 27. August gelobten ihm Eckart v. Bienbach
und dessen gleichnamiger Vetter Hilfe mit 6 Gleven gegen
die drei Fürsten, wogegen ihm die Ämter Alsfeld, Grün-
berg und Romrod für 400 Gulden verpfändet wurden^),
und am 5. September trafen 200 Mann oberhessischer
Hilfstruppen in Marburg ein, die am 7. nach Niederhessen
weiter ritten ^), hierunter vielleicht auch das Kontingent
des Grafen Otto von Nassau, der tags zuvor bei dem
Landgrafen erschienen war. ') Ein weiterer Nachschub
sollte aus Homberg a. Ohm entboten werden ^), da traf
die Nachricht von dem am 10. September geschlossenen
Waffenstillstand ein. Die Homberger Truppen wurden
zurückbeordert und am 13. September kehrten auch schon
die zur Verstärkung von Kassel abgesandten übrigen ober-
hessischen Truppen zurück.^)
über die Quellen des Krieges, der sich inzwischen
in Niederhessen abgespielt hatte, hat Friedensburg ein-
1) Beil. Nr. 131, 132.
2) Beil. Nr. 135.
3) Beil. Nr. 129. Über Fritz v. Felsberg vgl. Zeitschr. N. F. XIX
S. 42 Nr. 71, S. 43 Nr. 79, S. U Nr. 90.
*) Beil. Nr. 137. Über Dietrich Milchling vgl. Zeitschr. N.F. XIX
S. 159 Nr. 22, S. 175 Nr. 152.
*) Vgl. Friedensburff a. a. 0. S. 175.
•) Beil. Nr. 140, 142. Besonders genannt werden Johann v.
Breidenbach und Johann v. Dernbach gen. Gruwel. Vgl. auch Nr. 243.
') Beil. Nr. 139. Ob die in dieser Zeit mit dem Grafen Engel-
bert von der Mark geführten Verhandlungen ebenfalls eine Hilfeleistung
betrafen, ist ungewiß. Vgl. Nr. 138, 243.
«) Beil. Nr. 245.
^) Beil. Nr. 147. Unter den von Kassel zurückkehrenden „Ge-
sellen" sind wohl die am 21. August und am 5. September abgesandten
Truppen gemeint.
— 234 —
gehend gehandelt. ^) Wir besitzen chronikalische Nach-
richten mit genauen Tagesangaben, die auf die Aufzeich-
nungen eines Augenzeugen zurückgehen. Der Pfarrer
Heinrich Goldammer zu BurgufFeln hat sie auf der Biblio-
thek in Erfurt eingesehen und sich Notizen gemacht, denen
er folgende Angabe hinzugefügt hat ^) : „Dit alle het mester
Dietherich Shwarten in den sefen künsten und in der
arznei doctor und prester mit shriggenden ogen ange-
sehen." Dieser Dietrich Swarten (Schwarzen, Schwarz)
läßt sich mit Bestimmtheit als Zeitgenosse, ja fast als
Augenzeuge der von ihm geschilderten Ereignisse ur-
kundlich nachweisen. Er war Kanonikus des Kasseler
Martinstiftes und kommt in dessen Registern wiederholt
gerade in den betreffenden Jahren vor.^) Seine Nachrichten
sind also als durchaus zuverlässig anzusehen. Sie liegen
in ihrer einfachsten Gestalt und offenbar auch in reiner
Überlieferung in Goldammers kurzen Notizen *) vor, die also
solange für uns Gültigkeit haben müssen, als nicht unlös-
bare Widersprüche oder beweiskräftigere Quellen dagegen
sprechen. Danach zog am 25. August der Erzbischof mit
seinen Verbündeten in Hessen ein, nahm am 26. Burg und
Stadt Rotenburg, am 27. Melsungen und erschien am 28.
vor Kassel. Am 29. August begann die Beschießung
dieser Stadt mit Büchsensteinen und Feuerpfeilen, am 2.
September wurde Gudensberg verbrannt und am 3. Sep-
tember Niedenstein eingenommen.
Friedensburg hat die Frage aufgeworfen % wie die
Zeit vom 2. — 9. September, also von der Einnahme Gu-
densbergs bis zum Friedensschlüsse, ausgefüllt worden sei.
Da Erzbischof Adolf am 9. September „in campis prope
Furschutz", also ganz in der Nähe von Gudensberg, ur-
kundet^), möchte Friedensburg unsere Quelle dahin be-
richtigen, daß Adolf nicht am Montag nach Aegidii, dem
2. September, sondern am zweiten Montage danach, d. h.
^) A. a. 0. S. 177 ff.
2) Friedensburg a. a. 0. S. 311.
^) Ich ciliare einen Eintrag des uns hier beschäftigenden Jahres
1387. Im Verzeichnis der an die Kanoniker zu zahlenden Präbenden
heißt es : „Item magistro Tilmanno Swarzen 3 ml. partim, 6 quartalia
sihginis et 5 quartalia avene". Tilmann ist eine Koseform für Dietrich.
Vgl. außerdem Pistor in Bd. XVII N. F. dieser Zeitschrift S. 101 Anm.
*) Wiederabgedruckt von Friedensburg a. a. 0. S. 310 f. -— In
einer anderen Überlieferung scheinen die Aufzeichnungen des Kasseler
Kanonikers von Lauze, der Kasseler Congeries und der hessischen
Reimchronik benutzt zu sein. Vgl. Friedensburg S. 180.
») A. a. 0. S. 185.
*) Friedenshmg S. 181
— 235 —
dem 9. September, vor Gudensberg erschienen sei und die
Stadt abgebrannt habe. Er findet eine Bestätigung in der
Nachricht Lauzes, daß die Belagerung Kassels einen Mo-
nat gedauert habe, und meint dieser wenn auch übertrie-
benen Angabe liege die Erinnerung an eine doch nicht
ganz kurze Belagerung Kassels zu Grunde. Nun ist aber
die Nachricht Lauzes offenbar gedankenlos aus Gersten-
berg übernommen, der, und zwar zum Jahre 1385, von
einer einmonatigen Belagerung Kassels spricht, während
seine Vorlage, die Limburger Chronik, damit die Dauer
des ganzen Krieges angeben will ^), und dann ist Adolf
tatsächlich nicht erst am 9. September vor Gudensberg
(bei Vorschütz) nachweisbar, sondern bereits am 8. dieses
Monats. ^) Die scheinbare Schwierigkeit ist auch leicht
zu lösen, ohne den Aufzeichnungen des Augenzeugen Ge-
walt anzutun, wenn wir uns den Verlauf folgendermaßen
vorstellen. Am 28. August kam das Heer vor Kassel
an. Die erfolglose Belagerung dauerte bis zum 2. Sep-
tember, denn an diesem Tage datierte der Erzbischof noch
„in campis prope oppidum Cassele"^). Er brach dann auf
und äscherte noch selben Tages Gudensberg ein. Hierzu
würde die vielleicht auf eine ausführlichere Überlieferung
unseres Augenzeugen sich stützende Angabe Lauzes stim-
men, Gudensberg sei am Montag nach Aegidii „im Ab-
zug** (von Kassel) erobert worden.*) Am Dienstag dem
3. September fiel Niedenstein. Dann kehrte der Bischot
um und lagerte sich etwa am 4. bei Vorschütz, um die
Oberburg bei Gudensberg, die dem Anstürme widerstanden
hatte, zu belagern. Gleichzeitig werden auch die Waffen-
stillstandsverhandlungen begonnen haben, die, wie erwähnt,
am 10. September ihren Abschluß fanden.
Die Nachricht von dem Widerstand der Obernburg
unter dem Ritter Engelbrecht von Grifte verdanken wir
dem Chronisten Johannes Nuhn ^), der zwar seine Quelle
*) Landeschronik S. 274 (nach der demnächst erscheinenden
Ausgabe Diemars). Vgl. auch das. Anm. 6.
') Er richtete an diesem Tage ein Schreiben an die Stadt Göt-
tingen. Ausf. im Stadtarchiv zu Göttingen. (Freundliche Mitteilung
von Dr. Vigener-Gießen).
*) Schreiben an Göttingen, vgl. die vor. Anm.
*) Friedensburg a. a. 0. S. 308.
*) In der bisher als anonym bezeichneten thüringisch-hessischen .
Chronik bei Senckenberg, Selecta juris et historiarum III S. 395. Pistor
hat Nuhn als den Verfasser nachgewiesen in dieser Zeitschr. Bd. XVIll
S. 155. Auf Nuhn geht auch die gleiche Angabe der Casseler Con-
geries und der Reimchronik zurück.
— 236 —
nicht nennt, dessen Angabe aber in doppelter Weise ge-
stützt wird. Nur durch seine Nachricht wird es erklär-
lich, daß in dem Friedensvertrage Gudensberg nicht an
die Eroberer abgetreten zu werden brauchte, und dann
erfahren wir, daß unmittelbar nach der Ankunft des Land-
grafen in Niederhessen ^), am 1. Oktober, dieser dem ge-
nannten Ritter Burg und Stadt Gudensberg für 20 Mark
verpfändet hat. ^) Wir können die niedrige Summe des
Pfandpreises nicht anders erklären, als durch die Annahme,
daß dem tapferen Verteidiger der Burg in dieser Form
eine Belohnung zuerkannt worden sei. ^)
Die Erwähnung Eckebrechts v. Grifte führt uns auf
eine Erzählung, die Nuhn an einer anderen Stelle bringt
und zwar im Zusammenhang mit einer angeblichen frü-
heren Belagerung von Gudensberg durch Erzbischof Ger-
lach von Mainz. Er berichtet in demselben anonym er-
schienenen Werke, dem wir die eben erwähnte Nachricht
entnommen haben, im Anschluß an die Erzählung von
der zweimaligen Verheiratung des Landgrafen und von
dem männlichen Charakter der Landgräfin Margarethe*)
folgendes ^). Die Erzbischöfe Gerlach und Adolf von
Mainz seien Feinde des Landgrafen gewesen. Dieser
habe aber mit Ehren bestanden. Im Jahre 1368 sei Land-
graf Hermann „nicht mit großem glimpf" befehdet worden.
Erzbischof Gerlach nämlich, der die Mauer zu Gudensberg
zerbrach, hätte die Burg auch gern gewonnen. „Nun war
auf der Wenigenburg ein edelman, der hies Hen von
Weren, und die Wenige Burg war eine gute festen, aber
der bischof redete mit dem von Weren so viel daß er die
Wenige Burg übergab. Da vermeinte der bischof nicht
abzuziehen, er hette dann das rechte schloß in seiner ge-
walt, aber der darauf amptmann war. Engelbrecht von
Griften genant, der wolte es nicht merken, sondern er
wehrete sich wie ein held. Da kam die landgräfin und
forderte ihn und wolte dem bischof um friedens willen
das schloß übergeben. Der amtmann sprach: »Gnedige
frau, hebt euch nur halt, oder ich werde zu euch ein-
*) Am 22. Sept. reiste er von Marburg nach Niederhessen (Beil.
Nr. 158) und war um den 24.-26. Sept. in Felsberg (Nr. 246, 247).
2j Urk. im Staatsarchiv Marburg Abt. Schuldverschreibungen.
Landau (Ritterburgen IV S. 188) gibt irrig den 20. Okt. an.
*) So auch Landau a. a. 0.
*) „Die regierte mehr dann der herr." Derselbe Ausdruck findet
sich auch in Nuhns Chronik bei Senckenberg V, S. 439.
ö) Senckenberg a. a. 0. III S. 369.
— 237 —
werfen und schießen als zu dem feind, und kerne mein
gnediger herr selber, er solte in dieser not nicht herauf.
Ich getraue zu gott, dieses schloß meinem herrn wohl zu
erhalten, bis es frieden wird, alsdann will ich wie ein
biedermann und nicht eher überlassen«. So mußte der
bischof heim ziehen." Hieran knüpft der Chronist noch
die Erzählung, daß nach dem Aussterben des Geschlechts
der von Holzhausen die diesen gehörige Hälfte des
Schlosses Falkenstein nicht an das verwandte Geschlecht
der Hunde, die die andere Hälfte besaßen, gefallen sei,
sondern daß der Amtmann von Gudensberg als Lohn für
seine Verteidigung der Burg (Gudensberg) gegen Erz-
bischof Gerlach das heimgefallene Lehen erbeten und er-
halten habe.
Daß diese von Nuhn in das Jahr 1368 gesetzten Er-
eignisse damals nicht stattgefunden haben können, kann
keinem Zweifel unterliegen. Wir besitzen keine weitere
Nachricht über eine mainzisch-hessische Fehde dieser Zeit,
wir wissen vielmehr, daß am 21. Februar desselben Jahres
der Erzbischof ein Bündnis mit Heinrich II. gegen die
Grafen von Waldeck schloß, i) Daß Erzbischof Gerlach
den im Jahre vorher von Heinrich als Mitregent aufge-
nommenen Landgrafen Hermann allein befehdet habe, ist
ganz undenkbar, und schließlich war Hermann zwar seit
dem März des Jahres 1368 verheiratet, aber seine Gemah-
lin, Johanna von Nassau, war damals noch so jugendlich %
daß sie kaum die oben geschilderte Rolle gespielt haben
könnte. Überhaupt scheint der Chronist bei seiner Erzäh-
lung Hermanns zweite Frau Margarethe im Auge zu
haben. Da nun die zweite Eheschließung des Landgrafen
erst im Oktober 1383 stattfand % so sind die geschilderten
Ereignisse, wenn sie überhaupt stattgefunden haben, in
die Zeit des Erzbischofs Adolf zu setzen, und da im Jahre
1387 zum ersten Male Gudensberg von dem Erzbischof
belagert und die Oberburg von Eckebrecht von Grifte
verteidigt worden ist, so darf angenommen werden, daß
Johannes Nuhn durch Benutzung verschiedener Quellen
verleitet worden ist, aus demselben Ereignis zwei ver-
schiedene und zeitlich weit auseinanderliegende Begeben-
heiten zu machen.*)
») Wenck, ÜB. II Nr. 412.
*) Sie war kaum 18 Jahre alt. Diemar in dieser Zeitschr. N. F.
XXVII S. 22.
8) Diemar a. a. 0., Zeitschr. N. F. XIX S. 15.
*) Daß diese Arbeit Nuhns eine ziemlich mechanische Kota^i-
— 238 —
Daß die Ungenauigkeit in der Zeitangabe ein übeles
Licht auf die Zuverlässigkeit der ganzen Erzählung wirft
und daß dieser überhaupt ein stark anekdotenhaftes Ge-
präge anhaftet, kann nicht geleugnet werden ^). Das be-
rechtigt uns jedocht nicht, sie vollständig in das Gebiet der Er-
findung zu verweisen ^), um so weniger, als ganz bestimmte
Persönlichkeiten genannt werden. Unsere Aufgabe ist es
vielmehr zu untersuchen, ob und wie weit die Angaben
des Chronisten mit den aus zuverlässigen Quellen fließenden
Tatsachen übereinstimmen. Auf diese Weise ist es nicht
nur möglich, einen etwa vorhandenen historischen Kern
aus der uns hier interessierenden Erzählung herauszuschälen,
sondern wir gewinnen auch überhaupt ein Urteil über die
Glaubwürdigkeit der Quellen, aus denen Nuhn seine An-
gaben genommen hat.
Es ist schon darauf hingewiesen worden, daß Nuhn
seine Kenntnis von der Verteidigung der Obernburg aus
zwei verschiedenen Quellen geschöpft haben muss und
daß diese Nachricht durch andere, urkundliche Zeugnisse
gestützt wird. Außerdem aber bringt uns die ausführ-
lichere Erzählung Nuhns eine Reihe neuer Momente, näm-
lich das Eingreifen der Landgräfin Margarethe, die Über-
gabe der Wenigenburg durch Henne v. Wehren und die
Belohnung Eckebrechts v. Grifte durch heimgefallene Holz-
hausische Lehen. Was zunächst die die Landgräfin zuge-
schriebene Rolle betrifft, so ist festzustellen, daß die äußere
Möglichkeit dafür gegeben ist. Wir sahen bereits^), daß
sie vor Beginn des Krieges ihrem Gemahl nicht nach
Oberhessen gefolgt, sondern in Niederhessen zurückge-
blieben ist. Ich habe an einer anderen Stelle*) darauf
lation aus verschiedenen Werken ist, hat bereits Pistor (Zeitschr. N. F.
XVIII S. 154) betont. Nuhn hält übrigens hier die beiden Verteidi-
digungen der Burg durch Eckebrecht v. G. mit Bewußtsein ausein-
ander, da es bei der zweiten Erzählung auf die frühere verweist. —
Während Rommel noch die beiden Erzählungen auseinanderhält (Hd. II
S. 174), haben die späteren Autoren (Landau, Friedensburg, Brunner)
die oben wiedergegebene Erzählung auf das Jahr 1387 bezogen.
M Die angebliche Antwort Griftes an die Landgräfin erinnert
lebhaft an die Worte, die 1548 Heinz v. Lüder dem Grafen Reinhard
von Solms gegenüber ausgesprochen haben soll.
*) So Friedensburg a. a. 0. S. 186. Vgl. dagegen Brunner in
den Mitteilungen des Vereins Jahrg. 1897 S. 89 ff. Daß die Erzählung
dem „Geist der Zeit" wiederspreche, wie Friedensburg behauptet, kann
ich nicht zugestehen.
" S. 231 f
Zeitschr. N. F. XIX S. 104, 148.
?
— 239 —
hingewiesen, daß diese mutige und tatkräftige Fürstin
ihren Gemahl, wenn er einmal in einem anderen Landes-
teil weilte, wiederholt vertreten und selbst strategische
Dispositionen getroffen hat. Man wird daher annehmen
dürfen, daß sie auch in diesem Feldzuge mit der Absicht
in Niederhessen geblieben ist, um dort die Verteidigungs-
maßregeln zu überwachen. Und nicht nur das. Wir kön-
nen aus den Angaben unserer Rechnung entnehmen, daß
der Landgraf auch den Waffenstillstandsverhandlungen
fern geblieben ist, daß er sich, abgesehen von zwei kurzen
Reisen nach Wolkersdorf und Frankenberg am 7. und 19.
September ^), dauernd in Marburg aufgehalten hat. Die
Stipulierung der Friedensbedingungen wird demnach eben-
falls in den Händen der Landgräfin gelegen haben. ^) Da
der Verbleib der eingenommenen Städte Rotenburg, Mel-
sungen und Niedenstein in der Gewalt der Eroberer selbst-
verständlich war, so müssen sich die Verhandlungen haupt-
sächlich um den Besitz von Gudensberg gedreht haben.
Da aber der Besitz dieser Stadt ohne die beherrschende
Obernburg für den Erzbischof zwecklos war, so wird er
bei den Verhandlungen mit Margarethe versucht haben,
die Feste in seine Hand zu bekommen und die Land-
gräfin wird mit Eckebrecht v. Grifte über diesen Punkt
verhandelt haben. Damit wird der historische Kern der
von Nuhn überlieferten Erzählung bezeichnet sein. Daß
die Landgräfin Eckebrecht v. Grifte zugeredet 'habe, die
Burg zu übergeben, ist wenig wahrscheinlich, da es doch
gerade im Interesse des Landgrafen lag, die Burg, von
der der Besitz der Stadt abhing, bis zum Abschluß der
Verhandlungen zu halten. ^)
^) Heil. Nr. 142, 150. Jedenfalls handelte es sich bei diesen
Reisen um den Erwerb der Burg von den v. Bicken. Vgl. Friedens-
burg a. a. 0. S. 217 Anm. 1 u. 2.
*) Sie wurde beraten von Tile Wolf v. Gudenberg, Werner v.
Hanstein, Tile v. Falkenberg, Wigand v. Gilsa, Tile v. Eiben, Henne
V. Hreidenbach und Hermann v. Holzheim, die in der Friedensurkunde
vom 10. September als Bürgen auftreten. Friedensburg a. a. 0. S. 275.
*) Über die Teilnahme der Landgräfm an den kriegerischen Er-
eignissen dieser Zeit berichtet übrigens noch eine zweite, von dem
Gewährsmann Nuhns unabhängige Quelle. Gerstenberg und Lauze,
dieser zum Jahre 1388 (Friedensburg S. 808), jener zum Jahre 1885
(Ausg. von Diemar S. 274), erzählen nach der verlorenen Hessen-
chronJk, bei einer Belagerung Kassels durch die drei verbündeten
Füi^sten sei die Landgräfin nach zwei Tagen aus der Stadt gekommen
und habe den Markgrafen dermaßen mit Vorwürfen überhäuft, daß
dieser alsbald die Belagerung aufgehoben habe. Friedensburg (S. 204)
will auch diese Erzählung verwerfen. Es ist aber darauf hinzuweisen,
— 240 —
Über die Kapitulation der Wenigenburg an den Erz-
bischof besitzen wir keine weiteren Nachrichten. Es ist
auch nicht nachzuweisen, daß Henne v. Wehren ^) die
Verteidigung der Burg von dem Landgrafen anvertraut
worden ist. Dagegen finden wir einige Zeit später einen
Henne v. Wehren in des Landgrafen Gefangenschaft, er
wird am 18. August 1402 von diesem auf vier Wochen
entlassen und verpflichtet sich nach Ablauf dieser Zeit
wieder in der Burg zu Kassel einzureiten. Zwei Jahre
später, am 2. Juni 1404, geloben Henne und sein Sohn
Tiele dem Landgrafen Urfehde und versprechen, daß die
noch unmündigen Söhne Hennes, Henne und Hermann,
später ebenfalls Urfehde schwören sollen. ^) Unter Land-
graf Ludwig finden wir die Kinder wieder in der Gunst
ihres Landesherren: die Gebrüder Tiele und Henne v.
Wehren werden am 23. März 1433 mit einem Burglehen
zu Gudensberg und verschiedenen anderen Gütern be-
lehnt. 3)
daß im Jahre 1388 nach den Schwarz-Goldammer sehen Nachrichten
Balthasar und Herzog Otto der Quade mit dem mainzischen Amtmann
Kurt Spiegel tatsächlich nur zwei Nächte vor Kassel gelegen haben.
Wenn in Lauzes Bericht gesagt wird, daß die Landgräfm in ihrer
Rede darauf hingewiesen habe, sie und ihr Gemahl seien jetzt nicht
mehr ohne Leibeserben, so wird dieser Ausspruch gerade durch un-
sere Rechnung belegt. Die Beschaffung einer Wiege durch Margarethe
am 10. Nov. 1387 (Beil. Nr. 169) nötigt wohl zu dem Schlüsse, daß
sie in dieser Zeit niedergekommen ist. Das damals geborene Kind
muß der am 13. Juli 1394 gestorbene Heinrich gewesen sein, da seine
jüngere Schwester Elisabeth 1388 geboren ist (Diemar Zeitschr. N. F.
XXVII S. 22). Daß die Hessenchronik den Erzbischof als anwesend
darstellt, während in Wirklichkeit nur sein Amtmann zugegen war,
ist kein allzugroßes Versehen. Gerade die Abwesenheit Adolfs kann
Margarethe bei einer persönlichen Einwirkung auf den Markgrafen zu
statten gekommen sein. Ein historischer Kern wird also auch hier
vorhanden sein.
*) Landau (Ritterburgen IV S. 187) wandelt den Namen in Tiele
V. W. um, vermutlich deswegen, weil ein Träger dieses Namens um
die Zeit urkundlich nachweisbar ist, so 1 381 Apr. 29 (Gen. Rep. Riede ;
1403 Apr. 22 verzichtet seine Witwe Jutta gegenüber dem Landgrafen
auf Güter vor Wolfhagen, Gen. Rep. Wolfhagen). Da aber auch ein
Henne v. W. in dieser Zeit vorkommt — er hat 1404 einen erwachsenen
Sohn — , so liegt kein Grund vor, den Chronisten zu korrigieren.
Friedensburg S. 182 Anm. ändert ohne Angabe des Grundes in Frie-
drich V. W.
*) Staatsarch. Marburg Abt. Fehde- und Sühnebriefe. In einer
besonderen Urkunde mußte Henne v. W. gewisse Güter in Riede bei
Kirchberg statt der Loskaufsumme (500 Gulden) an den Landgrafen
abtreten.
*) Lehenurkunden, Revers.
— 241 —
Diese Tatsachen lassen sich mit der Erzählung des
Chronisten sehr wohl in Einklang bringen. Es liegt nahe,
anzunehmen, daß das Burglehen zu Gudensberg, welches
die Söhne empfingen, bereits der Vater besessen hat, ehe
er bei dem Landgrafen in Ungnade fiel; und damit wäre
die Möglichkeit gegeben, daß ihm im Jahre 1387 die Ver-
teidigung der Wenigenburg übertragen worden ist. In-
folge der Kapitulation muß er die Gunst Hermanns ver-
scherzt haben, er ist vielleicht in mainzische Dienste ge-
treten und dann im Kriege des Erzbischofs Johann gegen
den Landgrafen während der Jahre 1401 und 1402 ^) in
dessen Hände gefallen, dafür spricht das Datum der oben
erwähnten Betagungsurkunde. Hierzu kommt noch ein
weiteres Moment. Aus einer späteren urkundlichen Nach-
richt geht hervor, daß Henne v. Wehren auch ein land-
gräfliches Lehen auf der Burg Falken stein (nördlich von
Niedenstein) besessen hat und daß dies Lehen in den Be-
sitz der V. Grifte gekommen ist. Am 18. Februar 1440
stellen die Brüder Heinrich, Eckebrecht und Henne v.
Grifte einen Revers aus über ihre Belehnung mit ver-
schiedenen Burg- und Mannlehen, darunter ist genannt
„eine hobestede zu Falkenstein mit alle irer zubehorunge,
als die Henne von Werben gebuwet und vor von sinen
gnaden zu lehin gehabt und getragen hait". ^) Wir wissen
weder, wann Henne v. Wehren das Burglehen auf der
Feste Falkenstein erworben hat, noch wann dies in die
Hände der v. Grifte übergegangen ist, die wir mindestens
schon im Jahre 1430 dort eingesessen finden. ^) Wenn mit
diesem Henne v. Wehren der Burgvogt der Wenigenburg
vom Jahre 1387 gemeint ist, so wird er mit seinen übrigen
Lehen auch diesen Besitz eingebüßt haben, und es liegt
nahe daran zu denken, daß dem erfolgreichen Verteidiger
der Oberburg Eckebrecht v. Grifte unter anderen Beloh-
nungen auch das Falkensteiner Burglehen zu Teil gewor-
den sei, als dessen Inhaber wir seine Familie später finden.
Wir dürfen demnach feststellen, daß die Angaben der
Chronik auch in diesem Punkte durch die urkundlichen
Zeugnisse nicht widerlegt, sondern eher gestützt werden.
Nur in beschränktem Maße gilt dies von dem Be-
richt des Chronisten über die Belohnung Eckebrechts v.
Grifte mit dem heimgefallenen Falkensteiner Lehen des
:)
Zeitschr. N. F. XIX S. 97 ff.
Hess. Lehenreverse v. Grifte 2.
*) Vgl. die gleich zu erwähnende Urkunde dieses Jahres.
— 242 —
ausgestorbenen Geschlechtes v. Holzhausen. Hier werden
offenbar zwei verschiedene Dinge unrichtig in Beziehung
gebracht. Wahr ist, daß die verwandten Familien Hund
und V. Holzhausen ursprünglich gemeinsam die Burg Fal-
kenstein als Lehen besaßen ^), wahr ist ferner, daß nach
dem Aussterben der v. Holzhausen Streitigkeiten über das
Erbe Ottos v. Holzhausen zwischen dem Geschlechte Hund
einerseits und den v. Dalwigk und v. Grifte andererseits
entstanden sind, die durch Vermittelung des Landgrafen
Ludwig am 22. Oktober 1430 beigelegt wurden. ^) Der
Chronist mag sich an diese Tatsache sowie daran erinnert
haben, daß Eckebrecht v. Grifte für seine heldenhafte Ver-
teidigung der Obernburg zu Gudensberg eine Belohnung,
ja vielleicht sogar eine Belohnung mit einem Falkensteiner
Burglehen, zu Teil geworden ist, und er mag dann zwi-
schen diesen beiden Tatsachen einen nicht vorhandenen
ursächlichen Zusammenhang geschaffen haben.
*) Über die Burg Falkenstein vgl. Landau, Kurhessen S. 228,
wo allerdings teilweise unrichtige Angaben stehen. Unterm 2. April
1846 verkauften die Brüder Ritter Otto und Hermann Hund sowie der
Ritter Otto v. Holzhausen und sein Bruder Albrecht dem Landgrafen
Heinrich ihre Dörfer an der Fulda, Dennhausen, Dittershausen und
Heisterhagen, das Holz nach Guntershausen hin, die Strut genannt,
nebst den Wüstungen Durchain, Wormershausen und Freienhagen
und eine Hufe Landes mit dem Zehnten zu Bergshauseu für 480 Mark
Geldes. Dafür übergab ihnen der Landgraf das Haus Falkenstein, das
sie weiter auszubauen verpflichtet wurden, und richtete zwei Erbburg-
lehen für beide Familien darauf ein (Abschr. in Schminckes Dipl.
Hassiae V 241 auf der Kasseler Landesbibliothek. Vgl. Landau. Kur-
hessen S. 14.) Unter Landgraf Hermann wurde das Verhältnis zwischen
ihm und einem Zweig der Familie Hund nach vorausgegangenen Irrun-
gen neu geregelt. Ritter Hermann Hund, Otto sein Sohn und Reinher
sein Bruder schwuren am 16. August 1378 Urfehde und erklärten die
Urkunde von 1846 sowie einen am 18. Dez. 1863 zwischen den Gan-
erben (genannt sind Ritter Hermann Hund mit seinen Brüdern Otto,
Reinher, Hans und Albert, Ritter Hermann Hund und sein Sohn Otto,
Ritter Otto v. Holzhausen mit seinen Söhnen Ritter Hermann, Otto
und Otto) geschlossenen Burgfrieden für ungiltig. Beide Urkunden,
d. h. der (jetzt nicht mehr erhaltene) Revers des Landgrafen Heinrich
vom 2. April 1846 und der Burgfriede (Staatsarch. Marburg unter Ur-
kunden der Familie Hund) wurden an den Landgrafen ausgeliefert.
Die drei Hunde ließen in demselben Jahre, wahrscheinlich ebenfalls
am 16. August, ihren Teil des Falkensteins dem Landgrafen auf und
erhielten ihn nebst dem vierten Teil der oben genannten Dörfer als
Mannlehen zurück (Regest ohne Tagesdatum im Repertorium des
ehem. Ziegenhainer Samtarchivs). Auf den genealogischen Zusammen-
hang der beiden Famihen Hund und v. Holzhausen sowie auf eine
weitere Nachprüfung der von Nuhn (Senckenberg Selecta UI S. 870 ff.)
erzählten Geschichte über den Ausgang des Geschlechts v. Holzhausen
einzugehen, würde hier zu weit führen.
') ürk. im Staatsarchiv Marburg, Familie Hund.
— 243 —
Daß die Burg Falkenstein von dem Zuge des Jahres
1387 mitbetrofFen wurde, dürfen wir nach den überein-
stimmenden Berichten des Chronicon Moguntinum ^) und
Nuhns ^ annehmen. Dieser gibt an , dem Erzbischof
sei die Einnahme oder dauernde Besetzung der Burg
wegen Eckebrechts v. Grifte nicht gelungen^), während
jenes von der Eroberung der Feste spricht. Da im Frie-
densvertrage wohl von Niedenstein aber nicht vom Fal-
kenstein die Rede ist, dürfen wir voraussetzen, daß die
Eroberung mißglückt ist. *) Wenn aber Nuhn angibt, auch
dies sei ein Verdienst des v. Grifte gewesen, so ist das
jedenfalls eine willkürliche Kombination. Der Verteidiger
der Burg war Ludwig v. Wildungen der Älteste, dem
am 6. April 1387 der Landgraf seinen Anteil des Hauses
mit der Bestimmung übergeben hatte, binnen Jahr und
Tag neue Befestigungswerke anzulegen. ^)
Zum Schlüsse sei noch an der Hand unserer Rech-
nungen auf die Ereignisse hingewiesen, die sich in Ober-
hessen während des Zugs der verbündeten Fürsten abge-
spielt haben. Das Land an der Lahn war weit entfernt
sich friedlicher Zustände zu erfreuen, und zwar war es
der alte Gegner, Graf Gottfried von Ziegenhain, mit dem
sich Landgraf Hermann in Fehde befand. Gerstenberg
führt ihn nebst einer Reihe anderer Dynasten unter den
Verbündeten des Erzbischofs auf. Aber Friedensburg
hat mit Recht darauf hingewiesen ®), daß im Friedens-
schlüsse von diesen Verbündeten keine Rede ist. Unsere
Rechnung liefert auch den direkten Beweis, daß die Fehde
mit Ziegenhain in keinem Zusammenhang mit dem Zuge
der drei Fürsten steht. Der Fehdezustand war schon vor
') Ed. Hegel S.58. Auszug bei Friedensburg a. a. 0. S. 177 Anm. 1.
*j Bei Senckenberg Sei. III S. 394.
®) „Der bischof gewann Niedenstein, darzu den Falkenstein, aber
er mochte sie nicht behalten um des von Grieften willen."
*) So auch Friedensburg S. 183.
*) Urk. Gen. Rep. Falkenstein. Die Angabe Landaus, die Burg
sei 1387 durch mainzische Truppen zerstört, aber noch in demselben
Jahre im Auftrage des Landgrafen von den v. Wildungen wiederauf-
gebaut worden (Kurhessen S. 223), ist demnach irrig, da die Übergabe
an Ludwig v. W. vor dem Ausbruch des Krieges erfolgt war. Der
Ritter sollte 100 Mark an der Burg verbauen. — Die Angabe Lauzes
(Friedensburg S. 308) von der Eroberung des Schlosses auf dem Oden-
berg (nicht der Schanzen, wie Friedensburg S. 182 Anm. 2 ändert)
halte ich für eine Verwechslung mit der Wenigenburg. Auf dem Oden-
berg stand kein Schloß.
•) S. 178.
N. F. BD. XXX. V^
— 244 —
Ausbruch des Krieges mit Mainz vorhanden. Wir werden
nämlich nicht fehlgehen, wenn wir annehmen, daß der
Ritt, den der zum Marschall in Homberg ernannte Gil-
bracht Schedel Ende Juni d. J. unternahm ^), dem Ziegen-
hainer galt. Angesichts des bevorstehenden Krieges mit
Mainz muß aber des Landgrafen Bestreben darauf ge-
richtet gewesen sein, die Zahl seiner Feinde nach Mög-
lichkeit zu verringern; und so hören wir, daß um den
21. Juli Friedensverhandlungen mit dem Grafen im Gange
waren ^). Aber diese Bemühungen waren vergeblich, wie
aus der Tatsache hervorgeht, daß am 7. August der Land-
graf einen „Bewahrsbrief" nach Rauschenberg sandte. ^)
Erst nach Beendigung des Krieges mit Mainz schei-
nen auch die Verhandlungen mit dem Grafen wieder auf-
genommen worden zu sein, die sich allerdings lange hin-
zogen. Wir hören, daß unmittelbar nach des Landgrafen
Abreise nach Niederhessen, am 24. und 26. September,
ihm Briefe „von des Grafen von Ziegenhain wegen" nach-
geschickt werden *), und wir erfahren von einem Tage zu
Bürgein, der unmittelbar darauf, am 28. September, von
Vertretern Hermanns mit dem Grafen abgehalten wurde ^)
und der anscheinend guten Erfolg hatte. Am 5. Oktober
nämlich wurde ein Bote nach Romrod geschickt, um Em-
merich V. Linden „einen Friedebrief von des Grafen von
Ziegenhain wegen" zu bringen. ^) Ganz zum Abschluß
scheinen aber die Verhandlungen trotzdem nicht gekom-
men zu sein, denn sie wurden, während der Landgraf auf
dem Reichstage in Mergentheim weilte '^), wieder aufge-
nommen. Am 9. November wurde Emmerich v. Linden
abermals ein „Friedebrief" zugeschickt und gleichzeitig mit
dem Grafen Gottfried korrespondiert, „du man den frede
bestellen sulde" ®), auch wurde am 11. November wieder
ein Tag in Bürgein abgehalten ^). Aber immer wieder
müssen die Verhandlungen kurz vor dem Abschlüsse ge-
scheitert sein. Denn nicht nur fand am 22. November
■•!
Beil. Nr. 121.
Beil. Nr. 228.
, Beil. Nr. 229.
*) Beil. Nr. 246, 247.
«^) Beil. Nr. 154.
«) Beil. Nr. 248.
Er war von Okt. 26— Nov. 15 in Franken abwesend. Beil.
NT. 164, 171
«) Beil. Nr. 257. Vgl. auch Nr. 255.
») Beil. Nr. 170.
— 245 —
aufs neue eine Tagleistung in Bürgein statt ^), sondern es
wurden sogar die offenen Feindseligkeiten fortgesetzt. ^)
Endlich am 9. Januar 1388 kam es zum Abschlüsse eines
einjährigen Waffenstillstandes. ^)
Beilage.
Ausgaberegister des Rentmeisters Heinrich von Schön-
stadt zu Marburg 1387. Auszug.
Anno domini MCCCLXXXVII. Diit ist daz usgebin dez 1S87
gelts in dem virdin jare, sint ich Heinrich von Schonen-
stad myns gnedigen junghern rentmeister byn gewest.
1. Item czum irsten uff den jarstag kaufft ich 1 hun- Jan. 1
dert stogfische vor 16 gülden. Item uff denselben tag
kaufft ich 2 wene mit hauwe vor 22 tor. Item quamen
in dii kuchen 6 schaffe und 1 sytin von eyme swyne.
2. Item uff den mitwochen quamen in dii kuchen 5 schaffe. Jan. 2
3. Item uff den donrstag 5 schaffe. Jan. .V
4. Item uff den frytag 30 beringe, quamen uz der rent- Jan. 4
kammere in dy kuchen.
5. Item uff den sonabind nicht. *) Jan. ö
6. Item uff den sontag ame czwelfften tag 6 schaffe in Jan. 6
<3y kuchen. . . .
7. Item uff den dinstag 4 schaffe. Jan. s
8. Item uff den mitwochen 4 schaffe. Item uff denselben Jan. 9
tag kaufft [ich] 1 par schue vor 14 pen. Heinchen Ryner.
9. Item uff den donrstag quamen in dii kuchen 4 schaffe. Jan. W
10. Item uff den frytag 3 tor. vor 6 pund hebe, wiß zu Jan. 11
bagken, wand wir myns junghern wartende waren. Item
uff denselben tag antwurte ich in dy« kuchen 220 beringe
und 3 stogfische.^)
>) Beil. Nr, 175,
«) Beil. Nr. 150, 270.
•) Die beiden £xemj3lare der ausgetauschten Friedensurkunden
in den Abteilungen „Beziehungen zu Ziegenhain" und „Grafschaft
Ziegenhain" im Staatsarchiv zu Marburg.
*) Hier und am Ende der ersten drei Wochen ist jedesmal die
Summe des aus dem Renthofe gelieferten Fleisches angegeben, hier:
„16 schaffe unde 1 sytin".
^) Zusatz: „Summa 16 schaffe dii andern wochen".
— 246 —
Jan. 12 IL Item ofF den sonabind quam myn jungher gereden
vom Ryne.
Jan. IH 12. Item ufF den sontag ame achczenden tage quamen
in dy® kuchen 11 schaffe, item 2 smelczesytin und 1 eße-
sytin, 2 kelber unde 1 wilprats sytin. Item ufF denselben
tag gab ich 6 marg Hennen Schengken zu borglehen. ^)
Jan. 14 23. Item ufF den montag kaufFt ich 2 kelber in den
schirnen vor 11 tor.; item 1 pheffirduch vor 18 pen. in
dy® kuchen. Item quamen in dy* kuchen 14 schafFe, 1 sy-
tin wilprats, 1 doppen mit smalcze, 1 doppen mit honige,
daz machte man mym junghern einen deig uz, dez hee
gekaichilte ^) mid synen geseln. Item ufF denselben mon-
tag nach dem achtzenden tage gab ich 1 tor. vor 1 glen-
schafFt, kaufFt Eckestein zu kerczen myme junghern. Item
antword ich Eckesteine 4^/2 pund waßes zu lyechtin.
Jan. 15 14. Item ufF den dinstag quamen in dy® kuchen 14
schafFe unde 1 doppen mit smalcze. Item dezselben tages
3 pund heller gab ich Beheymern vor sloße unde sloßele,
quamen zun Hermanstein.
Jan. 10 15. Item ufF den mitwochen kaufFt ich ^/2 kalb in dy®
kuchen vor 2 s. pen. zu bradine.
Jan. 17 16. Item ufF den donrstag quamen 12 schafFe in dy^
kuchen. Item gab ich 1 tor. vor 1 quarte virns wins
myme junghern, du leiste he einen tag zu den Predyern.
Jan. IS 18, Item ufF den frytag nach dem achtzenden tage
quam myn frauwe von Cassel, du quamen in [dy®] kuchen
2 hundert beringe, 4 stogfische; item 27 pen. vor 6 pund
hebe zu bagken, wand myn frauwe komen waz. ^)
Jan. 19 19. Item ufF den sonabind kaufFt ich kese und eiger vor
8 s. pen., quamen in dy kuchen.
Jan. 20 20. Item ufF den sontag an sente Sebastians tage det
ich pantlosunge marcgreben Wilhelms schribir 15 s. pen.,.
dez gab myn jungher 1 gülden dar. — Item 20 schafFe
quamen in dy kuchen, 1 sytin wilpratz unde 2 grüne swin.
Item kaufFt ich [eyn] kalb vor 6 tor., quam ufF den abind
in dy kuchen.
Jan. 21 21. Item ufF den montag an sent Agneten tage ant-
wurte ich myme junghern 12 groschen ufF der cappeln.
Item kaufFt ich 2 kelber vor 11 tor., quamen in dii kuchen;
item 12 schafFe und 1 grün swin.
>) Vgl. Zeitschr. N. F. 29 S. 209 Anm. 2.
*) = kegelte?
^) Zusatz : „Dii dritte woche 40 schafe, 4 kelber, 2 syten wil-
pratz".
— 247 —
22. Item ufF den dinstag du man gaz, du reid myn Jan. 22
jungher unde myn frauwe zu den Gißin unde blieb dez hobe-
gesindes vil hü.
23. Item ufF den mitwochen quam nicht in dy® kuchen, Jajt. 23
wand wir fleisches gnug hatten.
24. Item ufF den dornstag gab ich 27 pen. umb 6 pund Jan. 24
hebe zu backen, wand wir myns junghern wartin.
25. Item ufF den Frytag an sente Pauls tage, als he be- Jan. 25
kard ward, gab ich 15 tor. umb 2 hundert beringe, wand
myn jungher komen sulde, und 30 rosterheringe uz der
rentkammern, wand keyne me da waren ; item 4 stogfische
quamen in dy kuchen ufF myns junghern zukunfFt.
26. Item ufF den sonabind kaufFt ich 6 malder habern Jan. 26
vor 6 pund heller, dii man virfuderte ufF dem hus. Item
5 s. pen. gab ich Hennen wingerter ufF denselben tag.
Item ufF denselben sonabind quam myn jungher und myn
frauwe von den Gißen.
27. Item ufF den sontag quamen in dy kuchen 12 schafFe, Jan. 27
1 grün swin und anders brade.
28. Item ufF den montag 9 schafFe und 1 kue an Jan. 28
dorme fleiße, 4 hunere quamen ußme höbe in die kuchen.
Item ufF denselben montag ^ab ich 14 groschen umb 7
elin parchans hern Dytleibe ^), item 2 pen. unde 3 tor.
vor lynduch under daz wammaß.
29. Item ufF den dinstag 3 sytin dorris swinfleischs Jan. 29
quamen in dy« kuchen, unde aß myn frauwe czu dem
Dutzenhus.
30. Item ufF den mitwochen 8 dorre schafFe, der von Jan. 30
den Gißen quame (!), 3 hunere myner frauwen und 2 stogke
ryntfleischs, 1 sponefirklin. Item kaufF ich eiger vor 2^/2
tor. m3mer frauwen in dy® kuchen.
31. Item ufF den donrstag kaufFt [ich] 1 virteil eins Jan. 31
kalbis vor 2 groschen, daz aß myn frauwe ufF den morgen ;
item 1 doppen smalczis. Item ufF den abind kaufFt ich
1 kalb vor 6^/2 tor., als wir myns junghern wartende waren ;
item 6 schafFe und 6 hunere quamen in dy kuchen, und
bleib daz kalb gantz lygende bii[s] ufF den sontag. Item
27 pen. vor 6 pund hebe zu bagkin.
32. Item ufF den frytag an unser lieben frauwen abind Fehr. 1
liechtmisse quam myn jungher von den Gißin zu nune,
du kaufFt ich 200 heringe vor 13 tor. und 3 pen. und 4
') Dietleib v. Eimbeck, Rat des Landgrafen, der aber nicht, wie
ich früher annahm (Zeitscbr. N. F. XIX S. 164 Anm. 1), Geistlicher
war, sondern juristisch gebildeter Laie.
— 248 —
stogfische quamen in dy kuchen. Item 1 sefFter geslegins
oleys quam in dy kuchen. Item ufF denselben abind ant-
wurt ich Frytzen kammerknechte 18 pund waßes zu kertzen
myme junghern und myner frauwen und dem — . ^) Item
24 pen. vor dochtgarn zu der liechtin.
Febr. 2 33, Item ufF den sonabind an unser lieben frauwen
tage kaufFt ich 100 beringe vor 7 tor. unde 100 eiger vor
5 tor. in dy kuchen ; item 8 kese und 4 stogfische quamen
in dy kuchen. Item ufF denselben unser lieben frauwe
tag gab ich 15 tor. vor 10 par schuhe myner frauwen und
yren jungfrauwen unde dyneren.
Febr. :i 34. Item darnach ufF den sontag kaufFt ich 1 tunen
heringes in dy kuchen vor 5 pund heller und 3 tor. Item
quamen in dy® kuchen 24 schafFe, 1 syten smeltzefleischs».
1 sytin wilpredis, 22 hunere. Item kaufFt ich 3 quarte
eßigis vor 15 pen., wand wir keinen me inhatten.
Febr. 4 35, Item ufF den montag quamen in dy ® kuchen 6 hunere,.
24 brodworste und 2 houbt von zwein swynen und 12
schafFe, 1 kalb umb 5 tor. 2 pen. Item 1 groschen vor
eiger myner frauwen.
FeljT. ö 36, Item ufF dinstag 12 schafF 1 grün swin und 2 stogke
rintfleischs, quamen in dy® kuchen, und 6 hunere ufF den.
abint. Item 2 quarte eßiges vor 1 tor. in dy kuchen.
Fehr. 6 37. Item ufF den mitwochen kaufFt ich 1 kalb vor 6 tor.,^
wand myme junghern lüde quamen, dii hee gebeden hatte
mit yme zu rydende. Item 10 schafF. Item ufif denselben
mitwochen kaufFt ich eynen halben bulch^) vor 9 tor^^
myner frauwin und 1 gross, vor eiger. Item ufF selben
tag antwort ich 2 gülden hern Johane stadschriber ^) und
hern Syfrede Wilden *), du sii redin gein Firslar mit der
appellacion.
Fehr. 7 38. Item uff den donrstag nach unser lieben frauwen.
tag liechtmisse reid myn jungher unde myn frauwe gein
Cassel, du antwurte ich 4 gülden myme junghern und
18 tor. Peter dem seddeler von zwey soymern sedelin zu
machin. Item gab ich 22 tor. vor 2 par lerßen, wurdea
Kyntzenbache und Ysernheinrich myns junghern rutern.
Item andeloget ich 27 hei. Heintzichen snyder von duche
zu scherlone. Item uff denselben donrstag rechinde ich
*) In der Vorlage ist hier der Name ausgelassen.
*) Eine Fischart.
*) Johann, Pastor der Kirche zu Wenderode, Stadtschreiber zu
Marburg.
*) Wohl identisch mit dem Altaristen Siegfried von Goßfelden.
Vgl. Friedensburg in Zeitschr. N. F. XI S. 106.
— 249 —
mit Hellir dem smydde unde gab yme vor den hubslag
10 pund heller an 2 tor. vor 300 ysen und 37 hubbysen,
dii hat myn jungher und sine dinere ufFgeslagen von dem
mitwochen an allerheilgen abind ^), als he quam, bii[s] ufF
den donrstag ^) nach unser lieben frauwen tage liechtmiße.
39. Item ufF den sontag quam 1 swin in dy® kuchen. Febr. 10
40. Item ufF den donrstag an der lotzilfasnacht sant Febr. 14
ich 25 gülden zu den Gyßen, da kaufft ich gerstin umb.
41. Item ufF den frytag kaufFt ich beringe vor 10 hell. Febr. 15
in dy kuchen und hewirmel vor 4 pen.
42. Item ufF den sontag quam 1 grün swin in die kuchen. Febr. 17
43. Item ufF den eschetag kaufFt ich mel und beringe Febr. 20
vor 14 pen., wand wir keine geweßerter herin[g]e inhatten.
Item uff denselben tag andeleget ich in dy® kuchen 1 hun-
dert beringe und 1 stogfisch.
44. Item uff den donrstag 2 mesten oleys quamen zu Febr. 21
slahen. — Item lonete ich zweyn knechte[n], dii hatten
geerbeit in dem renthobe, der eyne zwene und Funffczig
tage, der ander 57 mit dreschen und ouch mit ander er-
beit, und geborte yclichem den tag zu lone 4 pen., und
ist dii summe 4 pund an 3 tor.
45. Item uff den irsten sontag in der fastin kaufft ich Febr. 24
1 tun heringes vor 5 pund und 4 tor.
46. Item uff den montag nest antwort ich 1 lylachen Febr, 26
dem bodinbender, du sie dy wyne abelyßin uff der borg.
Item uff den selben montag andeloget ich Conrad Nodunge
16 gülden von myns junghern geheißin. Item gab ich
18 tor. dem smydde von Kinczenbachs perde zu heilende
und zu atzunge von myns junghern geheißen.
47. Item uff den dinstag 2 mesten oleys zu slahen. Febr. 26
48. Item uff den sontag Reminiscere andelogete ich Marx S
Czehinder zu Ameneburg, Adolffe Ruwin von Hulczhusin
100 pund und 20 pund, y® sesczehin groschen vor eynen
guldin. Auch so hatte Gernand Ruwe von Nordecke und
Crafft Schuresloz daruff 3 pund virleistet mit zweyn perdin.
49. Item uff den sontag Judica kaufft ich 2 bulche vor Marx 24
2 gülden und sante dii myner frauwin zu Spangenberg.^) . . .
Item uff dieselben cziit vorbod uns myn jungher myd
den steden gein Spangenberg, da virczerte ich 4 pund hll.
5 nacht selbvierde.
') 1386 Okt. 30.
*) Vorlage „donrstad".
^) Hier liegt wohl ein Schreibfehler, veranlaßt durch den Inhalt
des nächsten Satzes, vor, denn nach Nr. 204 wurde ein Fisch der
Landgräfin nach Kassel geschickt. Allerdings ist der Botenlohn (6
Groschen) hier nochmals verrechnet.
— 250 —
Febi\ 27 50. Item lonete ich dem hobegesinde ^) in der fronfasten
— M'/r^^nach Invocavit. Primo zweyn portenern 2 pund hell. Item
zweyn tornhudern 2 pund hell. Item czweyn wechtern
bii dem kornhus 2 pund hell. Item czweyn Wächtern bii
dem backhus 2 pund hei. Item czwein wechtern ufFe dem
sale 2 pund hell. Item dem bodenbender 2^2 pund hell.
Item dem fischir 1 pund hell. Item dem fleischauwer
1 pund hell. Item den winschroidern 1 pund hell. Item
dem kelnner V2 marg peninge.
51. Item gab ich vier knechtin 2 pund hell., dii den
smyddegartin bereitin biis ufF daz grabin.
52. Item czu derselben cziit gab ich Syfrede steyn-
metzen vier tage 6 tor., daz hee den steynweg machte an
dem borgwege, wo dez noid waz. Item kaufft ich Wal-
prachte 1 par schuhe vor 2 s. penige.
53. Item hat man in der kuchen uff der borg und in
dem renthobe 4^/2 mutte oleys. Item 3 thon heringes und 46
stogfische, wand wir vil fulkes hatten. Item gab ich
1 pund und 3 groschen von dem oley czu slahen, wand
die oleymole zu Werde ward virbrand. Item kaufft ich
kese umb 5 tor. zu fladen uff daz hus.
Apr. 4 54, Item uff den grundonrstag gab ich 22V2 pen. umbe
3 pund hebe zu backen.
Apr. 5 55. Item uff den karfrytag gab ich 4 groschen den
knechten, die den hoppin rumeten und besneden in Ru-
pratz 2) seligen garten.
56. Item han ich sehen werbe gebruwen uff diit jar.
Darczu han ich virbruwit 56 mal. gersten, der kaufft ich
czu den Gißin 20 mal. dez maßes vor 20 pund hell., der
funffczig malder gaben myr die von Lotzillinden ^) 24 mal-
der dez maßes. Item so gabin myr die von Huchilheym *)
6 mal. dez maßes. Item so fand ich 3 mal. gersten in
Rupracht Schultheißen hus. Die andern gersten hatte myn
jungher selbir von syme gewaße und von synen czehinden.
Item so han wir virbruwin zu derselben ziit 22 mal. ha-
bern. Item so han wir virsehit 10 V2 mal. habern uff myns
junghern eckir und ufF Ruprachts ecker, dez ist 1 motte
gerste gewest. Item so han ich eyme knechte gegeben
7 tor., der halff die gebruwe alle thun, und dem andern
») Vgl. Zeitschr. N. F. XXIX S. 209.
2) Ruprecht Weißgerber, früher Schultheiß in Marburg. Vgl.
Zeitschr. N. F. XXIX S. 161, 171, 219 und unten Nr. 56.
8) Kleinlinden bei Gießen.
*) Heuchelheim bei Gießen.
— 251 —
knechte 3 tor., wand he nicht also lange erbeit alz der
irste. Item kaufF ich in der Frangkeforder messe 12 phund
pheffirs vor 4 gülden. Item kaufFt ich 2 phund safFrans
von Ort vor 10 gülden. Summa 14 gülden. Item kaufft
ich 1 faß myd bodern vor 4 phund, y® daz pund vor 9 hei.
57. Item ufF den ostirabind kaufFt ich 3 quarte eßiges Apr. (S
vor 18 pen. Item gab ich 1 tor. den rederknechten körne
und weiße czu malen.
58. Item ufF den mitwochen gab ich 1 pund hell, der Apr. 10
Schurbrenden zu pantloßunge, hatte Gilbracht Rietesel
virtzert, du sii zu Rosphe *) daz fehe namen.
59. Item ufF den donerstag kaufFt ich eyn halb kalp Apr. 11
vor 4 groschen, du dii gesellen quamen von Rosphe mit
dem fehe.
60. Item hatten wir dii osterwochen ufF daz hus ge-
gebin 4 syten swynfleschs, 1 wilpratzssytin und 10 schaffe
und ^i2 syten dez zu smelts, item 3 kelber uzme höbe, 1
hundert eyger.
61. Item uff den frytag 2 stogfische, quamen in dii Apr. 12
kuchen, 2 kese.
• 62. Item uff den sontag Quasimodogeniti gab ich 3 pen. Apr. 14
umbe [ein] halbes eßigis.
63, Item uff den dinstag kaufFt ich eyn halb kalb vor Apr. 16
2 s. pen.
64, Item uflFden mitwochen kaufFt ich eyn halb kalb vor Apr. 17
4 tor. zu Lauperude (?). Item 1 quarte eßigis vor 1 s. hei.
65, Item uflF den donrstag kaufft [ich] eyn vierteyl eyns Apr. 18
kalbis vor 1 s. pen.
66, Item quamen uz dem renthobe an schaffen in die
kuchen 30 die wochen und 1 syten swynfleischs und eyn
firteil eyner kue.
67, Item uff den frytag kaufft ich beringe vor 2 tor. Apr. lU
in dyö kuchen und 1 stogfisch.
68, Item uff den sonabind quamen 2 stogfische in die Apr. 20
kuchen.
69, Item als die stede ander werbe bie unsm® junghern Apr. 14
ware[n] achtage nach ostern czu Hoenberg, da virczert
ich 16 tor. mit 14 perden, wand ich keyn nach[t] uße waz.
70, Item uff sente Georien tag kaufF[t ich] eyn faz mit Apr. 23
ezzige vor 18 tor. und 4 pen., daz hilt 14^2 firteil ezziges.
Item uff dieselben ziit kaufft ich 1 ame ezziges vor 26 tor.
zu Wetzflar.
71, Item darnach uff den neisten mitwo[ch] kaufft ich Apr. 24
6 pund hebe zu bagken, wand wir my[n]s junghern warn
^) Ober-, Mittel- und Unterrosphe bt\ V^^\.V^\.
— 252 —
warten. Item andeloget ich in die kuchen 200 beringe
und 4 stogfische.
Apr. 26 72, Item ufF den frytag nach sent Marcus tage gab icb
2 s. pen. umb 1 quarte oleys in die kuchen.
Apr. 27 73. Item darnach uff den sonabind kaufft ich 2 hundert
eiger vor 5 tor. in dy® kuchen. Item kaufft ich V2 mal.
kese in die kuchen vor l^h tor. Item kaufft ich 1 junge
czegen vor 2 groschen in die kuchen. Item uff denselben
tag gab ich" 2 s. pen. vier knechten, dy® den hoppen
stengeten.
Apr. 29 74, Item uff den montag vor Walpurgis quam myn
jungher, du kaufft ich 2^/2 kalb vor 15 tor. Item kaufft
ich myme junghern 7 elyn swarczis sarrackes ^) vor 14 s.
pen. und 4 elyn lynduchs vor 4 s. pen. Item kaufft ich
dem Beheymer 5 elyn sarrackes vor 7V2 s. pen. Item
kaufft ich 3 elyn lynduchis zu fudern vor 2 s. pen. und
3 pen. Item gab ich 1 groschen umb zwirn mime jung-
hern, als Ecsteyn diit als genomen hat. Item uff denselben
tag gab ich 27 pen. umb 6 pund hebe wiß zu backen.
Item uff denselben montag zu abind 7 pen. umbe 1 quarte
rynswins, holte man my®me junghern zu Dippiln Wintirs hus.
Apr. SO 75. Item uff den dinstag an sente Walpurge abind gab
ich 3 s. pen. umb 4 hude pergemyns, holte Lodewice
myns junghern schribir.
Mai 1 76. Item uff sente Walpurge tag andelegete ich myme
junghern 1 guldin. Item 2 tor. gab ich umbe 2 urhunere^)
myme junghern. Item gab ich 2 groschin eym® vedeler
von myns junghern geheißin.
Mai 2 77, Item uff sent Elsebelh tage quam myn herre voq
Nassauwe^) dez morgens und aß zu dez alden Martorffs
huse. Du det ich yme pantloßunge, daz he virczerd hatte
3 pund und 6 pen. Item gab ich 4 gülden dez greben
phiffern von Ditzze^) von myns junghern heißen.
Mai 1 78. Item uff denselben tag Walpurgis kaufft ich 10 elin
blau und liechtblau hern Dytleybe ^) vor 4 pund von myns
junghern geheißin. Item kaufft ich 6 elyn satgrune und
liechtgrune vor 2 pund hell, auch von mins junghern ge-
heißin.
>) = särdök (sarok, sarrok) „grobes, starkes Zeug, halb Leinen^
halb Wolle" Schiller-Lübben mnd. Wörterbuch IV S. 26. Vgl. Vilmar,
Idiotikon von Kurhessen S. 337.
*) Auerhühner.
^) Wohl Graf Johann von Nassau-Dillenburg.
*) Gottfried.
5) S. o. S. 247 Anm. 1.
— 253 —
79. Item ufF sent Elyzabeth tage kauffte myn jungher Mai 2
18^2 elyn duches grüne und grüne umb den alden Golt-
smyd vor ISVa gülden, dez gab ich 6^/2 gülden, daz ander
beczalte Pelfex.
80. Item ufF den andern tag nach sent Elizabeth tage Mai 3
andeleget ich myme junghern selbes 20 groschen. Item
ufF denselben tag gab ich 6 groschen dem Beheymer von
eyme wamße, kogiln und hosen zu machen.
81. Item dieselben wochen, als myn jungher hü waz,
quamen in dy® kuchen uz dem höbe 3 grüne kuwe und
4 dorre kuwe, 21 dorre schafFe, item 4 dorre sytin swin*-
fleischs, 3 sytin wilpartz, 1 doppen smaltz und 1 kalb, hun-
dert eyger, wand myn jungherr geste geladen hatte.
82. Item ufF den frytag ufF dez helgen cruces tag nach Mai 3
Walpurgis ryd myn jungher enweg gein Wirczeburg, du
det ich pantlosunge czu [dem] smyde 18 tor. 5 pen. vor 50
y^sen myme junghern und synen dyneren, die he hatte
beslen von dem montage, als he quam, biis ufF den frytag,
daz hee enweg ryd. Item quamen in die kuchen dez
selben tages 4 stogfisch, 160 beringe.
83. Item ufF den sonabind 1 hundert beringe, 1 stog- Mai 4
fischs, 2 kese. Item kaufFt ich eyn kalb vor 6 tor. ufF den
sontag in die kuchen.
84. Item darnach ufF den montag kaufFt ich 1 kalb vor Mai 6
5 tor. in die kuchen.
85. Item darnach ufF den mitwochen kaufFt ich dru Mai s
vierteil eyns kalbis vor 4 tor. in die kuchen.
86. Item quamen in die kuchen dieselben wochin 1 dorre
ku und 1 grün ku, V2 syten smelczefleischs.
87. Item ufF den Frytag quamen in die kuchen 100 he- Mai 10
ringe, 2 stogfische und 2 kese.
88. Item ufF den sonabind vor der crucewochen kaufFt Mai 11
ich 9 kese und eiger vor 1 pund heller. Item ufF den-
selben tag kaufFt ich 1 kalb ufF den schirnen vor 5V2 tor.
in dy« kuchen.
89. Item ufF den montag in der crucewochen andeleget Mai 13
ich 200 beringe 4 stogfische. Item ufF denselben tag gab
ich 14 pen. umb 3 pund hebe zu backen, wand myn jung-
her komen wolde von Wirczeburg.
90. Item ufF den mitwochen ufF unseres hern ufFard Mai 15
abind ') lonte ich 9 knechten, die hatten 14 (?) tage geer-
beit in Ruprachts ^) wingarten, gesticht, geboyget und
*) Am Rande : quam myn jungher von Wirczeburg.
') Weißgerber, s. 0. S. 250 Anm. 2.
— 254 —
gegraben und geboret, y dem knechte 4 pen. den tag,
und ist die summa 3V2 pund hell, und 2 s. pen. Item ufF
denselben tag mitwochen quamen in die kuchen 100 be-
ringe und 3 kese.
Mai 16 91. Item ufF den donrstag an unsers herren ofFard kaufft
ich 2 kelbir vor 11 tor., quamen in die kuchen. Item eyn
rindichen und V2 syten smelczefleschs und anders 15 schaffe
quamen uz dem höbe in die kuchen. Item 1 syten wil-
pracz quam auch in die kuchen.
Mai 17 92. Item ufF den frytag darnach 200 beringe und 4
stogfische quamen in die kuchen. Item ufF denselben tag
kaufFt ich 3 phund hebe zu backen vor 27 pen. Item
gab ich 4 pen. umb 2 lot czwirns, holte Eckestein myme
junghern.
Mai 18 93. Item ufF den sonabind kaufFt ich 6 junge hunere
vor 3 tor. Item gab ich in die kuchen 100 beringe, 4 stog-
fische, 4 kese. Item ufF den selben sonabint nach mittage
reyd myn jungher czu Alsfelt.
Mai 19 94. Item uff den sontag vor phingisten 1 dorre kü,
quam in die kuchen, und 1 kalb usme höbe.
Mai 20 95. Item uff den montag kaufft ich V2 kalb vor 3 tor.
an 2 pen. Item uff denselben montag schinte man 2 rin-
dichen und 1 kalb, wände wir myns junghern waren wartin.
Item uff denselben montag czu abinde quam myn jungher
von Alsfelt, du gab [ich] 1 s. hei. umb brymel ^) in die
kuchen.
Mai 21 96. Item uff den dinstag kaufft [ich] 3 kelbir unden (!)
schirnen vor 20 tor. an 4 pen. Item quamen 2 grün ku
uz dem höbe in die kuchen, item 1 syten wilprats. Item
uff denselben tag kaufft ich 3 junge hunere vor 15 pen.
myme junghern. Item gab ich 1 groschen umb hebbirmel
in die kuchen. Item 1 tor. vor 2 junge hunere myme
junghern.
Mai 22 97. Item uff denselben mitwochen gab ich 2 groschen
umb 2 quarte wins myme junghern czu den Predigern.
Mai 23 98. Item darnach uff den donrstag kaufft ich 2 kelbir
vor 11 tor. und 2 pen. und schonebrod vor 1 s. pen., wand
uns keyn hebe künden (!) werden. Item 2 tor. vor 2 junge
hunere dez morgens. Item uff denselben abind gab ich
1 tor. umb schonebrod. Item 1 tor. umb 2 junge hunere
myme junghern. Item uff denselben donrstag quamen in
die kuchen 1 grün kü 1 dorre kü und 1 sytin dorres fleischs.
*) Grütze, geschrotenes Getreide; Vilmar, Idiotikon S. 52.
— 255 —
99. Item als myn jungher von Wirczeburg quam ^), biis Mai 24
ufF den frytag vor phingisten, daz he heym reyd, die wile
hatten hee ym® und synen geselin beslagen czum smydde
56 hubysen, darvor gab ich 20 tor. an 4 pen. Item ufF
denselben frytag gab ich dem schuchworten" 6 tor. vor
4 par schuhe myn junghern selbir. Item gab ich 8 tor.
demselben schuchworten vor 3 par lersen zu vorsußen
Nottirworcze, Herman Koche, Otten Koche und vor 1 par
schuhe Ysernheinriche von myns junghern geheißin. Summa
14 tor.
100. Item reyd Gilbracht^) der lantfaud myd unsme
junghern zu Hersfelde und kerte da umb und ryd zu Als-
felt und aste eyn mal. habern, galt eynen gülden, und vor-
czerte anders eynen gülden myd synen gesellen die nacht.
101. Item uff den montag in phingisten gab ich 6 tor. Mai 27
preter 2 pen. umb zwene budille Wernhern myns jung-
hern beckirn, da sie mym® junghern syn mel durch be-
reiden in der moiln. Item gab ich 3 pen. von den budiln
zu machen und zu bereyden.
102. Item uff den dinstag in der phingistwochen kaufft Mii 28
ich 4 mal. habern, wand uns der gebrach.^) Item kaufft
ich 19 mal. habern vor 19 phund heller.
103. Item uff den mitwochen gab ich in die kuchen 2 Mai 29
stogfische, wand der foud die wender*) geleiden sulde zu
Fredeberg.
104. Item uff den donrstag 2 stogfische und 2 kese. [Mai 30
105. Item uff den frytag quamen in die kuchen 70 he- Mai 31
ringe und 2 stogfische. Item gab ich 2 tor. umb 1 quarte
oleys, wand es fronfaste waz. Item uff denselben tag ant-
wurte ich 1 alt lylachen den bodenbendern czu stoppen,
du sie de[n] win abelyßin. Item uff denselben frytag
kaufft ich 21 kese vor 7 tor. und 7 hell., daz der lantfaud
und syne geseln geyßin.
106. Item uff den sonabind in der fronfasten nach phin- Juni 1
gisten quamen in die kuchen 2 stogfische und 4 kese.
Item uff denselben sonabind lonete ich dem hobegesinde. ^)
Czum irsten zwein tornhudern 2 pund hell., item czwein
wechtern uffm« kornhuße 2 pund, item czwein portenern
2 pund, item czwein salwechtern 2 pund, item czwein
») Um Mai 13, s. o. Nr. 89.
•) G. V. Radenhausen, Landvogt an der Lahn s. Zeitschr. N. F.
XXIX S. 161.
^) Dieser Posten ist durchstrichen.
*) Tuchverkäufer.
*) Vgl. o. Nr. 50.
— 256 —
wechtern bii® dem baghuße 2 pund, item den winschrodern
1 phund, item dem budenbendere 2V2 phund, item dem
fischer 1 phund, item dem fleischauwere 1 phund, item dem
wingerter 1 phund, item dem keiner V« marg.
Juni 2 207. Item ufF den sontag vor uns hern liechum tage
andeleget ich in die kuchen 3 grüne schaffe und l dorre
syten fleischs.
Jrnii 6 108, Item ufF unsers hern liechum tage slug man 1 kü
in die kuchen dem voyde und synen gesellen.
Juni 7 109, Item darnach ufF den frytag andelegete ich 3 stog-
fische in die kuchen und 3 kese, wand Cluders^) geseln
mit dem foyde hy waren.
Juni S 110, Item ufF den sonabind kaufFt ich 1 fischegarn umb
Clussern von Gissen vor 7V2 phund heller. Item kaufFt
ich zwey faschen mit bodern vor 7 phund und 6 pen., als
Wigand Sleigerman myr die von Fredeberg brachte. Item
ufF denselben sonabind kaufFt [ich] 14 junge hunere vor
7^2 tor.
Juni 9 111, Item ufF den sontag darnach kaufit ich 2 fuder
biers zum Kirchain vor 10 V2 phund. Des biers drungken
die geseln zum Kirchain eyn fuder, daz ander ward Heingen
Frangken.
Juni 10 112. Item ufF den montag 1 doppen myd smalcze, quam
in die kuchen.
Juni 12 113, Item darnach mitwochen quam 1 rindichen in die
kuchen.
Ju7ii IS 114, Item ufF den donrstag andeleget ich 4 groschen
hern Ditleybe zu pantlosunge vor habern, als he zu myme
junghern reyd geyn Alsfelt.
Juni 14 U5. Item uff den frytag quamen 2 stogfische in die
kuchen.
Juni 15 116. Item uff den sonabind gab ich eyme leymendecker
13 tor., daz he 13 tage dachte in dem renthobe an der
schüren.
Lieferungen für die Küche.
Juni 21 117. Item uff den frytag an sente Albans tage kaufft
ich 1 quarte oleys in die kuchen vor 2 s. pen. Item 2
stogfische in die kuchen dem lantfaude und synen gesellen.
Juni 22 118, Item uff den sonabind 2 stogfische und 1 halbis
oleys vor 1 s. pen.
Juni 23 119, Item uff den sontag quamen 6 schaffe und 1 rindichen
^) Heinrich Cluder, Amtmann bezw. Rentmeister in Grünberg
und Homberg a. 0. Vgl. Zeitschr. N. F. XXIX S. 166.
— 257 —
in die kuchen. Item kaufF ich 20 hundert kappussetzelinge
vor 8 tor. und sasten die ufF den Bygen.
120, Item darnach ufF den dienstag slug man 1 rindichen Juni 25
und 4 schaffe in dye kuchen, wand Emriches ^) und Cluders
gesellen hü lagen.
Lieferungen und Ausgaben für die Küche.
12 L Item ufF denselben sontag {nach Peter U7id Paul) gab ich Juni 30
2 s. pen. vor 5V2 hubysen, hatte Gilbracht Schedil beslagen,
als he eyn marschalg zu Hoenburg waz, und hatten eynen
red vorhanden. Item quamen 10 schaffe in dy kuchen.
122. Item ufF den mitwochen quamen 5 schaffe in dy® Jnli S
kuchen.
123.^ Item quinta feria ipso die Udelrici et Martini kauft JM 4
ich 8 mal. habern vor 8 pund hei. umb Ruscharten ^) und
umb Swengken. Item uff denselben tag gab ich 15 pen.
umb 3 phund hebe zu bagkin, wand wir myns junghern
waren warten von Wirtzeburg.
Lieferungen für die Küche.
124. Item den dinstag noch Margarete, als myn jungher Juli 10
dii stede vorbot hatte und reden myd yme geyn Volde,
du vorczerten unse gesellen 20 tor. czu Aulahe an wyne
und fudere. Item czu demselben male vortzerte Johan
von Eysenbach und syne geseien 18 tor., dez galt ich 6
tor., Cluder sesse und Emriche von Linden sesse, wand
he von myns junghern wene auch da waz.
In der folgenden Zeit Lieferungen und Anhäufe für die Küche,
125. Item uff den frytag (nach Cyriaci) kaufft ich 3 pund ^w^. ^
hebe zu bagken vor 15 pen., als myn jungher quam.
126. Item uff den sonabind an sente Laurencien tage ^u{/. lo
quam myn jungher zu mittage von Hoenburg % da quamen
in dii kuchen 6 stogfische und 3 kese, und 2 hundert eiger
quamen uz dem renthobe.
Lieferungen und Ankätife für die Küche.
127. Item darnach uff den montag gab ich 13^2 s. pen. Atig. 12
umb 7 elin swarczes parchans myme junghern czu eyme
underschoppin. *) Item 4 s. pen. umb 4 (elin) lynduches
*) Emmerich v. Linden in Romrod. Vgl. Zeitschr. N. F. XIX
S. 57 Nr. 61.
Vgl. Zeitschr. N. F. XXIX S. 178.
vohi Homberg a. 0.
*) Untergewand.
> Vgl
») Wo]
— 258 —
darunder. Item 1 s. hell, umb weydengarn auch myme
junghern.
Ankauf von Hafer eic,
Aug. 13 128, Item darnach ufF den dinstag kaufFt [ich] hern
Ditleybe 7 elyn parchans vor 1 pund hell, und 3 elyn lin-
duches vor 2 s. pen. zu fuderduche von myns junghern
geheißin.
Ausgaben und Lieferungen für den Hofhält .
Aug. 17 i29. Item ufF denselben tag (vorhergeht sonabind nach
unser lieben frauwen tage) zcu morgen gab ich 2 groschen
Ruwentale^) vor habern, da stund sin (?) die harnasche
vor, als he gein Cassel sulde ryden myd Frytzejn von
Felsperg. Item ufF denselben sonabind gab [ich] 20 tor.
umb 5 elyn duchs grüne imd grüne dez koniges boden
von Beheymen.
Aufgaben mid Lieferungen für den Hofhalt,
Aug. IS 130. Item ufF den selben sontag (nach assumptionis
Marie) reyd myn jungher, du man gaz, gein den Gißen,
du det ich pantloßunge zcum smyde 85 ysen, darvor gab
ich 272 pund an 5 heller. Item gab ich 2 pund heller
vor 2 par lerse Herman Koche und Otten Kochen. Item
dezselben tages gab ich 2 tor. Hengken Weiden vor 1
par lersen zcu vorsußen. Item dezselben tages gab [ich]
3 tor. vor 2 par schuhe myme junghern. Item dez selben
tages gab [ich] 2 tor. vor 1 par schuhe Henichin Schützen.
Item dez selben tages 2 groschin Rudollen (!) vor 1 par
schuhe. Item dez selben tages gab ich 2 groschen hern
Dytleybe.
Avg. 20 131. Item ufF den dinstag quam myn jungher von den
Gißin zcu vesperziit zum Kirchain, du kaufft ich 3 mal.
habern vor 3 pund und 3 großen czu Folkartz hus. Item
quamen in dii kuche 1 kue und 4 schafFe, da aßen wir
von, wand myn jungher nicht enquam.
Attg. 21 132. Item ufF den mitwochen, als myn jungher zcum
Kirchain hatte gelegen ubir nacht und sin geseln gein
Hessen schigkede und reyd widder gein Gißen, det ich
pantlosunge, daß RudolfF smyd beslagen hatte 43 ysen,
darvor gab ich 14 s. pen. und 4 pen. Ausgaben und
Lieferungen für den Hof halt. Item b^/% pund vor 1 fuder
Wohl Heinrich R., vgl. Zeitschr. XIX S. 103.
— 259 —
biers, drunken sii auch zcum Kirchain, und den wyn fürten
wir von Marpurg dar.
133. Item ufF den donrstag hatten wir fleischs gnug, Ättg. 22
daz wir gekochet hatten ufF myn junghern, du quam he
nicht.
134. Item ufF den ftytag uff sente Bartholomeus abind Atig. 23
kaufft ich 5 stugke stogfisches vor 1 tor., daz die gesellen
czu nune gaßen, die den zehenden her heym geleyten von
Ebistorff.
135. Item dezselben tages, als myn jungher von Gißen
quam dez abindes, kaufft ich 3 mal. habern vor 3 pund
3 groschen umb Pauls Gyßen. ^) Ausgaben und Lieferungen
zur Hofhaltung.
136. Item {vorhergeht uff den sonabind an sent Bartho- Aug. 24
lomeus tag) gab ich 9 hell, umb ^/s buch pappirs myns
junghern schrybern.
Ausgaben tmd Lieferungen für den Hofhält.
137. Item dez tages {Dienstag danach) det ich pantlosunge Aug. 27
5 groschen vor 1 motte habern Diderich Milchelinge und
Lodewig Baldemar zcu Hartunges hus, als sii myn [jung-
her] czu Rodenberg sante. Item gab ich 1 tor. den schry-
bern vor 1 hut pergemyns, holte Lodewice. Ausgaben etc.
für den Hoffialt.
138. Item darnach uff den sontag det ich pantlosunge Sept. 1
Herman von Ole zu Mengoz Kolben ^) hus 9 tor. von
myns junghern geheißen, als he bii myme junghern waz
von dez greben wen von der Margke. ^) Item quamen in
die kuchen 1 kue, 8 schaffe, 2 dorre sytin eßefleischs, 18
junge hunere, wand uns czwelffe myd gleven quamen dez
abindez, daz waz Frangke von Heyge.
Ausgaben etc. für den Hofhalt.
139. Item uff den mitwochen zcu abinde gab ich 18 pen. Sept. 4
umb 2 quarte wins, d[u] az grebe Otte von Nasauw® mit
myme junghern. 9 Schafe U7id 19 junge Hühner in die Küche.
140. Item uff den donrstag quamen in die kuchen 2 Sept. 5
kuwe, 10 schaffe, 20 hunere, 3 syten eßefleischs, wand die
von Breidenbach und anders myns junghern frunde und
helffere quamen dez abundez mit zweynhundert perden.
Ausgaben für Wein und Hafer. Item kauft ich eyne halbe
^) Vgl. Zeitschr. N. F. XXIX. S. IM.
«) Vgl. ebenda S. 177 Anm. 4.
») Engelbert.
N. F. BD. XXX. 17
— 260 —
thun heringes vor 8^/2 gülden und 1 tor., y® seßzehin
groschen vor eynen gülden.
Sept. 6 141. Item uff den frytag gab ich 7 s. pen. und 3 hei.
vor 5 phund swebils an eyn firteil von myns junghern
geheißen. Ausgaben für den Hofhält.
Sept. 7 142. Item dezselben tage[s] (sonabind an unser lieben
frauwen abind, als sii geboren ward) det ich pantlosunge
Johanne von Breidenbach 32 tor. vor 2 mal. habern, als
sii gein Hessen reden von myns junghern geheißin. Item
dezselben tages det ich pantlosunge Johanne Gruwele ^)
20 tor. vor 5 motte habern auch von myns junghern ge-
heißen. Item . . . antwurte ich myme junghern 20 tor. vor
eyn beyngewand, kaufft he umb Herman Plettener, als
myn jungher dez morgens reyd gein Wolkirsdorff.
Sept. 8 143. Item uff den sontag an unser lieben frauwen tag
quamen in dii kuchen 1 kue, 7 schaffe und 4 junge hunere,
als myn jungher widder quam von Wolkerstorff. —
Lieferungen für die Küche.
Sept. 10 144. Item uff denselben tag {Dienstag) gab ich '4^2 tor.
vor 3 par schuhe myns junghern drein knechtin Heynken
Weidin, Ysernheinrich und Heynen sym® Ryner.
S^t. 11 145. Item uff den mitwochen gab [ich] 9 tor. vor swebil,
den lyes Jacob Casselman brengen von Wetzfiar.
Sept. 12 146. Item dezselben tages (Donnerstag) gab ich eyn (?)
groschen umb 3 junge hunere myme junghern, du hatte
he geladet hern Johan von Ly[n]din und Johane von Bel-
dirsheym. Ausgaben und Lieferu?igen für die Hofhaltung.
Sept. IS 147. Item uff den frytag uff dez heiigen cruces abind
kaufft ich fische vor 6V2 tor. in die kuchen, wand die
gesellen quamen von Cassel. Aufgaben für die Hofhaltung.
Sept. 14 148. Item (uff den sonabind, waz dez heiigen cruces tag)
gab ich 19 pen. umb zwene schroyde yßins, holte RudolfF
smyd zcu furpilen von myns junghern geheißen Item
quamen in die kuchen 7 kese und dez abindez hundert
eiger und 3 kese, du aß myn jungher zcu der parre myd
synen mannen und borgmanen, dii he vorboyd hatte.
Lieferungen und Ausgabeii für die Hofhaltung.
Sept. 18 149. Item (uff den mitwochen vor fronfaste) gab ich 25
pen. vor süße beringe myme junghern und dem rade. . . .
Sept. 10 150. Item (uff den donrstag) gab ich 6 pen. umb eiger
grebe Otten von Nasauwe und myme junghern. Item 1
groschen gab ich greben Heinr(iches) von Spanheym
schrybir, hatte sin perd in der herburge vorzerit. Item
1) = V. Dernbach (vgl. Zeitschr. N. F. XIX S. 57 Nr. 73).
— 261 —
dezselben donrstages reyd myn jungher gein Frangketiberg
ufF eynen tag, du det ich pantlosunge zcum smyde 3 pund
an 3 pen. 102 ysen.
151. Item darnach ufF den frytag quam myn jungher Sept. 20
zcu vespercziit, gab ich 3 groschen umb oley, item 5 tor.
umb süße beringe, item 1 gro[s]chen umb schonebrod
152. Item (ufF den sonabind an sente Matheus tag) gab Sept. 21
ich 1 groschen an pergemynd und 6 pen. umb pappir
myns junghern schrybern. . . .
153. Item dezselben sontages {danach), du man gaß, Sept. 22
reyd myn jungher gein Hessen, du gab ich 3 tor. vor 2
paf schuhe myme junghern. Ausgaben für die Küche etc.
154. Item dez sonabins an sent Michels abind gab ich Sept. 28
16 tor., vorzerten myns junghern Frunde, dii mit myr uff
dem tage waren zcu Birgiln gein den groben von Cygen-
hain. ^)
Ausgaben für die Küche,
155. Item uff den sonabend achtage nach Michelis gab Okt. 5
ich 4 tor. umb 1 hundert eiger, als myn jungher uff den
abind quam von Cassel. Item gab ich 3 tor. umb 6 pund
hebe wyß zcu backen. Item gab ich 4 tor. an 2 pen.
umb P/a hundert quedin myner Frauwen und myme jung-
hern ....
156. Item darnach uff den sontag gab ich 1 groschen Okt. 6
dez comthurs schribir zu dem {Lücke), du brachte he myme
unghern wilde hunere.
157. Item uff den dinstag darnach andelegete ich 3 Okt. 8
groschen myme junghern, als myn Frauwe quam von Cassel.
158. Item uff den mitwochen morgen andeloget ich 1 Okt. 9
lilachen Henrich dem budenbendere, du he die Faß band
in der molen zu dem nuwen wyne.
Ausgaben für den Hof halt des Landgrafen und der Landgräfin.
159. Item uff den montag vor Sente Gallen tage gab Okt. 14
ich 18 tor. umb 1 wenFol schebersteins, holte der jungFrauwen
wen von Caldern bii Blangstein. ^) . . .
160. Item uff denselben tag (mittwochen an sente Gallen Okt. 16
tag) gab ich 2^/2 groschen umb 40 kacheln in den offen
in die smytten.
161. Item (uff den donrstag) gab ich 2 groschen umb Oki. 17
2 sloß und zwene slußil an die habichkamern. Item gab
?
Gottfried.
Blankenstein (Burg bei Gladenbach).
— 262 ^
ich 17 pen. umb 4 slußile den Jungfrau wen an die ge-
malten kamern. Item gab ich 5 s. pen. umb vier schenen
ysens, da machte man myner frauwen ein rust in er bade-
budin uff der borg.
Ausgaben für de7i Hofhält.
Okt. 21 162, Item uff den montag darnach kaufft [ich] 6 pund
eins swynen bradin vor 15 pen. myner frauwen und myme
junghern. . . .
Okt. 22 163. Item uff den dinstag darnach andelaget ich 2 tor.
myme junghern [und] myner frauwen zcu oppirgelde. . . .
Okt. 26 164. Item reid myn jungher dez sonabindes und bleib
myn frauwe zcu Marpurg. Item uff denselbin sonabind^
als myn jungher enweg reid gein Frangken, du gab ich
6 pund 9 s. hei. vor 3 par lerßen und 23 par schü myme
junghern, Hennen Schützen, Keinen sym® Ryner 3 par
lerßen, den jungfrauwen 14 par schü, den zweyn stal-
knechten Sweblin und Lotzichen 2 par, item zwen kamer-
knechten Hermann und Hennen 2 par, item Conr[a]d
Weydeman 1 par schü und Wenciln 1 par dem wey-
demanne, item Ysernheinrich 1 par schuhe ouch von myns
junghern geheiß. Ausgaben für den Hof halt und Lieferungen
in die Küche. Item uff denselben sonabind morgen gab
ich 18 pen. umb Vs vierteil wins myme junghern in Otten
hus von Sassen, als hee enweg reyd gein Frangken. Item
Hennen jegerknechte 1 par schü vor 3 tor. von myns
junghern heißin.
Okt. 27 165. Item uff den sontag gab [ich] 1 tor. umb 4 pund
swynenbraden myner frauwin.
Okt. 28 166. Item uff den montag an sente Symonis et Jude
tag hatte myn frauwe er bregfrauwen (?) geladin, du gab ich
7^/2 s. pen. um 2V2 firteil Eisessers uz der stad eren
gesten.
Atisgaben für den Hofhalt und Lieferungen in die Küche.
Okt. 31 167. Item (uff den donrstag) gab ich Girlache Drebstab
1 s. pen., der hatte myner frauwen 3 tage geerbeid, gecleibt
und gemacht an der cleynen stobin.
Ausgäbest und Lieferungen zum Hofhält.
Nov. () 168. Item uff den mitwochen (vor Martini) gab ich 16
tor. Peter vor zwene nuwe czoyme myner frauwen und
vor zwey nuwe bamest *) an myner frauwen seddele
*) Unterfutter für die Sättel ; vgl. Vilmar, Idiotikon S. 24 s. v. Barn-
bastcr.
— 263 —
169, Item dezselben tages des (sontages an sente Nov. 10
Mertins abind) gab [ich] 16 groschen vor eyne wygen,
als myn frauwen (!) die selbir gedinget hatte.
170, Item ufF den montag an sente Mertins tag leiste Nov. 11
ich und myns junghern frunde, man und borgmanne einen
tag zcu Birgiln myd dem greben von Ziginhain, du galt
ich 18 tor. zcu dem wyne, die sie vortzeret hatten. Item
uff denselben tag gab ich 14 gülden umb 3 cyntener
bodern, die Wigand Sleigerman myr kauffte in dem Frede-
iDcrger merte zcu Fredeberg. Item 1 pund saffrans an
•eynen ort 5 gülden. Item 10 phund pfeffirs vor 3 guldin
4 tor. Item V2 pund moschadin blumen vor 16 tor. Item
•6 pund komels vor 11 tor. 6 hell., als myr Wigand daz
kauffte zcu Fredeberg. Item 2 buch kleines pappirs vor
3 tor. Ausgaben uir Hofhaltung.
171. Item darnach uff den frytag quam myn jungher Nov. 15
:gereden von Frangkin, du gab ich 3 tor. umb 6 pund hebe
^cu backen.
Ausgaben für den Hofhalt, Bauliche Arbeiten {Ausbesserunge7i)
auf der Burg,
172, Item dezselben ziit hatte Girlach Dregestab und
Herman Ebirtal gedacht dii stelle uff dem hus, yclicher hatte
5 tage geerbeid, y® den tag umb 1 groschen. Summa 10
groschen. Item Hencze karnknecht 1 groschen, der en
lialf zwene tage leymen machen.
173, Item uff den sontag achtage nach Martini gab ich Nov. 17
liern Ditleibe 7 pund 8 groschen von myns junghern ge-
lieiße, da kauffte he duch umb Contzichin Wildener.
174. Item uff den montag darnach du gab ich 4 tor. Nor. 18
Schybeknechte dem cymmermane, daz he vier tage erbeide
an dem schornsteyne uff der gemalten kammern
175. Item uff den frytag leisten myns junghern frunde Nov. 22
«ynen tag zcu Birgiln mit dem greben, du galt ich 26
pen. zum wyne vor hern Johanne Monich, vor Wigand
Schabin, Johan von Hatzfelt und vor anders myns jung-
hern frunde, die mit myr uff dem tage waren. Item uff
•denselben abind gab ich 18 pen. vor ^/2 firteil wins myner
frauwen, wand er aide hobemeisterschen komen waz. . . .
Item gab ich 13 groschen von vier rugkin zcu machen
Heinken Kaltacker, Keinen syme Riner, als myn jungher
daz selbir dingete umb Herman snydern.
Ausgaben für den Hofhält.
176. Item uff den montag an sente Katherinen tag reyd Nov. 25
— 264 —
myn jungher gein den Gißen, du brachte Lotzichen schuch-
Worte 12 par schuhe myner frauwen und den jungfirauwen
10 par und eren kemmeren Morlyne und Henrich zwey
par. darvore gab ich 18 tor. von myner frauwen ge-
heißen. . . .
Nov. 20 177, Item ufF den dinstag darnach kaufFt ich cappus
uffe dem merte vor 11^/2 s. pen. zu mußkrude^) in die
kuchen, wand wir kein krud zu kochen hatten den den
gesultzten cappus, dez wulden wir noch nicht brechen.
Nov. 27 178, Item ufF den mitwochin zcu abinde batin myn
frauwe und myn jungher, du gab ich 2 tor. umb ^/e firteil
wins von myns junghern geheißin.
Ausgaben für den Hofhält,
Dez. 1 179, Item uff den sontag gab ich 6 pund hei. umb
graw« duch den zu 8 rockin dem schribir, Knouffe, Ger-
hard Gebure, Henczil Hobemeister und anders vier knechten
in dem renthobe.
Ausgaben für den Hofhält.
Dex. 7 180, Item uff denselben tag {Sonnabend nach Nicolai}
gab ich 10 heller umb s[t]ogfische und beringe hern Ditleybe
in die stad, als he gehalden hatte uff die fiende.
Aufgaben für den Hofhalt etc,
Dex. 14 181, Item dez neisten sonabindes nach Lucie reid myn
jungher gein Hessen 2), du kauffte he 3 coyme und 1 sadel
umb Peter, darvor gab ich 3 pund heller 6 groschen, wand
myn jungher daz selbes umb gult dingete. . . . Item gab
ich 5 tor. umb eigere und 3 pen. in die kuchen, wand ich
eyn ey vor eyn heller muste kauffin.
Dex.. 15 182, Item uff den sontag gab ich 14 s. pen. vor 1 par
lersen und 2 par schuhe hern Ditleybe von myns jung-
hern geheißin.
Ausgaben für den Hof halt und die persönlicJien Bedürfnisse
der Landgräfin, bauliche Verbesserungen, Opfergeld für das
auf die Burg gehönge Hofgesinde.
Dex. 26 183, Item uff den sente Stephans [tag] uff den donrstag
gab ich 4 s. pen. umb 1 firteil wins myner frauwin und
^) Kraut zum Gemüse, Vilmar, Idiotikon S. 276.
*) Im Ausgaberegister des Martinsstifts in Kassel ist zum 17. Dez.
eingetragen: „Domicello nostro feria tercia ante Thome 2 flor. pro
propina .
— 265 —
yren gesten frauwen Jenen, frauwen Katherynen von Coppen-
felt und jungfrauwen Jutte und hern Hasen duchter
184. Item uff denselben frytag (an sente Johanstage) Dex. 27
andelegete ich 4 pund hell, von Rupracht Wißgerwirs
kinde zcu czihende siner eldermuter.
185. Item uff der kindein tag quam myn jungher von Bex,. 28
Cassel. 1)
Atisgabefi für den Hofhalt
186. Item uff denselben tag (dinstag am jaresabinde) Dex. 31
gab ich 2 s. pen. umb 2 quarte wins myme junghern, du
der grebe Otte von Nasauwe und her Crafft Foud myd
myme junghern küchten ^) in syner stobin. . . .
187. Item ^) gab ich 14 pund hei. eyme gebure von
Elmitzhusen *) vor eyn swartz perd, ward myme junghern
selbins.
188. Item gab ich Fultzen von Lare 7^2 pund hell, vor
eyn rot perd, daz gab myn jungher Eckarte von Hoen-
fels dem jungen.
189. Item gab ich Tylen von Falkinberg und Karlen
von Trubenbeche 61 pund heller vor mynen junghern.
Anno domini MCCCLXXXVII. Diit ist des gesindes
Ion in dem renthobe.
190. Czum irsten Henczil dem hobemeister 4 pund hell.,
1 rogk, 2 par schu® vor 6 tor. Item Heintzen Wildener,
der daz malcz bereidet und bruwit, 4 pund hell. Item
Reckinhusen dem wenknechte 4 pund, 1 rogk, 6 tor. vor
2 par schue. Item Dideriche sym« gesellen 4 pund, 1 rogk,
6 tor. vor 2 par schu«. Item Heinczen von Endebach
4 pund, 1 rogk, 6 tor. vor 2 par schu®. Item Hennen
Rephane 3V2 pund, 1 rogk, 6 tor. vor 2 par schu«. Item
Rupracht dem kuhirtin 16 s. pen., 6 tor. vor 2 par schu«,
3 s. pen. vor eynen kydil. Item Henichin swinhirtin 15
s. pen., 3 s. pen. vor eynen kydil und 6 tor. vor 2 [par]
schu®. Item Hillen der aldin mayd 16 s. pen., eynen rogk
von eyme punde, 4 s. pen. vor 2 par schu® und 8 elin
fleschinduches.
*) Auf besonderem Blatte Verzeichnis des Hofgesindes, „dem
ich gelonet han zu Michelis und zcu wyhenachten daz halbe jar".
Vgl. Nr. 50 u. 106.
»I = sich erfrischen? Lexer, mhd. Wörterbuch s. v. quicken.
^) Die nächsten drei Posten ohne Tagesangabe, wahrscheinlich
später hinzugefügt.
*) Elmshausen so. Biedenkopf.
— 266 —
Verzeichnis der seit der Ankunft des Landgrafen {Sonnabend
nach Michaelis) und der Landgräfin {am Mittwoch danach)
aus Kassel aus dem Renthofe in die Küche gelieferten Lebens-
mittel, hauptsächlich Fleisch.
Bodenion.
Anno domini MCCCLXXXVii. Diit sint dii bodinloine
in dem vierden jore.
Jan. 9 191. Czum irsten ufF den mitwochen nach dem zwelfFtin
tage gab ich 2 gülden Herman Unhogen, daz hee dez
herczogen ^) von Heidelberg brifFe brachte dem marcgrebe
Wilhelm gein Treße von myns junghern geheißen.
192. Item ufF denselben tag Aplin von der Kyntzeiche
6V2 tor., daz he ouch dez herczouge[n] brifF brachte marc-
grebe Balthasar gein Gotha von myns junghern wene.
Jan. IS 193. Item ofF den achtzehin tag Hobemenschen dem
boden 2 tor., daz he myns junghern brifF brachte Emrich
von Rumerade.^)
194. Item ufF denselbin tag gap ich 4 groschen marg-
grebin Wilhelms boden von myns junghern geheißin zu
tranggelde, du he heim geyng.
Jan. 14 195. Item darnach ufF den neisten montag Kerinbache
2V2 tor., daz he myns junghern bryff brachte grebe Johanne
von Solmiße gein BrunFels.
Jan. IS 196. Item darnach ufF den neisten Frytag gab ich Gobiin
dem boden 1 s. pen., daz he mit myns junghern brifFen
liefF gein DredorfF.
Ja7i. 29 197. Item ufF den dinstag nach sent Pauls tage gab
ich 10 groschen Gobiin dem bodin, daz hee mit myns jung-
hern brifFe lyfF gein Cruczenach.
Febr. :i 198. Item darnach ufF den sontag gab ich 7 tor. Frederich
dem boden, daz he myns junghern brifFe brachte dem von
Brunecke gein Mentze.
Febr. 22 199. Item ufF sente Petris tag ufF den irsten frytag in
der fastin 1 boden 15 pen., der myns junghern briff brachte
hern Johanne und hern Volprachte von Swalbach gein
den Gißen.
Febr. 24 200. Item darnach ufF den sontag Invocavit Herman
Unhogen 4Va tor., daz hee myme junghern eyne antworte
brachte von hern Johanne und hern Volprach von Swal-
bach.
201. Item darnach uff den donrstag gab ich 4^2 tor.
*) Ruprecht.
*) = Emmerich v. Linden zu Romrod. Vgl. 0. S. 257 Anm. 1.
— 267 —
eyme boden gern Cassel mit myns junghern briffin dii«
appellation.
202, Item ufF den frytag vor Letare 1 boden 15 pen., 3/r/V:^ 15
der myns junghern brifFe brachte zu den Gißin und kun-
digete en, daz der lantfrede abe waz getan.
203, Item ufF denselben tag 15 pen. 1 boden gein
Frangkenberg mit derselben botschaft.
204, Item ufF den sontag nach Letare 1 boden 5 tor., Marx 24
der brachte myner Frauwin eynen bulch gein Cassel.
255. Item ufF den palmabind 1 bodin 4V2 tor., der Marx 30
brachte mym junghern brifF gein Cassel.
206, Item ufF den dinstag nach palmen 1 bodin 1 s. ^pr. 2
hell., der Wernher von Falkenberg brifFe brachte gein
Ameneburg.
207, Item ufF den krommitwochen 1 bodin 1 tor. gein.^i^?'. -v
Bidenkap, als wir die gewender ^) von FrankenFord sulden
geleiden.
208, Item ufF denselben tag 1 bodin 2 tor. zu Emrich ^)
gein Alsfeld auch von der gewender wen umb eyn ge-
leydene herheym.
209, Item ufF den dinstag nach Quasimodogeniti Her- j^^r. i6*
man Unhogin 15 pen., daz he ly®fF gein Glibperg und
brachte grebe Ruprechte^) eynen brifF von myns junghern
wene.
210, Item darnach ufF den neisten frytag 1 boden gein Apr. V)
Wettir 5 pen. Item ufF denselben tag 1 boden 5 pen. gein
Ameneburg.
2U. Item darnach ufF den neisten sonabint 1 boden 2 Apr. 20
tor. zu Emriche von Linden gein ElsFelt.
212, Item uff sente Marcus tag 1 boden 2 tor., der myns Ai^r. 2o
junghern briffe brachte gein Hoenburg *) und gein Alsfeld.
Item uff denselben tag 1 boden 2^2 tor. mit myns jung-
hern briffin gein Grunberg und gein Gißin. Item 1 boden
15 pen., der myns junghern briff brachte greben Ruprachte-''^
gein Glibperg. Item uff denselben tag 1 boden 2 tor. gein
Bydenkab myt myns junghern briffe. Item 1 boden 5
pen. mit myns junghern briffe zum Kirchan.
213, Item uff den montag vor Walpurgis, als myn jung- Apr. 29
her quam, 1 boden 2 tor. myt myns junghern briffe gein
Alsfeld zu Emriche von Lynden. Item uff denselben
^) Tuchverkäufer.
2) E. V. Linden.
•) von Nassau-Sonnenberg.
*) a. Ohm.
*) von Nassau-Sonnenberg.
— 268 —
dinstag 15 pen. 1 boden zu Johane von Hatzfelt myt
[myns] junghern briffen. Item ufF denselben tag 1 boden
5 pen., der myns junghern brifF brachte hern Girhard von
Seibach gein Blangkenstein.
Ajyr. 30 214, Item uff Walpurge abind 3 tor. 1 boden gein Her-
born, der myns junghern briff brachte dem greben von
Nassauw®.^) Item uff denselben tag 1 tor. eym® boden^
der myns junghern briff brachte hern Gerlache von Brey-
denbach zu Bydinkab.
Mai 1 215. Item uff sente Walpurge tag gab ich 10 tor.
Hermane Unhogin dem boden, daz hee ly®ff myd myns
junghern briffe gein Wyrtzeborg.
Mai 2 216. Item uff sent Elsebeth tage 1 bode 4V2 tor., der
myns junghern briff Otten Groppen brachte gein Cassel.
Item uff denselben tag 1 boden zum Hermanstein 2 tor.
mit myns junghern briffen. Item 1 boden 1 tor., der
Cluder myns junghern briff brachte zu Hoenburg.
Mai 5 217. Item uff den sontag nach Walpurgis 1 boden 4^2
tor. myd myn[s] junghern briffe gein Cassel. Item dez-
selben tages 15 pennige 1 bode gein Frangkenberg mit
myns junghern [briffe].
Mai 22 218. Item uff den mitwochen vor phingisten gab [ich]
1 boden 7 pen., der myns junghern briffe 2) [brachte] Tyderich
Schutzsper gein Nordecken.
Mai 24 219. Item uff den frytag neist darnach gab ich 20
groschen bruder Johanne Celud und Craffte Juden gein
Wirczeburg myd myns junghern briffen. Item uff den-
selben tag 1 boden 1 tor. gein Bydenkab zu dem burger-
meister von myns junghern geheißen.
Mai 2ö 220. Item darnach uff den phingistabind 1 boden 2
groschen gein Wedichstein und sedde dem grebin^) sin
Vorworte uff von myns junghern wene.
Jtmi 1 221. Item uff den sontag vor unsers hern liechumstag
Fernkaste dem boden 4V2 tor., daz he mym® junghern
einen briff brachte gein Cassel.
Juni i") 222. Item uff unsers hern hechum abind 1 boden 15
pen., der myns junghern briff brachte hern Johanne von
Swalbach gein Giessin. Item uff denselben tag 1 boden
3 tor., der myns junghern briff brachte dem grebin von
SeynC*) czu Hachenberg.
*) Johann.
«) Vorl. briffte.
') Johann.
*) Johann.
— 269 —
223. Item uff den donrstag an unsers hern liechum Juni 6
tage gab ich Frederich dem bodin 4^/« tor., daz he myme
junghern briffe brachte zu Cassel, die her Ditley ein ant-
wurte brachte vom® koninge.
224. Item uff den frytag darnach 1 boden 4V2 tor., daz Jttni 7
he myme junghern ein entsegesbriff brachte czu Cassel
von Hans wene von Falkenberg.
225. Item darnach neisten mitwochen Hobemenschen Ju7ii 12
dem boden 3 tor., daz [he] mit myns junghern briffin lyff
czu grebe Otten gein Kransperg. ^)
226. Item uff den neisten sontag nach Peter et Pauli «/wwi 30
gab ich Herman Unhogen 8 tor., daz he myme junghern
briffe brachte gein Wirczeburg.
227. Item uff den mitwochen nach Kiliani 1 boden 2 *Mi 10
tor., der Cluder und Emriche briffe brachte gein Hoenburg
und gein Rumerade.
228. Item uff den sontag vor Jacobi gab ich Johans Juli 21
Hergode 4^/2 tor., daz he lieff zu Cassel zu myme jung-
hern umb eynen frede czuschen myme junghern und dem
greben von Cygenhain.
229. Item darnach uff sente Cyriacus abind 1 boden Auy. 7
2 tor., der Cluder und Emriche briffe brachte zu Alsfelt
und zu Hoenburg umb myns junghern geschignisse. Item
uff denselben tag 1 boden 15 pen., der briffe brachte Jo-
hane von Helffenberg czu Frankenberg. Item dezselben
tages 1 boden 6 pen., der eynen bewarisbriff brachte zcu
Rusch^berg.
230. Item uff den sontag nach Laurentii 1 boden Her- ^«^. H
man Unhogen 10 tor., daz hee myns junghern briff trug
gein Crucenache und gein Meysenheim. Item dezselben
tages 1 boden 2 tor., der myns junghern briff brachte
Emriche von Linden gein Alsfelt.
231. Item dez montages nach Laurentii 1 boden 5 tor., ^^g. 12
der myd myns junghern briffe lyeff gein Hüne. Item
dezselben tages 1 bode[n] 15 pen., der myd myns jung-
hern briffe lieff gein Gyssen zu hern Johanne von Swal-
bach und hern Gernand von Buchesecke.
232. Item uff unser frauwin abinde, als sii zcu hymel -4w//. 14
für, 1 boden 4 tor., der myns junghern briffe brachte gein
Spangenberg. Item dezselben ^) tages gab ich 6 groschen
der von Gottingen bodin. Item dezselben tages 1 boden
;!
Cransberg i. Taunus.
Vorl. dezselbes.
— 270 —
15 pen., der zcu Hohensolms li®fF zu grebe Johanne von
myns junghern geschignisse wene.
Amj. 16 233. Item uff den nesten frytag nach unser frauwen tag
1 boden gein Smalkaldin 8 tor. myd myns junghern briffe.
234. Item dezselben tages 1 bodin 15 pen., der myd
myns junghern briffe lyeff gein Gißin.
Aug. 20 235. Item uff den dinstag nach assumptionis Marie 1
boden 4Va tor., der zcu Cassel briffe brachte Otten
Groppen ^) von myns junghern geschignisse.
Aug. 19 236. Item darnach dez montages Gartenschaffe dem
boden 4V2 tor. daz [he] Groppen briffe brachte zcu
Cassel von dez bischoffs von Mencze wen, als he vor Cassel
wolde.
Aug. 22 237. Item darnach uff den neisten donrstag Herman
Unhogen 15 pen., daz he myme junghern einen briff
brachte zcu den Gyßin.
Aug. 24 238. Item dez sonabindis an sent Bartholomeus tage
Herman Unhogen 8 tor., daz he mit myns junghern briffen
lieff gein Smalkalden. Item dezselben tages Frederich
4^/2 tor., daz he myns junghern briffe brachte zcu Cassel.
Aug. 25 239. Item uff den sontag nach Bartholomeus 1 boden
9 tor. gein Smalkalden und gein Meyningen mit myns
junghern briffin. Item dezselben tages 1 boden 4^/2 tor.
zu Cassel mit myns junghern briffen. Item dezselben tages
1 bod^n 4V2 tor. gein Borgken und gein Hoenberg mit
myns junghern briffin.
Aug. 2fJ 240. Item darnach uff den neisten montag ? boden
1 sol., der myd myns junghern briffin lyff gein Birgiln
und gein dem Kirchain.
Aug. 27 241. Item darnach uff den neisten dinstag Loshard dem
bodin 15 (?) pen. myd myns junghern briffin gein Frangken-
berg. Item dezselbin tages 1 boden 1 s. hell., der myns
junghern briffe brachte gein Kirchain und Ameneburg.
Aug. 28 242. Item darnach uff den mitwochen 1 boden 15 pen.,
der myns junghern briff brachte hern Johane von Swal-
bach und hern Gernant von Bushecke gein Gießin.
Sept. 4 243. Item darnach ubir achtage uff den mitwochen nach
Egidii zweyn boden 10 groschen von Wirczeborg von
myns junghern geheißen. Item dezselben tages 1 boden
15 pen., der myns junghern briff brachte Johane von Hatz-
felt gein Hatzfelt. Item eyme boden 1 tor., der myns
junghern briffe brachte den von Breydenbach gein Byden-
*) Vgl. Zeitschr. N. F. XIX S. 42 Nr. 76, S. 43 Nr. 78. 88. 84,
S. 44 Nr. 91.
— 271 —
kab. Item darnach uff den neisten frytag Gobiin myns Sept. 6
junghern bodin 3 groschen, du he gein Cassel lieff. Item
dezselben tages 2 groschen dez greben boden von der
Margke^) von myns junghern geheißin.
244, Item darnach uff den montag nach unser lieben Sept. 9
frauwin tag der lesten Frederich dem boden 12 hell., daz
he myns junghern briff brachte zcum Kirchain. Item dez-
selben montages 1 boden 2 tor., der mym® junghern swe-
bil holte zcu Wetzflar.
245, Item darnach uff den mitwochen 2 boden gein Sept. 11
Hoenburg 2 tor., eyner, der dii gesellen sulde brengen,
und der ander, der en widderbod. Item uff denselben tag
1 boden gein Rumerade 2 tor. von myns junghern ge-
heißen. Item dezselben tages 1 bodin 5 pen. myd myns
junghern briffe zum Kirchain.
246, Item dez dinstages nach Mathei 1 boden P/2 tor., Sept. 24
der Emriche von Linde[n] briffe brachte gein Alsfelt. Item
dezselben tages Herman Unhogen 3V2 tor., daz he mym®
junghern bryffe brachte zcu Felsperg von dez greben von
Cygenhain wen.
247, Item darnach uff den donrstag gab ich demselben Sept. 2f>
Unhogen SV« tor., daz he mym® junghern briffe brachte
anderwerbe zcu Felsperg umb dieselbe sache.
248, Item den sonabind nach Michelis 1 boden 2 Okt. .>
groschen, der Emriche von Linden einen fredebriff brachte
von dez greben von Cygenhain wen gein Rumerade. Item
dezselben tages 1 bodin 1 tor., der hern Ditleibe einen
briff trug gein Bidinkap.
249. Item uff den neisten sontag nach Michelis 1 boden Okt. fJ
3 tor., der mit myns junghern briffe lyeff gein Hoenberg,
Item uff dieselben cziit 1 boden 5 pen., der einen briff
brachte Wigande von Erffirshusen gein Ruschenberg.
250. Item uff den sontag vor sente Gallen tag gab ich Okt. IS
4 groschen marggreben Wilhelms boden von My^'ssen.
251. Item uff den mitwoch an sente Gallen tag gab Okt. 16
ich 1 boden 9 pen., der myns junghern briff brachte Bern-
hard von Terinbach.
252. Item darnach uff den irsten sonabind gab ich 1 Okt. 20
boden 8 pen. der myns junghern briff brachte den Scheng-
ken gein Sweinsperg.
253. Item uff den frytag nach sente Severi tag gab Okt. 2r>
ich 1 boden 15 pen., der deme grebin von Ciegenhain eyn
briff brachte gein Treise.
>) Engelbert.
— 272 —
Okt. 30 254, Item uff den mitwochen der ander tag nach Symonis
et Jude gab ich 1 bodin 5 pen. gein Ameneburg.
Okt. 31 255. Item uff den donrstag an allerheilgen abind 1
boden 6 pen. gein Ruschenberg.
Nov. ü 256. Item dez dinstages vor Martini 1 tor. 1 boden gein
Hoenburg zu Cluder.
Nov. 9 257. Item darnach dez neisten sonabindis 1 boden 2
tor., der eynen fredebriff brachte Emriche von Linden gein
Alsfelt. Item dezselben tages 1 boden 2 tor., der eynen
briff brachte dem grebin von Ciegenhain, du man den
frede bestellen sulde.
Nov. 17 258. Item dez sontages achtage nach Martini 1 boden
1 tor., der brachte myns junghern briff Enders Lappin
gein Bydenkab.
Nov. IS 259. Item uff den montag an sente Elizabecht abind
1 boden 2 tor., der mit myns junghern briffe lieff zcum
Kirchain gein Hoenburg und gein Rumerade. Item dez-
selben tages 1 bodin 15 pen., der myd myns junghern
briffin [Heff] zcu den Gyßin. Item 1 boden 6 pen. gein
Lare^) mit myns junghern briff zcu Gumpracht von Stede-
bach.
Nov. 20 260. Item dez mitwoches darnach 1 boden 10 tor., der
myd myns junghern briffe lieff gein Stragkinberg zum
grebin^) von Spanheim. Item dezselben tages 1 boden
9 tor., der myns junghern briff brachte gein Heydelberg
und suchte den grebin von Spanheim.
Nov. 22 261. Item uff den frytag darnach Syffred Pauwen 2
groschen gein Lutirnbach myd myns junghern briffin.
Nov. 27 262. Item uff den mitwochen nach sente Katherinen
tag 1 boden 5 pen., der ein antwurte brachte Craffte von
Hatzfelt gein Melnhauw® von myns junghern wene. ^)
^) Lohra sw. Marburg.
V
2) Heinrich; s. o. Nr. 150.
*) Der Gegenstand dieses Briefwechsels läßt sich aus einer Ur-
kunde vom 21. November 1387 (Samtarchiv Schubl. 64) erraten, in der
Kraft V. Hatzfeld, des verstorbenen Ritters Guntram Sohn, bekennt,
„alsoliche worte, als ich ufF den hochgeborn fursten . . junghern
Herman lantgraven czu Hessen gesprochen han, bii namen, daz he
mir meyne gefangen solle abevirraden unde gestolin habe, darane
habe ich eme unrecht getan unde enweis von eme nicht, dan alse
von eyme bidderben fursten unde herrin und bidden den egenanntin
mynen junghern, daz he mir daz virgebe und dez ulf mich vireziihe".
Auch scheinen finanzielle Dinge damals verhandelt worden zu sein:
am 11. November quittierte Lise v. Sayn, Gottfrieds v. Hatzfeld Witwe,
dem Landgrafen über eine Abschlagszahlung von 1000 Gulden. Über
die sonstigen Beziehungen der v. Hatzfeld zu dem Landgrafen vgl.
Landau, Ritterburgen IV S. 134 ff.; Zeitschr. N. F. XIX S. 31; XXfic
S. 177 Anm. 1, S. 208 Anm. 5.
— 273 —
263. Item darnach ufF den frytag 1 boden 15 pen., der Nov. 29
myns junghern brifFe brachte gein Kongisperg hern Johan
Moniche.
264. Item ufF den sonabind 1 boden 5 pen. myd myns Nov. 30
junghern brifFe zcum Kirchain an Gilbrachte von Rade-
husen und syne gesellen von myns junghern geheißen.
265. Item darnach ufF den sontag 1 boden 15 pen., Bex. 1
der myns junghern brifF brachte Johane von Hatzfelt und
CrafFte hern Crafftis son zcu HatzFelt. Item dezselben
tages 1 boden 15 pen. der myns junghern briff hern Jo-
hanne Mönche brachte gein Kongisberg. Item dezselben
tages 1 groschen Gobiin myns junghern boden, daz he
liefF [myd] myns junghern brifFe zcu den Gißin hern Ger-
nande von Buch[s]ecke.
266. Item ufF den dinstag 1 boden 15 pen. myd myns De^. 3
junghern brifFen gein Frangkenberg, 1 zcu Johanne von
Helffinberg und Johanne von Trespache.
267. Item ipso die conceptonis Marie gab [ich] 3 Dex. 8
groschen Gobiin myns junghern boden von myns junghern
geheißin. Item dezselben tages 1 boden 1 tor. myd myns
junghern briffin zcu Wigand Schaben gein Stauffenberg.
Item dezselben tages 1 boden 1 tor. myd myns junghern
brifFe gein Nordeckin.
268. Item quinta feria post conceptionis beate Marie Dex. 12
1 boden 2 tor. zcu Tilen von Falkenberg und Karlen von
Trubenbeche gein dem Schonenstein. Item dezselben tages
1 boden 2 tor. gein Lyche zcu Erwine Gulden mid myns
junghern brifFen.
269. Item ufF den neisten montag nach sente Thomas- Dex. 23
tag Herman Unhogen dem boden 11 tor., daz he mid myns
junghern briffin liefF gein Crucenach und czu Meysenheym
zu dem greben von Veldentz *) und von Sponheim. ^) Item
1 boden 9 tor., der myns junghern brifF brachte Johanne
von Hatzfelt gein der Schififenburg.
270. Item uflF den sontag nach dez heiigen cristage Dex. 29
1 boden 15 pen., der myns junghern brifF brachte dem
meister von sente Anthonise zcu Grunenberg. Item dez-
selben tages 1 bodia 1 tor., der myns junghern brifF
brachte gein Hoenburg und warnte vor den fienden.
:{
Heinrich.
Simon.
Beiträge
zur
Genealogie des hessischen Fürstenhauses bis
auf Philipp den Grossmütigen
Von
Carl Knetsch.
I. Nachträge zu Hermann Die mar s ,;Stammreihe des
Thüringischen Landgrafenhauses und des Hessischen
Landgrafenhauses bis auf Philipp den Großmütigen'^ *)
I. Heinrich L, das Kind von Hessen.
Heinrichs Tochter Mechthild heiratete ^) v o r 1282 Juni
25 den Grafen Gottfried VI. zu Ziegenhain. In einer Ur-
kunde des Klosters Haina^) (Ruschenberg . . 1282 VII.
Kai. Julii) wird sie von Gottfried „domina Methildis legi-
tima nostra" genannt. Damit ist der von Diemar nach
Wenck gesetzte terminus „vor 1283" um 1 Jahr rückwärts
verschoben. Ihr Gemahl Gottfried starb 1304 November 30.*)
Darauf erscheint sie als Witwe in Urkunden von 1304
Dez. 21 bis 1309 Juni 22 s), so daß der Abschliffi ihrer
>) In dieser Zeitschrift N. F. XXVII 1903.
*) Eheberedung von 1274 Nov. 7 im St. A. Marburg. Die Ehe
sollte vollzogen werden, sobald Gottfried das 12. Jahr vollendet habe.
*) St. A. Mbg., Urkundendepositum des Kl. Haina.
*) Nach Mitteilung Diemars aus Gerstenberg 442. — Gersten-
bergs Angabe wird bestätigt durch eine Ziegenhainer Urkunde von
1313 Sept. 15 (XVII Kai. Oct.) für Haina (im St. A. Mbg., Depos. Haina),
wonach Graf Johann von Ziegenhain und seine Gemahlin Luchardis
dem Kloster zur Erinnerung an ihren Vater Gottfried v. Z. eine Mühle
an der Wohra bei Rauschenberg mit der Bedingung schenken, dafi
das anniversarium Gottfrieds im Kloster in die beati
Andree apostoli (= Nov. 30) gefeiert wird.
^) St. A. Mbg., Ziegenhainer Urk. von 1304 Dez. 21 und 1309
März 18, Hainaer Urk. von 1306 Jan. 27 und Depos. Haina, Urk. von
1309 Juni 22.
— 275 —
zweiten Ehe mit Philipp IIL Herrn von Falkenstein-Lich
erst nach diesem Termin anzusetzen ist (nicht 1305, wie
Diemar sagt).
II. Heinrich IL der Eiserne.
In einer Rechnung des Casseler Martinsstifts (offi-
cium camerae) ^) steht zum Jahre 1391:
item sabbato ante Bonifacii dedi 14 solidos super
aniversarium domini lantgravii.
Danach ist der 3. Juni (1376) als Todestag des Landgrafen
anzusehen, der Tag, auf den auch Landau nach anderen
Quellen gekommen war (in dieser Zs. A. F. II 222: 3. oder
4. Juni). Diemar (Nr. 18 auf S. 18) gibt den 8. Juni an.
III. Hermann der Gelehrte.
1. Am 10. November 1387 kaufte die Landgräfin
Margarethe, Hermanns zweite Gemahlin, eine Wiege. Wir
können wohl daraus den Schluß ziehen, daß sie selbst in
ihrer Familie deren bedurfte, daß also kurz vorher oder
bald darauf ein Kind geboren ist. Vielleicht war es Anna
(bei Diemar Nr. 32 auf Seite 22), wahrscheinlich aber
Heinrich (Nr. 33), der erste Sohn des Landgrafen, der
1394 wieder starb. Der Eintrag in der Marburger Rent-
meisterrechnung von 1387 % worauf wir unsere Annahme
gründen, lautet:
item dezselben tages (dez sontages an sente Mertins
abind) gab [ich] 16 groschen vor eyne wygin als
myn frauwen die selbir gedinget hatte.
2. Agnes (Diemar Nr. 36), Gemahlin Herzog Ottos
von Braunschweig, die am 16. Januar 1471 zu Münden
starb, wurde am 25. Januar zu Cassel beigesetzt. Die
Melsunger Schultheißenrechnung von 1470/71 hat hierüber
folgenden Eintragt):
item 7 ß vor scho den priestern czu deme begeng-
nysse der herczogin von Munden ufF sancte Paulus
tage (= Pauli conversio, 25. Januar).
3. Am 13. Oktober 1396 wurde dem Landgrafen
Hermann ein Sohn geboren, dessen Name nicht über-
liefert ist. Er ist zwischen Agnes (geb. 1391) und Frie-
M St. A. Mbg., 0. St. S. 5775.
*) Siehe den Aufsatz von K ü c h in diesem Bande. Seite 240 u. 263.
') St. A. Marburg, Leuthaus.
N. F. BD. XXX. 18
— 276 —
drich (geb. 1398) (Diemar Nr. 36 und 37) einzureihen, falls
nicht etwa doch Hermann (Nr. 38) dieser Sohn ist. Die
Geburt war von der größten Wichtigkeit, denn dadurch
wurde nach dem Tode des ersten und bis dahin einzigen
Sohnes Heinrich des Landgrafen am 13. Juli 1394 nun die
Gefahr eines Erlöschens der hessischen Dynastie wieder
gemindert, wenn auch später doch nicht dieser Sohn, son-
dern allein sein jüngster Bruder Ludwig (I.) der Erhalter
des Geschlechts werden sollte.
Im Register des Martinsstifts zu Cassel von 1396
lesen wir ^) :
item 1 flor. Hennen Beckere qui nunciavit domino
decano quod novus princeps esset natus in die
Lubencii (= 13. Oktober),
item 6 flor. domine nostre lantgravie in puerperio in
die Cecilie virginis (= 22. November).
IV. Ludwig I. der Friedsame.
1. Ein neuer Beleg für die Beisetzung der Gemahlin
Johanns III. Grafen zu Nassau-Weilburg, Elisabeth der
Schönen (Diemar 42, Seite 25) im Jahre 1489 in Weil-
burg findet sich in der Casseler Kammerrechnung von
1489 2) auf Blatt 162:
item 5 gülden domino licenciato Rulando uf sontag
exaudi [= Mai 31] gegeben vor tzerunge geyn
Wilborg zcu dem begengkenyße der frauwen von
Nassauw zcu ryten.
2. Zwischen 44 und 45 bei Diemar (auf Seite 26) ist
eine 1453 Ende Januar zu Cassel geborene Tochter ein-
zuschieben, wenn nicht etwa die folgenden Notizen auf
Elisabeth die Schöne (Diemar 42) zu beziehen sind. Es
ist allerdings kaum anzunehmen, daß eine 1453 geborene
Prinzessin bereits 1464 vermählt worden ist.
Die Marburger Stadtrechnung von 1453 ^) hat hierüber
folgende Einträge:
item uff sontag Blasii, als der burgemeister mit et-
lichen des radis firunden von Cassel widder kommen
sin, als sie unser gnedigen frauwen, daz sie eyner
jungen furstynnen geneßen waz, geschangkt
hatten, und auch zu unserm gnedigen hern von
des slegeschaczes wegin etliche werbunge gethan,
M St. A. Mbg., 0. St. S. 5775.
«) St. A. Mbg.
— 277 —
darumbe dann der burgemeister den rath verbodet
und den abscheit von unserm gtiedigen hern ine
geuffint hait gehabt V2 firtel Elsesßers zu 14 heiern
und 2 maß biers, tud 2^2 ß 2 ^,
und an anderer Stelle:
item als der rath gemeynlich überkommen ist unser
gnedigen fraüwen die eyner jungen furstyn-
nen genesen waz eyn geschengke zu thün so
dann gewonlich und darumbe Heinrich Deynhart
burgemeister, Ludewig im Höbe schefFen, Lude-
wigen Montselig und Mertyn Kaldenbach zcwene
. von den viern ußgeweget und sunderlich bevolen
han von des slegeschaczes wegin mit unserm gne-
digen hern zu ridden als hait man unser gnedigen
frauwen geschengt 20 golden, unserm jungen hern
deßmals bie ire waz 1 golden, dem hobemeister
2 golden, der hobemeisteryn und den jungfräuwen
2 golden, der ammen 1 golden, den zcweyn kam-
merknechten 1 golden 5 albos zu 24 boh. und dem
twerche, daz unßre jungen hern geleydet hait,
4 boh. und züsamen 32 Ib. 6 ß.
item als die obgenanten burgemeistere und des radis
frunde zu unserm gnedigen hern und unser gne-
digen fraüwen geschieht sin inmaßen vorgeschriben,
die dann Heinrich den stadknecht und Gerlachen
der stad karnknecht mit ine gehabt haben, sin sie
ußgewest 3 nacht und 4 dage, verczeret uß und
heym und mit den knechten die perde, so man
riden solte, zusammen geholt und so man widder-
kommen ist zu huße gefuret han, tud züsamen
8 Ib. 5V2 ^ 4 ^.
item zu solichem obgerurten ryden han die obge-
nanten des radis frunde 6 perde mit sich gehabt,
iglichem perde die nacht zu myde gegeben I6V2 ,d\j
gehit abe der stad pert, und dazu vor hoübslag,
daz iß tud allis züsamen 2 Ib. 2^/2 ß 5V2 /Sj.
V. Ludwig IL der Freimütige.
Ludwigs Vermählung mit Mechthild von Würtemberg
am 1. September 1454 hat anscheinend nicht in Frankfurt
(Diemar 40 Seite 25), sondern in Marburg stattgefunden.
Ich schließe das aus folgenden Einträgen in der Marburger
Stadtrechnung von 1454^):
*) Siehe auch Bücking in dieser Zs. N. F. VI, S. 41.
18*
— 278 —
Dißs hirnachgeschriben koste und geschengke ist
ußgericht von wegin unsers gnedigen hern als zu
siner gnade sones hern Ludewigs lantgrave zu Hessen
des jungern bieleger inmaßen hirnach geschriben :
Item ufF sonnabint nach Jacobi [Juli 27] als der lantfoit
rentmeister und rath gemeynlich bie eynander gewest
in des burgemeisters huse und von der herberge zu
bestellen zu unsers gnedigen lieben jungen hern hoch-
czijt geridt han, gehabt 3 maßs wyns zu 12 heiern
und 4 maß biers, tud 3V2 ß 2 ^.
item ufF dinstag mitwochen und donerstag darnach [Juli
30. 31, August 1] als von bevele des lantfoidis und
radis der stadschriber, der keiner ufF der borg und
stadknechte dorch stad und vorstede zu Marpurg alle
husunge und herberge besehin, stallunge geachtet, waz
man in iglichem huße pherde gehalden könne und so-
lichs dem lantfoide unde rade verczeichint widder bracht,
darüber mit den und andern knechten vaste erbeit und
laüfFens gehabt und verczeret, daz iß tud 3V2 Ib. 1 ß,
item ufF mitwochen unser fraüwen abint assumpcionis
[August 14] als der lantfoit und hobemeister mit dem
rade in des burgemeisters büße gewest sin, herberge
den hern ußgegeben und verczechen han laßen, deß-
mals gehabt 2 maßs wyns und 3 quarte bieres tud
2V2 ß.
item üfF fritag nach unser fraüwen dag assumpcionis
[August 16] han burgemeister und buwemeister mit
dem rentmeister in der stad umbegegangen und die
ordinerunge und bestellunge der herberge besehin und
ernstlich daz folg geheissen han, sich üfF daz redelichste
dar ufF zu stellen, sin sie miteynander zum wyn ge-
gangen in MartdurfFs huse und verczeret 9 ß,
item ÜfF mitwochen darnach [August 21] als der lantfoit
nach dem rade in Sifrids huße geschieht, daz mal vaste
erbar lüde und sunderlich unsers gnedigin hern dynere
und manschafFt zu herbergen, bestadet und ine die
verczechent gegeben, hait deßmals auch geridt umbe
vaste bestellunge, wes dann not gewest ist zu dem ge-
nanten höbe, gehabt 3V2 ß.
item ufF fritag sent Bartolomeus abint [August 23] als
die burgemeistere vaste volgks uff dem Kempwasen
gehabt han von anmüdunge des landfoidis und daselbs
den plaen geglichent und die weynwege ingeczogen
— 279 —
han, darüber dann burgemeistere, buwemeistere vaste
erbeit gehabt mit knechten dazu genoczt, verczeret 7 ß.
item uff sonnabint sent Bartolomeus dag [August 24]
und uff den montag darnach [August 26] als man zu
dem obgenanten höbe dorch alle zcunffte, hantwergke
und gemeynde zu Marpurg schiltwachte und porten-
hutere bestalt hait, da bie dann etliche des radis ge-
west, desmals gehabt die zcwen dage, daß iß tud 5^2 ß.
item uff montag und dinstag nach Bartolomei [August
26, 27] als unser gnediger her dem landfoide geschriben
hatte, darumbe er dann den rath die zcwene dage zu
sich geheischt und der herberge vaste und veil ver-
ändert han, deßmals dann auch etliche partie vor sie
kommen, davon verdynet wyn gefallen ist und über-
tragen baffter den verdyneten wyne die zcwene dage,
daz iß tud 11 /?.
item zu dem höbe han die burgemeistere von bevele
des radis funff fagkeln und vaste geczuges dazu laßen
machen meistern Jörgen den bossenmeistern, dazu dann
an ysen, swebel, beche, harcze, bleche und lynenduche
und anderm geczuge kommen ist und vor mecherlon
gegeben züsamen 8V2 Ib. 2 /5j und solicher ringe ist
noch bie sechczig gancz und unverslißen.
item uff donerstag sent Johannis dag decolacionis
[August 29] als der underburgermeister schriber und
knechte in vaste unmußen und lauffens mit dem burge-
meister gessen han, verczeret 6 ß,
item als man schiltwachte und portenhude nacht und
dag dorch die stad, in vorsteden und vor den porten,
dwile der hob geweret, gehalden hait, dazu dann vaste
folgkes und knechte bestalt gewest, und die stad-
knechte und ander knechte darüber vaste lauffens ge-
habt han, ist den schiltwechtern an brode, kese, bier
und lichten geandelagt, und schribern und knechten,
als die zu dem höbe den hern den wyn umbgetragen,
von der stad wegin geschangt, und vaste lauffens und
ander erbeit gethan hatten, eyn geschengke gegebin
nach bevele des radis, daz iß tud allis zusamen 7 Ib. 1 ß.
item vor eyn phar silbern koppe, die man unser gnedigen
jungen fraüwen geschangt hat, gegebin 70 golden, den
golden zu I2V2 ß, tud 87^2 Ib.
item des goltsmedis knechten geschengt von geheiße
des radis 3 ß.
— 280 —
item als der goltsmedt bie dem rade gewest ist, ver-
drongken 2 maß wyns und 1 maß biers, tud 2 /? 2 /Sj .
item als die burgermeistere uff die borg gegangen,
schriber und knechte mit ine gehabt, und den kopp
unser gnedigen fraüwen geschangt han, deßmals bie-
eynander blebin und verczeret 4 ß.
item als der rath gemeynlich überkommen gewest ist,
eyn stogke wyns zu keuffen, davon man den hern zum
höbe schengken müchte, als hait man gekaüfft umbe
Hennen Martdurff eyn faßs mit wyne, hait gehalden
eyn fuder 1 firtel und IV2 maßs Elseßer vor 36 golden
4 /?, in biewesen etlicher des radis ist nach deme ge-
schengke etlich wyn uberig bieben, den man den
schriber und Herman Deynhart hait verschengken und
umbe gelt geben laßen, die dann 12 punt davon ge-
loest han, als blibet der stad zu gelden 26 golden 4 ß
und 33 Ib. 47^ /^ 1 ^.
Summa 100 Ib. 45 Ib. 9 /^ 1 ^.
VI. Hermann, Erzbischof von Cöln.
Über Hermanns Leben und die von ihm vor Be-
steigung des erzbischöflichen Stuhles innegehabten Würden
erfahren wir neuerdings ^) folgendes, das ich mit Diemars
Nachrichten (S. 26 Nr. 43) zusammenfasse:
Hermann, geboren nach 1448 Nov. 5, wohl 1449/50,
wurde schon früh (1462) Domherr in Mainz, studierte 1462
in Cöln, erhielt 1463 April 15 durch Nomin ation des De-
kans Nikolaus von Leiningen die Präbende des f Cölner
Erzbischofs Dietrich (1463 Juni 13 Ahnenprobe), wurde
1468 emanzipiert 2) ; er war seit 1465 Propst zu Fritzlar,
seit 1471 designierter Bischof von Hildesheim, trat aber
1472 zurück, wurde 1473 März 29 Verweser des Erzstifts
und 1480 August 11 Erzbischof zu Cöln, dazu 1498 März 7
^) Wilhelm Kisky, Die Domkapitel der geistlichen Kurfürsten
in ihrer persönlichen Zusammensetzung im 14. und 15. Jahrhundert.
Gekrönte Preisschrift, Weimar 1906, Seite 5H. — Kisky bringt auch
einiges Neue (S. 53) über Otto von Hessen, Erzbischof von Magde-
burg (Diemar Nr. 19 auf S. 18) und (S. 1H4) über den Bischof von
Münster Ludwig von Hessen (Diemar Nr. 13, Seite 16).
2) Unter emancipatio canonicorum versteht man (nach B r i n c k-
meier, Glossarium diplomaticum I 1850, S. 683) die Entlassung der
jüngeren canonici aus der Gewalt des scholasticus und ihre feierliche
Einführung in das Kapitel und den Chor.
— 281 —
Bischof von Paderborn, starb 1508 Oktober 19 zu Poppels-
dorf und wurde im Dom zu Cöln beigesetzt.
Ein feierliches Begängnis zu seinen Ehren wurde mit
großem Gepränge in Gegenwart des ganzen Hofes von
116 Priestern am 14. und 15. November (Dienstag und
Mittwoch nach Martini) 1508, also fast 4 Wochen nach
seinem Tode, zu Cassel abgehalten. ^)
VII. Wilhelm I. der Ältere.
Wilhelms Gemahlin Anna von Braunschweig- Wolfen-
büttel starb zu Worms am 16. Mai 1520 und wurde am
25. Mai (Freitag nach exaudi) daselbst zu St. Andreas
beigesetzt. ^)
1. Seine älteste Tochter, Mechthild die Ältere
(Diemar Seite 30 Nr. 55) ist 1489 geboren. Die Casseler
Kammerrechnung von 1489 ^) hat darüber folgenden Ein-
trag (Blatt 146'):
item 4 gülden Wilhelm dem eitern *) als er mynem
g. h. die boteschaft brachte von der jungen tochter.
Da diese Notiz zwischen Einträgen vom 28. September
(Montag nach Mathei) und 28. Oktober (Mittwoch nach
11000 Jungfrauen) steht, so ist die Geburt wohl für den
Monat Oktober anzusetzen.
2. Mechthild die Jüngere (Diemar S. 30 Nr. 56).
Die von Diemar in der Anmerkung 14 zitierten Urkunden
von 1493 Juni 20 (Donnerstag nach Viti et Modesti) und
1500 Mai 1 (Walpurgis) sind im St.A.Mbg. erhalten, die
erste in einer gleichzeitigen Papierabschrift, die andere im
Konzept (Pergament). Kurz vorher, am 13. April 1500
(Montag nach Palmarum), verschrieb Wilhelm der Mittlere
anstelle der von seinem Bruder Wilhelm dem Älteren nun
auf ihn erwachsenen 1000 Gulden, die dem Kloster Weißen-
stein, Fräulein Mechthild darin „geistlich zu bestatten",
zugesagt waren, dem Kloster 50 üulden jährlichen Zinses
aus dem Casseler Stadtzolle, ablösHch mi t IQOÜ Grulden.
(Perg., Ausfertigung,)^)
*) Ausgabeverzeichnis (ßelegj üö
«) St.A.Mbg., O.W. S. i. — Vi
von Braunschweig, Landgraf in zu H€i
3) St. A. Mbg.
*) Dies ist «ier Älteste der H
Landgrafen Wilhelm.
s) St.A.Mbg., Kl. Weiaensr».-Mi
— 282 —
3. Anna (Diemar S. 31 Nr. 57). Sie wurde ebenso
wie die Schwester 1493 dem Kloster übergeben. 1493
Juni 20 verspricht ihr Vater dem Kloster Ahnaberg 1000
Goldgulden bei ihrer Einsegnung zu zahlen etc. (Perg.
Ausfertigung.) 1500 April 13 verschreibt Landgraf Wil-
helm II. dem Kloster anstatt der 1000 Gulden eine mit
1000 Gulden ablösbare Rente von 50 Gulden aus dem
Zolle in Cassel. (Perg. Ausf.) ^)
Über die feierliche Einsegnung, die anscheinend erst
1501 stattgefunden hat, finden sich einige Einträge in der
Casseler Rentereirechnung von 1501 ^) :
(Blatt 103'): item 3 Ib. Gensinge dem snider zcu
Cassel hait minem gnedigen freuchen zcur insege-
nung zcum Anenberge czwene wisse rogke einen
schäm mel Otts ^) uberrog eynen czindel underrog und
einen swarczen mantel gemacht,
item 8 ß vor ein loit syden domit die kleider ge-
nehit sein,
item 2 ß vor czwern und klammern an die kleider.
item 4^/2 Ib. der Sebberinschen zcu Cassel gegebn
uf den schammelot der m. g. freuchen zcum Anen-
berge zcum rog wart zcur inseinunge.
(Blatt 127'): item ^ \h, Q ß vor 6 phunt wachs ist
m. g. freuchen zcum lichte zcur insegenung worden.
Vom 18. Mai 1509 (Freitag nach ascensionis domini)
besitzen wir noch einen eigenhändigen Brief der jungen
Nonne an ihren „Vetter" Landgraf Wilhelm den Mittleren,
worin sie ihn zum Bau am Kloster um Unterstützung
(Wagen zur Anfahrt von Holz und Steinen) bittet.^)
Aus den hessischen Landtagsakten ^) erfahren wir,
daß sie 1512 Sept. 15 und 1513 Juli 10 noch am Leben
ist. Die letzte Nachricht von ihr haben wir in einem
Bittschreiben des Klosters an die hessische Regierung von
1513 Sept. 13 für ihre Obersten zu Bodicken, das sie mit
unterschrieb. ^) Kurz nachher ist sie gestorben, am 15.
Oktober 1513 scheint sie nicht mehr gelebt zu haben. *^)
^) St. A. Mbg., Kl. Ahnaberg.
*) St. A. Mbg.
*) schamelott, eigentlich kamelott, ein Zeug ursprünglich von
Kamelshaaren, dann ein halbwollener Kleiderstoff (Grimm, Deutsches
Wörterbuch V S. 95).
*) St. A. Mbg., Kl. Ahnaberg.
ö) Glagau, hess. Landtagsakten I 1901, S. 162, 569.
«) St. A. Mbg., 0. St. S. 5695, heute Bödecken bei Büren im Reg.-
Bez. Minden, früher Augustinerinnenkloster, jetzt Domäne.
'') Im Küchenregister von 1513 finden sich einige Einträge, aus
— 283 —
2. Nachrichten über einige unebenbürtige Kinder
hessischer Fürsten.
I. Landgraf Ludwig IL
Außer den 3 mit seiner Gemahlin Mechthild von
Würtemberg erzeugten Kinder, der Tochter Anna und
2 Söhnen, den später regierenden Landgrafen Wilhelm L
und Wilhelm II., hatte Landgraf Ludwig, der, wie es in
bald nach seinem Tode gedruckten Versen heißt, „den
hübschen frewlyn nyt gehass" war ^), noch einige natür-
liche Kinder, 3 Töchter und 4 Söhne, davon 3 wieder des
Namens Wilhelm und den vierten mit dem Namen Jo-
hannes.
1. Die Tochter Anna wurde mit Landgraf Wilhelms
des Älteren Thorknecht Heinz Missener (oder Meissener)
vermählt. Der Landgraf verschrieb 1484 Mai 23 (am Sonn-
tage vocem iocund.) in Anerkennung der getreuen Dienste
„so unser thorknecht Heincz Missener und lieber getruer
uns und Anna unser swester sin eliche husfrauwe der
hoichgebornen furstynnen frau Mechtilden geborn von
Würtemberg und Montpelgart, lantgrafynnen zu Hessen etc.
witwen unser fruntlichen lieben frauwmuter lange zcyt
bisher vlisiglich gethan", auch aus besonderer Zuneigung
und Gunst, „so wir zcu ine uß furderunge der billich-
keit tragen", dem Ehepaare seine Kemnate „zur Walde"
[Waldau bei Cassel] mit dazu gehöriger Behausung (ausge-
nommen die Zehntscheuer), 3 Gärten, 3 etwa 8 Acker
großen Wiesen, 2 Hüben Landes und gewissen Diensten,
ablöslich mit 200 rheinischen Gulden. 2)
2. Eine andere Tochter, Luckel Lambrechts^j,
denen man auf ihren Tod schließen kann. Am 5. Febr. 1518 heißt
es: V2 virtel (wins) dem freuchen zcum Annenberge, am 26. März:
dem freuchen zcu Wissenstein und dem freuchen zcum Annenberge
1 virtel, am 23. April : dem freuchen zcu Wissenstein V« virtel, ^/2 virtel
dem freuchen zcum Annenberge: am 15. Okt., 19. Nov., 29. Nov. 151H.
ebenso 7 mal im Jahre 1515 wird aber nur noch Wein ins Kloster
Weissenstein gegeben. (Küchenregister 1518. 1515 im St. A. Mbg.). —
Jedenfalls war sie im November 1516 tot. (St. A. Mbg., 0. W. S. 1,
Kammergerichtsurteil vom 29. Nov. 1516). — Vgl. auch Armbrust in
diesem Bande, Seite 6 und 48.
*) Zulauf, Beiträge zur Geschichte der landgräfl. Hess. Hof-
kapelle zu Cassel (in dieser Zeitschrift N. F. XXVI 1908) S. 4, vorher
Pi stör in dieser Zs. N. F. XVIil 1898, S. 127.
«) St. A. Mbg., Kopialbuch Nr. 11, Blatt 294-295. — Vgl. auch
Landau in dieser Zeitschrift A. F. VIII, S. 897 und 408.
3) Ebenfalls von Landau erwähnt Zs. VIII. S. 897.
— 284 —
wie sie sich selber schreibt, oder Leuckel Lampast, wie
äich ihr Name verschiedentlich findet, aus Cassel gebürtig,
wurde schon in früher Jugend ins Kloster Ahnaberg ge-
geben, worin sie ungefähr 50 Jahre geblieben ist. Bei
der Aufhebung des Klosters im Jahre 1527 wurde auch
sie mit den anderen Nonnen am 23. Oktober (Mittwoch
nach Luce) abgefunden ^) und erhielt eine Rente von 5
Malter Frucht partim aus des Klosters Gütern auf Lebens-
zeit zugebilligt.
In einem bei den Verhandlungen zur Abfindung der
Ordenspersonen angelegten Verzeichnisse findet sich über
sie folgender Eintrag:
Leuckel Lampast [Randbemerkung : ist landtgrafF
Ludwigs tochter] hier aus der Stadt, zeigt an, das
meyn her seliger sie ins kloister geben hab, und
alle jar ir von der futherleuben ausseim renthofF
zwei malter freucht ins cloister gegeben sie worden,
und bey funffzeigk jarn von kindt auff im kloister
gewesen. Dweil dan ein ander ordenug itzo ge-
maicht, bit sie meynen g. h. undertheniglichen, ir
ein g. h. zu sein und jars etwas er leben langk
geben laissen, stelt solichs zu irem g. h.
Darunter steht die Entscheidung:
10 virtel korns ir leben langk, 5 malter partim ir
leben lang. ^)
In einem anderen Verzeichnisse der Ahnaberger
Klosterjungfrauen aus demselben Jahre ist sie als Luck-
hardis Lampthpast aufgeführt. ^) Vielleicht war Johann
Lampast in Cassel^), der 1469 vielfach vom Landgrafen
zu Botengängen verwandt wurde, oder der 1470 öfters im
Botendienst gebrauchte Toilde Lampracht^) ihr Stiefvater,
und Else Lamprechts, die 1484 in Cassel lebte und Be-
sitzungen vor dem Neustädter Thore hatte, ihre Mutter. ^)
3. Eine dritte Tochter Landgraf Ludwigs, Mar-
garetha, wurde vor dem 26. August 1487 (vielleicht i486)')
?
Urk. über ihre Abfertigung im St. A. Mbg.
2 gleichzeitige Verzeichnisse der abgefertigten Ordenspersonen
im St. Ä. Mbg.
^) St. A. Mbg., Kl. Ahnaberg, Ob. St. S. 5775.
*) Stölzel, Casseler Stadtrechnungen 1468— 155B (in dieser
Zeitschrift N. F. Suppl. 3, 1871) Seite 38, fürs Jahr 1472, und St. A. Mbg.,
('asseler Rentmeisterausgaberegister 1469.
*) St. A. Mbg., Melsunger Schultheisenrechnung 1470.
®) St. A. Mbg., Casseler Schultheisenrechnung 1484.
V In der Jahresrechnung des deutschen Ordens zu Marburg
— 285 —
mit Heinrich Fürst er vermählt, der von 1479 bis 1512
als Casseler Schultheiß, 1508 als Bürgermeister in Cassel
vorkommt. ^) Sie wird in Lehnbriefen von 1487 August
26 und 1494 Mai 2, worin ihr Mann und sie mit dem
Werth an der Fulda in der Feldmark vor der Neustadt
Cassel belehnt werden 2), von den Landgrafen Wilhelm
dem Älteren und Wilhelm dem Mittleren ausdrücklich als
ihre Schwester bezeichnet. Eine sehr stattliche Schenkung,
die Landgraf Wilhelm d. Ä. dem Schultheißen und seiner
Frau, seiner „halben swester" durch Übertragung von
Gütern zu Cassel, Niederkaufun gen, Wehlheiden, Wolfs-
anger, Ihringshausen, Sandershausen, Crumbach etc. ge-
macht hatte, bestätigte Wilhelm II. am 2. Juni (Tri-
nitatis) 1493. 3)
Aus ihrer Ehe mit Heinrich Furster stammten der
kurtrierische Rat und Kanzler J. U. D. Ludwig Forster*)
und der Lüneburgische Kanzler J. U. Lic. Johannes Forster,
wahrscheinlich auch die zwei Nonnen Anna^) und Ku-
nigundis Fursters, die 1527 bei der Aufhebung des Klosters
Ahnaberg abgefunden wurden % und deren mit dem
Casseler Bürger Johann von Suest genannt Stotterjohann
verheiratete Schwester Elisabeth.*^)
von i486 (im St. A. Mbg.) findet sich unter den Ausgaben folgender
Eintrag: item IV2 Ib. 1 fi 2 ^. scilicet 1 gülden geschenckt zcur hoch-
czijt lantgrave Wilhelms unechtige swester zu Cassel estomihi (=
Febr. 5.).
*) Nach Stolz el (Entwickelung des gelehrten Richtertums I.
S. 414. 460, und Casseler Stadtrechnurigen S. 140. 145. 158) war er
1479—1490 Schultheiß in Cassel. Wir finden ihn aber noch 1493
(Juni 2) in der im Text erwähnten Schenkungsurkunde und 1512
(April 80, Freitag nach Quasimodogeniti, St. A. Mbg., Copialbuch 16,
E 1, Blatt 168—172, Urfehde des Wilhelm Meyssener von Cassel) als
Casseler Schultheißen, 1508 (St. A. Mbg., Quittungen : 1508 Dez. 2) als
Bürgermeister zu Cassel.
2) St. A. Mbg.: Lehnsurkunden der Familien Förster und Lorichius,
Lehnsakten „Dryander" 2186 sp., Personairepositur unter „Dryander."
3) St. A. Mbg., Lehnbuch Landgraf Wilhelms IL, Blatt 9.
*) Über ihn einiges bei Stölzel, Entwickelung d. gel. Richter-
tums a. a. 0. und in S t ö 1 z e 1 s Casseler Stadtrechnungen a. a. 0.
S. 140. 151.
®) Anna Fursters findet sich 1517 (Aug. 23) und 1521 (Sept.
27) als „procuratrix" im Kl. Ahnaberg (St. A. Mbg. : Urk. des Kl. Ahna-
berg und des Georgenstifts im Weißenhofe zu Cassel), 1527 wird sie
,,pryorissa'' oder „mater" genannt.
**) Nach den oben genannten Verzeichnissen und den Abfindungs-
urkunden im St. A. Mbg. — Eine dritte Nonne des Klosters Ahnaberg,
Elsbeth Fursters, die als Laienschwester im Kloster geweilt hatte
und ebenfalls 1527 austrat, mag wohl verwandt, aber keine leibliche
Schwester der Anna und Kunigunde gewesen sein.
'') Aus den Abfindungsurkunden dot \i^\^«ii 'SiOww'^^V^^^ ^Qkä.
— 286 —
Eine Tochter des Kanzlers Ludwig Purster, Mag-
dalena, wurde die Gattin des Marburger Professors, später
Casseler Stadtsekretarius Mag. Josephus L o r i c h i u s
Hadamarius. ^)
Unebenbürtige Söhne Landgraf Ludwigs II. waren
Wilhelm von Hessen der Ältere, Johann von Hessen,
Wilhelm von Hessen der Jüngere, später Freiherr zur Lands-
burg, und wohl auch Wilhelm von Hessen der Jüngste.
4. Von Wilhelm von Hessen dem Älteren
wissen wir wenig. Er wird zuerst schon mit dem Beinamen
des Älteren im Oktober 1489 erwähnt, als er dem Land-
grafen Wilhelm I. die Nachricht von der Geburt seiner
ältesten Tochter überbrachte. ^) Wahrscheinlich haben wir
ihn dann in dem „Wilhelm halblandtgrave" zu erkennen,
der 1491, um aus des Erzbischofs von Mainz Gefangen-
schaft los zu kommen, eine Urfehde schwören mußte. ^)
1512 ist „Wilhelm der halbe Landgraf der Schreiber" in
der Umgebung des kranken Landgrafen Wilhelm des
Älteren.*) Die letzte, wenig rühmliche Nachricht über ihn
stammt aus dem Jahre 1516, wo „der unecht Wilhelm
von Hessen der elter" am Dienstag nach Michaelis (Sept. 30),
wie uns der Chronist Johann Nohe berichtet, dem jungen
Landgrafen Philipp zum Trotz den Cölnischen half, das
„palwerg" zu Prummertskirchen ^) jenseits Wolfhagen zu
zerstören.^) Nohe zitiert bei dieser Gelegenheit ein etwas
drastisches Sprichwort, das uns in niederdeutscher Form
(durch Fritz Reuter) noch heute geläufig ist:
einem hess. Lehnbriefe für Johann von Suest von 1581 Juli 17 im
St. A. Mbg. — Johann von S. gen. Stotterjohann war 1541 Scheffe in
Cassel (Stölzel, Bürgermeister und Rat der Stadt Cassel. N. F. V dieser
Zeitschrift).
*) Über ihn siehe Strieder. Grundlage zu einer hess. Ge-
lehrten- und Schriftstellergeschichte VIII, S. 94 ff.
2) St. A. Mbg., Casseler Kammerrechnung 1489, Blatt 14ß'.
^) Mainzer Ingrossaturbuch Nr. 44, fol. 374' im Kreisarchive zu
Würzburg (Gütige Mitt. des Herrn Archivdirektors Dr. Freiherrn
Schenk zu Schweinsberg in Darmstadt).
*) Protokoll der Verhandlungen zu Cöln wegen Wilhelms I. im
St. A. Mbg., 0. W. S. 1.
^) Bromskirchen? Herr General Eisentraut in Cassel ist der
Ansicht, „daß es sich um die alte, in ihren doppelten Gräben noch
deutlich erkennbare Befestigung auf dem Forstort Stöckerberg süd-
westlich Wolfhagen östlich vom Dorfe Buhle am Wege nach Freien-
hagen handelt, die gewiß zur Verteidigung der alten Straße diente und
die ausgedehnte Verwendung von Pallisaden voraussetzt". Ein Name
wie Prummertskirchen ist allerdings in der Gegend nicht nachzuweisen.
®) In dieser Zeitschrift A. F. V. S. 6, dazu auch Armbrust in
der Zeitschrift Hessenland XX, S. 244.
— 287 —
Ein unrein vogel der ist,
der in sin eigen nest schist.
Vielleicht haben wir in einem Wilhelm von Hessen,
der 1537 und 1538 als Kurkölnischer Kellner zu Arns-
berg^) vorkommt, diesen Wilhelm zu erkennen. Es wäre
bei seinen früheren kölnischen Beziehungen wohl möglich,
er müßte dann noch in hohem Alter (ca. 70 Jahre alt) in
Diensten Cölns gewesen sein.
5. Wilhelm von Hessen der Jüngste wird als
„Wilhelm der jüngste" zuerst 1483 erwähnt.^) Er war
1505 hessischer Kanzleischreiber ^) und in den Jahren 1508
bis 1510 Botenmeister in CasseH) oder wie er selbst (1508
Juni 8) von sich sagt „dieser Zeit geordneter Verweser
des Bottenmeisteramts meines gnädigen Herrn von Hessen."
Er ist nicht identisch mit Wilhelm von Hessen dem
Älteren, wie Landau und nach ihm Armbrust angeben.^)
Die beiden noch übrigen Söhne Ludwigs, Johann
von Hessen und Wilhelm, der spätere Freiherr zur Lands-
burg, waren Vollbrüder, Kinder einer Mutter.
6. Johann von Hessen, ein Sohn Landgraf Lud-
wigs IL und der Margarethe von Holzheim ^), war gleich
^) St. A. Mbg., polit. Archiv Philipps, Abteilung Kurköln 1537
Mai 26 (Grenzvertrag zwischen Cöln und Hessen über die Grenze zu
Hallenberg, Battenberg, Bromskirchen etc.) und 1538 Okt. 27. — A.
Heldmann nennt ihn in seinem Buche über die hessischen Pfand-
schaften im köln. Westfalen (1891, Seite 63) zum Jahre 1537 fälschlich
„Wilhelm von Hosse"!
«) St. A. Mbg., Casseler Schultheiß enrechnung von 1483, Blatt 30':
item 6 y? vor ein par [sc. schü] Wilhelm den jüngsten.
') Eintrag in der Marburger Rentmeisterrechnung von 1505 im
St. A. Mbg. : item 4 golden Wilhelmen von Hessen canzlyschriber ge-
geben von bevehel m. g. h. mitwochns nach Simonis et Jude (= Okt.
29) ... .
*) St. A. Mbg., Casseler Rentschreiberrechnung von 1509, außer-
dem Belege zu Kammerschreiberrechnungen (jetzt in der Abteilung
„Quittungen") von 1508 V 25. 30, VI 8, X 10, XI 4. 21. 28, XII 6. 12.
24; 1509 III 4, X 28; 1510 I 5. 13. 25, VI 26.
^) Landau in dieser Zeitschrift, A. F. VIII S. 397 und Arm-
brust in der Zeitschrift Hessenland XX S. 244.
«) Die Vermutung Landaus (Zs. A. F. VIII, S. 397), daß Margarethe
von Holzheim die Mutter des unten behandelten Wilhelm von Hessen
Freiherrn zur Landsburg sei, hat sich bestätigt. Landaus Annahme
ist auf dem häufigen Vorkommen von Margarethes Namen in gleich-
zeitigen Rechnungen begründet. In der Tat findet sie sich in Spangen-
berger Schultheißenrechnungen von 1468 und 1469, in der Melsvinget
Fruchtrechnung von 1470 und in der Reichenbacher Schultheißen-
rechnung von 1471 mehrfach erwähnt. Die von Landau auf Seite 397
in der Anmerkung zitierte Stelle ist nicht wieder aufzufinden gewesen,
— 288 —
seiner Halbschwester Leuckel Lambrechts für den geist-
lichen Stand bestimmt, er studierte in Mainz, brachte es
aber nur bis zu den untersten Weihen. ^) Urkundlich
sie ist aber auch nicht beweiskräftig. Wenn Margarethe danach 1470
ein Kind „hub", d. h. über die Taufe, so ist das nicht ihr Kind,
sondern irgend ein anderes, bei dem sie Gevatter stand, um so weniger
das ihrige, als sie zu dieser Taufe erst noch eine ziemlich weite Reise
machen mußte. — Indirekt nun läßt sich die Annahme, daß eine von
Holzheim die Mutter Johanns und Wilhelms von Hessen gewesen sei.
durch folgendes beweisen:
1. Wilhelm von Hessen, Freiherr zur Landsburg nennt 1511 April 1
(Dienstag nach letare) den Brost zu Waldeck Hildebrand Gau-
greben seinen Stiefvater. (St. A. Mbg., Adelsrep. „v. Hessen").
Da nun 1495 Sept. 8 die Brüder Wiegand und Heinrich von Holz-
heim diesen selben „Hillebrant Gogreben" als ihren lieben
Schwager bezeichnen (St. A. Mbg., Urk. der Familie v. Holzlieim),
so muß er wohl eine Schwester von ihnen zur Frau gehabt
haben, und zwar Wilhelms von Hessen Mutter.
2. Wilhelm nennt 1511 April 1 den Hans von Stockhausen seinen
Ohm (Adelsrepos. „v. Hessen"). Hans von Stockhausen der
Ältere, Amtmann zu Trendelburg, war mit Gertrud von Holzheim
verheiratet, der er z. B. 1494 mit Genehmigung Landgraf Wilhelms
IL sein Burglehen zu Trendelburg als Wittum verschrieb. (Lehn-
buch Landgraf Wilhelms IL, Blatt 3). Die Melsunger Renterei-
rechnung von 1470 enthält zum Montag nach iubilate einen Ein-
trag : „Jungfrauen Margareten 3 stobichen wyns .... als sie wolde
faren czu er swester czu der Tringelnborgk", in Melsunger Frucht-
und Schultheißenrechnungen von 1470 wird diese Schwester mit
dem Vornamen Gerdrude genannt.
Danach würde die Verwandschaftsbezeichnung „Ohm" auf die ge-
meinsame Holzheimsche Sippe weisen.
3. Henrich von Holzheim und seine Kinder Jocheim und Anna von
Holzheim nennen 1524 Mai 27 (Freitag nach Fronleichnam) den
Johann von Hessen ihren. Ohm (St. A. Mbg., Ortsrepos. „Reibe-
hausen"). Zur besseren Übersicht diene folgende Stammbaum-
skizze (nach Lehnsurkunden etc.):
Sittich von Holzheim
t zwischen 1481 und 89
Wigand v. H. Heinrich v. H. Margarethe v. H. Gertrud v. H.
OO Orthia f 1^'^7 (^V) Hildebrand c>o Hans v.
CV) Fie Gogrebe) Stockhausen
Jocheim v. H. Anna v. H. Johann v. Hessen Wilhelm v. Hessen.
Freiherr zur Lands-
burg.
*) 1516 Juni 12 sagt er selbst : „ ursach das ich ac-
colitus gewihet bin und hab mich des zu Menz an doctoribus und
anderer gelarten herkonth und erfaern " — Die Bestimmung des
Akolythus ist, die Lichter bei Abhaltung der feierUchen Messe (bei
dem Hochamte) und bei Theophorien zu tragen, die Meßkännchen mit
Wein und Wasser zu füllen und sie dem Bischöfe oder Priester bei
dem Offertorium und bei der Communion zu reichen, das Rauchfaß
— 289 —
wird er zum erstenmal als „Johann Hessen" am 8. März
1491 (Dienstag nach Oculi) erwähnt J) An diesem Tage
wurde er als Diener und Knecht „im Oberlande** (in der
Obergrafschaft Katzenelnbogen) von Landgraf Wilhelm
dem jüngeren zu Marburg angenommen, der ihm als Gegen-
leistung sein Leben lang 20 Malter Hafer und 6 Malter
Korn, auch 1 Fuder Heu zum Unterhalt seines Pferdes
aus der Kellerei Rüsselsheim verschrieb, dazu 6 Gulden
Dienergeld (je zu 24 Rederwispennigen), gewöhnliche
Hofkleidung und Dienstfreiheit für 30 Morgen Acker und
10 Morgen Wiesen mitsamt Haus und Hof. Zugleich
wurde ihm Hoffnung auf Nachfolge im Schultheißenamt
zu Trebur gemacht, das damals Johanns Schwiegervater
inne hatte. Nach Wilhelms III. Tode trat er in Wilhelms
des Mittleren zu Cassel Dienste. Dieser gestattet 1503
Sept. 7 „seinem natürlichen Bruder Johann von Hessen**,
etliche Güter, Haus, Hof, Äcker und Wiesen von Guntram
von Biedenfeld zu kaufen. 2) 1507 und 1508 finden wir
Johann im Hofdienste ^), 1508*) bis 1515 (zuletzt März 7)
als Amtmann und Rentmeister in Frankenberg. ^) Hier
zu tragen und überhaupt bei der Ausspendung der heiligen Sakra-
mente gegenwärtig zu sein (Dr. Andreas Müller, Lexikon des Kirchen-
rechts, Würzburg 1838, Bd. 1, Seite 44—46.
») St.A.Mbg., Copialbuch 17, Blatt 41—42. — In der Land-
schreibereirechnung von Darmstadt für 1491 (im Haus- und Staats-
archiv zu Darmstadt) findet sich mehrfach sein Name, z. B. unter
„abgang zu Triebuwer": item 3 fl an golde und 12 albus geent mer
abe an der bete zu Treber von Johan Heschen wegen; dann unter
Zehrungen zu Rüsselsheim beim Amtmann 1491/92: item 13 tage
Johann Hesse von mitwoch nach pfingsten bis uff dinstag nach Bo-
nifacii; item 4 tage Johan Hessen von dorstag nach Petri und Pauli
bis uff montag s. Ulrichstag; item 2 ympß Johan Hessen und des
kamerschribers knabe uff den genanten montag zu morgen, sint darnach
gein Hoensteyn gerieten ; item 1 ympß Johan Hessen uf dorstag nach
Marie zu abent bracht eyn brieff, daz die ruther kommen solten;
item 2 tage demselben uff fritag und samstag darnach, ist darnach
hinweggeritten. (Gütige Mitteilung aus dem Darmstädter Archive).
«) St. A. Mbg., Copialbuch 13, Blatt 124.
') Marburger Rentmeisterrechnung von 1507 und Kammerarchiv
Nachträge, Beleg von 1508 (ungeordnete Belege) im St.A.Mbg.
*) Nach Landau (in dieser Zeitschrift A. F. VIII S. 397) schon
1507. — 1508 Dez. 12 bekennt Johann von Hessen, Amtmann zu
Frankenberg, daß ihm der Kammerschreiber Conrad Scherer 16 fl.
ausgezahlt habe, die ihm Landgraf Wilhelm aus besonderen Gnaden
jährlich auf Martini zu geben zugesagt habe (St. A. Mbg.. Quittungen).
— 1510 April 20 beschwert sich Hermann Rump über seinen Nach-
folger, den „unechten Johann von Hessen" Amtmann und Rentmeister
zu Frankenberg (Akten betr. die Rump'sche Fehde im St.A.Mbg.).
*) Samtarchiv Marburg, Nachträge : „Beziehungen zu Medebach".
— 290 —
machte er sich durch fortgesetzte Übergriffe bei seinen
Amtsunter Sassen, die ihn schon 1510 beinahe tot geschlagen
hätten und ihm bitter feind waren, so verhaßt^), daß er
1514 für einige Zeit aus dem Lande (im Waldeckische)
fliehen mußte, ehe er 1515 endgültig entfernt wurde.
Noch schlimmer gestaltete sich seine Wirksamkeit in
Grünberg, wo er seit 1515 als Amtmann und Rentmeister
stand. 2) Er erregte in Stadt und Amt durch maßlose
Gewalttaten und Kränkungen den allgemeinen Unwillen,
so daß er bald auch hier seines Lebens nicht mehr sicher
war und schon nach VI2 Jahren (um Ostern 1517)^) vom
Amte weichen mußte. ^) Sein Nachfolger im Rentmeister-
amte wurde Heinrich Gauler (zuerst 1517 Juni 18). In
dieser Zeit hielt sich Johann versteckt, er hatte sich den
ihm drohenden Unannehmlichkeiten und Gefahren zu ent-
ziehen gewußt.^)
Seit 1524 wohnte er in Reibehausen bei Homberg,
wo er am 27. Mai des Jahres von seinen Verwandten,
den von Holzheim, einen freien Rittersitz gekauft hatte. ^)
— St. A. Mbg. : Adelsrepositur sub „v. Hessen" im M. St. S. 1581 ; Samt-
Hofgerichtsakten, fragmenta actorum LX; Akten betr. die Rump'sche
Fehde 1510 — 1517; Frankenberger Rechnungen 1514 (auch in der von
1524/25 erwähnt).
*) St. A. Mbg., M. St. S. 1581 : Briefwechsel zwischen der Land-
gräfin Anna und den Räten, der Stadt Frankenberg, Johann von Hessen
und dem Kloster Berich wegen freien Geleits etc. 1514 April 11. —
Joh. V. Hessen an Junker Löwenstein von Löwenstein, mitverordneten
Rat zu Hessen, betr. Wolkersdorf, 1514 Nov. 8. — Glagau, Hessische
Landtagsakten I 377.
*) Erste Erwähnung von 1515 Dez. 6 im Darmstädter Haus- und
Staatsarchiv, Mühlen, Schotten (nach gütiger Mitteilung des Herrn
Archivdirektors Dr. G. Freiherrn Schenk zu Schweinsberg).
') Zuletzt wird er 1517 April 16 (Donnerstag nach Ostern) er-
wähnt.
*) St. A. Mbg. : Hess. Samt-Hofgerichtsakten P 67 im Ob. St. S. 647
und Hofgerichtsprotokolle 1516—22, 1517—18, 1520, Gerlach Pedelar
(Podaler, Podelar), Bürger zu Grünberg, contra Johann v. Hessen
puncto iniuriarum 1516/19. — M. St. S. 1581 „v. Hessen": Recht-
fertigung Johanns v. Hessen von 1516 Juni 12 auf Anklageschrift
(9 Punkte) der Stadt Grünberg, ebenso von 1516 Aug. 3 auf Klage der
Landscheffen des Amts Grünberg im Namen des ganzen Landgerichts.
^) Schreiben des Rentmeisters Henrich Gauler zu Grünberg an
Landgräfin Anna und Räte über den unbekannten Aufenthaltsort Jo-
hanns V. Hessen 1517 Juni 18 (St. A. Mbg., M. St. S. 1581).
®) 1524 Mai 27 (Freitag nach reminiscere) verkaufen Henrich
Jocheim und Anna von Holzheim, Vater, Sohn und Tochter, ihren
freien Rittersitz und Behausung zu Reibehausen ihrem Ohm (!) Johann
von Hessen und Gertrud seiner Hausfrau (St. A. Mbg., M. St. S. 1153,
Ortsrepos. Reibehausen, Abschrift von 1589).
— 291 —
Von dort aus fröhnte er wieder seiner alten Gewohnheit
und quälte die Bauern bis aufs Blut. Die „armen Leute"
seufzten schwer unter seinen Bedrückungen und Mißhand-
lungen, bis die Beamten („Rentmeister,. Schultheiß, Rent-
schreiber und andere Amtknechte") zu Homberg dagegen
einschritten und am 23. November 1525 beim Statthalter
Christian von Hanstein in Cassel mit einigem Erfolg
dringende Beschwerde erhoben. ^)
1526 hatte er einen Rechtsstreit gegen Mathis Kad-
dener zu Niederohmen. 2) 1527 wird er noch einmal in
Reibehausen erwähnt.^) Endlich ereilte ihn sein Schick-
sal. Um das Jahr 1531 wurde er von Hans Haselhuhn
und Genossen ermordet. *)
Auch mit seinen Blutsfreunden lag er vielfach im
Widerstreite; so hatte er 1523 Beschlag auf die Einkünfte
seines Vetters Hermann von Hessen ^), Dechanten zu Cöln,
legen lassen, so daß dieser einen Prozeß gegen Johann
beim hessischen Samthofgericht zu Marburg anstrengen
mußte. ®) Und kurze Zeit darauf wurde wieder vor dem
Hofgericht in seinen Angelegenheiten verhandelt, diesmal
wegen eines Hofs, „die Schnelnbach" genannt, über dessen
Besitz er mit seinem Bruder Wilhelm von Hessen, Frei-
herrn zur Landsburg prozessierte. Diesmal wurde zu
seinen Gunsten entschieden, aber Wilhelm legte Berufung
beim kaiserlichen Kammergericht ein, das 1527 in dieser
Sache zu befinden hatte. Über die Entscheidung sind wir
nicht unterrichtet. ')
Johann war schon 1491 mit einer Tochter des Schult-
heißen zu Trebur verheiratet®), dessen Namen wir nicht
kennen. Seine Hausfrau, die 1516 und 1524 gelegentlich
1) St. A. Mbg., M. St. S. 1581. Adelsrepos. v. Hessen.
2) Marb. Hofgericht, Verträge 1523—28, Blatt 101.
*) St. A. Mbg., Reichskammergerichtsakten H Hl in 0. St. S. 141,
siehe hinten!
*) 1531 März 11 ist er tot (siehe Anm. 3 auf Seite 292), 1533
Donnerstag Galli [= Okt. 16] Waldkappel, schreibt Landgraf Philipp
dem Rentmeister zu Rotenburg, Hans Haselhuhn, der den Johann von
Hessen sol verbrennen und erwürgen holffen haben, solle in Wangen-
heim zu Haft gebracht sein. (Notiz Reimers aus Rechnungssachen
des Kammerarchivs in einem Exemplar von Strieders hess. Genealogie
in der Bibl. des St. A. Mbg.).
») Über ihn siehe Seite 300 dieses Bandes.
•) St. A. Mbg., Samt-Hofgericht, fragmenta actorum XXII.
') St. A. Mbg., Reichskammergerichtsakten H 141 im 0. St. S.141.
«) St. A. Mbg., Copialbuch 17, Blatt 41—42.
N. F. BD. XXX. 1^
— 292 —
erwähnt wird, hieß Gertrud. ^) Eine Urkunde, worin ihr
Mann und sie in die Brüderschaft eines niederdeutschen
Cisterzienserklosters aufgenommen wird, ist in einem Bruch-
stücke erhalten. ^) Eine Tochter Elisabeth kommt 1531 als
Gattin eines Johann Wolff von Geysmar vor. ^)
Von Siegeln Johanns kennen wir 3 verschiedene. Im
ersten (1508) sehen wir den Schild mit dem hessischen
Löwen und dem Landgrafenhelm, umgeben von einem
Spruchbande mit seinem Namen iol^a tm Ijejje und einem
nicht mehr zu entziffernden Zusatz. *) Das zweite (1513.
1515. 1527) enthält ebenfalls Löwenschild und Helm mit
den Büffelhörnern, aber mit Bastardzeichen: Im Schilde
unter dem Löwen und auf dem Helme zwischen den
Hörnern befindet sich ein Sternchen. ^) Auf einem Spruch-
bande lesen w^ir : iot)a t)0 l^efje. Der Abdruck eines dritten,
kleinen (Ring-)Petschafts (1514)^) zeigt im Schilde nur den
Löwen mit einem 5 blättrigen Röschen (herald.) rechts
unten, über dem Schilde die Buchstaben IVH.
7. Wilhelm von Hessen der jüngere, später
Freiherr zur Landsburg '^) genannt, war ein voU-
iTstTÄ. Mbg. : M. St. S. 1581, 0. St. S. 647 (Samt-Hofgericht P 67)
und M. St. S. 1153 (Ortsrepositur Reibehausen).
*) Perg. Bruchstück, von einer Frankenberger Rechnung, der es
als Umschlag diente, abgelöst, in niederrhein. (?) Dialekt ohne Datum, im
St. A. Mbg. Aus den Urkunden-Beständen der westfäl. und niederrhein.
Cisterzienserklöster in den Staatsarchiven von Münster und Düssel-
dorf hat sich weiter nichts feststellen lassen.
») Sein „tochterchen" wird 1516 VI 12 erwähnt (St. A. Mbg.,
M. St. S. 1581). — 1531 März 11 (Samstag nach Reminiscere) verkaufen
Johann Wolff von Geysmar und seine Frau Elisabeth ihre von Schwieger-
vater und Vater Johann von Hessen ererbte freie Behausung zu Reibe-
hausen für 170 Goldgulden an Johann Fischbach, Bürger zu Homberg
(St. A. Mbg., M.St. S. 1153 Ortsrepos. Reibehausen, Abschrift von 1589).
Dieser Johann Wolff ist wohl identisch mit Johann Wulff zu Hofgeis-
mar, der 1528 Jan. 16 die Propstei zu Hofgeismar vom Landgrafen
Philipp verliehen bekam (St. A. Mbg., Generalrepert. sub Hofgeismar)
und als Inhaber der Propstei 1530 Nov. 23 in einer Urkunde genannt
wird (St. A. Mbg., Urk. der Stadt Hofgeismar). Es ist nicht zu ersehen,
ob er etwa zur Familie der Wolfe von Gudenberg gehört: im Siegel
führt er 1528 einen Wolf. Zu denken gibt aber, daß der Kaufvertrag
von 1531 März 11 außer mit Landgraf Philipps Siegel auf ausdrück-
liche Bitte der Frau Elisabeth von „ihrem lieben Junker'* Tue Wolf
von Gudenberg, Herrn zu Itter besiegelt ist.
*) Siegelabdruck von 1508 Dez. 12 im St. A. Mbg., Quittungen.
^) Abdrücke von 1513 März 30 im Samtarchiv Mbg. (Nachträge, Be-
ziehungen zu Medebach), von 1515 Dez. 6 im Haus- und St. A. zu Darm-
stadt (Mühlen, Schotten), von 1527 Mai 29 im St. A. Mbg., M. St. S. 1581.
®) Abdruck von 1514 Juli 29 in den Akten betr. die Rumpsche
Fehde im.. St. A. Mbg.
^) Über ihn hat Landau in dieser Zeitschrift A. F. Band VIII
— 293 —
bürtiger Bruder Johanns, über den eben berichtet worden
ist. Er kommt 1489 einmal als „der junge Wilhelm" vor^)
und verschwindet dann, falls nicht etwa die vorn unter
seinem Halbbruder Wilhelm von Hessen dem älteren er-
wähnte Mainzer Urfehde von 1491 auf ihn zu beziehen
ist, bis zum 25. Juli 1506, wo Landgraf Wilhelm der Mitt-
lere ihm, seinem „natürlichen Bruder, Rat und lieben Ge-
treuen" einige Lehen zu Melsungen, ObermöUrich etc. ver-
leiht. Im nächsten Lehnbriefe vom 14. August 1506 wird
er vom Landgrafen als Wilhelm von Hessen der jüngere,
unser natürlicher Bruder „itzt unser Thorwarter und lieber
Getreuer" genannt. Er scheint dem Landgrafen nahe ge-
standen zu haben; während der schlimmsten Zeit der
Krankheit Wilhelms II., als der Fürst in seiner Not von
fast allen verlassen und von den Räten und der Diener-
schaft sehr schlecht behandelt wurde, blieb der Halbbruder
hilfreich in der Nähe des Herrn, bis auch er 1507 oder
1508 von den Räten entfernt wurde. ^)
Wir begegnen ihm in dieser Zeit häufig, 1507 und
1508 am Hofe, dann 1508 auf einer Reise nach Frank-
furt ^) ; 1508 steht er in engem Zusammenhang mit dem
Kanzleiverweser Peter von Treisbach und Balthasar
Schrautenbach. "^j Sein Landesherr zeigte sich, als es ihm
ein wenig besser ging, dankbar, setzte beim Kaiser seine
Erhebung in den Freiherren stand durch und belehnte ihn
wenige Monate vor seinem Tode, am 13. Februar 1509,
sehr zum Verdruß der Räte^) mit Burg und Herrschaft
Landsburg. ^)
Seite 397—399 und in den hessischen Ritterburgen Bd. 4 Seite 231
ziemlich ausführhche Nachrichten gebracht, neuerdings meist auf
Landaus zuerst erwähntem Aufsatze fußend, ohne Kenntnis des zweiten
in ziemlich oberflächlicher Weise L. Armbrust in der Zeitschrift
fiessenland Bd. XX S. 244—245.
*) St. A. Mbg., Kammerrechnung 1489, Blatt 157': item 18 albus
dem jungen Wilhelmen von synen cleydern und vor futertuch zcu
machen.
*) Rommel, Hess. Geschichte III, Anm. S. 127. — G lag au,
Hess. Landtagsakten I S. 15. 17.
'*) St. A. Mbg., aus ungeordneten Belegen des Kammerarchivs.
*) Schreiben des Epsteiner Amtmanns Jost von Draxdorff von
1508 Jan. 12 früher im St. A. Mbg., Generalrepertorium Epstein, jetzt
wohl im St. A. Wiesbaden.
*) Glagau, Hess. Landtagsakten I S. 60.
•) Im Adelsarchiv am K. K. Ministerium des Inneren zu Wien
sind keine Akten über diese Standeserhöhung vorhanden. Auch im
K. u. K. Haus-Hof- und Staatsarchiv zu Wien haben sich weder in
•der Reichsregistratur noch in deft übrigen Beständen irgendwelche
19*
— 294 —
Die Treue, die Wilhelm von Hessen dem Landgrafen
gehalten hatte, wahrte er auch als Freiherr zur Landsburg
der Witwe seines Landesherrn. Als Rat der Landgräfin
Anna finden wir ihn 1509 ^) in Dienstgeschäften im Ober-
fürstentum und am Rhein ^), auch in Worms ^) und später
im November und Dezember auf dem Schiedstage in
Akten darüber gefunden mit Ausnahme eines Creditivs des Landgrafen
für den Rentmeister Balthasar Schrautenbach („Schruttenbach") an
Sernteiner vom 30. April 1509 mit der eigenhändigen Beischrift des
Landgrafen: „geib dem serentyner C gülden dank in die hant". In
dem hessischen Lehnbriefe aber, den wir hier im Auszuge (nach dem
Lehnreverse im St. A. Mbg.) abdrucken, sind die betreffenden Wen-
dungen wörtlich aus dem verloren gegangenen kaiserlichen Diplom,
das Schrautenbach vom Wiener Hofe geholt hatte (Glagau, Hessische
Landtagsakten I 267) übernommen:
Wir Wilhelm . . . lantgraffe zu Hessen etc. . . . bekennen
als die Ro : kay : maiestet .... uns zu gnedigem wolgefallen und uf
unser begeren auch us andern beweglichen Ursachen dem edeln un-
serm naturlichen Bruder rathe und lieben getreuen Wilhelmen von
Hessen mit wolbedachtem muthe .... das schlos Landspurgk
in unserm furstenthumb gelegen mit seiner zugehorung
zu einer herschaft erhebt, ine auch daruff gefreihet
und in den stand und grad der freiherren gesetzt, ge-
wirdigt und zu freiherren gemacht hat, also das nun hin-
further er und sein eelich leibserben und derselben erbenserben für
und für in ewig zeit recht geporn freiherren und freien freulein zur
Landspurgk sein und von menniglichem darfur geert, geheißen, genent,
geschribben, geacht und gehalten werden, als ob sie von iren vier
anen, vattern, muttern und gesiechten recht freiherren und freien-
freulin edel und rittermessig leut geporn weren, doch mit dem fur-
geding, das gedachter Wilhelm und sein eelich manlich leibserben
dasselbig schlos und herschaft mit iren zugehorungen furohin allezit
so oft sollichs zu vellen kombt und die notturft erfordern wurdet, von
einem iden regierenden lantgrafen zu Hessen nach lehensrecht
zu lehen haben, tragen und entphahen sollen ungeverlich, das
wir demnach dem vorgedachten Wilhelmen von Hessen, freiherren zu
Landsburgk in ansehung seiner verwantnus, darzu getruwer annemiger
dienste, so er uns bishere unverdrießlich erzeigt und vilfaltiglichen
bewist hat, auch hinfur erzeigen und thun sol und mag, das
obgedacht schloß und herschaft . . . . , wie das Appel von Greusßen
bis daher innegehabt .... von neuwem zu rechtem manlehen ange-
satzt und geluwen haben Cassel auf dinstag
nach sant Appolonien der jungfrauwen tage 1509.
*) Glagau a.a.O., S. 42, auch St. A. Mbg., Rentschreiberei-
rechnung 1509. — Im Darmstädter Archive sind ebenfalls eine Anzahl
Quittungen von ihm aus dem Jahre 1509.
') St. A. Mbg., ungeordnete Belege des Kammerarchivs, Zehrungs-
zettel Wilhelms ,,also ich an die Leune, Fogelsberg und oberngrafschaft
der freucht halbin greittin was."
*) St. A. Mbg., Quittungen : 1509 VI 10 . . . „zu avequittung der
rett zum tage zu Wormes."
— 295 —
Mühlhausen. *) Auf ausdrücklichen Wunsch der Land-
gräfin blieb er noch bis Michaelis 1510 in ihren Dien-
sten^), dann aber zog er sich vom Casseler Hofe zu-
rück und hielt sich vom politischen Treiben fern. Er
nahm seinen Aufenthalt auf dem Schöneberg bei Hof-
geismar, der seit 1506 in seinen Händen war^), trat auch
1510 auf 3 Jahre in Mainzischen Sold als Diener von
Haus aus*), was wohl in den alten Mainzischen Bezie-
hungen zum Schöneberg seine Erklärung findet, ist an-
scheinend jedoch niemals zur praktischen Ausübung seiner
Dienstverpflichtungen gegen Mainz gekommen. Aber sein
Aufenthalt und seine Verwaltungstätigkeit auf dem Schöne-
berg zeitigte 1511 ein Begebnis, das verhängnisvoll für
ihn sein sollte. Bei der Eintreibung von rückständigen
Gefällen in Calden wurde durch ein Mißverständnis seiner
Knechte der Grebensteiner Amtmann Dietrich von Schachten
schwer verletzt. Die vormundschaftliche Regierung zog
Wilhelm zur Verantwortung, sie war ja schon von seiner
früheren Tätigkeit in Cassel her nicht gut auf ihn zu
sprechen. Und trotzdem er anscheinend durchaus un-
schuldig an dem bedauerlichen Vorfall war, wurden ihm
seine Güter genommen, und er selbst mußte außer Landes
gehen. Erst nach dem Sturze der Regentschaft durch
die Landgräfin Anna öffnete ihm ein zu seinen Gunsten
ausgestelltes kaiserliches Dekret, das er sich erwirkt hatte,
wieder das Land. Auf mehrere dringende Eingaben hin
(1514 und 15), in denen er mit den schärfsten Wendungen
den Urteilsspruch der Regenten als völlig ungerecht und
grundlos hinstellt, durfte er in die Heimat zurückkehren
und erhielt am 17. April 1515 auch seine Besitzungen
zurück. ^)
Doch er schien sich in der Diemelgegend nicht mehr
wohl zu fühlen. Am 21. August 1517^) erhielt er von der
*) St. A.Mbg., ungeordnete Belege des Kammerarchivs, und Glagau
a. a. 0. 66.
*) 2 undat. Eingaben (von Ende 1509 und etwa Anfang Sept.
1510), an den Hofmeister L. v. Boyneburg und an diesen und die Räte,
worin er sich „Wilhalm geporn von Hessen" und „Wilhalm von
Hessen" unterschreibt, enthalten einiges über seine persönlichen Ver-
hältnisse (Mitt. von Dr. Gundlach aus dem St. A. Marburg).
») Lehnrevers von 1506 VIII 14 im St. A. Mbg.
*) Mainzer Ingrossaturbuch Nr. 50, fol. 210 im Kreisarchive zu
Würzburg (nach gütiger Mitteilung des Herrn Archivdirektors Dr. G.
Freiherrn Schenk zu Schweinsberg in Darmstadt).
*) St. A. Mbg., Adelsrepositur „von Hessen", M. St. S. 1581. Dazu
Landau, hess. Ritterburgen IV S. 231.
«) Im Jahre 1517 kommt Wilhelm gelegentlich noch einigemale
— 296 —
Landgräfin und den Räten auf seinen Antrag die Ge-
nehmigung zur Übergabe von Schloß Schöneberg mit Zu-
behör gegen Zahlung der Summe, für die es ihm einst
vom Landgrafen Wilhelm zugestellt war, an Dietrich von
Schachten. Zu Beginn des nächsten Jahres (1518 Febr. 22)
löste Landgraf Philipp den Schöneberg von Wilhelm ein ^)
und verschrieb ihm für die Ablösungssumme von 3000
Gulden 1520 eine jährliche Rente von 100 Gulden aus dem
Amte Homberg, dazu 120 Vierteln Frucht halb Korn halb
Hafer, ablöslich mit 3000 (julden. 2)
Die Übergabe der Herrschaft an Dietrich von Schachten
erfolgte Ende Juni 1518, nicht ohne daß es dabei wieder
zu Streitigkeiten zwischen Wilhelm imd dem neuen Pfand-
inhaber gekommen wäre. ^) Als Dietrich einige Jahre
später starb, nahm sie Landgraf Philipp von dessen Erben
wieder zurück und verschrieb sie 1525 (Jan. 14) von neuem
für 3300 Gulden seinem Rat Tyle WolfF von Gudenberg
zu Itter und Dietrichs Sohn Jorge von Schachten.^)
Seit 1518 wohnte Wilhelm auf der Landsburg, die
ihm den Namen gegeben hatte, bis zum Jahre 1544, in
dem er dem Landgrafen die Herrschaft Landsburg gegen
eine lebenslängliche Rente von 75 Gulden 12 Albus 9
Hellern aus den Amtsgefällen von Ziegenhain, dazu 48
Mött Korn, 53 Mött Hafer, 208 Hähnen und 54 Fastnachts-
hühnern, 4 Metzen Weizenmehl etc. zurückgab. ^)
Eine kurze Unterbrechung bildete sein Aufenthalt in
Marburg vom Herbst 1527 bis gegen Ostern 1528, als ihn
Landgraf Philipp an einen besonders wichtigen Vertrauens-
posten gestellt und ihn als hessischen Prokurator dem
deutschen Orden aufgedrungen hatte. ^)
Den Rest seines Lebens, in dem er politisch nach
vor: am 3. Februar leiht er 8 Goldgulden von Matheus Kannengißer
und seiner Frau Gele (St. A. Mbg., Urk. des Klosters Weißenstein) und
am 25. März kauft er vom Franziskanerkloster in Hofgeismar für 60
Gulden 3 Gulden Zins aus dem Steinhause etc. (St. A. Mbg., Urk. des
Kl. Hofgeismar, vgl. auch Rommel, hess. Gesch. 111, Anm. S. 282).
1) St. A. Mbg., M. St. S. 1581 „von Hessen."
2) St. A. Mbg., Lehnsrevers von 1520 Nov. 23.
8) St. A. Mbg., 0. St. S. 732, Samt-Hofgericht, Fragmenta actorum
XXIX Nr. 7.
*) St. A. Mbg., Copialbuch J 1, Blatt 227—230 : Verschreibung von
1525 Samstag nach Erhardi.
*) St. A. Mbg., M. St. S. 1581 „von Hessen."
•) Hierüber siehe die Abhandlung von A. Huyskens „Philipp
der Großmütige und die Deutschordensballei Hessen" in dieser Zeit-
schrift N. F. Bd. 28, S. 116 ff.
— 297 —
1528 nicht mehr hervortrat, verbrachte er in Melsungen,
wo er am 13. Februar 1550 in hohem Alter kinderlos^)
starb. 2)
Einige Zeit vorher machte er noch eine Stiftung von
200 Gulden für die Armen, deren nähere Bestimmungen
am Tage nach seinem Tode der Melsunger Pfarrer Johann
Lening, Johann Nordeck, der Melsunger Rentschreiber
Henrich Geyse und Claus Pfeil, Bürgermeister zu Mel-
sungen zur Ausführung zu bringen begannen. Zur Be-
zahlung seiner geringen Schulden sollte ein Wilhelm ge-
höriges Häuslein in Fritzlar verkauft werden. ^)
Aus seinem Privatleben sind uns ziemlich viel Züge
bekannt, die nicht gerade geeignet sind, einen besonders
günstigen Eindruck von seiner Persönlichkeit zu erwecken.
Er scheint ein unruhiger Geist gewesen zu sein. Von
einem Prozeß, den er 1504 gegen einen Falckenberg
führte, wissen wir wenig.*) 1509 und die folgenden
Jahre lag er im Streit wegen des Nachlasses Thyms
von Wildungen, mit dessen heim gefallenen Melsunger
Burglehen er 1506 belehnt worden war. Hans Werner,
Bürger in Melsungen, der die einzige Tochter Thyms,
Elisabeth, zur Frau hatte, klagte beim Hofgericht in Mar-
burg, daß Wilhelm widerrechtlich Wildungische Güter
zu Dackenborn, Tabelshausen (= Dagobertshausen), Elfers-
hausen, Schwarzenberg und Gudensberg, auch einiges
Hausgerät in Besitz genommen habe. ^) Aber Wilhelm
erhielt anscheinend hier ebenso Recht wie 1514 in einem
ähnlichen Prozeß mit Thyms Neflfen Johann von Wildungen
über gewisse Lehen. ^)
Johann Starckenbergk, Bürger zu Cöln, der dem
Landsburger 1513 (Dienstag nach Palmarum, 22. März)
für 714 Gulden 1 Schilling in Gold Tuch geliefert hatte,
war 1525 noch nicht völlig befriedigt, obwohl ihm 1513
*) Auch seine Frau, die 1544 noch erwähnt wird (M. St. S. 1581),
war 1550 nicht mehr am Leben.
*) Nach seinem Grabsteine in der Melsunger Kirche soll er auf
Agathentag, das wäre am 5. Februar, gestorben sein (Hessenland XX
S. 226). Nach den Akten ist aber der 13. Februar der richtige Todes-
tag. (M. St. S. 1581). Über seine heimgefallenen Güter und Lehen
wurde 1550 Juli 7 in einer Ratssitzung Beschluß gefaßt. (Polit. Archiv
Philipps I. 978).
3) St. A. Mbg., M. St. S. 1581.
*) Marb. Hofgerichtsprotokoll 1503—1506, Blatt 102 u. 105.
*) St. A. Mbg., Adelsrep. „von Hessen", M. St. S. 1581.
*) G lag au, Hess. Landtagsakten I S. 376.
— 298 —
alle Erbgüter, Renten und Gefälle von Wilhelms Hof und
Gütern in und außerhalb Melsungen samt dem Rittergut
zu Schneibach ^) zum Unterpfand gesetzt waren. ^)
1515 und 1516 lag Wilhelm im Prozeß mit Jost
Ratzenberg und Engelhart von der Malsburg, die Forde-
rungen an ihn hatten^); 1516 klagte das Kloster Heyda
eine Schuld gegen ihn ein, ebenso 1517 Alheit, Geil Geyls
Witwe zu Marburg.*) 1527 hatte er mit seinem Bruder
Johann von Hessen einen Rechtsstreit über den Hof zu
Schnelnbach ^), den er in erster Instanz verlor, aber weiter
ans Reichskammergericht brachte.^) Im selben Jahre
mußte der Landgraf als Vermittler zwischen ihn und seine
Untertanen in der Herrschaft Landsburg treten, mit denen
er in heftigen Irrungen wegen der Leistung von Diensten,
Zahlung von Rodzinsen, über Recht der Viehtrift, Behei-
zung und SchefFenweisung lag. Noch 1535 hatten sich
die Kastenmeister zu Allendorf (an der Landsburg) über
ihn wegen der zu zahlenden Rodzinsen zu beklagen. ^)
1528 hatte das Hofgericht zwischen ihm und Georg von
Urff in Geldstreitigkeiten zu entscheiden. '^)
Zum Schlüsse gebe ich noch eine Zusammenstellung
seiner hessischen Lehen. Mit dem Burglehen in der
Stadt Melsungen, das von Thimme von Wildungen heim-
gefallen war, wurde Wilhelm von Hessen zuerst 1506
Juli 25 von Wilhelm dem Mittleren und dann 1520 Nov. 21
vom Landgrafen Philipp belehnt: ^) Dies Lehen veräußerte
er mit fürstlichem Konsens in seinen letzten Lebensjahren
an den hessischen Rat Johann Nordeck, der damit von
Landgraf Philipp und darauf 1568 Juni 10 von Landgraf
Wilhelm IV. belehnt wurde. ^)
Zu gleicher Zeit mit dem ersten Lehen, am 25. Juli
1506, verlieh Landgraf Wilhelm seinem Halbbruder das
ehemals Otto von Lynne zuständige Dorf Obermöllrich
mit Zubehör (abgesehen von der Gerechtigkeit des deut-
•1
^) Schnellbach im Schmalkaldischen ?
«) St. A. Mbg., 0. St. S. 683, Samt-Hofgericht S 586.
St. A. Mbg., Samt-Hofgericht, fragmenta actorum XXII.
Marb. Hofgerichtsprotokoll 1516—22 und 1517—18 im St.A.
Marburg.
^) StA. Mbg., O.St. S. 141, R. K.G.Akten H 141.
ö) St.A. Mbg., Samt-Hofgericht, fragmenta actorum XXII.
') St. A. Mbg., Samt-Hofgericht H 261, 0. St. S. 578.
8) St. A. Mbg., Lehnsreverse „von Hessen".
») St. A. Mbg., Lehnsrevers „Nordeck" von 1568 VI 10.
- 299 -
sehen Ordens daselbst^)), nämlich zu Maden, Dancken-
rade (= Dankerode), Gudensberg, Altenburg, Heckers-
hausen, Niedenstein, Marsheim (= Morschen?) und Ost-
heim, wie sie Thimme von Wildungen und Otto von Lynne
innegehabt hatten. Auch diese Lehen erneuerte 1520
Nov. 21 Landgraf Philipp. 2)
Wenige Tage nach der Belehnung mit diesen beiden
Gruppen von Lehen erfolgte dann 1506 Aug. 14 Wilhelms
Belehnung mit 3000 Gulden auf dem Schlosse Schöneberg,
die, wie wir vorn gesehen haben, 1518 abgelöst wurden.
Landgraf Philipp verschrieb ihm dafür 1520 Nov. 23 eine
mit 3000 Gulden ablösliche Rente von 100 Gulden aus
dem Amte Homberg und 120 Vierteln Frucht halb Korn
halb Hafer.
Das vierte und Hauptlehen war Schloß und Herr-
schaft Landsburg, die er 1509 Febr. 13 erhielt. Landgraf
Philipp belehnte ihn 1520 Nov. 21 von neuem damit ^),
erhielt die Herrschaft aber durch einen Vergleich 1544
Sept. 29 (Michaelis) gegen eine lebenslängliche Rente aus
Ziegenhainer Amtsgefällen zurück, wie vorn genauer be-
richtet worden ist. ^)
Bis zu seiner Standeserhebung siegelte Wilhelm von
Hessen mit einem Wappen, das einen halben (wachsenden)
Löwen im Schilde und auf dem Helme die durch einen
Querfaden durchschnittenen BüfFelhörner des Landgrafen-
helms zeigt. ^) Ein Spruchband enthält die Aufschrift:
Seit 1509 führte er einen geteilten Schild, dessen
oberes Feld einen schreitenden Löwen zeigt, während das
untere Feld geschindelt (schmalgeschacht) ist. Die Helm-
zier besteht aus einem kauernden Löwen, aus dessen Krone
3 Pfauenfedern hervorragen. ^) Auf der Umschrift seines
Siegels lesen wir:
Wilhelm frei^er ju Unfp^f
1) Nacli Landau in dieser Zeitschrift A. F. VIII S. 398 kaufte
Wilhelm (um 1520) auch die Güter des deutschen Ordens in Ober-
möllrich an.
2) St. A. Mbg., Lehnsreverse „von Hessen".
8) StA. Mbg., M.St. S. 1581.
*) 2 Abdrücke von 1506 Juli 25, einer von 1506 Aug. 14 an den
Lehnsreversen Wilhelms im St. A. Mbg.
*) Abdrücke von 1509 Febr. 13 (Lehnsrevers), 1515 April 15
(M.St. S. 1581), 1520 Nov. 21 (an 3 Lehnsreversen), 1520 Nov. ^a
— 300 —
IL Heinrich III. der Reiche.^)
In der Jahresrechnung des deutschen Ordens zu Mar-
burg vom Jahre 1480^) findet sich unter „ußgeben die
gemeyn" folgender Eintrag:
item 7 Ib. scilizet 4 g. in auro der comptur geschengkt
zu unsers hern unelich tochter hochzcyt quinta
post assumpcionis (= August 17).
Wenn Landau^) diese Tochter für ein Kind des zu
Cassel residierenden Landgrafen Ludwig IL hält, so ist er
doch wohl im Irrtum. Natürlicher ists jedenfalls, wenn
der Marburger Comptur die Tochter seines Marburger
Landesherrn Heinrich beschenkt.
III. Hermann von Hessen, Erzbischof zu Cöln.
Hermanns Name und Geschlecht lebte fort in einem
jüngeren Hermann v o n H e s s e n , einem Sohne, den der
spätere Erzbischof vor Empfang der höheren Weihen als
Subdiaconus gezeugt hatte. Die erste Erwähnung dieses
„Hermannus ex lantgraviis Hassie", der später meist Her-
mannus ab Hassia oder Hermann von Hessen genannt
wird, ist vom Jahre 1491. Papst Innocenz VIII. trägt in
einem Breve vom 9. November dieses Jahres^) dem
Cassiusstift in Bonn auf, ihn trotz seiner unehelichen Ge-
burt alsCanonicus anzunehmen.^) In kurzer Zeit wurden
(Lehnsrevers), 1525 März 16 (Samt-Hofgericht S 586) und 1528 Aug. 5
(Samt-Hofgericht H 261).
^) An dieser Stelle mag eines natürlichen Bruders von Heinrichs
Gattin Anna gedacht werden, des letzten männlichen Katzenelnbogers.
Dieser Conrad (oder Contze) von Darmstadt (1452. 1467) oder
Conrad von Katzenelnbogen (1469 ff.) genannt, findet sich 1469
als Landschreiber (seines Vaters), des Grafen Philipp von Katzen-
elnbogen, seit 1479 als Landschreiber des Landgrafen Heinrich zu
Darmstadt (1479. 80. 81. 88. 86. — 1480 auch Rat genannt), 1489 als
Amtmann zu Dornburg und Rat Landgraf Wilhelms III. Er starb kurz
vor 1491 Febr. 14 als Dornburger Amtmann mit Hinterlassung einer
Witwe Germoid oder Germut, die schon vor 1479, dann 1480 u. 1489
genannt wird. Im Siegel (2 verschiedene Stempel) führte er den
ßatzenelnboger Löwen mit Bastardfaden. (St. A. Marburg : 7 Lehns-
urkunden ca. 1479. 1480. 1489; Copialbuch 17, Blatt 23/24 und 43/44
von 1489 und 1491; Katzenelnb. Urk. 1478, Generalrepert. „Walborn"
1481; „Quittungen" v. Walborn 1483. — Samtarchiv Marburg, Nach-
träge 1452).
2) St. A. Mbg., Deutschordensarchiv.
3) In dieser Zeitschrift A. F. VIII S. 397 Anmerkung.
*) Im St. A. zu Düsseldorf, Cassiusstift Nr. 482, abgedruckt in
der Beilage auf Seite 308.
*) Diese Bestimmung, wonach unehelich Geborene nicht in ein
— 301 —
dem jungen Geistlichen noch eine ganze Reihe von geist-
lichen Würden zuteil. Zwischen 1491 und 1496 übertrug
man ihm noch die Pfarrkirche zu „Wynnungen" (= Win-
ningen) in der Trierer Diözese und ein Kanonikat zu Sankt
Severin in Cöln. i) Und 1496 am 21. Juni (XI. Kai. Julii)
wurde er durch eine Bulle des Papsts Alexander VI. Ca-
nonicus und Decanus an St. Maria ad Gradus in Cöln. ^
Vorübergehend war Hermann seit dem 21. März 1503
auch Propst des Apostelstifts zu Cöln. Diese Dignität
mußte er aber bereits 1505 auf päpstlichen Befehl an Jo-
hann Inghenwinckel abtreten.^)
Einige Jahre später trat er auch in Beziehungen zum
Heimatlande seines Vaters. Sein Oheim Landgraf Wil-
helm der Mittlere begabte ihn mit einem Altare zu Ar-
heiligen ^) bei Darmstadt, dessen Besitz ihm allerdings
später viel Kummer bereiten sollte. In den ersten Jahren
bezog er regelmäßig und ohne Störung die von der Vi-
karei zu Arheiligen entfallenden Zinsen und Renten. Die
geistlichen Pflichten erfüllte für ihn sein Caplan, er selbst
hatte als Dechant zu sanct Marien Graden •'*) seinen Wohn-
sitz in Cöln. Eines Tages aber fiel es dem hessischen
Amtmann in Darmstadt, Bath Horneck (Hornigk) von
Hornberg, ein, die Einkünfte zu sperren, man weiß nicht
aus welchem Grunde, Hermann behauptete, ohne Ursache,
nur aus Bosheit oder Mutwillen; wahrscheinlich aber war
der Grund, daß Hermann trotz vielfachen Ausbesserungen
dem Amtm.ann noch nicht genug zur Erhaltung des sehr
Stift aufgenommen werden durften, findet man mehr, so steht in der
Confirmatio privilegiorum des Martinsstifts zu Cassel durch Landgraf
Heinrich III. vom Jahre 1478 ausdrücklich : „Wir wollen auch, das sie
. . . fort nymandes zcu gleddemaßen desselben stifftis vor canoniken
ufTnemen sollen, der oder die nit echt und recht geboren weren, es
were dan eyn bastart von Heßen". (Kuchenbecker, Analecta
Hassiaca, collectio IX, Marburg 1735, S. 222.)
^) Erwähnt in der Bulle von 1496 Juni 21.
*) Abgedruckt in Hedderichs Subsidia miscellanea historiam
et jurisprudentiam ecclesiasticam Coloniensem praecipue illustrantia
(Bonnae s. a.), Seite 33—39.
^) StA. Düsseldorf: Catalogus der Pröbste und Dechanten des
Apostelstifts zu Cöln vom Vicarius Alfter (18. Jhdt.), Apostelstift zu
Cöln Nr. .1.
*) Über die kirchlichen Verhältnisse von Arheiligen einige Nach-
richten in den Beiträgen zur hessischen Kirchengeschichte von G. Frhr.
Schenk zu Schweinsberg im Archiv für hessische Geschichte
u. A. XV 1884, S. 573-576.
^) Dies ist der einzige Titel, den Hermann in diesen Jahren
seinem Namen beifügt.
— 304 —
an der Universität Marburg immatrikuliert *), findet sich
ungefähr seit 1547 im Dienste von Landgraf Philipps
Schwester, der Herzogin Elisabeth von Rochlitz, war 1552
ihr Küchenschreiber, 1556 ihr Rentmeister in Schmalkalden,
wird 1557 (Jan. 12) hessischer Rentmeister in Schmalkalden
genannt und bekleidete diese Stelle wohl auch noch 1558
Jan. 19). 2) Am 12. März 1562 trat er in Landgraf Wil-
lielms Hofdienste mit einem jährlichen Gehalt von 30 Tha-
lern und einer Hofkleidun^. ^) 1566 war er bereits
tot. ^) Seine Hochzeit mit Elisabeth Sachs, Tochter des
Wirts zum roten Löwen ^) in Cassel, wurde ihm auf
die Bitte der Herzogin Elisabeth, die selbst dazu nach
Cassel kam, Ende August 1554 vom Landgrafen aus-
gerichtet. ^) Als Witwe heiratete Elisabeth Sachs vor
1574 Juni 12*^) Japhet Baun aus Gudensberg, der seit
1539 in Marburg studiert hatte ^) und später Bürgermeister
in Fritzlar war. Am 1. Juli 1575 wurde in der Altstädter
Gemeinde zu Cassel „burgemeister Japhet Baun zu Fritzlar
hausfrau Elisabet zum Lewen" begraben. ^)
Ein Sohn Christoph Kraushaars und Enkel der Ca-
tharina von Hessen, Friedrich Kraushaar, als Fridericus
Cincinnatus Cassellanus 1565 in Marburg immatrikuliert ^),
Weihnachten 1567 zu Cassel (Altstadt) konfirmiert, war
1574 am 12. Juni noch unmündig. An diesem Tage
verkauften seine Vormünder sein Freihaus am Renthofe
in Marburg für 400 Gulden an den fürstlichen Pirschknecht
Henrich Seibelitz zu Marburg. ') Friedrich K. lebte 1577.
78. 79 in Ziegenhain, 1580 bis 83 in Cassel, war 1583
und noch kurz vor 1595 hessischer Keller zu Hohenstein
^1 I^ärb Afätriksl
*) Polit.* Archiv Philipps des Großmütigen I 62. 63. 69. 70. 71. 72.
Auch in der Schmalkalder Stadtrechnung von 1556 kommt er als
hess. Rentmeister vor.
^) St. A. Mbg., Bestallungen.
*) 1566 IX 12 wird in Cassel Christoffel Kraushars seligen
Sohn Curt begraben (Kirchenbuch der Altstadt Cassel).
^) Der rote Löwe in Cassel wird schon 1508 erwähnt (Rommel,
Hess. Gesch. III, Anm. S. 126). 1523 wurden während Landgraf Philipps
Hochzeit im roten Löwen 27 Pferde aus dem Gefolge Herzog Erichs
untergebracht (St. A. Mbg., Quartierliste 1523 im Kammerarchiv). —
Maria Sachsin Witwe, Bürgerin zu Cassel im roten Löwen und ihr
Tochtersohn Johannes Pfeffer kommen in einer Urkunde von 1566
Sept. 20 vor. (St. A. Mbg., Generalrepert. „Cassel")- „Maria die alte
zum roten lewen" wurde 1578 VI 27 zu Cassel begraben (Altstadt).
«) Polit. Archiv Philipp d. Gr. I 69.
') St. A. Mbg., Geh. Ratsakten Nr. 404S.
^) Kirchenbuch der Altstadt Cassel.
— 305 —
und wohnte später bis zu seinem Tode als hess. Lehn-
träger zu St. Georgen bei Homberg. Er war seit dem
2. April 1578 mit Elisabeth Geilmann, Tochter des Hans
Geilmann zu Homberg, eines Stiefbruders von Simon Bing,
verheiratet. ^)
2. Merge Hessen, eine Schwester der Catharina
von derselben Mutter, „hat meyn her seliger [Landgraf
Wilhelm L] ins cloister [Heyda] gethain und 100 gülden
mitgeben". ^) Sie ists, von der Landgraf Philipp am 29. Mai
1520 (Dienstag nach Pfingsten) von Cassel aus an seinen
Rentschreiber in Spangenberg schreibt: „unser meinung
ist, das du der halben landgrevin, unser wasen zur Heyda
im cloester einen schwarzen lundischen rock von unsert-
wegen kaufest". ^)
Die Klosterpforten öffneten sich auch für sie im Jahre
1527. Von ihrer Mitgift erhielt sie bei der Abfindung am
26. Dez. 1527 (Donnerstags Stephani) 50 Gulden bar, dazu
50 Gulden auf einer Hube Landes zu Grebendorf bei
Eschwege (oder aber 16 Malter Frucht partim Eschweger
Maßes von dieser Hube) zugebilligt, ablöslich mit 100
Gulden. ^)
Sie trat in den Ehestand, anscheinend mit Jorge
Schusseler, der am 22. Februar 1562 dem hessischen Kammer-
meister Hermann Ungefug über die Ablösungssumme von
100 Gulden quittierte.*) Merge selbst war kinderlos be-
reits 1554 zu Eschwege gestorben, wie wir aus einer Ein-
gabe ihres Neffen Christoph Kraushaar wegen der Hinter-
lassenschaft der Verstorbenen erfahren. ^)
V. Wilhelm IL der Mittlere.
Ein nicht mit Namen genannter Sohn Wilhelms, also
ein Halbbruder des Landgrafen Philipp, befand sich 1507
*) St. A. Mbg., Samt-Hofgerichtsakten K 204 : Friedrich Kraushaar
c. Burkhard von Galenberg ; und St. A. Mbg., Lehnsakten (Kraushaar-
Geilmann'sche Erben) M. St. S. 8601, 709 sp. — Der Eintrag über seine
Kopulation steht im Ziegenhainer Kirchenbuche, wo er auch noch
einmal 1577 und seine Frau 1579 erwähnt wird. In den Jahren 1580,
81 und 83 wurden ihm in Cassel 3 Söhne Reinhart, Justus und Cristoph
geboren (Kirchenbuch der Altstadt Cassel).
*) Verzeichnis der abgefertigten Ordenspersonen von 1527 (Pro-
tokoll über die Abfertigung) im St. A. Mbg., unter Heyda und irrtümlich
{aber getilgt) unter Germerode.
■) Rechnungsbeleg im Kammerarchiv (St. A. Mbg.).
*) St. A. Mbg., Urk. über ihre Abfertigung von 1527 Dez. 26.
^) Polit. Archiv Philipps des Großmütigen I 69.
— 306 —
in Kost und Lehre bei den Kugelherren im Weißenhofe
zu Cassel. ^) Später hören wir nichts mehr von ihm.
VI. Wilhelm IIL der Jüngere.
Er hatte von seiner Gemahlin Elisabeth von der Pfalz
keine Kinder, aber einen natürlichen Sohn Henricus Batten-
berg. Diesen „bieson** des Landgrafen ließ 1503 Land-
graf Wilhelm der Mittlere von Battenberg nach Cassel
holen und in den Weißenhof zu den Kugelherren in die
Schule tun. ^) Dort befand er sich im Jahre 1507 zusammen
mit seinem Vetter, einem nicht mit Namen genannten
Sohne Wilhelms des Mittleren^), und noch Ende 1510.
Zwei Belege *) zur Casseler Kammerschreiberrechnung von
1507 bringen uns einige Nachrichten über die beiden
Schüler und die Schule:
1. Berecht cziddel der hern im Weissenhoffe zcu
Cassel dovor sie m. g. h. son und m. g. h. seligen son
gekauft haben.
Item Verlag von beyder jungen wegen sunderlich be-
treffende Henricum Battenburg lantgrave Wilhelms
son von der Lone dem got gnade geschehen im jar nach
Christi gebort unßers herrn alß man czalt tusent funff-
hundert und seuben.
Item dry wyspennige vor eyn buch genant prima
pars Alexandri
item 4 heller in convivio
item dry heller vor weyschgelt
item 6 heller vor eyn pennale
item 3 heller vor rymen
item 2 albos vor schoe
item 2 heller vor bapir
item 5 albos vor eyn buch daz man nennet Herman-
nus Torrentini
item 6 ^ vor bapir
item 3 albos den bochbendere zu planeren und zu
bynden
item 5 heller vor eyn messer
item 3^/2 albos vor eyn bete buch
*) Siehe den unten unter Wilhelm III. abgedruckten „Berecht-
cziddel der hern im Weissenhoffe*' vom Jahre 1507.
*) Beleg zur Casseler Kammerschreiberrechnung von 1503 im
St. A. Mbg., Kammerarchiv.
^) Über diesen siehe vorn unter Wilhelm II.
*) St. A. Mbg., Kammerarchiv.
- 307 —
item 26 heller vor eyn par schoe
item 2 albos vor rymen een beyden vor rymen
item 1 albos (!) vor bapir
item 7 schillunge vor schoe
item 20 heller zu läppen dy schoe
item 6 albos vor grammatica Hen Richman
item 10 albos vor czwen hude een beyden
item 6 albos vor czwefeltige schoe
item 9 ^ vor bapir
summa 2 gülden.
2. Der hern im Weissenhof zcu Cassel quitancz uf
13 gülden:
Ich bruder Jost pater im Wysßenhobe bynnen Cassel
bekenne öffentlich vor mich und dy ganczen vorsamelung
daselbst, daß ich enphangen hab von dem ersamen Con-
rado Scherer kammerschryber unßers gnedigen herrn von
Hesßen, czwölff gülden vor kößtgelt und eyn vor lere-
lone von wegen unßers gnedigen herrn umb eyns jungen
wyllen genant Henricus Battenberg halber sone des
hochgebornen fursten seiger nehist an der Löne verstorben
iczt by uns in kößt und lere bestallt und gesandt im jär
nehist vor dato dißer myner eigen hantschriffl geweßt,
sagen hirumb den hochgebornen irluchtigen fursten unßern
gnedigen herrn und syner f. g. genanten kammerschryber
solcher gutlicher beczalung von genantem jare und all
vorgangenen cziden schuld etc. mit dißer myner hantschriffl
quidt ledig und löß sonder all geverde und argelist.
Datum Marpurgk in die Brictii confessoris anno jv®
septimo (= Nov. 13).
Ein dritter Beleg, eine Quittung, die vom Pater Ni-
colaus Gyßen für den Convent des Weißenhofes am 10. No-
vember 1510 über 13 Gulden Kostgeld „von Henrichen
dem knaben m. g. h. an der Laen seel. söhn" dem hessi-
schen Kammerschreiber Adam von Usingen ausgestellt
worden ist, hat sich nicht wieder auffinden lassen. ^)
VII. Philipp der Großmütige.
Zu den Nachrichten über Landgraf Philipps Tochter
Ursula, Claus Ferbers Stieftochter, die Rockwell aus dem
Marburger Staatsarchive gebracht hat ^, mögen noch drei
Belegstellen hier ihren Platz finden.
:!
St. A. Mbg., Repertorium der Quittungen.
Rockwell, Die Doppelehe des Landgrafen Philipp von Hessen
1904 S. lU.
N. F. BD. XXX. 20
Zur Rotenburger Fruchtrechnung von 1556 ist ein
Belegt) vorhanden, der lautet:
. . Jorge Oesten wirts zu Breydenbach knecht hat
den behangen wagen, dorin die firauen und Jungfrauen
meins g. f. und hern bephelch nach seiner f. g. natür-
liche tochter, Hansen Henckels schottheissen zu Fels-
pergs vertrauete braut zu Schmalkalden mit holen solten,
gefurt, dieselbigen zu Rottenbergk aufgeladen, ver-
fuettert . .
Actum am ersten octobris anno etc. 56.
In der Schmalkalder Stadtrechnung von 1556^) lesen
wir:
sonnabents nach Michaelis (= Okt. 3) ist uff unsers
g. f. und herrn zu Hessen etc. schreiben und ladunge
Jörg Zilfelder gmeinvormund von raths w^egen neben
Clausen dem knecht gein Velßbergk zum hoffe seiner
f. g. naturlichen dochter und des schultheisen zu Velß-
bergk Johann Hengkel gnant abgefertigt, hat breutigam
und braut von der stat wegen geschengkt 8 gülden in
golde, thun in muntz 10 gülden.
Und der Limburger Chronist Johannes Mechtel, der
seine Kenntnis wohl aus einer Limburger Stadtrechnung
gewonnen hat, berichtet in seinem Pagus Logenahe ^);
Anno 1556 dinstags nach s. Francisci (= Okt. 6)
der lantgraffe Philips bestattet eine naturliche dochter
ahn den schulteßen von Velßperg, hatt den raht von
Lintburg uff die hochzeit beschrieben, haben 8 taler ge-
schicket, welche der botte selbst in beysein der fursten
ins becken hat legen müssen, auch ime aus dem becken
ein halb daler hinwider verehret und großer dank ver-
dinet worden.
Beilage.*)
Innocentius papa VIIL
Dilecti filii salutem et apostolicam benedictionem.
Accepimus, quod in statutis et consuetudinibus ecclesie
^) St. A. Mbg., Kammerarchiv.
2) Stadtarchiv zu Schmalkalden.
8) Joh. Mechtel, Pagus Logenahe, ca. 1630, Blatt 120/121, Hand-
schrift in der fürstl. Stolberg. Bibliothek zu Wernigerode.
*) Zu Seite 300.
— 309 -
nostre sancti Cassii Bonnensis Coloniensis diocesis inter
alia cavetur expresse, quod nuUus in illa canonicatum et
prebendam obtinere possit, nisi de legitimo matrimonio
procreatus fuerit, vosque statuta huiusmodi observare et
nuUum illegitimum ad canonicatum et prebendam dicte
ecclesie admittere propriis iuramentis promisistis. Nos igi-
tur qui alias cum dilecto filio Hermanne ex lant-
graviis Hassie clerico dicte diocesis, qui defectum na-
talium patitur, de subdiacono ex magnorum nobilium genere
procreato genitus et soluta, ut eo non obstante defectu ad
omnes etiam sacros ordines promoveri ac quecunque, quot-
cunque et qualiacunque beneficia ecclesiastica cum cura
et sine cura se invicem compatientia recipere et retinere
valeret, etiam cum derogatione statutorum huiusmodi aposto-
lica auctoritate dispensavimus. Cupientes igitur, ut ipse
Hermannus canonicatum et prebendam dicte ecclesie nostre
sublato quovis obstaculo assequi possit, vobis et cuilibet
vestrum iuramenta predicta ad hoc, ut dictum Herman-
num ad canonicatum et prebendam dicte ecclesie vestre,
si sibi alias canonice conferantur sive ad illos presentetur,
eligatur sive nominetur, libere et licite admittere valeatis,
auctoritate predicta tenore presentium relaxamus, decer-
nentes vos aut aliquem vestrum propter admissionem huius-
modi nuUum periurii reatum incurrere. Non obstantibus
constitutionibus et ordinationibus apostolicis ac predictis
nee non aliis eiusdem ecclesie statutis et consuetudinibus
etiam iuramento confirmatione apostolica vel qua vis alia
firmitate roboratis ceterisque contrariis quibuscunque.
Datum Rome apud sanctum Petrum sub annulo pis-
catoris die Villi Novembris MCCCCLXXXXI pontificatus
nostri anno octavo.
(rechts unten:) Jo. Pe. Arrivabenus.
(Auf der Rückseite :) Dilectis filiis decano et capitulo
ecclesie sancti Cassii Bonnensis Coloniensis diocesis.
Perg., Ausfertigung mit Rest des Verschlußsiegels
auf der Rückseite im Staatsarchiv zu Düsseldorf, Cassius-
stift zu Bonn.
Zur Bangesehiehte des alten Gasseier Land-
grafensehlosses.
Von
Carl Knetsch.
Auf der Stelle, wo hunderte von Jahren die Land-
grafen von Hessen residiert haben, auf einer Anhöhe über
der Fulda inmitten der alten Stadt Cassel erhebt sich jetzt
das Ende der 70 er Jahre des 19. Jahrhunderts erbaute,
1881 vollendete Regierungs- und Gerichtsgebäude, der
„Justizpalast", ein wenig zu der malerischen Umgebung,
zum Renthof und dem Marstall mit ihren altertümlichen
Renaissancegiebeln passender, nüchterner, gradliniger
Riesenbau.
Seine Vorgängerin, die „Chattenburg", die in groß-
artigster Weise, allerdings unserm heutigen Empfinden
auch wenig entsprechend, die Größe und hohe Stellung
Hessens und seines Kurfürstenhauses bekunden sollte, ist
nie fertig geworden.^) Wilhelm IL ließ den 1819 von
seinem Vater begonnenen, bis zum ersten Stockwerk ge-
diehenen Bau unvollendet liegen, und so bildete sich im
Laufe der Jahre mitten in der Stadt eine riesige künstliche
Ruine, die völlig überwuchert und überwachsen die
schönste, romantischste Stätte für die Kinderspiele unserer
Väter wurde. Nach fast 60 jähriger Ruhe entstand dann
unter gänzlich anderen Zeitverhältnissen nach völlig ver-
ändertem Plane das neue kolossale Gebäude, das wir heute
sehen, nicht mehr als Residenz für das alte Fürstenhaus,
das zu regieren aufgehört hatte, sondern als Sitz preußischer
Verwaltungs- und Gerichtsbehörden.
Die Chattenburg nun wieder war an Stelle des alten
Landgrafenschlosses errichtet, das in einer stürmischen
Novembernacht des Jahres 1811 während der französischen
Fremdherrschaft ein Raub der Flammen geworden war.*)
^) Über die Grundsteinlegung findet sich ein ausführlicher Be-
"" ^ei Fr. Müller, Kassel seit 70 Jahren, 1876, Band I, S. 124—132,
Ein interessanter gleichzeitiger Bericht über den Brand des
Schlosses in der Nacht vom 23/24. Nov. befindet sich auf
— 311 —
Damit war ein wunderbar stimmungsvolles, einheitliches
Bild einer alten deutschen Fürstenresidenz unwiederbring-
lich verloren.
Der Grund zu diesem Schlosse war um 1277 durch
den ersten hessischen Landgrafen aus Brabanter Stamme,
Heinrich das Kind von Hessen, der bereits eine Burg an
derselben Stelle vorgefunden hatte, gelegt worden. ^) Diese
Burg Heinrichs, die fast 200 Jahre seinem Geschlechte als
Residenz gedient hat, war nicht wesentlich befestigt, sie
bestand wohl nur aus den notwendigsten Wohn- und Nutz-
gebäuden innerhalb der Befestigungslinie der Stadt. So
kam es, daß man in Zeiten innerer Gährung, als auch
von außen ein starker Feind dem Herrscherhause und
Lande schweres Unheil drohte, im Jahre 1386, sehr in Sorge
sein mußte, daß die Burg von den unzuverlässigen Ele-
menten in der Stadt genommen und dem feindlichen Heere
überliefert werden könnte, war doch tatsächlich wenige
Jahre vorher, 1378 das Schloß von den Bürgern über-
rumpelt worden.^) Seit der Zeit wurde die Befestigung
der Burg gemehrt und gebessert.^) Gebaut ist natürlich
wie an allen größeren Gebäudegruppen, so auch an der
Casseler Burg zu allen Zeiten, so daß man sich nicht
wundert, wenn sich fast in allen erhaltenen Rechnungen
des ausgehenden Mittelalters und der späteren Zeit größere
oder kleinere Posten für Ausbesserungen, Umbauten oder
Veränderungen und Neubauten größeren Stils finden.
Gelegentlich hören wir von kleineren Zimmerarbeiten
an der Zugbrücke der Burg- oder am Tore der Küche,
die 1442 ausgeführt wurden.*; Größere Bauten, ja wohl
S. 89—93 von L. Müllers Marburger und hessischen Denkwürdigkeiten,
Marburg 1894.
*) Hessische Congeries, herausgeg. von Nebelthau in
dieser Zeitschrift, A. F. Bd. 7, Seite 319. — Die hess. Congeries ist
nach P i s t o r (in dieser Zeitschrift N. F. Bd. 17, S. 53 und 18, S. 130) eine
Compilation des 16. Jahrhunderts, die die älteren Nachrichten z. T.
aus Gerstenberg, aus dem Anonymus bei Senckenberg etc. z. T. auch
aus Inschriften, städt. Urkunden und Rechnungen nimmt.
*) Congeries Seite 329.
8) Anonymi chronicon Thuringiacum et Hassiacum inSencken-
b e r g s selecta iuris et historiarum III S. 396, cap. 76 zu 1386, Verrat
der Bürger in Cassel: „dazumahl war keine Festung zu Cassel an
der borcke, aber es hat sich nun von dag zu dag gebessert." Nach
Pistor (in dieser Zeitschrift N. F. XVIII, S. 148 f.) ist diese Thü-
ringisch-Hessische Chronik eine Compilation verschiedener Schriften
des Johann Nohen, der gegen Ende des 15. Jahrhunderts schrieb.
*) Staatsarchiv Marburg, Casseler Schultheisenrechnung 1442:
An der Zugbrücke arbeiteten die Kaufunger Zimmerleute Gurt Molner,
Gotberaedt, Hermann Fyme und Bernhart, am Küchentore
etc. die Zimmerleute Hermann Pylmaen und Wyshenne.
— 312 —
ein förmlicher Umbau, begannen in den 1460 er Jahren
unter der Regierung des Landgrafen Ludwig II. 1462
wird ein neuer Saal errichtet und ausgeschmückt^
daneben wurden in demselben Jahre die beiden Berg-
friede, die sicher der Burg ein recht stattliches Aussehen
verliehen haben, neu gedeckt.^) Von dem umfangreichen
„neuen Bau" ist in dieser Zeit viel die Rede. ^) Die Leitung
der Schloßbauten wird zu Zeiten Ludwigs I. (f 1458)
Bartholmes der Zimmermann in Händen gehabt haben^
der Vorgänger des Meisters Johann Herber, der am
21. Februar 1463 von Ludwig II. als Werkmeister und
Zimmermann „uns unser buwe, wo uns der not ist, zu
machen" in Dienst genommen wurde. ^) Nach alten
^) St.A.Mbg., Casseler Kammerschreiberrechnung 1462: „ — dem
zcygeler, der die zcygel zcu den bergfrydden bornet."
*) In derselben Rechnung von 1462: Erwähnt werden die Namen :
Meister Johann der Zimmermann, Henne Nodung der Zimmer-
knecht, Conzvon Siegen, Jacob, Frangke, Niclas Bergken-
felder, alle Zimmerleute, daneben Manegold der Schmied etc.
8) St. A. Mbg., Bestallungen, 1463 Montag nach Valentini martyris,
Landgraf Ludwig nimmt Meister Johann Herbern zu seinem
Werkmeister und Zimmermann an . . . und verleiht ihm die Neue
Mühle bei Bergshausen an der Fulda, wie sie früher Bartholmes
der Zimmermann von des Landgrafen Vater zu Lehen getragen hat.
(Perg., Conzept). Johann Herber ist wohl der Stammvater einer im
16. und 17. Jahrhundert in Cassel sehr tätigen Bildhauerfamilie, deren
bedeutendste Vertreter wir (nach den Kirchenbüchern der Altstadt (A.),
Freiheit (Fr.) und Unterneustadt (U.)) in Form einer Stammtafel hier
aufführen: Andres Herber
Bildschnitzer in Cassel 1551
(St. A. Mbg., 0. W. S. 103, Hofhaltung Philipps)
Antonius Herber
Bildschnitzer in Cassel
1557—1635 (A.)
r>0 1585 Gertrud Nuss-
picker (A.)
t 1630 alt 64 J. (A.)
Andres Herber
Bildschnitzer in Cassel
t 1614 (Fr.)
CV 1) 1586 Marga-
rethe, Witwe des
Jorge Müller (A.)
CS) 2) 1606 Elisabeth
genannt die Hauben-
strickersche (A.)
t 1614 (Fr.)
Peter Herber
Bildhauer in Cassel
1586-1625 (A. u. Fr.)
OO 1615 Gertrud,
Tochter des Culmann
Stallhans (Fr.)
Johannes Herber
theologiae cand.
t 1626 alt 26 Jahr (A.)
Jorge Herber
Bildhauer in Cassel
1565—1611 (A. u. U.)
OO 1594 Catharina
Homans (A.)
t 1626 alt 60 J. (U.)
- Hans George Herber
Bildschnitzer in Cassel
1605-1671 (A.)
OO 1) 1635 Anna,
Tochter des Schreiners
Hans Lohmann (A.)
oo 2) 1645 Anna,
Tochter des Antonius
Marsteller
V. d. Eschenstruth (A.)
- L)
1 1688 im 78. Jahr (A.)
Rudolf Herber, Bildhauer in Cassel, geb. 1650 (A.), lebte noch
), (auch bei Hoffmeister, Nachrichten über Künstler und Kunst-
handwerker in Hessen, 1885, S. 44 erwähnt).
— 313 —
chronikalischen Aufzeichnungen entstand der Hauptbau im
Jahre 1466. Danach errichtete Landgraf Ludwig damals
nach der Stadtseite hin einen großen neuen Schloßflügel
mit gewaltigem steinernen Unterbau, darauf „ein holtzern
Stockwerk mit hübschen Spitzen und Zinnen gezieret" ^),
das aber nach Di lieh durch eine Pulverexplosion 1469
stark beschädigt und dann massiver wieder aufgerichtet
worden ist. Wilhelm Dilich hat uns in seiner hessischen
Chronik eine hübsche Abbildung dieses Schloßbaus etwa
vom jetzigen Marställer Platz aus gesehen überliefert, die
wohl im wesentlichen als authentisch anzusprechen ist. ^)
Allerdings ist Dilich selbst ja erst einige Zeit nach dem
Verschwinden dieses Bauwerks geboren ^), aber es werden
ihm noch Ansichten vorgelegen haben, die er für seine
mit der Jahreszahl 1490 versehene Ansicht verwerten
konnte. Ein zweites Bild, das unbedingten Anspruch auf
Naturtreue machen kann, ist uns in zwei ganz außer-
ordentlich interessanten, für die Topographie des alten
Cassel äußerst wertvollen Plänen der Stadt*) erhalten, die
während der Zerstörung der von Philipp angelegten
Festungswerke um 1548 angefertigt worden sind. Auf
diesen großen, kolorierten Plänen (Ansichten aus der Vogel-
schau), mit denen wir uns später noch zu beschäftigen
haben, finden wir ebenfalls noch den Steinbau mit dem
charakteristischen Fachwerkaufsatz und den schmucken
Türmchen, wie er in Landgraf Ludwigs Zeiten auf-
gerichtet war.
In den nächsten 100 Jahren hören wir ziemlich viel
von Bauten am Schlosse oder, wie man damals sagte, an
der Burg, die am Schlüsse dieser Bauperiode ein völlig
anderes Bild bieten sollte.
^) Congeries Seite 342. Dilich, hess. Chronik 1605, S. 158.
2) Dilich, Hess. Chronik 1605.
^) Dilich ist 1571, spätestens zu Anfang 1572 in Wabern ge-
boren (Theuner, Wilhelm Dilichs Ansichten hessischer Städte aus
dem Jahre 1591, Marburg 1902, S. III).
') Ein Exemplar im Staatsarchive zu Marburg, das zweite (zeitlich
später) im Besitz des Hessischen Geschichtsverems in Cassel. Beide
Pläne sind zweifellos in amtlichem Auftrage gemalt, der Marburger
durch den hessischen Hofmaler Michel Müller, der zweite mit
manchen vielfach durch Mißverständnisse veranlaßten Abweichungen
von anderer Hand auf Grund der Müllerschen Aufnahme, nur mit
den bereits vollzogenen und noch im Gange befindlichen Entfestigungs-
arbeiten Cassels. Ich bringe hier einen Ausschnitt fius dem Marburgc
Plane, der uns das Schloß und seine nächste Umgebung zeigt
— 314 —
1468 mußte wieder die Zugbrücke erneuert werden.^)
Um 1469/70 mag die vergrößerte Burgkapelle fertig"
geworden sein^), 1471 wurde an dem „phorthuß" des
„nuwen buwes" ^) und an einem neuen Turme oder
Bergfried „hinter Johann Rentmeister" gearbeitet, wo-
zu man viel Latten und Ziegel, schließlich zum Abschluß
noch einen Knauf vom Kannengießer gebrauchte. *)
Nach Ludwig II. Tode (1471) traten seine Söhne
bald in die Fußstapfen des baulustigen Vaters. 1479 und
1480 wurden Küche und Keller in der Burg neu her-
gerichtet, 1480/81 die Brücke im Baumgarten durch
2 Pfeiler gestützt. 1481 entstand mit ziemlichem Kosten-
aufwand die neue, schön verglaste und vergitterte
„Schenk Stätte" oder „Bottelige** an der Haupthalle des
Saalbaus, dann zu der Herrschaft Bequemlichkeit eine
Badestube. ^) Auch 1484 ist wieder die Rede von
Mauerarbeiten an einem neuen Turme auf der Burg"
bei der Küche, der bis zum Knauf fertig gestellt wurde,
an „meiner gnädigen Frauen" Gemach und an der
Lichtkammer. ^) 1485 ließ Landgraf Wilhelm der Ältere
mehrere Ställe und Häuser am Schlosse abbrechen. "^
Dafür entstanden in den nächsten Jahren neue Wirtschafts-
gebäude, so 1489 ein Schafstall. «) 1497 ließ Wilhelm der
Mittlere durch seinen Baumeister Joist große Bauten in
Cassel aufrichten, sehr wahrscheinlich am Schlosse.^) 1498
wurde fleißig an den Befestigungsarbeiten der Burg ge-
schaflft, der Graben „zwischen dem neuen Bollwerk bis
zur Fulda" ausgeworfen, zu gleicher Zeit aber auch am
Ausbau des Fürstensitzes weiter gearbeitet. Im neuen
?
St. A. Mbg., Kammerschreiberrechnung 1468.
Schminke, Versuch einer . . . Beschreibung der . . . Stadt
Cassel . . . 1767, S. 100.
') St. A. Mbg., Kammerschreiberrechnung 1471.
*) Stölzel, Casseler Stadtrechnungen (in dieser Zeitschrift,
N. F. Suppl. III) S. 51. 53. 54. 55.
») St. A. Mbg., Casseler Schultheißenrechnungen 1479. 80. 81. —
Erwähnt werden Curd (oder Conz) der Zimmermann, Meister Claus
der Steinmetz, Hermann Steindecker, Meister Heinrich der Stein-
metz, Lud ewig Glesener.
•) St. A. Mbg., Casseler Schultheißenrechnung 1484. — Außer den
eben genannten werden noch viele Namen aufgeführt, u. a. Hans
Michelbach der Steinmetz.
') Congeries S. 350.
*) St. A. Mbg., Kammerrechnung 1489. — Ger lach der Steinmetz.
•) St. A. Mbg., Casseler Bauregister 1497.
IJas Casseler Schloß im Jahre 1548
Au.«.hniH MS dam großen C«sseler Pl«n im Marburg.« St^v^e«.^
^^^\.<iA>\^'^C^^|
— 315 —
Gemach legte man den Estrich, das Gemach der Land-
gräfin wurde ausgemalt, eine große Menge von Stein-
metzen und Zimmerleuten waren in steter Tätigkeit. 1500
verursachten neben einem neuen Bau im Renthofe vor
dem Schlosse vor allem die Arbeiten „an dem nuwen
huse uff der snyderie pober der lichtkamern" große
Kosten. Wir finden, daß im Laufe der Bauarbeiten ein
Haus vor dem Schlosse abgebrochen werden mußte, daß
des Statthalters Gemach, ein Fischerhaus und eine
Jungfernstube neu entstand, und hören, daß die Ge-
mächer der Herrin, auch der Saal, „do min gnedige
frauwe pleget zu sitzen**^), durch Henchen Probst
aus Cassel neu verglast wurden. Auch für eine behag-
liche innere Einrichtung trug man Sorge. So w^urde für
den neuen Bau aus 300 grünen Kacheln ein mächtiger
neuer Ofen hergestellt.
Junker Ludwig von Boyneburg der Statthalter
hatte wohl die Oberaufsicht über die Bauten, er verdingte^
z. B. 1501 die den Steinmetzen übertragenen Arbeiten;
die Baurechnungen führte (1501) der Bauschreiber (?) La-
zarusNolde. 2) Im Jahre 1502 wurde endlich der große
Flügel an der Wasserseite fertig. ^) Es war ein türmchen-
geschmücktes Fachwerkgebäude mit Steinfuß, wie wir auf
dem vorn erwähnten Bilde von 1548 sehen, ganz ähnlich
dem Ludwigsbau von 1466. An seine Stelle trat später
unter Wilhelm IV. der Teil des neuen Schlosses, der einen
berühmten Saal, den 1573/74 mit dem Stammbaume des
hessischen Hauses ausgemalten sogenannten „roten Stein***)
umschloß.
Im selben Jahre 1502 wurde auch die von Landgraf
*) Dem Brüderkloster gegenüber in dem Hause, das zusammen
mit der Schloßkapelle Landgraf Ludwigs Schloß von 1466 mit dem
von Wilhelm dem Mittleren 1502 vollendeten Flügel am Flusse verband.
») St. A. Mbg., Casseler Bauregister 1498. 1500. 1501. — Viele
Namen, so 1498: Steinmetzen: Meister Heinrich der Steinmetz,
Grunewald, Jacob von Albishusen, Bernt von Immen-
husen, Voyler der Steinmetz, Glas Voypel der Steinmetz,
Tubenesser, Jorge von Isenhusen, Wentzel, Meister Hans
der Steinmetz, Hermann, Meister Hans Lehrknecht, Ludwig Stein-
metz, Hans ßernygke, Christoffel Bernygke, Hans Nymand,
Andrebs Trumme(n); Zimmerleute: Herman Sneylspergk,
Meister Andrebes der Zimmermann, Meister Curd der Zimmer-
mann etc. etc.
') Congeries S. 354.
*) Schon der alte Bau wird 1553 „der Rauttenstein" genannt.
(St. A. Mbg., 0. W. S. 104.)
^ 316 —
Ludwig um 1470 in sehr großen Verhältnissen errichtete
Schloßkirche, die sich an der Ecke über dem heute noch
vorhandenen Rondel an der Fulda erhob, erheblich ver-
kleinert, so daß sich nach dem Umbau die neue Kapelle
auf den Chor der alten Kirche beschränkte. ^) Der Hoch-
altar war der heiligen Dreifaltigkeit geweiht. In einer
Urkunde vom 18. August 1502 erteilt der Kardinal Ray-
mundus auf Bitten des Landgrafen der ganz kurz zuvor
vollendeten Schloßkapelle einen lOOtägigen Ablaß. ^)
Nach Wilhelms des Mittleren Tode (1509) in den
Zeiten der Regentschaft muß zeitweise, so 1513, wieder
viel am Schlosse gebaut worden sein. ^) Zimmerleute,
Maurer, Steinbrecher, Kalkbrenner und Tagelöhner fanden
bei den Arbeiten reichliche Beschäftigung. Auch wurde
im Jahre 1515 von der Landgräfin Anna und den ver-
ordneten Räten ein neuer Bau- und Werkmeister ange-
nommen, der Steinmetz Balthasar von Germesheim*),
dem 1522 Jacob von Etlingen^) folgte. Landgraf
"Philipp hatte sich in der ersten Zeit seiner Regierung mit
dem ihm vom Vater überkommenen Schlosse begnügt,
das außer den Wohngebäuden Küche, Keller, Backhaus
und Lichtkammer umfaßte und durch zwei Pforten mit
der Stadt verbunden war. ^) Seit 1523 aber ließ er, wohl
unter Jacobs Leitung, seine Residenz stark mit Wällen
und Rondelen befestigen.*^) Den wichtigsten Anteil aber
an Befestigung von Schloß und Stadt, wie an den Bauten
des Schlosses in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts,
hat ein Casseler Kind gehabt, Jost Riemenschneider,
der zuerst im Auslande sein Brot gesucht hatte, unter
Herzog Heinrich dem jüngeren von Braunschweig Amt-
^) Congerie
2) St. A. Mb
geries S. 354.
.Mbg., Urk. von 1502 VllI 18 im Generalrepert. Cassel.
Weitere Urkunden über die Schloßkapelle aus den Jahren 1502. 1503.
1518. 30. 31. 34. 48. 51 im Generalrepert. Cassel und in Urk. der Cass.
Schloßkapelle.
') St. A. Mbg., Gasseier Küchenregister 1513.
*) Samtarchiv Mbg., Revers von 1515 X 23.
^) Auch Jacob von Otlingen genannt, 1522 Montag nach Pal-
marum (= April 14) vom Landgrafen Philipp auf 3 Jahre zum Bau-
und Werkmeister bestellt. (St. A. Mbg., Dienerbuch Landgraf Philipps.)
*) Stölzel, Casseler Stadtrechnungen S. 144, 172.
') Congeries S. 360. Vgl. auch Bernhardi im hess. Jahrbuch
für 1855, R o m m e 1 in seiner hess. Geschichte an mehreren Stellen,
Schminke, Versuch einer . . . Beschreibung der . . . Residenz- und
Hauptstadt Cassel, 1767, Winkelmann, ... Beschreibung der
Fiircf anfümer Hessen und Hersfeld . . . 1697 etc. etc.
— 317 —
mann zum Fürstenberge gewesen war und dann die
Festungsarbeiten zu Wolfenbüttel geleitet hatte. ^) Der
erfahrene Mann trat 1525 als Baumeister in die Dienste
seines angestammten Landesherrn mit der ausgesprochenen
Hauptbestimmung, den angefangenen Schloßbau in Cassel
möglichst zu fördern und der Vollendung entgegen zu
führen. ^) Aber weit größeres noch als am Schlosse leistete
er in den nächsten 10 Jahren in Gemeinschaft mit seinem
ihm kongenialen Sohne und späteren Nachfolger, dem
Baumeister Thönges Riemenschneider ^) an den
Festun gsbauten zu Cassel (ca. 1527 — 30) und zu Gießen
(1531).*)
Zu den neuen Bollwerken und Mauern des Schlosses
wurden auch die Steine der 1527 abgebrochenen Pfarr-
kirche St. Cyriaci auf dem (Marställer) Platze vor dem
Schlosse verwandt, ebenso der in dieser Zeit beseitigten
Klostergebäude neben der Carmeliter(Brüder-)kirche. ^)
Seit 1540 war Johann Stehen als „Werk- und Meuer-
meister" in Cassel tätig. *^) Die Ende der 1520er Jahre
hergestellten Befestigungen ') der Stadt wurden in den
Jahren 1541 bis 1547 nochmals mit sehr großen Kosten
^) St. A. Mbg., Ortsrepos. Cassel, M. St. S. 818. Eingabe der
Kinder und Erben des f Baumeisters Tönnies Riemenschneider, zu
Tmmenhausen 1588.
»)St. A. Mbg., Dienerbuch Philipps: 1525 VI 23 wird Jost
Rymensnyder zum Hausvogt in Cassel und Baumeister bestellt,
„also das er unsern angefangenen bau unsers schlos zu Cassel allent-
halben mit vleis und getrulich obsein etc. etc."
8) Tönnies R. 1540 41. 53/54 landgräfl. Baumeister, erhielt 1569
V 1 von Wilhelm IV. eine neue Bestallung als Baumeister und Diener,
wurde später Vogt zu Oberkaufungen (vor 1579, wohl schon vor 1560,
wo er als „alter" Baumeister zu Kaufungen genannt wird), f vor 1582
II. Er hinterließ nur Töchter, seine „Kinder und Erben" wohnten
1588 in Immenhausen (St. A. Mbg., M. St. S. 818).
^) Polit. Archiv Philipps, I 275 ; S t ö 1 z e 1 , Casseler Stadt-
rechnungen S. 256. 260 (ca. 1527/28. 1530). — St. A. Mbg., Revers des
Baumeisters Joest R. über Belehnung mit einem Hofe zu Nieder-
zwehren (in Anbetracht der mannigfaltigen, von ihm und seinem Sohne
Antonius dem Landgrafen treu geleisteten Dienste, besonders an
unserm Bau in Cassel) 1529 X 18. Später neue Belehnung des
Antonius R. mit demselben Hofe etc., Revers von 1568 X 12. Sein
Lehen erhielt 1582 I 1 der Kammerschreiber Otto Gleim. — Abt.
„Quittungen" 1530. 31. —
*) Congeries S. 363.
®) St. A. Mbg., Bestallung von 1540 Dienstag nach Allerheiligen
(= Nov. 2).
^) Für die Casseler Tore verfertigte Helius Eobanus Hessus
die lateinischen Inschriften 1536. (Polit. Archiv Philipps I, Nr. 461).
— 318 —
aufs neue außerordentlich verstärkt^), so daß Cassel für
eine fast uneinnehmbare Festung galt. Kaum aber waren
die riesigen Bauten vollendet, da mußten sie schon wieder
fallen.
Nach der Gefangennahme Philipps wurden auf Grund
der Hallischen Kapitulation die Festungen des Landes mit
Ausnahme von Ziegenhain, an erster Stelle natürlich das
fast unüberwindliche Cassel, völlig geschleift. Wir be-
sitzen einen interessanten Bericht vom 30. Oktober 1548 ^)
über das Zerstörungswerk, das mit einer unbeschreiblichen
Gründlichkeit ausgeführt wurde. Die Sächsisch-Branden-
burgischen Räte Franz Kram und Dr. Timotheus Jung,
die zur Besichtigung der gebrochenen Festungswerke in
Cassel weilten, schildern genau die Abbruchsarbeiten und
ziehen die Schlußfolgerung: „und ist also aus der statt
Cassel fast ein dorf gemacht und die festunge dermassen
geschleift, zerrissen und zerwühlet, das unsers erachtens
ein jeder unparteiischer und dieser dinge verstendiger
augenscheinlich sehen kann und bekennen muß, das dieser
festunge gewaltiglich das herz genommen, ja das sie nicht
mehr vor eine festunge geachtet . . . werden mag . . ."
Auch die Gebäude des Schlosses selbst waren in dieser
Zeit in großer Gefahr. Nur mit Mühe wurde ein gleiches
Schicksal vom Schlosse abgewandt. Als sich die Ge-
sandten in Cassel aufhielten, hatte man bereits auf allen
4 Seiten große Breschen in die Schloßumwallung gerissen,
„und wollen zum furderlichsten Statthalter und rethe den
ganzen wall umb das schloß den angezognen vier löchern
gleich schleifen lassen, das also der wall allenthalben fast
dem auswendigen graben gleich und eben werden soll,
wiewol sie meinen, das es nicht so großer schade wer,
wann man das ganze schloß ausbrennte oder
mit bulfer zersprengte, als dies schleifen kosten will'^
Dieser Hinweis auf eine beschleunigtere Art der Ver-
nichtung durch Feuer oder Pulver wird nun wohl nur als
der Ausdruck der augenblicklichen gänzlichen Hoffnungs-
losigkeit und Niedergeschlagenheit der hessischen Räte
aufzufassen sein. Jedenfalls muß es fürchterlich in Cassel
ausgesehen haben. Wir können durch die beiden mehr-
fach genannten großen Bilder der Stadt ungefähr einen
Begriff von der furchtbaren Zerstörung und Verwüstung
*) Schminke, a. a. 0. S. 76.
*)Meinardus, Der Katzenelnbogische Erbfolgestreit, II, 1902,
S. 164 ff.
— 319 —
bekommen, die rings um die Stadt durch die erbarmungs-
lose Niederreißung des kunstvoll errichteten Verteidigungs-
gürtels entstand. ^) Das eine Bild, das sich im Marburger
Staatsarchiv befindet, zeigt uns Stadt und Festung noch
völlig unversehrt, während wir auf dem zweiten (im Be-
sitze des hessischen Geschichtsvereins zu Cassel) das genau
als Gegenstück gedacht und aufgenommen ist, eine Menge
Leute an der Arbeit sehen, das mühevoll Errichtete ein-
zureißen und zu vernichten. Die beiden großen Bilder
geben uns einen völligen Überblick 'über die Stadt mit
sämtlichen Straßen und Bauwerken. Das alte Schloß mit
seinen beiden, durch einen Querbau verbundenen Haupt-
flügeln und der starken Sonderbefestigung, gewissermaßen
die Citadelle der Stadt, die Martinskirche, das alte Rat-
haus am Markt, der Zwehrenturm mit dem mächtigen
Helme und der Druselturm mit seinen Ecktürmchen, die
ihm vor kurzem nun auch ja wiedergegeben sind, alles
tritt, wenn auch vielfach verzeichnet und in falscher Per-
spektive gesehen, deutlich hervor. Es wäre sehr zu wün-
schen, daß diese Pläne publiziert und von kundiger Seite
genau bearbeitet würden.
Die Zeit der Erniedrigung dauerte glücklicherweise
nur wenig Jahre. Als Landgraf Philipp wieder frei ge-
worden war, ging er sofort daran, seine Hauptstadt wieder
fest und verteidigungsfähig zu machen; und das ist dank
der Umsicht und hervorragenden Tüchtigkeit des jungen
Landgrafen Wilhelm, dem der Vater die Oberaufsicht und.
Leitung der Bauten anvertraute, und der technischen Fähig-
keit des oben schon genannten Baumeisters Antonius
Riemenschneider, in der großartigsten Weise gelungen.
Am Schlüsse dieser Bauperiode, die von 1552 bis 1559
reichte, stand Hessens Hauptstadt wieder als Festung
allerersten Ranges da.
Philipp ging nun zu gleicher Zeit auch an den Um-
bau des Schlosses, das sehr vergrößert wurde. Im No-
vember 1556 ließ er im Schlosse „alte bheue** abbrechen. ^)
1557 erwuchs der neue Küchenbau') auf dem Gelände
*) Über die Entfestigungsarbeiten befinden sich sehr viel Akten
im St. A. Marburg, vgl. Küch, das polit. Archiv Philipps, I 1012. 13.
14. 16. 28. 29. etc. Genauere Nachrichten auch bei L. Voltz, die
kaiserhche Kommission des Grafen Reinhart zu Solms in der Darm-
städter Festschrift von 1904: Philipp der Großmütige, Beiträge zur
Geschichte seines Lebens und seiner Zeit.
*) St. A. Mbg., M. St. S. 817, Ortsrepos. Cassel.
*) Congeries S. 377. Über die Bauten am Schlosse etc. in diftp'*''
— 320 —
des alten Schloßgrabens nach der späteren Rennbahn hin.
Landgraf Wilhelm legte selbst am 25. März 1557 am
Steinweg den ersten Stein zu diesem Hause, das bis zum
15. Oktober desselben Jahres fertiggestellt war.^) 1559
fiel der alte nach dem Renthofe gerichtete Frauenzimmer-
bau und wurde 1560 bis 1562 in neuer Gestalt wieder
aufgerichtet. 2) An dem ebenfalls 1560 begonnenen Teile
des Schlosses, unter dem das Backhaus war, ließ Wilhelm
seinen jüngeren Bruder Philipp in der Nähe der Schloß-
pforte den ersten Hammerschlag tun. ^) Leider gingen
die Arbeiten nicht ohne Unglück vor sich. Am 29. Juli
1560 wurden durch Einsturz eines Gewölbes im Renthof-
flügel 6 Menschen getötet. *) Während des Baues stellten
sich noch Schwierigkeiten heraus, mit denen nicht ge-
rechnet worden war. Jahrzehnte vorher war eine Wasser-
leitung ins Schloß gelegt worden, und durch einen nicht
zeitig bemerkten Rohrbruch war vom Wasser das Funda-
ment des alten Bierkellers auf eine Strecke von 23 Fuß
unterwühlt und das Erdreich derart weggeschlämmt, daß
die Gefahr eines Einsturzes sehr groß war. Man beschloß
deshalb im Frühjahr 1560, das ganze alte Gebäude an
dieser Stelle abzubrechen und von Grund auf neuzumauern,
allerdings kostete dieser Zwischenfall die Summe von 2000
bis 2500 Gulden, die noch zu den vom Landgrafen Philipp
bis zum März 1560 für das eine Jahr bereits bewilligten
8800 Gulden hinzukamen. ^) 1562 müssen im wesentlichen
die von Philipp angeordneten Bauarbeiten beendigt ge-
Zeit siehe u. a. Rommel, hess. Geschichte IV, Anmerkungen S.
425/26. Material im St. A. Mbg. u. a. im M. St. S. 815.
*) Congeries S. 377.
*) Nach Bernhardi (Cassel ums Jahr 1580, im Hessischen
Jahrbuch für 1855, S. 13) ist beim Abbruche des Bogenganges am
Frauenzimmerbau eine lateinische Inschrift im Fundamente gefunden,
die im Museum zu Cassel aufbewahrt wird. Die Inschrift lautet nach
Rommel (hess. Geschichte IV, Zusätze S. 490 und V S. 462), der sie
aber fälschlich auf den Stadtflügel bezieht, folgendermaßen : Guilielmus
Hassiae princeps cum rerum astronomicarum tum architectonicae
reliquarumque et artium liberalium et rerum biblicarum co^nitione
instructissimus post restitutum patriae vi bellica patrem Philippum
fundamentis huius aedificii positis opus incoeptum impensis propriis
superstruxit A. Sal. 1560. — 1560 (Juni 27) wird Hans von Ulm als
fürstlicher Baumeister genannt (Statthalter, Marschalk und Räte in
Cassel an Landgraf Philipp: polit. Archiv Philipps, Braunschweig-
Calenberg, betr. den Sonder 1558—1560).
») Congeries S. 377.
Congeries S. 378.
Polit. Archiv Philipps, I 42 und St. A. Mbg., 0. W. S. 104.
:i
— 321 —
wesen sein, wie wir aus einer schon zu Schminkes Zeiten
(1767) fast unleserlichen Inschrift überm Portal des äußeren
Schloßhofes entnehmen ^) :
Philips der Eitere von Gottes Gnaden Lantgrave
zu Hessen, Graf zu Catzenellenbogen, Dietz, Ziegen-
hain und Nidda angefangen den 25 ten . . .
Anno . . . und mit . . . geendiget 1562.
Damit war das knapp 100 Jahre vorher errichtete Schloß
Ludwigs II. durch einen völlig neuen Bau ersetzt, dem
sich 2 ebenfalls neue Querflügel als Verbindungsbauten
mit dem Gebäude von 1502 an der Fulda anschlössen.
Dieser Flügel am Wasser fiel erst nach Philipps Tode
unter des Erbauers Enkel Wilhelm IV. 1563 wurde die
Schloßkapelle neu hergerichtet und mit einem Kostenauf-
wand von 200 Gulden durch Michel Müller 2) ausgemalt^),
zugleich auch ein Türmchen auf den alten „Windelstein**
gesetzt, wohl in der Nähe der Kapelle.*)
Bei so gewaltigen Bauten waren natürlich eine Menge
Arbeiter beschäftigt, die Maurer und Steinmetzen rekru-
tierten sich aus aller Herren Ländern. Da kam es wohl
auch mal vor, daß es Unfrieden gab, oder daß wegen
Lohnfragen und Bezahlung der abgelieferten Arbeit
Schwierigkeiten entstanden, ja einmal wurde regelrecht
gestreikt.^) Darin verstand nun Wilhelm keinen Spaß.
Er ließ aufs schärfste gegen die ungehorsamen Steinmetzen
vorgehen und befahl, sie ohne Gnade in die Eisen zu legen
und zwangsweise arbeiten zu lassen.*) So wurden denn
die feiernden Steinmetzen Thoma von der Freystadt, Con-
rad von Heidelberg, Paul von Gothen, Wentz von Butz-
bach, Jeorg von der Langen Argen, Hans von Würzburg,
Hans von Mainz, Martin von Wenden, Urban von Kalitz,
Thomas von Linz, Endres von Hamburg (Bildhauer) und
Jacob von OfFenburg, die sich weigerten, ihre Arbeit zu
verrichten, für einige Tage in die „Kottenchammer" gesetzt
und erst, nachdem sie Urfehde geschworen und versprochen
*) (Schminke), Versuch einer . . . Beschreibung der . . . Residenz-
und Hauptstadt Cassel . . . Cassel 1767.
2) V. Drach-Könnecke, Die Bildnisse Philipps d. Gr. 1905, S. 69.
») St. A. Mbg., Ortsrepos. Cassel, M. St. S. 818, 0. W. S. 103.
*) St. A. Mbg., 0. W. S. 108.
*) St. A. Mbg., Ortsrepos. Cassel, M. St. S. 817, Korrespondenz
Wilhelms mit seinen Räten etc. vom 30. Juni bis 7. Juli über den Bau.
') Zwei sehr charakteristische Schreiben Wilhelms in dieser
Angelegenheit werden in der Beilage 2 abgedruckt.
— 322 —
hatten, daß kein „verseumnus der arbeit oder rotterey**
mehr vorkommen sollte, auf Fürsprache der Werkmeister
und Führer wieder freigelassen. Dieser Zwischenfall war
im Juli 1557 eingetreten. Als Bürgen für die Bestraften
traten 6 Männer ein, die vielfach die Verantwortung für
die praktische Ausführung der Baupläne trugen, an erster
Stelle Meister Jost Scheffer ^) (,Jost der Werkmeister") aus
Eschwege, der am 5. März 1555 zu Landgraf Philipps
Werkmeister und Diener angenommen war^), dann An-
dreas von Lindau, die Mauermeister Hans Edelmann ^) und
Hans Moß von Marburg, dazu Hans von Zürich, Valtin
von Ulm und Ludwig Mebes. *) Ferner werden mehrfach
in dieser Zeit (1557) genannt die Bildhauer Galle von
Marienberg, Christoffer Schnebach und Christoffer von
Dresden, die Maurer Henrich vom Wolfhain und Jacob
von Ulm, der noch 13 Jahre nach seinem ersten Auftreten
am 1. Mai 1570 vom Landgrafen Wilhelm eine Bestallung
als Werkmeister und Diener bekam. ^) Er hieß mit vollem
Namen Jacob BoUing und ist der Mann, der den leider
vor 10 Jahren ohne Not entfernten malerischen Brunnen
am Brink in Cassel gemeißelt hat. Auch ein Martin Munch
wird gelegentlich (1557) erwähnt.
Die technische Leitung des Schloßbaues hatten die
Bauschreiber H ö g e P) (1557), Caspar Pfeffer (1557.
1562) und Christoffel Hopf (1562/63). ^) In besonders
schwierigen Fragen '^) wurde der alte Tönnies Riemen-
schneider herangezogen, der mittlerweile (schon 1560)
einen Gnaden- und Ruheposten als Vogt in Oberkaufungen
bezogen hatte. ®) Die Schreinerarbeiten leitete (1560. 1565)
Meister Christoph Müller, der später (seit 1568 Casseler
Bürger) Landgraf Wilhelms Hofschreiner (1568 jBF. 1575)
war und 1577. 1588 als Baumeister vorkommt. Dieser
sehr tüchtige Mann wurde auch zu anderen wichtigen
^) Der Werkmeister Jost Scheffer starb 1597 XII 28 (Schreiben
des Otto Harsack aus Eschwege an den Landgrafen d. d. 1598 III 18
im St. A. Mbg., Ortsrepos. Eschwege).
^) St. A. Mbg., Bestallungen.
8) Hans Edelmann bgr. 1605 X 23 (Kirchenbuch der Unterneu-
stadt Cassel).
*) Siehe die als Beilage 1 abgedruckte Bauordnung von 1557 (?)
*) Es ist der bekannte Hofkomponist Landgraf Philipps Johann
Heugel, über den W. Nagel in der Darmstädter Festschrift zum
Philippsjubiläum 1904 S. 353—390 ausführlich berichtet.
«) St. A. Mbg., Ortsrepos. Cassel, M. St. S. 816. 817. 818.
') So bei dem Rohrbruch vom Frühling 1560, siehe vorn Seite 320.
8) Siehe vorn Seite 317.
— 323 —
Arbeiten herangezogen, so an der Fuldabrücke 1573/74,
die er mit Geschick und Glück zu Ende führte.^)
Die Ausnaalung ^) der Säle lag wohl in der Haupt-
sache dem Hofmaler Meister Michel Müller ob, den
wir 1563 neben seiner Arbeit in der Schloßkapelle auch
noch in Landgraf Wilhelms Diensten beschäftigt finden.
Michel Müller ist annähernd 40 Jahre in landgräflichen
Diensten gewesen. Die letzten Erwähnungen stammen
aus den Jahren 1573 und 1574. Im ersten Jahre hatte
er die „Contrafactur" eines im Reinhartswalde geschos-
senen Hirsches für den Landgrafen zu malen, 1574 er-
hielt er den Auftrag, im Fürstengemach des Ziegen hainer
Schlosses zusammen mit seinem Sohne die Balken mit
Laubwerk „auszustreichen", auch die Zeiger der Uhr und
den Wappenstein an der Pforte zu bemalen.^)
Auch Hans Schröer*) von Augsburg (1572), Jörge
Cornet (1579)^) und Christoffel Jobst von Dippoldis-
walde ^) mögen an den Malereien beteiligt gewesen sein.
Bestimmt wissen wir das von Jaspar van der Borcht,
in dessen Hand die Ausstattung des goldenen Saales
^)St.A. Mbg.: O.W.S. 32; M. St. S. 818. 820; Mannbuch des
Landgrafen Moritz L 14. — Casseler Bürgerbuch. — Er starb vor 1593.
— 1571. 74 ist Hans Wetzel Baumeister Landgraf Wilhelms (St. A.
Mbg., 0. W. S. 32), 1585 kommt Christoffer Koch als Bauschreiber in
Cassel vor (M. St. S. 818), der 1574. 75. 79 Bauschreiber in Rotenburg
war (0. W. S. 32. 104).
*) St. A. Mbg., O.W.S. 32: 1573 Sept.: 1 fl. 25 alb. den malern
in meins g. f. und hern gemach. — 1574 Nov. 27: 5 fl. 16 alb. den
mahlern im roten stein an der genealogie (ebenso 1574 Sept. 18 und
1574 Nov. 20 5 fl. 16 alb. und 3 fl. 3 alb.).
») St. A. Mbg., O.W.S. 32. Ober Michel Müller, einen Schüler
Lucas Cranachs, der seit 1536 Juli 25 Landgraf Philipps Maler und
Diener war, finden sich die meisten Nachrichten in der Festschrift
von V. Brach und Könnecke ,,Die Bildnisse Philipps des Großmütigen"
Marburg 1905, Seite 67 fif., einiges in der Einleitung von v. Brach
zum Bd. XXVIII (N. F.) dieser Zeitschrift (Philippsfestschrift), in einem
Aufsatze vonKüch „Urkundliche Nachrichten über Wandmalereien im
Schlosse zu Ziegenhain" in dem Kalender Hessen-Kunst 1907, dann
eine Notiz in der Zeitschrift Hessenland 1901, S. 207—208, und Be-
richte über einen Vortrag Diemars in den Mitt. . . des Vereins f.
hess. Gesch. u. Lk. 1898, S. 51—52, 73, im Casseler Tageblatt 1899
März 30, Nr. 89 und im Hessenland 1899, S. 102.
*) Meister Hans Schroer, Maler in Cassel 1572 (O.W.S. 32)
war von Augsburg gebürtig und starb 1601 (begr. Aug. 11, Kirchen-
buch der Altstadt Cassel).
*) St. A. Mbg., 0. W. S. 104.
*) Nach einer Notiz von Rogge-Ludwig im Hessenland IV,
1890, S. 54 1580 zum hess. Hofmaler ernannt. Siehe auch Hessen-
land XIII 1899, S. 115.
N. F. BD. XXX. 21
— 324 —
in den 1580 er Jahren lag ^), und von Jost vom Ho ff 2)
(vom Hoffe, van Hove), der ebenfalls schon 1581 damit
beschäftigt war, Bildnisse für denselben Saal zu malen.
Mit den feineren Bildhauerarbeiten im Schlosse waren
die beiden hervorragenden Meister Elias Godefroy von
Cambray und Adam Liquir Beaumont ^) (meist nur
Meister Adam Bildhauer oder M. Adam Lacquiers [Lac-
quier, Lackquir, Leckquir] genannt), die Schöpfer des
Philippsdenkmals in der großen Kirche, betraut. Elias
Godefroy, der unter anderem schon vor 1560 *) das Ala-
bastergemach ausgeschmückt hatte, starb schon im Sep-
tember 1568.
Meister Adam finden wir 1573 mit Skulpturen
(Wappen etc.) für den Giebel des Ahnaberger Tores und
mit Arbeiten an einem Zierbrunnen im Lustgarten be-
schäftigt, wobei ihn der Bildhauer Henrich Kaps ^) (1573)
unterstützte. Seine letzte Arbeit in Hessen, einige Kamine
für das Rotenburger Schloß, ließ Beaumont 1574, nachdem
er fast den ganzen Herbst, wie auch schon 1569, schwer
krank gewesen war ^), unvollendet im Stich. Er entfernte
sich heimlich aus Cassel und trat zum größten Zorne
Wilhelms in die Dienste des Herzogs Julius von Braun-
schweig, für den er sofort (1574/75) eine ganze Reihe von
Werken, einen Tanzsaal, eine Hofstube etc. lieferte. Er
war nicht nur bis 1576, selbst nicht trotz mehrfachen
») StA.Mbg., O.W.S. 104. Jaspar van der Borcht (Caspar
von der Burg) wurde (wohl als Nachfolger Michel Müllers, der demnach
im Laufe des Jahres 1576 gestorben sein mag) am 1. Dez. 1576 als
Wilhelms Hofmaler und Diener angenommen (Revers) und erhielt
unter Moritz am 18. August 1593 eine neue Bestallung. — Über diese
und andere gleichzeitige Casseler Maler siehe Hessenland 1899,
S. 114—115, mehr noch in einem Aufsatze Carl Scherers im Re-
pertorium für Kunstwissenschaft XXI 1 über „die Familienbilder im
Landgrafenzimmer der Wilhelmsburg zu Schmalkalden".
2) Jost vom Hoff, „der itzo (1579 Nov.) die contrafeit macht und
in der canzley die arbeit itzo vornimpt" (St. A. Mbg., 0. W. S. 104).
Danach ist der Maler des großen Wandgemäldes im Renthofe nicht
Caspar van der Borcht, wie Scherer (Hessenland 1898, S. 319) an-
nimmt, sondern Meister Jost vom Hoffe. — Jost vom Hoffe wurde am
24. Febr. 1592 zu Cassel begraben (Kirchenbuch der Altstadt Cassel).
*) Einiges über diese beiden Künstler in v. Drach und Kön-
neckes Bildnissen Philipps S. 99.
*) St. A. Mbg., M. St. S. 816. — Von Godefroys Arbeiten für das
Alabastergemach sind einige Reliefs im Casseler Museum erhalten
(Bildnisse Philipps, S. 99, Anm. 1).
*) Heinrich Kaps von der Lichtenau wurde 1570 XI 23 mit Elisa-
bet Kniebe copuliert (Kirchenbuch der Altstadt Cassel).
«) St. A. Mbg., 0. W. S. 32. 104.
— 325 —
dringenden Mahnungen nach Cassel zurückgekehrt, son-
dern veranlaß te im Juli (?) 1575 auch noch die Übersiede-
lung seines ehemaligen Arbeitsgenossen Kaps ins Braun-
schweig^sche, der ebenfalls vom Herzog Julius als Bild
hauer angenommen wurde. ^)
Auch Willem Vernuken, der seit dem 1. Mai
1577 als landgräflicher Bildhauer in Cassel weilte, mag
noch genug zu tun im fürstlichen Schlosse gefunden haben.
1581 arbeitete er an den Stuckarbeiten im goldenen Saale ^),
1590 am Gewölbe der Kapelle.
Wie wir schon aus den oben genannten Jahreszahlen
gesehen haben, führte Wilhelm auch nach des Vaters Tode
(1567) die Bauten fort, ja fast mit noch größerem Eifer.
Im ersten Jahre seiner Regierung ließ er die hohe Mauer
hinterm Schloß errichten und das Rondel an der Fulda
erneuern.^) 1568 wurde das Schlachthaus, das auch noch
einer Reihe von anderen Zwecken diente, vor dem eigent-
lichen Schloßgebäude nach der (späteren) Rennbahn hin
oberhalb der kleinen Fulda fertiggestellt.*)
Ende der 1560 er Jahre wurde der Flügel an der
Fulda (von 1502) gänzlich umgebaut und den übrigen
Schloßbauten angepaßt. Im September 1569 waren Stein-
metzen- und Mauerarbeiten am Rotenstein soweit fertig,
daß Meister Christoffel Müller anfangen konnte, den Boden
zu legen. 1584 war auch der „güldene Saal" vollendet^),
dessen künstlerische Ausschmückung und Ausmalung eben-
so wie die Anbringung vieler von auswärtigen Höfen er-
worbener Fürstenbildnisse in der Hand Jaspars van der
Borcht und Josts vom Hoff lag. ^)
Auch die Arbeiten an der Festung Cassel ruhten
nicht. Seit 1571 wurden die großen Bastionen nach den
neuesten Erfahrungen umgebaut, 1574 erwuchs der Zeug-
mantel neben den anderen Bastionen am Zwehrenberg,
Totenberg, Giesberg, Wilhelmsberg und Ahnaberg. Graf
Rochus von Lynar, der geniale Festungsbaumeister, leitete
») St. A. Mbg., 0. W. S. 32. — Heinrich Kaps (Kappes) kehrte
später nach Cassel zurück, wo er 1582 starb (bgr. 1582 II 9 in der Alt-
stadt Cassel, Kirchenbuch).
*) St. A. Mbg., Bestallungen, dann 0. W. S. 104. — Kirchenbuch
der Freiheit Cassel : 1607 X 26 bgr. Wilhelmen Vernugken wergmeister.
5) St. A. Mbg., Ortsrepos. Cassel, M. St. S. 818, Schreiben Simon
Bings an Landgraf Wilhelm vom 20. Juli 1567.
*) Nach Inschrift, vgl. Schminke S. 108, Winkelmann S. 274.
*) Laut Inschrift, vgl. Schminke a. a. 0., S. 102, Winkel-
mann S. 274 etc.
«) St. A. Mbg., 0. W. S. 104.
21*
— 326 —
die Bauten, Georg von SchoUey hatte die Aufsicht. ^) Auf
diese und andere Werke Wilhelms, eines sehr baulustigen
und sehr bauverständigen Herrn, will ich hier nicht weiter
eingehen. Als prächtige Beispiele der soliden und ge-
schmackvollen Bauart zur Zeit Wilhelms IV. sind uns die
stattlichen Gebäude des Zeughauses, des Renthofs und
Marstalls erhalten.
Vom Landgrafen Moritz, Wilhelms Sohn, stammt am
Schlosse fast nur der Wall nach der Stadtseite mit dem
zierlichen Barockportal und der neuen Brücke, die an
Stelle des sehr morschen und gefährlichen alten Über-
ganges ^) in der ersten Regierungszeit des jungen Fürsten
trat, und die 1593 neu angelegte Rennbahn vor der West-
front der Residenz, zu der zugleich ein direkter Zugang
durch den Wall geschaffen wurde.
Hier mögen noch einige Worte über die Schloß-
kapelle in der Gebäudegruppe des 16. Jahrhunderts Platz
finden. Sie war 1563 neu in Stand gesetzt, lag, wie wir
aus Abbildungen Dilichs von 1591 und 1601 ^) wissen,
an der Südostecke des Schlosses über dem Rondel an der
Fulda und hatte ein steiles Dach, das die anstoßenden
Wohngebäude weit überragte. Um die Wende des Jahr-
hunderts *) muß ein durchgreifender Fassadenumbau daran
erfolgt sein, auf späteren Ansichten (schon 1605) ^) kann
man die Schloßkirche nicht mehr entdecken. Die Kapellen-
höhe wurde etwas vermindert, die mit hohen spitzbogigen
Fenstern geschmückte Außenwand mußte verschwinden,
:!
St. A. Mbg., M. St. S. 817, 0. W. S. 104. Vgl. auch Schminke etc.
Das alte durch einen daneben stehenden niedrigen Turm ge-
schützte (einzige) Portal aus Phihpps Zeit, lag nicht an derselben
Stelle wie das neue, sondern genau in der Mitte der nach der Stadt
gewandten Schloßseite. — 1589 (praes. 5. Febr.) zeigt der Oberburggraf
Valtin Tonges an, daß die Schloßbrücke gar baufällig ist und
unbedingt 'bald ausgebessert werden muß, damit Unglück verhütet
werde, „dan balken und alles gar faul und boes ist" etc. (St. A. Mbg.,
M. St. S. 817).
^) Theuner, Wilhelm Dilichs Ansichten hessischer Städte aus
dem Jahre 1591, Marburg 1902; und „Beschreibung und Abriß dero
Ritterspiel " durch Wilhelm Di lieh, Cassel 1601.
1) Vielleicht 1603/04, St. A. Mbg., 0. W. S. 104, Schreiben des
Leibmedicus Hermann Wolff an den Landgrafen d. d. Cassel 1603
Nov. 2. — Im Oktober 1590 war Wilhelm Vernuken mit Beschüttung
des Gewölbes über der Kapelle beschäftigt, wie wir aus einem Schreiben
des Landgrafen an den Bildhauer vom 20. Okt. 1590 wissen (St. A. Mbg.,
Kammerarchiv Nachträge), aber mit dem Umbau haben diese Arbeiten
nichts zu tun.
«^j Dilich, hess. Chronik 1605.
— 327 —
an ihre Stelle trat der Gleichmäßigkeit halber ein großer
Renaissancegiebel genau nach dem Vorbilde der bereits
an der Nordostecke, der Brüderkirche gegenüber befind-
lichen; zwei der alten Strebepfeiler der Kapelle blieben
jedoch stehen. Die Ecke des Schlosses, an der früher
das noch gotischer Zeit entstammende Gotteshaus als hohe
selbständige Halle ziemlich unvermittelt angegliedert ge-
standen hatte, bekam jetzt einen oben mit Altan ver-
sehenen, flachgedeckten Anbau, ebenso auch die Süd-
westecke. Nach Winkelmann (1697) ^) reichte das Ge-
wölbe der Kapelle nur noch bis ins dritte Stockwerk, man
scheint die alte Kirche also in Höhe und Länge nicht un-
wesentlich verkleinert zu haben.
Das Casseler Schloß hat im allgemeinen das Ansehen
und die Gestalt, die es ums Jahr 1600 hatte, bis zu seinem
Untergang im Jahre 1811 behalten, nur die Umwallung ist
bereits seit 1760 allmählich abgetragen und verschwunden.*)
Betrachten wir uns zum Schlüsse das hochgebaute,
mächtige Schloß, wie es zu Zeiten des Landgrafen Moritz
des Gelehrten aussah, etwas genauer. Wir treffen unge-
fähr der Mündung des heutigen Grabens in den Steinweg
gegenüber auf eine, den breiten Graben vor dem hohen
Walle überspannende Zugbrücke, die wir überschreiten,
treten zwischen zwei einfachen Wachthäuschen hindurch
in den von Moritz erbauten schmucken Torbau, den Haupt-
eingang zum Schlosse, ein sehr zierliches, mit drei ver-
schnörkelten Renaissancegiebeln und einer offenen funf-
bogigen Halle über dem wappengeschmückten Tore ver-
sehenes Häuschen, und kommen so durch die mächtige
Umwallung in den äußeren Schloßhof. Ein breites Säulen-
tor in strengen Renaissanceformen gewährt uns in der
Mitte des westlichen Schloßflügels, des nach der Renn-
bahn gerichteten Küchenbaus, Eintritt in den eigentlichen
Schloßhof, einen ziemlich geräumigen fast rechteckigen Platz,
der auf allen vier Seiten von mächtigen dreistöckigen Ge-
bäuden aus Quadersteinen begrenzt ist. Die breiten Flächen
der hohen Schieferdächer werden nac]^ der Außenseite
und nach dem Hofe zu durch mehrere große, schön mit
steinernen Voluten geschmückte Giebel, wie wir sie sehr-
ähnlich noch am Marstall sehen, unterbrochen, dazu durch
^) Johann Just Winkelmann, Gründliche und warhafte Beschrei-
bung der Fürstenthümer Hessen und Hersfeld . . ., Bremen 1697, Seite 274.
«) Schminke, a. a. 0., S. 108, 109: 1760 die Katz abgetragen.
1760 und 1763 der Bärengraben (gegen die Rennbahn) zugeworfen.
— 328 —
eine große Menge von kleinen Dachfensterchen und Aus-
gucken. In den vier Ecken stehen Treppentürme mit
verschiedenen Helmen, einfach spitzen Dächern und wel-
schen Hauben. Der 1557 errichtete Küchenbau, durch
den wir gekommen sind, enthält außer der Küche den
Küchensaal, der 1756 erneuert wurde und seitdem auch
den Namen blauer Saal führte, und unter vielen an-
deren Räumen auch im dritten Stockwerk an der Nord-
westecke das berühmte von Elias Godefroy gearbeitete
Alabastergemach. ^)
Gerade uns gegenüber auf der nach dem Renthof
gelegenen Schmalseite des Schlosses, die noch ein Stück
schmaler ist als der Küchenbau, zieht sich, durch die bei-
den Ecktürme links und rechts begrenzt, in sehr reizvoller
Anlage in drei Stockwerken übereinander eine oflFene,
durch steinerne Rundbogen verbundene Säulenhalle, die
1560 von Wilhelm auf eigene Kosten erbaut worden ist. ^)
Dahinter befinden sich die Gemächer der Frau Landgräfin.
Es ist der sogenannte Frauenzimmerbau, der, wie wir
vorn gehört haben, auch die gewölbte und ausgemalte
Schloßkapelle birgt.
Zur Rechten sehen wir den durch Wilhelm IV. an
der Stelle des Wilhelmsbaus von 1502 errichteten ziemlich
einfach gehaltenen Schloßflügel und unmittelbar daran an-
stoßend ein etwas niedrigeres Gebäude, das bei der Ver-
größerung des Schlosses 1557 zur Verbindung mit dem
auf dem Grund des ehemaligen Grabens entstandenen
Küchenbau neu aufgerichtet worden ist. An einem Teile
dieses Anbaus ist ebenfalls eine zierliche, bis zum zweiten
Stock reichende Galerie nach dem Hofe zu angebracht;
in der Ecke nach dem Küchenbau zu erhebt sich ein
reich mit Säulen und anderen Ornamenten geschmückter
Renaissanceturm. Dieser Schloßflügel über dem Wasser
enthält den Rotenstein, einen Prunksaal mit geschnitzter
Holzdecke ^), an dessen Wänden seiner Zeit sehr berühmte
Malereien zu sehen sind, namentlich die Genealogie der
hessischen Fürsten, eine etwas naive Darstellung der Ab-
stammung des Hauses Brabant von Karl dem Großen
1) Schminke, S. 103. Winkelmann S. 275.
*) Nach der Inschrifttafel, die beim Abbruch des Gebäudes im
Grundsteine aufgefunden wurde und jetzt im Casseler Museum ist.
(Bernhardi a.a.O. S. 13).
*) Diese ,,sehr künstliche von köstlichem Holzwerk gemachte
Decke", wie Winkelmann S. 274 sagt, ist 1571 durch den Hof-
schreiner Christoph Müller angefertigt. (St.A.Mbg., 0. W. S. 104).
— 329 —
auf zwiefache Weise, durch Vermittelung der Thüringer
Landgrafen wie des Brabanter Herzoghauses. ^) Wenn wir
durch den Brand des Schlosses auch diese 1573 und 1574
wohl unter der Leitung Michel Müllers geschaffenen Fresken
eingebüßt haben, so ist uns doch eine Nachbildung davon in
Kupferstich im Monumentum sepulcrale . . . Mauritii Hassiae
landgravii von 1640 erhalten. Daraus können wir sehen, daß
vom künstlerischen Standpunkt aus nicht allzuviel verloren ist.
Die vierte, nach der Stadt gerichtete Seite ist eben-
falls ziemlich bescheiden, ein großer Schneckengiebel in
der Mitte schmückt das Dach. In diesem Flügel befindet
sich im zweiten Stock der bis 1584 entstandene gewölbte
„güldene Saal", der durch des Bildhauers M. Wilhelm
Vernucken Hand unter Christoph Müllers Aufsicht^)
mit „vielem ausgehauenen vergültenen Laubwerk gezieret"
war. ^) Er enthielt außer einer großen Menge von Wap-
pen und etwa 150 Gemälden, die sämtliche im Zeitraum
von 1530 bis 1581 lebenden Herrscher christlicher Länder
darstellten, meist von der Hand des Hofmalers Jaspar van
der Borcht und Josts vom Hoff^), noch eine Galerie von
bemalten Büsten aller hessischen Landgrafen und ihrer
Gemahlinnen von Philipp bis auf Moritz den Gelehrten*),
von der uns Reste im Casseler Museum erhalten sind. ^)
Alle diese geräumigen Bauten umschlossen natürlich
eine große Menge heute nach ihrer Bestimmung nicht
mehr genau festzulegender Zimmer, die ungemein prächtig
ausgestatteten Wohnräume der landgräflichen Herrschaften,
zum Teil mit kostbaren Gobelins („Tapezereien" mit Dar-
stellungen aus der biblischen und römischen Geschichte etc.) ^),
1) Winkelmann a. a. 0., S. 274 Schminke S. 103.
«) St. A. Mbg., 0. W. S. 104.
^) 120 kleine fürstl. Porträts auf Holz, die sich im Casseler Museum
befinden, haben wahrscheinlich den Gemälden im goldnen Saale als
Vorlagen gedient.
*) Winkelmann S. 274. Schminke S. 101.
^) Ich halte die bemalte Thonbüste Philipps, die in den Bild-
nissen Philipps von v. Brach und Könnecke auf S. 77 abgebildet
und wohl ohne Berechtigung etwa dem Jahre 1710 zugeschrieben ist,
für ein Stück der ehemals im güldenen Saale aufgestellten Landgrafen-
büsten. Schon die Inschrift PHILIPS • LANDGRAVE • ZU • HESSEN •
und die Form der Buchstaben weist auf eine viel frühere Entstehungszeit.
«) St. A. Mbg., 0. W. S. 108. — Landgräfl. Teppichwirker war
seit 1566 Franz Steinbach („Frans van Steenbach van Audenarde"),
der 1574 Casseler Bürger wurde. Er war mit einer Tochter Michel
Müllers verheiratet (v. Drach-Könnecke, Bildnisse Philipps, S. 69).
Seine Tochter Catharina wurde 1598 mit Vsüentin Siegrried zu
Suhl vermählt (Kirchenbuch von Suhl).
— 330 —
die der Dienerschaft, das Hofarchiv, die 1557 erbaute Licht-
kämmerei *), die uralte, berühmte Hofapotheke, zeitweise
auch Dienstwohnungen für hohe Hof- oder Staatsbeamte
und Geschäftszimmer von Behörden, wie z. B. der Rent-
kammer. ^
Die beiden Ecken des Fuldaflügels waren mit hohen,
turmähnlichen Ausbauten versehen, von deren Altanen
man ebenso wie aus den langen Fensterreihen einen ent-
zückenden Blick über die Fulda und den Lustgarten auf
die weite, durch die Söhre begrenzte Landschaft gehabt
haben muß. Mehrere Erker schmückten die Gebäude-
^uppe, am meisten ein langer, schlanker, der auf zier-
licher spätgotischer Konsole ruhte, in der Mitte des Flü-
gels an der Wasserseite, wohl noch dem Bau von 1502
angehörig.
Außerhalb der Wälle, über der kleinen Fulda, die
damals bedeutend breiter war als heute, erhub sich das
unter Philipp schon 1560 angefangene, aber erst 1568 voll-
endete Schlachthaus, das zugleich Back- und Brauhaus
und Faßbinderhaus umschloß.^)
Ein kleines Pfortchen, bis zu Landgraf Moritz das
einzige außer dem Haupteingange von der Stadt aus,
fährte durch den Schloßwall und über eine lange Brücke
mit weitgespanntem Bogen, die 1569 von Wilhelm sinn-
reich konstruierte Narrenbrücke*), hinunter in die Aue,
den ,,neuen Lustgarten".*) Tor und Brücke verschwanden
1749 und wurden in größeren Verhältnissen wieder her-
gestellt*^
Das Schloß w*ar, wie wir gehört haben, als Mittel-
punkt der Stadt sehr stark befestigt. Eine runde Bütstei
stand der Brüderkirche geg^enüber, sie gehörte schoc rxir
ersten, in den 1520er Jahren durch Philipp angelegten
Befestigungslinie, war mit \ielen, hübschgeghederten
*^ Schminke S. 107.
*> St. A. Mbg.. KammenrcliiT. Nachtrag CasseL M. St S. 4o^.
*> Schminke S. lOa
*) IVr Lust^paarten wurde in der Aue seit 1568 durch Wilhelm
anfeleft v^ehminke S. 118. Winkelmann S. 276 . um 1571 eat-
stauid das Ti^rtürmi^j;:« Lasthaus mit einem kunstreichen Sprin^bninnen
im Inneren, in dessen Herstellung sich mehrere Mdster teüten. Der
Frankfurter Bllr^r und Brannenmacher Caspar Reinhardt leitete
157^ die technischen W'asserkunstanla^en. Mnster Adam Beaumont
lLac^|uiers> ferti;^« aus Eschwe^r Stein die kunstroUen i^ulpturen.
Isiael K eitler aus Ci^assel hatte die Blechschmiedearbeiten xn liefern.
^St. A. Mhf^ a W. S. lOIK
»> Schminke S. lOlEi^lOa
— 331 —
Frührenaissance-Dachgiebeln, und einem turmartigen Auf-
satze in der Mitte geschmückt und hatte die Zerstörung
von 1548 überdauert. Nur wenig verändert hat sie sich
bis zur zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts erhalten. Die
zweite, bei weitem stärkste Bastion an der Fulda, die
ebenfalls der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts entstammte,
in der Mitte des 17. Jahrhunderts durch die Fluten der
Fulda stark mitgenommen wurde und laut Inschrift durch
Wilhelm VI. 1652 wieder hergestellt werden mußte, zeugt
noch heute von den gewaltigen Bauten dieser Zeit. Eine
dritte, niedrige Bastei mit 4 Dachtürmchen und Zwiebel-
helm, die „Katz" stand am Stein weg, etwa dem heutigen
Polizeigebäude gegenüber.^) Zwischen dem Fuldarondel
und der Bastei an der Brüderkirche befand sich ein mäch-
tiger Wall und Graben, die sich bis zur Steinwegbastion
und um das ganze Schloß weiterzogen. Die Schloßfront
nach der Stadt hin war nach der Zerstörung von 1548
völlig unbefestigt gebheben. Erst Landgraf Moritz legte
Ende des Jahrhunderts von neuem Wall und Graben ^)
und zugleich das oben beschriebene Hauptportal an.
Am stärksten war die vierte, nach der Richtung des
heutigen Friedrichsplatzes gewandte Seite befestigt, ein
kolossaler Wall verdeckte das Schloß fast bis ins dritte
Stockwerk. Auf eine Bastion an der Südwestecke über
der kleinen Fulda hatte man verzichtet, weil der mächtige,
vorgeschobene Block des Zeugmantels (etwa da, wo jetzt
die katholische Kirche steht) genügend Schutz zu ge-
währen schien.
Die Rennbahn (später Paradeplatz), die den Platz
vor dem Justizpalaste und zum Teil das Gelände der heu-
tigen Kriegsschule einnahm, entstand erst, wie oben be-
reits erwähnt, seit 1593 unter Landgraf Moritz, der zugleich
auch einen Durchgang (Tor und Brücke) vom äußeren
Schloßhofe zur Rennbahn anlegen ließ.
Wir sind mit unserer Beschreibung des Schlosses zu
Ende. Der stattliche Bau selber, an dem Generationen
geschafft haben, eine Zierde der alten Stadt Cassel, ist
verschwunden. Aber glücklicher Weise sind uns eine
ganze Menge von Kupferstichen und Aquarellen, zum
Teil bedeutender Meister, erhalten, die uns dcis Landgrafen-
^) Sie wurde nach Schminke (S. 108) 1760 abgetragen.
') In dem trockenen Graben beim Marställerplatz war später
eine Edelsteinschleiferei, im Graben nach der Rennbahn hin wurden
Bären gehalten. (Schminke S. 109. 110).
— 332 —
schloß von fast allen Seiten vorführen, so daß man sich
mit Hülfe von alten Aufzeichnungen und Archivalien wohl
ein gutes Bild machen kann, wie*s gewesen ist. Allzuviel
Erinnerungen an die ruhmreiche Vergangenheit hat unsere
Stadt in ihren Mauern nicht mehr. Noch in den letzten
Jahren ist unverantwortlicher Weise vieles zerstört, man-
ches verschwunden, was bei gutem Willen leicht hätte
erhalten werden können. Möge wenigstens das, was wir
jetzt noch haben, ein für allemal den Schutz der städtischen
und königlichen Behörden finden. Es ist ein ideales, un-
schätzbares Gut, das uns von den Vätern überkommen ist.
Diesen Besitz zu erhalten und zu wahren, vor Entstellung
oder gar völliger Vernichtung zu schützen, ist nicht nur
unser aller gutes Recht, sondern eine heilige Pflicht.
Beilage 1.
Bauordnung etwa aus dem Jahre 1557. ^)
Verordenung 6 personen, so allenthalben mit
zusehen sollen zur bauarbeit.
Zum ersten meuß unser gnediger fürst und herr land-
graff Wilhelm uff den platz des baues sechs guter gesellen
ordenen, die sollen den morgen zum ersten uff der arbeit
sein, desgleichen zu acht uhren und zu einer uher, und
nit von dem baue gehen, die arbeiter seien dan alle von
der arbeit abgangen.
Zum andern muessen die maurmeister als Hans
Eddelman und Hans von Marpurgk alle die stein,
so sie in grund und uff den ganzen bau bedorffen, mit
einer kolen zeichnen und ein kreuz daruff machen, und
darnach der sechs bevelhaber einem anzeigen, wilche stein
in grund und zum baue getragen werden sollen.
Zum dritten mueß Lodewigk Mebes uff dem
platze vor und vor pleiben, wans mangelt am wergkge-
zeuge, alsdan weiß derselbige allen bescheit.
Zum vierten mueß einer geordent werden uff den
baumgarten, der fleißlich zusihet, daß die mauerstein und
hauestein uff den bau zurechte gefurt werden.
Zum fünften mueß einer geordent werden uff den
platz, wan meister Jost der wergkmeister die haue-
>) St. A. Mbg., M. St. S. 815, Ortsrep. Cassel.
— 333 —
stein im schlösse versetzet, daß derselbige vleissigk zu-
sieht, daß die stein woel ufFgeladen, zurechte gebracht
und nicht zerbrochen werden.
Zum sechsten müssen zwene geordent werden, die
uff die kalkdreger vleißigk zusehen, daß den meurern kalks
genugk werde zugetragen.
Zum siebenden müssen zwene uff den platz geordent
werden, die uff die meurer vleissigk zusehen, daß die
meurer kalkes genugk in den zobbern haben.
Beilage 2.
Zwei Schreiben Wilhelms IV. an die Räte in Gassei
über den Schloßbau 1557.-)
1. Wilhelm von Gots gnaden landgrave zu Hessen grave
zu Catzenelnpogen etc.
Lieben getreuen, wir haben den auszug der rechnung
von der vferten wochen des ^U jars entpfangen und ge-
lesen, und dunkt uns, nachdem vill wöchentlich uff di
Steinmetzen geben wird, das sie wenig dargegen liefern,
dan ye was sie diese woche geliffert haben, als nemlich
vier fenster und eine thur, die können über 29 gülden nit
gelaufen, da ir 64 gülden darauf verrechnet.
Was sie die vorige woche geliffert haben, leuft auch
über 23 gülden nit, da ir hat 61 verrechnet.
Di dritte woche zuvor habt ir 61 gülden verrechnet,
da si doch nit mehr dann vor 18 gülden geliffert haben.
Und also vort aus halt irs meistlich alle wochen, das
wir nit wissen, wie wirs verstehen sollen, ob du der bau-
schreiber oder sie di steinmitzen schelk seien, dan das
wissen wir woU, wan eine woche in di ander uff di Stein-
metzen, so im gedinge hauen, 40 gülden ginge und geben
wurde, das sie auch uff sovil gelts arbeiten wöchentlich,
das nit viel steinwerks am gibein, Schnecken und anderen
geschwey, dan an fenstern und thuren in di mittelwande-
rung noch wurd zu machen sein.
Derhalben sehet zu, wie irs durch ein andern kocht,
dan finden wirs unrecht, solt ir di bauschreiber und Stein-
metzen sehen, das ir keinen scherzvogeln an uns haben
solt.
Ir, der stadthalter und marschalk wollet euch, wie
wir euch vielmals bevohlen, einen auszug aus den re-
») St. A. Mbg., M. St. S. 817, Ortsrep. Gassei.
~ 336 —
leubnus nit hinwegk laufen, auch darauf sehen, daß es
von inen und den andern nit beschee, dan sunst kan man
mit dem bhau nirgents fortkomen.
Wir sorgen, woe ir nit ein ernst wurdet prauchen,
sie wurden bald über euch herhuppen ; darumb wer noch
unser rath, daß es geschee.
Unserm stathalter und marschalck zu Cassell, rethen und
lieben getreuen Heidrichen vom Kaienberge und
Fridrichen von Roishausen.
Cito
Ifo"*"^ (pres. 8. Juli 1557)
Beilage 3.
Die wichtigsten Ansichten des alten Casseler Land-
grafenschlosses. ^)
I. Das ältere Schloß etwa bis zum Jahre 1552.
1. Es gibt nur eine authentische Ansicht, auf dem im
Text genauer besprochenen großen Plane von Cassel
aus dem Jahre 1548. Eine ausführlichere Beschreibung
kann unterbleiben, weil eine Nachbildung dieser wohl
von Michel Müller in Wasserfarben gemalten An-
sicht meinem Aufsatze beigegeben wird. Der Plan
befindet sich im Staatsarchive zu Marburg. — Das etwa
gleichzeitige Exemplar im Besitze des hessischen Ge-
schichtsvereins zu Cassel ist weniger zuverlässig, das
Müllersche Bild ist ziemlich handwerksmäßig kopiert,
manches ist mißverstanden.
2. Wilhelm Dilich bringt in seiner hessischen Chronik
von 1605 eine kleine Abbildung mit der Beischrift
Arx vetus 1490, die bis auf kleine Abweichungen (4
statt 3 Dachtürmchen etc.) mit dem Bilde von 1548
übereinstimmt. Dilich muß noch glaubwürdige Vor-
lagen gehabt haben, der alte Schloßbau selbst ist schon
etwa 20 Jahre vor Dilichs Geburt abgebrochen. Die
Casseler Landesbibliothek besitzt eine gleichzeitige
schlechte Kopie (Federzeichnung) dieses Bildes.
*) Vollständigkeit der Ansichten wird nicht angestrebt, ich zähle
nur die wichtigsten Bilder auf, die mir bekannt geworden sind. Die
Bilder in den Werken von Braun und Hogenberg, Bertius, Meißner,
Abraham Säur etc. kommen hier nicht in Betracht. — Eine sehr
umfangreiche Zusammenstellung von Ansichten und Plänen der Stadt
Cassel überhaupt gibt Jacob Hoffmeister in seiner 2. Auflage von
Piderits Geschichte von Cassel.
— 337 —
II. Das neue von Philipp und Wilhelm IV. ge-
baute Schloß mit späteren geringfügigen Änderungen.
1. Federzeichnung von Wilhelm Dilich, Blick auf
die Stadt Cassel von Nordosten etwa aus der
Gegend vor dem Wesertore 1591. Das Schloß (mit
Kapelle) hebt sich deutlich heraus. Im Staatsarchiv
zu Marburg, neuerdings publiziert durch E. Theuner
in „Wilhelm Dilichs Ansichten hessischer Städte aus
dem Jahre 1591, naqh den Federzeichnungen in seiner
Synopsis descriptionis totius Hassiae". Marburg 1902.
2. Ansicht Cassels von Norden, mit reicher Staflfage,
im Vordergrunde das Müllertor, links im Hintergrunde
in ganzer Länge (Fassade nach dem Renthof mit
Schloßkirche und der Flügel nach der Stadt zu) mächtig
hervortretend der Renaissancebau des Schlosses. Kupfer-
stich von W. Dilich 1601 (1598), querfolio, Doppel-
blatt nach Seite 5 des ersten Teils der „Beschreibung
und Abriß dero Ritterspiel / so der Durchleuchtige /
Hochgeborne Fürst und Herr / Herr Moritz / Land-
graff zu Hessen / etc. ...... halten lassen / ver-
fertiget Durch Wilhelm Dilich. Gedruckt zu Cassel
durch Wilhelm Wessel. Anno M.DCI. (Die Vorrede
und Widmung ist datiert vom 9. August 1598). —
Eine verkleinerte, schlechte Wiedergabe dieses inter-
essanten Blattes findet sich in Jacob Hoffmeisters
zweiter Auflage der Geschichte der Haupt- und Resi-
denzstadt Cassel von Dr. F. C. Th. Piderit, Cassel 1882.
3. Darstellung von allerhand künstlichem Feuerwerk etwa
vor dem Wesertore. Im Hintergrunde die Umrisse
von Cassel in nächtlichem Dunkel. Schloß mit Ka-
pelle deutlich zu sehen. Kupferstich von W. Dilich
1601, querfoho, Doppelblatt nach Seite 77 von Teil 1
des ebengenannten Werks.
4. Innerer Schloßhof zu Cassel mit Staffage (Fuß-
turnier). Blick von Norden auf den Fuldaflügel. Von
den Bauten sehr wenig zu sehen (2 Renaissancepforten
im Hauptbau, daneben rechts der spätere Anbau mit
kleiner Säulenhalle). Kupferstich von W. Dilich 1601
nach Seite 7 von Teil 1 desselben Werks.
5. Innerer Schloßhof mit StaflFage (Feuergefecht mit
sehr viel Rauch), ebenfalls von Norden gesehen. Dies-
mal durch den Rauch der untere Teil der Gebäude
verdeckt, besonders deutlich die beiden den Fulda-
— 338 —
flügel begrenzenden Ecktreppentürme, links ein sechs-
eckiger mit spitzem Helm, rechts ein reicher Re-
naissanceturm (ebenfalls sechseckig) mit welscher Haube.
Hinter dem linken Turme das hochragende Dach der
Kapelle, noch weiter links die offenen Säulenhallen
des Frauenzimmerbaus. Kupferstich von W. Dilich
1601 vor Seite 8 des 1. Teiles etc.
6. Blick von Westen auf den großen, freien Platz (Renn-
bahn) vor der Westfront des Schlosses mit sehr
interessanter Ansicht des durch den Wall halb ver-
deckten Küchenbaus und der Stadt etwa vom Mar-
ställerplatz bis zur Unterneustadt (mit Siechenhof).
Kupferstich von W. Dilich 1601, Doppelblatt nach
Seite 15 der . . Ritterspiel . . Schlechte, verkleinerte
Wiedergabe bei Piderit-Hoffmeister.
7. Derselbe Platz (die Rennbahn) wie 6, aber von Süden
gesehen. Blick auf die Stadt ^ mit Druselturm und
großer Kirche. Vom Schlosse sieht man rechts nur
noch einen Teil der Umwallung und die Eckbastion
(die Katz). Doppelblatt nach Seite 9 und noch einmal
nach Seite 41 des 2. Teiles von W. Dilichs Beschrei-
bung . . . dero Ritterspiel ... 1601.
8. Innerer Schloßhof mit Staffage von Süden aus
gesehen. Blick auf den Stadtflügel mit großem Re-
naissancetore und zwei kleineren Türen; das Dach
schmückt ein großer Schneckengiebel, von zwei kleinen
Dachgiebeln trägt einer ein Zifferblatt. Ein kleiner
Dachreiter (Glockentürmchen) ist gerade noch zu er-
kennen. Links und rechts je ein Treppenturm, links
der Küchenbau mit Hauptportal zum äußeren Schloß-
hofe, rechts die dreifache Säulenhalle des Frauenzimmer-
baus. Kupferstich von W. Dilich 1601 nach Seite 39
des 2. Teils der Ritterspiele.
9. Ansicht von Cassel 1605, etwa von demselben
Standpunkt aus wie die Zeichnung von 1591 (II 1).
In der Mitte das Schloß (ohne Kapelle). Unter diesem
Bilde links die oben unter I 2 beschriebene Ansicht
der arx vetus von 1490 und zum Vergleich damit
die arx nova 1605 mit den drei (hier wohl nicht
der Wirklichkeit entsprechend fast ganz gleichartig
gezeichneten Rondelen) und dem neuen Torhause des
Landgrafen Moritz, von der Nordostecke aus aufge-
nommen. Rechts ein sehr kleiner Plan der Stadt, in
— 339 —
der Mitte Casseler Wappen und Dedikation. Kupfer-
stich in Dilichs hessischer Cronik 1605. Ungefähr
gleichzeitige schlechte Nachzeichnungen der beiden
kleinen Ansichten von 1490 und 1605 im Besitz der
Landesbibliothek zu Cassel.
10. Ansicht des Schlosses von Süden (von der
Fuldaseite aus) aus der Vogelperspektive. Feder-
zeichnung in folio von der Hand des Landgrafen
Moritz, sehr übersichtliches interessantes Blatt. Dabei
ebenfalls von seiner Hand die Zeichnung eines ge-
planten, aber nicht ausgeführten neuen Schloßbaus,
einer Verlängerung des den Rotenstein umfassenden
Fuldaflügels über die Südwestecke des Schlosses hinaus,
von Nordwesten gesehen. Im Besitz der Landes-
bibliothek zu Cassel (Mscr. Hass. fol. 107).
11. Grund- und Aufriß des Casseler Schlosses,
auf dem 1636 von Fürck gestochenen Porträt des
jüngeren Johann Wilhelm Dilich. Kupferstich in hoch-
quart. (Aus dem handschriftlichen Kataloge von Jacob
Hoffmeisters jetzt im Darmstädter Museum befindlichen
hessischen Bildersammlung. — Das Bild hat mir nicht
vorgelegen.)
12. Abbildung von Cassel von der Südostseite. Im
Vordergrunde der von Eschwege kommende große
Leichenkondukt mit der Leiche des Landgrafen Moritz
kurz vor dem Einzug in Cassel. Unzuverlässiges Bild,
das Schloß ist gänzlich verzeichnet und unrichtig.
Auf einem zweiten Blatt, das den Leichenzug
vom Schloß zur Martinskirche darstellt, ist ein kleines
Stück vom Schloßtor und Wall zu sehen.
Beide Bilder (in Kupferstich) im Monumentum
sepulcrale ad . . . Mauritii Hassiae Landgravii . . . me-
moriam . ., Cassel 1640.
13. Blick auf Cassel von Südsüdost. Gutes Bild in
Merlans Topographia Hassiae etc. 1655, Kupfer-
stich in querfolio. Das Schloß mit Befestigung (Fulda-
front) tritt gut hervor. Kleine Nachbildung bei Piderit-
HofFmeister.
14. Plan von Cassel aus der Vogelperspektive, 1655.
Die Darstellung des Schlosses ist ungenau, an vielen
Stellen direkt falsch, sie widerspricht sogar in den
meisten Punkten der eben (in 12) besprochenen An-
sicht in demselben Buche. Kupferstich in querfolio in
N. F. BD. XXX. 22
— 340 —
Merlans Topographie 1655. Kleine Nachbildung bei
Piderit-Hoffmeister.
15. Blick von Nordwest aus der Vogelperspektive auf das
Schloß zu Cassel, 1665. Darstellung des Leichen-
zugs Landgraf Wilhelms VI (1663), der sich aus dem
Schloßtore heraus entwickelt. Das Schloß ist fast
völlig sichtbar, namentlich der Küchenbau mit Haupt-
eingang, der äußere Schloßhof, die Umwallung und
das reiche Torhaus des Landgrafen Moritz. Kupfer-
stich in großfolio von E. v. Lennep in der „Ehren-
seule dem durchleuchtigsten Fürsten und Herrn Hn.
Wilhelmen dem Sechsten Land'graffen zu Hessen etc. etc.
. . . auffgerichtet". Rinteln (o. J.). Ich gebe eine kleine
Nachbildung dieses interessanten Bildes vorn nach
Seite 326.
16. Ganz genaue Aufrisse, Durchschnitte und Grundrisse
des Moritzschen Torbaus, Handzeichnungen von
C. Range und dem Schleusenbauschreiber C.L. Göbell
1748 im Staatsarchiv Marburg (Acc. 1904/20, Nr. 24
bis 26). 1)
17. Federzeichnung (in Umrissen) des Torbaus, ca. 1750
im Staatsarchiv Marburg. (Acc. 1903/64. Chatten-
burg und altes fürstl. Schloß zu Cassel, 17 Handrisse,
Nr. 5.)
18. Aufriß des Schloßflügels nach dem Renthofe
hin, mit Projekt zu einem an diesen Teil des Schlosses
zu erbauenden großen Turmes, Handzeichnung ca.
1750 (interessant). Im Staatsarchive zu Marburg.
(Acc. 1906/12).
19. Kleine Federzeichnung der Rennbahnfassade,
ca. 1750, im Staatsarchive zu Marburg.
20. 2 große Aufrisse der fünfgiebligen Fassade über
der Fulda, Tuschzeichnungen ca. 1750. Dabei eine
große Zeichnung desselben Flügels nach einem proiek-
tierten Umbau mit Mansardendach ohne Giebel, ca.
1750. Im Staatsarchive Marburg (Acc. 1904/20, Nr.
20. 27. 29).
21. Flüchtige Bleistiftskizze des Renaissancehaupt-
portals am Küchenbau (im äußeren Hof) ca. 1750,
im Staatsarchive Marburg (Acc. 1903/64. Chattenburg
etc., 17 Handrisse, Nr. 7).
^) Im Marburger Staatsarchive befinden sich außer den hier
erwähnten noch eine ganze Reihe von Plänen und Rissen des alten
Schlosses.
— 341 —
22. Blick (etwa vom Polizeigebäude am Steinweg aus)
auf die West- und Nordfront des Schlosses.
Die Umwallung des Schlosses ist zum größten Teile
verschwunden. Längs des Nordflügels zieht sich eine
Promenade von 5 Baumreihen. Neuere Photographie
von Rothe in Cassel nach einem Aquarellbild von
etwa 1775, das mir nicht zu Gesicht gekommen ist.
Je ein Exemplar der Photographie besitzt die Landes-
bibliothek und die Bibliothek des hessischen Geschichts-
vereins in Cassel. Eine Nachbildung findet sich in
der Festschrift zur 75. Versammlung deutscher Natur-
forscher und Ärzte in Cassel „die Residenzstadt Cassel"
(1903). Das Bild gebe ich ebenfalls als Beilage.
23. Ansicht der alten Fuldabrücke, des Renthofs
und des dahinter liegenden majestätischen Schlosses
Blick etwa vom Kastell an der neuen Brücke aus.
Aquarell mit hübscher Staffage auf der mit 3 Häus-
chen besetzten Brücke und der Schlagd. Das Rondel
an der Fulda trägt noch einen Garten, darüber erhebt
sich zwischen Renthof und Schloß ein Haus mit
Mansardendach. Gemalt von dem Obermaler in der
landgräflichen Porzellanfabrik zu Cassel, Johann
Heinrich Eisenträger^) 1772. Größe 44:26 cm.
In meinem Besitze. Eine Nachbildung befindet sich
nach Seite 340.
24. Aquarell, bezeichnet J. H. Müntz, Major A. 1788.
Standpunkt etwa Eingang von der Aueseite zur heutigen
Drahtbrücke. Links das Schloß, gerade aus Blick auf
die alte Brücke, rechts die Unterneustadt. Im Vorder-
grunde ein Steg über die Fulda mit hübscher Staffage.
Das Bild ist unmittelbar vor dem Abbruch der alten
Brücke aufgenommen worden. Der Steg (Schiffbrücke)
diente als Ersatz bis zur Fertigstellung der neuen
Wi Ihelmsbrücke.
Im Besitz der Landesbibliothek zu Cassel. Nach-
bildung in der Festschrift zur 75. Versammlung
deutscher Naturforscher und Ärzte in Cassel 1903.
Siehe auch die Abbildung am Schlüsse dieses Buches.
25. Kleine Ansicht des Schlosses von der Renn-
bahn aus. Radierung von W. Unger in der Schrift
*) Über ihn einige Nachrichten in einem Aufsatze von v. Brach
im „Hessenland'* 1891, S. 138 und von Lenz im Jahrbuch der Königl.
Preuß. Kunstsammlungen II S. 219 ff. (auch abgedruckt in der „Wart-
burg", Organ des Münchener Altertumsvereins VIII 1881 Seite 157 ff.
— 342 —
von V. Apell, „Cassel und die umliegende Gegend.
Eine Skizze für Reisende", Cassel 1792.
26. Blick auf die neue Brücke, Stadtbau, Renthof, Schloß.
Radierung von Sieber in der zweiten Auflage der
ebengenannten Schrift v. Apells, Cassel 1796.
27. „Ansicht des Fürstlichen Schlosses außer der
Stadt Cassel am lincken Ufer der Fulda, nebst einem
Theile der Altstadt und Unterneustadt." Kupferstich
in großquerfolio von Johann Werner Kobold 1793.
Fast vom selben Standpunkt wie (Nr. 23) das Müntzsche
Aquarell aufgenommen, auch wohl nach einer Zeichnung
des Jahres 1788 (die alte Brücke steht noch, im Vorder-
grunde die Schiffbrücke). Der Maler hat sich und
seinen Sohn auf dem Stiche verewigt. — Schlechte
Nachbildung bei Piderit-Hofifmeister, Geschichte von
Cassel.
Literatur.
Erste bis Fünfte Veröffentlichung des Fuldaer Geschichts-
vereins. Fulda, Actiendruckerei 1899—1905. (1. 35 SS. gr. 4^
mit 2 PL und 7 Tfln. 1899. 2. VJI u. 72 SS. 8<> 1900. 3. 19 SS.
gr. 4« mit 2 PL 1 Beil. und 2 Tfln. 1901. 4. 272 SS. 8<> 1904.
5. 11 SS. gr. 4<> mit 2 PL, 4 Karte, 2 Tfln. u. 1 Beil. 1905.)
Festgabe zum Bonifatius-Jubiläum 1905. Mit 4 Lichtdruck-
tafeln und 11 Abbildungen. LXXVI u. 37 SS. gr. 4<>. Fulda, Actien-
druckerei 1905.
Fuldaer Geschichtsblätter. Monatsbeilage zur Fuldaer Zeitung,
Zeitschrift des Fuldaer Geschichtsvereins. Jahrg. 1 — 5. 1902 — 1906.
Je 192 SS. 8^ nur Jahrg. 4 : 208 SS. Jahresbeitrag Mk. 2.00.
•Quellen und Abhandlungen zur Geschichte der Abtei und
der Diözese Fulda. Im Auftrage des Historischen Vereins der
Diözese Fulda hera. von Greg. Richter. Fulda, Actiendruckerei
1904—5. I : L u. 118 SS. 8^ II mit 3 Abbildungen, VIII u. 191 SS. 8^
Unter den nicht ganz wenigen Geschichtsvereinen, die in beiden
Hessen und Waldeck erst im neuen Jahrhundert entstanden und mit
Veröffentlichungen hervorgetreten sind, hat die regste Tätigkeit der
Fuldaer entwickelt. Der Raum gestattet mir leider nicht auf die
fünf „Veröffentlichungen" der Jahre 1899 — 1905 näher einzugehen. Die
1., 3. u. 5. sind der vorgeschichtlichen Forschung gewidmet. In statt-
lichen Heften in Großquart, denen zahlreiche Tafeln und Pläne beige-
fügt sind, belehrt uns Herr Lehrer Joseph Vonderau über (Heft 1)
„Pfahlbauten im Fuldatale" [innerhalb der Stadt Fulda], über
Ringwälle des Fuldaer Landes, nämlich (Heft 3) „Zwei vorgeschicht-
liche Schlackenwälle im Fuldaer Lande" [A: auf dem Haimberg,
B: auf dem Sengersberg bei Salzschlirf], (Heft 5) „Der Ring wall am
nördlichen Heidenküppel bei Unterbimbach imKreiseFulda".
Zur Einführung weiterer Kreise in diese Studien sind trefflich geeignet
die Aufsätze desselben Verfassers: „Der heutige Stand der vor-
geschichtlichen Forschung im Fuldaer Lande" in den Fuldaer
•GeschichtsbL 4. Jahrg. (1905) Nr. 3 und 5, Nachtr. Nr. 12.
Die beiden ersten Jahrgänge dieser Zeitschrift (1902 — 3) wurden
von Dr. Jos. Karteis, Stadtarchivar von Fulda, herausgegeben. Karteis
hat sie zum guten Teile selbst geschrieben und in großer Vielseitigkeit
namentlich Fragen der Stadt-, Kultur- und Wirtschaftsgeschichte, oft in
Anlehnung an einen archivalischen Fund, immer in Imappem Rahmen,
a.ber für weite Kreise anregend und belehrend behandelt. Karteis hat
— 344 —
auch im Jahre 1903 die bisher umfangreichste (4.) Veröffentlichung ge-
liefert mit den „Rats- und Bürgerlisten der Stadt Fulda", einer
dankenswerten Vorarbeit für eine Stadtgeschichte Fulda's, einer Quelle
für familiengeschichtliche und Namens - Forschungen. Für das ganze
Mittelalter waren nur Namen aus einzelnen Urkunden zusammen zu
tragen, eine reiche, fortlaufende Überlieferung setzt erst mit dem Jahre
1525 ein. Diese Arbeit mühsamen Fleißes, die mit Anmerkungen, An-
lagen und einem Namensverzeichnis ausgestattet ist, reicht bis zur
Säkularisation im Jahre 1802. Eine wertvolle Besprechung des Bandes
lieferte der Fuldaer Bibliothekar Karl Scherer in den Fuldaer Ge-
schichtsblättern 2 (1903) S. 184—7. Die S. 22 Anm. nach dem
Stadtarchiv von Fulda angeführte Urkunde König Adolfs von Nassau
wurde von Dronke im Jahresbericht des Gymnasiums 1845/6 S. 4 ver-
öffentlicht.
Von Jahrgang 3 ab hat Gregor Richter, Doktor der Theologie
und Philosophie, Professor an der philos.-theolog. Lehranstalt zu Fulda,
die Leitung der Fuldaer Geschichtsblätter übernommen und selbst
in so manchen großen und kleinen Beiträgen sein Interesse für kirch-
liche Verfassungsgeschichte, für Kunstgeschichte, für die Geschichte des-
geistigen Lebens, wie seine Vertrautheit mit diesen Disziplinen bewährt.
Wenn man weiß, wie schwer Ergebnisse, die in allgemeingeschichtlichen
Zeitschriften und großen Quellenpublikationen gewonnen wurden, in
die Kreise der Lokalforscher eindringen, so erscheint besonders dankens-
wert die Reihe von Aufsätzen Richters im letzten Jahrgang, welche
sich unter dem Titel „Bonifatiana" mit Levisons Ausgabe der Bio-
graphien des heiligen Bonifatius und mit den Aufsätzen Walther Köhlers
und Mich. Tangl's (vergl. in diesem Bande oben S. 172—4) beschäftigen,
die Ergebnisse Köhlers ablehnend, wie auch ich es tue, Tangls Fest-
legung des Todesjahrs 754 (statt 755) in selbständiger Darlegung be-
kräftigend. Zur Seite stelle ich die beiden Aufsätze Richters in den
letzten Monatsheften des Jahres 1906 „neuere Hrabanusliteratur",
die auch dem Forscher auf diesem Gebiete willkommen sein werden.
Seine Vertrautheit mit den Quellen der ältesten und größten
Jahrhunderte der Fuldischen Geschichte hat Richter femer bewährt
in der selbständigen Schrift „die ersten Anfänge der Bau- und
Kunsttätigkeit des Klosters Fulda" (2. Veröffentl. 1900) „zugleich
erster Teil einer Kunstgeschichte des Klosters Fulda". Leider reicht
dieser gediegene Beitrag zur Baugeschichte des Klosters wie zur Ge-
schichte der anderen bildenden Künste unter den Mönchen Fulda's nur
bis zum Tode des Abtes Sturm im Jahr 779. Die Schrift macht dem
Schüler von F. X. Kraus alle Ehre, sie enthält auch (S. 21—3) eine
längere Ausführung über die handschriftliche Überlieferung der Vita
Sturmi, welche das Verlangen nach einer neuen Ausgabe dieser Quelle
rege macht.
War diese kleine Schrift nur als Vorstudie gedacht für eine Ge-
schichte der gesamten Bau- und Kunsttätigkeit des Klosters Fulda in
karolingischer Zeit, so erwies sich die Ausführung dieses Planes zu-
nächst als unmöglich. Als ein gewisser Ersatz sind zu betrachten die
„Beiträge zur Geschichte der Grabeskirche des heiligen
Bonifatius in Fulda", welche Gr. Richter in der „Festgabe zum
Bonifatius-Jubiläum"^) S. I — LXXVI geboten hat. In einem ersten
^) Es sei gestattet, um oben den Zusammenhang nicht zu unter-
brechen, die zweite Abhandlung der „Festgabe" in dieser Anmerkung
— 345 —
Abschnitt verzeichnet und würdigt R. „die Quellennachrichten über die
Basilica Ratgars (erbaut 791—819) aus karolingischer Zeit", in einem
zweiten erörtert er „die weiteren Schicksale der Grabeskirche des hei-
ligen Ronifatius im Mittelalter" unter Mitteilung der wichtigsten Quellen-
stellen, in einem dritten Abschnitt handelt er nach Quellen in Wort
und Bild von der „Stiftskirche zu Fulda im 16. und 17. Jahrhundert".
Der kirchlichen Rechts- und Verfassungsgeschichte der Abtei
Fulda hauptsächlich im 17. und 18. Jahrhundert ist eine andere Ver-
öffentlichung Richters die Statuta majoris ecclesiae Fuldensis
(Qu. u. Abh. 1) gewidmet. Reformations- und Visitationsdekrete päpst-
licher Bevollmächtigter aus den Jahren 1627, 1693 und 1710 sind der
Hauptbestandteil des Bandes, es sind Urkunden gesetzgeberischer Tätig-
keit für die Abtei, Bestimmungen für Abt, Kapitel und Pröbste. Voraus-
geschickt wird die Wahlkapitulation vom 1. Sept. 1395 in 25 Para-
graphen, die als „alte Statuten des Stiftes Fulda'* mit einigen Modi-
fikationen auch neben den „apostolischen Dekreten der Visitatoren des
17. und 18. Jahrhunderts" in Geltung blieb. Der Inhalt dieser für die
Kenntnis der Rechtsverhältnisse des Fuldaer Stiftskapitels wichtigsten
Quellen ist natürlich auch von typischem Interesse. Eine Ergänzung
dieses Bandes bot Richter in den Aaifsätzen ..die adligen Kapitulare
des Stiftes Fulda seit der Visitation Carafa's (1627 — 1802)"
in den Fuld. Geschichtsbl. 3, 65—93 und 115—28, auch im S.A. 1904
erschienen.
Noch manche kleinere Quellenpublikation der Fuld. Geschichtsbl.
möchte ich anführen: Die Stausenbacher Chronik des Kaspar
Preis von 1637—67 mitgeteilt von Postsekretär Ruhl-Marburg
in Jahrg. 1 Nr. 8 — 12, die Hauschronik des Johann Lutz von
Salmünster (t 1693) von 1631—1679 hera. von Dr. Karl Scherer
Jahrg. 3 Nr. 2 — 11. Die Anführung noch kleinerer Quellenbeiträge
muß ich unterlassen, nur sei hingewiesen auf die zahlreichen hübschen
Mitteilungen von A. Pabst aus dem Hünfelder Stadtarchiv im 4. und
5. Jahrgang und auf eine Mitteilung von weiter reichendem Interesse
aus einer Dresdner, ursprünglich Eisenacher Handschrift des 15. Jahr-
hunderts. Es handelt sich da um einen Reiseführer in knappster
Form für die „Reise von Isenach durch die buchen uff Frangk-
furt" und von da einerseits über Speier, Straßburg und Basel nach
Konstanz, andrerseits über Mainz, den Rhein abwärts nach Koblenz,
Köln und Amsterdam. Der Herausgeber, der Franziskaner Mich. Bihl
(dem wir auch einige gute Beiträge zur Franziskanergeschichte
Fuldas in den Geschichtsbl. 4, 30 f. und 190 f. verdanken) hat das
Itinerar sorgfältig erläutert.
zu besprechen. Karl Scherer handelt auf S. 1—37 über die (3)
Codices Bonifatiani in der Landesbibliothek zu Fulda, über
den sogenannten Victor-Codex des neuen Testaments, den Bonifatius
tatsächlich besessen und benutzt habe, über die Ragyndrudis-Handschrift,
die er wahrscheinlich auf seiner letzten Missionsreise bei sich hatte
und den Friesen zum Schutze seines Hauptes entgegenhielt; ihren
Hieben sind dann die erheblichen Verletzungen des Codex zu verdanken.
Der dritte angeblich von Bonifatius geschriebene Codex ist von einem
Iren Cadmug im ersten Drittel des 8. Jahrhunderts geschrieben. Diese
Untersuchung schon viel erörterter Fragen ist mit aller Umsicht und
Schärfe geführt und dürfte auch aus methodischen Gründen so manchen
anziehen.
— 346 —
Mich. Bihl besorgte auch in dankenswerter Weise die neue
Ausgabe der früher von Herschel mangelhaft veröffentlichten Chronik
des Franziskanerkonvents zur heiligen Elisabet unterhalb
der Wartburg im Anhang zu Jos. Kremer's Beiträgen zur Ge-
schichte der klösterlichen Niederlassungen Eisenachs im
Mittelalter (Qu. u. Abh. II 1905). Der Hauptinhalt dieses Bandes,
die Arbeit Kremers, kann leider wissenschaftlichen Ansprüchen durch-
aus nicht genügen. Darüber darf ich hier auf meine Anzeige in der
Zeitschr. für Kirchengeschichte 28 Heft 1 verweisen, weil das Arbeits-
gebiet des histor. Vereins der Diözese Fulda in diesem Falle über die
Grenzen Hessens hinausragt. Nur daß die Klöster und Stifter Eisenachs
nicht selten Zuzug aus Hessen bekommen haben, was man gern in einer
Zusammenstellung vorgeführt sähe, sei hervorgehoben.
Bekunden die vorstehenden Ausführungen im allgemeinen ein
lebhaftes Interesse und einen gut geleiteten Arbeitseifer für die Ge-
schichte Fuldas in Stadt und Land, so wird man das dringende Ver-
langen nach dem Erscheinen des von der Historischen Kommission
vorbereiteten Fuldaer Urkundenbuchs begreifen und ihm baldige Er-
füllung wünschen.
Marburg. K. Wenck.
Beiträge zur Hessischen Kirchengeschichte redigiert
von Lic. Dr. Wilh. Diehl [und] Lic. Dr. Walter Köhler. Er-
gänzungsband I (II, III) zum Archiv für Hessische Geschichte und
Altertumskunde. Neue Folge. Darmstadt. Im Selbstverlag des
Historischen Vereins für das Großherzogtum Hessen. (In Kommission
der Verlagsbuchhandlung von A. Bergstraeßer). Bd. I: XVI u. 375 SS.
1903. Bd. II: XVI u. 382 SS. 1905. Bd. III Heft I S. 1-88, Heft 2
S. 89—104. 1906. (1 Bd. = 4 Hefte ä Mk. 2.00.)
Wie in vielen deutschen Landschaften ist seit einigen Jahren
auch im Großherzogtum Hessen eine Vereinigung für landesgeschicht-
liche Kirchengeschichte hervorgetreten. Ihre Zeitschrift hat begreif-
licher Weise ihren Schwerpunkt in den Jahrhunderten der Reformation
und Gegenreformation. Für das Mittelalter stellt der Erzstuhl Mainz,
der in ihr Gebiet fällt, gewaltige Aufgaben, und treffliche Beiträge zur
kirchlichen Rechts- und zur Finanzgeschichte des Erzstifts vom 13. bis
17. Jahrhundert wurden schon von Fritz Vi gener und Fritz Herr-
mann geliefert. Hier kann nur Erwähnung finden, was sich auf beide
Hessen zusammen bezw. auf Kurhessen bezieht. Darüber hinaus ist
wohl einmal ein Beitrag als vorbildlich für unsere Forscher und Mit-
arbeiter zu nennen. Das erste Heft wird (S. 1 — 16) eröffnet durch
einen anregenden Aufsatz des Gießener Kirchenhistorikers W.Köhler
„über die Aufgaben auf dem Gebiete hessischer Kirchen-
geschichte", der auf Grund einer Umschau über das bisher geleistete
zeigt, wieviel auf dem Boden der mittelalterlichen und neueren Kirchen-
geschichte Hessens noch zu leisten ist. Ein Beitrag desselben Ge-
lehrten „Hessische Archivalien aus außerhessischen Archiven"
Bd. 2, 41—48 schöpft aus der Baseler Universitätsbibliothek Nachwei-
sungen betreffend Schriften Heinrichs von Langenstein namentlich aber das
16. Jahrhundert. — Sehr dankenswert sind die beiden eingehenden Be-
sprechungen von J. B. Rady's „Geschichte der katholischen Kirche von
Hessen vom heiligen Bonifatius bis zu deren Aufhebung durch Philipp
den Großmütigen (722—1526) Mainz 1904, welche Fritz Herrmann
(mit Rücksicht auf die Zustände des ausgehenden Mittelalters und die
— 347 —
Reformation) und Wilh. Dersch (ohne Beschränkung) Bd. 2, 277 — 83
und 333— 61 geliefert haben. — Als kleinere Quellenbeiträge ver-
zeichne ich 1) einen sehr lesenswerten ,.Brief Martin Butzers an
den Ritter Hans Landschad von Steinach über das heilige
Abendmahl" 1526, Bd. 3, 103—16, 2) ein [lateinisches] Mainzer
Drohgedicht gegen Philipp den Großmütigen aus der Zeit
der Packschen Händel hera. von Fr. Herrmann, Bd. 1, 100—2,
3) die gravamina der „Pfarrherren in der Dreieich" an die Grafen von
Isenburg vom Jahre 1562, ein packendes, urwüchsiges Bild des kirch-
lichen Lebens jener Zeit, eine wundervolle, freilich nicht erfreuliche
Quelle der religiösen Volkskunde, mitgeteilt von W. Diehl unter der
Überschrift „zur Kirchenkunde der Dreieich", Bd. 1, 75 — 92,
4) die Chronik M. Joh. Dan. Mincks über den dreißigjährigen
Krieg aus dem Saalbuch der Kirche zu Großbiberau mitgeteilt von
Wilh. Krämer, Bd. 2, 1 — 38. Unsere kurhessischen Pfarrer zu ähn-
lichen Veröffentlichungen anzuregen, nenne ich den aus Kirchenbüchern
geschöpften Beitrag Joh. Schneider's „die Pest in Neckarsteinach
während des dreißigjährigen Krieges", Bd. 1, 197 — 202, und
einen andern von Alex. Schuchard, „kirchen- und kultur-
geschichtliche Nachrichten aus dem ältesten Reinheimer
Kirchenbuch" [betr. die Jahre 1574—1638] Bd. 1, 245—54.
An letzter Stelle nenne ich eine Abhandlung Hugo Brunner's
„die kirchliche Verwaltung der Abtei Fulda zur Zeit der
hessen-kasselschen Oberhoheit 1632—34", Bd. 1, 342—58. Der
siegreiche Schwedenkönig Gustav Adolf hatte die Abtei an Landgraf
Wilhelm V. geschenkt. Dessen Hofprediger Theophilus Neuberger über-
kam die GeschäftsfühiTing. Nach der Schlacht von Nördlingen im
Sept. 1634 ging die Abtei wieder Hessen verloren. H. Brunn er hat im
Jahre 1904 in der Zeitschrift für Kirchengeschichte 24, 375—400
und 549 — 93 eine sehr interessante und lehrreiche Biographie Neu-
bergers (f 1656) geliefert, femer erschien gleichzeitig mit dem oben
genannten Aufsatz, ihn ergänzend, das Schriftchen von Joh. Hatten-
dorf, „Geschichte des evangelischen Bekenntnisses in Stadt
Fulda mit hauptsächlicher Benutzung archivalischen Ma-
terials, Hamburg, Henr. Grand. 60 SS. 1903. Mk. 1.00 (es handelt
von drei Epochen: 1523 ff., 1632—34 und 1803 ff.) und bald nachher
der treffliche Aufsatz von Carl Scherer, „zur Geschichte von
Stadt und Land Fulda im Jahre 1631 und 32" in den Fuldaer
Geschichtsblättem 2 (1903) S. 81—95 und 97—108. — Wir zweifeln
nicht, daß die „Beiträge zur hessischen Kirchengeschichte" sich viele
Freunde erwerben werden.
Marburg. K, Wenck.
Geschichtsblätter für Waldeck und Pyrmont. Heraus-
gegeben vom Geschichtsverein für Waldeck und Pyrmont. Mengering-
hausen, Druck und Kommissionsverlag der Weigelschen Hofbuch-
druckerei. Bd. 1: VI und 145 SS. 1901. Bd. 2: 165 SS. 1902.
Bd. 3: 123 SS. 1903. Bd. 4: 167 SS. 1904. Bd. 5 u. 6: 350 SS.
1906. Jahresbeitrag Mk. 2.00.
Im Jahre 1874 hatte der historische Verein für die Fürstentümer
Waldeck und Pyrmont ein letztes Heft seiner „Beiträge" veröffentlicht.
Im Jahre 1900 wurde er mit wenig verändertem Namen zu neuem
Leben erweckt, und gern berichten wir über die seither unter der Schrift-
leitung des bekannten Kirchenhistorikers Prof. Dr. Viktor Schultze
— 348 —
in Greifswald erschienenen Vereinsschriften, soweit sie nicht rein lokal-
geschichtlichen Inhalts sind. Das erste Heft (S. 1 — 114) wurde er-
öffnet mit einer lehrreichen Geschichte des Kloster Ar olsen,
einer unterlassenen Arbeit des Gymnasialprofessor Bosch. Ich hebe
hervor die Bemerkungen auf S. 17 über den sogen, sächs. Hessengau
und die Erzählung über die Auflösung des Klosters im Jahre 152G und
den bezüglichen Anteil Landgraf Philipps S. 102—11. An die Forscher
richtet sich der aus dem Marburger Archiv erstattete Bericht über „die
Waldeckischen Archive" S. 134 — 8. Bekanntlich ist das Waldeckische
Archiv zur Ordnung seiner reichen Bestände seit 1897 nach und nach
nach Marburg geschickt worden. — Einen willkommenen Beitrag zur
Geschichte der Universität Marburg im IG. Jahrhundert bietet Bd. 2,
35 — 47: Aug. Heldmann in dem aus Universitätsakten geschöpften
Aufsatz „Landgraf Wilhelms IV. von Hessen Verbot der
theologischen Doktorpromotion Philipp Nicolai's" des be-
deutenden Theologen und Dichters geistlicher Lieder aus Mengering-
hausen. Zu Eingriff und schroffer Stellungnahme im Jahre 1590 wurde
der Landgraf bewogen durch seine Abneigung gegen die von Nicolai
und dessen Gönner Aug. Hunnius vertretene Ubiquitätslehre. Auch für
Niederhessen interessant ist der „zeitgenössische Bericht [des
Pfarrers Crantz zu Bohne und Königshagen] über den sieben-
jährigen Krieg (betr. die Jahre 1759 — 02) mitgeteilt von Viktor
Schnitze: Bd. 3, 60—72". Sehr anziehend sind die ebenfalls von
V. Schnitze Bd. 3, 83—88 mitgeteilten (4) Briefe der Gräfin
Anastasia zu Schwarzburg an ihren Verlobten Grafen
Wolrad II. 1545/6 (während des Regensburger Reichstags). In ihrer
schlichten Herzenswärme machen sie uns die tiefe Liebe, welche nach
der schönen Schilderung V. Schnitzes in s. Wal deck. Ref.gesch. S. 429 ff.
ihr Gatte und Witwer (seit 1570) für Anastasia empfand, recht ver-
ständlich. — Sehr verdienstlich sind die ungemein fleißig und umsichtig
auf Grund der gedmckten Universitätsmatrikeln gearbeiteten Aufsätze
,. Studierende Waldecker vom 13. bis zum 19. Jahrhundert"
Bd. 4, 1—78, Bd. 5/'(), 159—298. Prof. A. Leiß in Wiesbaden dient
damit der Gelehrten- und der Familiengeschichte in gleicher Weise. —
Über ein schönes Bild Graf Philipps III. von Waldeck (f 1539)
von Heinrich Aldegrever, das im Jahre 1900 in einer einfachen
Berliner Gastwirtschaft entdeckt und für Arolsen erworben wurde, be-
richtet Bd. 4, 112—9 der dabei tätig gewesene Berliner Kunsthistoriker
Frz. Weinitz. Das 1537 gemalte, zuletzt seit Jahrzehnten verschollene
Bild, das die Verwandtschaft von Aldegrevers Kunst mit derjenigen
Dürers entschieden bezeugt, ist in gutem Lichtdruck wiedergegeben. —
Von allgemeinerem Interesse ist auch der Aufsatz von Prof. A. Leiß,
Bd. 4, 133—42 „Die ältesten Karten von Waldeck". — Nahezu die
Hälfte des letzten starken Doppelheftes (Bd. 5/6, 1 — 158) füllt das
„Lebensbild des Fürstlich Waldeckischen Geheime rats
CarlWilhelm von Stockhausen, verbunden mit Mittei-
lungen aus dem Waldeckischen Fürstenhause und aus
der Walde ckischen Verfassungsgeschichte" von [seinem
Sohne] Landgerichtspräs. a.D. Emil Stockhausen. Wir empfangen
die Biographie einer sehr sympathischen Persönlichkeit, die in einem
langen Leben (1804 — 88) an der Seite des Fürsten Georg Victor sich
in Treue und Tüchtigkeit bewährte. Bei der persönlichen Vertrauens-
stellung St's ist sein Lebensbild wie für die Waldeckische Geschichte
in den Jahren 1848—52 so für den Gang der deutschen Frage in den
— 349 —
GOiger Jahren und für das Zustandekommen des Accessionsvertrags im
Jahre 1867 von nicht geringem Interesse.
Marburg. K. Wenck.
Hessen im Munde der Dichter. Vaterländische Dichtungen alter
und neuer Zeit für Schule, Haus und Heer im Großherzogtum Hessen
gesammelt und herausgegeben von Alfred Börkel und Philipp
See. Mit Buchschmuck von Prof. Peter Halm. Mainz 1907, Druck
und Verlag von Philipp von Zabern, Großherzoglich Hessische Hof-
dmckerei. 251 SS. 8^ Mk. 3.00.
Der Haupttitel, den der Außenumschlag allein bietet, birgt für
uns eine Enttäuschung, über die wir zum Glück schon durch den ver-
deutlichenden Zusatz des Innentitels aufgeklärt werden. Wir Kurhessen
müssen uns schon daran gewöhnen, daß unsere Vettern südwärts schlank-
weg den Hessennamen für sich allein occupieren, nachdem Hessen-
Kassel aufgehört hat ein selbständiger Staat zu sein. — Es handelt
sich um eine Sammlung von über 150 Gedichten vaterländischen Ge-
halts und patriotischer Absicht, und die Absicht ist zuweilen etwas auf-
dringlich. In erster Linie hat man dabei wohl die Schulfeiern im Auge
gehabt, nicht wenige der neuern 'Gedichte, die hier geboten werden,
mögen wohl direkt auf derartige oder ähnliche Anlässe zurückgehen:
vom kindlichen Gestammel der untersten Mädchenklasse bis zum dröh-
nenden Pathos der Kriegervereine ist die ganze Skala patriotischer und
loyaler Empfindungen und Töne vorhanden. Mit den alten Chatten be-
ginnt und mit Großherzog Ernst Ludwig und Großherzogin Eleonore
schließt der Preis hessischer Tapferkeit und Tugend. Die mannigfachen
historischen Erinnerungen und die landschaftlichen Schönheiten des
Landes zwischen Lahn und Neckar werden von beredten und unberedten
Zungen gepriesen. Daß Mainz und Worms mit dem Strahlenglanze
ihrer Sage und Geschichte zu diesem neuen 'Hessen' gehören, erhöht
natürlich auch den Reichtum des vorliegenden Buches. Aber der ka-
tholische Teil der Bevölkeiiing — und die Mainzer Simultanschule ? —
haben auch wieder Rücksichten verlangt, denen zu entsprechen den
Herausgebern und Mitverfassern nicht schwer geworden zu sein scheint.
'Gedichte vorwiegend erotischen oder konfessionellen Inhalts bleiben
ausgeschlossen' — und so muß sich denn Philipp der Großmütige recht
kümmerlich abspeisen lassen : während der beängstigend fruchtbare
Mitherausgeber Pliilipp See eine ganz falsche Auffassung und Herlei-
tung seines Beinamens in Reime bringt, bleibt dem Buche ein solches
Prachtstück wie Conrad Ferdinand Meyers Ballade 'Der Landgraf vor-
enthalten. Anderseits herrscht eine naive Ungeniertheit, den hessischen
Schauplatz zu erweitern oder direkt unterzuschieben: die Geschichte
von der Jungfrau Maria als Ritter z. B., die Caesarius von Heisterbach
(im 'Dialogus miraculorum' VII 88) von seinem Zeitgenossen Walther von
Birbach erzählt, wird in der Ballade von Karl Schäfer S. 8G— 88 — mit
Beibehaltung des Namens ! — nach Darmstadt und ins Jahr 1403 verlegt !
Wir treffen viele Hebe alte Bekannte, von Walther von der Vogel-
weide ab, dessen beide Strophen auf Diether von Katzenellenbogen
mitgeteilt werden, bis auf Rückert und Uhland, Roquette und Dingel-
stedt. Auch unter den neuen Erzeugnissen der wetterauischen, Mainzer
und Darmstädter Muse sind allerlei liebenswürdige kleinere Sachen,
vor allem Dialektdichtungen, deren recht wohl noch mehr hätten ge-
bracht werden können. Wo dafür Abstriche zu machen wären, das
wäre nicht schwer vorzuschlagen. Vor allem sollte der eine der beiden
— 350 —
Herausgeber, Herr Philipp See, der reichlich ein Viertel des Bandes
zusammengereimt hat, mehr Zurückhaltung üben. Hier wäre weniger
wieder einmal mehr gewesen! Edward Schröder,
Ferd, JustI, *) Hessisches Trachtenbuch. Mit 32 Blättern in
Farbendruck, einer Karte und 6 in den Text gedruckten Abbildungen.
95 Seiten Text. Marburg, N.G.Elwert. 1900—1905. Fol. Mk. 24,00.
A. u. d. T.: Veröffentlichungen der Historischen Kommission für
Hessen und Waldeck. I
Hessische Landes- und Volkskunde. Das ehemalige Kur-
hessen und das Hinterland am Ausgange des 19. Jahrh. In Ver-
bindung mit dem Verein für Erdkunde [zu Kassel] und zahlreichen
Mitarbeitern hgg. von Carl Heßler. Bd. IL: Hessische Landes-
und Volkskunde. Marburg, N. G. Elwert. 1904. 8^. Abschnitte über
Trachten: S. 42 ff. und 135 ff. (Das fränkische Niederhessen und
Oberhessen, von C. Heßler), 192 ff. (Das Hinterland, von M. J.
Flach), 236 ff. (Die Schwalm, von J. H. Schwalm), 341 ff. (Bucho-
nien, von J. Thiel), 366 ff. u. 411 ff. (Das Kinzigtal und das thü-
ringische Niederhessen, von C. Heßler), 467 ff. (Das Schmalkalder
Land, von A. Vilmar), 504 ff. (Das sächsische Niederhessen, von
W. Heckmann), 545 ff. (Das Schaumburger Land, von P. Gündel).
Friedr, Hottenroth, Die Nassauischen Volkstrachten. Auf
Grund des vom f Amtsgerichts rat a. D. Dussel gesammelten Ma-
terials bearbeitet. Hgg. vom Verein für Nassauische Altertumskunde
und Geschichtsforschung. Mit 29 farbigen Tafeln, 89 Trachten-
abbildungen und einer Religionskarte im Text sowie einer Trachten-
typen-Karte. Wiesbaden, Selbstverlag des Vereins. 1905. XII, 225 S. 8®.
Obwohl ich bereits an anderer Stelle über Justis Hessisches
Trachtenbuch, mit dem sich die Historische Kommission für Hessen
und Waldeck höchst vorteilhaft literarisch eingeführt hat, ausführlicher
berichten konnte (Hessische Volkstrachten: Beilage zur Allg. Zeitung,
München 1901 No. 179 u. 180, 1905 No. 299), glaubte ich mich doch
der dringenden Aufforderung des Herrn Redaktors dieses kritischen
Teiles unserer Zeitschrift, auch hier das Werk noch einmal anzuzeigen,
der Sache und der Heimat zu Liebe nicht versagen zu dürfen: zumal
inzwischen auch noch zwei andere Werke erschienen sind, die sich
mit hessischen Volkstrachten befassen; ich meine Heßlers Hessische
Landes- und Volkskunde Bd. II und Hottenroths Nassauisches Trachtenbuch.
Legt man, wie es billig ist, den Maßstab strengster Wissen-
schaftlichkeit an diese drei Werke, so gebührt die Palme unbedingt
dem zuerst genannten Prachtwerk unseres greisen Landsmannes Ferdi-
nand Justi. Und zwar, obgleich dasselbe nicht, wie der (übrigens
nicht auf das Konto des Verfassers kommende) Titel besagt, ein
„Hessisches Trachtenbuch" schlechthin ist, sondern nur ein „Trachten-
buch des Landes an der Lahn" oder „des Oberfürstentums Hessen" —
so sollte der Titel von Rechts wegen heißen. Denn es enthält nur die
Trachten des Breidenbacher Grundes (Obergericht S. 16 — 25, Unter-
gericht S. 26—30), die Trachten westlich der Lahn in den Kreisen
Marburg (S. 31—42) und Biedenkopf (S. 43—49), die Tracht von Batten-
berg (S. 50 — 52), die der katholischen Dörfer um Amöneburg (S. 52 — 56)
*) Am 17. Februar wurde F. Justi von längerem Leiden durch
den Tod erlöst. Die obige Besprechung hat ihm in Korrekturabzug in
den letzten Tagen vor seinem Tode vorgelegen. K. W.
— 351 —
und vor allem die schmucke, malerische Tracht bei Marburg (S. 56—87),
Es ist ein Teil der in zahllosen Skizzen, Bildnissen und Aquarellen
von Land und Leuten festgehaltenen reichen und wertvollen Ausbeute,
die ein von warmer Liebe zu seiner schönen Heimat durchglühter
Künstler und Forscher schon seit Ende der 1870er Jahre von seinen
Wanderfahrten durch das oberhessische Bergland in die stille Studier-
stube am Barfüßertore mit heimgebracht hat, nur ein Teil, der hier in
32 sauberen lithographischen Farbendrucken mit erläuterndem Text
unserm hessischen Volke und der Wissenschaft Dank der Munifizenz
der Frau Geh. Kommerzienrat Henschel in Kassel und der Opferwillig-
keit des Herrn Verlegers für verhältnismäßig wenig Geld dargeboten wird.
Justis Werk bedeutet in mehr als einer Hinsicht einen wichtigen
Fortschritt auf dem Gebiete der Trachtenkunde und Kostümgeschichte.
Über die leitenden Gesichtspunkte spricht sich der Verfasser in der
Einleitung aus, die zugleich eine musterhafte Geschichte der Moden
und Trachten im Zusammenhang mit den politischen und wirtschaftlichen
Verhältnissen, den Anschauungen und geistigen Bewegungen der ein-
zelnen Zeitabschnitte in großen Zügen enthält. Was J. in seinen
Aquarellen bietet, sind vor allem keine Kostümpuppen, sondern leib-
haftige Bauern und Bäuerinnen aus Oberhessen. Jedes Blatt trägt als
beglaubigende Unterschrift den Vor- und Zunamen des bezw. der Ab-
gebildeten und den Namen des Heimatsortes. Da steht man auf festem
Boden. Diese Sicherheit würde noch verstärkt worden sein, wenn auch
die Jahreszahlen der Aufnahmen auf den Blättern stünden. Zwar lassen
die Bilder inbezug auf die Wiedergabe sowohl der unter den Kostümen
steckenden Menschen wie der räumlichen, insbesondere der landschaft-
lichen Umrahmung mancherlei zu wünschen übrig: aber daß zu Volks-
trachtenbildern auch das ethnographische und örtliche Milieu gehört,
ist doch ein wissenschaftlich wertvoller Gedanke, — ebenso wertvoll
wie die andere Beobachtung, die wohl mancher schon gemacht, aber
erst Justi klar ausgesprochen hat : daß nämlich die Körperhaltung und
-bewegung von dem eigenartigen Zuschnitt der Kleidungsstücke be-
einflußt wird.
Und gerade hier nun liegt die eigentliche Bedeutung der Justischen
Zeichnungen, daß sie mit jener peinlichen Genauigkeit, wie nur ein-
gehendste jahrelange Beschäftigung mit den Gegenständen einerseits,
ein großes Format der Abbildungen andererseits sie ermöglichen, die
minutiösesten Feinheiten und Eigentümlichkeiten der oberhessischen
Volkstrachtenstücke, gelegentlich unter Hinzufügung von Schnittmustern
im Textband, wiedergeben. Nimmt man die ebenso sorgfältig auf die
Details eingehenden und sich nicht nur auf die hier vorliegenden Ab-
bildungen beschränkenden Beschreibungen des Textes hinzu, deren
ruhiges Studium nur leider durch das auch für den Textband gewählte
und hierfür schrecklich unhandliche größte Folioformat stark beein-
trächtigt wird, so ersetzt uns Justis Werk ebensowohl ein bäuerliches
Modejournal des 19. Jhdts. wie bis zu einem gewissen Grade sogar ein
oberhessisches Trachtenmuseum. Wenigstens möchte ich glauben, daß
es einem perfekten Kleiderkünstler keine sehr große Mühe verursachen
kann, nach Justis Kostümbildern und eingehenden Erläuterungen die zu-
grunde liegenden Gewandstücke im großen und ganzen richtig zu re-
konstruieren. Und für die wissenschaftliche Behandlung der ober-
hessischen Volkstrachtenkunde hat J. damit für alle Zukunft das grund-
legende Quellenwerk geschaffen.
Aber J. führt uns nicht nur die einzelnen Kostüm stücke der
— 352 —
oberhessischen Bauern bis in das Detail der Schnitte und Fadenführungen
hinein in Bild und Wort vor: er unterrichtet uns zugleich über die
Herkunft der verwendeten Stoffe. Er zeigt uns, wie mit dem „haus-
machenden" Gewerbefleiß des Bauernhauses die Industrieen der ver-
schiedensten Gebiete des In- und Auslandes zusammenwirken, um dem
bäuerlichen Geschmack die Herstellung der reichen und vielfarbigen
Trachten zu ermöglichen. Da liefert Bielefeld Leinen zu Schürzen
(S. 23) und Mühlhausen die mehr und mehr abkommende blaugestreifte
Beiderwand für Röcke (S. 74), Greiz geblümte Kaschmirstoffe und
Emsttal in Sachsen Ripse mit eingewebten Blumen (S. 71), Barmen und
Elberfeld geblümte Seidenhalstücher (S. 73 und 75) und Remscheid
Seidenflorettbänder (S. (59): aus Annaberg kommen die Seidenpassemen-
terien der „Guimpen" und kostbare breite Silberbrokatbänder (S. (59. 55),
aus Lyon seidene Brusttücher (S. 3H) und aus der Schweiz Bänder von
schwarzem oder lila Taft und Atlas mit eingewebten Blumen (S. 75).
So tauchen neben den Fragen des bäuerlichen Kunstgewerbes (denn
manche Trachtenstücke sind kunstgewerbliche Erzeugnisse) und Ge-
schmacks mit einem Male auch wirtschaftliche Fragen des Handels
und Gewerbes aus der Trachtenkunde hervor.
Und damit kommen wir schließlich zu dem großen Zug. der das
ganze Werk bei allem Kleinkram erfüllt, mit dem es notwendig zu tun
hat. J. malt und beschreibt die einzelnen Kostümstücke des von ihm
behandelten Gebietes nicht nur als Illemente bestehender Trachten,
sondern er weiß auch das von ihm gesammelte Quellenmaterial aus-
giebig zu verwerten, indem er es in den großen Zusammenhang der
kostümgeschichtlichen, ja der geschichtlichen Entwickelung überhaupt
stellt. Es ist einfach staunenswert, mit welcher Fülle vom Vergleichs-
und Erläuterungsmaterial aus allen Zeiten und Zonen er den Leser in
seinem tiefgründig gelehrten, vielleicht zu gelehrten Text überschüttet.
Sprache und Literatur, die Denkmäler vor allem der Kunstgeschichte
im weitesten Sinne aus so ziemlich allen Gallerien Europas und der
Nachbargebiete, historische Kostüme aus privatem Besitz und öffentlichen
Museen, die lebendigen Volkstrachten weit über Hessens Grenzen
hinaus, namentlich was Abbildungen angeht zum Teil ganz entlegenes
Material, das alles wird in einem Umfang herangezogen, wie das bis-
her wohl noch niemals einer kostümgeschichtlichen Monographie zu
Teil geworden ist. Das alles tritt in den Dienst der heimatlichen Ge-
schichte, deren festen Boden der Verf. niemals unter den Füßen ver-
liert. Es wäre unbillig, über Einzelheiten der Auffassung mit dem
gelehrten Forscher an dieser Stelle rechten zu wollen: aber das ist
sicher, er hat hier ein Werk geschaffen, an dem auch die landes-
geschichtliche Erforschung Oberhessens niemals mehr vorübergehen
kann. Müßte ich nicht den Blaustift unseres Herrn Redaktors fürchten,
so würde es mich gereizt haben, an der Geschichte allein der ver-
schiedenartigen Kopfbedeckungen der oberhessischen Bäuerinnen — diese
Kostümteile gehören, wie jeder Trachtenkenner weiß, zu den charak-
teristischsten und am zähesten festgehaltenen Stücken der Volks-
trachten — zu zeigen, wie sich in ihrem Nebeneinander in der Richtung
von dem entlegenen Westen Oberhessens nach Osten hin politische und
Kulturströmungen von Jahrhunderten offenbaren, die zuerst das Zentrum
Oberhessens, den Marburger Fürstenhof, von dem Einzug der Brabanter
Herzogin und ihres Söhnleins (1248) ab berührt haben und sich dann
auch auf dem Lande auszuwirken suchten. Denn was uns in den hessischen
Dörfern heutigentages als Volkstracht begegnet, das war einmal vor-
— 353 —
nehme Tracht, die sich vom Hofe aus über die Kreise des Landadels
und Bürgertums unter den Bauern verbreitet hat. Neue Moden kamen
auf: sie nahmen denselben Weg und drängten die älteren, als Volks-
trachten erstarrten in die entlegeneren Gegenden zurück, wo sie sich
namentlich dann selbständig fortbildeten, wenn territoriale Grenzen, die
seit der Reformationszeit in der Regel auch konfessionelle Grenzen
waren, ihren scheidenden Einfluß ausübten. Die Trachten der beiden
Gerichte des Breidenbacher Grundes, die Tracht des Gerichts Batten-
berg, die Biedenkopfer „Ämtertracht", die Tracht des Amtes Blanken-
stein-Gladenbach, die Trachten schließlich überhaupt des im 17. Jhdt.
hossen-darmstädtisch gewordenen Hinterlandes im Westen, die Schwälmer
Tracht der ehemaligen Grafschaft Ziegenhain und die Tracht der
katholischen ehedem mainzischen Dörfer im Osten von Marburg bilden
die lehrreichsten Beispiele für diese Entwickelung.
Es ist ein ganz neues Quellengebiet unserer hessischen Ge-
schichte, das J. uns in seinem Trachtenwerk erschlossen und mit pro-
funder Gelehrsamkeit und künstlerischer Kombinationsgabe zugleich
erstmalig intensiv ausgeschöpft, nicht erschöpft hat. Kein Zweifel, daß
dieses Werk auf unsere volkskundliche und landesgeschichtliche For-
schung einen nachhaltigen Einfluß ausüben wird, ja, daß kein Trachten-
forscher Deutschlands überhaupt sich dem gründlichen Studium des-
selben wird entziehen können — obwohl es leider nur einen kleinen
Teil von Hessen umfaßt. Und das ist schließlich der schmerzliche Ge-
danke, mit dem man diese Blätter und diese Untersuchungen aus der
Hand legt, daß es Justi nicht vergönnt gewesen ist, auch die übrigen
hessischen Volkstrachten, vorab die Schwälmer, systematisch in den
Kreis seiner Forschungen einzubeziehen, bevor sie der immer schneller
fortschreitenden Auflösung anheimfallen. Wer wäre Forscher und
Künstler und — Hesse zugleich und genug, um Justis Werk auch nur
annähernd ebenwertig fortzusetzen?
Da hat ja nun freilich inzwischen Carl Heß 1er im 2. Band
seines verdienstlichen Sammelwerkes mit Hilfe namentlich von Volks-
schullehrern zahlreiches, meist durch photographische Aufnahmen unter-
stütztes Material über die Volkstrachten ganz Hessens vom Edderkopf
bis zum Inselsberg und von der Kinzig bis zur Diemel (die nieder-
sächsische Grafschaft Scliaumburg mag außer Betracht bleiben) herbei-
geschafft. Aber das ist, neben Justi gehalten, doch nur ein beschei-
dener Ersatz. Nette Genrebildchen, gewiß, auf denen unter den Kostümen
auch besser getroffene Bauerngestalten hervortreten, als Justis Pinsel
sie zu verewigen vermocht hat, und man bekommt auch schließlich so
etwas wie einen Eindruck von der Gesamtwirkung der Volkstrachten:
aber da ist es das kleine Visitbildformat, da ist es vor allem das Fehlen
aller und jeder Farben, was diese Bildchen imi den Wert wirklicher
Volkstrachtenbilder bringt. Daraus kann sich niemand eine zutreffende
Vorstellung von unseren malerischen Volkstrachten im einzelnen und
im ganzen machen, der sie nicht bereits kennt. Besser sind da noch
die gelegentlich beigegebenen Federzeichnungen namentlich von Kopf-
bedeckungen (S. 44 ff. H)8. 194. 2(X)), deren charakteristische Orna-
mente wenigstens einigermaßen daraus erkennbar werden. Und wie
nahe hätte es doch gelegen, das vorzügliche Hinterländer Trachtenbild
aus dem Atelier Stephani in Biedenkopf (S. 208/9) als farbiges Kunst-
blatt in doppelt so großem Format beizugeben ! (Die Amateuraufnahme
aus der Rhön, S. 344, eignet sich mit ihrer einfach gräßlichen Personen-
fülle und steifen Gruppierung weniger dazu.) Wertvoller als der Durch-
— 354 —
schnitt der Abbildungen ist der Text : summarisch zwar, aber von orts-
kundigen Autoren verfaßt. An Justi reicht das natürlich alles nicht
entfernt heran, will es auch gar nicht, und ein zukünftiges hessisches
Trachtenbuch wird hier noch tüchtige Nachlese halten müssen. Aber
so lange wir das nicht haben, müssen wir für das Dargebotene herzlich
dankbar sein. Immerhin hätte auch im Rahmen dieses Werkes z. B.
der Herausgeber selbst über die jetzige Männertracht in der Umgegend
von Marburg etwas mehr bringen können als die 10 Zeilen auf S. 135,
wo nicht einmal der langschößige blaue Kirchenrock, das „Kamisol",
erwähnt ist. Und ob im Kreise Frankenberg nicht auch zu Ende des
19. Jahrh. noch einzelne alte Bauern wie in meiner Jugend ihre „Samft-
manschestemen" getragen haben?
Was uns für Hessen bislang noch fehlt und für lange Zeit hinaus
vermutlich auch noch fehlen wird, ein sämtliche Volkstrachten unseres
Landes systematisch in Wort und farbigem Bild behandelndes wissen-
schaftliches Werk, das hat „drüben" der Verein für Nassauische Alter-
tumskunde und Geschichtsforschung auf Grund der von seinem früheren
Vorsitzenden Dussel gesammelten Volkstrachten im Wiesbadener
Landesmuseum und hinterlassenen bildlichen und handschriftlichen Vor-
arbeiten durch Friedrich Hottenroth herstellen lassen. Hottenroth
hat sich durch mehrere große Werke als einen der namhaftesten Er-
forscher und Kenner unserer deutschen Volkstrachten längst vorteilhaft
bekannt gemacht. Er überblickt den Gesamtverlauf der kostümgeschicht-
lichen Entwickelung wie nur einer; aber daß er dabei nicht überall
auf eigenen Studien fußen kann, ja, daß ihm im einzelnen gelegentlich
recht tüchtige Irrtümer mit unterlaufen, ist nur selbstverständlich. Als
Meister monographischer, streng wissenschaftlicher und durchaus zu-
verlässiger Trachtenforschung ist ihm unser Justi zweifellos weit über-
legen. Auch sein neuestes Werk zeigt alle Vorzüge und Schwächen
Hottenrothscher Arbeitsweise.
Die Einleitung gibt einen instruktiven, knappen Überblick über
die Geschichte der älteren Bauerntrachten vom 11. Jhdt. an bis zur
Entwickelung der Volkstracht, d. h., wie H. definiert, nicht der Bauem-
tracht, sondern der Landschaftstracht (S. 20), deren Ausbildung zwar
ganz zutreffend mit der steigenden religiösen Zerklüftung und der poli-
tischen Absonderung der einzelnen Staaten Deutschlands in Zusammen-
hang gebracht, aber, wie ich meine, mit der Zeit nach dem 30jährigen
Krieg allgemein doch zu spät angesetzt wird. Man wird unterscheiden
müssen zwischen verkehrsnäheren und verkehrsferneren Gegenden. Die
Tracht des Breidenbacher Obergerichts (Perfgau) mit der „braban tischen
Mütze" (Justi Bl. 9 u. S. 24 f.) muss lange vor dem 17. Jahrh. fes
geworden sein. Einzelheiten: Der Ssp. wird (S. 3) zu bestimmt ins
Jahr 1230 gesetzt und vollends die Heidelberger Ssp.-Hds. (Abb. 1, 5)
gehört erst dem Ende des 13. Jahrhs. an. Der sächsische Chronist
(S. 3) heißt nicht Wittekind, sondern Widukind. Die Schecke (S. 4t
entstammt nicht französischer, sondern englischer Mode, die seit 136)
über das Elsaß in Deutschland eindrang ; der Scheckenrock (S. 5) wurdö
über den Kopf angezogen, Abb. 2, 12 dagegen ist ein vom offener Rocke
wie er S. 6 beschrieben wird. Abb. 5, 3 zeigt wohl nicht den „zum,
Lederkoller umgewandelten Leib des Rockes" (S. 17), sondern einen
Lederschoß und -wams statt des eisenbesetzten als Rest der alten
Rüstung des 15. Jahrhs. „Kappe" kommt nicht von Kapuze, ist nicht
aus dieser „durch Verkürzung entstanden" (S. 21), sondern vom spät-
latein. cappa, von der umgekehrt das caputium der den Kopf bedeckende
— 355 —
Auf die Einleitung folgt eine Übersicht über die territoriale, ad-
ministrative und konfessionelle Entwickelung und Zusammensetzung
Nassaus und die sich daraus ergebenden 7 Haupttypen der Volks-
trachten, die auf S. 25 nach den 15 preußischen Kreisen — außer
Usingen und Höchst umfaßt jeder derselben 2 — 3 nassauische Ämter —
tabellarisch übersichtlich zusammengestellt werden. Hottenroth legt
seiner Stoffbehandlung das konfessionelle Einteilungsprinzip zugrunde
— für ein konfessionell so gemischtes Land wie Nassau durchaus zweck-
mäßig. Während die 5 katholischen Gebietsteile nur 2 Trachtentypen
aufweisen, den kurmainzischen und den kurtrierischen, finden sich
in den 6 evangelischen Bezirken 5 Typen, die aber zum Teil mitein-
ander vermischt worden sind : der hessische, altnassauische, saynische,
wiedische und pfälzische.
Für uns kommt hier nur der hessische Typus in betracht, der
sich, abgesehen von dem jetzt leider ganz geschichts- und naturwidrig
zum Reg.-Bez. Wiesbaden gehörigen hessischen Hinterland (S. 29—40),
dem Ausgangspunkt des Hottenrothschen Werkes, rein im sog. Blauen
Ländchen (S. 70—85), gemischt mit dem altnassauischen TyP^s im
östlichen Taunus (S. 40 — 70) und im nordwestlichen Taunus, dem Ge-
biet der ehemals hessischen Niedergrafschaft Katzenellenbogen (S. 134
bis 137), findet. Da haben wir knappe, klare Beschreibungen der jetzt
noch vorhandenen Trachten und wertvolle Beiträge zur Kenntnis des
Verbreitungsgebietes der hessischen Trachten nach S. und SW. hin bis
an den unteren Main und den Rhein. Im einzelnen ist freilich manches
recht problematisch, z. B. daß die Tracht des östlichen Taunusgebietes
„namentlich von der Schwalm her" ausgegangen sei (S. 40). Sollten
nicht vielmehr beide Trachten ihre gemeinsame Wurzel in einer ein-
heitlichen oder wenigstens in verwandten Moden einer vergangenen
Zeit haben?
Die Berücksichtigung der Hinterländer Tracht lag ursprünglich
nicht im Plane des Werkes. Sie ist, wie der Vereinsvorstand als Heraus-
geber (Vorw. S. V) sagt, auf ausdrücklichen „Wunsch des Bearbeiters"
erfolgt und dem „der ßiedenkopfer Tracht gewidmeten Kapitel" soll
„auch dem Justischen Werke gegenüber eine selbständige Bedeutung
zuerkannt werden müssen". Ist das nun wirklich so ? Das ist für un-
sere hessische Forschung eine wichtige Frage. Zunächst ist es nicht
richtig, daß Hottenroth „die jetzt noch lebenden Trachten des Kreises
Biedenkopf" behandele (Vorw. S. V) : es fehlt die Battenberger und die
durch die sog. „Schneppekapp" gekennzeichnete Tracht aus dem Ge-
richt Blankenstein-Gladenbach (Justi S. 50 ff. u. 31 ff.). Was H. bietet,
sind nur die Trachten des Breidenbacher Untergerichts (S. 29 ff.) und
Obergerichts (S. 34), die östlich daran grenzende, von Justi (S. 34 ff.)
als „Tracht westlich der Lahn" bezeichnete sog. „Ämtertracht", die sich
keineswegs nur „in dem Dorfe Bottenhorn" findet, sondern in einem
breiten Landstreifen von Katzenbach, Eckeishausen und Kombach im
N. bis nach Hartenrod, Günterod imd Endbach im S. und durch die
sog. „Dell-Mutsche" (H. S. 37 sagt einfach „Mutsche") gekennzeichnet
wird, aber in Bottenhorn allerdings eine besonders chrakteristische Aus-
prägung erhalten hat, und endlich die neuere Marburger Tracht (S. 32 ff.),
die doch nur ganz allmählich ins Hinterland vordringt. Was femer H.
an Abbildungen vorlegt, stammt aus Justi : H. Taf. I = J. Bl. XI ;
H. Taf. II 1 = J. Bl. XII; H. Taf. H 2 = J. BL HI; H. Taf. HI 1,2,3
= J. Bl. I, IX, VII ; H. Taf. IV 1 = J. Bl. XV, nur daß hier der Bauer
nicht in Kniehosen steckt; H. Taf. IV 2 ist eine Kombination aus J.
N. F. BD. XXX. 23
— 356 —
Bl. XVI u. XVIII. Auf Abb. 7 (S. 33) vereinigt H. 4 Brustlätze und
die obere Hälfte des Rückendeckels einer Haube aus dem Breiden-
bacher Grund — alles gute Bekannte : No. 1 (Brustlatz aus Vomhausen)
= J. Taf. XIII (aus Wolzhausen), No. 2 (Brustlatz aus Holzhausen) =
J. Taf. II (aus Momshausen), No. 4 u. 5 (Brustlätze, beide aus Breiden-
bach) = J. Taf. X u. VI (beide aus Steinperf), No. 3 (Haubendeckel
aus Breidenbach) = J. Taf. XVI (aus Breidenbach). Durchweg die-
selben Muster, nur No. 2 u. 5 die Negative zu den Justischen! Und
wie merkwürdig, dieser Parallelismus in den Ortsnamen: Wolzhausen
(J.) — Holzhausen (H.), — Momshausen (J.) — Vomhausen (H.) —
2 Steinperf (J.) — 2 Breidenbach (H.) ! Wo liegt eigentlich Vomhausen?
Ein Drackfehler kanns nicht sein, denn auch das Register (S. 224)
schreibt so. In der Generalstabskarte finde ich aber den Ort nicht.
Ebensowenig in Neumanns und Ritters Orts-Lexicis und dem Gemeinde-
lexikon des Deutschen Reiches.
Aber ist denn der Breidenbacher Gmnd wirklich so arm an hübschen
„Steckem", daß H., der für seine Ausfühmngen „selbständige Bedeu-
tung" neben Justi beanspmcht, gerade nur dieselben Muster ausfindig
machen konnte, die schon J. in seinen gerade hier besonders feinen
farbigen Blättem bekannt gegeben hatte? Dem gegenüber darf ich
vielleicht verraten, daß mir J. schon vor Jahren mitgeteilt hat, daß
noch „sehr viele" andere Bmstschmuckbilder sich in seinen Mappen
befinden. Es wird also doch wohl so sein, daß H. in den hier er-
wähnten Abbildungen trotz des darauf stehenden „Fr. H." und der ge-
legentlich hinzugeMgten Floskel „um 1900" oder „am Ende des 19. Jhs."
lediglich mit Justis z. T. erheblich älterem (s. o.) Material gearbeitet
hat. Selbständigen Wert haben unter ihnen allen, soweit ich nachkommen
kann, nur die Abbildungen 8 u. 9 (Hessische Kopfbedeckungen und Trauer-
umhänge). Aber auch der Text ist unselbständig, nur sind hier die Zwangs-
anleihen bei Heßler-Flach gemacht, ohne daß dieses Werk auch nur einmal
erwähnt würde, ja, ohne daß auch nur einmal durch Anfühmngsz eichen
die oft wörtlichen Entlehnungen kenntlich gemacht wären. H. hat mit
dieser Art von Arbeitsweise seinem guten Ruf als Trachtenforscher
keinen Dienst erwiesen. Soweit das hessische Hinterland in betracht
kommt, kann die Forschung jedenfalls sein Werk mhig unberücksichtigt
lassen, um so mehr, als sich hier noch obendrein tatsächliche Unrichtig-
keiten finden. Trauermäntelchen z. B. werden von den Frauen nicht
nur im Kreise Biedenkopf (S. 20), sondem auch weiter lahnabwärts
getragen. Der Motzen in der „Ämtertracht" ist ferner nicht einfach
„untenher mit einem weißen wollenen Streifen besetzt" (S. 37), sondem
untenher auf der Innenseite und erst dadurch, daß diese umgeschlagen
wird, kommt der Streifen zum Vorschein. —
Ich bin ausführlicher mit meiner Besprechung geworden, als ich
eigentlich vorhatte. Aber da es sich hier um ein ebenso wichtiges
wie interessantes Gebiet der Volkskunde und Landesgeschichtsforschung
handelt, das allerorten viele Freunde besitzt, so glaubte ich die größere
Ausführlichkeit schon verantworten zu können. Denn unsere Trachten
sind nicht Kuriositäten, die man durch Trachtenfeste zur Schau stellen
sollte, sondem ehrwürdige Zeugen der Vergangenheit unseres Volkes,
die leider unrettbar dem Untergang verfallen sind. Deshalb hat vor-
nehmlich die Wissenschaft einen Ansprach an sie, und wie weit dieser
Anspmch bis jetzt befriedigt worden ist, das eben wollte meine Be-
sprechung zeigen — teils zur Wamung, vor allem aber zur Ermunterung.
Halle ajS, im Dezember 1906, Karl Heldmann.
— 357 —
F. Hoffmann und B. Zölffel, Beiträge zur Glockenkunde des
Hessenlandes. Mit 30 Tafeln Abbildungen. Herausgegeben vom
A^erein für hessische Geschichte und Landeskunde. Kassel. Im Kom-
missionsverlag von Georg Dufayel. (XV. Supplement der Neuen Folge
der Zeitschrift). 28 Seiten Text. 4^ Mk. 3.00.
Dies Buch enthält eine Beschreibung von 195 Glocken älterer
wie neuerer Zeit und auf 30 Tafeln die Abbildungen von 33 mittel-
alterlichen Glocken aus den Kreisen Fritzlar, Melsungen, Fulda, Gers-
feld, Hünfeld, Hersfeld, Witzenhausen, Wolfhagen und Marburg. Be-
schreibung und Abbildungen gründen sich auf persönliche Aufnahmen
und Zeichnungen der Verfasser. Der Schlußabschnitt stellt die Resul-
tate in Bezug auf Alter, Datierung, Schriftzeichen, Namen und Familien
der Glockengießer zusammen.
Die älteste Glocke des Verzeichnisses ist die Lullusglocke zu
Hersfeld aus der Mitte des 11. Jahrhunderts, eine der 17 bisher be-
kannten Theophilusglocken, d. h. jener Glocken, deren Form mit der
Anleitung der Schedula diversarum artium des Mönches Theophilus aus
dem Anfang des 12. Jahrhunderts übereinstimmt. Die ältesten datierten
Glocken von 1369 befinden sich im Dom zu Fritzlar. Auch eine Al-
phabetglocke wird genannt, aus der Zeit um 1400 (Nr. 194). Bildlicher
Schmuck ist verhältnismäßig selten.
Das Buch, auf langjährigen und mühevollen Studien beruhend,
bildet einen wertvollen Beitrag zur deutschen Glockenkunde, die in
den letzten Jahrzehnten so große Fortschritte gemacht hat. Es bietet
dem Altertumsfreund Anregung nach den verschiedensten Richtungen
hin. Auf die Bedeutung der Glockeninschriften und Glockennamen
für die Geschichte der Volksreligion im Mittelalter wurde neuer-
dings mehrfach aufmerksam gemacht. Es sei nur an den kürzlich er-
schienenen Aufsatz von F. Loose in den Mitteilungen des Anhaltischen
Geschichtsvereins X, 3. Heft 1906 erinnert. Die Ausführungen Looses
über „mittelalterliche Glockenkreuze" lassen sich durch die Mitteilungen
in unserem Werk trefflich ergänzen. Eine weitere wichtige Anregung
eines solchen Werkes liegt in seiner Bedeutung für die Denkmalpflege :
möge es dazu beitragen, daß die noch vorhandenen Schätze in unserem
Hessenland beachtet und vor Zerstörung bewahrt werden. Die Verfasser
nennen ihr Werk „Beiträge". Es bildet allerdings nur die Grundlage
zu einer vollständigen und umfassenden Aufnahme der Glockenbestände
in Hessen, die wohl erst nach der Inventarisierung der Kunstdenkmäler
möglich ist. Unser Werk enthält nämlich vollständig nur die Glocken
aus dem Kreise Fritzlar, aus den übrigen Kreisen sind die bemerkens-
wertesten ausgewählt.
Von Einzelheiten sei noch folgendes erwähnt. Die beigegebenen
Zeichnungen machen in Bezug auf die Form und die Inschriften der
Glocken den Eindruck der Zuverlässigkeit und der treuen Wiedergabe
der Originale. Die Zeichnungen der bildlichen Darstellungen genügen
dagegen den heutigen Anforderungen nicht. Gerade sie sind unter
Umständen für die Datierung der Glocken und ihre Zuweisung an be-
stimmte Glockengießerfamilien von hohem Wert. So befinden sich z. B.
auf der größten Glocke im Südturm der Elisabethkirche in Marburg
zwei Darstellungen, die von den Verfassern für die Datierung der Glocke
verwendet werden, eine Kreuzigung und eine heilige Elisabeth mit
einem Krüppel und einem Engel. Von dieser Glocke glaubte Bickell,
daß sie schon bei der Einweihung 1283 gebraucht worden sei. Unser
Werk hält dies auf Grund ikonographischer Beurteilung der beiden
23*
— 358 —
Bilder und des Schriftcharakters nicht für möglich und gibt als Ent-
stehungszeit ca. 1400 an. Soweit die Zeichnungen ein Urteil zulassen,
scheinen mir die Bilder nicht gegen das Ende des 13. Jahrhunderts-
zu sprechen. Dabei kommen aber stilkritische Erwägungen in Betracht,
die nach Zeichnungen nicht mit Sicherheit zu geben sind. Hier und
in anderen Fällen wären eben Abbildungen nach Abdrücken nötig, da
ja die direkte Photographie nach dem Original meistens ausgeschlossen
ist. Zu bedauern ist auch, daß die rätselhafte Inschrift der Lullus-
glocke in Hersfeld nicht vollständig mitgeteilt ist. Die Übersetzungs-
oder Deutungsversuche der Inschriften in unserm Buch wurden schon
mehrfach ergänzt und verbessert durch L. Armbrust, Hessenland, XX,
Nr. 22 vom 16. Nov. 1906.
Marburg. Johannes Bauer,
Willi Pessler. Das altsächsische Bauernhaus in seiner
geographischen Verbreitung. Mit 171 Illustrationen im Text,
6 Tafeln, 1 Original und 4 Karten. Braunschweig, Vieweg und Sohn
1906. XVI und 260 SS. Mk. 10.00.
Durch das vorliegende Buch wird die Landes- und Volkskunde
unserer engeren Heimat wesentlich gefördert, denn das altsächsische
Bauernhaus beherrscht im Norden des Kurfürstentums, in den Kreisen
Hofgeismar und Wolfhagen, zahlreiche Städte und Dörfer. Folgende
Orte aus diesen beiden Kreisen erscheinen in dem Register der geo-
graphischen Namen des besonderen Teiles als solche, deren Bauweise
mehr oder weniger von dem Verfasser behandelt worden ist : Arenbom,
Balhom, Bründersen, Burghasungen, Burguffeln, Deisel, Dömberg, Ehlen,
Ehringen, Ehrsten, Eiben, Fürstenwald, Gieselwerder, Gottsbüren,
Grebenstein, Heisebeck, Heimarshausen, Hofgeismar, Hohenkirchen,
Holzhausen, Hümme, Immenhausen, Istha, Kalden, Karlshafen, Lippolds-
berg, Mariendorf, Martinhagen, Meimbressen, Naumburg, Niederelsungen,
Niederlistingen, Niedermeiser, Oberlistingen, Obermeiser, ödelsheim,
ölshausen. Stammen, Trendelburg, Udenhausen, Vaake, Veckerhagen,
Vemawahlshausen, Viesebeck, Westuffeln, Wolfhagen und Zierenberg.
Das Buch beruht auf gründlichen und vielseitigen Vorarbeiten.
In umfassender Weise hat P. die bisherige Literatur über das Wesen
und die Verbreitung des altsächsischen Bauernhauses, die allgemeine,
wie die geographische, agrarische und technische Literatur, gesammelt
und besprochen, vor allem aber hat er selbst eine große Entdeckungs-
reise nach dem altsächsischen Bauernhaus unternommen. Er hat das
gesamte ausgedehnte Forschungsgebiet von Nord nach Süd, von Ost
nach West, zu Fuß und mit jeder Art Beförderungsmittel durchquert,
um selbst zu beobachten. Siebzehn Einzelreisen, deren Gesamtdauer
zwölf Monate betrug, haben den jugendlich eifrigen Verfasser auch mit
zahlreichen Historikern, Geographen und Altertumsforschem in persönliche
Berührung gebracht und seinem Unternehmen vielfältige Sympathien
gewonnen. -
Eine umfassende Abgrenzung des Bereichs des Sachsenhauses
fehlte uns noch. Es galt seine Verbreitung und Eigenart unter Be-
mcksichtung des Gemeinsamen und des Abweichenden festzustellen.
Gegenstand der Forschung war das allbekannte vielbeschriebene und
poetisch verklärte altehrwürdige Bauernhaus des westlichen Nieder-
deutschlands, das als Langhaus, gleichsam als ein konzentriertes Gehöft,
den Landmann, sein Vieh und seine ganze Habe unter einem mächtigen
Dache vereinigt, das in dem urtümlichen, niedrigen Herde seinen
— 359 —
erwärmenden und belebenden Mittelpunkt hat und in seiner einheitlichen
Geschlossenheit den Charakter seiner Bewohner trefflich wiederspiegelt.
Ich übergehe den umfangreichen Literaturbericht des allgemeinen
Teils, dessen Gebrauch durch ein Verzeichnis der Verfasser und ein
Sachregister in dankenswerter Weise erleichtert ist. Zu Anfang des
besonderen Teiles gibt P. eine genaue Beschreibung des altsächsischen
Bauernhauses im Anschluß an das Haus des Halbhufners Klaus Heins
zu Biüttendorf bei Zeven im Regierungsbezirk Stade. Für den im
niederdeutschen Sprachgebiet wohnenden Hochdeutschen ist die platt-
deutsche Bezeichnung der einzelnen Teile des Bauernhauses und deren
Erklärung sehr lehiTeich. Ebenso anziehend wirken die eingestreuten
Bemerkungen über die Beziehungen der Wohnung zur Bodenbeschaffen-
heit und zur Eigenart des bewohnenden Volksstamms.
Das eigentliche Schwergewicht des Buches liegt in der Fest-
stellung der Grenzen des Sachsenhauses S. 135 — 240. Über das sächsische
Stammland von Westfalen bis Schleswig-Holstein hinaus hat es auf dem
Boden der sächsischen Kolonisation weite Gebiete von Mecklenburg,
Brandenburg und Pommern erobert. Karten dienen zur Veranschau-
lichung der Grenzzonen und auch das Verhältnis der Grenze des alt-
sächsischen Bauernhauses zur niederdeutschen Sprachgrenze ist karto-
graphisch dargestellt.
Vorläufig zurückgestellt zu künftiger eingehender Behandlung
wurden die Abarten des altsächsischen Hauses, die Verbreitung der
Pferdeköpfe als Giebelzierden, die Verbreitung der plattdeutschen Be-
zeichnungen für Teile des Sachsenhauses.
Ein reicher Strom von Anregung wird, so hoffen wir, aus dem
von warmer Liebe für den Gegenstand erfüllten, auch mit zahlreichen
Abbildungen geschmückten Buche ausgehen.
Hofgeismar. Gg. Wissemann.
Fritz Hnfschmidt, Versuch einer Geschichte des oberen
Warmetales, insbesondere der Stadt Zierenberg, der
Dörfer Dörnberg (folgen noch 10 Ortsnamen). Mit einer Karte
und mehreren Abbildungen. XII und 275 S. S. 8^ Wolfhagen, Wilhelm
Borner 1905.
Zu den Stadtgeschichten von Lichtenau, Neustadt, Melsungen, die
wir in den letzten Jahren erhielten, hat sich die Geschichte Zierenbergs
gesellt und darf, schon weil Zierenberg im niederdeutschen Sprach-
gebiet liegt, neben den übrigen als besonders willkommen erscheinen.
Unzweifelhaft gehört eine wissenschaftliche Stadtgeschichte heute zu
den allerschwierigsten Aufgaben, weil ihr Verfasser zugleich Rechts-
und Wirtschaftshistoriker, Philologe und Kunsthistoriker sein möchte.
Der Verfasser dieses Buches, Kantor in Zierenberg, erklärt ausdrücklich,
daß sein Buch weder einen Anspruch auf Wissenschaftlichkeit noch
auf die Anerkennung einer literarischen Leistung erhebe, sondern allein
dem Volke dienen wolle, die Liebe zur Heimat pflegen und stärken
möchte. Damit sollte die Kritik entwaffnet sein! Aber indem der
Verfasser in Text und Anmerkungen zahlreiche Quellenstellen anführt,
auch recht viel lateinische, gibt er der Kritik doch ein Recht, sich mit
dem Buche zu beschäftigen. Gern erkenne ich H.'s Fleiß an, sein Be-
streben sich aus alter und neuer Literatur auf den mannigfachsten Ge-
bieten zu unterrichten, und femer unmittelbar aus den Quellen, ge-
druckten und ungedruckten, seine Darstellung zu beleben. Ich bedaure
aber, daß er nicht mit ein klein wenig mehr Aufwand von Genauigkeit
— 360 —
in der Anführang von Quellen und Literatur sein Buch zu einem ohne
weiteres brauchbaren Beitrag für die Rechts- und Verfassungsgeschichte
unseres Landes gestaltet hat. Es ist ganz zufällig, ob für eine Urkunde
ein Druckort angegeben ist oder nicht, und wenn es geschieht, so ist
das Zitat vielfach ungenügend, und wenn vollständig, leider recht oft
falsch. Um nur zwei Beispiele anzuführen : Warum ist für die wichtige
Urkunde Landgraf Heinrichs L vom 28. April 1298, aus der S. 89
sieben Zeilen im Wortlaut angeführt werden, dort nicht der Druckort
genannt? S. 93 werden andere fünf Zeilen aus derselben Urkunde
angeführt mit dem Zitat : „Wenck Urkundenbuch 11", die Urkunde st^ht
aber in Wencks hessischer Landesgeschichte 3 1', 171. — S. 137 wird
für Auslassungen aus Zierenberger Zunftbriefen auf G. L. von Maurer,
Gesch. der Städteverfassung III verwiesen — statt auf Bd. 2, 427 oder
besser daneben auf die Quelle Maurers: U. F. Kopp, Bruchstücke zur
Erläuterung der deutschen Geschichte und Rechte 1 (Cassel 1799)
S. 188, eventuell mit der Bemerkung, daß dem Verfasser dies Buch
nicht erreichbar sei. — Eine vollständige Anführung der Druckwerke,
aus denen die Quellenstellen oder ganze Urkunden mitgeteilt werden,
wäre um so erwünschter, damit deutlich sich die aus dem Marburger
Staatsarchiv und aus dem Zierenberger Stadtarchiv stammenden Stücke
abhöben. Man möchte sie in ein Verzeichnis zusammengestellt sehen.
— Für die Aufhebung des Heiratszwangs durch Landgraf Wilhelm I.
wird S. 141 die vollständige Urkunde vom 1. Okt. 1490 mitgeteilt, wahr-
scheinlich aus dem Original des Stadtarchivs. Da wäre mit dem Hin-
weis auf das gleichlautende Privileg für die benachbarte Stadt Wolf-
hagen vom selben Tage, das dem Verfasser durch Lynker's Gesch. der
St. Wolfhagen (Z. H. G. Suppl. 6, 90) in Ledderhose's kleinen Schriften
5, 248 nachgewiesen werden konnte, und mit einer freien Heraushebung
der wesentlichen Sätze den Lesern sehr viel mehr als mit dem voll-
ständigen Abdnick des Privilegs gedient gewesen. Eine grundsätzliche
Beachtung der neueren Stadtgeschichten, hessischer und nicht hessischer,
möchte ich unsem Lokalhistorikeni, auch damit immer mehr die Vor-
züge nachgeahmt, die Mängel vermieden werden, dringend empfehlen.
Zum Schluß bleibe nicht unei-wähnt, daß der Verfasser auch über den
gegenwärtigen Zustand der Stadt Zierenberg schätzbares Material mit-
teilt. Für das Kapitel ,, geographische Lage" möchte ich hinweisen auf
das große Werk des Geh. Baurats H. Keller, Weser und Ems, ihre
Stromgebiete und ihre wichtigsten Nebenflüsse, eine hydrographische,
wasserwirtschaftliche und wasserrechtliche Darstellung Bd. II (Quell-
und Nebenflüsse der Weser, Berlin 1901) S. 142 u. 149, 516 f. — Für
die Zierenberger Geistergeschichte von 1849 auf S: 65 f. ist manchem
vielleicht ein Hinweis auf die niederdeutschen Erzählungen aus dem
15. Jahrhundert in Frz. Pfeiffers Germania 9 (1864) S. 282 f. erwünscht.
Dort wird Reineke's Geschichte aus der deutschen Bearbeitung von
Hermann Korners Chronik wiedergegeben.
Marburg. K. Wench,
Urkundenbuch der Stadt Friedberg. Herausgegeben von G.
Frhr. von der Ropp. 1. Bd. 1216—1410. Bearbeitet von M.
Foltz. Marburg, Elwert, 1904. (Veröffentlichungen der histof.
Kommiss. f. Hessen und Waldeck). XVIII, 698 S. S. 8« Preis Mk. 16.00.
In dem vorliegenden ersten Bande der Urkundenbücher der
wetterauischen Reichsstädte sind unter. 844 Nummern an 1200 Urkunden
"ffentlicht. Schon diese Zahlen lassen erkennen, daß so manche
— 361 —
Stücke nur im Auszug, mit sachlich oder zeitlich zusammengehörigen
Urkunden zusammengestellt, wiedergegeben wurden, ebenso auszugs-
weise auch solche Stücke, die in neueren Urkundenbüchem gedruckt
vorlagen oder eines vollständigen Abdruckes nicht würdig schienen,
z. B. Privaturkunden oder solche, welche die Stadt Friedberg nicht
näher angehen. Meines Erachtens hätte der Bearbeiter hie und da mit
dem Kürzen noch etwas weiter gehen können. Ausgeschieden sind
auf Beschluß des Vorstandes der Kommission „die auf Klöster und
Stifter sowie auf die Burg Friedberg bezüglichen Urkunden, soweit
diese nicht von Stadtbehörden ausgestellt oder für die bürgerlichen
Verhältnisse von Bedeutung sind". Diese Ausscheidung der auf die Burg
allein sich beziehenden Urkunden wird in einer Kritik von A. Werming-
hoff (Historische Zeitschrift 97, 613 f.) getadelt. Dem gegenüber dürfen
wir annehmen, daß es auch aus finanziellen Gründen erwünscht war,
möglichst viele rein städtische Urkunden im ersten Band zu vereinigen
und deshalb anderes Material wenigstens fürs erste bei Seite zu lassen.
Wenn Werminghoff femer bedauert, daß der Bearbeiter zur Raum-
ersparnis sachlich zusammengehörige Urkunden unter einer Nummer
vereinigte auf Kosten der chronologischen Reihenfolge, so darf man
feststellen, daß die Mängel dieser Anordnung doch durch das besondere
Verzeichnis (S. 606 f.) in einer für alle praktischen Zwecke hinreichenden
Weise beseitigt werden. Hie und da hat der Bearbeiter allerdings des
Guten etwas zu viel getan.
Treten wir dem Inhalt des Bandes näher, so erfreut vor allem
die stattliche Reihe von Königs Urkunden. Von allen Herrschern
seit Friedrich 11. bis auf Ruprecht von der Pfalz vermissen wir nur
einige Gegenkönige, und diese ohne Schmerzen. Unter den Urkunden
und Briefen Wenzels und Ruprechts befinden sich einige bisher ganz
unbekannte Stücke. Zum ersten Male wird in einer Urkunde Friedrichs II.
vom 26. Oktober 1216 die Burg Friedberg, drei Jahre später die Stadt-
gemeinde ei*wähnt. Der Rats Verfassung begegnen wir zuerst im Jahre
1285 ; entsprechend der wachsenden Selbständigkeit der Gemeinde treten
Burggraf und Schultheiß mehr und mehr zurück. 1318 erscheint zuerst
der Name des proconsul (Bürgermeisters), 1334 in der Mehrzahl. Das
Interesse der äußeren Geschichte Friedbergs wird im Vergleich zu der-
jenigen W^etzlars dadurch vermindert, daß keine größeren Dynasten in
seiner Nachbarschaft wohnten, daß das mächtige Frankfurt und die
oberrheinischen Städte (Mainz, Worms, Speyer) nicht allzufem waren,
während Wetzlar vielfältig mit dem benachbarten Landgrafen von Hessen,
den Grafen von Nassau und Solms in Streitigkeiten verwickelt erscheint.
In Friedbergs Geschichte erscheinen die genannten Fürsten und Herren
nur selten. Wohl wird die Stadt als Mitglied des großen rheinischen
Bundes von 1254 und des gleichnamigen Bundes von 1382 und mancher
Landfriedensbündnisse genannt, eine bedeutende Rolle hat sie aber
darin nicht gespielt, ja sie kam in Gefahr zur Landstadt kleiner Dynasten
zu werden.
Als nämlich nach dem Tode Ludwigs des Baiem (f 1347) die
wittelsbachische Partei wider Karl IV. in Günther von Schwarzburg
einen Gegenkönig aufstellte, trat Friedberg, dessen Unabhängigkeit
Karl vorher durch Verpfändung an Kraft von Hohenlohe bedroht hatte,
auf die Seite dieses Gegenkönigs, mußte aber, als Karl Günther zum
Verzicht auf sein Königtum bewog, die Unkosten dieses Ausgleichs in
neuer Verpfändung bezahlen. Jetzt empfingen neben dem bald darauf
gestorbenen Günther die Grafen von Hohenstein die Stadt als Pfand,
— 362 —
und mindestens durch den ganzen Zeitraum, welchen das Urkundenbuch
beherrscht ( — 1410), befindet sich die Stadt in einem unklaren Ver-
hältnis, das auch die Forschung unserer Tage vielleicht nie völlig lösen
wird (vergl. Werminghoff, a. a. 0. 616 f.). Ist sie unmittelbar unter dem
Reichsoberhaupt Herrin ihrer Geschicke, oder muß sie jene thüringischen
Dynasten als Herren anerkennen?
Sehr lebhaft sind die Beziehungen der Stadt zur Burg, und zwar
oft durch kleinliche Streitigkeiten getrübt. Immer wieder und wieder
müssen der König oder benachbarte Fürsten oder Herren als Schieds-
richter zwischen der Stadtgemeinde und der Burg vermitteln; stets
erscheint infolge von Gewalttätigkeiten der Burgmannen oder von Über-
griffen der Stadtgemeinde der Friede bald wieder gestört und neue
Sühne erforderlich. Die Aufrollung dieser unaufhörlichen Kette im
einzelnen an dieser Stelle ist unmöglich. Auch auf die Geschicke der
Pfarrkirche, für welche der Band so manches Material bietet, soll hier
nicht näher eingegangen werden. Hingewiesen sei auf die zahlreichen
Privaturkunden. Wertvolles Material für die Einnahmen und Ausgaben
der Stadt aus den Jahren 1361 bis 1868 bietet der von v. d. Kopp be-
arbeitete Anhang, von dessen Hand auch die Zusätze und Berichtigungen
(S. 603 — 605) stammen. Ein zuverlässig bearbeitetes Personen- und
Ortsregister von Dr. W. Dersch und ein Wort- und Sachregister von
Dr. M. Foltz beschließen den Band. ^)
Marburg. Ernst Wiese.
Die Bildnisse Philipps des Großmütigen. Festschrift zur
Feier seines 400. Geburtstags (13. Nov. 1904). Bearb. von Alhard
von Drach und Gustav Könnecke. Mit 150 Abbildungen im
Texte, Titelbild und 26 Tafeln. Herausg. von der Histor. Kommiss.
f. Hessen und Wal deck mit Unterstützung des Bezirksverb, des Re-
gierungsbez. Kassel. Marburg, Elwert, 1905. groß Imperial-Folio.
103 Seiten Text. Geb. in Leinwand Mk. 20.00.
Im Jahre 1520 schrieb Dürer an den ihm befreundeten Spalatin
nach Wittenberg: „Und hilft mir Gott, daß ich zu Doctor Martinus Luther
kumm, so will ich ihn mit Fleiß kunterfetten und in Kupfer stechen,
zu einer langen Gedächtnus des christlichen Mannes, der mir aus
großen Ängsten geholfen hat". Ein tief beklagenswertes Geschick hat
es gefügt, daß Dürer nicht zur Ausführung dieses Vorhabens gekonmien
ist. Das deutsche Volk ist dadurch um sein bestes Lutherbildnis, um
das Lutherbildnis gebracht worden. Denn was der Erzphilister Lucas
Cranach uns an Lutherbildem hinterlassen hat, bleibt an der Außen-
seite der Erscheinung haften, stellt allenfalls „das sanft lebende Fleisch
zu Wittenberg" dar, aber nicht den geistesmächtigen Helden, der eine
Welt aus den Angeln hob. Alle Versuche neuerer Künstler vermögen
diese Lücke nicht mehr auszufüllen. Dürer war der einzige unter den
^) Wer sich mit Friedbergs Geschichte näher bekannt machen
möchte, den verweise ich hiermit auf: Seidenberger, Heitmatkunde von
Friedberg und der Wetterau und ihre Verwertung im Geschichtsunter-
richt. Beilage zum Jahresbericht der großherzoglichen Augustinerschule.
Friedberg i. H. Ostern 1905, 103 S. 8®. Im Buchhandel erschienen
unter dem Titel : Friedberg und die Wetterau im Rahmen der deutschen
Reichsgeschichte. Für Haus und Schule. 108 S. 8** Leipzig. Dyck,
Preis Mk. 1.60. Der Verfasser hat bereits das Friedberger Urkunden-
buch benutzt.
— 363 —
damaligen deutschen Künstlern, der zu einer vollwertigen künstlerischen
Erfassung der Persönlichkeit Luthers befähigt war. Was hat er aus
dem Kopfe des an und für sich nicht sonderlich bedeutenden Nürn-
berger Patriziers Hieronymus Holzschuher zu machen gewußt — ein
Prophet und ein Held zugleich ! Und sein kleines in Kupfer gestochenes
Profilbildnis Melanchthons aus dem Jahre 1526 stellt alle anderen Dar-
stellungen des Praeceptor Germaniae weit in den Schatten.
Das gleiche ungünstige Schicksal scheint über den Darstellungen
des tapferen weltlichen Vorkämpfers der Reformation, des Landgrafen
Philipp des Großmütigen von Hessen, zu walten. Unsere Zeit, in ihrem
lebhaften Drange nach geschichtlicher Gerechtigkeit, zieht so gern neben
den literarischen Quellen die Porträts großer Männer heran, um aus
ihren Gesichtszügen zu lesen was die Quellen verschweigen, und um
den geheimen Gängen ihres Innenlebens auf die Spur zu kommen. Wie
würde sie es zu schätzen wissen, wenn wir von dem genialen, groß-
zügigen und dabei in vielen Dingen so schwer zu verstehenden Philipp
ein Bildnis aus der Hand eines Zeitgenossen besäßen, der ihn „ver-
standen" hat. Mit bewundernswertem Eifer haben Drach und Könnecke
anläßlich der vierhundertsten Wiederkehr des Geburtstages dieses volks-
tümlichsten Fürsten der Reformationszeit die Galerien und Schlösser,
Kupferstichkabinette, Bibliotheken und Münzsammlungen durchforscht
und ein staunenerregendes Material an Bildnissen Philipps aus alter
und neuer Zeit zusammengebracht, ein rühmendes Denkmal deutschen
Gelehrtenfleißes und deutscher Gründlichkeit. Ölgemälde und Holz-
schnitte, Kupferstiche und Lithographien, Münzen und Medaillen, Re-
liefs, Büsten und Statuen, Medaillons und Plaketten, ja selbst Buch-
deckel und Kanonenrohre haben sie in den Kreis ihrer Untersuchung
gezogen und in mustergültiger Wiedergabe zur selbständigen Prüfung
vor dem Leser ausgebreitet. Eine Unmenge geschichtlichen Materiales
und wertvoller Einzeluntersuchungen liegt in dem ausführlichen Be-
gleittexte des großen Bilderwerkes aufgespeichert. Bis in die fernsten
Verstecke sind die beiden Verfasser unermüdet den Philippsbildem nach-
gegangen und haben den überreichen Stoff so klar und übersichtlich
geordnet, daß das geschichtliche, kultur- und kunstgeschichtliche Wissen
nach den verschiedensten Richtungen hin bedeutende und bleibende
Bereicherung dadurch erfährt. Aber fragen wir, wie weit diese hin-
gebende F'orscherarbeit durch Auffindung guter zeitgenössischer Porträts
Philipps belohnt worden ist, so lautet die Antwort einigermaßen weh-
mütig.
Nur einmal in seinem Leben scheint Philipp einem Bildnismaler
von Gottes Gnaden gesessen zu haben. Das war im Jahre 1548 in
oder bei Augsburg, als Karl V. den großen Tizian kommen ließ, um
sich und viele bedeutende Zeitgenossen, darunter auch seine beiden
Gefangenen, den Kurfürsten Johann Friedrich von Sachsen und den
Landgrafen Philipp von Hessen, von ihm malen zu lassen. Selbst wenn
die Persönlichkeit des gefangenen nordischen Ketzers den Venezianer
nicht sonderlich interessiert haben sollte, — ein Bildnis, mit dem psy-
chologisch mehr anzufangen wäre, als mit allen andern bekannt ge-
wordenen Philippsbildern, muß es doch gewesen sein. Das beweist das
Gegenstück, das große Kniebild Johann Friedrichs, das sich im Magazin
des Prado-Museums zu Madrid erhalten hat, das beweist auch die Tat-
sache, daß der große Rubens später das Philippsbild für sich zu ko-
pieren für wert fand. Aber nicht nur das Tizian'sche Gemälde ist —
wahrscheinlich schon im Jahre 1734 bei einem Brande — zu Grunde
— 364 —
gegangen, sondern auch die Rubens'sche Kopie. Wenigstens bleibt
auch diese verschollen.
Wohl ist es den Verfassern gelungen, mit großem Scharfsinn
eine Anzahl Ableitungen und Nachbildungen, die sich mehr oder we-
niger an das Tizianbild anlehnen, herauszufinden. Aber keines davon
vermag auch nur entfernt einen Ersatz für das verlorene Original zu
bieten.
Von allen möglichen wenig oder gar nicht bekannten italienischen
Duodezfürsten, Condottieri und Nobili haben sich meisterhafte Porträts
von Tizians Hand erhalten, — das unersetzliche Philippsbild nicht!
Mit Holbein, dem großen Herzenskündiger um die Mitte des
16. Jahrhunderts, ist Philipp nicht zusammengeführt worden, und Dürer
starb schon 1528, als Philipp erst 24 Jahre alt war. So blieb wieder
nur der langweilige Lucas Cranach übrig. Der hat den Land-
grafen wiederholt porträtiert und mit der ihm eigenen geschäftsmäßigen
Betriebsamkeit das Konterfei auch in fliegenden Blättern in die Lande
ausgehen lassen. Mit Darstellungen dieses populären Fürsten, der durch
sein tragisches Geschick nur noch mehr das allgemeine Interesse er-
regte, war „ein Geschäft zu machen". Sorgfältig und umsichtig haben
die Verfasser die direkt oder indirekt auf Cranach zurückgehenden Ge-
mälde, Kupferstiche und Holzschnitte gesichtet und gegliedert, ganze
Stammbäume für einzelne Philippstypen aufgestellt und unsere Kenntnis
über das Bilderwesen und die Bilderfabrikation der Zeit in der dankens-
wertesten Weise bereichert. Aber nicht einmal die Originale von Cra-
nachs Hand, — es sind ihrer eine ganze Reihe gewesen — , hat uns
das Schicksal gegönnt. Auch hier sind wir nur auf Wiederholungen
und Ableitungen, zum Teil von sehr geringer Hand und in sehr schlechtem
Erhaltungszustande, angewiesen. Eine Ausnahme davon macht allen-
falls das Porträt des Monogrammisten 1. S. in der Galerie zu Gotha,
das nahe Beziehungen zu Cranachs Werkstatt verrät. Es gehört zu
den glücklichsten Funden der an kunstgeschichtlichen Ergebnissen auch
sonst recht reichen Arbeit, daß es den Verfassern gelungen ist, diesen
Monogrammisten, der schon auf der Erfurter Ausstellung des Jahres
1903 Aufsehen erregte, urkundlich als den Meister Johannes Stetter
aus Frankfurt und als einen geschätzten Bildnismaler der Zeit, zu er-
weisen. Freilich dem sanguinischen, überlegenen Wesen Philipps wird
diese Darstellung eines kraftlosen melancholischen Betbruders in keiner
Weise gerecht, so sorgfältig sie auch im einzelnen gemalt ist.
Das einzige einigermaßen erträgliche Porträt Philipps von der
Hand eines Zeitgenossen ist das Ölgemälde im Rathause zu
Kassel, angefertigt im Jahre 1570, also drei Jahre nach Philipps Tode,
von dem hessischen Hofmaler Michael Müller. Mit gutem Rechte
haben die Verfasser dieses Bildnis in einem vorzüglichen großen Licht-
drucke als Titelbild ihrem schönen Werke vorgesetzt.
Der äußere Habitus Philipps an der Schwelle des Alters ist hier
gewiß mit all der Treue wiedergegeben, die wir bei einem Hofmaler,
der lange Jahre in persönlichem Verkehre mit dem Dargestellten ge*
standen und ihn oftmals gemalt hat, voraussetzen dürfen. Die ver-
traute Kenntnis der Züge gibt diesem Bildnisse urkundlichen Wert.
Aber nur für das Äußerliche. Von Philipps Geist und innerstem Wesen
vermochte der brave Michael Müller uns wenig zu künden. Gleiches
kann nur von Gleichem erfaßt werden. Gerade das was Müller nur
anzudeuten vermag, läßt ahnen, wieviel uns dadurch verloren gegangen
ist, daß kein congenialer Künstler diesen Charakterkopf nachgebildet
— 365 —
hat. Die Ähnlichkeit eines Porträts allein tuts freilich nicht. Bismarck,
Moltke, Kaiser Wilhelm I., Döllinger, Leo X. werden durch die Bild-
nisse von Lenbachs Hand in ihrem Wesen der Nachwelt unmittelbar
lebendig- bleiben, nicht weil diese Bildnisse besonders „ähnlich" sind,
sondern weil sie den geistigen Kern des Dargestellten erfaßt, das
Bleibende aus der zufälligen Form der Erscheinung herausgeschält haben.
Die Arbeit Drachs und Könneckes gibt eine Fülle von Anregungen,
die angeknüpften Fäden nach den verschiedensten Richtungen hin
weiter zu verfolgen. Wenn doch dabei noch irgend ein voll be-
friedigendes Bildnis Philipps aufgefunden würde ! Eines, das den jugend-
lichen Sieger von Lauffen, den begeisterten, unerschrockenen Wort-
führer auf den Reichstagen zu Speyer und Augsburg, den tatendurstigen
Feldherm des schmalkaldischen Bundes darstellte, so wie er in der Er-
innerung des evangelischen Volkes nachlebt, nicht den durch lange
Gefangenschaft innerlich gebrochenen, durch seine Leibesfülle zum
Phlegma venirteilten Greis, der die Kriegsrüstung längst abgelegt hati
Das Problematische in der Natur Philipps muß sich gerade in jüngeren
Jahren deutlich auf seinen Zügen ausgeprägt haben. Beim Durchblättern
des umfangreichen Bilderwerkes überfällt den Betrachter geradezu ein
Gefühl der Trauer, wie äußerlich und oberflächlich die Porträtisten
des IG. und der folgenden Jahrhunderte sich mit diesem Kopfe ab-
gefunden haben. Daß die gegenwärtig in Geschichtsbüchern etc. um-
laufenden Philippsbilder zum großen Teile aus recht trüben Quellen
abgeleitet sind, sei nur nebenbei erwähnt. Dieses Schicksal teilt Philipp
mit vielen anderen bedeutenden Persönlichkeiten der Weltgeschichte.
Aber schon Dieses festgestellt und nun durch Darbietung besseren
Materiales hier Wandel geschafft zu haben, ist ein großes Verdienst
des sorgfältigen Philippsbuches. Dabei ist es höchst interessant zu be-
obachten, wie die einzelnen Perioden sozusagen unbewußt gefälscht
haben. Jede hat anderes aus den alten Vorlagen herausgelesen und
das geschichtliche Ideal, das ihr von einer ritterlichen Persönlichkeit
der Reformationszeit vorschwebte, verbunden mit dem Schönheitsideal
der eigenen Zeit in allerliebster Weise in die Wiedergabe der Philipps-
bilder hineinprojiziert, sodaß sich die geschichtliche und Gefühls-
stimmung der einzelnen Epochen überraschend daraus ablesen und be-
urteilen läßt. Objektives Sehen, wie wir es im Zeitalter der Photographie
gelernt haben, kannte man bis etwa 1860 noch nicht. Und auch jetzt
noch steht der Zeichner unter dem Banne gewisser Schönheitslinien,
wenn er kopiert. Nach dieser Richtung ist eine vergleichende Be-
trachtung der einzelnen Bilderstammbäume, welche die Verfasser über-
sichtlich vom 16. Jahrhundert bis auf die Gegenwart zusammengestellt
haben, höchst lehrreich und unterhaltsam.
Hiermit sollen nur einige der mannigfaltigen Anregungen an-
gedeutet sein, welche sich aus dem inhaltreichen Prachtwerke ergeben.
Die Forschung kann für diese musterhaft durchgearbeitete Festgabe
nur von Herzen dankbar sein. Freilich ist das Format recht unhandlich.
Es kostet Überwindung, den mächtigen Band aus dem Mappengestell
oder wo er sonst untergebracht wird, hervorzuziehen, — in einem Bücher-
brette findet er überhaupt keinen Platz. Aber dieses Maß ergab sich
mit Notwendigkeit aus der Wiedergabe großer Flugblätter und Tafel-
bilder. Verkleinerungen wirken da immer bedauerlich und erschweren
die künstlerische Wertung. Landgraf Philipp hat es schon um uns
verdient, daß man sich seinetwegen eine kleine Mühe auferlegt.
Jena im Januar 1907, Prof, Dr. Faul Weber,
— 366 —
Julius Friedrich, Dr. jur., Landrichter in Gießen, Die Entstehung
der Reformatio ecclesiarum Hassiae von 1526. Eine
kirchenrechtliche Studie. Gießen, Alfred Töpelmann, 1905, 128 S.
8^ 2,80 Mk.
Walther Köhler, Die Entstehung der Reformatio ecclesia-
rum Hassiae von 1526. Eine kritische Auseinandersetzung mit
J. Friedrich. Zeitschrift für Kirchenrecht 3. F. Bd. 16 (1906) S. 199—232.
Den wenigen Quellen zur Geschichte der sogenannten Homberger
Synode (Lauze, Lambert von Avignon, Nikolaus Ferber) steht eine
umfangreiche Literatur gegenüber, die sich mehr oder weniger auch
mit der Entstehung, dem Verfasser und der Abfassungszeit der „Re-
formatio ecclesiarum Hassiae" befaßt. Nachdem die Handschrift dieser
ersten hessischen Kirchenordnung, die Fr. Chr. Schmincke im Jahre
1748 im zweiten Teil seiner Monimenta Hassiaca (S. 588 — 656) ver-
öffentlicht hat, verschollen ist, bewahrt nur noch das Haus- und Staats-
archiv in Darmstadt eine 1629 vom Kanzler Nikolaus Vigelius angefertigte
Abschrift, die K. A. Credner 1852 mit einem unfangreichen Vorwort
herausgegeben und übersetzt hat. Eine neue Ausgabe bringt jetzt
Julius Friedrich, die „in erster Linie die fortgesetzte Kontrolle
der Beweisführung" bei der Frage nach dem Verfasser und der Ent-
stehung der „Reformatio" ermöglichen soll.
Im ersten Kapitel seiner Ausführungen behandelt Friedrich unter
Anlehnung an die bekannten Arbeiten von Friedensburg und Küch den
„religiösen und kirchenpolitischen Entwicklungsgang" des Landgrafen
Philipp in den Jahren 1521 bis 1526. Philipps aristokratischer Charakter
und ausgeprägte Stellung als Landesherr steht dem Verfasser im Wider-
spruch zu der „rein demokratischen Kirchenregierung der Reformatio"
(S. 28). Zur Lösung dieses Rätsels wirft Fr. die „Vorfrage" auf: Läßt
sich die Reformatio in einen „philippinisch-lutherischen" und einen
fremden (Franz Lambert von Avignon) Bestandteil zerlegen ? Auf grund
zahlreicher Einzelbeobachtungen glaubt er nun in den Kapiteln 1 — 3,
5 — 11, 13, 14, 16—19, 21 und 34 sächsisch-lutherische und philippinische
Anschauungen feststellen zu können, während er die Einleitung und
die übrigen Kapitel der Reformatio Lambert zuweist (S. 30 — 65) und
als dritten Bestandteil einen Anhang sozial- und schulpolitischen Inhalts
herausschält (Kap. 12 und 27—33). Wann und wie diese drei Bestand-
teile zu einem Ganzen vereinigt worden sind, behandelt Fr. im letzten
Abschnitt seiner Arbeit (S. 66—78). Er nimmt an, daß ein „die Grund-
prinzipien für die vorzunehmende Reformation in Hessen enthaltender
Vorentwurf" (Reformationsprogramm), von Philipp oder seinen Räten
verfaßt, der Synode vorgelegt worden sei, und daß dieser Vorentwurf
mit dem oben erwähnten philippinisch-lutherischen Bestandteil über-
einstimme (S. 66 und 67). Zu beachten ist, daß der Vorentwurf die
im Kap. 15 ff. enthaltenen Verfassungsbestimmungen noch nicht ent-
halten hat. Diese fanden erst Aufnahme durch Lambert, der den Vor-
entwurf umarbeitete. Die Lambert'sche Fassung wurde von der Synode
angenommen, später aber, nachdem Luther sich dagegen ausgesprochen
hatte, nochmals von Philipp oder seinen Räten redigiert und durch
Anfügung des dritten Bestandteils zur Reformatio ausgestaltet, wie sie
uns heute vorliegt: „eine Privatarbeit Lamberts, modifiziert durch Zu-
sätze Philipps oder seiner Räte" (S. 76).
Gegen Friedrichs Beweisführung hat sich jüngst Walther
Köhler eingehend in der oben an zweiter Stelle genannten Abhandlung
gewandt, indem er eine Reihe der von Fr. für das Vorhandensein von
— 367 —
drei Bestandteilen vorgebrachten Gründe als Folge einer gesuchten und
irrigen Auslegung des Wortlautes der Reformatio ansieht. Mit Recht
weist K. darauf hin, daß der Beweis für das in den Verfassungs-
bestimmungen (Kap. 15 ff.) enthaltene „franziskanische Verfassungsideal"
aus den übrigen Schriften Lamberts noch zu erbringen sei, und daß
auch diese Kapitel in Lutherischen Verfassungsformen ihr Vorbild fänden
(S. 210 — 223). Überhaupt muß eine Beurteilung der damaligen tat-
sächlichen Verhältnisse nach den streng kirchenrechtlichen, sich erst
entwickelnden Gesetzen ein falsches Bild geben. Gewichtige Bedenken
weiß K. auch gegen die Annahme eines Vorentwurfs und dessen um-
ständliche Verwandlungen bis zur Form der Reformatio (frühstens Ende
1526, S. 78) beizubringen. Wenn er sich aber über die merkwürdige
Schreibweise des Vigelius (tivinus, synotus, eotem tie, rettere u. s. f.)
wundert und darin eine sprachliche Eigentümlichkeit des 17. Jahr-
hunderts (S. 225) erblickt, so beruht das auf einem bedauerlichen
palaeographischen Irrtum. Fr. hat durchweg die bekannten, mit einem
Anstrich von der Grundlinie aus versehenen d als t gelesen und somit
einen ungenießbaren Text geschaffen, der obendrein dadurch, daß die
Abkürzungen teils aufgelöst werden, teils als solche stehen bleiben
(oibus, Dno, ee) sehr ungleichartig wird.
K. bestreitet das Vorhandensein eines Vorentwurfs, den Fr. aus
einer Relation des Vigelius urkundlich festlegen will (S. 67. 68), und
hält die Vorlage des Vigelius für „ein getreues Exemplar der Reformatio",
das dieser bewußt und willkürlich geändert hat (S. 231), sieht aber in
der Reformatio selbst ein einheitliches Werk, an dem Lambert her-
vorragend beteiligt ist. Daß dieses erst nach der Hornberger Ver-
sammlung durch den ernannten Ausschuß zu stände gekommen ist,
hält K. für möglich (S. 232) und wird geradezu wahrscheinlich, wenn
man die geschichtliche Entwicklung, wie sie Küch klargelegt hat (N. F.
dieser Zeitschrift 28 S. 217 ff.), genügend beachtet.
In erster Linie ist zu berücksichtigen, daß die Haltung Philipps
seit dem Speyrer Reichstag und namentlich auch auf der Homberger
Versammlung durchaus neutral war. Der Landgraf hatte Franz Lambert
von Avignon mit der Abfassung der Thesen beauftragt, über die in
Homberg verhandelt wurde, nachdem er außerdem die Wittenberger
Reformatoren und den Kurfürsten von Sachsen um Rat gefragt hatte.
Es ist nicht anzunehmen, daß in Homberg mehr als die Lambert'schen
Leitsätze vorgelegen habe oder gar ein von Philipp oder seinen Räten
verfaßter Vorentwurf. Die neutrale und vorsichtige Haltung Philipps
berechtigt nicht zu der von Friedrich aufgeworfenen Frage nach einem
„philippinisch-lutherischen" Bestandteil der Reformatio. Urkundlich
steht fest, daß den Teilnehmern der Homberger Synode vor Schluß der
Verhandlungen eine Kirchenordnung versprochen (vgl. N. F. 28 S. 223
Anm. 1) und daß ein Ausschuß bestimmt worden war, der diese „Summa
der christlichen Lehre" (Lauze S. 138) bearbeiten sollte. Dem Aus-
schuß haben wohl angehört Lambert, Adam Kraft, Johannes Campis
u. a. hessische Theologen, die in angestrengter Arbeit bis Mitte Dezember
den „Haufen Gesetze" (Luther) fertigstellten. Da die Arbeit erst Ende
Dezember an Luther zur Begutachtung geschickt wurde, ist es un-
wahrscheinlich, daß sie viel früher abgeschlossen war. Sicherlich haben
die Mitglieder des Ausschusses auf die Gestaltung des Textes der
Reformatio Einfluß ausgeübt, aber aach hier handelt es sich nicht um
„philippinische" Anschauungen, sondern um lambertsche und allgemein-
hessische, die durch sächsisthe Vorbilder beeinflußt sind. Der Haupt-
— 368 —
anteil an dem Zustandekommen der Reformatio gebührt ohne Zweifel
Franz Lambert von Avignon (vgl. auch Varrentrapp in seiner Festrede,
Lg. Philipp V. H. und die Universität Marburg, 1904, S. 12 und 39).
Marburg. Wilhelm Bersch.
Dr. Franz Fischer, Die Reformationsversuche des Bischofs
Franz von Wal deck im Fürstbistum Münster. (Beiträge
für die Geschichte Niedersachsens und Westfalens, 1. Jahrg. 6. Heft)
Hildesheim, A. Lax 1907. 176 SS. Mk. 3.00.
Ein trefflicher Beitrag zur Geschichte der Reformation in Nord-
deutschland. Die Benutzung eines reichen bisher unbeachteten Materials
(des Marburger Staatsarchivs, nachgewiesen durch Küchs Inventar), ein
bei einer Erstlingsschrift überraschend reifes Urteil und eine klare an-
ziehende Darstellung machen ihren Wert aus. F. erörtert die Be-
mühungen des Münsterer Bischofs Franz von Waldeck (1532—53), d,er
zugleich Bischof von Minden und Osnabrück war, die neue ihm in
seiner Heimat nahegetretene evangelische Glaubenslehre in seinen Stif-
tern zur herrschenden zu machen — trotz des Widerstandes von Dom-
kapitel und Kitterschaft im Bistum Münster. Das Schwergewicht der
Arbeit liegt in den Jahren 1538—46 und in den Beziehungen des
Bischofs zu Landgraf Philipp von Hessen, der als Evangelischer das
allergrößte Interesse an der Frage hatte, daß in jenen drei nachbar-
lichen Stiftern das Evangelium durchdrang, aber durch die politische
Berechnung, bei einer Verwandlung der drei Stifter in ein weltliches
Erbfürstentum werde an den Grenzen Hessens ein neues großes welt-
liches Fürstentum entstehen, sich abhalten ließ, die Absichten Franzens
rückhaltlos zu unterstützen, ja vielmehr für die hessische Hausmacht
sorgen wollte, indem er einen seiner Söhne zur Koadjutorie empfahl.
Neben der Meinungsverschiedenheit über das Endziel hemmte auf evan-
gelischer Seite die Tatenscheu des Schmalkaldischen Bundes, besonders
der norddeutschen Reichsstädte, die das Übergewicht der fürstlichen
Genossen im Bunde fürchteten. Bei den katholischen Ständen Münsters
spielte die Rücksicht auf die Erhaltung der ständischen Macht gegen-
über dem Landesherm die erste Rolle. Gerade dafür, wie sich die
kirchlichen und politischen Interessen und Gegensätze im Reich und in
den Territorien durchdringen und kreuzen, liefern die in dieser Schrift
dargestellten Vorgänge ein Musterbeispiel. Das Urteil über Bischof
Franz, der trotz aller Mißerfolge bei den Schmalkaldenem in seinen
Absichten nicht erlahmte und erst (1548) die kirchlichen Neuerungen
widerrief, als ihm auch das Haus Waldeck keinen Rückhalt für sein
ferneres Leben bot, stellt sich wesentlich günstiger als früher.
Marburg. K. Wench.
-Walther Wolfgang Zschau, Quellen und Vorbilder in den „Lehr-
reichen Schriften" Johann Balthasar Schupps. Hallische
Dissertation. 1906. 110 SS. 8<>.
Der Verfasser weist völlig überzeugend nach, daß Schupp von
Valentin Andreae und andern deutschen Satirikern, wie z. B. von Rollen-
hagen, abhängig ist, und daß er seine Ideen über Kirche, Schule und
Staat in der Hauptsache von Bacon übernommen hat. Merkwürdiger
Weise geht er nicht ein auf das Verhältnis Schupps zu den Holländern,
vor allem zu dem Prof. der Beredsamkeit Boxhom; er erwähnt nur
Caspar Barläus als Schupps Vorbild (S. 40) und behandelt diese Holländer
unter den deutschen Vorbildern.
Marburg. Joh, Lühmann,
— 369 —
Der Versuch zum Entsätze Landaus und die Schlacht
am Speyerbach, bei Speyer, Dudenhofen oder Hei-
|igenstein, am 15. Nov. 1703. Nach bisher unbenutzten Quellen
von F. V. Apell, Generalmajor z. D. Mit einem Plan. Marburg,
Eiwert, 1906. 111 S. 8^ Mk. 2.00.
Trotzdem der unglückliche Tag von Speyerbach wie kein anderer
aus der hessischen Kriegsgeschichte sich im Gedächtnis des Volkes er-
halten hat, so hat es doch bis zum Erscheinen der vorliegenden Schrift an
einer eingehenden gründlichen Darstellung seiner Ereignisse von hes-
sischer Seite gefehlt. Was Ditfurth in den „Erzählungen aus der
hessischen Kriegsgeschichte" über die Schlacht berichtete, beruhte zum
großen Teil auf legendenhaftem Material und konnte nur als eine gut-
gemeinte patriotische Erzählung gelten. Anspruchsvoller traten neuer-
dings die österreichischen Verfasser der „Feldzüge des Prinzen Eugen" auf,
ohne jedoch bei dem Mangel an Quellen mehr als eine schwung- und phan-
tasievolle Darstellung des Herganges liefern zu können. Weit sachgemäßer
verfuhr der Gymnasiallehrer A. Kennel, der in dem Speyrer Gymnasialpro-
gramm für 1894/95 nach bayrischen und niederländischen Akten namentlich
die Vorgeschichte der Schlacht einer gründlichen und fruchtbaren Unter-
suchung unterwarf. Generalmajor v. Apell, dessen vorliegende Schrift
eine Vorarbeit zu seinem geplanten größeren Werke über den Land-
grafen Karl und seine Truppen im Spanischen Erbfolgekrieg ist, hat
nun auch das bisher noch nicht benutzte Material der Berliner, Nürn-
berger, Meininger, Frankfurter, Stuttgarter und Karlsruher Archive unter-
sucht und verwertet und damit eine Grundlage für eine neue, von den
bisherigen nicht unwesentlich abweichende Darstellung des mißglückten
Entsatzversuchs der Festung Landau im J. 1703 gewonnen. (In Mar-
burg war über die Schlacht von Speyerbach so gut wie nichts vor-
handen und die hannoverischen Militärakten aus dem spanischen Erb-
folgekrieg waren nicht aufzufinden, was den Verfasser zu einer wohl
nicht unberechtigten Klage über die teilweise Verzettelung von Archi-
valien der annektierten Länder durch Abgabe an Berliner Archive ver-
anlaßt hat.) Der erste Gedanke, den Erbprinzen Friedrich von den
Niederlanden aus eine Diversion an der Mosel machen zu lassen, um
dadurch die ungünstige Kriegslage am Oberrhein zu verbessern, ging
von dem Landgrafen Karl aus, nicht von dem Markgrafen von Baden,
wie in den „Feldzügen des Prinzen Eugen" behauptet wird, gegen deren
den Hessen wenig günstige Darstellung A. mehrfach Stellung nimmt.
Leider zögerten die im Dienste der Generalstaaten stehenden Braun-
schweigischen Truppen aus Eifersucht, sich an der Aktion zum Ent-
sätze Landaus zu beteiligen unter dem Vorwande, daß kein Spezial-
befehl ihrer Fürsten die Mosel zu überschreiten vorläge. Das Aus-
bleiben dieses nicht unbeträchtlichen Kontingentes (10 Bataillone und
14 Eskadrons) trug nicht wenig zu dem unglücklichen Ausgange des
Zuges bei. Auch die Mißhelligkeiten, die nach der Vereinigung des
Erbprinzen Friedrich mit dem Corps des Grafen von Nassau-Weilburg
zwischen beiden Generalen über die Abgrenzung ihrer Befehlsbefugnisse
entstanden, mußten die Aktionstätigkeit der Corps schwächen. Dagegen
weist A. den auch von österreichischer Seite erhobenen Vorwurf zurück,
daß die Feier des kaiserlichen Namenstages am 15. November Schuld
daran gewesen sei, daß die Verbündeten durch die von Landau aus
anrückenden Franzosen überrumpelt wurden. Die Hauptursache des
gelungenen Überfalls war vielmehr die ungenügende Rekognoszierung
durch den kurpfälzischen Obersten v. Franckenberg, der die gewonnene
— 370 —
Fühlung mit dem Feinde achtlos aufgab und damit die Katastrophe
heraufbeschworen hat. In dem Kampfe selbst hielt sich das Corps des
Erbprinzen ausgezeichnet, nahm dem Feinde sogar in mehreren sieg-
reichen Attacken 19 Standarten und 3 Paar Paucken ab und zog sich
erst in guter Ordnung zurück, als die völlige Niederlage des leider
von ihm getrennten Corps des Grafen v. Nassau nicht mehr zu bezweifeln
war. Der Erbprinz selbst wurde durch einen Degenhieb verwundet.
A. bestjpitet die namentlich von Ditfurth ausführlich erzählte Geschichte
von der Rettung des Erbprinzen durch einen Schulenburgschen Dra-
goner als deren Quelle er eine Ditfurthische Familienlegende annimmt.
Die Verluste der Verbündeten war außerordentlich groß. Daß die Zahl
der Verwundeten gegenüber der der Toten nur sehr gering war, erklärt
A. dadurch, daß die Franzosen die auf dem Schlachtfeld gebliebenen
Verwundeten einfach umbrachten. — Dies ist im wesentlichen der In-
halt der sehr gründlichen und für die hessische Kriegsgeschichte wert-
vollen Arbeit A's.
Steglitz. Philipp Losch.
Arthur Chuquet, membre de l'institut, Un prince Jacobin. Charles
de Hesse ou le general Marat. Paris, Fontemoing 1906. Col-
lection Minerva, 423 pp. 8**. 10 francs.
Dies Buch erscheint mir in erster Linie von psychologischem
Interesse, und insofern der Titelheld durchaus kein wirklicher Held,
sondern ein wunderlicher abstoßender Mensch ist, fühlt man sich ver-
sucht, es einen Beitrag zur Geschichte der menschlichen Narrheit zu
nennen.
Ein nachgeborener deutscher Prinz, Karl von Hessen-Rheinfels,
begibt sich als vierzehnjähriger Knabe (1765) in französischen Heeres-
dienst. Er kommt dank seiner Abkunft schnell zu Rang und Einkünften,
nach seiner Selbstschätzung freilich längst nicht genug, und so stellt
er sich bei Ausbruch der großen Revolution auf Seiten der entschie-
densten Gegner des Königtums. Er macht sich zum Werkzeug der
Jakobiner und verfolgt mit ihrer Hilfe seine persönlichen Wünsche, die
auf eine leitende Stelle ohne Pulvergeruch, auf die Beseitigung aller
derer, welche ihm unbequem oder gefährlich erscheinen, hinauslaufen.
Gänzlich unbedenklich in der Wahl seiner Mittel wird er zum gewerbs-
mäßigen Denunzianten, seine schreiblustige Feder verkündet ebenso
ausgiebig das eigene geträumte Verdienst, als die Niedertracht und
Verräterei anderer. Er bringt manchen Gegner zu Fall, aber mehr und
mehr geben nicht so sehr Eitelkeit und der Drang nach neuem, zwei
hervorstechende Züge seines Wesens, m. E. die Triebfedern seines Ja-
kobinertums, ihm den Anlaß, immer wieder den Schauplatz seiner Tätig-
keit, in zwölf Monaten (Februar 1792 bis Februar 1793) fünf Mal, die
Garnison zu wechseln, sondern er wird hin weggeschoben durch den
Überdruß, den er seiner Umgebung erregt, während auch das Kriegs-
ministerium gründlich müde wird des ewigen Nörglers, der auch schwere
Blutschuld auf sich geladen und damit den Namen des „General Marat''
verdient hat.
Im Oktober 1793 ist seine militärische Laufbahn zu Ende, wenn
er auch seinen Abschied erst im Januar 1796 erhält. In der Zwischen-
zeit hat sich der Radikalismus gegen den deutschen Prinzen als solchen
gekehrt, mehr als einmal hat er im Kerker gesessen, einmal ein ganzes
Jahr; in den letzten Tagen vor Robespierre 's Sturz drohte ihm die
Guillotine. Seit 1795 wurde er Journalist in Paris. Die Fragen der
— 371 —
großen Politik beschäftigen ihn, er haßt England und Österreich und
ändert das Kartenbild Europa's. Überreizt wie immer steht er auch
jetzt auf der Höhe der Revolution, während unter dem Direktorium der
Zug nach Äläßigung Platz greift. Er kommt nicht ohne Grund in das
Licht eines Verschwörers gegen die Gewalthaber und wird im November
1799 verhaftet, zunächst nur auf Wochen, aber nun erregt er das Miß-
fallen Bonaparte's, hat zwei Jahre auf der Insel Re zu verbringen und
sollte sich glücklich schätzen, durch Landesverweisung nach Deutsch-
land im April 1803 seine Freiheit wiederzuerlangen. Statt dessen rast
er über die Undankbarkeit des Adoptiwaterlandes für sechsunddreißig-
jährige Dienste.
Hochmütig aber ohne edlen Stolz nimmt er, der einst vom Chef
seines Hauses aus der Familie ausgestoßene, jetzt die Rechte seiner
Geburt in Anspruch, wird Pensionär desselben Kurfürsten von Hessen,
natürlich nicht ohne sich ihm in jeder Weise unliebsam zu machen,
und, als der Kui*fürst von Napoleon gestürzt war, ebenso des Land-
grafen von Hessen-D annstadt. Zwischendurch wirft er sich auch an
Jerome und an Napoleon heran, und, als der Kurfürst nach der Schlacht
bei Leipzig in sein Land zurückgekehrt war, erbat er wieder mit dem
üblichen Nachdruck, von dem „erhabenen Chef des alten Hauses Hessen"
die erwünschten Gelder. Er lebte dann noch bis 1821 in Frankfurt.
Wie kam Arthur Chuquet, der treffliche Kenner der deutschen
Literatur am Ausgang des 18. Jahrhunderts, dessen Arbeiten auf diesem
Gebiete, wie auf dem der französischen Revolution, dessen Geschichte
des deutsch-französischen Krieges in Fachkreisen und weit darüber
hinaus wohlverdientes Ansehen genießen, dazu, diesem Karl von Hessen,
dessen Bild stark pathologische Züge trägt, ein Buch von 423 Seiten
zu widmen ? Es enthält eine aus massenhaftem Akten- und Briefmaterial
mit größter Sorgfalt und glücklicher Verwertung der Quellen geschöpfte
Darstellung, die vielleicht um so eindnicksvoller wirkt, je mehr der
Verfasser hinter den Quellen zuriicktritt. In dem kurzen Vorwort recht-
fertigt er sein Unternehmen mit dem verhängnisvollen Einfluß, den
Karls Angebertum auf die Lebensschicksale namhafter Männer der Re-
volution geübt hat, und glaubt einen bescheidenen aber nützlichen Bei-
trag zur Geschichte der revolutionären Periode zu liefern. Wir möchten
das Verdienst des Buches noch anders formulieren. Erwägen wir, daß
gerade zwei Drittel der Darstellung der militärischen Wirksamkeit Karls
vom Febi-uar 1792 bis Oktober 1793 gewidmet sind, so ergibt sich un-
zweifelhaft, daß hier das Schwergewicht des Werkes liegt. Diese Par-
tien aber geben neben dem biographischen Stoff ein wirkungsvolles
Gemälde der militärischen Desorganisation, die unter dem Einfluß der
Revolution in Frankreich um sich griff, sie zeigen, wie unverträglich
Farteigeist und militärische Subordination sind.
Für die Beziehungen Karls von Hessen zu dem hessischen Fürsten-
hause konnte sich Chuquet auf die Materialsammlung stützen, die
Artur Kleinschmidt im 35. Bande unserer Zeitschrift (1901) S. 31—102
gegeben hat. Er hat Kleinschmidts einleitende Darstellung stillschwei-
gend in wichtigen Punkten berichtigt. Einiges selbständige bietet in
vier wohlgelungenen biographischen Aufsätzen, die sich an Chuquet
und Kleinschmidt anschließen, unter dem Titel „Charles Hesse, der
Rotenburger Jakobinerprinz" Philipp Losch in den Hessischen
Blättern (hera. v. W. Hopf) vom 4., 7., 11. und 15. April 190(5. — Ich
habe unsere Leser zu dem Buche selbst hinführen wollen.
Marburg. Karl Wenck.
N. F. BD. XXX. 24
— 372 —
D. ErnstConstantin Ranke, Professor der Theologie zu Marburg.
Ein Lebensbild gezeichnet von seiner Tochter Etta Hitzig. Mit
einem Bildnis vom Jahre 188(5. Leipzig, Dunker und Humblot 1906,
VI, 363 SS. 8^ Mk. 6.00.
Dies Buch, vom Gesichtspunkt der Biographie einer menschlich
ungemein liebenswürdigen Persönlichkeit überaus anziehend, bedeutsam
durch die Rolle, welche der Altmeister der Geschichtswissenschaft Leo-
pold von Ranke, der älteste Bruder E. R's, und Hans von Kleist-Retzow,
der bekannte konservative Politiker, sein treuer Freund in dem mit-
geteilten Briefwechsel (S. 91—363) spielen, soll an dieser Stelle er-
wähnt werden, weil sich in dem Briefwechsel des Marburger Theologie-
professors von 1850 — 88 mancher Zug zur Charakteristik der theolo-
gischen Studien an unserer Hochschule während jener Jahre findet ^),
weil sich der Gang der Verfassungsfrage der hessischen Kirche darin
widerspiegelt, so wenig E. Ranke eine streitbare Natur war.
In der Geschichte des geistigen Lebens Marburgs, das Leopold
V. R. als „üniversitätsdorf" charakterisiert hat (Brief Emst's vom 9. Okt.
1854), wird der Name E. R's fortleben als Stifters eines akademischen
Gesangvereins (im Jahre 1852), aus dem sich später der Konzertverein
entwickelte, und als Begründers der „Herberge zur Heimat" (1881) ; in
der hessischen Geschichtsforschung wird man seiner Studien zur Bio-
graphie und zur Geschichte des Kultus der heiligen Elisabeth nicht
vergessen. Wenn in den Briefen vor allem der sinnige Zug und eine
einzigartige Gabe anschaulicher Darstellung hervortritt, so wächst sein
Bild in der Spiegelung, die es aus den Briefen Leopolds von R. und
Kleist-Retzow's erhält. Besonders hingewiesen sei übrigens hier auf
eine längere Auslassung des letzteren in dem Brief vom 12. Jan. 1841 über
die Anstellung Hassenpflugs in preußischem Dienst durch Friedrich
Wilhelm IV. S. 164/5. — Etta Hitzig, die Tochter E. R^s hat unzweifel-
haft mit diesem Buche, in dem sie vor dem Briefwechsel die Bruch-
stücke einer Selbstbiographie, eine eigene Fortsetzung auf Grund von
Tagebüchern und Briefen, endlich ausgewählte Gedichte des Vaters
bietet, diesem ein Denkmal errichtet, für das ihr viele Leser aufrichtig
Dank wissen werden.
Marburg. K. Wenck.
Aus dem Leben eines deutschen Bibliothekars. Erinne-
rungen und biographische Aufsätze von Otto Hartwig. Mit dem
Bildnis des Verfassers. Marburg, Elwert, 1906. V u. 387 SS. 8^.
Mk. 5.00.
Dies Buch ist bereits vor mehr als Jahresfrist erschienen, aber
ich weiß nicht, ob es unter meinen Landsleuten das Interesse gefunden
hat, das es nicht nur um seines Verfassers willen, der sich gern einen
'Stockhessen' nannte, sondern auch durch seinen Inhalt verdient : es ist
wirklich einer der wertvollsten autobiographischen Beiträge zur intimem
Geschichte des neunzehnten Jahrhunderts, die unsere hessische Literatur
aufzuweisen vermag.
Denn was hier der Schwiegersohn des Verstorbenen in drei Ab-
teilungen mit den Überschriften 'Zur eigenen Lebensgeschichte', 'Bio-
graphische Aufsätze', 'Zur kurhessischen und zur Zeitgeschichte' zu-
*) Vergleichsweise führe ich das Kapitel „Auf der Hochschule
in Marburg [1853 — 54J in Hm. Dalton's Lebenserinnerungen Bd. 1 (Berl.
1906) S. 299—349 an, über E. R. S. 321/'22.
— 373 —
sammengestellt hat — es trägt im Grunde alles mehr oder weniger
autobiographischen Charakter, selbst die Biographien der heimgegangenen
Freunde, £e hier ausgewählt sind : des Essayisten und Kulturvermittlers
Karl Hillebrand, des Politikers Ludwig Bamberger und der Dichterin
Louise von Frangois. Aus nahen, durch lange Jahre gepflegten und
nie erschütterten freundschaftlichen Beziehungen erwachsen, sind sie
sprechende Zeugen auch für den Überlebenden, der der hingebende
Freund seiner Freunde so gut war, wie der grimmige Hasser seiner
Feinde.
Es ist zugleich ein höchst sachliches und ein höchst persönliches
Buch. Es enthält eine überraschende Fülle zeitgeschichtlichen und
kulturgeschichtlichen Stoffs, innerhalb dessen die Person des Verfassers
nirgends mehr hervortritt, als es die Darstellung verlangt; aber es
zeigt diesen reichen Stoff stets in einer energischen persönlichen Auf-
fassung und Beleuchtung ; der ausgezeichnete Geschichtskenner und er-
probte Geschichtsforscher, der Otto Hartwig war, vermag doch nirgends
den im Zeitalter heftiger politischer Gegensätze scharfkantig geschliffenen
Parteimann zurückzudrängen, und das kritische Räsonnement stellt sich
oft auch da ein, wo wir uns eben an der behaglichen oder amüsanten
Darstellung verflossener Kulturzustände erfreuen wollen, wie in dem
Abschnitt 'Marburg vor einem halben Jahrhundert' (S. 36—64).
Als sich Hartwig im Jahre 1898 von der Leitung der durch ihn
völlig umgeschaffenen Hallischen Universitätsbibliothek nach zweiund-
zwanzigjähriger Amtsführung nach Marburg zurückzog, begann er eine
ausführliche Selbstbiographie, die aber in weit gespanntem Rahmen
einmal eine ausführliche Darstellung der politischen Zustände insbeson-
dere seiner kurhessischen Heimat, und dann eine breite Schilderung
der deutschen Bibliotheksverhältnisse und ihrer Wandlungen im letzten
Viertel des 19. Jahrhunderts bieten sollte. Davon sind einzelne Ab-
schnitte rasch fertig geworden und im Privatdruck den Freunden schon
friiher zugänglich gewesen, anderes tritt jetzt aus dem Nachlaß her-
vor: zum Teil noch weniger stilistisch gesäubert und gefeilt als das
friiher gedruckte, und hier und da mit störenden Wiederholungen, die
eine Schlußredaktion gewiß beseitigt hätte. In jenem oben angedeuteten
Rahmen hätte auch der Aufsatz 'Vümar und Hassenpflug' seinen
passenden Platz gefunden: wie er hier (S. 99—127) an den Schluß der
bereits über den Tod der beiden hinausgeschrittenen Selbstbiographie
angehängt wird, muß er zunächst störend wirken, und er scheint direkt
überflüssig, wenn wir am Ende des Bandes (S. H50— 387) die 'Kur-
hessischen Erinnerungen' aus der 'Nation' von 1894 und 1895 finden,
Herzensergießungen aus Anlaß des Erscheinens von Otto Bährs Schrift
'Das frühere Kurhessen', die offenbar in einer sehr viel glücklicheren
Stunde geschrieben sind und doch H.s Porträtierung seiner ärgsten
politischen Gegner völlig ausreichend mit enthalten.
Gewiß, Hartwig hat diese beiden gehaßt bis aufs Blut, und er
war durchdrungen davon, daß sein Haß aus einer starken sittlichen
Wurzel stamme. Aber ein Buch wie dieses, wo an allen Ecken und
Enden, vom und hinten und in der Mitte, immer wieder auf sie los-
gehackt wird — das hätte er so nicht hinausgehn lassen! Es ist ein
entschiedener Mißgriff des Herausgebers, der in dem Wunsche, nichts
hessisches aus dem autobiographischen Nachlaß H.s zu unterdrücken,
diese sich mehrfach verschärfenden Wiederholungen gebracht hat, die
einen peinlichen Eindruck machen, obwohl Prof. Liesegang bestrebt
gewesen ist, sie der ärgsten persönlichen Spitzen zu entkleiden (S. HO
24*
— 374 —
Anm.). Für manche Anzeichen der nie ruhenden persönlichen Ge-
reiztheit fehlt dem Herausgeber entschuldbarer Weise der Blick : es
wirkt direkt kleinlich, wenn Hartwig — übrigens ganz wie sein Lehrer
Heinrich von Sybel — den Minister Hassenpflug immer wieder mit
seinen Vornamen einführt (S. 103. 116. 366. 377): wir Kurhessen wissen,
welcher komische Klang in diesem ^Hans Danjel' lag. Und Kopf-
schütteln erregt auch die bis auf die Spitze getriebene Tendenz, dem
Ministerium Hassenpflug alle und jede Einsicht und jedes Verdienst ab-
zusprechen, wenn wir etwa in dem vorliegenden Bande wiederholt die
Berufung des Chirurgen Roser (S. 59. 68) so dargestellt finden, daß
sie 'nur dem persönlichen Eingreifen des berühmten Göttinger Chirurgen
Baum bei dem Minister H. zu verdanken war'. Ja, wie soll denn sonst
ein Minister selbständige Einsicht in Universitätsfragen betätigen, als
daß er sich dem Urteil der Tüchtigsten anschließt?
Ich habe absichtlich hervorgehoben, daß ich gegenüber den
Mängeln des Buches, die durch die Schuld der Redaktion stärker her-
vortreten, nicht blind bin. Ich füge auch aus eigener Kenntnis der
Persönlichkeit Hartwigs, der mir in seinen letzten Marburger Jahren
ein verehrter Freund und Gönner war, hinzu, daß er eine gefährliche
Neigung hatte, durch Anekdoten zu charakterisieren, und daß er der-
artigen Anekdoten gegenüber nicht das Maß von Kritik besaß, das er
als Forscher gegenüber den Dokumenten immer bewährt. Aber er hat
nie gegen die Person gestritten, wo er nicht gegen die verkehrte oder gar
die unsittliche Sache streiten zu müssen glaubte; er war wohl recht-
haberisch und eigensinnig, aber seine Seele war frei von Eigennutz und
Eitelkeit, und die Ideen, für die er in den Kampf trat, das waren eben
die Ideen, die Deutschland geistig und politisch groß gemacht haben.
Edward Schröder.
Heymann, Ernst, Professor Dr., Parochialänderung und Katho-
lizitäts-Prinzip nach kurhessischem Kirchenrecht. Ein
Gutachten. Zugleich ein Beitrag zur Rechtsgeschichte der Toleranz.
Erweiterte Ausgabe. Marburg 1906. XVI u. 77 S. Mk. 1.60.
Lange Zeit hindurch hat der Streit um die kirchliche Zugehörige
keit der evangelisch-lutherischen Bewohner der Vororte Kassels nach
ihrer Eingemeindung und um deren Folgen für den Ausbau jener kirch-
lichen Gemeinden die Gemüter bewegt. H. wurde von ihren Presby-
terien damit beauftragt, hierüber ein Gutachten abzugeben.
Seine Schrift baut sich auf durchaus geschichtlicher Gmndlage
auf, untersucht also die Stellung der Lutheraner in Kassel, die sich
anfangs durchaus nach dem starren Katholizitätsprinzip bestimmt und
erst durch das Privileg vom 7. März 1768 — die Gemeinde läßt sich
bereits seit 1719 nachweisen — etwas gemildert wurde. Jerome Na-
poleon befreite sie dann durch das Edikt vom 22. Januar 1808, das
auch nach der Wiederherstellung des alten Staates seine Gültigkeit
behielt, von dem hier reformierten Pfarrzwang jenes Prinzips. Damit
erhielt die lutherische Gemeinde zu Kassel eigene Kirchspielsgrenzen,
die sich natürlich mit den Gesamtgrenzen der damaligen Kasseler
Gemeinden decken mußten. Die lutherische Gemeinde hat also kein
Recht, bei Eingemeindungen sich in Nachbarkirchengemeinden hinein
zu erstrecken. So bedeutet die Einbeziehung der in den Kasseler Vor-
orten wohnenden Lutheraner in die lutherische Kirchengemeinde von
Kassel eine Neuabgrenzung des lokalen Sprengeis dieser Gemeinde und
unterhegt daher den rechtlichen Grundsätzen über Parochialändenmgen,
— 375 —
durch die die in eine andere Kirchengemeinde übersiedelnden Mitgliedei
zur Entschädigung der alten hinsichtlich der Baulasten und der Kirchen-
steuern verpflichtet sind.
Bei allen diesen Parochialänderungen bedarf es der Zustimmung
der alten Presbyterien, also hier der reformierten Vorortsgemeinden.
Wo sie nicht gehört sind, besteht die Mitgliedschaft aller Beteiligten
unverändert fort. Sobald die lutherische Gemeinde in Kassel in den
Vororten nur eine Kirche bauen will, bloß um ihre in Altkassel woh-
nenden Parochianen von dort aus zu versorgen, stehen ihrem Vorhaben
keine rechtlichen Bedenken entgegen.
Soweit der Inhalt der Schrift, die über die Lokalfrage hinaus
für die Zukunft in allen kirchenrechtlichen Fragen ehemals kurhessischer
Einzelgemeinden ihre Bedeutung behalten wird. In den weiteren Rahmen
der allgemeinen Geschichte gehören die Bemerkungen über die Toleranz ;
namentlich die urkundlichen Beilagen, die aus den Jahren 1680, 1714
und 1730 mitgeteilten Aktenstücke, sind ein interessanter Nachweis da-
für, daß die wandernden Handwerksgesellen dazu beitrugen, die Ein-
seitigkeit und Geschlossenheit der streng bekenntnismäßigen Kirchen-
gemeinden zu sprengen ; in Kassel waren es die Schuhknechte, die viel
zur Begründung einer bürgerlichen lutherischen Gemeinde beitrugen
und dadurch eine praktische Toleranz heraufführen halfen. Die übrigen
im Anhang mitgeteilten Aktenstücke befassen sich mit der Stellung der
Königin Ulrike Eleonore von Schweden zu der freien Religionsübung
der Lutheraner und der praktischen Handhabung der durch Jerome Na-
poleon hergestellten Normen.
Müsebeck.
Heinrich Naumann, Nanzhausen bei Lohra, Vom Heimatacker.
Geschichten eines hessischen Bauersmanns. Mit einem Bild-
nis des Verfassers. (Bücherschatz des deutschen Dorfboten.)
Im Auftrage des deutschen Vereins für ländliche Wohlfahrts- und
Heimatspflege herausgegeben von Heinrich Sohnrey. 174 SS. 8^
Berlin SW. 11 Deutsche Landbuchhandlung 190G. Mk. 1.50.
Obwohl die schöne Literatur nicht in den Rahmen unserer Be-
sprechungen fällt, möge mit zwei Worten hier des obengenannten Büch-
leins gedacht sein, da es in Zukunft wohl als eine treue Quelle für
das Leben, Denken und Meinen des oberhessischen Bauernvolkes in der
zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gelten mag. Heinrich Sohnrey hat
unsern Nanzhauser, der ja seit Jahrzehnten neben Hacke und Spaten
die Feder führt, aufgefordert, aus den in verschiedenen Wochenschriften
und dergl. verstreuten Aufsätzen ein Büchlein zu€ammen zu stellen.
Er hat dann selbst die Auslese der 30 hier gebotenen Stücke aus 250
ihm übersandten Erzählungen, Schilderungen, Skizzen und Gedichten
vorgenommen. Aus allen erkennen wir nicht nur die Absicht N's seine
bäuerlichen Volksgenossen zu allem guten und schönen zu erheben und
zu stärken, ihre Schwächen rückhaltlos darzustellen und zu bekämpfen,
sondern auch die sinnige dichterische Begabung und die warme Heimats-
liebe N's. Möchte das Bändchen einen vollen Erfolg haben, und dieser
die etwas schwermütige Stimmung des nicht mehr jungen Verfassers,
die wir zwischen den Zeilen finden, freudiger und heiterer gestalten.
Darauf dürfen wir wohl hoffen, da die Zeitungen melden, daß auf Ver-
anlassung des Oberpräsidenten das Buch „möglichst vielen Volks-
bibliotheken unserer Provinz" überwiesen wurde.
Marburg, K. Wenck.
— 376 —
Zur Besprechung gingen femer ein: K. Müller, Die selbständige^
evangelisch-lutherische Kirche in den hessischen Landen. Elberfeld,
Verlag des luther. Büchervereins. 1906. — H. Th. Kimpel, Geschichte
des hessischen Volksschulwesens von seinen ersten Anfängen bis zum
Jahre 1800. Kassel, R. Röttger 1906. — H. Buchen au. Der Bracteaten-
fund von Seega. Marburg, Elwert 1905.
In dem neuesten 14. Bande der Mitteilungen des Ober-
hessischen Geschichtsvereins, die jetzt unter der Schriftleitung
des Privatdozenten Dr. E. Vogt stehen, veröffentlicht Fr. Vigener
S. 1 — 43 einen gediegenen trefflich geschriebenen Aufsatz zur Geschichte
des Erzstifts Mainz Kuno von Falkenstein und Erzbischof
Gerlach von Mainz in den Jahren 1354 — 1358, femer be-
handelt S. 44 — 61 Ludwig Schädel, „der Gründer derLudovi-
ciana in der Haft des Winterkönigs" in anregender Vortrags-
form den Marburger Erbfolgestreit mit besonderer Zuspitzung auf die
Kriegsereignisse des Mai-Juni 1622. Beide Aufsätze haben archivalische
Beilagen. Mit zwei Urkunden Papst Gregors IX. vom Januar 1235 be-
reichert E. Vogt das Material für die Geschichte des Übergangs des
Klosters Lorsch an das Erzstift. Die Vereinschronik handelt insbeson-
dere von der Einweihung des neuen Gießener Museums im alten Schloß.
In den letzten beiden Jahren hat sehr erfreulicher Weise auch
Hessen, wie längst andere deutsche Landschaften, einen dem Sinn für
Kunst und Geschichte gewidmeten Kalender erhalten: Hessen-Kunst
Kalender für alte und neue Kunst 1. 2. Jahrg. Herausgeg. von Dr. Chstn.
Rauch. Marburg 1906 bezw. 1907. Osk. Ehrhardt. Je 1 Mk. Der Jahr-
gang 1906 stand künstlerisch unter dem Zeichen Otto Ubbelohde's,
der neueste in verstärktem Maße unter dem Wilh. Thielemanns.
Hier soll nur kurz hingewiesen werden auf die aus den Quellen ge-
schöpften historischen Beiträge, die unser Arbeitsgebiet betreffen und
in diesen Kalendern künftig der Benutzung durch die Forscher entgehen
könnten: G. Eisentraut, die vorgeschichtlichen Dorfanlagen
der Milsenburg, A. von Drach, von St. Elisabeth Krone und
Ring, K. Wenck, zum Leumund der Hessen, Chstn. Rauch,
Fritzlar, F. Küch, Marburger Kunstleben am Ausgang des
Mittelalters (handelt insbesondere von den Gebr. von der Leyten und
von Ludwig Juppe), F. Küch, Marburger Student aus dem Jahre
1578, Erich Haenel, Hessische Arbeiten in der königlichen
Gewehrgalerie zu Dresden. (Einen ausführlichen Bericht über
diesen Jahrgang gab Gr. Richter in den Fuldaer Geschichtsbl. 4, 205 — 7.)
— Im 2. Jahrgang hebe ich hervor eine sehr belehrende Gegenüber-
stellung (mit Bild) von „Breitenau und Paulinzella" von A. Holt-
meyer, der 1905 in der Zeitschr. f. thüring. Gesch. 23, 71 — 242 ge-
diegene „Beiträge zur Baugeschichte, der Paulinzeller Klosterkirche"
veröffentlichte, und daneben den Aufsatz F. Küch's „urkundliche
Nachrichten über Wandmalereien im Schloß zu Ziegenhain*'
aus der Zeit des Landgrafen Philipp und des Landgrafen Moritz. Quelle
sind eine Rechnung des Malers Hans Wilhelm Kirchhof, des jüngeren,
von 1615 und ein Heftchen mit 18 Kopien der Wandgemälde von der
Hand des Künstlers.
Ohne Wort nur durch 12 Monatsbilder und 1 Titelbild wirkt der
für 1907 zum vierten Mal ausgegebene Hessische Kalender heraus-
gegeben von Hans Meyer- Cassel, verlegt von E. Hühn-Cassel.
Mk. 2.50. Mit besonderem Dank wird jeder Geschichtsfreund die Zeich--
— 377 —
nungen von Fritzlar, der Festung Ziegenhain, Altenburgs an der Eder,
der Hersfelder Kirchenruine, des Klosters Haina begrüßen.
Das letzte Heft der „Hessischen Blätter für Volkskunde"
(Bd. V Heft 2/3) enthält S. 92—108 einen Aufsatz des Gießener Kunst-
historikers Brunp Sauer (mit 2 Tafeln, 10 Abbildungen) „Ober-
hessische Dorfkirchen".
Das „Hessenland", das im vergangenen Jahre auf eine
zwanzigjährige Vergangenheit zurückblickte, ist den Lesern unserer Zeit-
schrift keine unbekannte Größe. Es ist gut, daß in vielen deutschen
Landschaften jetzt landesgeschichtliche Blätter zu linden sind, die bei
häutigem Erscheinen ohne streng- wissenschaftliches Gewand den ge-
schichtlichen Sinn in weiten Kreisen zu pflegen berufen sind. Dabei
können sie der geschichtlichen Erkenntnis mancherlei dankenswerten
Stoff zuführen. | Das eine wie das andere dürfen wir von dem im Jahre
190G erschienenem 20. Jahrgang des „Hessenlandes" rühmen, und das
Verdienst ist nicht am wenigsten Herrn Paul Heidelbach zuzu-
schreiben, der nach dem Tode von W. Bennecke schon in Nr. 2 die
Schriftleitung übernahm. Ich verzeichne eine Reihe von Aufsätzen
militärgeschichtlichen Inhalts, die aus archivalischem oder
anderem handschriftlichen Material geschöpft sind: 1) J. Fürer, die
hessische Kavallerie bei Laffelt 2. Juli 1747, 2) A. Woringer,
zwei Briefe hessischer Offiziere [von 1783 aus Amerika, von 1849
aus Hadersleben 1, 3) P. Heidelbach, das in London aufbewahrte
Verzeichnis der Truppen von Hessen-Kassel [1783], 4) von
Geyso, über die Expedition hessischer Truppen nach der
Insel Wight [1793], 5) Phil. Losch, Generalmajor George
Coleraine, sonst Hangher genannt [f 1824]. Zur Fürsten-
geschichte lieferte einen hübschen Beitrag der Aufsatz P. Heidel-
bachs, die Aussöhnung Landgraf Friedrichs II. mit seinen
Söhnen [1782/83 nach der hsl. Selbstbiographie von Friedrichs Minister
von Wittorff]. Ich schließe die beiden numismatischen Beiträge von
Th. Meyer (Groschen Landgraf Hermanns des Gel.) und P.
Weinmeister (Groschen Landgraf Wilhelm II.) an. In das Ge-
biet der Rechts- und Wirtschaftsgeschichte fallen die Aufsätze von L.
Armbrust, Melsunger Rechtsfälle (1513 — IGIO) und A. Woringer,
Zoll und Schmuggel in Hessen im 18. und 19. Jahrhuntert (es
sind vier aus mannigfachen Quellen geschöpfte lehrreiche Studien), in
das Gebiet der Namenforschung: 0. Bethge, sächsische und
fränkische Siedlungen in Hessen (B. stellt hessische Ortsnamen
mit sächsischer bezw. mit fränkischer Färbung zusammen) und A.
Woringer, die neuen Kasseler Straßennamen. Der Kasseler
Lokalgeschichte wenn auch mit dem Schwergewicht zur neuen Heimat
dient P. Weinmeister in dem Aufsatz kirchliche Beziehungen
zwischen Kassel und Leipzig vor zwei Jahrhunderten (es
handelt sich um die französische Gemeinde hier und dort), endlich C.
Neuber, das Kastell in Kassel. Sehr dankenswert ist die schnelle
und eingehende Berichterstattung über die Sitzungen des Geschichts-
vereins in Kassel und Marburg und die hessische Zeitschriften-
schau von W. Schoof.
Eine eingehende Würdigung Würdtweins, wie sie der Freiburger
Stadtarchivar Peter P. Albert in einem um Anmerkungen bereicherten
Vortrag „Der Wormser Weihbischof Stephan Alexander Würdt-
wein und seine Verdienste um die deutsche Geschichtsfor-
— 378 —
schung" im Freiburger Diözesanarchiv 34 (1906) S. 75 — 106 ge-
boten hat, würde bei der großen Bedeutung von Würdtweins Arbeiten
für die hessische Geschichtsforschung uns sehr willkommen sein, auch
wenn sie nicht als Beilage 2 S. 106 — 19 (Beilage 1 ist eine Bibliogra-
phie von W.'s Schriften) zwölf Briefe H. B. Wencks an Würdtwein
aus den Jahren 1780—88 enthielte, die für die Charakteristik Wencks,
insbesondere seiner Arbeitsweise schätzbares Material liefern.
Einen beachtenswerten Nachruf auf den Historiker Cornelius
Will (t 8. Dez. 1905) von Dr. Ludwigs bringt (41 SS. lang) der
57. Band der „Verhandlungen des historischen Vereins von Oberpfalz
und Regensburg. Will gehört durch Geburt (1831 zu Großenlüder) und
Studium zu uns, er war Schüler Heinrichs von Sybel in Marburg und
hat hier 1856 und 1859 seine ersten Bücher erscheinen lassen. In dem
Nekrolog wird man neben der kurzen Schilderung seines Lebensganges,
für welchen die Anknüpfung mit Joh. Fr. Böhmer im Jahre 1861 ent-
scheidend wurde, besonders die Übersicht über die Würdigungen seines
Hauptwerkes, der Mainzer Regesten (Bd. 1 und 2, 1877 und 1886), an-
gesichts des bevorstehenden Erscheinens einer viel weitergehenden An-
, Sprüchen entgegenkommenden Fortsetzung, mit Interesse lesen. Will
starb in Regensburg, wo er fast vierzig Jahre lang Vorstand des Fürst-
lich Thum und Taxisschen Centralarchivs gewesen war.
In dem Bericht über die Fortschritte der Römisch-Ger-
manischen Forschung im Jahre 1905, den die Römisch-Ger-
manische Kommission des Kaiserlichen Archäologischen In-
stituts 1906 (wie betr. 1904 im Jahre 1905) herausgegeben hat —
Frankfurt a. M., Jos. Baer u. Comp. 114 SS. gr. 8^ — kommt für uns
besonders in Betracht 1) der Aufsatz von Ed. Anthes, der gegenwärtige
Stand der Ringwallforschung S. 26—48. Dort wird „nach einem vor-
läufigen Bericht von Bö hl au (S. 46 — 48) unter Beigabe eines Planes
der Altenburg (Maßstab 1:12500) über die Ausgrabungen auf der
Altenburg bei Niedenstein in Hessen gehandelt. Die Scherben-
funde gehören der La-Tene-Zeit an. Die Frage, ob die Altenburg mit
Mattium, dem caput gentis, dem Hauptort des Chattenstamms, identisch
sei, wird aufgeworfen (mehr bietet bereits in verneinendem Sinne die
Skizze eines Vortrags Böhlau's im Kasseler Geschichtsverein April 1906,
im Hessenland 20. Jahrg. S. 129 f., vergl. S. 253). 2) die Abhand-
lung von G. Wolff, Besiedlung der südlichen Wetterau in
vorgeschichtlicher und römischer Zeit S. 69 — te. W. hatte
früher schon wiederholt auf die Kontinuität der Kultur in der Wetterau
— aus römischer Zeit durch die Stürme der Völkerwanderung in die
fränkische Zeit — hingewiesen. Auch den Gedanken, daß die Römer
die Wetterau bereits angebaut fanden, gerodet imd dem Ackerbau über-
geben von den Vertretern der La-Tene-Kultur — und sie das Land mit
eigentümlicher Ausbuchtung des Limes in erster Linie wegen seiner be-
kannten Fruchtbarkeit in Besitz nahmen, hatte er schon ausgesprochen.
Nach beiden Beziehungen haben die Funde der letzten Jahre seine An-
schauungen bestätigt.
In den Monumenta Germaniae historica (Hannover, Hahn)
ist 1906 der längst erwartete erste Band der Karolingerurkunden
(die Urkunden Pippins Karlmanns und Karls des Großen) er-
schienen. Dort finden wir die Königsurkunden für Fulda und
für Hersfeld bis zum Jahre 814 nach dem heutigen Stande dei
Urkundenwissenschaft bearbeitet, man sollte fortan auch bei uns
— 379 —
auf die Benutzung der Drucke bei Schannat, Dronke, H. B. Wenck
verzichten. In dem Empfängerverzeichnis findet man bequem die beiden
Abteien verliehenen Urkunden zusammengestellt, danach (S. 487) hat
Fulda 12 echte und 11 unechte, (S. 488) Hersfeld 11 echte und "3 un-
echte Königsurkunden aus dieser Zeit aufzuweisen. Natürlich finden
wir hier auch die für die Siedlungsgeschichte so wichtigen Urkunden
Karls des Großen für Bennit und Asig (Nr. 213 und 218). Besonderer
Dank sei Mich. Tangl ausgesprochen, der die Arbeit Mühlbachers
nach dessen Tode aufnahm und vollendete. — Der ebenfalls 1906 ab-
geschlossene dritte Band der Constitutiones et acta publica im-
peratorum et regum, die Jahre 1273 — 98 umfassend, bringt so
manche für die Anfänge des hessischen Territorialstaates wichtige
Urkunde, z. B. unter Nr. 47() — 78 die Constitutio principatus
Hassiae von 1292. Jakob Schwalm hat auch bereits Bd. 4,
1. Hälfte, die Jahre 1298 — 1311 umfassend, erscheinen lassen.
In der monumentalen wirklich schön ausgestatteten Festschrift
für den Mainzer Domkapitular Friedrich Schneider „Studien aus
Kunst und Geschichte. Friedrich Schneider zum siebzigsten
Geburtstag gewidmet von seinen Freunden und Verehrern". Freib. i. B.
Herder 1906, XXVII und 582 SS. 4^ In Leinwd. geb. Mk. 50.00, finden
sich unter 51 Aufsätzen, auf die wir Forscher und Freunde der Kunst-
geschichte und der Geschichte von Stadt und Erzstift Mainz im allge-
meinen verweisen, zwei Hessen betreffende Abhandlungen l) S. 509 — 30
Rudolf Kautzsch in Darmstadt, die Herakliusbilder zu Frau-
Rombach in Oberhessen. Im Jahre 1901 bei Restauration der
Kirche zu Frau-Rombach bei Schlitz in Oberhessen von Architekt und
Maler Prof. Bronner entdeckt wurde der Bilderkreis, von dem fünf
Neuntel erhalten sind, zuerst von Prof. Richter-Fulda auf den Wunder-
knaben und nachmaligen Wiedereroberer des heiligen Kreuzes Heraklius
(629 n. Chr.) bezogen. Aus der anziehend und überzeugend geführten
quellenkritischen und kunsthistorischen Würdigung Kautzsch's, des
Darmstädter Kunsthistorikers, ergibt sich nun folgendes : der Maler ent-
nahm den Stoff zu seiner Bilderreihe nicht aus dem französischen Epos
Eracle von Walther von Arras und nicht aus Jansen Enikels Weltchronik;
seine Darstellung stimmt bis auf eine Abweichung mit deijenigen im
höfischen Epos „Eraclius" des 13. Jahrhunderts von ^.Meister Otte".
Dieser darf als in Oberhessen heimisch angesehen werden, wenn wir
mit Ed. Schröder annehmen, daß die fränkisch-bairischen Elemente
seiner Sprache sich aus zeitweiligem Aufenthalt an einem fränkisch-
bairischen Hofe (als Kanzleibeamter?) erklären. Die eine Abweichung
von Otte und die Erwägung, daß ein weltliches Epos als Vorlage für
Kirchenmalerei überraschend wäre, macht Benutzung durch das Mittel-
glied einer Weltchronik in uns unbekannter Fassung wahrscheinlich.
Der Maler erhielt seinen Auftrag vom Kollegiatstift Hünfeld ad sanctam
crucem (Heraklius Wiedereroberer des Kreuzes Christi!) dem Patron
der Kirche zu Frau-Rombach. Die kunstgeschichtliche Würdigung führt
mit Bestimmtheit dahin, die Entstehung der Wandmalerei in die erste
Hälfte des 14. Jahrhunderts zu verlegen. 2) In dem Aufsatz „Kardinal
Albrecht von Brandenburg und die Reliquiensammlung der
Barfüßer zu Fritzlar" (S. 119—23) berichtet Johannes Baptist
Kießling in Mainz auf Grund eines Mainzischen, heute in Würzburg
befindlichen Aktenstücks, wie der sehr heruntergekommene Franzis-
kanerkonvent zu Fritzlar im Jahre 1516 dem Erzbischof zur Reform
— 380 —
empfohlen wurde, bei einem Besuche Albrechts dessen Verlangen nach
den dort befindlichen Reliquien erregte, wie die Fritzlarer Franziskaner
nach Ausbreitung der neuen Lehre in Hessen durch das Ausbleiben
der Spenden der Gläubigen in Not gerieten und nun im Jahre 1528
mit dem Erzbischof wegen Verkaufs der Reliquien, auch einiger „Klei-
nodien und Zierrat" in Verhandlung traten. Kardinal Albrecht war dank
seines Sammeleifers sehr begierig nach der Erwerbung, aber auch ge-
neigt mit Hinweis auf den Abfall der Gläubigen den Preis zu drücken.
Für die Überlassung einer großen Monstranz bedurfte es der Zustim-
mung des Rates von Fritzlar, die leicht zu erlangen war. 1529 kam
der Handel zu Stande. Albrecht gewährte dem Konvent für Reliquien,
Monstranz und ein silbernes Kreuz eine Jahresrente von 30 Gulden.
Kießling teilt das merkwürdige Reliquienverzeichnis mit (S. 121/2) und
bemerkt richtig, es zeige, wie Albrecht in diesem Falle noch so ganz
mit der Kritiklosigkeit einer früheren Epoche verfuhr. Über ein Nach-
spiel zu diesen Verhandlungen im Jahre 1543 yergl. Falckenheiner,
Gesch. hess. Städte und Stifter 2, 33.
Veranlaßt durch die vom Kasseler Konsistorium auf Anregung
der Historischen Kommission für Hessen und Waldeck .an die Pfarrer
seines Bezirks gesandte Auffordemng in den Reposituren und Archiven
ihrer Pfarreien nach Urkunden und Aktenmaterial aus der Refonnations-
zeit (1517 — 70) zu suchen, hat Pfarrer Lic. Wagner in Ottrau
unter der Überschrift y,was man aus alten Kastenrechnungen
lernen kann" in den „Blättern aus dem Prediger- Seminar
zu Hofgeismar'^ Jahrg. 2 Nr. 2 (Febr. 1905) S. 5—14 „an der Hand
von Kirchenkastenrechnungen aus den Jahren 1577 — 1750 zu zeigen
versucht, wie mancher Lichtstrahl von da auf Kirchengeschichte, Welt-
geschichte und Ortsgeschichte fällt.'' Seine dankenswerten Zusammen-
stellungen hat er gut gegliedert. Wir treffen da 1) Anspielungen auf
hervorragende Ereignisse der hessischen Kirchengeschichte, 2) Nach-
richten über kirchliche Einrichtungen und Zustände, a) die Stellung der
Pfarrer, b) der Kirchenältesten, c) des Opfermanns (Küsters und Lehrers),
d) der Superintendenten und Metropolitane, e) über das gottesdienstliche
Leben, f) über das Almosenwesen (besonders interessant), g) über die
Kirchenzucht, h) Andeutungen über den Bekenntnisstand der nieder-
hessischen Kirche. Wir begrüßen diese Mitteilungen mit einem kräftigen
Vivat sequens und erinnern unsere hessischen Pfarrer bei dieser Gelegen-
heit an die Mahnung von Paul Drews-Gießen in der „Monatsschrift
für kirchliche Praxis 1 (1901), religiöse Volkskunde zu treiben und an
die entsprechende Anregung von E. Mogk-Leipzig, „die Volkskunde im
Rahmen der Kultureiitwickelung der Gegenwart" in den „Hessischen
Blättern für Volkskunde" 3 (1904) S. 6 f., wir tragen endlich den s. Zt.
von unseren Bibliographen übersehenen lehiTeichen Aufsatz Wilhelm
DiehTs nach: Die Aussagen der Protokolle der großen
hessischen Kirchenvisitation von 1628 über den im
VolkvorhandenenAberglauben, Zeitschrift für Kulturgeschichte
Bd. 8 (1901) S. 287—324. Er enthält viel interessantes über das Segen-
sprechen im Marburger Land, vergl. die Anzeige von Ad. Strack in
„Blättern für hess. Volkskunde" 3. Jahrg. 1901 Nr.' 2 S. 8.
In dem Universitätsprogramm zur Geburtstagsfeier des Kaisers
am 27. Januar 1907 teilt Th. Birt die Marburger Universitäts-
matrikel für die Jahre 1700 — 1720 mit. Wir wollen hier nur
darauf hinweisen, wie sehr in diesen letzten vor Chstn. Wolffs Berufung
— 381 —
fallenden Jahrzehnten die Zahl der Hessen die der „Ausländer" über-
wiegt. Unter dem 27. Mai 1704 finde ich einen ,Maistro di lingua
Italiana' immatrikuliert, nun — seit diesem Winter, haben wir ja wieder
einen italienischen Lektor!
In der kleinen Schrift „Der erste Lippische Erbfolge-
krieg, ein Vorspiel zur lippischen Frage," Melsungen Hopf,
40 SS. 8^ 1905, Mk. —.30, benutzt Philipp Losch die gelegentlich
des Lippischen Erbfolgestreites unserer Tage, namentlich von dem Heidel-
berger Rechtslehrer G e r h. A n s c h ü t z „der Fall Friesenhausen"
19c5 (vergl. die Bibliographie uns. Ztschr. Bd. 39, 272) veröffentlichten
Archivalien zu einer geschickt und mit Humor geschriebenen Darstellung
der Hoffnungen, Ansprüche und Unternehmungen, welche die Ver-
heiratung des Reichsgrafen Friedrich Ernst von Lippe-Alverdissen mit
der einfachen Adligen Elisabeth von Friesenhausen bei den Landgrafen
von Hessen als den annexionslüstemen Lehnsherrn der Grafschaft
Lippe-Schaumburg erweckte. Wir erhalten ein lebendiges Bild aus der
deutschen Kleinstaaterei des 18. Jahrhunderts. Man wird aber das
Urteil von Losch über Landgraf Friedrich IL, der beim Aussterben der
Bückeburger Linie 1777 aus Mangel an Energie unterlassen habe, die
Successionsfähigkeit des Sohnes der Friesenhausen zu bestreiten und
die Lehnseinziehung anzubahnen, nicht unterschreiben mögen, um so
weniger, als aus dem Rechtsstreit unserer Tage sich die Ebenbürtigkeit
der Ehe mit der von Friesenhausen — auch ohne die kaiserliche
Deklaration von 1752 — ergeben hat, man wird den gewalttätigen und
völlig mißlungenen Versuch Landgraf Wilhelms IX., bei neuem Todesfall
(1787) durch militärische Besetzung des kleinen Landes die nun längst
entschiedene Frage zu Gunsten Hessen-Kassels umzuwerfen, als das
Werk unkluger Großmannssucht ansehen, das Urteil von Losch über
Wilhelm IX. als „einen wirklich bedeutenden Regentef^" sehr in Zweifel
ziehen und auf der anderen Seite die gegen verschiedene Glieder des.
preußischen Königshauses gerichteten Urteile als recht scharf zugespitzt
ablehnen.
Marburg. K, Wenck.
< ■» > ^« »
Verzeichnis
neuer hessischer Literatur.
Von
Adolph Fey.
Für alle Beiträge sage ich auch dieses Mal verbindlichsten Dank.
Leider haben sich nur wenige von den Herren, die ich früher genannt,
jetzt wieder beteiligt. Und doch ist zur Erzielung von annähernder
Vollständigkeit der Herausgeber einer Bibliographie auf die Mitwirkung
anderer unbedingt angewiesen ! Ich bitte deshalb nochmals alle Inter-
essenten um gütige Mitarbeit.
Erscheinungen des Jahres 1005/6.
1. Aly, Friedrich. Das Album des akadem. Pädagogiums von
1653 — 1833 = Festschrift des Kgl. Gymnasiums zu Marburg. Mar-
burg (Elwert.) 1904. 4.
la. Amelung, Ernst Wilhelm. Tagebuch für Ernst Wilh. Ame-
lung, Feldprediger bei dem hess. hochlöbl. Leib-Infanterie-Regiment
1792. In: Hessische Blätter hgg. v. Wilh. Hopf v. 1. 5. 8. 12. 15.
19. Sept. 1906. Melsungen, 1906. (Amelung war später Pfarrer
in Reichensachsen und Breitenbach, wo er 1851 starb.)
2. Amrhein. Das fuldische Propsteikloster Holzkirchen. In:
Fuldaer Geschichtsblätter Jahrg. 4. Fulda (Actiendr.) 1905. 8.
3. [Andersen, H. Chr. — ] Hessische Ahnen des Dichters An-
dersen. Von Ph. L. [osch.] In: Hessenland XIX Nr. 21. Cassel,
1905.
4. A pell, F. v. — Der Versuch zum Entsätze Landaus und die
Schlacht am Speyerbach, bei Speyer, Dudenhofen oder Heiligenstein,
am 15. Nov. 1703 . . . Marburg (Elwert.) 1906. 8.
5. Archiv f. Hess. Geschichte u. Altertumskunde. Neue Folge.
Bd. 4 Heft 2. Hgg. von Eduard Anthes. Darmstadt (Selbstverl.)
1906. 8.
6. [Archiv.] Polit. Archiv des Landgrafen Philipp d. Großm.
hgg. von Fr. Küch. Bespr. von F. Seeling in Hessenland XIX
Nr. 3. Cassel, 1905.
— 383 —
7. Armbrust, L. — Anna von Braunschweig, Landgräfin zu
Hessen. — In: Zeitschrift d. Ver. f. hess. Gesch. N. F. 30. p. 1.
Kassel, 1906. 8.
8. Armbrust, L. — Ein englischer Paß von 1599. In: Zeit-
schrift d. Ver. f. hess. Gesch. N. F. 30. S. 166. Kassel, 1906. 8.
Bespr. von Schenk zu Schweinsberg in: Quartalblätter
d. bist. Ver. f. d. Großh. Hessen. Bd. III Nr. 17/18.
9. Armbrust, Ludwig. Geschichte d. Stadt Melsungen bis zur
Gegenwart. ... In: Zeitschrift des Vereins f. hess. Gesch. N. F.
Suppl. 14. Cassel, 1905. 8. Bespr. von Ph. L[osch] in Hessenland
XIX Nr. 20. Cassel, 1905.
10. Armbrust, L. — Melsunger Rechtsfälle im 16. Jahrhundert.
In: Hessenland XX S. 200. Cassel, 1906.
11. Armbrust, L. — Wilhelm von Hessen, Freiherr von Lands-
burg. In: Hessenland XX 1906. S. 244.
12. Baltzer, Jeanette. Heimatsbilder. Hanau (Clauss & Fed-
dersen.) 1907. 8.
13. Bardeleben, Carl v. — Stammtafeln der beiden uradligen
Geschlechter von Bardeleben. Görlitz (Starke) 1906. 8.
14. Basse, Fritz. Das Monument auf dem Carlsberg zu Wilhelms-
höhe „0 c 1 g n" genannt. In : Tageblatt v. 19. Oct. Cassel, 1905.
(Mit Benutzung von hinterlassener Aufzeichnung des Hofbaurat Knyrim.)
15. Bau mann, K. — Die Einführung der Verbesserungspunkte
in Hessen. In: Allg. Ev.-Luth. Kirchenzeitung 1906 Nr. 1 u. f.
Leipzig (Dörffling & Fr.) 1906. 4.
16. Becker, Eduard. Eine Handschrift zur Geschichte d. Butt-
larischen Rotte. Darms ladt, 1905. 8.
17. Benedikt XIV. Ein Brief Benedikts XIV. an Franz L zu
Gunsten des Erbprinzen Friedrich von Hessen. In: Hessenland
XIX Nr. 1. Cassel, 1905.
18. Bennecke, Wilhelm. Das Hoftheater in Kassel von 1814
bis zur Gegenwart. Beiträge, z. Bühnengesch. Kassel (Victor) 1906. 8.
Bespr. von Edw. Schröder in: Zeitschr. d. Ver. f. hess. Gesch.
N. F. 30. S. 187.
19. Bennecke, W. — Die Schiller-Aufführungen am Hoftheater
in Kassel. In: Hessenland XIX Nr. 9. Cassel, 1905.
20. Bennecke, Wilhelm. Kasseler Skizzen IIL [Der Königs-
platz.] In: Hessenland XX S. 250. Cassel, 1906.
21. Bericht über die am 13. Sept. 1905 zu Hanau abgehaltene
Diözesan-Synode d. Diöz. Hanau. Hanau (Waisenhaus) 1905. 8.
22. Berta, R. — Soden-Stolzenberg. Beiträge zur Gesch. d.
Salzquellengebietes, der Stadt und des Bades. In: Fuldaer Ge-
schichtsblätter Jahrg. 5. Fulda (Actiendr.) 1906. 8.
23. [Bess.] Das Verhalten der verfassungstreuen Offiziere bei
der Vereidigung der Kasseler Garnison im Dez. 1847. In: Landes-
zeitung XXI Nr. 247. Marburg, 1906.
24. Bethge, 0. — Sächsische und fränkische Siedelungen in
Hessen. In: Hessenland XX S. 320 u. 337. Cassel, 1906.
25. Bibliothek. Die Murhardsche Bibliothek in Kassel. In:
Hessenland XIX Nr. 6. Cassel, 1905.
26. Bihl, Michel. Pfarrer Eduard Henkel, ein Erforscher d.
Lokalgeschichte Dermbachs . . (1892.) In : Fuldaer Geschichtsbl.
Jahrg. 5. Fulda (Actiendr.) 1906. 8.
27. [Bildnisse.] Bie Bildnisse Philipps des Großmütigen von
Drach u. Könnecke. Bespr. von F. Seeling in Hessenland Nr. 24.
Cassel, 1905.
— 384 —
28. Bilfinger (Sanitätsrat Dr.) Nichtschuldig! Verurteilung
«ines Unschuldigen zu 7 Jahren Zuchthaus ! Überzeugende Klarlegung,
daß der angekl. Gattenmörder Weissei ... 5. Juli 1905 in Kassel irr-
tümlich schuldig gesprochen worden ist. Kassel (Selbstverl.) 1905. 8.
29. Biographie. Allgemeine Deutsche Biographie Bd. 51.
Leipzig (Duncker&Humblot) 1906. 8. Darin Hessen: J. G. Kaupert
aus Cassel bespr. von Weizsäcker. — Joh. Aug. Kaupert von Hantzsch.
— E. F. W. Klinkerfues aus Hofgeismar von Günther. — Joh. Fr.
Knapp von Anthes. — Ernst Koch aus Singlis von Frz. Brummer.
— Georg Koch aus Cassel von Katzenstein. — Joh. Wilh. Kr äfft
aus Marburg von Achelis. — Ludw. Lemcke (1863 — 67 Prof. in Mar-
burg) von Edw. Schröder.
30. Biographie. Allgemeine Deutsche Biographie Bd. 52.
Leipzig (Duncker & Humbiot) 1906. 8. Darin Hessen: G. W. R.
Linker aus Marburg bespr. v. C. Haeberlin. — Frz. Ludw. Ferd.
Löwe aus Cassel von H. A. Lier. — Karl Lucae (1867—1888 Pro-
fessor in Marburg) von Edw. Schröder. — Ludwig I. u. IL, Land-
grafen von Hessen von H. Diemar. — Heinr. Ludwig aus Hanau von
Beringer. — Karl Fr. Wilh. Ludwig aus Witzenhausen von P. Grützner.
— Wilh. Mangold aus Cassel von A. Kamphausen. — Viktor v. Mei-
bom von V. Schulte.
31. Blätter. Gemeinnützige Blätter f. Hessen u. Nassau. Zeit-
schrift f. soz. Heimatkunde. Red. W. Kobelt. Jahrg. 8. Frankfurt
1906. 8.
32. Blätter. Hessische Blätter f. Volkskunde (begründet von
Strack) hgg. von Karl Helm und Hugo Hepding. Bd. IV u. V. 1.
Leipzig (Teubner) 1906. 8. Bespr. von Georg Steinhausen in
Archiv f. Kulturg. IV p. 244. Berlin, 1906.
33. [B o 1 1 e n s t e r n , Otto von.] Am Hofe König J^römes. Bespr.
von Heidelbach in Hessenland XIX Nr. 14. Cassel, 1905.
34. [Brand au, Karl.] Ruhmestat eines hess. Ingenieurs [Karl
BrandauJ. Der Durchstich des Simplon. In: Hessenland XIX Nr. 6.
Cassel, 1905.
35. Brehm, Helene. Allerlei hessische Volksbräuche. In: Hes-
senland XX S. 6. Cassel, 1906.
36. B r e i t e n a u. [Aus E. Happel, Romanische Bauten in Nieder-
hessen.] In: Hessenland XX S. 78. Cassel, 1906.
37. Brentano, Clemens. Ungedruckte Briefe von Clemens Bren-
tano. Mitgeteilt von Luzian Pfleger. In Histor.-pol. Blätter Bd. 136.
München (Lit. art. Anstalt) 1905. 8.
38. Briefe. Zwei Briefe hessischer Offiziere. [Joh. Heinr.
Henkelmann und Frz. Karl Hill ehr and] von Woringer. In:
Hessenland XX S. 341. Cassel, 1906.
39. Brunn er, C. — Das Beerdigungswesen in der Residenzstadt
Cassel. Versuch e. Darstellg. a. Grund der städt. Akten. Cassel
(Druck von Weber & Weidemeyer) 1905. 8.
40. B r u n n e r , Hugo. Die Besitznahme Hessen-Cassels durch die
Franzosen (am 1. Nov. 1806). Vortrag in: 1) Allgem. Zeitung Nr. 302
und 303. 2) Tageblatt Nr. 512/518. 3) Hessenland XX Nr. 21
Cassel, 1906.
41. Brunner, Hugo. Joseph Maria von Radowitz. In: Casseler
T a g e b 1 a 1 1 Nr. 79. 81. 83. Cassel, 1905.
42. Buchenau, H. — Der Bracteatenfund von Seega. Ein Bei-
trag zur Erforschung d. dtsch. Münzdenkmäler a. d. Zeitalter der stau-
fischen Kaiser. Marburg (Elwert) 1905. fol. = VeröffentL der
— 385 —
Historischen Kommission für Hessen und Waldeck... (Enthält
eine ganze Anzahl hess. u. fuldischer Münzen.)
43. Buchenau, H. — Weilburger Erinnerungsmünze. In:
Blätter f. Münzfreunde XLI Nr. 9. Dresden (Thieme) 1906. 8.
44. Bürgerbuch der Stadt Hanau. Hanau (Waisenhaus) 1905. 8.
45. Bunsen, Chr. Karl Jos. — Zwei Briefe Bunsens aus Marburg.
Mitgeteilt von Wilhelm Schoof. In Hessenland XIX Nr. 15.
Cassel, 1905.
46. [Cassel.] Wie sich Cassel in Berliner Köpfen spiegelt von
R. W. — (Cassel im Berl. Tageblatt von Heinrich Lee) besprochen in
AUgem. Zeitung XXII Nr. 148. Kassel, 1906.
47. Centennarfeier. Die Centennarfeier des Kgl. Gymnasiums
zu Fulda. In: Hessenland XIX Nr. 19. Cassel, 1905.
48. [Chroniken.] Zwei Kasseler Chroniken .. . Hgg.v. Losch.
Bespr. 1) von Georg Steinhausen in Archiv f. Kulturgesch.
Bd. III. 1. 2) von A. S. in Hess. Blätter f. Volksk. IV. 1. Leipzig,
1906.
49. Chuquet, Arthur. Un prince Jacobin. Charles de Hesse
ou le g^neral Marat. Paris (Fontemoing) 1905. 8. Bespr. von Ph.
Losch in Hess. Blätter 1905. S. 3250—53.
60. Dalwigk [Alexander] Freiherr von. Briefe des Freiherrn
von Dalwigk 1794—1807. Hgg. von seinem Enkel Freiherr von Dal-
wigk zu Lichtenfels . . Oldenburg (Stalling) o. J. 8.
51. Dalwigk, Frhr. von. Die Demobilmachung und die Wieder-
mobilmachung des Kurhess. Armeekorps im August d. J. 1814. In:
Zeitschrift d. Ver. f. hess. Gesch. N. F. 29. S. 15. Kassel 1905. 8.
52. Deahna, [Aug.] Die Schaumünzen der Grafen und Fürsten
von Henneberg. S.-A. a. J. Erbstein, Münz- u. Medaillen-Freund
Nr. 72. [Dresden, 1906.J 4.
53. Die hl, Wilhelm. Martin Butzers Bedeutung für das kirchl.
Leben in Hessen. In: Schriften des Ver. f. Reformationsgesch.
Nr. 83. Halle (Niemeyer) 1904. 8.
54. Dithmar. Die landesmütterliche Fürsorge der Landgräfin
Hedwig Sophie f. d. Herrsch. Schmalkalden (1649-1683). In: Thüringer
Warte. Heft 3. Pösneck (Feigenspan) 1905. 8.
55. [Dreydorff, Joh. Georg, f 22. Dez. 1905. Nekrolog auf:]
Dr. theol. et phil. Marburgensis Dreydorff. In: Hessenland XX
S. 10. Cassel, 1906.
56. Drinnenberg, C. A. — Die allgemeine Gütergemeinschaft
nach dem B. G. nebst Ausführungen üb. die wichtigsten Bestimmungen
d. Fuldaer Güterrechts u. e. Zusammenstellung des alten und neuen
Güterrechts im Oberlandesgericht Cassel. Fulda (Actiendr.) 1906. 8.
57. [Duviquet, Maurice.] Aus den Lebenserinnerungen des kgl.
westfäl. Direktors der Pulver- u. Salpeterwerke [Maurice Duviquet].
Mitgeteilt von H. Blumenthal. In: Hessenland XIX Nr. 23 u. 24.
Cassel, 1905.
58. Eckermann. Eckermann an Goethe. Zwei ungedruckte
Briefe mitgeteilt von H. Gerstenberg. In: Grenzboten Jahrg. 65
Nr. 29 S. 129 ff. Leipzig (Grunow) 1906. 4. Enth. u. a. Cassel er
Theater Verhältnisse.
59. Eggebrecht, Albrecht. Die Pipelhühner. Berlin (Fisher &
Co.) 1905. 8. Marburger Studentenroman.
60. [Eisentraut, Gustav.] Briefe und Berichte hessischer Gene-
rale an den Landgrafen Wilhelm VIII. a. d. Anfang des 7iähr. Krieges.
{Nach Vortrag von E.l In: 1) Hessenland XX 1906, 2) Tageblatt
Nr. 166 und 3) Allg. Zeitung Nr. 92. Cassel, 1906.
— 386 —
61. Eisentraut, Gust. — Der Briefwechsel zwischen dem Land-
grafen Wilhelm VIII. von Hessen und seinem Generaladjutanten . . .
Frhr. v. Fürstenberg i. d. J. 1756/57. In: Zeitschrift d. Ver. f.
hess. Gesch. N. F. 30 S. 72. Kassel, 1906. 8.
62. Eisentraut, Gust. — Der Eintritt des Erbprinzen Friedrich
von Hessen-Kassel in die preuß. Armee im Jahre 1756. In: Casseler
Tageblatt Nr. 519, Hess. Morgenzeitung Nr. 305. Cassel, 1905.
63. Eisentraut, Gust. — Die Verhaftung des niederländischen
Gesandten Graf von Wartensleben zu Cassel im Nov. 1763 ... In:
Zeitschrift d. Ver. f. hess. Gesch. N. F. 29. S. 45. Kassel, 1905. 8.
64. Eisentraut, Gust. — Spießruten- oder Gassenlaufen. In:
Hessenland XIX Nr. 6. Cassel, 1905. Betrifft Hessen im 7jähr.
Kriege.
65. Entwicklung. Die Entwicklung des Kurhess. Militär wesens
[von Claus von Bredow]. In: ßredow-Wedel, Rang- u. Stamm-
liste d. dtsch. Heeres. S. 1041—1066. Berlin (Scherl) 1905. 8. [Das
Buch ist voller Irrtümer und Ungenauigkeiten.]
66. Erinnerungen eines Fuldaer Jungen an die Jahre 1848 bis
1850. Von E. K. In: Hessenland XIX Nr. 3. Cassel, 1905.
67. Erinnerungsblätter an das 1150jähr. Bonifatius-Jubiläum
in Fulda vom 4.— 11. Juni 1905. Hgg. im Auftrage des Komitees.
Fulda (Actiendruckerei) 1906. 8.
68. Estor, Johann Georg. [Biogr.] In: Marburger akademischer
Kalender S. S. 1905. Marburg (Elwert) 1905. 8.
69. Ewald, T. og H. F. — En Slaegts Historie gennem et Aar-
hundrede. Job. V. Ewald, Carl v. Ewald, H. F. Ewald. Bd. 1. Kopen-
hagen (Gyldendal) 1905. 8. Vgl. Ph. Losch, Eine althess. Fa-
milie in Dänemark.
70. Festblatt zur 1150 jähr. Jubelfeier des Todestages des heil.
Bonifatius v. 4. bis 11. Juni 1905 in Fulda. Fulda (Actiendrucker.)
1905. fol.
71. [Festgabe] zum Bonifatius Jubiläum 1905. Bespr. von
Seeling in Hessenland. XIX Nr. 24 Cassel, 1905.
72. Festschrift des Kgl. Gymnasiums zu Marburg zu Ehren
Ldgr. Philipps. Marburg (Elwert) 1904. 4. Ei4h.: Das Album des
akadem. Pädagogiums von 1653 — 1833 . . . von Friedrich Aly.
73. [Festschrift] zum Gedächtnis Philipps des Großmütigen.
Bespr. von Ph. L[osch] in Centralblatt Liter. V Nr. 7.
74. Festschrift z. 28. Mittelrhein. Kreisturnfest zu Hanau a. M.
1906 Hanau (Prior.) 1906. 8. Enth. u. a.: Jahn u. d. Brüder
Grimm von Heinr. Heusohn. — Aus der Hanauer Turn-
geschichte von demselben.
75. Festschrift zur Gedenkfeier des 100jährigen Bestehens des
Kgl. Gymnasiums seit seiner Neugestaltung 1805 — 1905. Fulda (Actien-
druckerei) 1905. 4.
76. Fey, Adolph. Verzeichnis neuer hessischer Literatur. Er-
scheinungen d. J. 1903/5. In : Zeitschrift des Ver. f. hess. Gesch. N. F. 29.
S. 271. Kassel, 1905. 8.
77. Fischer, Karl. Im Spital zu Hanau. (Aus K. Fischers
Denkw. u. Erinnergn. eines Arbeiters Bd. 2.) In: Kunst wart J. 17
H. 21. München (Callwey) 1904. 8.
78. [Fo er st er, Karl, f ^1« Dec. Nekrolog auf den] Zahnarzt
Karl Foerster. In: Hessenland XIX Nr. 1. Cassel, 1905.
79. [Francke, Rudolf.] Christi. Liebesthätigkeit in Kurhessen.
Bespr. von Lange in Hessenland XIX Nr. 1. Cassel, 1904.
— 387 —
80. [Franz, Richard.] Professor Franz f. In: Allgemeine Zei-
tung XXII Nr. 148. Kassel, 1906.
81. Frederking, Hugo. Spangenberg. [Architektonisches und
Sehensw.]. In: Hessenland XX S. 209. 1906.
82. Friedrich, Jul. — Die Entstehung der Reformatio ecclesiarum
Hassiae v. 1526 .... Giessen (Töpelmann) 1905. 8. Bespr. 1) von
Gust. Wolff in Mitteilungen a. d. hist. Literatur XXIV 1906. 2)
von E. Fried berg in Ztschr. f. Kirchenrecht 16, 141. 3) von
F. Herrmann in Ztschr. f. Kirchengesch. 27, 384.
83. Führer, Wilhelm. Geschichtliches aus Harleshausen. Vor-
trag . . . S. A. aus der „Neuen Casseler Zeitung" Cassel (Becker u.
Rennert) o. J. [1906.] 8.
84. Für er, Justus. Die hessische Kavallerie bei Laffelt (2. Juli
1747.) In: Hessenland XX S. 174. 186. Cassel, 1906.
85. Gedenktafel. Eine Gedenktafel für Hessen - Kasselische
Krieger in der Kirche zu Whippingham auf der Insel Wight (England.)
In: Hessenland XX S. 146. Cassel, 1906.
86. [Gedike.] Der Universitäts-Bereiser Friedrich Gedicke u. s.
Bericht an Friedrich Wilhelm II. Mitget. von Rieh. Fester. Berlin,
(Duncker) 1905. 8. = Ergänzungsheft d. Archivs f. Kultur-
gesch. S. 36 — 41, Marburg.
87. Gelder — Berlin, H. — Rotenburger Familiennamen aus d.
16. Jahrh. Nach einem Kämmereibuch d. Stadt Rotenburg a. F. v.
Jahre 1590. Zusammengestellt aus — . In: Roland (Archiv f. Stamm-
u. Wappenkunde) Jahrg. VI 1905/6. Papiermühle, 1906.
88. [Gerold.] Die Geschichte von Junker Gerold, dem letzten
Gefangenen im Druselturm. Von A. Z. In: Hessenland XX S. 23
u. 37. Cassel, 1906.
89. Geschichtsblätter. Fuldaer Geschichtsblätter. Hgg. v.
G. Richter, Jahrg. 4. 5. Fulda (Actiendruckerei) 1905/6. 8.
90. G e y s o , v. — . Ueber die Expedition hessischer Truppen nach
der Insel Wight. In: Hessenland XX S. 214. Cassel, 1906.
91. Gilsa, F. von und zu. Aus dem Feldpostbriefe eines hess.
Kriegsfreiwilligen vom 2. Jan. 1871. In: Hessenland XX S. 5.
Cassel, 190().
92. Gilsa, Felix v. — . Worte Bismarcks über die Annexion
Kurhessens bei einem Besuche in Friedrichsruhe am 21. Febr. 1892.
In: Hessenland XX S. 318. Cassel, 1906.
93. [Gissot, Georg August] Major Georg August Gissot. Am
4. Apr. werden es 100 Jahre .... In: Hessenland XIX Nr. 7.
Cassel, 1905.
94. G lag au, Hans. Landgraf Philipp von Hessen im Ausgang
des Schmalkald. Krieges. In: Histor. Vierteljahrsschr. J. VIII.
Leipzig (Teubner) 1905. 8.
95. Graefe, v. — Kurzgef. Geschichte des Husaren-Regiments
Landgraf Friedrich II. v. H.-Homburg. (2. Hessisches) Nr. 14. Berhn
(Bajanz u. St.) o. J. 8.
96. Grau, Jos. — Drei Neuhöfer Amtsvögte aus der Familie
Rang. In: Fuldaer Geschichtsblätter Jahrg. 4. Fulda (Actiendr.)
1905. 8.
97. Grebe, E. R. — Geschichte der hessischen Renitenz. Cassel
(Vietor) 1905. 8.
98. Grimm, Brüder. Kinder und Hausmärchen. 32. Aufl. hgg.
von Reinh. Steig. Stuttgart (Cotta) 1906. Bespr. von St[olll i*- "
Tageblatt 1906. Nr. 585.
N. F. BD. XXX. , 9
— 388 —
99. Grimm, Herm. und Gisela. Briefe von Grimm an die
Schwestern Rings eis ges. v. Bettina Ringseis. Berlin (Fontane)
1905. 8.
100. Gundlach, Franz. Zur Marburger Universitätsmatrikel.
In: Zeitschrift d. Ver. f. hess. Gesch. N. F. 29. S. 262. Kassel,
1905. 8.
101. Haas. Der Ortsname Horas. In: Fuldaer Geschichtsbl.
Jahrg. 5. Fulda (Actiendruckerei) 1906. 8.
102. [Hafner, Philipp.] Geschichte d. Gymnasiums zu Hersfeld.
Bespr. von E. B. in Hessenland XIX Nr. 1. Cassel, 1905.
103. [Hanau, Fürst Karl von, f 27. Jan. Nekrolog auf den:]
Fürst von Hanau und Horschowitz. In: Hessenland XIX Nr. 3.
Cassel, 1905.
104. Hanemann, A. — Schloß Gorvey a. d. Weser, ein Abriß
s. Gesch. ... 2. Aufl. Gorvey (Selbstverl.) 1905. 8.
105. Happel, Ernst. Die Burgen im oberen Hessen . . . Marburg
(Elwert) 1905. 8.
106. Happel, Ernst. Die neuere Burgenkunde. In: Hessen-
land XDC Nr. 11. Cassel, 1905.
107. Happel, Ernst. Romanische Bauwerke in Niederhessen. Mit
24 Zeichnungen. Cassel (Vietor) 1906. 8. Bespr. 1) von Wilh. Dersch
in Zeitschrift d. Ver. f. hess. Gesch. N. F. 30. 2) von Heidelbach
in Hessenland XX S. 211.
108. Happel, Ernst. „Tapfer und treu." Geschichte a. d. Tagen
des Kurh. Leibgarde-Regiments. Kassel (Schönhoven) 1905. 8.
109. Harald, Ferd. — Ludwig Spohr. In: Dur u. Moll. Jahrg. 3
Heft 5. Leipzig, fol.
110. [Hartmann, Eduard, f 23. Dez. Nekrolog auf:] Prof. Dr.
Eduard Hartmann. In: Hessenland XIX Nr. 1. Cassel, 1905.
111. Hartwig, Otto. Aus dem Leben eines deutsch. Bibliothekars.
Erinnerungen und biogr. Aufsätze. M. d. Bildn. d. Verf. Marburg
(Elwert) 1906. 8. Für die Marburger Stadt, Universität und
Bibliotheksgeschichte von größtem Interesse.
112. [Hassel, Paul.] Joseph Maria v. Radowitz. Bd. 1. Bespr.
1) von Fr. M. in Historische Zeitschrift III. Folge Bd. 2 Heft 1 und
2) in Mitteilungen a. d. bist. Literatur XXIV. 1906.
113. [Heer.] Marburger Studentenverbindungen bis zum Schlüsse
des 18. Jahrb. In: Oberhessische Zeitung. Jahrg. 41 Nr. 16. Mar-
burg, 1906. fol.
114. Heidelbach, [Paul.] Das alte Landgrafen schloß zu Kassel
und der große Brand im Jahre 1811. In: Tageblatt Nr. 97. 99.
101—103. 113. Cassel, 1906.
115. Heidelbach, Paul. Das in London aufbewahrte Verzeichnis
der Truppen von Hessen-Kassel. In: Hessenland XX S. 118. Cassel,
1906.
116. Heidelbach, Paul. Die Aussöhnung des Landgrafen Frie-
drich II. mit seinen Söhnen. In: Hessenland XX S. 242. Cassel,
1906.
117. Heidelbach, Paul. Ein philosophischer Bildhauer [Arnold
Rechberg, Künstler aus Hersfeld nach dem Pariser Figaro illustr6
Nr. 193 geschildert.] In: Allgem. Zeitung XXII Nr. 149. Kassel,
1906.
118. Heidelbach, Paul. Zur Beraubung des Wilhelmshöher
Schlosses unter J^röme Napoleon. In: Hessenland XIX Nr. 4 u. 5.
Cassel, 1905.
— 389 —
119. Heimat. Hessische Heimat. Ein literarisches Jahrbuch
Bd. II, Hgg. von P. Heidelba ch, Kassel (Vietor.) 1906. 8. Bespr.
von Lotze in Hessenland XX S. 348.
120. Hering, Kurt. Die Erfindung der Dampfmaschine. Zum
200 jähr. Pap in- Jubiläum (1706—1906.) In: Hessenland XX S.
134 u. 147. Cassel, 1906.
121. Herrmann, Fritz. D. Tilemann Schnabel, der Reformator
4eT SUdt Alsfeld. Alsfeld (Cellarius.) 1905. 8.
122. Hertel, Ludwig. Der Name der Weser. In: Zeitschrift
f. dtsche. Mundarten VI 6. Heidelberg (Winter.) 1905. 8.
123. [Hessen, Landgraf Alexis von, f 16. Aug. Nekrolog.] In:
Hessenland XIX Nr. 16. Cassel, 1905.
124. Hessen-Kunst. Hessen-Kunst, Kalender f. alte u. neue
Kunst. Jahrg. 1 u. 2. Hgg. von Christian Rauch. Marburg (Ehr-
hardt) 1906/7. 4. Bespr. 1) Jahrg. 1 von G. R[ichter] in Fuld. Ge-
schichtsbl. 4 S. 205. 2) Jahrg. 2 von Heidelbach in Hessen-
land XX 1906 S. 348.
125. Hessenland. Zeitschrift f. hess. Gesch. u. Literatur ....
Jahrg. XIX red. von Wilh. Bennecke, Jahrg. XX red. von Paul
Heidelbach. Cassel (Scheel) 1905/6. 4.
126. [Hessenstein, Auguste] v. — (Illegitimes aus dem alten
Kurhessen. Betrifft die Gräfin Auguste v. H.]. In: Frankf. Zeitung
Nr. 229, Kl. Feuilleton. Frankfurt, 1905.
127. [Heydenreich, Eduard.] Das älteste Fuldaer Cartular im
Staatsarchive zu Marburg. Bespr. von Eggers in Mühlhäuser Ge-
schichtsblätter J. 2. Mühlhausen (Albrecht) 1901. 4.
128. Hey mann, Ernst. Parochialänderung und Katholizitäts-
Prinzip nach Kurhessischem Kirchenrecht. Ein Gutachten .... Er-
weiterte Ausgabe. Marburg (Elwert) 1906. 8.
129. Hitzig, Etta. D. Ernst Constantin Ranke, Prof. d. Theologie
zu Marburg. Ein Lebensbild . . . Leipzig (Duncker u. Humblot.) 1906. 8.
130. Hochapfel, H. Reinh. — Der Kasseler Weinberg. Eine
Plauderei über seinen früheren Zustand u. s. Besiedelung. Mit An-
merkungen von Philipp Losch. In: Hessenland XX S. 110. 125.
138. 149. 162. Cassel, 1906.
131. Hockergräber. Steinzeitliche Hockergräber und Wohn-
stätten a. d. Schulzenberg bei Fulda von J. V. In: Fuldaer Ge-
schichtsbl. IV. Fulda (Actiendr.) 1905. 8.
132. Hoffmann, F. — Beiträge zur Glockenkunde des Hessen-
landes V. Hoffmann u. B. Zölffel. Zeitschrift d. Ver. f. hess. Gesch.
N. F. Suppl. 15. Cassel, 1906. 8. Bespr. von Armbrust in Hessen-
land XX 1906 S. 311 und von Heidelbach S. 315.
1.33. [Hoftheater.] Vom Kasseler Hoftheater von B. In: Hessen-
land XIX Nr. 4. 13 u. 23 und XX S. 93. 180. 293. Cassel, 1905/6.
134. Hohenlohe-Schillingsfürst, Chlodwig Fürst zu. Denk-
würdigkeiten des Fürsten Chlodwig zu Hohenlohe-Schillingsfürst ....
Hgg. von Friedrich Curtius. Stuttgart (Verlags-Anstalt) 1906. 8. 2 Bde.
[berichtet auch aus seiner Jugend in Rotenburg a/F.
etc. etc.]
135. [Holzbauten.] Hess. Holzbauten von L. Bickell. Bespr.
in Hessenland XIX Nr. 3. Cassel, 1903.
136. [Hopf, Wilhelm.] Luxemburg [enth. Mitteilungen über Ernst
Kochs Grab.] In: Hessische Blätter XXXV Nr. 3272 u. 73. Mel-
sungen, 1906.
25*
— 390 —
137. Horwitz, L. — Aus vergangenen Zeiten der Marburger
Universität. In: Isr. Familienblatt X Nr. 3. Hamburg (Lessmann)
1907. 4.
138. [Hufschmidt, Fritz.] Geschichte des oberen Warmethaies.
. . . Bespr. von Ph. L[osch] in Hessenland XIX Nr. 23. Cassel, 1905.
139. Huyskens, Albert. Des Antonius Corvinus Schrift an den
sächsischen Adel. In: Zeitschrift d. Ver. f. hess. Gesch. N. F. 29.
Kassel (Dufayel) 1905. 8.
140. Huyskens, Albert. Die Krisis des deutschen Handels wäh-
rend des geldrischen Erbfolgekrieges 1542/43. In: Annalen d. hist.
Ver. N.-Rhein. Heft 81. 1906. Enthält u. a. Landgraf Philipps
Einspruch gegen die Verlegung der Handelsstraße von
Augsburg nach Hamburg.
141. Huyskens, Albert. Gibt es einen Vertrag von Friedewald
a. d. Jahre 1551? In: Zeitschrift d. Ver. f. hess. Gesch. N. F. 29.
S. 74. Kassel, 1905. 8.
142. Jahrbuch, Biograph, und Deutscher Nekrolog . . hgg. von
Bettelheim. Bd. 8. Berlin (Reimer) 1905. 8. Hierin Hessen:
H. Reinh. Hochapfel in Cassel von Ph. Losch. Fritz Klingelhöfer
in Marburg von Ph. Losch. Walther Em. Merkel in Cassel von Ph.
Losch. Otto Schmidt, General in Cassel von Lorenzen. Friedr. Em.
Neumann in Cafesei von Ph. Losch. Nina Zottmayr von Ph. Losch.
Heinr. Möhl in Cassel von Ph. Losch. Georg von Bauer, General-
leutnant in Cassel von Lorenzen. Daniel Joh. Saul aus Balhorn von
Ph. Losch. Otto Klingelhöffer aus Dorheim von Ph. Losch. Heinr.
Köhler aus Cassel von Birk. Viktor v. Lossberg, General in Cassel
von Lorenzen. Otto Hartwig in Marburg von Karl Gerhard.
143. Jahrbuch, Biograph, und Deutscher Nekrolog . . hgg. von
Bettelheim. Bd. 9. Berlin (Reimer) 1906. 8. Hierin Hessen:
E. E. M. V. d. Embde, W. J. F. N. Schell aus Fulda — C. J. E. B.
Sallmann aus Cassel — H. J. J. Schneider aus Fulda — Gideon
Vogt aus Cassel. Bespr. von Ph. Losch. — Eduard Goebel aus
Fulda von F. Brummer. — H. 0. Lehmann aus Marburg von Joh.
Sass. — Malvida v. Meysenbug aus Cassel von Fr. Spiro.
144. Jonas, Heinrich. Fünf Geschichderchen vun Kasselänern
die de in d'r Wulle gefärwed sinn. 2. Aufl. Kassel (Victor) 1904. 8.
145. [Jonas, Heinrich.] Heinrich Jonas f. Von P. Heidelbach.
In: Hessenland XX S. 20. Cassel, 1906.
146. [Justi, F. — J Hess. Trachtenbuch . . . Bespr. von Otto
Gerland in Hessenland XIX Nr. 3. Cassel, 1905.
147. Kaiserin-Besuch. Der Besuch Ihrer Majestät der Kaiserin
in Treysa. In: Tageblatt LIII. Nr. 380 u. 386. Cassel, 1906.
148. Kalender für Kurhessen auf das Jahr des Heils 1907. Hgg.
von Bruno Jacob. [Jahrg. I.] Kassel (Jacob) 1907. 4.
149. Kalender. Hessischer Kalender 1907. Hgg. von Hans
Meyer. Cassel (Huhn) 1906. 4.
150. Kalender. Marburger Akademischer Kalender. Ausg. 17
bis 21. Marburg (Elwert) 1904/6. 8.
Kalender s. a. Hessen-Kunst.
151. [Kalkbrenner, Christian.] Musikgeschichtliches. Am 22.
Sept. 1755 wurde in Kassel Christian Kalkbrenner . . geboren, [ßiogr.]
In: Hessenland XIX Nr. 18. Cassel, 1905.
152. Kassel. Deutsche Städtebilder. Kassel von F. — In: Der
Tourist. Ulustr. Zeitschrift XXI Nr. 20. Frankfurt a/M. 1904. 4.
— 391 —
153. Kassel. Die Residenzstadt Kassel. In: Niedersachsen.
Jahrg. 11. Nr. 15. Bremen (Schünemann) 1906. 4.
154. Katalog. Offizieller Katalog der Jubiläums-Gewerbe- Aus-
stellung zu Cassel . . . 1905 . . . Cassel (Haasenstein u. V.) 1905. 8.
155. Keck, Hermann. Die Entwickelung des Oberappellations-
gerichts zu Cassel. Inaug.-Diss. Marb. Cassel (Druck v. Schönhoven)
1906. 8. Bespr. von Karl Wenck in: Zeitschrift d. Ver. f.
hess. Gesch. N. F. 30.
156. [Keller-Jordan, Henriette.] Frau Henriette Keller- Jordan.
Zu ihrem 70. Geburtstag. Von Paul Tesdorpf. In: Beilage z. Allgem.
Zeitung Nr. 129. München 1905.
157. Killmer, W. — Gemeinde-Leiden in alter Zeit. I. Pfarrer
Suerbier. II. Grebe Rüppell. In: Hessenland XX S. 165. Cassel,
1906.
158. Killmer, W. — Klein- und Großalmerode. Ein geschichtl.
Vergleich. In: Hessenland XX S. 202. Cassel, 1906.
159. Kimpel, Heinr. Theod. — Geschichte des hess. Volksschul-
wesens von s. ersten Anfängen bis zum Jahre 1800. Kassel (Röttger)
1906. 8.
160. [Klein.] Pestepidemien in Oberhessen im 16. u. 17. Jahrb.
besonders in Gemünden. In: Hess. Landeszeitung XXI Nr. 276.
Marburg, 1906.
161. Kleinschmidt, Alb. — Aus Hessens Vorzeit .... Brinno,
der Chattenfürst. Aus der Zeit der Varusschlacht. 2. Aufl. Gießen
(Roth) 1905. 8.
162. Klingender. Kann die Eingemeindung von Vororten in die
Stadt Cassel den Bestand ihrer Kirchengemeinden verändern? Gut-
achten von Klingender und Brandt. Cassel (Lometsch) 1906. 8.
163. Koch-Gottschon, Theodor. Heinrich Naumann, ein
hessischer Dorfgeschichtenerzähler. In: Tageblatt LIII Nr. 431.
Cassel, 1906.
164. Köhler, W. — Die Doppelehe Landgr. Philipps v. Hessen.
In: Histor. Zeitschrift N. F. Bd. 58. München (Oldenbourg) 1905. 8.
(K. nimmt an: daß Landgraf Ph. ursprünglich nicht an eine
formelle Doppelehe gedacht habe, sondern erst durch die
Mutter der Margarethe dazu veranlaßt wurde.)
165. [Kord eil, Karl f 26. April. Nekrolog auf den Kommandeur
und Lotseninspektor . . . Karl Kördell.] In: Hessenland XX 1906.
166. Kohlblatt für Marburg, Narrenburg u. Umgegend. Jahrg. 1
Nr. 1. Narrenburg a. L. 1899. 4.
167. Kolonialschule. Die Kolonialschule zu Witzenhausen (von
M. A.) In: Grenz boten Jahrg. 64 IV. S. 191—194. Leipzig Grunow)
1905. 8.
168. Kommission. Historische Kommission für Hessen undWal-
4eck. [IX. Jahresber.] als Sonderdruck und in Hessenland XX 1906.
169. Kos er, Reinhoid. Zur Geschichte der Berufung der Brüder
<jrimm nach Berlin. Aus: Sitzungsberichte d. preuß. Akademie
d. W. S. 1004—14. Berlin (Reimer) 1905. 8.
170. Kr am er, Hugo. — Milde Stiftungen in Fulda. In: Fuldaer
Geschichtsbl. Jahrg. 5. Fulda ( Actiendr .) 1906. 8.
171. Krüger, Herm. Anders. Pseudoromantik. Friedrich Kind
und der Dresdener Lieder-Kreis. Leipzig (Haessel) 1904. 8. Darin
S. 148—150 und andernorts über Ernst v. d. Malsburg.
172. Küch, F. — Ein unbekannter Brief von Euricius Cordus.
XVon demselben:] Zum Briefwechsel des Landgrafen Philipp mit
— 392 —
Luther und Melanchthon. In: Zeitschrift d. Ver. f. hess. Gesch.
N. F. 30 S. 158. Kassel, 1906. 8.
173. Ktich, Friedrich. Die ältesten Salbücher des Amtes Marburg.
In: Zeitschrift d. Ver. f. hess. Gesch. N. F. 29 S. 145. Kassel,
1905. 8.
174. Kunst. Die Kunst der Glasmalerei in ihren besonderen Be-
ziehungen zu Hessen: — o. In: Tageblatt LIII. Nr. 422. Cassel,
1906.
175. Landes- u. Volkskunde. Hessische Landes- u. Volks-
kunde. Das ehemalige Kurhessen und das Hinterland am Ausgang
des 19. Jahrhunderts .... Hgg. von Carl Hessler. Bd. I: Hess.
Landeskunde. 1. Hälfte. Marburg (Elwert) 1906. 8. Bespr. 1) von
Heidelbach in Hessenland XX S. 75. Cassel, 1906. 2) von
Schoof in Zeitschr. f. dtsche. Mundarten VI 6.
176. Lange, W. — Prähistorische Forschungen in der Rhön.
[Von demselben:] Eine befestigte Wohnstätte aus der Vorzeit. In:
Tour. Mitteilungen J. 13. Kassel (Weber u. W.) 1906. 8.
177. Lange, Wilhelm. Hessen in vor- u. frühgcschichtlicher Zeit.
In: Landes- u. Volkskunde ßd. 1. [Cassel 1906. 8.]
178. Latwesen,A. — Zum 75 jähr. Jubelfest (der Casseler Lieder-
tafel.) Cassel (Stöhr) 1905. 8.
179. [Lejeune, Ernst.] Die Münzen d .... Burg Friedberg ....
Bespr. von Edw. Schröder. In: Zeitschrift d. Ver. f. hess. Gesch.
N. F. 30. Cassel, 1906.
180. [Leiningen-Westerburg. Josephine Gräfin von.] 70. Ge-
burtstag. Am 8. April d. J. begeht Josephine Grälin. — In: Hessen-
land XIX Nr. 6. Cassel, 1905.
181. Lesesaal. Der Lesesaal der Landesbibliothek zu
Cassel von e. In: 1) Allgemeine Zeitung Nr. 218. Cassel, 1906. 2)
Morgenzeitung Nr. 219. Cassel, 1906.
182. Lewalter, Johann. Der „Yankee doodle" ein Schwälmer
TanzV In: Hessenland XIX Nr. 2. Cassel, 1905.
183. Liste der bei Laffelt verwundeten hess. Kavalleristen. In:
Hessenland XX S. 188. 1906.
184. Lohmeyer, Edward. Die Kasseler Grimm-Gesellschaft
1896 bis 1905. Erster Geschäftsbericht . . . erstattet von — Kassel
(Grimm-Gesellsch.) 1906. 8. Besprochen von Karl Detlev Jessen.
In: Modern Language Notes XXII Nr. 1. Baltimore, 1907.
185. [Lohr, Wilhelm.] Reden gehalten b. d. Begräbnisfeier des
. . . General - Superintendent . . . Wilhelm Lohr . . . Cassel (Lometsch)
1906. 8.
186. Looff, Eduard. Der Grenzgang der Stadt Felsberg. In:
Hessenland XIX Nr. 21. Cassel, 1905.
187. Looshorn, J. — Kloster Kaufungen. In: Hist.-pol. Blätter
Bd. 135. München (Anstalt) 1905. 8. Bespricht Roques' Urkunden-
buch.
188. Losch, Philipp. Der erste lippische Erbfolgekrieg. Ein
Vorspiel zur lippischen Frage. Melsungen (Hopf) 1905. 8. Bespr.
von Bennecke in Hessenland XIX Nr. 21. Behandelt den Ver-
such Landgraf Wilhelms IX. im Jahre 1787 die Grafschaft
Schaumburg lipp. Anteils als erledigtes hess. Lehn einzu-
ziehen.
189. Losch, Philipp. Eine althessische Familie in Dänemark
[Johann und Karl v. Ewald.] In: Hessenland XX S. 2. 17. 85.
Cassel, 1906.
— 393 —
190. Losch, Philipp. General-Major Lord George Coleraine, sonst
Haagher genannt. In: Hessenland XX S. 246 u. 261. Cassel, 1906.
191. Losch, Philipp. Zur Geschichte der hessischen Renitenz.
In: Zeitschrift f. Kirchengeschichte Jahrg. 27. S. 209—219. Gotha
(Perthes) 1906. 8.
192. Lullusbrunnen. Der Lullusbrunnen. Hersfeld (Hoehl) 1905. 8.
193. Luthardt. Aus Briefen Luthardts an Henke. Mitget. von
D. Rade, Marburg. In: Beiträge z. Sachs. Kirchengesch. H. 18.
Leipzig (Barth) 1905. 8. (Luthardt war 1854—56 Professor zu
Marburg, die Briefe betreffen hessische Verhältnisse zum
Teil.)
194. [Lynker, Karl.J Erinnerungstag. Am 29. Mai werden 50
Jahre verflossen sein. In: Hessenland XIX Nr. 10. Cassel, 1905.
195. [Malsburg, Ernst v. d. — ] Für das Leben u. litt. Würdi-
gung des Dichters E. v. d. M. (1786—1824) siehe: Krüger, H.A. und
Pissin, Raimund.
196. Matter, PauL La Prusse au temps de Bismarck. La d6-
faillance d'Olmütz. In: Revue histor. T. 86 p. 242 u. ff. Paris.
Handelt ausführlich über den hessischen Konflikt v. 1850.
197. [Maurer.] Brief eines Hessen aus der Zeit des englisch-
nordamerikanischen Kriegs. Von Fritz Maurer. In: Hessenland XX
S. 48. Cassel, 1906.
198. Maurer, Fritz. Das angeblich in London aufgefundene
Verzeichnis der hessischen Subsidientruppen ... In: Hessenland
XX S. 65. Cassel, 1906.
199. Mentzel, E. — Karoline von Hessen-Darmstadt, die große
Landgräfm, Ihr Aufenthalt in Prenzlau 1750 bis 1756. Darmstadt
(Müller & Rühle) 1906. 8.
200. Mentzel, E. — Theater in Marburg 1789. In: Hessen-
land XIX Nr. 18. Cassel, 1905.
201. Meyer, Theodor. Die Preismedaillen für den Handels- und
Gewerbe-Verein in Kurhessen. In: Hessenland XIX Nr. 15. Cassel,
1905.
202. Meyer, Theodor. Ein Groschen Landgrafen Hermanns des
Gelehrten zu Hessen (1367—1413). In: Hessenland XX S. 308.
Cassel, 1906.
203. Meysenbug, Malvida von. Briefe an ihre Mutter. Ham-
burg 1850 — 1852 hgg. von Gabriel Monod (Paris). In: Deutsche Revue
XXX S. 217 u. f. Stuttgart (Verlagsanstalt) 1905. 8.
204. Meysenbug, 0. Frhr. v. — Louis Spohr in seinen Be-
ziehungen zu Detmold. ... In: Mitteilungen a. d. lippischen Ge-
schichte Jahrg. III. Detmold 1905. 8.
205. Mirbt, Carl. Die katholisch-theologische Fakultät zu Mar-
burg. Ein Beitrag z. Geschichte d. kath. Kirche in Kurh. . . Marburg
(Elwert) 1905. 8. Bespr. 1) von K. Wenck in Zeitschr. d. Ver.
f. hess. Gesch. N. F. 30; 2) von Kattenbusch in Hist. Zeit-
schrift m. Folge Bd. 2 Heft 1, München, 1906.
206. Mitteilungen a. d. Mitglieder des Vereins f. hess. Gesch.
Jahrg. 1903/4, 1904/5. Kassel (Doli) 1904/5. 8.
207. Mitteilungen des Oberhess. Geschichtsvereins N. F. Bd. 14.
Gießen (Töpelmann) 1906. 8.
208. Mitteilungen. Touristische Mitteilungen hgg. von W. C.
Lange. Jahrg. 13. Kassel (Weber & W.) 1905. 8.
209. Mitteilungen zur Geschichte hessischer Familien und
hessischer Heeresverhältnisse a. d. Zeit des 30 jähr. Krieges. [Luca-
— 394 —
nus, Wasserhuhn, Joh. Geysso.] In: Hessenland XIX Nr. 18.
Cassel, 1905.
210. [Mohr, Ludwig.] Enthüllung einer Gedenktafel für Ludwig
Mohr. In: Hessenland XIX Nr. 14. Cassel, 1905.
211. Mott, A. — Die Kreuzessymbolik bei Hrabanus Maurus.
In: Fuldaer Geschichtsblätter Jahrg. 4. Fulda (Actiendr.) 1905. 8.
212. [M o y 6 , Eduard.] Jubiläum. Am 22. Juni beging der Oberst
Eduard Moye In: Hessenland XIX Nr. 13. Cassel, 1905.
213. Müller, Karl. Die selbständige evangelisch - lutherische
Kirche in den hessischen Landen. . . . Elberfeld (Bücherverein) 1906. 8.
214. Müller, L. — Die Fürstengräber in der St. Elisabethkirche
zu Marburg zur Zeit der letzten Restauration. In: Oberhess. Zeitung
1906.
215. Müller, L. — Beiträge zur Chronik von Marburg. [Marburg
1906.] 4.
216. Müller, Nikolaus. Zur Digamie des Landgrafen Philipp von
Hessen. In: Archiv f. Reformations geschieh te I 1903/4. Berlin
(Schwetschke) 1904. 8.
217. Müller, Ph. — Kassel und Paris. Ein Andenken an 1870/71.
Elberfeld (Lucas) [1906]. 8.
218. Münzenfund. MittelalterUcher Münzenfund. In Aue bei
Hersfeld Von P. W. In: Hessenland XIX Nr. 5. Cassel, 1905.
219. Musen-Almanach. Hessischer Musen- Almanach. Ein Jahr-
buch f. hess. Kunst hgg. von Neurath. Jahrg. 1. Gießen (Frees)
1906. 8.
220. Museum. Aus dem Königlichen Museum zu Kassel [unter-
zeichnet von 0. Eisenmann und J. Boehlau]. In: Mitteilungen
a. d. Mitglieder des Vereins f. hess. Gesch. Jahrg. 1904/5. Kassel
(Doli) 1905. 8.
221. Naumann, Heinrich. Vom Heimatacker. Geschichten eines
hessischen Bauersmanns. Berlin (Landbuchh.) 1906. 8. A. u. d. T. :
S o h n r e y , Bücherschatz Bd. 3. (Kulturgeschichtl. über Hessen.)
222. Neubau. Der Neubau des Königl. Theaters in Kassel. Gut-
achten d. kgl. Akademie d. Bauw. [gez. v.J Schroeder. In: Zentral-
blatt d. Bauverwaltung XXVH Nr. 7. Berlin (Ernst & Korn) 1907. 4.
223. Neuber, C. — Das Kastell in Kassel. In: Hessenland
XX S. 271 u. 286. Cassel, 1906.
224. Neuber, Carl. Das RiesenschloS a. d. Karlsberge und die
Herkules-Statue. In: Tagebl. u. Anz. Nr. LH 512/13. Cassel, 1905.
225. Neuber, Carl. Der Forst. In: Neue Casseler Zeitung
Nr. 156. 184. Cassel, 1906.
226. Neuber, C. — Die Plätze von Cassel. In: Casseler Tage-
blatt Nr. 89. 91. 93. Cassel, 1906.
227. Neuber, Carl. Die Teilnahme der Hessen am Feldzuge
gegen Frankreich i. J. 1815. In: Tageblatt LH Nr. 536. Cassel,
1905.
228. [Neuber, Carl.] Ehrung. Herrn Kanzleirat Neuber in Kassel
... In: Hessenland XIX .Nr. 16. Cassel, 1905.
229. Neuber, C. — Ober die Gasthäuser in Hessen, besonders
in Cassel. In: AUgem. Zeitung Nr. 69. 72. 73. Cassel, 1906.
230. Neuber, C. — Zur Geschichte der Kasseler Rathäuser.
In: Hessenland XIX Nr. 10. Cassel, 1905.
230a. [Neuhof, Ferdinand, f 18. Aug. Nekrolog auf:] Todes-
fälle. Der Oberstleutnant a. D. Ferdinand Neuhof. [Nekrolog in:]
Hessenland XIX Nr. 20. Cassel, 1905.
— 395 —
231. Nikolaus. Nikolaus von Landau Sermone als Quelle für
die Predigt Meister Eckharts u. s. Kreises von Hans Zuchold. Halle
(Niemeyer) 1905. 8. [A. u. d. T.:] Hermaea hgg. v. Strauch. Bd. 2.
Wiedergabe einer a. d. hies. Landesbibliothek befindlichen
Handschrift.
232. Noll, Gustav. Otto der Schütz in der Literatur. Tübinger
Inaug.-Diss. Straßburg (Trübner) 1906. 8. Bespr. von Edw. Schröder
in Zeitschr. d. Ver. f. hess. Gesch. N. F. 30.
233. [Ochsenius, Carl Christian, f 9. Dez. Nekrolog auf:] den
Konsul Dr. Carl Christ. Ochsenius ... In: Hessenland XX 1906.
S. 346.
234. Oettingen, Burch. — Stutbuch des Kgl. Preuß. Hauptgestüts
Beberbeck. Bd. 1. 2. Von Oettingen und Ed. Mieckley. Berlin
(Mittler) 1905. 8.
235. Oldendorf. Hessisch - Oldendorf . . In: Niedersachsen
Jahrg. 11 Nr. 15. Bremen (Schünemann) 1906. 4.
236. Oppermann, P. von. Die Artillerie- und Genieschule im
Königreich Westfalen .. . In: Zeitschrift d. Ver. f. hess. Gesch.
N. F. 29. S. 1. Kassel, 1905. 8.
237. Pabst, A. — Amöneburg im siebenjährigen Kriege. In:
Fuld. Geschichtsblätter Jahrg. 5. Fulda (Actiendr.) 1906. 8.
238. Pabst, A. — Der alte „ßramforst" und die Hünfelder Stadt-
waldung „Praforst". In: Fuldaer Geschichtsbl. Jahrg. 4. Fulda
(Actiendr.) 1905. 8.
239. Pabst, A. — Woher kommt der Straßenname „Eichsfeld"
in der Stadt Fulda? In: Hessenland XX S. 190. Cassel, 1906.
240. Pappenheim, Gust. Frhr. Rabe von. — Aus der Studien-
zeit eines hessischen Edelmannes i. d. J. 1767 — 1770. [Ludwig Heinr.
Wilh. Christian Rabe v. P.] In: Hessenland XIX Nr. 19 u. 20.
Cassel, 1905.
241. [Pappenheim, Rabe von.] Erinnerungsblätter a. d. Dienst-
zeit des — , und Urkundl. Nachrichten über die Ursprünge des Namens
und Wappens . . . Bespr. von L. in Hessenland XIX Nr. 1. Cassel,
1905.
242. Pappenheim, G. R. Frhr. v. — Erste Folge der Erinne-
rungsblätter a. d. Dienstzeit . . . Carlshafen (Meinhardt) 1906. 8.
243. Parade. Große Parade auf dem Bowlingreen in althessi-
scher Zeit . . . Von Th. M. In : Hessenland XX S. 136. Cassel, 1906.
244. Paulus, N. — Das Beichtgeheimnis u. die Doppelehe Phi-
lipps von Hessen. In: Hist.-polit. Blätter Bd. 135. S. 317-333.
München, 1905 8. (Bekämpft die Auffassung, daß Luther in
dieser Angelegenheit die Rolle eines zur Verschwiegen-
heit verpflichteten Beichtvaters gespielt.)
245. Paulus, N. — Cajetan u. Luther üb. d. Polygamie. In: Hist.-
polit. Blätter 135. S. 81—100. München (Anstalt) 1905. 8. Han-
delt über die Doppelehe des Landgr. Philipp.
246. Pf äff, F. — Aus dem letzten Jahrzehnt des dreißigjährigen
Krieges [Stollenbeckersche Stiftung]. In: Hessenland XX S. 187.
Cassel, 1906.
247. Pf äff, F. — Die Neubegründung des Hospitals in Hofgeis-
mar durch Philipp den Großmütigen. In: Hessenland XIX Nr. 18.
Cassel, 1905.
248. Pf äff, F. — Die Schlacht bei Wilhelmsthal (24. Juni 1762).
In: Hofgeismarer Zeitung, Beilage XL Nr. 72. 75. 78. 81. Hofgeis-
mar, 1906.
— 396 —
249. Pf äff, F. — Spuren des siebenjährigen Krieges im nördl.
Hessen. In: Allgemeine Zeitung XXII Nr. 151 u. 152. Cassel, 1906.
250. [Pfeiffer, Louis.] Gedenktag. Am 4. Juli 1805 wurde
Louis Pfeiffer, der sich als Naturforscher ... in Kassel geboren. In:
Hessenland XIX Nr. 13. Cassel, 1905.
251. [Pfeiffer, Richard, f 6. Mai. Nekrolog des:] Oberlandes-
gerichtsrat Richard Pfeiffer. In: Hessenland XX. Cassel, 1906.
252. [Philippi, R. A. f 28. Juli.] Dem am 23. Juli 1904 zu
Sant-Jago in Chile verstorbenen Dr. Rudolf Amandus Philippi widmet
Carl Ochsenius, Marburg, einen längeren Nachruf. In: Hessen-
land XX S, 72. Cassel, 1906.
253. Pissin, Raimund. Otto Heinrich Graf von Loeben (Isi-
dorus Orientalis) sein Leben u. s. Werke. Berlin (Behr) 1905. 8.
(S. 299 u. ff. Verhältnis zu E. v. d. Malsburg, Aufenthalt in
Escheberg im Sommer 1822.)
254. Privataufzeichnungen eines Hünfelder Bürgers aus der
ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Aufgez. von A. P a b s t. In : Ful-
daer Geschichtsblätter Jahrg. 5. Fulda (Actiendr.) 1906. 8.
255. Quellen und Abhandlungen zur Geschichte der Abtei und
der Diözese Fulda . . . hgg. von Gregor Richter. 2. Fulda (Actien-
druckerei) 1905. 8.
256. [Rady, J. B. — ] Gesch. d. kath. Kirche. Bespr. in: 1) Hist.-
polit. Blätter Bd. 136. S. 633. UK)5, 2) von F. Herrmann u. W. Dersch
m den Beiträgen z. Hess. Kirchengesch. IL S. 277 — 283 u. 335 — 361.
257. Ransson, M. — Marbourg et les moeurs des 6tudiants
allemands. In : Revue internationale de Tenseignement. Ann§e 25
vol. 50 S. 221 u. f. Paris, 1905.
258. Rauch, Christian. Führer durch Fritzlar. Mit statist. An-
hang von Höschen. Fritzlar (Ehrhardt) 1905. 8. ßespr. von Ph. L.
in Hessenland XIX Nr. 23.
259. Rauch, Christian. Kloster Altenberg an der Lahn. In:
Hessenland XX S. 108. Cassel, 1906. s. a. Hessen-Kunst.
260. Reden. Marburger akademische — . Nr. 14. 15. Marburg
(Elwert) 1905/6. 8.
261. Reinach, Salomon. Notes de voyage. Cassel. Aus:
Revue Arch^ologique Serie IV Nr. 7. Paris (Leroux) 1906. 8. Be-
spricht viele Handschriften und anderes Material der
hiesigen Landesbibliothek.
262. Renner, Friedrich. Das Famihen-Fedeikommiß des kurf.
Hessischen Hauses in seiner geschichtlichen Entwicklung ... In:
Zeitschr. d. Ver. f. hess. Gesch. N. F. 29. S. 91. Kassel, 1905. 8.
263. [Rettberg, Friedrich Wilh. — Biographie von Friedrich
Wieg and.] In: Marburger Akademischer Kalender. W.-S. 1905/6.
Marburg (Elwert) 1905. 8.
264. [Rettberg, Friedr. Wilh.] Gedenktag. Am 21. Aug. d. J.
werden 1(K) Jahre verflossen sein, daß der Kirchenhistoriker Rett-
berg ... In: Hessenland XIX Nr. 16. Cassel, 1905.
265. Reul, Friedrich. Der Maler Heinrich Faust. Skizze von
Reul. In: Hessenland XIX Nr. 8 u. 9. Cassel, 1905.
266. Richter, Gregor. Mittelalterliche Baudenkmäler der ful-
dischen Propstei Rohr. . . In: Fuldaer Geschichtsblätter Jahrg. 4.
Fulda (Actiendruckerei) 1905. 8.
267. Richter, Gregor. Die Säkularisation des Kollegiatstifts Ras-
dorf. In : Fuldaer Geschichtsblätter Jahrg. 4. Fulda (Actiendr.)
1905. 8.
— 397 —
2ßS. Richter, Gregor. Der Fuldaer. Rechtsgelehrte Eugen T h o -
mas (t 1818). In: Fuldaer Geschichtsblätter Jahrg. 4. Fulda
(Actiendr.) 1905. 8.
269. Richter, G. — Bonifatiana. In: Fuldaer Geschichts-
blätter Jahrg. 5. Fulda (Actiendr.) 1906. 8.
270. Richter, G. — Zur Geschichte des Bauernkriegs im Hoch-
stift Fulda. In: Fuldaer Geschichtsblätter Jahrg. 5. Fulda
(Actiendr.) 1906. 8.
271. Rinteln. Rinteln ... In: Nie der Sachsen XI Nr. 15.
.Bremen (Schünemann) 1906. 4.
272. [Rockwell, W. W. — ] Doppelehe des Landgrafen Philipp
bespr. von B. Rogge in Dtsch.-Evang. Blätter XXX S. 198u.f. 1905.
273. Roeper. Das Infanterie-Regiment Nr. 83 in der Schlacht
bei Wörth am 6. Aug. 1870. Berlin (Mittler) 1905. 8.
274. Roqucs, Franz v. — Stammliste der Offiziere des 1. Kurh.
Inf.-Reg. Nr. 81 seit 1866 . . . Frankfurt (Mahlau u. W.) 1905. 8.
275. Rosenstock, G. — Fuldaregulierung und Brückenbauten,
ihre Bedeutung f. d. Stadt Cassel . . . Cassel (Selbstverlag) 1905. 8.
276. [Rubel, Karl.] Die Franken . . . bespr. von: 1) G. Caro in
Westdeutsche Zeitschrift Bd. 24 S. 60—71 und 2) von Ulrich Stietz
in der Zeitschrift der Savignystiftung Germ. Abt. 26. S. 349—363.
277. Rückblick. Statistischer Rückblick auf das Kgl. Theater zu
Cassel f. d. Spielzeit 1905/6. 0. 0. u. J. [Schreibmasch.] 1906. 4.
278. Ruppel, Aloys. Die Taten des Fuldaer Abtes Heinrich VL
von Hohenberg (1315—1353) in der Schilderung eines Zeitgenossen.
In: Fuldaer Geschichtsblätter Jahrg. 5. Fulda (Actiendr.) 1906. 8.
279. Ruthe, J. Fr. — Auf der Flucht vor den Strickreitern im
Königreich Westfalen 1809—1811. Braunschweig, 1906. 8.
280. Schaeffer, Emil. Friedrich Karl Hausmann. Ein deut-
sches Künstlerschicksal. Berlin (Bard.) 1907. 8. Bespr. 1) v. K.
Siebert in Monatshefte f. Kunstw. Literatur 1906 Nr. 10; 2) v. K.
Siebert in Hessenland 1906 Nr. 22; 3) v. E. J. Zimmermann in
Hanauer Zeitung 1906 Nr. 279.
281. Schaffnit's neue Verkehrs-Karte v. Westfalen u. Hessen-
Nassau. Aus Kochu. Opitz Eisenb.- Verkehrs-Atlas 3. Aufl. 1 : 600,000.
Düsseldorf (Schaffnit) 1905 47 X öO.
282. Schanze, W. — Kurze Darstellung der Geschichte u. Tätig-
keit des Handels- u. Gewerbevereins zu Cassel. Zur Jubelfeier . . .
Cassel (Selbstverlag) 1905. 8.
283. Schanze, W. — Die Jubiläums-Gewerbeausstellung in (^.assel
V. 1. Juli bis 4. Sept. 1905 . . . Cassel (Weber u. Weidemeyer) 1906. 4.
284. [Schaumburg, Karl Aug. Graf von f] Se. Durchl. Prinz
Phlilipp von Hanau wurde von einem Unglück betroffen .... In :
Hessenland XIX Nr. 24. Cassel, 1905.
285. Schauspieler. Die französischen Schauspieler am Hofe
des Landgrafen Friedrich IL von Hessen-Kassel. Von W. Bennecke.
In: Hessenland XIX Nr. 19. 20 u. 21. Cassel, 1905.
286. Schlarbaum, J. C. — Die Konfirmation des Erbprinzen
Wilhelm von Hessen, den späteren Kurfürsten Wilhelm II. zu Marburg
am 2. Oktober 1791 von C. K. In: Hessenland XX S. 113. Cassel,
1906.
287. Schien eher, Fritz. Die Ronneburg. Ein Führer durch die
Burg und ihre Umgebung. 2. Aufl. Gelnhausen (Wettig) 1906. 8.
288. Schneider. Emil. Hessisches Sagenbüchlein ... bearb. u.
hgg. 2. Aufl. Marburg (Elwert) 1905. 8.
— 398 —
289. Schöner, Gustav. Der Bachtanz zu Langenselbold. In:
Hessenland XIX Nr. 21. 22. Cassel, 1905.
290. Schöner, G. — Heimatpflege und Ortsnamenkunde. In:
Hessenland XIX Nr. 10. Cassel, 1905.
291. Schöner, G. — Alte Rechtsverhältnisse und deren Ablösung
im Bereich des Büdinger Waldes. In: Hessenland XX S. 274.288
u. 305. Cassel, 1906.
292. Schönheiten-Galerie. Die Schönheiten-Galerie im Schlosse
Wilhelmsthal bei Cassel. München (Hanfstängl.) [1905] fol.
298. [Schönian.] Ober-Regierungsrat Schönian f [Nekrolog] ...
In: Tageblatt LIII Nr. 317. Cassel, 1906.
294. Schoof, Wilh. — Beiträge zur Kenntnis der Schwälmer
Mundart. I. Die Verbalflexion der Schwälmer Mundart. In: Zeit-
schrift für hochdeutsche Mundarten Jahrg. VI Heft 5. Heidelberg
(Winter) 1905. 8. Bespr. von A Fuckel in Hessenland XX
1906. S. 114.
295. Schoof, Wilhelm. Der Schillerkultus in Hessen. In: Hessen-
land XIX Nr. 10. Cassel, 1905.
296. Schoof, Wilhelm. Henriette Keller-Jordan zu ihrem
70. Geburtstage. In: Hessenland XIX Nr. 10 bis 12. Cassel, 1905.
297. Schoof, Wilhelm. Neue Briefe der Brüder Grimm. In:
Hessenland XIX Nr. 8 u. 9. Cassel, 1905.
298. Schoof, Wilhelm. Sprachproben in Schwälmer Mundart.
In: Zeitschrift f. dtsche. Mundarten 1906 Heft 1—4. Heidelberg
(Winter) 1906. 8. D e r s. Sprachproben aus Balhorn. Ebendaselbst VI 6.
299. Schornbaum, Karl. Zur Politik des Markgrafen Georg
von Brandenburg . . . München (Ackermann) 1906. 8. Enthält : Den
Tag von Schmalkalden, Markgraf Georg und der schmal-
kald. Bund (sehr viele Beziehungen zu Ldgrf. Philipp.)
300. Schulze, E. — Die Landgrafen von H.-Homburg in ihrem
Verhalten der Spielbank gegenüber. In: Grenzboten J. 63 Bd. 3
S. 265 u. f. Leipzig (Grunow) 1904. 8.
301. Schwan, Johannes. Johannes Schwan aus Marburg,
Franziskaner zu Basel, Buchdrucker und Bürger zu Straßburg. [Bio-
graphie] in Clemen, Beiträge zur Reformationsgesch. Heft 1. Berlin
(Schwetschke) 1900. 8.
302. Schwarzkopf, Carl. Das Schloß zu Rauschenberg in
Oberhessen. In: Hessenland XIX Nr. 19. Cassel, 1905.
303. Schwarzkopf, Carl. Die Erhebung der Kasseler Bevöl-
kerung im Jahre 1813. In: Hessenland XIX Nr. 24. Cassel, 1905.
304. [Schwarzkopf, Carl.] Die Flucht des Doktor Kellner
aus dem Kastell zu Cassel am 13. Febr. 1852. Nach d. Vortrag im
Geschichtsver. In: Tageblatt LIII Nr. 63. Cassel, 1906.
305. Schwarzkopf, Carl. Der Einmarsch der Franzosen in
Cassel am 1. Nov. 1806. Eine Säcular-Erinnerung. In: Tageblatt
LIII Nr. 532/.39. Kassel, 1906.
306. [Schwarzkopf, Carl.] Erinnerungen an den Einmarsch
der Bayern und Oesterreicher in Kassel am 22. XII. 1850. In : Kasseler
Tageblatt 1906 Nr. 97. 99. 101—103. 113. Cassel, 1906.
307. Seh wiening, Georg. Wilhelm Bennecke. ln:Hessen-
1 and XX S. 14 u. 30. Cassel, 1906.
308. [S e e 1 i g , Wilhelm. Nekrolog des :] Geh. Regierungsrat Prof.
Dr. Wilhelm Seelig ... In:HesseplandXXS. 226. Cassel, 1906.
309. Seeling, F. — Adalbertus Endert, Bischof von Fulda f.
In: Hessenland XX S. 224. Cassel, 1906.
— 399 —
310. Seeling, Fritz. Die gesamte Literatur über Philippum
Magnanimum, Landgraf zu Hessen . . . Erstes Drittel. Aus: Hessen-
land. Bronnzeil (Selbstverlag) 1905. 4
311. Seeling, Fritz. Schillers Beziehungen zur Landgrafschaft
Hessen-Cassel. In: Hessenland XIX Nr. 9. Cassel, 1905.
312. Seidenberge r. Friedberg und die Wetterau im Rahmen
dtsch. Reichsgeschichte . . . Friedberg i. H. 1905. 8.
318. Siebert, K. — Ein Hesse als Pionier der Wissenschaft im
Orient. [Theodor Wieg and in Konstantinopel.] In: Hessenland
XX S. 270. Cassel, 1906.
314. Siebert, Karl. Georg Cornicelius. Sein Leben u. s.
Werke = Studien z. dtsch. Kunstgeschichte, Heft 63. Straßburg
(Heitz) 1905. 8. Bespr. : 1) von Zimmermann in Hanauer-A n z e i g e r
1905 Nr. 264, 2) von Schlang in Breisgauer Erzähler 1905 Nr. 46,
3) von K. S. in Liter. Centralblatt 1906 Nr. 42, 4) von Neuwirth in
AUg. Literaturblatt 1906 Nr. 20.
315. Simon, Hugo. — Beiträge zur Schmalkalder Geschichte.
Schmalkalden (Wilisch) 1905. 8.
316. [Sopp, Ernst Wilh. Christ.] Zur Erinnerung an unseren
unvergessl. Vater Ernst Wilhelm Christian Sopp, Superintendent ....
zu Hanau, geb. 1829 zu Rotenburg, gest. 1904 zu Hanau. Hanau
(Waisenhaus) 1905. 4.
317. Staerk, P. — Wanderungen an der Werra. Reise-
Erinnerungen in Wort und Bild. In : Das Neue Blatt 1904 Nr. 21—23.
Leipzig (Payne) 1904. 4.
318. Stein, Ernst. Fechenheim zu Kriegszeiten. Bearbeitet nach
amtl. Quellen von Stein. Fechenheim (Schack) 1905. 8.
319. Steinhausen, Georg. Der Neubau der Murhardsch. Bi-
bliothek der Stadt Cassel. In: Zentralblatt f. Biblioth. J. 22 S.
297-307. Leipzig (Harrassowitz) 1905. 8.
320. Stendell, E. — Eine zu Eschwege vollzogene fürstl. Ehe-
schhetJung a. d. 17. Jahrh. . . . Eschwege (Braun) 1905. 8.
321. Stern. Album der domänenfiskalischen Bäder und Mineral-
brunnen im Königr. Preußen. Im Auftrage des Herrn Ministers . . .
von Stern. [Aachen, Druck der Verlags- und Druckereigesellsch. 1906.]
fol. Hierin Nenn dor f.
322. Strafkommando. Ein Strafkommando im Jahre 1826.
[Wegen Schmuggel bei Hünfeld.] In: Hessenland XIX Nr. 21.
Cassel, 1905.
323. Stromberger, A. — Ein Gedenkblatt für Luise von
Ploennies. In: Hessenland XX S. 235. Cassel, 1906.
324. Tiesmeyer,L. — Die Erweckungsbewegung in Deutsch-
land während des 19. Jahrh. Heft 5. Ehemaliges Kurfürstent. Hessen.
Kassel (Röttger) 1905. 8.
325. Totenschau. Hessische Totenschau von 1904. In: Hessen-
land XIX Nr. 1. Cassel, 1905.
326. Totenschau. Hessische Totenschau von 1905. In: Hessen-
land XX S. 11. Cassel, 1906.
327. Treller, Franz. Athene parthenos. Kassel (Scheel) 1906.
8. [Behandelt u. a. die Kämpfe von Hessen gegen die
Türken.]
328. Treller, Franz. Denis Pap in. In: Hess. Morgen-
zeitung Nr. 158. Cassel, 1906.
329. Tschudi, H. v. — Aus Menzels jungen Jahren. In:
Jahrbuch d. Kgl. Preuß. Kunstsamml. XXVI S. 215—314. Berlin
— 400 —
(Hofb.) 1905. fol. Enthält M.'s Briefe an den Casseler Fabri-
kanten C.H.Arnold, in dessen Hause er 1847/48 den Carton
„Einzug der Herzogin Sophie von Brabant in Marburg"
malte.
330. Ubbelohde, Otto. Aus Alt-Marburg. Federzeichnungen.
Marburg (El wert) 1906. 8. Bespr. von Heidelbach in Hessen-
land XX S. 348. Cassel, 1906.
331. Unruhen. Die Unruhen in Kassel von Sept. 1830 bis Febr.
1831. In: Hessenland XIX Nr. 17 u. 18. Cassel, 1905.
332. Urkundenheft zu der Gesch. d. waldensischen Kolonie
Waldensberg. Hgg. von A. Heilmann. = Geschichtsblätter
des Deutschen Hugenottenvereins ßd. 12 Heft 10. Magdeburg (Hein-
richshofen) 1905. 8.
333. [Varrentrapp, C. — ] Landgraf Philipp von Hessen und d.
Univ. Marburg. Marburg (El wert) 1905. 8. Besprochen von Ph.
Losch in Mitteilungen a. d. bist. Literatur XXIV. 1906.
334. Verdy du Vernois, J. — Der Zug nach Bronzell. 1850.
Jugenderinnerungen. In: Deutsche Rundschau Jahrg. 32. Berlin
(Paetel) 1905. 8.
335. [Verein f. hess. Geschichte.] 72. Mitglieder-Versamm-
lung des Vereins f. hess. Gesch. zu Melsungen. In: Hessenland
XX S. 220 u. 232. Cassel, 1906.
336. [Verein] für hess. Geschichte und Landeskunde, Jahres-
versammlung in Melsungen. Bericht darüber in : 1) Tageblatt Nr. 371.
373. 374. 376. 2) Allgem. Zeitung Nr. 219—221. 3) Morgenzeitung
Nr. 220. 223. 224. Cassel, 1906.
337. Verein zur Erforschung und Pflege der hess. Mundarten
[ins Leben gerufen durch Dr. H. Brunne rj. In: Hessenland XIX
Nr. 20. Cassel, 1905.
338. Veröffentlichung des Fuldaer Geschichtsvereins. 5. Fulda
(Actiendruckerei) 1905. 4.
339. Voltz, Ludwig. Zur Kapitulation von Ziegenhain 1547. In:
Archiv f. Hess. Gesch. N. F. IV. 2. Darmstadt (ßergstraeser) 1906. 8.
340. Vonderau, J. — Der heutige Stand der vorgeschichtlichen
Forschung im Fuldaer Lande. In: Fuldaer Geschichtsblätter.
Jahrg. 4. Fulda (Actiendruckerei) 1905. 8.
341. Vonderau, Joseph. Der Ringwall am nördl. Heidenküppel
bei Unterbimbach im Kreise Fulda. In: Veröffentlichung d.
Fuld. Geschichtsv. H. 5. Fulda (Actiendruckerei) 1905. 4.
342. Vonderau, J. — Steinzeitliche Hockergräber und Wohn-
stätten auf dem Schulzenberge bei Fulda. In : Fuldaer Geschichts-
blätter J. 4. Fulda (Actiendruckerei) 1905. 8.
343. Waddington, Richard. La guerre de sept ans. Histoire
dipl. et milit. Paris (Firmin Didot.) 0. J. 8. 3 Bde. Darin: Hess.:
Diversion de Soubise en Hesse. Combat de Sanders-
hausen. Campagnes enHesse. L'armee de Contades par
la Hesse. Abandon de Cassel etc. etc.
344. Wagenführer, Otto. Kleine Heimatkunde des Kreises
Grafsch. Schaumburg. Rinteln (Wehhng) 1905. 8.
345. [Walther, Hermann f.] Hermann Walther f (Preuß. Jahr-
bücher Bd. 84 Maiheft 1896 von Hans Delbrück). In: Delbrück,
Erinnerungen, Aufsätze und Reden, 3. Afl. Berlin (G. Stilke.) 1905. 8.
Herm. Walther, Sohn des Stadt-Gerichtsdirektors W.
aus Kassel, Verleger der Preuß. Jahrbücher.
— 401 —
346. [Wartensleben.] Zur Geschichte der Offiziere des Re-
giments „Wartensleben", später „Prinz George und Prinz Karl". In:
Hessenland XIX Nr. 16. Cassel, 1905.
347. Weber, Rudolf. Die Eingemeindung der Vororte in Cassel
.... Cassel (Druck von Becker u. Rennert) 1905. gr. 8.
348. Wehr, Georg. Die Festung zu Rüsselsheim [nach Sturm-
fels, Gesch. Rüsselheims.] In: Hessenland XX S. 230. Cassel,
1906.
349. Weinmeister, Paul. Die schaumburgischen Münzen des
17. Jahrhunderts ... In: Blätter f. Münzfreunde XLI Nr. 9. Dresden
(Thieme) 1906. 8.
350. Weinmeister, F. — Einige bemerkenswerte hessische
Grossi. Ders.: Nachtrag zum Funde von Niederkaufungen. In:
Blätter f. Münzfr. Jahrg. 39 u. 40. Dresden.
351. Weinmeister, Paul. Groschen des Landgrafen Wilhelm IL
von Hessen. In: Hessenland XX S. 71. Cassel, 1906.
352. Weinmeister, P. — Hessen vor hundert Jahren. Ge-
schichtl. u. Numismatisches z. Jahre 1806. In: Hessenland XX
S. 198. Cassel, 1906.
353. Weinmeister, P. — Kirchliche Beziehungen zwischen
Kassel und Leipzig vor zwei Jahrhunderten. In: Hessenland XX
S. 158. Cassel, 1906.
354. Weinmeister, Paul. Seltene hessische Münzen. In:
Hessenland XIX Nr. 21. Cassel, 1905.
355. Wenck, Karl. Deutsche Kaiser und Könige in Hessen. In:
Zeitschrift d. Ver. f. hess. Gesch. N. F. 30 S. 139. Kassel, 1906. 8.
356. Werbrun. Aus dem Protokollbuch der Fuldaer Leinweber-
zunft. Ein Beitrag z. Gesch. d. Zunft i. d. Zeit v. 1610—1723. In:
Fuldaer Geschichtsblätter Jahrg. 4. Fulda (Actiendruckerei)
1905. 8.
357. Werke alter Meister. 30 Reproduktionen nach Originalen
d. kgl. Gemälde-Galerie, Cassel. Berlin (Globus- Verlag) 1905. 4.
358. Werner, Ludwig. Die Eingemeinduhg der Vororte in
Cassel und die in Betracht kommenden Kirchenrechtl. Grundsätze . . .
Cassel (Röttger) 1905. 8.
359. Westerman n-Mannheim. Die ehelichen Verbindungen der
Zangemeister (in Hessen.) In: Roland (Archiv f. Stamm- u. Wappen-
kunde) Jahrg. VI 1905/6 und Jahrg. VII 1906/7. Papiermühle, 1906/7.
360. [Weyrauch, Ernst von f 10. Febr. Nekrolog auf Exe. von
Weyrauch.] In: Hessenland XIX Nr. 4 u. 5. Cassel, 1905.
361. Wiecke, Paul. Dr. Paul Wiecke f, Direktor d. höh. Ge-
werbeschule. Von Dr. W. In: Tageblatt LIV Nr. 21. Cassel.
362. Wieg and, Friedrich. Der Fall Winz u. d. theol. Fakultät
zu Marburg. In: Zeitschrift d. Ver. f. hess. Gesch. N. F. 29. S.30.
Kassel, 1905. 8.
363. Wieg and, Friedrich. Die Abschaffung der Abendmahls-
röhrchen in Kassel. In: Hesscnland XIX Nr. 8. Cassel, 1905.
364. [W i e g a n d , Friedrich.] Mitteilungen a. d. literarischen Nach-
lasse August V i 1 m a r s. In : Oberhessische Zeitung Jahrg. 41 Nr. 35.
Marburg, 1906.
365. Wildungen, v. — Jägerlieder. Neu bearb. von Wilhelm
von Buttlar-EIberberg. Leipzig, 1906. 8.
366. [Winkel, G. G. — J Vivatbänder. In: Tageblatt LIIL
Nr. 564. Cassel, 1906.
— 402 —
367. Wippermann. Die franz. Besitznahme Hessens vor 100
Jahren. In: Hessenland XX S. 258. Cassel, 1906.
368. [Wissemann. Die Kunst der Glasmalerei in ihren beson-
deren Beziehungen zu Hessen.] In: Hessenland XX S. 222.
Cassel, 1906.
369. Wittekindt, Ernst. Blätter der Erinnerung an General-
superintendent ... Dr. Wilhelm L o h r. Cassel (Lometsch) o. J. 8.
370. Wittich, E. Das Bergwesen in Hessen unter d. Regierung
Philipps des Großm. -- In: Zeitschrift f. d. Berg-, Hütten- u. Sa-
linenwesen. Bd. 53. S. 556—569. Berlin (Ernst u. Sohn) 1905. 8.
371. Wolff, Louis. Franzmännisch im Reinhards walde. In:
Casseler Tageblatt 1906 Nr. 353.
372. Woringer, August. Die hessisch- französchen Regimenter
1806 bis 1808. In: Zeitschrift d. Ver. f. hess. Gesch. N. F. 29. S.
121. Kassel, 1905. 8.
373. Woringer, A. — Die neuen Kasseler Straßennamen. In:
1) Hessenland XX 1906 S. 302 u. 322, 2) Tageblatt Nr. 523,
Cassel, 1906.
374. Woringer, A. — Zoll und Schmuggel in Hessen im 18. u.
19. Jahrhundert. In: Hessenland XX S. 46. 62. 80. 90. Cassel,
1906.
375. Zeiske, M. — Urkundliches aus der Grafschaft Ziegenhain
vom Jahre 1652. In: Tour. Mitteilungen XIII Nr. 17. Cassel,
1905. 4.
376. [Zeitschrift] des Vereins für Henneb. Geschichte und
Landeskde. in Schmalkalden Heft 15. Bespr. von Karl Wenck. In:
Hessenland XIX Nr. 5. Cassel, 1905.
377. Zeitschrift des Vereins f. hess. Geschichte u. Landes-
kunde. Neue Folge Bd. 29. 30 (ganze Folge 39. 40.) Kassel 1905/6. 8.
378. Zeitschrift des Vereins für hess. Geschichte und Landes-
kunde. N. F. Suppl. 14. Cassel, 1906. 8.
379. Zimmermann, Ernst J. — Hermann Gollner f. Ein
Beitrag zur Hanauer Kunst- und Künstlergeschichte. In : Hanauer
Anzeiger Nr. 102—104. Hanau 1906.
380. Zusammenstellung der im Regierungsbezirk Cassel gel-
tenden Vorschriften betr. das Feuerlöschwesen . . . Cassel, 1906. 8..
2^usätze und Berlchitiguingen,
Zu S. 3: Z. 11 ist der Name Clemens VI. durch den Sixtus IV.
zu ersetzen.
Zu S. 139 ff. : In die Reihe der hessischen Orte, von denen uns
Aufenthalte deutscher Kaiser und Könige des Mittelalters
in den Quellen berichtet werden, ist Ermschwerd bei Witzen-
hausen aufzunehmen. Dort treffen wir Kaiser Heinrich IL am 11. Dez.
1022, nachdem er sich vorher einige Tage in der Pfalz Grona auf-
gehalten hatte. Das bald folgende Weihnachtsfest verlebte er bei
Freund Meinwerk in Paderborn. Vergl. Vita Meinwerci, Monum. Germ,
hist. Scriptores 11, 145, 27 und Hirsch-Bresslau, Jahrbücher des deutschen
Reichs unter Heinrich II. Bd. 3 (1875) S. 255. Prof. Ed. Schröder
wies mich auf die im rechten Augenblick vergessene Tatsache hin. —
Das von mir oben S. 145 Anm. 2 vermißte Quellenzeugnis für eine
Königspfalz in Fritzlar findet sich in Thangmar's Vita Bemwardi
episcopi Hildesheimensis, Mon. Germ. SS. 4, 773, 25: Acht Tage nach
Pfingsten 1002 wollten die Bischöfe ,Fridislare ad palatium' zusammen-
kommen. Herr Dr. E. Stengel hatte die Freundlichkeit mich auf dies
Zeugnis aufmerksam zu machen.
Marburg. K. Wench.
Inhalt.
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Zeitschrift
des
Vereins für hessisehe Gesehiehte
und Landeskunde.
Neue Folge. DreJssigster Band.
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Kassel,